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Von nichts kommt nichts

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft / P12 / MaleSlash
03.04.2022
19.06.2022
6
27.890
13
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
03.04.2022 4.721
 
Hallöchen liebe Leserschaft,

nach fast fünf Jahren Mark und Leon als Protagonisten wird es Zeit, dass aus meiner Feder was Neues kommt und hiermit läute ich es ein. Ein wenig inspiriert von Cinderella wie ich gerne zugebe, artete eine OS-Idee wie immer aus und befindet sich zurzeit bei Kapitel 11 in Bearbeitung. Da ich ansonsten keine Vorräte besitze, wird erstmal nur alle zwei Wochen geupdatet, bis ich nochmal Vorräte besitze.

Meine Vorworte spalte ich immer in zwei Teile, also lasse ich euch erst einmal reinschnuppern und der Rest folgt am Ende des Kapitels.

Liebe Grüße

Serena Hell

* * *


Kaffee, Milch, frische Pancakes, frisch gepresste Orangen, Waffeln und ausreichend Brot, perfekt arrangiert und auf die Minute genau fertig – Ian kannte seinen Tagesablauf perfekt, auf die Sekunde genau. Das er von acht bis fünfzehn Uhr in der Schule war, galt dem notwendigen Bild der Gesellschaft, denn wie sähe das aus, würde der Stiefsohn keine allgemeine Bildung erhalten?

Zumindest theoretisch. Praktisch wusste er, dass es nur eine weitere Möglichkeit war, ihn als das unnütze Mündel seines verstorbenen Vaters darzustellen. „Florian!“, wetterte die Stimme der großen Hexe bereits viel zu wach und zu schrill durch die Flure.

Der sechs Uhr Antritt am Morgen zum Empfang seiner heutigen Aufgaben fand immer im Esszimmer statt. Der Salon war dem Abendessen zugewiesen, das Mittagessen wurde von ihm zum Mitnehmen gereicht. Er ersparte sich die Erwiderung, denn die immer getragenen Stöckelschuhe näherten sich schon durch den Flur. Drei Paar Schuhe, die weniger hoch waren, folgten der Herrin im Gleichschritt, doch das Geschnatter konnte er besser zuordnen. Helle Aufregung am frühen Morgen war ungewöhnlich.

Isadora trat perfekt gestylt wie immer in die Küche, ein eleganter, jede einzelne Kurve der Weiblichkeit betonenden, Hosenanzug. Die Haare elegant hochgesteckt, das Make-Up immer dezent und doch graziös betonend.

Der Vergleich erschien Ian immer passend – er hasste Isadora, doch sie wusste, was sie tat. Er hatte oft genug in der feinen Gesellschaft gekellnert, um die Vergleiche anstellen zu können. Isadora erschien ihm wie eine schwarze Witwe und doch… doch musste er ihr zugestehen, dass sie gutaussehend war und intelligent.

Ihre zwei Töchter und ihr Sohn hatten Aussehen und Intellekt gleichermaßen von ihr geerbt, ebenso das Geschick hinsichtlich Mode und in dem Falle der beiden weiblichen Abkömmlingen auch die geschickte Hand hinsichtlich Make-Up. Wer auch immer den männlichen biologischen Anteil geliefert hatte, er war wohl von den weiblichen und mit Scharfschützen ausgestatteten Genen überrannt worden.

An der Wand Stellung bezogen, wie immer, versuchte er aus dem Geschnatter schlau zu werden. Es ging um die Anwesenheit einer Person, die wohl zur höchsten High-Society gehörte und auch noch begehrenswert war. Daniel Preston. Da klingelte tatsächlich was in seinem Hinterkopf, doch es genügte nicht, um die Person zuordnen zu können. Laut der Ältesten Isabelle, die in seinem Alter war und wohl auf eine Chance hoffte, war Mr. Preston nicht nur äußerlich akzeptabel, sondern auch noch ein Mann, der zufällig auch noch Junggeselle war. „Mutter, meinst du auch wir werden eingeladen?“, fragte Isabelle gerade, als sie nach dem Kaffee und Orangensaft griff. Innerlich spannte er sich an, denn wie das Frühstück verlief, war maßgeblich für den Rest des Tages.

„Natürlich meine Liebe“, meinte Isadora und griff nach der Zeitung, die er millimetergenau neben Isadoras Teller gelegt hatte. Erleichtert atmete er leise aus, als Isabelle sowohl Orangensaft als auch Kaffee nicht kritisierte. Ebenso war ihre jüngere Schwester, Indira, netterweise zufrieden mit den Waffeln. Konnte ja fast ein guter Tag werden. Zayn aß die Pancakes mit so viel Sirup, dass er es jedes Mal wieder bereute, überhaupt ein Rezept zu verwenden, doch irgendwie schaffte der Kerl es, auch nur zwei Gramm Mehl als Geschmacksunterschied darzustellen. „Die Rückkehr von Mr. Preston kann nämlich nur eines bedeuten“, ergänzte Isadora, „Er ist endlich auf der Suche nach einer Braut und du bist im perfekten Alter.“

„Er ist fünfundzwanzig“, widersprach Zayn sofort. „Viel zu alt für sie!“

Da es, neben ihm, keine männliche Person mehr in diesem Haushalt gab, war Zayn zum Mann im Hause geworden. Etwas, was er gerne in Frage stellte, wenn auch nicht laut. Nur dieses Mal musste er ihm insgeheim zustimmen. Sieben Jahre Altersunterschied, sowie ihre Minderjährigkeit, ließ Zayn mal ausnahmsweise eine wirklich kluge Sache feststellen. „Als Erbe des Unternehmens seines Vaters und selbstständiger Softwareentwickler ist er ein gutverdienender Mann“, widersprach Isadora, „Ehelichen kann sie bereits mit meinem Segen.“

Zayn verdrehte die Augen, während Isabelle bereits hippelig zu werden schien. „Er wäre ein idealer Ehemann“, meinte sie.

„Natürlich ist er das“, meinte Isadora. „Der Ball wäre morgen Abend.“

„Dann benötigen wir Kleider“, bestimmte Isabelle, „Für dich, mich, Indira und sicher wird auch Zayn geladen.“

„Hier steht, dass es Mr. Preston wichtig ist, sämtliche Familienmitglieder einzuladen“, informierte Isadora sie. „Zayn, hast du noch deinen guten Anzug?“

„Natürlich Mutter, doch damit werde ich keinen Eindruck schinden. Sollte Isabelle eingeladen werden, wäre es wohl eine gute Partie, begleite ich sie direkt. Ein Bruder, der ein Auge auf sie hat, macht sie begehrenswerter.“

Isadora gab sich einen Moment, um das wohl zu überdenken. „Eine löbliche Idee, Zayn. Wir werden noch heute zum Schneider gehen.“ Er machte sich keine Hoffnungen, dass er dieser Sache entbunden werden würde. „Florian, geh dich manierlich kleiden, du begleitest uns.“

„Ja, Ma’am.“ Protest wäre zwecklos. Manierlich kleiden. Er hasste die Ausdrucksweise - als wäre sie noch zeitgemäß! Zugegeben, sie hatten rein auf dem Papier einen hohen Stand in der Gesellschaft – er jedoch, er war nicht mehr als ein Fußabtreter in dieser Familie. Sein Vater war auch hoch angesehen gewesen und hatte ihn auf dutzende Feierlichkeiten geschleift, seien sie beruflich oder privater Natur gewesen, doch da war er gern gewesen. Da hatte es keine erzwungene Ausdrucksweise gegeben. Die hatte sein Vater nur verlacht und gemeint, er sei in einer Zeit geboren worden, in der er einen scheiß darauf geben konnte. Da war er nie zu dumm, zu hässlich, zu wenig vorzeigbar gewesen.

„Sollen wir dann heute früher heimkommen, Mutter?“, fragte Indira nach. „Ich müsste dann Maddie rechtzeitig absagen.“

„Ihr geht heute gar nicht zur Schule“, bestimmte Isadora und legte die Zeitung hin. Wie bitte? Heute war Klausurvorbereitung in zwei Fächern, da konnte er unmöglich fehlen! „Die Kurzfristigkeit des Balles wird heute Nachmittag alle Geschäfte überlaufen lassen. Also sind wir schneller.“

„Wie immer vorausschauend, Mutter“, kam die heutige Schleimspur von Isabelle. „Wann brechen wir auf?“

„Nach dem Frühstück.“

Na dann, würde er wohl nur Kaffee im Magen den ganzen Tag Leuten beim Geld ausgeben zusehen. So viel zu seinem guten Tag.

* * *


Als Kind hatte Florian sich niemals darüber Gedanken gemacht, was gutes Aussehen war. Sein Vater hatte ihm früh Kleidung für gesellschaftliche Anlässe gekauft, doch niemals in dieser Preisklasse (Kinder spielen, es wäre schwachsinnig, es ihnen durch Kleidung zu verbieten! Hatte der einmal getobt) und noch weniger Dinge, die er gar nicht wollte. Sein Kleiderschrank hatte aus billigen Jeans aus dem Discounter bestanden mit lustigen Aufnähern und teuren Anzughosen, die vergleichsweise bunt gewesen waren. Zwischen Shirts, die ihn mit I am Super Man! gekennzeichnet hatten, hatten Hemden gehängt, die mit Mustern durchzogen waren und Fliegen, die eine farbliche Qual dargestellt hatten.

Jedes Mal, wenn er zu einem Anlass mitgenommen worden war, hatte er sich Klamotten geschnappt und war zu seinem Vater getappt, um mit ihm gemeinsam die Abendgarderobe zusammenzustellen.

Nicht, dass er einen erlesenen Geschmack gehabt hätte. Doch er hatte seinen eigenen Geschmack gehabt und mit den Jahren, in denen er ohnehin besser unauffällig als auffällig gewesen war, war der Geschmack eben… nüchterner geworden.

Als Isadora und sein Vater geheiratet hatten, war er der glücklichste Junge auf der Welt gewesen. Er hatte sich besonders viel Mühe gegeben, sofern ein Neunjähriger es eben gekonnt hatte, und seine neue Mutter beeindrucken wollen. Zwar hatte er nicht wie ein perfekter kleiner Mann ausgesehen wie Zayn, aber er hatte das bunte weggelassen. Damals hatte sie ihn wohl noch nicht gehasst. Er hatte mit Isabelle getanzt und mit Indira gespielt und mit Zayn gemeinsam Ihhhh geflüstert, als Braut und Bräutigam sich geküsst hatten.

Jetzt sind wir wieder eine richtige Familie, Ian. Sein Vater war so überglücklich gewesen. Er war so überglücklich gewesen. Seine Mutter war gestorben, als er jung gewesen war und Geschwister hatte er zuvor keine gehabt. Und plötzlich hatte er doch wieder eine Mum und seinen Dad und dann auch noch Geschwister beider Geschlechter! Für ein paar Monate hatte er einen Himmel erlebt. Mit berufstätigen Eltern waren sie alle vertraut gewesen und so hatten sie sich die Nachmittage selbst gestaltet. Er würde behaupten, sie waren eine ganz normale Familie gewesen.

Alles war perfekt gewesen.

Bis sein Vater einfach nicht mehr aufgewacht war.

Und heute stand er hier, Jahre später, und spielte den privaten Kleiderständer drei verwöhnter Bälger, die seine Existenz höchstens dann wahrnahmen, wenn er zu langsam, zu unaufmerksam, zu wenig vorausschauend oder simpel zum Vergleich dienen sollte.

Irgendwann in den Trauerphasen nach dem plötzlichen Ableben seines Vaters und den Ermittlungen seitens der Polizei, hatte Isadoras berechtigte Wut auf die Welt sich auf ihn gerichtet. Sicher war auf der Beerdigung und auf der Trauerfeier einmal zu oft gesagt worden, er sähe ihm ähnlich. Und als Isadora begonnen hatte, ihn zu hassen und herabzuwürdigen, war die ihr stetig nacheifernde älteste Tochter dem ebenfalls nachgegangen und von Isabelle war es dann auch Zayn und Indira übergegangen.

„Halt das mal“, bestimmte Zayn gerade und hielt ihm blindlings eine weitere Anzugjacke entgegen. Sofort zu parieren war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Obwohl er bereits sieben dieser Jacken in der Hand hielt und es da einen Angestellten gab, der dastand und auf den Einsatz wartete. „Gibt es etwas, was dir gefällt?“

Wenn nicht gerade die gesamte Familie im Raum war, konnte Zayn sogar ganz nett sein. Der Junge war ein Jahr jünger als er – Isadora war für drei Jahre recht fleißig gewesen – und in der Schule recht beliebt. Nicht grundlos.

Irgendwie war vieles bei dieser Familie nicht grundlos. Wie schade, dass er das immer wieder betonen musste. Als kluger Kopf mit Charisma und Aussehen, war der angehende Schulsprecher so ziemlich der begehrteste Junge der Klassenstufe. Was er, wenn er nicht gerade in hassenden Gedanken abschweifte, absolut nachvollziehen konnte.

Als er keine Antwort gab, hielt Zayn im Betrachten der Schaufensterpuppen inne und wandte sich ihm zu. „Ich habe dich etwas gefragt“, stellte der Junge fest. „Sogar dir muss hier was zusagen.“

Tat es tatsächlich. Es war nicht so, als hätte er eine Abneigung gegenüber Anzügen entwickelt, nur, weil er keine mehr besaß, die ihn nicht als Kellner auszeichneten. „Die helle Anzugjacke sollte Eindruck schinden“, wich er aus und trainierte unfreiwillig seinen Mittelfinger-Muskel in dem Versuch besagte Jacke irgendwie hochzuhalten. „Die meisten Männer werden dunkle Anzüge tragen und mi…“

„Ian“, unterbrach Zayn ihn augenrollend.

Er vermied es, eine verbitterte Miene zu ziehen. Momente der Freundlichkeit sollten vollends ausgekostet werden. „Ich bevorzuge eher Westen“, antwortete er gerade laut genug, damit Zayn es überhaupt wahrnehmen konnte. „Die mit der Kette gefällt mir.“ Suchend glitt Zayns Blick durch den Laden und fand es schließlich.

Zayn lachte dunkel. „Natürlich musst du aus der Reihe tanzen.“ Sticheleien taten schon lange nicht mehr weh. „Rot sollte dir aber tatsächlich stehen.“ Doch der Junge machte keine Anstalten, sich dorthin zu bewegen oder ihn freizugeben. Stattdessen wandte der sich wieder seiner Auswahl zu. „Hell ist gar keine schlechte Idee. Den nahenden Winter durch frohe Farben aufzuhellen wird auffallen. Sicherlich positiv.“ Seine Miene hatte er gut im Griff, musste er sich lassen. Er erlaubte sich einen letzten sehnsuchtsvollen Blick zu der Westen- Kombination, ehe er wieder zu Zayn schauen und sich dem Unausweichlichen stellen wollte, als ihm eine Bewegung hinter Zayn auffiel.

Oh, da wagte sich noch jemand frühzeitig in die Geschäfte. „Häng alles weg, was dunkel ist“, bestimmte Zayn, „Ich muss mit Mutter und Isabelle sprechen, ich bin gleich zurück.“

Der Mann hatte ihnen den Rücken zugewandt, doch wie hieß es so schön? Ein hübscher Rücken konnte auch entzücken – was auch immer das genauer heißen mag, er stimmte zu. „Natürlich, Sir“, murmelte er. Blonde Männer sah er nur selten. Keine allzu breite Schulterpartie und von dem, was er an Menschenkenntnis hatte, waren Jeans und nett betonender anliegender Pullover auch nicht gerade gewöhnlich in einem solchen Geschäft. Vielleicht ein angehender Bräutigam, der zum ersten Mal mit diesem Kleiderstil konfrontiert war. Die Partnerin würde sich wohl freuen. Die Konturen gefielen ihm.

Nicht seine Altersklasse oder Liga, aber wirklich nett anzusehen. Vielleicht konnte er ja heimlich beim Wegräumen starren. Brav, mit halbem Blick auf den Mann, der sich mit der Verkäuferin unterhielt, hängte er eigentlich alles zurück bis auf das eine hellblaue Anzugjacke. Zayn mochte lieber dunkle Farben. Wahrscheinlich hatte er blindlings seinen eigenen Aufenthalt hier verlängert, indem er diese Meinung geäußert hatte.

Als er gerade das letzte Teil in einen Eck des Ladens zurückbringen wollte, bei dem er einen guten Blick auf den Mann bekommen hätte, kam ein kräftiger Mann mit Maßband um den Hals gelegt wie einen Schal aus der hinteren Tür und schritt direkt auf den Mann zu.

Okay, er musste sich wohl beeilen. Während er halbwegs ordentlich die Jacke zurück an die Stange hängte und dann doch anfing alles glattzustreichen, wollte er einen Blick erhaschen – doch da war der schon weg. Inklusive des Schneiders.

Toll, Chance vertan. Dann würde er wohl doch bis ans College warten müssen – falls er es dorthin schaffte – um nett ansehende Männer anzusabbern und niemals Chancen haben zu können. Was hatte er sich überhaupt erhofft? Pornos waren auch voller heißer Kerle, es war also keine Notwendigkeit darin, einen Wildfremden anzustarren. Überhaupt war er sich nicht einmal sicher, ob er sich wirklich festgelegt hatte. In seiner Stufe gab es an sich auch einige nett anzusehende Mädchen. Wann legte man sich eigentlich fest? Musste man sich festlegen? Oder kam das erst, wenn man mal so etwas wie Erfahrung hatte? Nah, das würde er wohl nicht so schnell erreichen. Deprimierender Gedanke, besser weg damit. Lieber starrte er die Weste an. Wahrscheinlich hatte Zayn recht und das dunkelrot wäre ganz passend. Seine Haut war noch gebräunt vom Sommer, den er größtenteils im Garten verbracht hatte.

Zu der Weste gehörte selbstverständlich auch ein Anzughemd, blütenweiß, und eine Hose. Er mochte den Gedanken, wie er darin aussehen würde und Aufmerksamkeit von Gleichaltrigen oder College-Besuchern und aus diesem Leben entfliehen konnte. Träumen sei ihm ja wohl noch erlaubt.

„Eine ausgezeichnete Wahl, nur wenigen ist es vergönnt eine so aggressive Farbe zu tragen“, beurteilte jemand unvermittelt hinter ihm. Erschrocken zuckte er zusammen und drehte sich um. Oh, der Mann von vorhin. „Obwohl ich vermute, dass der Anlass weniger ausgezeichnet ist.“

Der Mann war wirklich nett anzusehen. Markante Gesichtszüge, ein warmes, nettes Lächeln. Aus der Nähe sah er, wie die Haare eher ein Mischblond aufwiesen. Etwas längeres Haar, wahrscheinlich mit Haarwachs zu einer stylischen Frisur geformt. „Wie… eh… kommen Sie darauf?“, stammelte er sich zusammen und versuchte das Gesicht zuzuordnen. Irgendwoher kannte er es. Der Mann war älter als er, jeglicher Jugendlichkeit entwachsen, mit einem leichten Bartschatten, der herzallerliebst heiß wirkte. Bei diesem Mann wirkte selbst das gewöhnlich braun der Augen funkelnd und intelligent.

„Es gibt hier nur ein Event in den nächsten Tagen“, erklärte der Mann und trat etwas näher, die Augen wanderten musternd über seine weniger ansehnliche Gestalt. „Sie sollten sich wirklich für die rote Weste entscheiden.“

„Wenn es nicht ‚ausgezeichnet‘ ist, wieso sind Sie dann hier?“, wich er aus.

Der Mann lächelte milde, als der den Blick zu den ausgestellten Anzügen wandern ließ. „Ich treffe hier einen alten Freund und ich bin definitiv verpflichtet, zu diesem Event zu gehen.“

„Ich nicht“, murmelte er und schaute wieder zu der Weste, während er ein Seufzen unterdrückte. „Ich…“

„Wieso?“, unterbrach der Mann ihn. „Jeder, der Rang und Namen hat, wird eingeladen. Und in diesem Laden kaufen nur Menschen der Kategorie ein oder angehende Bräutigams. Sie wirken zu jung für letzteres, also ist es ersteres.“

„Ich gehöre eben nicht dazu“, erwiderte er leise.

„Wie heißen Sie?“

„Wie heißen Sie denn?“, stellte er lieber eine Gegenfrage und konnte seinen Blick einfach nicht von dem Mann nehmen. Wirklich ein heißer Kerl. Wie schade, dass er nicht zu dieser feinen Gesellschaft gehörte.

„Nennen Sie mich Dan“, meinte der Mann freundlich. „Und Sie?“

„Nennen Sie mich Ian“, bestimmte er. Dadurch würde niemand auf Hofstatter kommen.

„Ian ist wohl kurz Florian“, mutmaßte Dan und sprach seinen vollen Namen so langsam aus, als würde der sich den Namen auf der Zunge zergehen lassen. „Wie alt sind Sie, Ian?“

„Siebzehn.“

Dan nickte leicht. „Warum schwänzen Sie dann die Schule, um sich hier aufzuhalten, obwohl Sie gar nicht zum Event gehen?“

Weil seine Möglichkeiten etwas eingeschränkt waren, was die Wahl anging. „Ich begleite meinen Bruder“, blieb er bei einem Teil der Wahrheit. „Er wird si…“

Und da kam ja noch jemand rein. Es war nicht Zayn, wie er im ersten Moment befürchtet hatte, aber ein recht auffälliger Mensch. „Ah, mein Freund“, stellte Dan fest, als der sich halb umwandte. „Dabei ist Pünktlichkeit normal eine seiner verlässlichsten Eigenschaften.“

„Dann halte ich Sie nicht länger auf“, erwiderte er leise, doch Dan winkte den Mann heran.

„Elijah“, begrüßte Dan den Mann lediglich. Kleiner als er mit auffällig gefärbten Haaren, Make-Up und einem ebenso ungewöhnlich einfachen Kleidungsstil wie Dan. „Du bist zu spät.“

„Ich weiß, entschuldige“, erwiderte Elijah und neigte leicht den Kopf in einer entschuldigenden Geste. „Ich wurde ungewollt aufgehalten. Hast du meine Nachricht nicht bekommen?“

„Da Mum mich ansonsten genervt hätte, habe ich mein Handy nicht dabei.“ Wohl der richtige Zeitpunkt, um sich zurückzuziehen.

„Aber ich sehe, du hast dich ja beschäftigt.“ Der Mann namens Elijah schaute freundlich lächelnd zu ihm hoch. „Schulschwänzer sind mir immer sympathisch.“ Konnte man bitte nicht mehr darauf rumreiten, dass er die Schule schwänzte? Mit diesem verdammten Ball am morgigen Abend, würde er wohl morgen auch nicht zur Schule gehen und damit eine Prüfung verpassen. Freiwillig machte er das sicher nicht. „Schüchtern wie mir scheint.“

„Entschuldigen Sie, ich ha…“, setzte er an.

„Und du direkt wie immer“, brummte Dan, ehe der sich ihm zuwandte. „Gibst du mir noch einen Augenblick, Elijah?“

„Natürlich“, meinte Elijah und nickte ihm höflich zu. „Wir sehen uns sicherlich noch und werden dann richtig vorgestellt.“

Dan verdrehte die Augen, als Elijah sich abwandte und sich einem der Mitarbeiter zuwandte. Doch bevor Dan was sagen konnte, kam dann seine Begleitung in den Laden. „Meine Familie ist hier“, stellte er leise fest.

Sie verharrten fast augenblicklich, als sie sahen, bei wem er stand. Große Augen, Erstaunen und dann, dann die Habacht-Kampfstellung Nummer 5. Oh. Bei Dan handelte es sich wohl um wen wirklich hochangesiedelten der High Society. „Mr. Preston, welch eine Ehre“, stieß seine Stiefmutter schon aus und ja… ja, er hätte ihn wohl erkennen sollen. Er warf einen Blick zu Dan… eher Mr. Preston. Der Mann hatte sich ihm mit einem Spitznamen vorgestellt. Mr. Preston sah ihn ebenso mit milder Überraschung im Blick an.

„Hofstatter“, stellte der leise fest, als Isadora gemeinsam mit Isabelle, flankiert von Zayn, eilenden Schrittes zu ihnen kam. Elijah, dessen Nachnamen er wohl dringend in Erfahrung bringen musste, gesellte sich langsamen Schrittes zu ihnen. „Ms. Hofstatter“, meinte Mr. Preston dann mit lauterer Stimme. „Ich habe Sie und Ihre Familie sicher nicht hier erwartet um diese Zeit. Müssten Sie nicht alle in der Schule sein?“

„Ach, einen Tag Versäumnis wird ihnen nicht schaden“, meinte Isadora galant, „Sind Sie mit meiner Tochter vertraut, Isabelle?“

Es war ein höfliches Lächeln, aber kein echtes, beurteilte er, als Mr. Preston Isabelle die Hand anbot und sich dann in höflicher Gentleman-Manier die Hand zu den Lippen hob. Isabelle war beherrscht genug, um nicht zu kichern wie ein Mädchen, doch sie wurde tatsächlich leicht rot.

Die Eifersucht, die ihn durchzuckte, konnte er sich auf vielerlei Art erklären. Er erklärte sich simpel in der mangelnden Aufmerksamkeit. Sobald seine Stieffamilie da war, war er nur Luft. „Bezaubernde Kinder haben Sie, Ms. Hofstatter“, beurteilte Mr. Preston knapp. „Haben Sie die Einladung bereits erhalten?“

„Deswegen sind wir hier“, frohlockte Isadora offensichtlich. „Unser Zayn besteht darauf, seine Schwester zu begleiten und möchte sie keineswegs durch unpassende Farbwahl in Verlegenheit bringen.“ Mit steifem Lächeln ließ Mr. Preston Isabelles Hand los.

„Die Personen Ihrer Altersklasse werden sicher verzückt sein“, erwiderte Mr. Preston eine Spur zu trocken, um weiterhin höflich zu wirken. „Es w…“

„Entschuldige, wenn ich das höfliche Geplänkel unterbreche“, fiel Elijah dem Mann ins Wort, „Unser Zeitplan ist eng und du weißt wie lange wir brauchen.“

„Natürlich“, meinte Mr. Preston. „Wir werden unser Gespräch auf die Feier verlegen müssen, Ms. Hofstatter.“ Und damit lagen die Augen des Mannes plötzlich ihm. Auffordernd und bittend zugleich. Er wandte den Blick ab, peinlich berührt und auf seltsame Weise erregt zugleich. Nicht erregt auf diese unangenehme Weise, die zu Ständern führte. Eher ein Kribbeln. „Auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen, Mr. Hofstatter.“ Fehlte nur noch der Knicks seiner Stiefschwester, dann wäre diese Peinlichkeit vollendet. Glücklicherweise hatte Mr. Preston sich abgewandt, ehe das wirklich in Betracht gezogen werden konnte.

Für ein paar Sekunden wurde schmachtend hinterhergeschaut, bevor Isadora wieder eine strenge Miene aufsetzte. Ihr gnadenlos verurteilender Blick lag brennend auf ihm. „Ich hoffe, du hast Isabelles Chancen nicht ruiniert“, raunte sie ihm zu. „Und jetzt beweg dich, Zayn hatte eine wunderbare Idee.“

„Ja, Ma’am“, murmelte er brav wie immer, den Stich im Herzen so gut wie möglich ignorierend. Für ein paar Sekunden war er ein normaler Kerl gewesen, der sich einfach für jemand interessiert hatte. Da dieser jemand aber ein Mann war, der ein Multi-Millionen Geschäft führte und dieser Elijah sicher ebenfalls von dessen Geschäftsschlag war, war es wohl für sie beide nur ein flüchtiger Gedanke gewesen.

* * *


Drei Stunden stand Ian sich die Beine in den Bauch. In seiner Langeweile hatte er nicht viel zu tun, außer seine brennenden Arme zu ignorieren und die Menschen im Geschäft anzustarren. Zayn wurde wieder zum herablassenden Arschloch und solange er vorausschauend half, kommentierte auch niemand großartig etwas.

Wen er hin und wieder sah er, wie Mr. Preston rauskam und sich wohl umschaute, immer in Begleitung von Elijah. Sobald der zu ihm sah, schaute er schnell weg.

„So, dann hätten wir alles“, bestimmte Isadora endlich als auch Mr. Preston mit Elijah die Kasse ansteuerte. Was anscheinend nur ihm auffiel. „Florian, geh bezahlen.“

„Ja, Ma’am.“ Er hatte, damit er alle Einkäufe tätigen konnte, die Familien-Kreditkarte. Sie wurde punktuell und auf den Cent genau kontrolliert. Es diente vor allem dem Zweck, dass diese grottigen Stief-Familienmitglieder sich bereits zum Essen begeben konnte, während er sich mit den Kleinigkeiten aufhielt.

„Lass es liefern“, bestimmte Isadora zusätzlich. „Dasselbe gilt für unsere Kleider im Geschäft gegenüber und beim Juwelier holst du alles hinterlegte ab.“

„Ja, Ma’am.“

„Du kannst danach nach Hause gehen.“

„Danke Ma’am.“ Und das war ein echter Dank. Es hieß zwar, dass er von weiteren Familienaktivitäten ausgeschlossen war und wohl nicht in den Genuss eines Restaurants kam, doch es hieß auch, dass er ein paar Stunden Ruhe hätte. Genug, um zu lernen. Nächstes Jahr standen die Abschlussprüfungen an und er würde jede Chance ergreifen, die ihn aus dieser Familie bringen würde. College war dabei die beste Alternative.

Die vier gingen geschlossen und nicht ohne Mr. Preston so auffallend wie möglich zu verabschieden, während er sich mit den Paketen balancierend zur Kasse begab. Letztlich hatte Zayn diese hellblaue-Farbe-Sache als die eigene Idee verkauft und nach ein wenig hin und her hatte man sich entschieden. Leider hatte die Anzahl an wunderschönen Kisten einen bedeutenden Nachteil – es war höher gestapelt als er sehen konnte und als die Familie Hofstatter endlich den Laden verlassen hatte, nahm ein helfendes Paar Hände die oberen zwei Kästen ab. „Da…“, setzte er an, brach aber ab, als er die Person erkannte.

„Sie wissen schon, dass es hier Angestellte gibt, Mr. Hofstatter?“, fragte Mr. Preston nach, die Braue kritisch und elegant nach oben gezogen. „Wieso begleiten Sie nicht Ihre Familie?“

„Mache ich gleich.“

„Ihr Vater war ein guter Freund meines Vaters“, wechselte der abrupt das Thema. „Ich hoffe, Sie werden morgen auch da sein. Dad wäre sicher erfreut, Sie zu sehen.“

Er erinnerte sich an Mr. Preston Senior entfernt. Sein Vater und Mr. Preston Senior hatten sehr gerne Skat gespielt und sich über exquisite alkoholische Getränke unterhalten. Doch diese Erinnerung war so verschwommen wie alles andere. „Verzeihen Sie, aber ich werde nicht da sein.“

„Wieso?“

„Sie müssen nicht meine Ware tragen“, wechselte er das Thema.

Mr. Prestons kritischer Blick blieb einfach. „Ms. Hofstatter ist eingeheiratet, nicht wahr?“

„Welche Relevanz hat diese Frage?“

„Ich hasse diese formelle Sprache“, bestimmte Mr. Preston knapp. „Hier ist niemand außer Elijah.“

„Sie ist eine Hofstatter, das ist alles, was zählt.“

„Sie haben sich die Weste nicht mehr angeschaut.“

Weil er sie im Leben nicht bekam. „Dan“, ertönte die leicht belustigt wirkende Stimme von Elijah. „Wir müssen noch zum Juwelier.“

Der Blick des Mannes war intensiv. „Was für ein Zufall, dass es auch Mr. Hofstatter dort gleich hin verschlägt.“

Elijah lachte leise. „Dann solltest du ihn vielleicht bezahlen lassen.“

Er schluckte gegen einen Klumpen unbekannten Ursprungs in seinem Hals an. Aufmerksamkeit war bisher nicht positiver Natur und obwohl da wieder ein nettes, angenehmes Kribbeln war, konnte er nicht anders, als sich verstecken zu wollen. „Ich möchte nicht weiter stören“, stellte er leise fest. „Geben Sie mir bitte die Kisten zurück?“

Mit einem Lächeln drehte Mr. Preston sich um und brachte die Hose und die Jacke zur Kasse. „Danke, Sir“, gab er höflich von sich.

„Uh, wie alt fühlst du dich jetzt?“, fragte Elijah belustigt. War das falsch gewesen? „Dann weißt du ja, wie ich mich immer fühle.“

„Es tut mir leid“, entschuldige er sich, wie es ihm schon seit Jahren eingetrichtert wurde. „Ich wo…“

„Ist in Ordnung“, unterbrach Mr. Preston ihn. „Bitte, ich habe mich nicht grundlos als Dan vorgestellt.“ Er spürte, wie seine Wangen warm wurden. Er konnte doch unmöglich Mr. Preston so privat beim Vornamen nennen! „Wir sehen uns sicher gleich wieder bei Juwelier, Ian.“

Damit drehte sich der Mann um und ging, begleitet von Elijah. „Wie heißen Sie, Si…“, hielt er sie zurück und verbiss sich nur knapp das Sir.

„Er lebt anscheinend hinter dem Mond“, hörte er Elijah murmeln. Ja, tat er. Nett, dass es auch bemerkt wurde. Doch das Lächeln war weiterhin freundlich, als der sich zu ihm umdrehte. „Erfrischend. Ich bin Elijah Child, aber ich schließe mich Dan an. Formalitäten wie Nachnamen lassen mich alt wirken.“ Damit konnte er sicher einwandfrei stalken und das hinter dem Mond leben korrigieren. „Ich werde morgen derjenige sein, der Alkohol an Minderjährige ausschenkt.“

„Elijah!“, schnappte Mr. Preston amüsiert tadelnd. „So etwas prangern wir nicht an.“

„Ups, mein Versehen“, meinte Mr. Child belustigt. „Ich wollte ihm nur die Entscheidung um deinetwillen einfacher machen.“

„Aber nicht mit Alkohol!“

„Bis später. Mr. Hofstatter“, gab Mr. Child nur formell von sich und zog an Mr. Prestons Arm. „Wir müssen uns ein wenig beeilen.“

TBC




Ergänzendes Vorwort:

Wieder hallo,

Und, was denkt ihr? Es ist ungewohnt mit neuen Charakteren, doch mir hat es Daniel bereits angetan und für dramatische Umstände bei einem der Protagonisten bin ich ohnehin immer zu haben. Eine Prise Stieffamilieninspiration und meine eigene Problemschaffung ergibt eine faszinierende Kombination. Und ja. Man kann in Daniels Alter bereits stinkreich und erfolgreich sein (der Snapshat Gründer ist 1988 geboren worden und heute Milliadär, 1989 ist die Mitgründerin von Tinder geboren worden). Betone ich nur, weil es bei Elijah Child hier und da auch Altersbedenken gab.

Natürlich befinden wir uns hier in der Fiktion. Ich versuche zwar gerade Java zu lernen, habe jedoch wie bei der Medizin keine Ahnung von Programmieren, den Grenzen und den Möglichkeiten. Was mich auch zu einem sehr lang durchdachten Punkt bringt: Bisher habe ich mich stark an die Realität gehalten. Obamas Präsidentschaft, die Regelungen zur gleichgestellten Ehe, Bevölkerungszahlen etc.

Corona und, jetzt leider, der Ukrainekrieg sind Punkte, von denen ich noch nicht weiß, ob ich sie einbringe. Corona vielleicht noch - deswegen ist das hier erstmal im September 2019 angesiedelt. Dann habe ich noch etwas Puffer und kann mich entscheiden, wie ich damit verfahre. Wahrscheinlich wird es auf die Existenz hinauslaufen, jedoch nicht auf eine solche Auswirkung, wie wir es in der Realität haben.

Gibt es noch was dem elendlangen Text hinzuzufügen? Ach, ja: Ich weiß nicht, ob das hier eine Romanze per se wird. Mark und Leon war die Beziehung vorgeschrieben gewesen, Daniel und Florian hingegen? Ich kenne ihre Chemie noch nicht. Ich hoffe, ihr findet es beim Lesen so heraus, wie ich beim Schreiben.



Damit bleibt es bei meinem letzten Satz: Ich freue mich über Rückmeldungen, seien sie löblich, kritisch oder einfach kommentierend.

Liebe Grüße

Serena
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