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Love in a Time of War

von Nyctea
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Eren Jäger Levi Ackermann / Rivaille
31.03.2022
06.08.2022
16
100.870
11
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
06.08.2022 11.089
 
Hi,
Da hab ich euch wieder fies warten lassen, nicht wahr? Dafür hält dieses Kapitel nun vielleicht ein paar Antworten parat. Vermutlich nicht die, die ihr erwartet. Ich hoffe, ihr könnt trotzdem damit leben ;) Mit der Länge bin ich etwas eskaliert, hab hin und her überlegt, ob ich es aufteile, aber es hatte sich einfach nicht richtig angefühlt.
Na dann, ein schönes (kühles!) Wochendende für euch alle!


——

Levi nahm das fallende Messer nicht einmal richtig wahr. Nur seinen hervorragenden Reflexen war es zu verdanken, dass es dennoch seinen Fuß verfehlte.
Sehr knapp verfehlte.
Es war eines dieser großen und nicht unbedingt leichten Kochmesser, die er besaß. Ohne Mühe hätte es seinen Fuß durchdringen können, selbst nachdem es in seiner Geschwindigkeit durch das vorherige Aufkommen auf Erens Schneidebrett leicht gebremst worden war.
Fassungslos starrte Levi neben sich zu Boden, als das Messer dort ein Mal aufhüpfte und sich drehte, so dass der schwere Griff beim erneuten Niedergang hart auf seinem Spann aufschlug.
Er spürte den dumpfen Aufprall, aber noch keinen Schmerz.
Das Messer verlor endgültig den Schwung und kam schließlich, unnatürlich laut klirrend, auf dem Boden zum Liegen.
Alles war derart rasant vonstatten gegangen, dass sein Herz nicht sofort die Taktung der Schläge erhöhen und der Situation anpassen konnte. Das versuchte es ein paar Sekunden später nachzuholen; schlug ihm unvermittelt so heftig bis zum Hals, dass er sich sogar kurz davon räuspern musste. Allerdings hielt ihn das nicht davon ab, sofort die Verfolgung aufzunehmen.
Seine Reflexe waren gut, seine Geschwindigkeit genauso, und der war es zu verdanken, dass er den Jüngeren tatsächlich noch vor dessen Zimmertür erreichte. Seinem Gehirn räumte er in dieser Situation kein Mitspracherecht mehr ein.
Hart packte er Eren am Unterarm. In seinem Griff war keinerlei Zaghaftigkeit, als er den Brünetten mit einem Ruck zu sich herumwirbelte.
"Sag mal tickst du noch ganz richtig?!", herrschte er ihn laut an.
In Erens Augen funkelte keine Überraschung; in seinem Gesicht war keine Regung außer der einen: Zorn. Und die trug nicht dazu bei, Levi zu besänftigen.
Mit einer heftigen Armbewegung entriss Eren sich aus seinem Griff. Ihm schien egal zu sein, dass Levis Nägel dabei auf seiner Haut entlang kratzen.
"Lass mich in Ruhe", zischte Eren und klang dabei wie ein wildes Tier, das man in die Enge getrieben hatte, und das noch ein letztes Warnsignal vor dem Gegenangriff abgab.
Unbeeindruckt schnellte Levis Hand hervor, um abermals nach Erens Arm zu greifen. Etwas in ihm war mehr als irritiert über das Verhalten seines Gastes, aber das konnte er keinesfalls nach Außen tragen.
"VERPISS DICH EINFACH UND LASS MICH IN RUHE!", brüllte der Jüngere plötzlich und brachte sich mit einem Schritt nach hinten außer Reichweite.
Seine Augen sprühten Funken und es war wohl zu erwarten gewesen, dass er die Stimme erhob. Dennoch, Levi war eindeutig erschrocken darüber und so überrumpelt davon, dass er keinen neuen Versuch unternahm Eren aufzuhalten. Er ließ geschehen, dass der Brünette die Tür zu seinem Zimmer aufriss, welche kurz darauf mit einem lauten Knall hinter ihm wieder zufiel.
Donnernder Herzschlag pochte gegen Levis Trommelfelle.
Wie in Trance starrte er noch eine Weile auf die weiße Fläche der Tür vor sich; kämpfte ein paar Mal gegen seine eigene Wut und das immer wieder aufkeimende Verlangen Eren zu folgen, ihm klar zu machen, das er das nicht auf sich sitzen lassen würde, nur, um dann erneut zu dem Schluss zu gelangen, dass es keinen Sinn hatte. Es hatte keinen Sinn, denn sie waren beide zu aufgebracht, würden sich vermutlich nur anschreien.
Levis Puls war hoch und er atmete viel angestrengter, als für seinen kurzen Sprint angemessen war. Zu sagen, er wäre ärgerlich, wäre eine grobe Untertreibung.
In den Wochen seit Erens Ankunft hatte er sich auf einige Eventualitäten vorbereitet, stellte aber nun wieder einmal - das wievielte Mal eigentlich war das jetzt?- fest, dass bisher nie das eingetreten war, was er  erwartet hatte. Ständig schien Eren losgelöst von jeglichem vorhersehbaren Muster zu agieren. Erwischte ihn immer wieder, und heute ganz besonders wortwörtlich, auf dem völlig falschen Fuß.
Während er dastand und versuchte zu verarbeiten, was da gerade passiert war, mischte sich in seinen Ärger ungebeten auch so etwas wie Bestürzung.
In der ganzen Zeit hier war Eren immer zurückhaltend, eher scheu gewesen. Das hatte ihn wohl in der trügerischen Annahme leben lassen, dass Eren gar nicht anders, nicht auch so sein könnte.
Noch nie war der Jüngere bei ihm wütend gewesen, jedenfalls nicht soweit er mitbekommen hatte. Levi musste sich eingestehen, dass er durchaus entsetzt war über den Ausdruck in den  sonst so unschuldig anmutenden grünen Augen.
Tränen hätte er verstanden, ja sogar erwartet. Vielleicht war deren Abwesenheit genau das Zeichen, das ihm mehr hätte zu denken geben sollen. Das er einfach nicht ernst genug genommen hatte, obwohl es ihm ja aufgefallen war.
Wäre auch zu beschissen schön gewesen, um wahr zu sein.
Eren war ein emotionaler Mensch, wenn er also versuchte, alles zurückzuhalten, war  vorprogrammiert, dass es sich irgendwann in geballter Form entladen musste.
„Ein Wutanfall oder sowas wäre mir allerdings doch irgendwie lieber gewesen“ - War das nicht, was er Eren, wenn auch in völlig anderem Zusammenhang, ziemlich am Anfang einmal gesagt hatte?
Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, Levi.
Nun, damals hatte er nicht wissen können, wie heftig sich diese Emotion bei Eren äußern würde.
Leicht klopfender Schmerz auf seinem Fuß machte sich bemerkbar. Levi sah nach unten. Natürlich hatte der Messergriff genau diesen einen, am höchsten gelegenen, Knochen des Fußes getroffen, auf den ein Schlag ganz besonders unangenehm war. Würde er so etwas wie Hausschuhe besitzen, wäre er wahrscheinlich noch glimpflicher davon gekommen.
An sich war es kein schlimmer Schmerz, aber allein, dass er da war und dass Eren ihn doch irgendwie mutwilllig herbeigeführt oder zumindest in Kauf genommen hatte, ließ Levi mit den Zähnen knirschen.
Rumstehen und die Tür mit Blicken zum Nachgeben zwingen zu wollen, half ihm dennoch nicht.
Auf die Provokation weiter einzugehen, so wie er es wohl getan hätte, wäre er selbst noch in Erens Alter, half keinem hier. Er musste dringend wieder ruhig werden.  
Um das zu schaffen, gab es nur eine Möglichkeit.
Schnurstracks begab Levi sich ins Schlafzimmer, zog sich in Windeseile aus und seine Joggingsachen an; schnappte sich dann Kopfhörer, Handy und Schlüssel und floh regelrecht aus seiner Wohnung. Dass die Tür dabei viel gewaltsamer ins Schloss fiel, als nötig war, nahm er in Kauf, auch wenn es einem Teil von ihm kindisch vorkam.
Genauso nahm er den verdammten Nieselregen und das wenig einladende Dämmerlicht in Kauf, das ihn vor der Haustür empfing. Die Kopfhörer fanden den Weg in seine Ohren und er stellte eine seiner metallastigeren Workout Playlists auf dem Handy ein.
Jetzt war noch nicht die Zeit zum Nachdenken. Zunächst musste er sich einfach nur abreagieren, seinen Kopf komplett leeren. Körperliche Betätigung war der beste, für ihn sogar einzige, Weg dazu. Nur Sport konnte ihm helfen, die überschüssige Energie aus seinem Gehirn abzuleiten, und so lief er hinaus in den tristen Märzabend.

Nach etwas über einer Stunde stand Levi völlig verschwitzt wieder vor der Wohnungstür. Seine durchnässten Laufschuhe ließ er im Hausflur stehen.
Die Runde im Park hatte ihm gut getan. Fast hatte er befürchtet, dass Laufen allein heute nicht reichen würde, um sich zu beruhigen, doch die Sorge war unbegründet.
Als Soldat hatte er sich Strategien aneignen müssen, die dafür sorgten, dass er in brenzligen Situationen nicht den vollends Kopf verlor, sich notfalls herunterfahren konnte und dadurch handlungsfähig blieb. Die für ihn effektivste Krisenbewältigung war eindeutig Sport. Auf diese konnte er nicht immer zurückgreifen, heute aber zum Glück schon. In seiner Freizeit musste er sonst selten so bewusst von einer extra Runde Training Gebrauch machen.
Zwar hatte er sich etwas mehr verausgabt, als geplant, aber sein Gemüt war abgekühlt und er fühlte sich wieder bereit zu rationalem Handeln.
Mit dem Schlüssel in der Hand zögerte er kurz, bevor er die Tür öffnete, weil er keine Vorstellung davon hatte, was ihn nun erwarten würde.
Im Flur war es still und dunkel.
Nachdem er das Licht angeschaltet hatte, warf er automatisch einen Blick auf die Garderobe. Erens Jacke hing noch dort, was ihn beruhigte. Auf den letzten Metern bis zur Haustür hatte sich die Befürchtung bei ihm eingeschlichen, dass Eren in seiner Rage möglicherweise noch eine weitere Dummheit hätte begehen können.
Aber selbst wenn er dies schon vor dem Verlassen der Wohnung in Betracht gezogen hätte, es hätte nichts an seinem Vorhaben geändert. Abstand zwischen ihn und sich zu bringen war unumgänglich gewesen.  
Levi warf einen schnellen Blick ins Wohnzimmer und in die Küche. Beide Räume waren verwaist und wenn er ehrlich war, hatte er nichts anderes erwartet.

Nach einer ausgiebigen Dusche fand er sich schließlich in der Küche wieder. Alles lag noch genauso da, wie sie es verlassen hatten und so beschloss er, den Auflauf fertigzustellen und die Zeit dabei zum Nachdenken zu nutzen.
Als Erstes fiel ihm auf, dass er nicht eine Sekunde lang in Erwägung gezogen hatte, Isabel anzurufen, was er im Nachhinein ziemlich ungewöhnlich fand.
Aber was hätte sie auch ausrichten können?
Selbst wenn sie ihm zu etwas anderem geraten hätte, Levi kannte sich selbst ziemlich gut. Deshalb hatte er getan, was für ihn nötig gewesen war, um sich nicht weiter von Eren mitreißen zu lassen.
Ich hätte es einfach lassen sollen ihn heute so etwas zu fragen.
Ihm war bewusst, dass es nie einen richtigen Zeitpunkt gab, eines dieser Dinge anzusprechen, die Eren belasteten und doch hatte er nun ausgerechnet diesen Tag, den allerschlechtesten von allen möglichen schlechten Zeitpunkten, dafür gewählt.
Geplant hatte er es nicht. Vielleicht hatte er sich dazu hinreißen lassen, weil er diese spezielle Frage nun schon eine ganze Weile mit sich herumschleppte und so lange schon auf einen passenden Moment gewartet hatte, das Thema zur Sprache zu bringen. Vorhin schien es ihm paradoxerweise nicht einmal unpassend.
Eren hatte so unerwartet gefasst gewirkt. Dadurch war Levi wohl der irrigen Annahme erlegen, dass es okay wäre. Dass heute einmal eine konkrete Frage erlaubt wäre und Eren sie einigermaßen verkraften würde. Die Situation war ruhig gewesen, sie beide hatten etwas zu tun gehabt, das ein wenig Ablenkung bot.
Levi hatte außerdem versucht, Eren nicht zu bedrängen, ihm eine Rückzugsmöglichkeit zu lassen, unter anderem indem er seinen Blick gemieden hatte. Er wusste, dass dem Jüngeren das Reden leichter fiel, wenn er nicht begafft wurde. Auch hatte er sich bemüht, sachlich zu bleiben, sich neutral zu verhalten und seine eigenen Emotionen komplett aus dem Spiel zu lassen, um Eren damit nicht zusätzlich unter Druck zu setzen.
Jede noch so einsilbige Antwort wäre in Ordnung für ihn gewesen. Auch ein Schweigen.
Aber was hatte er erwartet? Dass Eren ihm schlicht mit ‚Ja’ oder ‚Nein’ antworten würde und das Thema damit abgehakt wäre? War er wirklich so dämlich gewesen, das zu hoffen?
Egal, ob er eine Antwort bekommen hätte oder nicht, seine Frage hätte in jedem Fall etwas in Erens Kopf in Gang gesetzt. Etwas, dem der Jüngere sehr offensichtlich noch nicht gewachsen war.
Nur zwei Fragen.
Zwei, die er ganz bewusst versucht hatte ohne Neugier oder Dringlichkeit dahinter zu stellen. Die Formulierung hatte er mit Bedacht gewählt, gehofft, sie wäre vorsichtig genug. Trotzdem war er grandios damit gescheitert.
Hatte sein Groll sich vorhin ausschließlich auf Eren konzentriert, so musste er nun erkennen, dass er sich nicht weniger über sich selbst ärgerte. So lange hatte er sich zurück gehalten. Hätte er nun nicht auch noch ein paar Tage warten können, anstatt es Eren an diesem Tag noch schwerer zu machen?
Er war sicherlich nicht unschuldig daran, dass bei dem Brünetten die Sicherungen durchgebrannt waren. Aber bei allem Verständnis dafür, dass Eren heute besonders aufgewühlt war, konnte er den Unmut darüber, dass sein Gast derart unbeherrscht geworden war, nicht restlos abstellen. Sicherlich hatte Eren das nicht in dieser Form beabsichtigt, aber es änderte nichts daran, dass es ziemlich unschön hätte ausgehen können und er konnte das keinesfalls einfach so stehen lassen.
Nachdem er die Auflaufform in den Ofen geschoben hatte, begann er, die benutzten Utensilien zu reinigen. Dafür nahm er sich viel Zeit, spülte sogar unnötigerweise alles per Hand ab, wischte dann die Oberflächen, auch die, die bereits sauber waren, und versuchte währenddessen zu irgendeiner Erkenntnis darüber zu gelangen, wie der Abend nun weitergehen sollte.
Erens Reaktion war so neu, so unerwartet, und er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es ihm gelingen würde, heute noch irgendetwas mit ihm richtig zu machen.
Wie viel Zeit vergangen war bis alle Spuren der Essenszubereitung getilgt waren, konnte Levi nicht sagen. Ein Kontrollblick in den Ofen verriet ihm, dass es weniger sein musste, als es sich angefühlt hatte, denn der Auflauf sah maximal halb gar aus.
Er betrachte sein Werk in der Küche und unwillkürlich schweifte sein Blick dann hinaus in den Flur, wo er an Erens Zimmertür verweilte.
Obwohl ihm sein Bauchgefühl heute kein guter Berater zu sein schien, konnte er nicht verhindern, dass er das dringende Bedürfnis hatte, mit Eren zu reden.
Oder ihm doch noch eine Ohrfeige zu verpassen; je nachdem, was der Jüngere gerade dringender brauchte.



Krueger.
Krueger war es zu verdanken, dass er sich beruhigte. Dass dieser unbändige Zorn in ihm schließlich abflaute.
Krueger, der ihn zusammengekauert von unter dem Kleiderschrank aus ansah.
Mit großen blauen Augen.
Völlig verängstigt.
Eren hatte ihn erst nicht beachtet. Er hatte überhaupt gar nichts in seinem Zimmer beachtet, als er sich wütend auf sein Bett gestürzt und damit begonnen hatte, auf sein Kissen einzuschlagen, weil er etwas tun musste. Weil er nicht wusste, wohin sonst mit dieser Wut in sich. Weil er nicht einmal  definieren konnte, auf was oder wen genau er überhaupt so wütend war.
Klar, zuerst und vor allem auf Levi, der ihn scheinheilig aufgefangen und dann eiskalt fallen gelassen hatte.
Aber das konnte längst nicht alles sein. Seine Wut war zu groß, als dass sie nur von einer Quelle gespeist sein konnte.
War er auf sich selbst wütend?
Auf all die Ungerechtigkeit?
Auf diese ganze gräßliche Situation, die sich seit Wochen sein Leben nannte, in die er von einer Minute auf die andere hineingeraten und der er so ausgeliefert war?
Je länger er darüber nachdachte, desto mehr Gründe fand er für dieses Gefühl.
Vielleicht brauchte es nicht einmal den einen Grund, denn er war es einfach: wütend.
Es war das intensivste Gefühl gewesen. Das einzige, das er für den Moment vorhin überhaupt unter allen anderen wahrnehmen konnte, weil es alles überlagert hatte, was er sonst noch hätte fühlen können - oder müssen. Deshalb hatte er es so bereitwillig zugelassen. Nicht darüber nachgedacht, sondern schlicht danach gegriffen, weil es ihm wie sein letzter Schutzschild vorgekommen war.
Außerdem hatte er es als angebracht empfunden.
Er hatte ein Recht darauf, selbst den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem er reden konnte.
Er hatte ein Recht darauf wütend zu sein.
Während er auf sein Kissen eingeschlagen hatte, war sehr flink etwas durchs Zimmer unter seinen Schrank gehuscht.
Die Bewegung, von der er nicht sofort sagen konnte, ob er sie sich nur eingebildet hatte, veranlasste ihn zum Innehalten.
Es dauerte etwas, bis er verstanden hatte, dass es der Kater war, der da vor ihm geflüchtet war. Obwohl er ihn weder beachtet hatte, noch einen Groll gegen ihn hegte.
Diese Erkenntnis hatte ihn dann dazu gebracht, gänzlich von dem Kissen abzulassen.
Heftig atmend hatte er sich schließlich ein Stück vom Bett aus nach unten gebeugt, um unter den Schrank sehen zu können. Der Anblick des furchterfüllten Katers ließ ihn fast schlagartig wieder nüchtern werden und die Wut sich in Luft auflösen.
Er realisierte, was er da gerade getan hatte und fühlte sich unendlich schlecht darüber, dass er dieses unschuldige Wesen mit seiner Unbeherrschtheit so in Mitleidenschaft gezogen hatte.
Krueger war durch seine bloße Anwesenheit verängstigt.
Da die Wut so unvermittelt aus ihm wich, wie sie über ihn hergefallen war, fühlte Erens Körper sich mit einem Mal schwach an.
Schwach und leer.
So leer, als würde nur die Hülle von ihm kraftlos zurück ins Laken kippen.
Eine Weile lag er mit geschlossenen Augen da und wartete einfach nur, bis sein Atem wieder im Takt war, ruhiger war. Bis sich alles Aufgewirbelte in seinem Kopf etwas gelegt hatte, so wie sich der Inhalt einer Schneekugel nach zu heftigem Schütteln legt.
Auf gewisse Art hatte es gut getan, überhaupt wieder etwas so intensiv zu spüren. Viel zu oft fühlte er gar nichts und so beruhigte ihn fast zu wissen, dass er noch zu solchen Regungen imstande war. Gleichzeitig ärgerte er sich aber über diesen Gedanken, weil speziell dieses Gefühl letzten Endes eher destruktiv war.
Für ihn.
Für Krueger.
Für Levi.
Es verzehrte alles, ohne auch nur im Geringsten zu helfen.
Allerdings - er war eben auch irgendwie überfallen worden.
So oft hatte er mit Fragen gerechnet; manchmal hatte er Levi angesehen, dass es ihm nicht leicht fiel, sich zurück zu halten. Und doch hatte er es immer getan.
Bis vorhin.
Warum konfrontierte er ihn ausgerechnet an seinem Geburtstag?
Wahrscheinlich gerade deswegen.
Weil es an einem Geburtstag nicht nur um denjenigen, ging, der feierte, sondern auch um die Menschen, die mitfeierten. Ein Geburtstag war schließlich nie nur des Älterwerdens wegen besonders. Er war es, weil es Menschen gab, die daran dachten, die Anteil nahmen.
So war es immer, so kannte Eren das. Vielleicht empfand Levi das ähnlich und es war deshalb nicht so weit hergeholt, dass ihn genau diese Frage heute beschäftigt hatte.
In diesem Jahr nun war der Tag auf andere, eher bedrückende Weise besonders für Eren. Aber, wie er Levi schon gesagt hatte, er sah wirklich nicht nur das Schlechte daran.  
Mit einem gequälten Geräusch richtete Eren sich auf und setzte sich an die Kante des Bettes.
Es tat ihm leid, dass er so reagiert hatte.
Und es tat ihm auch nicht leid, denn es war eben keine Unterhaltung über das Wetter, die Levi da vom Zaun gebrochen hatte.
Eren stützte die Ellenbogen auf die Oberschenkel und vergrub sein Gesicht in seinen Händen.
Noch war er nicht ruhig genug, um zurück zu gehen. Sein Körper bebte noch leicht, aber nicht mehr vor Wut.
Immerhin.
Als Levi ihn vorhin so grob am Arm gehalten hatte, wäre ihm um ein Haar die Hand ausgerutscht. Er war er mehr als froh, dass er sich dazu nicht hatte hinreißen lassen. Die Kraft, mit der der Schwarzhaarige ihn gepackt hatte, ließ erahnen, dass er bei einer ernsthaften Auseinandersetzung wohl kaum eine Chance gegen ihn haben würde. Deutlich spürte er noch die Finger an seiner Haut, oder vielmehr den Schmerz, den sie hinterlassen hatten. Seiner Meinung nach hatte Levi völlig überreagiert und er verstand einfach nicht, warum. Er hätte ihn doch einfach nur in Ruhe lassen brauchen.
Am liebsten wäre er nicht einfach nur in sein Zimmer gegangen, sondern raus. Komplett raus und weit weit weg.
Weg von Levi, dem er doch eigentlich nahe sein wollte.
Weg von der Wohnung, in der er sich eigentlich sicher fühlte.
Was ihn davon abgehalten hatte?
Wenn er so darüber nachdachte, war es wahrscheinlich nur das Wissen, dass er nirgendwo hin konnte.
Es gab nichts und niemanden, bei dem er hier Zuflucht finden konnte.
Daran hatte er vorhin nicht bewusst gedacht, aber jetzt, wo sein Verstand wieder klarer war, war er froh, dass er sich in seinem Zimmer wiederfand und nicht orientierungslos irgendwo in der Stadt saß.
Außer Levi war hier niemand, den er kannte, dem er vertraute. Zum ersten Mal wurde ihm nun die Problematik daran so bewusst, dass sich ein beklemmendes Gefühl in ihm breit machte.
Eventuell hätte er zu Isabel in die Praxis gehen können, falls er in seinem Zustand überhaupt den Weg dorthin gefunden hätte. Isabel war jedoch seine Therapeutin, keine Freundin, niemand, dem er emotional nahe stand. Gerade so jemanden aber brauchte er.
Die Gesichter von Armin, seinem besten Freund, und Mikasa, seiner Schwester, blitzten, so glasklar wie seit Wochen nicht mehr, vor seinem inneren Auge auf, und er fühlte sich nur noch elend.
Elend und allein.
Er saß da und wehrte sich dagegen, noch mehr Gedanken zuzulassen. Er wusste nicht einmal, ob er aufstehen oder die nächsten Tage einfach nur in diesem Zimmer sitzen wollte.
Er wusste nicht, wie das alles weitergehen, wie er Levi wieder gegenübertreten sollte.
In ihm war Chaos.
Nichts als trauriges, ängstliches, ungewisses Chaos.
Ein Klopfen riss ihn schließlich aus seiner Starre.
„Darf ich reinkommen?“, kam es gedämpft von hinter der Tür.
Bis er sich zu einem „Ja“ durchringen konnte, dauerte es ewig. So lange, dass er nicht einmal wusste, ob Levi überhaupt noch dastand, um es zu hören. Kaum aber hatte er geantwortet, öffnete sich auch schon die Tür.
Er ließ seinen Kopf, wo er war, denn er fühlte sich nicht bereit, Levi ins Gesicht zu schauen. Außerdem wollte er selbst nicht angesehen und verurteilt werden, denn das, so war er sich sicher, musste unweigerlich folgen.
Schritte näherten sich.
Sie kamen vor ihm zum Halt. Levi schien dazustehen und ihn zu mustern, wie er es oft tat. Eren fühlte seinen Blick wie Feuer auf, sogar unter, seiner Haut.
Am liebsten wollte er im Erdboden versinken.
Er konnte nicht damit umgehen, dass er sich noch immer irgendwie im Recht fühlte und ihm das gleichermaßen so extrem falsch vorkam.
Die Matratze neben ihm gab schließlich nach. Levi setzte sich nah genug, dass seine Körperwärme spürbar war, berührte ihn aber nicht.
Sie schwiegen.
Lange.
Sehr lange.
Levi erwartete wahrscheinlich, dass er nun auf ihn zuging, das Gespräch begann, aber Eren wusste nicht wie. Er konnte all die Widersprüche in sich nicht in Worte fassen. Er wollte sich entschuldigen und wollte es gleichzeitig auch nicht, weil er gar nicht genau wusste, wofür.
Irgendwann konnte er sich wenigstens dazu bringen, seinen Kopf etwas zu heben und zumindest den Boden anzustarren statt nur die Schwärze seiner Handinnenseiten.

„Das wäre beinahe richtig beschissen schief gegangen, ist dir das eigentlich klar?“
Levis Stimme klang nicht wütend, was Eren sofort erleichterte, aber da war ein kalter Ernst in ihr.
Eren spürte, wie im schlecht wurde.
So ganz wusste er eigentlich gar nicht, was genau passiert war. Er hatte Rot gesehen und das Messer wutentbrannt in das Brett rammen wollen und…dann war er gegangen. Mehr bekam er nicht zusammen.
„So eine infantile Scheiße gebe ich mir hier nicht, Eren.“
Er war sich vorher ja schon sicher, dass er Levi nicht in die Augen sehen konnte, aber nun, nun da er diesen sehr eindrücklichen warnenden Ton in der Stimme des Älteren hörte, war er sich nicht einmal mehr sicher, ob er ihn überhaupt jemals wieder anschauen könnte.
Die Luft, die er atmete, fühlte sich brennend heiß in seiner Lunge an.
„Schrei mich an, wenn‘s dir hilft, knall die verfluchten Türen oder hau dir meinetwegen selbst ein rein. Mir egal. Aber wirf verdammt noch mal nicht mit scheiß Messern um dich.“
Eren ging nun doch dazu über, sein Gesicht wieder in seinen Händen zu vergraben und schüttelte den Kopf über sich selbst.
Was zum Teufel hab ich getan?
Er konnte nicht einmal ein Wort der Entschuldigung herausbringen.
„Ich geh mal davon aus, dass du mich nicht treffen wolltest. Spielt aber keine Rolle, weil du hättest es fast und damit ist das Ergebnis dasselbe: es ist absolut inakzeptabel.“
In der Stimme des Schwarzhaarigen war weiterhin keine Wut, sie hatte jedoch etwas von einer militärischen Maßregelung. Eren fühlte sich wie ein unreifer Kadett, der sein Team beim ersten Einsatz unüberlegt in arge Bedrängnis gebracht hatte, und nun von seinem Vorgesetzten dafür zur Verantwortung gezogen wurde.
Levi war nicht laut, das musste er auch nicht sein, denn in jedem Wort schwang eine Endgültigkeit mit, eine klare Ansage, ein Versprechen, das ein weiterer solcher Fehltritt schwerwiegende Konsequenzen haben würde. Oder war es eher, dass er keine Möglichkeit mehr haben würde, einen weiteren Fehltritt zu begehen? Eren wusste nicht, was er von Levis Worten halten sollte und leise schlich sich Angst in ihn hinein.
Sie schwiegen wieder.
Schließlich hörte er einen schweren Atemzug neben sich.
„Du kannst ganz normal mit mir reden. Wenn du auf Fragen nicht antworten willst, oder kannst, dann sag das. Ich werde das akzeptieren und das weißt du auch.“
Bei diesen Worten war nichts Autoritäres mehr in Levis Stimme, er klang wieder nahbarer und sogar…enttäuscht?
Eren strich sich mit beiden Händen die Haare nach hinten und hielt sie im Nacken fest. Einzelne braune Strähnen lösten sich dabei und fielen wieder zurück nach vorn.
Wieder starrte er auf den Boden, weil er nicht wusste, wohin mit seinem Blick und mit dem ganzen Rest von sich.
„Es war beschissen dämlich von mir, dich heute darauf anzusprechen.“
Entschuldigend klang der Satz nicht, war eher eine Feststellung, und doch nahm Eren ihn als Entschuldigung auf. Einen Moment lang schien es, als wollte Levi noch etwas hinzufügen, er unterließ es aber.
Erneutes Schweigen legte sich über sie.
In Erens Kopf schwirrte es, als wäre ein Haufen Motten darin, die unkoordiniert an seinen Schädel stießen.
Offenbar hatte er Levi beinahe bei seiner Aktion verletzt und diese Erkenntnis verstärkte die Übelkeit, die durch seinen Magen krampfte, bis zur Schmerzhaftigkeit.
„I-ich…wollte das nicht.“
„Weiß ich“, sagte Levi sachlich.
Eren spürte, wie der Schwarzhaarige sich neben ihm zurücklehnte und mit den Händen hinter sich aufs Bett stützte.
„Es ist nicht so, dass ich nicht nachvollziehen könnte, was Wut mit einem macht.
Isabel würde jetzt vermutlich so einen geistreichen Spruch bringen wie ‚Wut ist auch nur eine Form von Hilflosigkeit‘. Recht hätte sie damit, nehm ich mal an. Das entschuldigt aber nicht, dass ich beinahe ein beschissenes Messer in meinem Fuß stecken gehabt hätte.“
Levis Worte hallten in seinem Kopf, und nachdem er eine Weile darüber nachgedacht hatte, kam er zu dem Schluss, dass Hilflosigkeit wohl tatsächlich der Kern der Sache sein musste.
Sein Grundübel.
Er konnte nichts tun gegen alles, was geschehen war. Gegen das, was es mit ihm machte. Fand keinen Umgang damit, keine Erleichterung. Noch nicht jedenfalls.
Zögerlich drehte Eren sich ein wenig und sein Blick wanderte unter einigen seiner widerspenstigen Strähnen hindurch zu Levi, der ihn offenbar schon die ganze Zeit über betrachtet hatte.
Ihn umgab wieder diese regelrecht stoische Aura. Genau die, die Eren vorhin so zur Weißglut gebracht hatte; die ihm grausam erschienen war. Jetzt konnte er das absolut nicht mehr nachvollziehen. Sie tat gut, lullte ihn ein wenig ein, so wie sie es bisher immer getan hatte, weil er genau das brauchte. Wäre Levi genauso aufgekratzt und unsicher, wie er selbst, würde alles davon nach Außen tragen, würde er wahrscheinlich jeden Halt verlieren.
Ich verdiene gar nicht, dass er mir gegenüber noch die Nerven behält.
Wäre Levi sauer, würde ein paar Tage nicht mit ihm reden oder…ja, würde ihn vielleicht sogar nicht mehr hier haben wollen, nun da er zu spüren bekommen hatte, dass es da eine unberechenbare Variable in der Gleichung gab - das wäre wohl nachvollziehbarer. Aber Levi hatte seinen Ärger irgendwie überwunden und brachte ihm sogar Verständnis entgegen.
Das Gesicht seines Gegenübers schien auf den ersten Blick gewohnt neutral, aber Eren meinte, wie schon öfter in der letzten Zeit, dass er doch noch mehr darin entdecken konnte. Da war eine leichte Härte, die Levis Lippen minimal schmaler erscheinen ließ und da waren Muskeln um seine Augenpartie herum angespannt, kaum sichtbar aber dann doch, wenn man nur lange genug hinsah. Trotzdem wirkte Levi insgesamt erstaunlich unverkrampft.
Erens Blick blieb einige Sekunden unwillkürlich an seinem Schlüsselbein hängen, da der weite runde Ausschnitt des schwarzen Shirts, in Verbindung mit seiner Sitzposition, dieses besonders betonte. Er sollte wirklich nicht auf so etwas achten und schon gar nicht in einer Situation wie dieser. Mühsam wendete er seine Augen ab und richtet seinen Körper etwas mehr auf.  
„Ich will dich mit dem Thema jetzt eigentlich nicht weiter belasten, aber weißt du, ich denke, deine Freunde wären froh zu wissen, dass du lebst und wohlauf bist. Vielleicht hilft es dir, das Ganze mal aus der Perspektive zu sehen. Du musst dazu nichts sagen, aber denk drüber nach, wenn du kannst.“
Levi sah ihm fest in die Augen und Eren war sich nun sicher, dass er Besorgnis bei seinem Gegenüber erkennen konnte. Der Blick des Schwarzhaarigen richtete sich auf Erens linken Arm. Er sah sicherlich die Abschürfungen dort, wo er ihn unbeabsichtigt gekratzt hatte, weil Eren sich seinem Griff so gewaltsam entwunden hatte, sagte aber nichts dazu.
„Die Dinge sind, wie sie sind, Eren, und sie ändern sich nicht, nur weil du nicht hinschaust. Sie werden nicht besser oder weniger real davon, wenn du alles von dir wegschiebst und letztlich…letztlich wird es auch dir nicht besser gehen damit.“
Levi sagte das bedächtig und gleichzeitig so unumstößlich, dass Erens Atmung stolperte.
Obwohl Levi nichts wissen konnte, weil er selbst ja nicht einmal alles wusste, schien er nicht davon auszugehen, dass es keinen mehr gab, der sich um Erens Verbleib sorgen würde. Levi ging nicht vom schlechtesten Fall aus und das war gleichermaßen verwirrend wie seltsam tröstlich.
Vor allem fühlte Eren sich jedoch schrecklich, weil ihm mit voller Härte bewusst wurde, wie es ihn  erdrückte, alle Gedanken an seine Liebsten zu einem Tabu erklärt zu haben.
Keinen Platz hatte er ihnen mehr eingeräumt, weil der Weg, den er hatte einschlagen müssen zu schmal für gedanklichen Ballast gewesen war und er es damit niemals hierher geschafft hätte.
Das war die Wahrheit, er hätte es nicht geschafft, wenn er nicht alles weit von sich gedrängt hätte.
Nun aber, nun saß er hier und kam sich ekelhaft vor, weil er auch jetzt, wo er in Sicherheit war, nicht versucht hatte, nachzuforschen, Kontakt herzustellen und herauszufinden, was mit den anderen war. Sie mussten davon ausgehen, sie wären ihm egal.
Was er Levi geantwortet hatte, stimmte.
Er wusste es nicht.
Nicht alles.
Er war sich nicht sicher, ob er mehr Wissen überhaupt ertragen könnte.
Eine Szene von Silvester sah er plötzlich vor sich, wie sie alle gemeinsam vor der Haustür gestanden hatten und das Feuerwerk am Himmel betrachteten. Er sah seine Eltern..Jean…
„Ich habe Angst“, hörte er sich flüstern.
In dem Moment spürte er mehrere Sachen auf einmal: Da war ein Schwall Tränen, der seine Wangen hinablief. Da war diese unendliche Schwere, mit der die Ungewissheit, die er soeben erst überhaupt als solche klar benennen konnte, ihn nahezu niederdrückte.
Schuldgefühle.
Scham.
Und da war Levis Hand auf seiner.
Sein Blick senkte sich darauf und mit ihm einige Tränen. Die Hand zuckte nicht vor den Tropfen weg. Eren meinte zu spüren, nein, sogar sehen zu können, wie Wärme aus Levis Fingern in seine floß. Wie ein Bruchteil von dem, was Levi an Beständigkeit ausstrahlte, auf ihn überzugehen schien.
Er hatte nicht bemerkt, wie der Ältere sich ebenfalls aufgerichtet hatte und sehr dicht neben ihn gerutscht war. Die Hand löste sich von seiner; kurz darauf spürte er Levis Arm um sich, der ihn in seine Richtung zog, bis er den Kopf an seine Schulter legen konnte.
„Wovor hast du Angst?“ Levis Stimme war dunkel und leise. Sie war sanft, was Eren nur noch mehr Tränen in die Augen trieb, weil er sie so noch nie gehört hatte.
„Vor Stille“, schluchzte er.
Levi drückte ihn stärker an sich; offenbar hatte er die kryptische Antwort durchaus verstanden.
„Du musst da nicht alleine durch“, entgegnete er, wobei Eren die Vibration seiner Stimme spüren konnte.
Diese Worte waren Feststellung, Angebot und Hoffnungsschimmer zugleich; sie waren klar und aufrichtig.
Sein Gastgeber hatte Recht, Eren musste sich Gedanken über die anderen machen, musste sie zulassen. Antworten suchen. Aber hier, in diesem Moment war ihm das noch nicht in vollem Umfang möglich. Die innere Gegenwehr, die er sich aufgebaut hatte, konnte er nicht von jetzt auf gleich abstellen.
„Das reicht jetzt“, legte der Schwarzhaarige fest, als hätte er Erens Gedanken erahnt.
Der Tränenfluss verlangsamte sich und Eren richtete sich auf, um Levi anzusehen.
Die Hand des Schwarzhaarigen glitt dabei über seinen Rücken, verursachte eine Gänsehaut auf ihrem Weg. Einen Augenblick verweilte sie auf seiner Schulter, bevor sie sich, völlig überraschend, an sein Gesicht legte. Sanft und warm. Mit dem Daumen strich Levi ihm die Feuchtigkeit von der Wange. Diese unerwartet - ihm fiel kein anderes Wort dafür ein - liebevolle Geste ließ Eren blinzeln.
„Ich bin nicht dein Feind, Eren, also behandel mich auch nicht so.“
Levi sah ihn eindringlich an.
„Es tut mir leid“, hauchte er ihm zu und wich schamerfüllt wieder den graublauen Augen aus.
Die Miene des Älteren war nachdenklich während er mit seinen Daumen noch ein paar Mal über Erens Wange fuhr. Langsam ließ er seine Hand schließlich sinken und lehnte sich wieder ein Stück zurück.
„Eins würde ich aber gern noch wissen“, begann Levi und Eren verkrampfte sich instinktiv etwas, „muss ich mir Sorgen machen, dass du Isabel gegenüber auch so reagieren könntest, wenn sie dich was fragt?“
Betrübt sah Eren auf seine Hände.
„Ich denke nicht.“
„Also lag‘s auch an mir?“
„Nein, also…ich weiß nicht“, druckste er. Es wäre ihm peinlich zu sagen, dass Levis Art wohl durchaus ihren Teil zu der Situation beigetragen hatte.
„Du kannst ehrlich zu mir sein, glaub mir, ich halte das aus.“
„Es war einfach ein bisschen viel auf einmal“, erklärte Eren ausweichend, weil er sich noch nicht in der Lage fühlte, konkreter all das zu benennen, was in ihm vorging und weil er auch noch Zeit zum Nachdenken brauchte.
„Aber ich verspreche dir, dass ich es nicht wieder soweit kommen lasse. Weder dir noch jemandem anderem gegenüber.“
Eren wischte sich mit dem Ärmel die Nässe von seiner anderen Gesichtshälfte und Levi nickte. Der Schwarzhaarige wirkte erstaunlich verständnisvoll und erneut fühlte Eren sich, als hätte er das gar nicht verdient. Er bereitete ihm so viele Umstände, stieß ihn vor den Kopf und doch zog Levi jedes Mal nur Grenzen und nie einen Schlussstrich.
„Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde, Levi“, stellte er geschlagen fest.
Der Angesprochene zuckte mit den Schultern, nicht abfällig, eher ratlos.
„Naja, du würdest wahrscheinlich versuchen, jemand anderen zum Invaliden zu machen“, entgegnete er trocken.
Der Kommentar hätte unpassender kaum sein können und doch…Eren stutzte darüber, dann hoben sich, trotz seiner noch feuchten Augen, seine Mundwinkel wie von selbst. Hatte Levi da tatsächlich so etwas wie einen Scherz gemacht? Wenn ja, war der alles andere als gut, aber er verfehlte seine Wirkung nicht, denn Eren fühlte, wie die Anspannung in ihm zerbröselte.  

Während des Essens redeten sie kaum, aber es war ihr übliches, angenehmes Schweigen, das keinen Anlass dazu bot, krampfhaft beendet werden zu müssen.
Nach der Aussprache hatte sich die Stimmung schnell wieder wohltuend normalisiert.
Levis eher schwarzhumoriger Kommentar hatte nicht dazu geführt, dass Eren sich einbildete, es wäre alles vergeben und vergessen. Ihm war sehr bewusst, dass er nie wieder in dieser Form die Beherrschung verlieren durfte. Mal abgesehen davon, dass er das auch gar nicht wollte.
Levi hatte ihm nicht konkret gedroht und das musste er auch nicht, weil Eren auch so verstanden hatte, dass er mit einer weiteren solchen Aktion seine Unterkunft hier aufs Spiel setzen würde.
Je mehr er nun mit klarem Verstand über alles nachdachte, desto deutlicher erkannte er, dass es nie den Zwang hinter Levis Fragen gegeben hatte, den er zu erkennen geglaubt hatte. Der Schwarzhaarige hätte sich mit einem ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ zufrieden gegeben; hätte wahrscheinlich nicht einmal nach Details gebohrt. Diese Fähigkeit, sich auf das Wesentliche zu fokussieren, fand Eren bewundernswert und umso mehr beschämte ihn, dass er nicht in der Lage gewesen war, angemessener zu reagieren; die Rückzugsmöglichkeiten, die Levi ihm alle offen gelassen hatte, völlig missverstanden, ja sogar gegen ihn verwendet, zu haben.
Die nassen Joggingsachen, die er über dem Handtuchtrockner im Bad hängend gesehen hatte, versetzten ihm ebenfalls einen Stich.
Wie abgedreht war ich bloß, dass ich nicht mal gemerkt habe, dass er weg war?
Nach dem Essen räumte Eren die Küche auf, die so unnatürlich sauber wirkte, dass er nicht wirklich viel Arbeit damit hatte. Sein Gastgeber hatte sich schon auf den Weg ins Wohnzimmer gemacht.
Blieb noch Krueger zu versorgen.
Der hatte sich in der Zwischenzeit wieder unter dem Schrank hervorgewagt; betrachtete Eren aber noch mit einer gewissen Skepsis. Der Brünette streckte seine Hand nach ihm aus, doch so leicht war der Kater nicht bereit zu vergeben. Er blieb auf Abstand.
„Tut mir leid, Kleiner“, brachte Eren reumütig hervor.
Krueger sah ihn einfach nur an und saß vor seinem Napf, als würde er sich weigern zu fressen, solange Eren sich noch im Zimmer befand. Er forderte nicht einmal die sonst üblichen Streicheleinheiten.
Eren seufzte.
Das war der Nachteil an einem Tier, man konnte sich eben nicht einfach so mit Worten entschuldigen und seine Beweggründe erklären.
So gab er klein bei und ließ Krueger vorerst wieder allein.
Auf dem Weg ins Wohnzimmer warf er noch einen Blick durch den Flur, um sicherzugehen, dass nicht irgendwo Sachen von ihm herumlagen, die zu weiterem Unmut führen könnten.
Seine Augen streiften die kahlen weißen Wände und aus heiterem Himmel kam ihm das Gespräch in den Sinn, welches er mit Levi vor einigen Wochen über dessen Vergangenheit begonnen hatte.
Nirgends in der Wohnung hatte Levi Fotos von seiner Familie oder von Freunden, und es lag wohl an diesem Tag und den bisherigen Geschehnissen, dass Eren diesen Umstand zum ersten Mal ganz bewusst als merkwürdig empfand. Für Levis Wohnung passte dieses Minimum an Individualität. Verglichen mit dem, was Eren selbst kannte und als selbstverständlich erachtete, war es allerdings schon ungewöhnlich, wenn nicht sogar befremdlich.
Jeder hatte doch wenigstens ein kleines Bild von wichtigen Menschen irgendwo hängen oder stehen?
Schnappschüsse der letzten Partynacht oder aus Urlauben in der Wohnung zu verteilen, sah dem Schwarzhaarigen wirklich nicht ähnlich. Aber gerade als Fotograf - über diese Information wurde Eren noch immer nicht schlau - musste man doch irgendwo Fotos an der Wand haben?

Levi schenkte ihm einen aufmerksamen Blick, als er das Wohnzimmer betrat. In einem seiner Ohren steckte ein Blutooth-Kopfhörer und auf dem Handy, das er in der Hand hielt, lief ein Video; Eren sah nicht genauer hin.
Seine Sprachlernunterlagen vom Nachmittag waren ordentlich beiseite geräumt worden. An ihrer statt standen zwei Weingläser auf dem Tisch.
Wann genau ist das eigentlich so eine völlige Normalität geworden?
Eren musste darüber schmunzeln, als er sich setzte; dieses Mal nicht ans andere Ende des Sofas, sondern in die Mitte und damit näher an Levi heran, der, wie immer seinen rechten Arm lässig auf die Armlehne stützte. Falls er sich über Erens neue Platzwahl wunderte, zeigte er das nicht.
Eren betrachtete den Wein, der schwer und dunkelrot in den, nach seinem Ermessen, überdimensionalen Gläsern schimmerte.
„Wenn du heute was Härteres brauchst, es wäre noch Gin da“, bot Levi an.
Eren schüttelte den Kopf. Seine Gedanken galten weniger dem trockenen und dennoch wirklich gut schmeckenden Rotwein. Vielmehr versuchte er, einen Anfang für das Gespräch zu finden, das er gern führen wollte.
„Hast du noch Kontakt zu deinen Eltern?“, platzte es schließlich aus ihm heraus.
Levi, der sich gerade wieder seinem Handy zuwenden wollte, hielt inne, sah zu Eren zurück. Er schien zu überlegen, ob und was er dazu sagen sollte und entschied sich letztlich für ein einfaches „Nein“.
„Und…ähm, warum nicht?“, hakte Eren nach, wobei er nicht wusste, ob er sich damit nun doch zu weit aus dem Fenster lehnte.
Sein Sitznachbar zog sich ohne Eile den Hörer aus dem Ohr und legte diesem, zusammen mit dem Handy, auf den Tisch vor ihm. Danach justierte er seine Sitzposition indem er sein linkes Bein auf der Sitzfläche der Couch anwinkelte und die Schulter gegen das Rückenteil lehnte, so dass er sich nicht den Kopf verrenken musste, um Eren anzuschauen.
Offenbar war er tatsächlich bereit, Auskunft zu geben.
„Hältst du es gerade wirklich für sinnvoll, dass ich dir das erzähle?“, wollte er wissen.
„Ich mein, ich hab kein Problem damit, aber ich bin mir nicht sicher, ob du diese Story wirklich unbedingt heute hören solltest.“
„Vielleicht sollte ich sie gerade heute hören“, bekräftige Eren und nippte an seinem Wein.
Forschend sahen die graublauen Augen ihn an. Er hielt ihnen stand, weil er wusste, dass er jetzt nichts erfahren würde, wenn er sich unsicher gab.
Dabei war er das.
Er hatte keine Ahnung, was er hören und wie er darauf reagieren würde. Dennoch war er sich sicher, dass er es hören wollte.
„Das ist etwas komplizierter zu erklären“, schickte Levi voraus.
Abwehrend klang es nicht, eher wie eine Vorwarnung, falls Eren vor einer längeren Geschichte noch einmal schnell ins Bad wollte.
„Ich würde es gern wissen, wenn du es erzählen möchtest“, entgegnete Eren und hoffte, dass es so ermunternd und so wenig aufdringlich klang, wie beabsichtigt.
„Vielleicht hilft es mir“, setzte er nach und war sich sicher, damit das überzeugendste Argument ausgesprochen zu haben.
Levi sah ihn skeptisch an und dachte, wie es aussah, über diese Worte nach. Eren ließ ihm die Zeit, betrachtete eingehend den Stoff seiner Jeans, um Levi nicht anzustarren.
Der atmete schließlich durch, trank einen Schluck Wein, und begann dann zu erzählen.
„Du weißt ja grob, aus welcher Region ich stamme und bist sicher auch mit der Konfliktsituation dort vertraut.“
Eren nickte. Da, wo Levi herkam, schwelte schon seit vielen Jahren ein Bürgerkrieg, der tatkräftig von dem Land unterstützt wurde, das letztlich nun den Krieg begonnen hatte.
„Hast du sehr nah an der Grenze gelebt?“
Levi schüttelte den Kopf und nannte ihm den Namen des Ortes, aus dem er stammte.
„In der Nähe von unserem Dorf war ein Militärstützpunkt. Ich weiß nicht, wie genau es kam, aber meine Mutter hatte sich in einen der Soldaten von dort verliebt. Einen feindlichen meine ich damit.
Irgendwie haben sie auch tatsächlich zueinander gefunden, sonst säße ich nun nicht hier.“
Gespannt lauschte Eren; wagte sich nicht, irgendein Geräusch von sich zu geben, das Levi dazu veranlassen könnte, seine Ausführungen doch spontan wieder einzustellen.
„Ich weiß nichts weiter über meinen Vater. Keine Ahnung, wie er hieß, wie er aussah und ob er meine Mutter auch geliebt hat. Sie muss einiges für ihn empfunden haben. Genug jedenfalls, um mich zur Welt zu bringen. Die Umstände müssen verdammt hart für sie gewesen sein. Weil…naja…ein uneheliches Kind ist schon scheiße aber darüber kann man in einem Dorf normalerweise noch irgendwie hinwegsehen. Ein Kind von einem feindlichen Soldaten zu haben, das ist allerdings mit Sicherheit absolut unverzeihlich.
Sie hat niemandem, auch mir nicht, erzählt, wer genau mein Vater war. Wir haben nie darüber geredet. Wäre das rausgekommen wären wir sicher wie eine Aussätzige behandelt worden. Ich weiß noch, dass man uns machmal merkwürdig angeschaut hatte, weil sie eben alleinerziehend war, aber wir wurden geduldet, sag ich mal.
Das mit der Geheimhaltung hat sie wirklich knallhart durchgezogen. Sie hat den verdammten Namen meines Vaters nicht mal irgendwo heimlich in ein Buch gekritzelt.“
Ein Hauch Bitterkeit schwang in Levis Stimme mit. Wieder sah er Eren an und schien unschlüssig, ob er weiterreden sollte. Eren erwiderte seinen Blick tapfer, denn er ahnte, dass Levi nicht überlegte, weil er selbst noch zu sehr mit der Geschichte haderte, sondern weil er abschätzte, ob das Folgende wirklich zumutbar wäre. Diese Einsicht war merkwürdig für Eren, denn von Erlebnissen zu hören, die nicht seine eigenen waren, kam ihm wesentlich machbarer vor, als wenn er von sich selbst erzählen müsste. In den vielen Büchern, die er seit seiner Ankunft hier schon gelesen hatte, standen schließlich auch nicht nur unverfängliche Sachen geschrieben. Allerdings waren diese Bücher eben allesamt Fiktion. Levi aber saß hier neben ihm und erzählte Dinge, die tatsächlich passiert waren.
Eren sagte nichts, versuchte lediglich, sich seine Gedanken und aufkommenden Zweifel nicht anmerken zu lassen.



Levi sah, dass er Eren verunsichert hatte mit seiner Vorwarnung. Trotzdem blickten ihn die grünen Augen gespannt an.
Rein vernünftig betrachtet wäre es wohl besser, ein anderes Mal zu reden.
Was aber, wenn Erens Einwand, dass es ihm helfen könnte, doch eine Berechtigung hatte?
Würde es ihm Mut machen zu hören, dass andere Menschen ebenfalls schlimme Dinge erlebt hatten und dass es durchaus möglich war, über diese irgendwann einmal sprechen zu können, sie annehmen zu können, ohne davon in den Abgrund gerissen zu werden?
Nachdem Eren sich in den letzten Stunden emotional ziemlich ausgetobt hatte, würde es ihm vielleicht leichter fallen, einen Abstand zum Gehörten wahren zu können.
Levi beschloss, dass es hier womöglich mehr zu gewinnen, als zu verlieren gab. Sie mussten früher oder später reden und eventuell war es nicht die schlechteste Idee, wenn er den Anfang machte.
Ja, er wollte es wagen und setzte seine Erzählung fort.
„Meine Mutter hatte dafür sorgen können, dass unser Dasein von ihrer Seite aus abgesichert war. Was sie halt nicht beeinflussen konnte, war das, was mein Vater auf seiner Seite so tat. Irgendwie war er wohl weniger gut darin, sie und mich dauerhaft geheim zu halten. Vielleicht hatte es auch jemand drauf angelegt, ihm eins reinzuwürgen, keine Ahnung. Kann sein, dass es eher Unachtsamkeit als böser Wille war, dass die Beziehung - oder der Fehltritt, wie mein Onkel gern zu sagen pflegte - nach ein paar Jahren aufgeflogen ist, obwohl mein Vater nach meiner Geburt nie wieder bei uns war, jedenfalls nicht, dass ich mich erinnern könnte.
Die ersten paar Jahre verlief meine Kindheit normal, würde ich sagen.
Natürlich hab ich von klein auf mitbekommen, dass es immer uns, die Guten, und die anderen , gab, die da in dem Stützpunkt lebten, und vor denen man sich in Acht nehmen sollte. An Kampfhandlungen kann ich mich nicht erinnern, was aber nichts heißen muss -  als Kind wird man von vielem ja fern gehalten.“
Levi pausierte und griff nach seinem Weinglas.
Bis zu diesem einen Tag…
Jener Tag war einer von denen, die in seiner Erinnerung wohl niemals verblassen konnten. Den er immer so sehen würde, als wäre er erst letzte Woche gewesen.
Nach über zwei Wochen Dauerregen war es der erste wirklich sonnige und freundliche Maitag gewesen.
Den ganzen Tag hatte er im Garten gespielt. Hatte mit seinen zwei kleinen Holzschwertern gegen imaginäre Gegner gekämpft, hatte Schmetterlinge in dem großen Fliederbusch beobachtet und den Kolkraben zugesehen, die in den großen dunkelgrünen Tannen nahe ihres Hauses nisteten.
Nichts hatte anders als sonst geschienen.
Der Tag war angenehm gewesen und blieb es auch, bis Levi abends ins Bett sollte.
Seine Mutter hatte, wie immer, an seinem Bett gesessen ihm etwas vorgelesen. Nur beiläufig hatte sie in einer Atempause ihren Blick dann aus dem Fenster gerichtet, ihn aber nicht wieder von dort abgewandt.
Levi hatte ungeduldig an ihrem Ärmel gezogen, sogar an ihrem langen schwarzen Haar, denn er wollte, dass sie endlich weiterlas. Doch sie hatte ihn nicht beachtet.
Stattdessen war sie in einer Plötzlichkeit aufgesprungen, dass ihr das Buch dabei aus der Hand fiel.
Das nächste, was Levi wusste war, dass sie ihn gepackt und in eine kleine unscheinbare Abstellkammer nahe der Treppe zum Dachboden getragen hatte.
Er hatte sich gewehrt, war sauer, weil er doch endlich wissen wollte, wie die Geschichte ausging. Sie hatte auf ihn eingeredet, war unruhig und völlig anders als je zuvor.
An die genauen Worte erinnerte er sich nicht mehr. Aber er hatte Angst bekommen.
Angst, weil er nicht gewusst hatte, was vor sich ging; Angst, weil er die auch bei seiner Mutter sehen konnte.
Der letzte Blick, den sie ihm zugeworfen hatte, war wie ein Foto in seinem Kopf gespeichert.
Da war ein ganz merkwürdiger Ausdruck in ihren hellen blauen Augen gewesen, wehmütig, liebevoll, irgendwie endgültig.
Sie hatte ihn schwören lassen, keinen Lärm zu machen oder sich der Tür zu nähern. Ihm sogar ganz explizit Angst vor denen gemacht, damit er wirklich keinen Mucks von sich geben würde. Dann hatte sie abgeschlossen.
In der Kammer war es stockdunkel gewesen. Nicht ein Spalt war im Holz, durch den er hätte hinaus sehen können. Bis heute war Levi sich sicher, dass er nicht einmal richtig geatmet hatte, als er dort saß.
Allein, verängstigt und ungewiss.
Lärm hatte sich in der unteren Etage erhoben. Getrampel, laute Stimmen von Männern. Zwischendrin die seiner Mutter. Die Worte hatte er nicht verstehen können. Levi hatte versucht, sich klein zu machen, seine Beine angezogen und seinen Kopf auf seine Knie gelegt.
Endgültig erstarrt war er, als er das Weinen und die Schreie hörte. Markerschütternde Geräusche, die er nicht hatte zuordnen können.
Es war ihm unendlich lange vorgekommen, bis sie wieder aufgehört hatten. Doch die Stille danach war keine Erlösung gewesen.
Sie war noch unerträglicher.
Durchbrochen worden war sie dann durch diese Tritte von schweren Stiefeln auf altem Parkett. Das Stampfen und Knarzen schienen von überall her zu kommen - über ihm, unter ihm, in den Wänden.
Still hatte er geweint, was er erst nach einer Weile dadurch realisiert hatte, dass der Kragen seines Pullovers feucht geworden war. Niemals wieder hatte er so viel Angst gehabt, wie dort in diesem winzigen dunklen Raum.
Die Dreckskerle hatten wohl nach ihm gesucht, aber sehr gründlich waren sie offensichtlich nicht dabei gewesen. Oder sie hatten keine Lust mehr gehabt. Weshalb auch immer, irgendwann waren  die Tritte verschwunden und hinterließen nichts als allumfassenden Stille.
Fast drei Tage hatte er in der Kammer gesessen, wie er später erfahren hatte, und es war nicht übertrieben zu sagen, dass er dort drin fast verreckt wäre. Ohne Schlüssel hatte er keine Chance gehabt hinauszukommen.
Auf sich aufmerksam zu machen hatte er sich nicht getraut, weil er keine Ahnung hatte was los war. Weil er gewusst hatte, dass er nicht von denen gefunden werden durfte. Und weil er es seiner Mutter geschworen hatte.
Selbst wenn er gerufen, getobt, hätte, sie hatten allein und ein Stück außerhalb des Ortskerns am Waldrand gewohnt - keiner hätte ihn gehört.
Ohnehin war er zu schwach gewesen.
Jede Faser von ihm war in jeder einzelnen Sekunde dieser Tage so von Furcht erfüllt gewesen, dass er sich kaum bewegen konnte, völlig handlungsunfähig war. Wie er diese Zeit überstanden hatte, was er getan hatte, während er dort saß, daran erinnerte er sich nicht mehr. Nur an die Gefühle, die sie hinterlassen hatte.
Letztlich hatte Kenny ihn gefunden. Sein Onkel wohnte eigentlich weit entfernt in der Hauptstadt. Als Levi ihn später gefragt hatte, warum er gekommen war, hatte er ihm von einen Brief erzählt den er von seiner Schwester erhalten hatte. In diesem hatte sie vage Befürchtungen geäußert, nachdem sie zufällig mitbekommen hatte, dass Levis Vater verstorben war.
Sicher war der Tod seines Erzeugers wenige Tage vor dem Überfall keinem Zufall zuzuschreiben.
Im Geiste sah Levi noch einmal die Zimmer des Hauses an ihm vorbeiziehen, als Kenny ihn hinaus zur Haustür getragen hatte.
Sie waren eher arm, was man dem Haus und auch dem Mobiliar deutlich angesehen hatte. Trotzdem hatten die Wichser alles aus den Schränken und Schubladen gewühlt. Der Boden war voller Dreck und Schlamm gewesen, den die Männer in ihren Stiefelprofilen von den aufgeweichten unbefestigten Wegen draußen mit hineingebracht hatten.
Er sah das alles so deutlich vor sich - ihre Habseligkeiten, teils zertrampelt, befleckt, achtlos überall verstreut.
Ihr Haus war keine Luxusunterkunft gewesen, im Winter hatte es an der einen oder anderen Stelle auch mal durchgezogen, doch es war immer sauber gewesen; immer ordentlich.
Das alles so mit Füßen getreten zu sehen, jeglicher Wertschätzung beraubt, allein das schon hätte sicherlich gereicht, um unauslöschliche Spuren bei ihm zu hinterlassen.
Er hatte nicht reden können, keine Fragen stellen können, weil er dehydriert war. Seine Zunge hatte trocken am Gaumen geklebt und so hatte er einfach nur gehofft, dass Kenny ihn schnell dort raus bringen würde. Ihn draußen seiner Mutter übergeben würde, die ihn dort sicher schon erwartete.
Der letzte Raum, den sie auf dem Weg hinaus passieren mussten, war das Wohnzimmer gewesen.  
Dort hatte er sie liegen sehen. Und obwohl er das gesehen hatte, ganz klar und deutlich, konnte er dieses Bild noch lange danach nicht begreifen.
Seine kindliche Wahrnehmung hatte keine Verbindung herstellen können, zwischen dem leblosen Körper, der da lag, inmitten einer braunroten Lache, die sich in den beigen Teppich gefressen hatte, und seiner Mutter. Auch nicht zwischen dem, teils zerrissenen und mit braunroten Flecken übersäten, Kleid - ihrem Kleid - das an der Gestalt hing. An der Gestalt, die in einem völlig unnatürlichen Winkel auf dem Boden lag. Alles hatte unecht ausgesehen. Als hätte jemand eine Puppe drapiert.
Erst recht nicht hatte er den süßlichen Geruch, der schwer im Zimmer hing, dem zuordnen können, was er vor sich gesehen hatte. Der Geruch war im fremd gewesen und doch hatte er ihn instinktiv als etwas erkennen können, von dem man Abstand nehmen sollte.
Kenny hatte nicht zugelassen, dass er sich näher umschauen konnte und er war auch zu schwach gewesen, um sich aus seinem Griff zu winden.
Trotz dem, was er gesehen hatte, trotz all dem, hatte er weiter damit gerechnet, das seine Mutter ihn im Vorgarten in Empfang nehmen würde; ihn liebevoll in die Arme schließen, einen Kuss auf die Wange geben und ihm sagen würde, dass alles gut ist.
Wochen danach noch hatte er auf sie gewartet, einfach nicht verstehen können, weshalb sie nicht endlich zu ihm kam. Schließlich war er sogar wütend geworden, weil sie ihn einfach vergessen hatte. In dem Alter hatte er die Bedeutung von ‚nie wieder‘ nicht gekannt, sich nicht vorstellen können.
Levi suchte Erens Blick.
Nein, er würde ihm diesen Teil der Geschichte heute keinesfalls so erzählen können. Irgendwann später vielleicht, wenn Eren seine eigenen Erlebnisse sortiert hatte. Bis dahin musste die Kurzfassung reichen.



Gedankenverloren sah der Schwarzhaarige einige Augenblicke lang irgendwo an Eren vorbei in den hinteren Teil des Raumes. Erens Blick fiel auf das Weinglas, das Levi, untypisch für ihn, in der Hand behalten hatte.
„Es ist aufgeflogen, als ich sechs war“, sprach Levi schließlich, endlich, weiter.
„Die Soldaten von dem Stützpunkt haben meine Mutter und mich in unserem Haus überfallen. Sie hat mich noch rechtzeitig in einer Abstellkammer verstecken können. Das hat zumindest mir das Leben gerettet. Mein Onkel, Kenny, hat mich dann mit zu sich in die Hauptstadt genommen.“
Viele Worte oder gar Ausschmückungen waren es nicht und dennoch fühlte Eren sich wie versteinert über die Informationen. Levis Stimme war fest; nicht emotionslos aber doch auf gewisse Weise nüchtern.
„Kenny hat alles auf den Kopf gestellt, um mehr über meinen Vater herauszufinden. Er hätte mich sicherlich liebend gern bei der Familie meines Erzeugers abgeladen, denn dann hätte nicht er sich mit mir rumschlagen müssen. Das Einzige was er aber hatte, war ein Brief von meiner Mutter, in dem sie ihm erklärte, dass mein Vater tot ist und sie sich Sorgen um mich und sich machte.
Da Kenny bei uns im Haus nichts gefunden hat, kann man davon ausgehen, dass es auch wirklich nichts zum Finden gab. Kenny ist ein Fuchs, dem entgeht nichts.
Drei Jahre habe ich bei ihm gelebt. Wir haben kaum geredet über das, was passiert ist. Am Anfang hat mir ein paar der allernötigsten Fragen beantwortet, mir dann aber ziemlich schnell komplett verboten, welche zu stellen oder generell das Thema anzuschneiden.
Auch den Brief von ihr hat er mir nie gezeigt und irgendwie stört mich das wohl bis heute am meisten. Alles was ich weiß, neben den Sachen, an die ich mich selbst erinnern kann, hat Kenny mir erzählt und es ist irgendwie zum Kotzen, dass es so wenig ist und es außerdem nichts gibt, was seine Erzählungen bestätigt oder widerlegt. Seine Version der Geschichte klingt plausibel und zum Lügen hätte er wahrscheinlich keinen Grund, aber naja, vertrauenswürdig fand ich ihn nie. Er hat immer zuerst das beste Auskommen für sich selbst im Sinn gehabt. Trotzdem muss er ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter gehabt haben. Ich denke, er hat mich nicht aus Mitleid einem kleinen Kind gegenüber aufgenommen, sondern es allein für sie getan.
Die Zeit bei ihm war nichts, was ich als schön oder angenehm bezeichnen würde. Kenny hat dafür gesorgt, dass ich was zu Essen hatte und ein Dach über dem Kopf. Lebenserhaltende Maßnahmen eben, mehr nicht.
Die Stadt war groß, laut, furchtbar und hat mich überfordert. Ich kannte ja nur unser ruhiges kleines Dorf.
In der Schule war ich gut, was ich darauf schiebe, dass ich sonst nicht viel hatte, mit dem ich mich beschäftigen konnte. Bei den anderen Kindern dort habe ich nie Anschluss gefunden.
Irgendwann hat Kenny dann offenbar beschlossen, dass ich aus dem Gröbsten raus bin und er seine Schuldigkeit meiner Mutter gegenüber getan hätte.
Einfach so, ohne Vorwarnung oder Erklärung, hat er mich in ein Heim gesteckt. Er hat mich hingebracht, abgegeben und seitdem habe ich ihn nie wieder gesehen oder etwas von ihm gehört.“
Die aufgekommene Trockenheit in seinem Mund versuchte Eren mit einem unnötig großen Schluck Wein zu bekämpfen. Levi sah ihn an und schüttelte den Kopf, wobei aber nicht klar war, ob das nun ihm, Kenny oder sich selbst galt.
Er pausierte und Eren spürte den wachsamen Blick auf sich.
Warum genau konnte Eren nicht sagen, aber er hatte den Drang, näher zu Levi zu rücken, ihn in den Arm zu nehmen, obwohl sein Gastgeber ganz und gar nicht den Eindruck machte, als wäre das nötig.
Eren hatte befürchtet, dass Levi keine sonderlich schöne Geschichte zu erzählen hatte, aber das, was er nun gehört hatte, befand er für ungeahnt hart, obwohl der Ältere sich mit Details zurückhielt.
Wie schafft er es, das alles so gefasst erzählen?
Levi war anzumerken, dass da gewiss noch Narben in ihm waren von dem, was er erlebt hatte, aber es war, als würde er aus einem Buch vorlesen, das ihn zwar irgendwo bewegte, das er aber auch zuklappen und weglegen konnte, ohne den Inhalt davon als emotionalen Ballast zurückzubehalten. Zumindest schien Eren das so. Wie es tatsächlich in Levi aussah, davon trug er im Moment nicht mehr als sonst nach außen.
Nachdem der Ältere sich überzeugt zu haben schien, dass Eren diesen Teil seiner Erzählungen soweit verkraftet hatte, fuhr er schließlich fort.
„In dem Heim war ich knapp zwei Jahre. Das war natürlich auch eher eine beschissene Zeit.
Ich habe das alles nicht wirklich kapiert, ich war ja noch sehr jung, und bin auch nie richtig dort zurecht gekommen. Zu den Betreuern im Heim oder den anderen Kindern habe ich keinen Kontakt aufgebaut. Dort herrschte keine Freundlichkeit oder Rücksichtnahme. Ich war einer von Vielen und wahrscheinlich war meine Vorgeschichte sogar noch eine der weniger schlimmen. Trotzdem haben die Kinder sich dort gegenseitig das Leben schwer gemacht. Prügeleien, Essen klauen, Mobbing - das war Tagesordnung. Man hat es entweder hingenommen oder gelernt sich Respekt zu verschaffen. Ich hatte mich für letzteres Entschieden.
Die Erwachsenen hat es nicht interessiert, außer es kam irgendwelcher Besuch von wichtigen Leuten. Im Vergleich zu dem Heim könnte ich die Zeit bei Kenny fast schon als überfürsorglich bezeichnen.“
„Bist du dort abgehauen?“, wollte Eren wissen, weil er es Levi aus irgendeinem Grund durchaus zutrauen würde.
Der Schwarzhaarige sah ihn an und schmunzelte.
„Wirke ich so auf dich, ja?“
„Vielleicht ein bisschen“, gab er zu.
„Nein, so spektakulär geht die Story nicht weiter. In das Heim kamen regelmäßig Pärchen aus dem Ausland, die sich Kinder zur Adoption aussuchten und mitnahmen.
Eines Tages war ich eines davon.
Meine Adoptiveltern haben mich dann zu sich hierher geholt. Sie waren nur ein einziges Mal vor der Adoption da und ich erinner mich nicht mal daran. Im Grunde waren sie völlig fremde Menschen für mich.
Für mich hatte sich hier zunächst nichts geändert.
Ich war bei Kenny allein, in dem Heim allein und hier dann erstmal auch allein. Ich hatte nichts, was mir gehörte außer ein paar Klamotten. Hatte nichts, an das ich mich halten konnte. Ich kannte weder die Menschen, noch die Sprache hier und…ja, war eben einfach fremd.“
Der Ausdruck in Levis Augen wurde weicher, als er weitersprach.
„Also, zusammengefasst: Auch wenn meine Umstände damals andere waren, kann ich vermutlich ein bisschen nachvollziehen, wie du dich fühlen musst.“
Eren wusste nicht, was er dazu sagen, oder über welche dieser ganzen Informationen er zuerst nachdenken sollte. Levi machte nicht den Eindruck, als erwartete er einen Kommentar oder Mitleidsbekundungen. Vor allem Letzteres nicht.
Leger, wie immer, saß er da, nahm einen letzten Schluck Wein und schaute dann wieder an Eren vorbei Richtung Fenster. Seine Art, wie er aufrecht dort saß. Nicht gebrochen, nicht verzweifelt und trotzdem irgendwo gezeichnet - sie berührte Eren. Levi schien so unerschütterlich trotz der schlimmen Dinge, die er erlebt hatte.
„Hast du mich deshalb aufgenommen? Weil du dich ein Stück weit wiedererkannt hast?“, sprach Eren die Vermutung aus, die ihm plötzlich gekommen war.
„Möglich“, erwiderte Levi nur und es brachte Eren, trotz der alles andere als witzigen Sachlage, beinahe zum Lachen, dass nach diesen ganzen, ungewöhnlich ausführlichen, Sätzen wieder so eine vage Levi-Antwort folgte.
Eren sah ihn an, ohne recht zu wissen, was er davon halten sollte. Bisher hatte er nie hinterfragt, ob es, außer allgemeiner Hilfsbereitschaft, noch tiefergehende Gründe für Levis Entscheidung für ihn gegeben hatte. Seine Antwort glich aber durchaus einer Art Eingeständnis.
Levis Gesicht wirkte nicht bekümmert und sein Blick war auch nicht abwesend; eher so, als würde er einen Moment lang über etwas nachdenken.
Während er ihn betrachtete, versuchte Eren sich Levi als Kind vorzustellen und es wollte ihm nicht ganz gelingen. Levi wirkte so zeitlos auf ihn, so konstant, als könnte er nie anders gewesen sein, als er jetzt und hier war. Allein sein Alter zu schätzen war ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn Eren es nicht mittlerweile wüsste, würde er wohl immer noch darüber rätseln.
„Hast du noch Fotos von damals?“, wollte er dann neugierig wissen.
Wie erwartet, wurde dies mit einem Kopfschütteln beantwortet.
Erens Gedanken wanderten einen Moment lang zu seiner eigenen Kindheit. Sie war behütet gewesen und eigentlich dachte er gern daran zurück. Es schien ihm so ungerecht, dass Levi dieses Glück nicht, beziehungsweise nur viel kurz, hatte erleben können.
Trotz allem, vielleicht gerade deswegen, war er so ein - Eren konnte es nicht anders formulieren - wunderbarer Mensch geworden. Er war eigen und ein wenig unnahbar; darunter verbarg sich aber ein wahnsinnig großes Herz, wofür Eren selbst wohl der beste Beweis war.
Obwohl er nun in groben Zügen die Geschichte kannte, drängelten sich viele Fragen in Erens Kopf.
„Deine Adoptiveltern. Hast du zu denen auch keinen Kontakt mehr?“, sprach Eren schließlich eine davon aus, denn ganz am Ende der Geschichte waren sie ja noch immer nicht angelangt.
Die graublauen Augen trafen wieder auf die seinen.
Levi seufzte und schenkte ihnen Wein nach, was er sonst nie tat.
„Nicht mehr, nein. Mein Adoptivvater ist letztes Jahr verstorben, wie ich zufällig erfahren habe.
Sie waren eigentlich wirklich gut zu mir. Klar, sie waren kein Ersatz und mir nie so nah, wie meine Mutter, aber sie haben sich große Mühe gegeben und mich gut behandelt. Ich bin ihnen dankbar dafür, dass sie mir diese Chance gegeben haben, denn ich war echt kein einfaches Kind.“
„Was ist passiert, dass du jetzt nichts mehr mit ihnen zu tun hast?“
Eren wollte nicht so verdammt neugierig sein, aber es ergab keinen Sinn für ihn, warum der Kontakt abgebrochen war, wenn sie Levi doch gut behandelt hatten.
Der Ältere fuhr sich durchs Haar und schwieg so lange, dass Eren die Hoffnung auf eine Antwort schon aufgeben wollte. Dann war es zur Abwechslung Levi, der kurz auf das Bild hinter dem Sofa blickte.
„Ich habe mich geoutet“, erklärte er schließlich, ganz simpel und selbstverständlich.
Ihre Blicke trafen sich wieder. Einige Sekunden lang schwirrten die Worte durch Erens Kopf, bevor er sie begreifen konnte.
„Sie wollten deswegen keinen Kontakt mehr zu dir?“, fragte er, nun vollkommen fassungslos.
Levi zuckte mit den Schultern.
„Tja, sie waren der Meinung, sie hätten eben versagt. Und sie wussten nicht, wie sie damit umgehen sollen, denn sie hatten wohl schon erwartet, dass ich mich für die Adoption mit ein paar Enkeln revanchieren würde.
Ich habe mehrfach versucht, irgendwie ein normales Gespräch mit ihnen darüber zu führen. Sinnlos. Keine Chance.
Sie fanden es wohl schon schmählich genug, dass sie selbst keine Kinder kriegen konnten und eins adoptieren mussten. Und dann hatten sie nicht nur eins aus dem Ausland, sondern plötzlich auch noch so eins. Mein Outing sahen sie wahrscheinlich als ultimatives Versagen ihrer selbst an, weil es die ganze Mühe, die sie meinetwegen hatten, in ihren Augen negativierte. Diese immensen Hoffnungen, die sie in eine vermeintlich normale, vorzeigbare Familie hatten, habe ich wohl vollkommen zunichte gemacht.
Ich hab auch erst ziemlich spät gemerkt, dass ich nichts von Frauen will. Das Jahr bis zur Volljährigkeit war schrecklich, weil ich die Einstellung meiner Adoptiveltern zu dem Thema kannte und es ihnen keinesfalls sagen wollte, solange ich noch auf sie angewiesen war.
Natürlich hatte ich trotzdem gehofft, dass sich meine Ängste nicht bewahrheiten. Dass sie mich vielleicht gern genug haben, um mir diesen“, Levi deutete Gänsefüßchen mit seinen Fingern an, „ ‚Fehler’ zu verzeihen. Dem war nicht so. Sie haben komplett dicht gemacht, den Kontakt abgeblockt und als ich noch ein paar letzte Sachen bei ihnen abholen wollte, wurde mir mitgeteilt, dass sie alles, darunter auch fast alle Fotos aus meiner Jugend bei ihnen, entsorgt hätten. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber ich halt‘s nicht für abwegig.“
Erens Augen drohten ihm fast aus dem Kopf zu fallen.
„Aber…aber ich dachte, hier im Land ist das akzeptiert und viel normaler als bei uns?“
Entgeistert sah er Levi an, denn was er da erzählte, entsprach nicht dem Bild, was er von diesem Land hatte.
Levi schnaubte abfällig.
„Wenn du es so vergleichen willst, stimmt es wohl auch. Trotzdem gibt es hier noch genug…nein zu viel, Widerstand gegen alles, was nicht der Norm entspricht. Rein vom Gesetz her darf ich auf offener Straße einen Mann küssen, darf ihn heiraten, ja sogar scheiß Bälger adoptieren. Das heißt aber nicht, dass ich mir nicht trotzdem Gedanken machen muss, dafür von irgendwelchen homophoben Kackbratzen eins auf die Fresse zu kriegen, weil sie sich einbilden, sie hätte ein Mitspracherecht darüber, wen ich lieben darf. Die Toleranz macht Fortschritte hier, aber der Weg ist trotzdem noch wirklich weit.“
„Das hatte ich nicht erwartet.“
Eren betrachtete Levis schlanke Finger, die das Glas umfassten, dann sah er wieder in diese tiefgründigen Augen, aus denen ihm ein sehr merkwürdiger Blick entgegnet wurde, den er ganz und gar nicht einordnen konnte.
„Hätte ich dir eher sagen sollen, dass ich schwul bin?“, fragte Levi plötzlich ernst.
„Ich…nein….es geht mich nichts an…aber…ich hab es mir gedacht…irgendwie“, stammelte Eren und wusste, dass er rot wurde.
„Mhm, und dich stört nicht, was ich dir gerade erzählt habe.“
Wieder einmal musste Levi keine Frage stellen, denn Eren schien seine Regungen derart offen zur Schau zu tragen, dass bloße Feststellungen von Tatsachen ausreichten.
Sein Herz sackte einen Schlag lang nach unten ab, obwohl es gar keinen sinnvollen Grund dafür gab.
„Ich finde es traurig, dass du keine schöne Kindheit hattest.“
Levi lehnte sich ein Stück nach vorn, ihm entgegen, und sah ihn weiter mit diesem absolut undefinierbaren Blick an.
„Das meine ich nicht.“
Es hatte keinen Sinn, sich aus dem Gespräch zu winden. Irgendwie hatte er sich ja selbst schon ein wenig verraten.
„Es stört mich nicht, weil…es ist…noch etwas, das wir gemeinsam haben.“
Der Schwarzhaarige nickte nur, als hätte Eren lediglich auf eine simple Quizfrage die korrekte Antwort gegeben.
 
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