Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Mal anders betrachtet

von Julie55
Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P6 / Gen
Cristina Bayer Franz Hubert Martin Riedl Reimund Girwidz Sabine Kaiser
01.04.2022
01.04.2022
1
2.153
3
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
 
01.04.2022 2.153
 
Es war ein später Freitagnachmittag im Gemeinschaftsbüro des Wolfratshauser Polizeireviers. Hubert war mit einem für ihn ungewohnten Eifer damit beschäftigt, Unterlagen zu schreddern, die sich seit Monaten auf seinem Schreibtisch stapelten. Arbeit vernichten machte ihm Spaß. Das war genau das Richtige für ihn kurz vor einem Start in ein freies Wochenende.
Die Kollegen Riedl und Girwidz, mit denen er das Büro teilte, schienen jedoch weniger Spaß zu haben.
„Was mach ich denn jetzt?“, fragte Girwidz und klang zutiefst verzweifelt.
„Keine Ahnung“, sagte Hubert abwesend und jagte den nächsten Schwung Papiere durch den Schredder. „Hams nix zum Aufräumen da drüben bei sich?“
„Ach, das mein‘ ich doch nicht!“, erwiderte Girwidz gereizt. „Ich meine, wegen der Hochzeit meiner Tochter.“ Er sah betrübt auf die Einladungskarte in seinen Händen.
Hubert seufzte. Schon seit Tagen ging sein Kollege ihm mit einem nicht enden wollenden Soll-ich-fahren-oder-soll-ich-nicht auf die Nerven und jedes Mal lautete seine Antwort:
„Herr Girwidz, die Johanna is Ihre Tochter. Freilich müssens da hin.“

Das sagte er allein schon aus Schadenfreude, denn er selbst hatte es immer gehasst, auf Hochzeiten, oder welche Art von Familienfeiern auch immer, gehen zu müssen, zu denen seine damalige Frau Anja ihn mitgeschleift hatte. Jede Menge Menschen, die er teilweise nicht einmal gekannt hatte (ganz zu schweigen davon, dass er nie gewusst hatte, was er mit denen reden sollte), plärrende Kinder, laute Schlager- und Schnulzenmusik in Dauerschleife, tanzen, schlechtes Bier, Essen, das ihm meist nicht geschmeckt hatte, Langeweile bis weit nach Mitternacht, weil die Anja nie ein Ende gefunden hatte… Kurzum, es war jedes Mal die Hölle für ihn gewesen. Dagegen war jede Beerdigung ein wahres Freudenfest, denn da wusste man wenigstens, dass die relativ zügig wieder vorbei war.
So gesehen war der Girwidz mit seiner Hochzeitseinladung echt nicht zu beneiden, aber gerade deswegen gönnte Hubert ihm dieses „Vergnügen“ von Herzen.

„Aber meine Ex-Frau wird auch da sein“, warf Girwidz ein.
„Ja, das is blöd“, musste Hubert ihm Recht geben.
Schon wenn er sich nur vorstellte, er und Anja hätten Kinder gehabt und sie müssten sich nun dauernd zwangsweise auf deren Hochzeiten begegnen, jagte ihm ein kalter Schauer nach dem anderen den Rücken herunter.
„Die hat doch garantiert Ihren neuen Macker dabei“, orakelte Girwidz weiter und murmelte finster vor sich hin: „Furchtbar. Wenn ich nur dran denke… Da bin ich doch nur das fünfte Rad am Wagen, nich…“
„Dann fahrns halt net hin.“
So einfach war das, fand Hubert, und ein neuer Papierstapel verschwand im Schredder.
„Ach Hubert!“, rief Girwidz empört. „Sie haben doch überhaupt keine Ahnung!“
„Was fragens mich dann erst?“, erwiderte Hubert verwirrt.

Noch bevor sich dieser schier endlose Dialog fortsetzen konnte, rief Riedl plötzlich im Hintergrund:
„Wie jetz, die Eileen und der Marco sind jetz Veganer?“ Er hatte sein Handy am Ohr und guckte ganz weinerlich. „Ah na! Da muss ich ja nochmal extra einkaufen! ... Was? … Ja, ja, ich mach ja schon. Sonst noch Wünsche?“ Er seufzte gestresst. „Jawohl … Was? Bier mit Kirschg‘schmack? Pfui Deiwel, das schmeckt doch überhaupts net! … Ja. Ja, is ja gut…“

„Ähm, was is mit ihm?“, erkundigte sich Girwidz bei Hubert.
Der winkte ab. „Bloß irgendso a Vereinsschmarrn wegen seine Pfeilewerfer da“, sagte er desinteressiert, womit er das Jubiläumstreffen von Riedls Dartverein meinte, das der junge Kollege organisieren musste, was er auch schon seit Tagen ganz emsig tat…oder zumindest versuchte zu tun.

Dann flog die Tür auf und Frau Kaiser kam in das Büro geplatzt. Sie hatte Jacke und Handtasche dabei und winkte hektisch mit dem Autoschlüssel in ihrer Hand.
„Ich verabschiede mich schon mal!“, verkündete sie atemlos.
„Wie? Jetzt schon?“, fragte Girwidz verdutzt.
„Ja, leider!“, seufzte Frau Kaiser und erklärte: „Ich hab noch rund fünf Stunden Autobahn vor mir. Und das mitten im Berufsverkehr! Runder Geburtstag meiner Schwester.“
„Cool“, sagte Hubert trocken, wobei er sich jedoch ausschließlich auf seine Arbeit konzentrierte.
„Das ist überhaupt nicht cool!“, entgegnete Frau Kaiser. „Sechzig Gäste, darunter ein Haufen Kinder. Das ganze Wochenende lang!“ Sie verdrehte theatralisch die Augen und stöhnte: „Das wird die Hölle! Ähm, sagen Sie mal Hubert, Sie vernichten da aber gerade keine wichtigen Unterlagen, oder?“
„Hm?“, Hubert, der bei ihrem Wehklagen abgeschaltet hatte, horchte auf, erkannte aber am zielgerichteten Zeigefinger der Chefin schnell, was sie meinte. „Ach so, die Unterlagen. Na, na, das is bloß irgendein Schmarrn“, behauptete er, während er ein Blitzerfoto und ein paar Anzeigen gegen Yazid in den Aktenvernichter stopfte.
„Gut, also ich bin dann weg!“, sagte Frau Kaiser, die jetzt weder Zeit noch Lust hatte, die Aussage ihres Polizeiobermeisters zu überprüfen. „Schönes Wochenende!“
„Ja, danke, Ihnen auch“, erwiderte Girwidz brummig und starrte missmutig auf die Hochzeitseinladung.

Das war für Hubert der Abpfiff.
„Feierabend!“, rief er. Er stand auf und schnappte sich seine Lederjacke.
„Was?“ Verdutzt sah Riedl von seinem Telefon auf. „Aber wir ham doch noch ne Stunde.“
Hubert zuckte die Achseln. „Ja, und? Die Chefin is weg. Was solln wirn dann noch da?“
Nun sprang auch Riedl auf. „Hach, super! Dann mach‘ ich mich jetz auch los. Ich hab noch soviel vorzubereiten für das Vereinstreffen heut Abend…“
„Und Sie, Herr Girwidz, wollens net noch schnell a Hochzeitsg’schenk besorgen?“, stänkerte Hubert. „Ah, wobei: Der Johanna langts vermutlich auch, wenns ihr das Geld direkt auf’s Konto überweisen, gell?“
Girwidz warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Sehr witzig, Hubert!“, murrte er. „Die Hochzeit ist doch erst in zwei Monaten.“
Hubert stöhnte auf. Das bedeutete, dass der Girwidz ihm also noch zwei Monate damit auf den Geist gehen würde. Das war ihm aber erst einmal egal, denn nun hatte er ja erst einmal zwei Tage Ruhe… und auf die freute er sich ganz gewaltig.

„Schönen Feierabend!“, rief Hubert Christina über den Tresen der Zentrale zu, doch die junge Kollegin war zu sehr mit einem Telefonat beschäftigt.
„Hast du deine Tage, oder was?“, zickte sie in ihr Handy. „Keine Ahnung, was Sarah dir erzählt hat, aber Lukas und ich waren nur ein Bier trinken. Kein Grund, gleich eifersüchtig zu werden! Im Übrigen bin ich erwachsen und kann mich treffen mit wem und wann ich will, kapiert? Wir sind nämlich inzwischen im 21. Jahrhundert angekommen, fall’s du’s noch nicht gecheckt hast…“

Das klang für Hubert verdächtig nach Beziehungsstress und er sah zu, dass er aus dem Revier kam, bevor ihn die nächste mit ihren privaten Problemen in den Ohren liegen konnte. Mit so etwas wollte er nichts mehr zu tun haben, hatte er solche Diskussionen doch nur zu oft in seiner Ehe und auch in vorangegangenen Beziehungen führen müssen:
Wer war die Italienerin auf deinem Radl, Hubsi? Wo warst du letzte Nacht? I hab Stunden mit’m Essen auf dich g’wartet! Hast du wieder mit‘m Hansi g‘soffen, he? Scher dich g’fälligst auf die Couch, du schnarchst und stinkst wie eine Bierbrauerei! Sag amal, Anja, wer is’n der „Michi“, der dich da dauernd anruft und was will denn der von dir?

Noch heute schoss Huberts Blutdruck durch die Decke, wenn er an die ganzen Zankereien, Wutanfälle, das zertrümmerte Geschirr, die zahllosen unbequemen Nächte auf der Couch und auch die vielen, vielen Tränen dachte, die Anja vor seinen Augen und er heimlich im stillen Kämmerlein vergeudet hatten…
Nein danke, nie wieder!

Da war er jetzt direkt froh, dass er niemandem mehr Rechenschaft schuldig war, niemand Zuhause mit irgendeinem ungenießbaren Essen auf ihn wartete, und er seine Freizeit so gestalten konnte wie er das wollte.

So fuhr Hubert erst einmal zum Rattlinger, trank in aller Ruhe einen Feierabend-Kaffee mit Yazid auf der sonnigen Terrasse und ließ sich dazu einen Bienenstich schmecken. Ihm war nach etwas Süßem nach dem ganzen Stress auf dem Revier, und das Abendbrot konnte er ja x-beliebig nach hinten verschieben. Für später ließ er sich noch ein paar Laugenbrezeln und ein Sixpack Bier vom Lenerl aushändigen und erst dann fuhr er nach Hause.

Es war ein schöner, sonniger Frühsommerabend und ideal, um zu angeln. Im Fernsehen kam sowieso nur Mist, weder Fußball, noch Tennis, noch irgendeine Tierdoku, und schlafen konnte Hubert selten vor ein oder zwei Uhr nachts.
So hielt es ihn nicht lange in seinem Haus.  
Er tauschte nur die Uniform gegen eine alte, bequeme Jeans, ein T-Shirt und ein Paar breitgelatschte Trekkingschuhe, band sich für die Nacht einen warmen Wollpullover um und stellte das Bier in die Kühlbox, die für den späteren Fang gedacht war. Brezeln und die Angelutensilien, die er benötigte, wanderten in einen kleinen Rucksack. Dann holte er die Angel und das Fahrrad aus dem Schuppen und auf ging’s in die Natur, die direkt hinter seinem Elternhaus anfing.

Gar nicht weit weg, verborgen in einem weitläufigen Wiesengrund und zu beiden Seiten von dichtem Wald umgeben, gab es einen größeren Teich mit einem kleinen Damm und Frischwasserzulauf, an dem Hubert bereits als Kind mit seinem Großvater geangelt hatte. Im Lauf der Jahre war das Gewässer durch Schilf, Rohrkolben und einige Erlen und Birken, die am Ufer wuchsen, etwas kleiner geworden, doch es bot immer noch genügen Lebensraum für dicke Forellen und einige andere Fischarten, und war gerade wegen seiner versteckten Lage ein wahrer Geheimtipp zum Angeln.
Jahrelang, seit der Opa gestorben war, war Hubert nicht mehr dort gewesen. Erst bei einem dienstlichen Ausflug an die Isar vor knapp zwei Jahren hatte er durch Aussteiger Bernhard Böhm, den so genannten „Isar-Jesus“, das Angeln für sich wiederentdeckt und sich an den alten Spot seines Großvaters erinnert. Seitdem kam er wieder regelmäßig dort hin und verbrachte oft ganze Nächte dort draußen.

Hubert kettete sein Fahrrad an eine Birke und streifte die letzten Meter zu Fuß durch das hohe Gras, in das er bei vorherigen Ausflügen schon einen kleinen Trampelpfad getreten hatte. Schnell fand er seinen Lieblingsplatz auf einer kleinen Landzunge, gut verborgen hinter meterhohem Rohrkolben, wieder und schlug dort den Campingstuhl auf, in dem er normalerweise die Verkehrskontrollen durchführte.

Kurz darauf hing auch schon die Angelschnur mit dem Köder im Wasser und Hubert lehnte sich mit einem Bier in der Hand entspannt zurück.

Allmählich ging die Sonne unter. Mücken tanzten in der goldenen Abendsonne über der Wasseroberfläche und zahlreiche andere kleine Insekten schwirrten durch die warme Luft, die erfüllt war vom Zirpen der Grillen und dem Zwitschern der Vögel im nahen Wald. Ab und zu brummte ein dicker Junikäfer an Huberts Nase vorbei. Ganz in der Nähe sang eine Goldammer.

Hubert konnte alle Wildvögel an ihrem Gesang oder ihren Rufen unterscheiden. Das hatte ihm sein Opa beigebracht, wie das Angeln, das Fliegenfischen und alles, was Hubert sonst noch gut konnte und was ihm entsprechend Spaß machte.
Seinen Opa vermisste er sehr. Immer noch. Doch in diesen Momenten, wenn er hier am Teich saß und angelte, dann fühlte er sich ihm immer ein Stückchen näher… und das war schön.

Seinen ehemaligen, langjährigen Partner Hansi vermisste Hubert auch, mal mehr und mal weniger. Beim Angeln zum Beispiel hätte er den ungestümen Freund nicht gebrauchen können, aber bei der Arbeit fehlte er ihm doch sehr.

Über alles andere aber war Hubert inzwischen hinweg. Wer nichts mehr hatte, der hatte immerhin nichts mehr zu verlieren, und seit Hubert das für sich akzeptiert hatte, war eine Ruhe, eine Gelassenheit und Gleichgültigkeit in ihm, die ihm das Leben wieder erträglich und lebenswert machte.

Bald lagen die ersten Fische in der Kühlbox. Ausnehmen wollte Hubert sie später. Es war dunkel und etwas frisch geworden, aber Hubert war warm vom Bier und außerdem hatte er seinen kuschligen Pullover angezogen. Wohlig sank er noch etwas tiefer in den Stuhl und sah hinauf in den Himmel. Jede Menge Sterne dort oben. Schön.

Direkt über ihm blinkten die roten Lichter eines Flugzeuges auf. Darin saßen wahrscheinlich mordswichtige Geschäftsleute auf dem Weg zu irgendwelchen mordswichtigen Terminen, oder Urlauber auf dem Weg in eine dieser Bettenburgen an überfüllten Sandstränden, weil sie meinten, dass es da schöner war als Zuhause und man bei 40 Grad im Schatten und Daueranimationen am Pool wunderbar entspannen konnte. Die Anja hatte das auch immer geglaubt…
Hubert lächelte müde. Menschen waren einfach närrisch.

Er dachte wieder an die Szene vom Nachmittag im Revier zurück und stellte sich vor, wie die Kaiser sich gerade durch den Geburtstagsmarathon ihrer Schwester quälte oder wie der Girwidz in diesem Moment immer noch vor der Hochzeitseinladung von Johanna saß und von seinem Gewissenskonflikt geplagt wurde. Er dachte an Riedl, der morgen wahrscheinlich mit einem hammermäßigen Kater aufwachte und bis Sonntagabend brauchte, um seine Garage wieder von den Spuren der Party zu reinigen und er dachte an Christina, die sich über ihren Freund ärgerte und sich bestimmt die halbe Nacht bei ihren Freundinnen darüber aufregte.

Wie gut er es da doch hatte, dachte Hubert zufrieden, während er an seinem Bier nippte. Nie und nimmer würde er seinen einsamen, ruhigen Platz unter dem Sternenhimmel jetzt gegen eine heiratende Tochter, eine Vereinsparty oder eine Familienfeier eintauschen wollen.

Die Grillen zirpten immer noch. Ab und zu schallten die entfernten Rufe eines Waldkauzes durch die klare Nacht. Entspannt schloss Hubert die Augen.
Ja, allein sein konnte auch schön sein.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast