Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Zeit

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
30.03.2022
30.03.2022
1
1.287
3
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
30.03.2022 1.287
 
Das ist mein Beitrag zu „Thron der Schreibkunst“ von den Spinatwachteln. Das Zitat war „Wir müssen entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen wollen, die uns gegeben ist – Herr der Ringe.
Viel Spaß beim Lesen.



Zeit



Es startet leise.
Zuerst ist es ein Gläserklirren. Es kommt aus der Küche, in der Mama gerade das Abendessen kocht, und ich höre es nur deswegen, weil ich meine Musik kurz ausgeschalten habe. Ich strecke kurz den Kopf aus der Tür, rufe ein halbherziges „Alles in Ordnung?“. Es kommt keine Antwort. Schulterzuckend setze ich mir die Kopfhörer wieder auf.

Mama und ich, wir leben nebeneinanderher. Das ist nicht, weil wir ein schlechtes Verhältnis haben – wir führen nur zwei vollkommen unterschiedliche Leben. Sie, eine Bäckerin mit Leib und Seele, ist aufgrund ihres Berufs so nachtaktiv wie ich es nie sein könnte. Ich, ganz „das Träumerchen“, wie mich mein Vater früher nannte, kann meinem realen Leben nicht viel abgewinnen; ich ziehe es vor, mir Geschichten auszudenken und in ihnen zu verschwinden. Dennoch – letzten Endes wissen wir beide, dass wir uns auf den jeweils anderen verlassen können. Oder zumindest dachte ich das.

Das nächste Mal ist es ein bisschen lauter.
Mama weint. Es ist, so bizarr das auch klingen mag, für mich immer recht interessant, wenn ich Mama weinen höre – es hört sich nämlich so an, als würde sie lachen. Es ist schon mehr als einmal vorgekommen, dass ich das eine mit dem anderen verwechselt habe. Aber diesmal bin ich mir ziemlich sicher, dass sie weint.
Ich schließe das Buch, das ich gerade lese, und gehe zu ihr. Als sie mich sieht, wischt sie sich hastig über die Augen. „Oh, du bist’s! Hallo, brauchst du etwas? Ihr Lächeln klebt auf ihrem Gesicht wie eine gemalte Lüge.
Ich setze mich zu ihr auf das Sofa und starre an die Wand, auf den Fleck gelbe Farbe, den ich da raufgekleckst habe, als ich klein war. Wir schweigen so lange, bis die Stille sich wie ein Fliegennetz über uns legt, bis ich mich wie eine gefangene Fliege fühle. „Du hast geweint. Was ist los?“, meine Stimme klingt rau in meinen Ohren. Ha. Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt, mit jemandem zu reden, den man zwar liebt, aber nicht wirklich gut kennt. Interessant ist das.
Ich sehe es in ihren Augen – ihr erster Impuls ist es, abzustreiten, dass sie geweint hat. Aber vielleicht ist Mama von dieser ungewohnt offenen Konversation genauso überrascht wie ich.
Sie starrt ein paar Sekunden auf ihre Fußnägel; heute sind sie blau angemalt.
„Ich habe vorhin telefoniert. Mit deinem Vater“, sagt sie schließlich. Wenn ich nicht schon überrumpelt davon wäre, dass sie mit meinem Vater telefoniert hat, wäre ich sprachlos angesichts der Emotionslosigkeit in ihrer Stimme.

Ich bemühe mich um dieselbe Teilnahmslosigkeit. „Ah. Und was wollte er?“, in meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Ich habe meinen Vater seit sieben Jahren nicht mehr gesehen – und um ehrlich zu sein, habe ich auch kein Verlangen danach. Meine Befürchtungen bestätigen sich, als Mama mit den Schultern zuckt, „Na was wohl. Dich sehen.“ Ihre Stimme ist kühl, abwesend. Aber da zuckt ein Muskel in ihrer Wange und ihre Hand umklammert das rosa Couchkissen. Ich seufze leise auf.
„Ich glaube, du solltest das tun. Ihn sehen, meine ich. Vielleicht hat er sich ja…“, ihre Unterlippe bebt, „verändert.“ Ha. Guter Witz.
Ich stehe von der Couch auf. Ich kann spüren, wie Wut in mir hochzukochen beginnt; wie ich beginne, melodramatisch zu werden, einfach aus lauter Wut. Und immer, wenn das passiert, werde ich kindisch – und beginne, aus meinen Lieblingsfilmen zu zitieren. „Das Leben ist doch sowieso so kurz, Mama. Wir müssen entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen wollen, die uns gegeben ist. Und eines weiß ich: Ich will sie sicher nicht damit verschwenden, diesem Idio- meinem Vater auch nur eine Minute Aufmerksamkeit zu schenken.“
Sie sieht mich an, aber auch durch mich hindurch. Ihre Lippen formen meinen Namen, das glaube ich zumindest, aber ich denke zurück an all das Geschrei damals, an Mamas Weinen am Küchentisch, an den Gestank der Zigaretten meines Vaters. Nein. Ich werde ihn nicht sehen. Auf keinen Fall.
Ich lege Mama kurz eine Hand auf die Schulter und muss der Versuchung widerstehen, sie zu umarmen. Ich bin kein Kind mehr. Sie braucht es nicht. Diese Art von Beziehung, die haben wir nicht.
Ich stehe auf und verlasse das Wohnzimmer.


Mama und ich, wir kommen gut ohne ihn aus. Er hat sich dafür entschieden, nichts mehr von uns wissen zu wollen, und wir haben entschieden, dass uns das egal ist. Naja. Großteils zumindest. Mama weint laut, und ich fluche zu oft.
Aber wir kommen klar. Ich schnappe mir mein Buch und lese weiter, aber die Wörter tanzen vor meinen Augen und werden alle zu ‚Vater‘ ‚nein‘ oder ‚was nun?‘ Tja. Wenn ich das wüsste.
Ein kleiner Teil von mir ist wütend auf sie – warum telefoniert sie noch mit ihm? Warum hat sie abgehoben und ihn nicht einfach ignoriert? Sie hätte doch wissen müssen, dass ein Gespräch mit meinem Vater selten etwas Gutes mit sich bringt.
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als sie mich zum Essen ruft. Sie hat Steak und Bratkartoffeln gemacht, mein Lieblingsessen. Aber heute schmeckt auch das nach all den Fragen und Zweifeln in meinem Kopf.


Das letzte Mal ist es Geschrei.
Mama schreit. Das tut sie selten – und es ist bis jetzt erst einmal vorgekommen, dass sie mich angeschrien hat. (Ich glaube, das war als ich eine ihrer Vasen aus Wut zertrümmert habe.)
Aber jetzt schreit Mama nochmal, und ich bin mir nicht sicher, ob sich das Geschrei und Gefluche eher auf meinen Vater oder auf mich bezieht.
„Du wirst zu ihm gehen! Ich… ich meine… er hat angerufen und er will dich sehen! Also wirst du gehen. Bitte… vielleicht kommt er dann wieder…“. Bei diesen letzten Worten starrt meine Mutter zu Boden. Auf dem Boden ist ein Mehlfleck; ein Überbleibsel eines ihrer Backkunstwerke. Aus irgendeinem Grund versetzt mir dieser Fleck einen Stich.
„Du möchtest also, dass ich zu ihm gehe, weil du hoffst, dass er dann zu uns zurückkommt“, stelle ich fest. Diese Erkenntnis klebt bitter auf meiner Zunge. Sie muss nicht nicken, ich weiß auch so, dass es stimmt.
„Mama. Ich dachte, wir bräuchten ihn nicht… ich dachte, wir können unsere Zeit zu zweit so verbringen, wie wir wollen und selbst bestimmen, wie wir sie verbrauchen. Ohne ihn. Und dann gehst du einfach davon aus, dass ich ihn besuchen gehe und er wieder zurückkommt? Das ist doch absurd. Erinnere dich bitte an all die Nächte, die du weinend auf der Couch verbracht hast. An euren ständigen Streit. Ich werde nicht zu ihm gehen – das tue ich uns doch nicht an. Wir schaffen es auch ohne ihn.“
Für einen kurzen Moment sieht sie mich an, und ihr Blick ist so unentschlossen, dass ich beinahe nach ihrer Hand greife. Dann aber dreht sie sich um und geht ohne ein weiteres Wort.

Mama und ich, wir haben noch nie so lange nicht miteinander geredet. Die Stille zwischen uns ist auch nicht angenehm; sie ist eiskalt. Frostig. Sie weint zwar nicht – und wenn, dann höre ich es nicht – aber sie hat länger schon nichts mehr für mich gebacken und starrt oft einfach ins Leere.
Ich möchte mich entschuldigen, aber ich weiß nicht, wie.
Ich glaube nicht, dass er sie nochmal kontaktiert hat. Gut so. So kann er sie nicht anschreien und sie auch nicht zurückschreien – oder weinen. Aber irgendwie glaube ich doch, dass die Anrufe ihr etwas gegeben haben müssen, so falsch es auch war – denn Mama lacht jetzt nicht mehr. Sie weint nicht mehr. Mama hält nur das Handy umklammert und sieht es an, mit einem merkwürdigen Blick.
Ja – es hat leise gestartet.

Genauso leise hört es wieder auf.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast