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Herzbube

von Tinka10
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Dr. Claas Steinebach Michael Kelting OC (Own Character)
31.03.2022
07.05.2022
17
19.856
5
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31.03.2022 589
 
Claas hörte, wie Michael im Nebenraum herumhantierte. „Kann man dir irgendwie helfen?“, rief er herüber. Als Antwort bekam er nur ein schlechtgelauntes Grummeln, das ihn die Augen verdrehen ließ. Sein Lebensgefährte war auf der Suche nach einem Dokument, das Sami Malouf für seine Personalakte benötigte. Dass es seit Jahren fehlte, war jetzt erst bei der Digitalisierung der Papierakten aufgefallen und Michael sollte es schnellstmöglich nachreichen, hatte allerdings keine Ahnung, wo es sich befand. Seufzend nahm er einen Schluck von seinem Rotwein und vertiefte sich wieder in den Roman, den er gerade las; wenn er nicht wollte, dass er ihm half, musste er da eben allein durch.

Zehn Minuten später betrat ein Michael Kelting das Wohnzimmer, dessen Gesichtsausdruck nun hochzufrieden wirkte. Claas blickte auf. „Gefunden, was du gesucht hast?“ Wortlos setzte sich der Oberkommissar neben ihn, steckte ihm etwas zwischen die aufgeschlagenen Buchseiten und grinste ihn von der Seite her an. Er sah ihn verwundert an. „Die hast du noch?“, fragte er, während er das Objekt in seine Finger nahm und über die glatte Oberfläche strich. Es war eine alte, schon etwas verschlissene und angegilbte Spielkarte: Der Herzbube. Michael lächelte. „Wie könnte ich nicht? Sie lag zwar etwas versteckt unter allem möglichen Kram, aber ich würde sie niemals wegwerfen. Schließlich erinnert sie mich an etwas sehr Wichtiges, was ich damals lernen musste.“ „So unerwartet sentimental, Herr Kelting? Schön, dass ich immer noch neue Seiten an dir kennenlerne“, grinste nun auch er. „Ich hab so meine Momente“, gab sein Lebensgefährte gelassen zurück. Beide betrachteten die Karte und ließen ihre Gedanken schweifen.

„Hast du es jemals bereut? Das mit uns, meine ich. Weil es dir so schwer gemacht wurde, damals?“ Diese Frage hatte Claas schon lange einmal stellen wollen, sich bislang aber nie getraut. Irgendwie hatte er Angst davor, was Michael antworten könnte. Dieser rückte nun näher an ihn heran und sah ihn ernst an. „Wie könnte ich das hier alles bereuen?“ Er machte eine Handbewegung, die ihre Wohnung, ihren Rückzugsort, den sie sich gemeinsam geschaffen hatten, mit einschloss. „Und wie könnte ich dich jemals bereuen?“ Sanft strich seine Hand über Claas‘ Wange. Er schüttelte leicht den Kopf. „Jeder Schmerz und jeder Tiefschlag von damals hat sich tausendfach gelohnt. Durch dich bin ich, wer ich bin. Ich wäre doch niemals wirklich glücklich geworden ohne dich.“ So deutlich hatte er ihm das noch nie gesagt, aber er meinte jedes Wort völlig ernst.

Claas war zu einem Zeitpunkt in sein Leben getreten, als alles bei ihm in geregelten Bahnen gelaufen war und er durchaus geglaubt hatte, glücklich zu sein. Bis zu dieser Zeit hatte er jedoch nicht gewusst, dass es einen Unterschied zwischen einfacher Zufriedenheit und wahrem Glück gab. „Es gibt nur eins, was ich bereue: Nämlich, dass ich mich so lange gegen meine Gefühle gewehrt habe, dass ich dich fast verloren hätte. Ich habe viel zu viel falsch gemacht.“ Heute stand er offen und selbstbewusst zu seiner Homosexualität, ohne diese an die große Glocke zu hängen.
Zwar versuchten er und Claas so gut wie möglich, Berufliches von Privatem zu trennen, dies hatte aber nichts damit zu tun, dass sie beide Männer waren. Mit einer Frau an seiner Seite hätte er unter denselben Umständen dieselbe Vereinbarung.

Eine Frau an seiner Seite… Was heute völlig absurd und falsch in seinen Ohren klang, war vor fast zwanzig Jahren noch Normalität gewesen. Zumindest so lange, bis ein junger, angehender Rechtsmediziner in seinem Leben aufgetaucht war, der alles, von dem er bis dahin dachte, es wäre normal und richtig, völlig auf den Kopf gestellt und durcheinandergewirbelt hatte.
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