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Blaubraun

von earlybird
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
31.03.2022
30.06.2022
9
30.962
2
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3 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
31.03.2022 2.448
 
Klara



Sommer 1873, Hochdorf, ein kleines Dorf  im Allgäu



"Dafür verfluche ich dich, Mario, dass du mich jetzt allein lässt. Du sollst auf der Walz keinen Erfolg mehr haben und du sollst es niemals zum Meister bringen!"

Nur leise hatte Isolde diesen Fluch ausgesprochen, kaum hörbar. Sie schauderte, fast graute sie sich vor sich selbst. Einen Menschen zu verfluchen war eine schwere Sünde, aber die dunklen Worte wollten unbedingt heraus.

Vor einer Woche, einen Tag nach ihrem fünfzehnten Geburtstag war Isolde ziemlich sicher, dass sie in anderen Umständen war. Schwanger! Was für eine Schande. Etwas Schlimmeres konnte sie sich überhaupt nicht vorstellen. Schwanger von einem auf der Walz befindlichen  Handwerksburschen. Aus dem Süden Tirols. Niemand wusste davon, niemand durfte davon erfahren. Ihre Treffen hatten in allergrößter Heimlichkeit stattgefunden und es war immer gut gegangen, niemand hatte sie entdeckt. Aber jetzt ... ihre ganze Welt war auf einmal zusammengebrochen. Sie wagte sich gar nicht auszumalen, wie die Mutter reagieren würde. Die Mutter, die so strenggläubig und rechtschaffen war, die niemals etwas Unbedachtes oder Falsches sagte oder tat. Isolde schnürte es den Hals zu wenn sie an ihre Mutter dachte. Auch vor der Reaktion ihres Vaters hatte sie Angst, aber das war nichts im Vergleich zu der Angst vor ihrer Mutter.

Zitternd hatte sie festgestellt, dass ihre Blutung nun zum zweiten Mal ausgeblieben war. Und so viel wusste sie von ihrer Freundin Benedikta, dass dies ein Zeichen einer Schwangerschaft war. Schon oft war Isolde auf dem Hof bei ihrer Freundin gewesen, sie mochte die Art von Benedikta, die so ganz anders war als ihre eigene. Benedikta lachte oft, war immer fröhlich und meist steckte sie die ernsthafte und bedächtige Isolde mit ihrer lebhaften Art an und brachte sie ebenfalls zum Lachen. In Benediktas Elternhaus herrschte ein gänzlich anderer Umgangston als Isolde von zu Hause gewohnt war. Isoldes Eltern waren sehr streng mit ihren Kindern, vor allem die Mutter. Der Vater war ein ruhiger Mann, er war Isolde immer ein bisschen fremd geblieben. Es gab nicht viel Nähe, es gab nur Arbeit.

Isolde stand noch immer an der Böschung, von wo aus sie den Fluch in Marios Richtung geflüstert hatte. Der junge Mann war schon längst verschwunden, die Worte weggeweht vom milden Frühlingswind. Mit einem gehässigen Lachen auf den Lippen hatte Mario sich noch einmal zu dem Mädchen umgedreht, die dunkelbraunen Locken, die Isolde immer ein wenig an Kastanien erinnerten, lässig aus der Stirn gefegt. Hatte dann die Hand erhoben und ihr noch einmal zu gewunken, dann war er gegangen. War einfach gegangen und Isolde stand da und fühlte gar nichts mehr. Lange hatte sie ihm noch nachgesehen und allmählich begriffen,  Mario würde nicht wieder kommen. Er verließ sie jetzt, wo sie ihn am dringendsten benötigen würde.

Plötzlich fror sie und wandte sich ab. Der eben noch so angenehme Windhauch kam ihr auf einmal viel zu heftig und zu kalt vor. Sie krümmte sich zusammen und umschloss sich selbst mit ihren Armen. Ihr Kopf war gänzlich leer, wie ein leer geräumtes Haus. Mühsam zwang sie sich dazu, überhaupt einen Gedanken zu fassen. Was sollte sie jetzt bloß machen? Die Mutter - was würde die Mutter wohl tun? Sie würde Isolde ganz sicher verstoßen. Ein lediges Kind, Gott bewahre! Isolde hatte es erlebt im letzten Sommer. Da war eine junge Frau aus Hochdorf schwanger geworden und der Vater war unbekannt, zumindest hatte sie ihn nicht benannt. Kurz nach Bekanntwerden der Sache war die junge Frau verschwunden, niemand sah sie wieder. Es wurde gemunkelt, dass sie "sich selbst weg getan hätte". Aus Schande.

Gebückt stand Isolde da, ihre kalten Hände um die Arme geschlungen, die Augen geschlossen. Auf einmal hörte sie schnelle Schritte kommen und eine helle Stimme ihren Namen rufen.

"Isolde, Isolde, da bist du ja. Ich suche dich schon überall. Wo bleibst du nur. Wir sollen im Garten helfen, die Mutter schickt mich. Komm, beeil dich. Was ist denn?"

Isolde öffnete langsam die Augen und sah ihre Schwester Maria im Gegenlicht heran laufen. Die Sonne spielte um die Gestalt des jüngeren Mädchens und tauchte sie ganz und gar in ein goldenes Licht. Kleine Löckchen hatten sich vorwitzig aus dem geflochtenen Haarkranz gelöst und bildeten einen leuchtenden Rahmen um den Kopf des Mädchen. Maria atmete schnell, sie war den ganzen Weg vom Haus her gerannt um ihre Schwester zu finden. Sie lächelte jetzt etwas unsicher und ergriff Isoldes Hand. Die ihre war warm und klein und griff fest zu. Isolde staunte über diese leichte, sommerlich fröhliche Erscheinung ihrer Schwester, wo doch ihre eigene Welt gerade in Scherben geschlagen worden war und im Dunkeln vor ihr lag.

Maria sah unsicher zu Isolde auf. "Bist wieder so arg unwohl?" fragte sie die ältere Schwester. Isolde sah einen Moment in das junge Gesicht und auf einmal wusste sie, was sie zu tun hatte.

"Ja", antwortete sie, "es ist wieder ganz arg".

"Dann geh doch wieder zur Benedikta, Isolde", riet die jüngere Schwester der älteren, "die hat dir doch schon öfter geholfen".

Isolde nickte und sagte: "Ja, das wird das Beste sein. Kannst du der Mutter sagen, dass ich nicht nach Hause komme? Ich gehe gleich jetzt zur Benedikta hinaus und bleibe ein Weilchen bei ihr."

Maria drückte noch einmal Isoldes Hand und blickte voller Mitleid in das bleiche Gesicht ihrer Schwester hoch. "Geh nur, ich sage der Mutter Bescheid. Die Benedikta wird dir bestimmt helfen, wirst sehen. Aber ich muss mich jetzt beeilen, die Mutter wartet".

Isolde blickte ihrer Schwester nach, wie sie den Weg zurück lief den sie gerade erst gekommen war. Wie schnell sie laufen konnte, dachte Isolde, wie vergnügt sie hüpfte. Ihr selber fiel es jetzt direkt schwer, überhaupt von der Stelle zu kommen. Aber sie wusste jetzt, was sie tun konnte und das gab ihr schließlich die Kraft, ihre Schritte den schmalen Trampelpfad entlang zu lenken, hinaus zu dem kleinen Birkenwäldchen hinter Hochdorf, dort hinten, gleich nach dem Wäldchen, war das Haus der Hebammen, wie der Hof genannt wurde.

Es kam ihr vor, als wäre sie stundenlang gelaufen, als sie endlich das Birkenwäldchen durchquert hatte und das gedrungene Haus der Hebammen erblickte. Gleich daneben waren die Gebäude der kleinen Pferdezucht und davor grasten einige Pferde, ein paar Kühe lagen friedlich im Gras und widerkäuten. Eine Schar Gänse zog laut schnatternd am Holzzaun entlang auf dem Weg zum kleinen Bachlauf hinter dem Haus und die Hofkatze döste im warmen Gras vor dem Gartentor. Bienen summten durch die Luft und ein vielstimmiger Vogelchor hallte in den blauen Frühlingshimmel. Ein Bild des Friedens und der Freude. Aber Isolde verspürte nicht Frieden und Freude sondern nur Angst.

Die Haustüre stand offen, wie so oft im Sommer, und Isolde ging hinein. Aus der Küche am Ende des Flures hörte sie Stimmen und leises Lachen. Das Herz war ihr schwer, sie wollte jetzt keinen anderen Menschen sehen als nur ihre Freundin. Auf ihr Klopfen an der Küchentüre ertönte ein fröhliches -Herein- und Isolde öffnete die Tür. Zwei Frauen standen an einem Holztrog und steckten mit den Unterarmen bis zu den Ellbogen im Brotteig. Mit gleichmäßigen, langsamen Bewegungen kneteten sie den schweren Teig. Ein kleines Kind spielte auf dem Boden mit einem Kätzchen. Benedikta saß am Tisch und breitete Ringelblumenblüten aus. Sie sah auf und ein Lächeln überzog ihr Gesicht als sie ihre Freundin erblickte. Das Lächeln jedoch gefror ihr als sie Isoldes Aussehen wahrnahm. Benedikta war eine praktisch veranlagte junge Frau, sie sah auf der Stelle, dass Isolde dringend Hilfe benötigte. Sie stand auf und legte ihrer Freundin einen Arm um die Schultern. "Komm Isolde, wir gehen in meine Kammer".

Isolde brachte keinen Ton heraus, sie war froh, dass Benedikta zu Hause war. Schweigend gingen die beiden Freundinnen die schmale Holztreppe hinauf, Benedikta hielt die Hand des Mädchens. In der Kammer der jungen Hebamme sank Isolde auf den kleinen Hocker neben dem Bett, aber Benedikta schüttelte den Kopf.

"Nein, du siehst mir so aus als würdest du ins Bett gehören, Isolde."

Isolde hatte keinen eigenen Willen mehr. Jetzt, wo sie bei ihrer Freundin war, erlosch all ihre Energie und sie ließ sich dankbar auf die schmale Bettstelle neben Benediktas Bett fallen. Sie schloss die Augen, aber die Tränen, die plötzlich hervor kamen, waren nicht zu bremsen, es wurden immer mehr und sie hinterließen eine nasse Spur aus den Augenwinkeln in den Haaransatz.

Benedikta nahm eine Hand des Mädchens in die ihre und strich mit dem Daumen darüber.

"Isolde, was ist passiert?"

Isolde öffnete nicht die Augen, aber sie flüsterte: "Benedikta, du musst mir helfen. Die Mutter jagt mich fort wenn sie es erfährt."

Die junge Hebamme erschrak. "Isolde, bist du schwanger?"

Isolde nickte nur und drehte sich dann zur Seite. Sie zitterte und die Tränen flossen jetzt in Strömen. Benedikta war eine ganze Zeit sprachlos. Schwanger mit fünfzehn Jahren. Und natürlich ohne den dazu gehörigen Ehemann. Dafür besonders strenge Eltern. Sie holte tief Luft und dann drehte sie Isolde wieder zu sich um und nahm sie in die Arme.

"Bist du dir ganz sicher?"

Isolde nickte. "Schon zweimal ist die Blutung ausgeblieben. Und seit ein paar Tagen ist mir jeden Morgen so schlecht. Und hier -", sie deutete auf ihre Brust - "hier zieht es so merkwürdig. Aber vielleicht ... vielleicht ist das ja was anderes ..."

Benedikta hatte genug gehört. Das Mädchen war tatsächlich schwanger.

"Du bleibst am besten erst einmal hier, wir müssen überlegen was wir tun können". Insgeheim konnte sie sich jedoch nicht vorstellen, dass die Wirtsleute mit sich reden lassen würden, auf jeden Fall nicht die Mutter.

Isolde richtete sich plötzlich auf und krallte beide Hände in das Gewand von Benedikta. "Benedikta, du musst mir helfen", rief sie verzweifelt, "ich kann nirgendwo mehr hin, die Mutter jagt mich fort, ich weiß nicht was ich tun soll. Du bist der einzige Mensch der mir helfen kann!"

Die junge Hebamme löste die Hände des Mädchens und nahm sie wieder in die Arme. "Schhhh, ganz ruhig, wir werden eine Lösung finden, bestimmt."

"Nein, es gibt nur eine Lösung und das weißt du ganz genau. Ich muss dieses Kind loswerden, ich darf es nicht bekommen. Du weißt doch wie so etwas geht. Du hast mir einmal gesagt, dass du es von deiner Mutter gelernt hast. Du weißt doch, was man da tun muss. Bitte, bitte hilf mir." Isoldes Stimme war immer verzweifelter geworden, aber nicht lauter, eher flüsterte sie am Ende und die Augen hatte sie wieder geschlossen.

Benedikta richtete sich entsetzt auf. Wie konnte Isolde das von ihr verlangen? Sie wusste, dass Hebammen allgemein im Ruf standen, Frauen wie Isolde zu helfen und sie wusste auch, dass viele Hebammen das auch machten. Aber sie wollte nie eine davon werden.

Niemals, das hatte sie sich vorgenommen, würde sie etwas derartiges tun. Sicher, ihre Mutter hatte sie darauf vorbereitet, hatte ihrer Tochter alles beigebracht was eine Hebamme können und wissen musste, und sie hatte sie auch darauf vorbereitet, dass es geschehen würde, dass der Tag kommen würde an dem eine verzweifelte Frau oder ein Mädchen zu ihr kommen würde und sie um diesen unsäglichen Dienst bitten würde. Die alte Hebamme hatte schon viel erlebt und sie wusste, es geschah immer wieder. Die Gründe dafür waren vielfältig. Manchmal war es jungen Paaren verwehrt, zu heiraten. Weil die Eltern es verboten oder weil das Geld fehlte. Manchmal war es aber auch so, dass verheiratete Leute, Männer wie Frauen, "danebentappten" wie man hierzulande sagte, wenn sie fremd gingen.

Es gab immer wieder ledige Kinder in der Gegend hier im abgeschiedenen Allgäu, das war einfach so. Manchmal fehlte den jungen Paaren das Geld um zu heiraten, oder Mägde bekamen Kinder und hatten keinen Ehemann vorzuweisen. Wenn diese Kinder nicht in ein Waisenhaus gebracht wurden, wuchsen sie bei den Großeltern oder anderen Verwandten auf, in manchen Fällen auch bei fremden Bauersleuten wenn die Mütter den Ort verlassen mussten. Benedikta hatte das schon manches Mal erlebt, erst im August vor zwei Jahren war es passiert, als die Fechter Leni ein Kind vom ältesten Sohn des Bauern bekam bei dem sie sich als Magd verdingt hatte.

Natürlich musste sie kurz nach der Entbindung den Hof verlassen, denn der Sohn wollte bald heiraten, da war kein Platz für ein Kind von einer Magd von ihm. Die Fechter Leni hatte Glück, sie kam bei ihrer Schwester in einem entfernten Dorf unter und konnte sogar ihr Kind mitnehmen, das war nicht selbstverständlich.

Sie waren sehr gottesfürchtig und fromm, die Menschen hier im Allgäu, sie hielten sich an die Gesetze, an die des Staates aber auch an die der Kirche. Dass es trotzdem immer wieder zu Ereignissen wie ledige Kinder kam, das wurde nur hinter vorgehaltener Hand und im Flüsterton beredet. Jeder im Ort wusste zwar, was passiert war, aber niemand sprach es öffentlich und laut aus. Denn es war eine Sünde, zuvorderst eine Sünde der unseligen Mutter. Sie war auch diejenige, die die Sache alleine ausbaden musste. Meistens jedenfalls.

Benedikta seufzte und blickte ihrer Freundin mitleidig in das tränenfeuchte Gesicht. Was ihr wohl geschehen war? Mit wem sie sich wohl eingelassen hatte? Mein Gott, sie war doch erst fünfzehn Jahre alt, ein Kind noch. Hatte einer der Männer im Dorf ihr Gewalt angetan? Was hatte sie erlebt? Doch nun war sie schwanger und es war unerheblich, wie es dazu gekommen war, ob freiwillig oder nicht. Benedikta konnte sich unschwer vorstellen, wie Isoldes Eltern, die Mutter vor allem, reagieren würde wenn sie es erfahren sollte. Die Wirtin war bekannt für ihre strenge Gottgläubigkeit die sie auch von der Familie einforderte.

Die Wirtsleute waren noch ein wenig strenger in ihrem Glauben als die anderen Dorfbewohner. Sie befolgten Gottes Regeln gewissenhaft, gingen jeden Sonntag und jeden Feiertag zur Kirche, ließen keine Andacht aus und keine Prozession. Eine Marienstatue hatten sie vor vielen Jahren der Kirche gestiftet und die Wirtin hatte ein wertvolles Altartuch in mühevoller Arbeit bestickt.

Vielleicht, aber nur vielleicht hätten sie Isoldes Kind aufgenommen, denn Platz war genug vorhanden und in wenigen Jahren wäre das Kind schon als Hilfe bei der Arbeit zu gebrauchen gewesen. Wahrscheinlicher aber wäre, dass sie ihre Tochter mitsamt ihrem Kind verstoßen würden.

Benedikta wusste, wie die Kräuter wie das giftige Mutterkorn oder der Rainfarn anzuwenden wären, sie hatte es schon mehrfach bei der Mutter gesehen. Ihr graute bei der Vorstellung, diese Dinge bei ihrer Freundin zum Einsatz zu bringen. Sie sah wieder in das Gesicht ihrer Freundin. Isolde lag jetzt still, mit weit geöffneten Augen sah sie ihre Freundin an, Bangen und Hoffen gleichermaßen waren darin zu sehen.

Benedikta drückte die Hand ihrer Freundin und fasste einen Entschluss.
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