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Commilitones 2 - Deserteure

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Historisch / P18 / Mix
Claudia Auditore da Firenze Ezio Auditore da Firenze Leonardo da Vinci Lorenzo de Medici Mario Auditore Ser Piero da Vinci
30.03.2022
22.09.2022
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22.09.2022 4.238
 
Das Licht der untergehenden Sonne färbte die Dächer rund um den Palazzo della Signoria glutrot. Ratsmitglieder und Arbeiter waren auf dem Heimweg, manche von ihnen mit Laternen in den Händen, die wie Glühwürmchen durch die Gassen tanzten. Ezio streckte die Beine aus. Normalerweise hätte er die Szenerie genossen, doch der nachdenkliche Blick seiner Schwester hielt ihn davon ab. Claudia war den ganzen Tag über wortkarg gewesen, und langsam erfüllte ihn ihr Zustand mit Sorge.
„Ist es Tommasos alberne Prophezeiung, die dir auf den Magen schlägt?“, fragte er.
Claudia umschlang ihre Knie mit den Armen und schüttelte den Kopf. „Vater hätte heute Geburtstag“, sagte sie. „Ich kann nicht aufhören, daran zu denken, dass ich mich nie von ihm verabschieden konnte.“
Ezio schluckte. Mit dem Verständnis kam die Schwermut. Er konnte Claudia zu keinem Friedhof führen, auf dem ein Grab errichtet worden war, weder für ihren Vater noch für ihre Brüder. Was Ezio miterlebt hatte, war für Claudia emotional nicht greifbar. Die Hinrichtung. Das heimliche Abnehmen der Leichen vom Galgen. Die Feuerbestattung auf dem Arno … Ezio zog die Unterlippe zwischen die Zähne und senkte den Kopf. Eine Weile herrschte Schweigen. Dann räusperte sich Leonardo.
„Wir könnten nach Santissima Annunziata gehen und eine Kerze aufstellen. Zum Gedenken.“ Er fasste sich in den Nacken, und seine offensichtliche Nervosität verführte ihn zum Plappern. „Es geht nicht um die Kirche als Institution, aber im Gebäude ist es ruhig. Niemand tritt an dich heran, wenn du einen Moment mit deinen Gedanken allein sein willst. Die Kerze hätte etwas Symbolisches, das –“
Claudia legte ihm die Hand auf den Arm, und Leonardo verstummte augenblicklich.
„Das ist eine gute Idee“, sagte sie. „Ich wäre euch dankbar, wenn wir hingehen könnten. Lasst uns bitte drei Kerzen aufstellen. Eine für Vater, eine für Federico und eine für Petruccio.“
Sie tauschten zustimmende Blicke miteinander. Dann erhoben sie sich von den Ziegeln und kehrten zur Bottega zurück. Die Klosteranlage von Santissima Annunziata lag nur zwei Straßenzüge von ihr entfernt. Es war die einzige in der Stadt, die auch ein Findelhaus unterhielt. In den Kriegsjahren war die Zahl der Waisenkinder sprunghaft angestiegen, weshalb Ezio und Leonardo dem Kloster einige Spenden hatten zukommen lassen. Diesen verdankten sie das Wohlwollen der Mönche, die den Assassinen auch im vollen Ornat Zutritt zu ihrem Konvent gewährten.
Als sie die Piazza Santissima Annunziata erreichten, war das orangerote Glühen am Horizont schon fast verblasst. Zwischen den Arkaden vor dem Hauptportal der Kirche ging ein Mönch umher, der zwei Wandfackeln entzündete. Er sah auf, als sich ihm Ezio, Leonardo und Claudia näherten.
Buonasera“, grüßte er. „Für die Abendmesse kommt Ihr zu spät. Die letzten Besucher sind vor wenigen Minuten gegangen.“
„Deswegen sind wir nicht hier“, sagte Ezio. „Aber wir würden gerne ein paar Opferkerzen entzünden, wenn es Euch recht ist.“
„Natürlich, Signore.“ Der Mönch lächelte. Dann fiel sein Blick auf Claudia, und Unsicherheit stahl sich in seine Züge.
Ezio räusperte sich. „Bevor Ihr den Aufzug meiner Schwester kritisiert, Pater, möchte ich darauf hinweisen, dass der ihre deutlich mehr Haut bedeckt als sämtliche Kleider der wohlhabenden Damen.“
„Das stimmt wohl.“ Der Mönch und strich sich über den Bart. „Eure Schwester, sagtet Ihr?“
Auf Ezios Nicken hin wies der Mönch zum Hauptportal, sie stumm dazu auffordernd, einzutreten. Ezio legte seine Hand auf Claudias Schulter und schob sie sanft vor sich her. Leonardo folgte ihnen. In der Kirche empfing sie der Duft von kühlem Stein, durchwoben mit dem Aroma von Weihrauch und Wachs. Es war schummrig. Die hohe Decke über ihnen verlor sich in Schwärze. Zwischen den Bankreihen ging ein Novize umher und fegte den Boden. Er sah nicht einmal in die Richtung der ungewöhnlichen Besucher.
Abseits des Mittelgangs verbargen sich Nischen mit Familienkrypten und Heiligenbildern hinter tragenden Säulen. Vor einer von ihnen hatte man den Tisch mit den Opferkerzen platziert. Ezio spürte, wie Ehrfurcht ihn erfüllte und dazu zwang, seine Schritte zu verlangsamen. Er war nicht gläubig, aber der feierlichen Atmosphäre, die das Gotteshaus ausstrahlte, konnte auch er sich nicht entziehen.
Sie traten an den Tisch. Ezio entdeckte eine Kiste mit frischen Kerzen, die darunter verborgen war, und griff hinein. Die erste Kerze reichte er Claudia, die zweite Leonardo. Die dritte behielt er in der Hand. Sein Blick fiel auf die Opferlichter, die bereits aufgestellt worden waren und sacht im Luftzug flackerten. Ezio überließ es Claudia, die erste Kerze zu entzünden. Sie senkte den Docht über eine der Flammen, bis er Feuer fing. Knistern drang an Ezios Ohr. Still beobachtete er, wie Claudia das Opferlicht auf dem Tisch platzierte. Leonardo entzündete seine Kerze an ihrer. Ezio tat es ihm gleich. Als er als Letzter vom Tisch zurücktrat, zog er Claudia und Leonardo in seine Arme. Aneinandergeschmiegt standen sie da und blickten auf die Flammen, die in der Dunkelheit tanzten. Für einen Moment glaubte Ezio, Petruccios fröhliches Gesicht und Federicos schelmisches Grinsen zu sehen. Zwischen den beiden stand Giovanni, seine Miene voll väterlicher Güte. Es war ein kurzes Trugbild, geboren aus Erinnerungen. Als es schwand, blieben die Kerzen, drei in einer Reihe, eine kleine Familie aus Licht.
Ein Schniefen an seiner Seite erweckte Ezios Aufmerksamkeit. Er musterte Claudia, die sich mit dem Ärmel über die Augen wischte, und zog sie enger an sich.
Sie verharrten noch einige Minuten in stiller Andacht, dann traten sie den Rückweg an. Bevor sie sich dem Kirchenportal zuwandten, warf Ezio drei Münzen in den Opferstock.
Draußen auf der Piazza war es ebenso schummrig wie in der Kirche. Die Sitzbänke und Brunnen, die bei Tage zum Verweilen einluden, lagen im Schatten. Sie waren leer, genau wie die Piazza selbst. Sobald die Nacht über die Stadt hereinbrach, galt eine Ausgangssperre, die bis zum Morgengrauen andauerte. In dieser Zeit wagten sich nur Gesinde und Unehrliche in das Labyrinth der Gassen.
Ezio und Leonardo sahen davon ab, den Weg über die Dächer zu nehmen, auch weil die Bottega viel zu nah war, als dass es sich gelohnt hätte. Sie nahmen Claudia in ihre Mitte und liefen die Straße der Schnallenmacher hinab, die das Kloster mit der Piazza Brunelleschi verband.
„Was war das Letzte, das Vater zu euch gesagt hat?“, fragte Claudia zaghaft, nachdem sie die ersten Botteghe hinter sich gelassen hatten. Zu Ezios Verwunderung war es Leonardo, der ihr sofort antwortete.
„Wenn ich gehe, wird jemand anderes an meine Stelle treten und tun, was getan werden muss. Doch er wird sich nicht opfern.“
Seine Stimme war leise, zitterte beinahe. Sie und seine Worte waren es, die Ezio einen Schauer über den Rücken jagten. Plötzlich begriff er, dass Giovannis Ansprache auf dem Schafott sowohl Ezio als auch Leonardo gegolten hatte – seinem Sohn und seinem Schüler.
„Nicht dieser Gerechtigkeit, die keine ist“, sagte Ezio, um das Zitat zu vervollständigen. Er spürte einen Kloß im Hals, der ihm das Schlucken erschwerte, und seufzte. „Vater wusste, dass wir da waren. Ich hatte auf mich aufmerksam gemacht. Ich wollte Alberti entgegenschreien, dass ich ihm alle entlastenden Papiere gebracht hatte. Dass er log. Nie zuvor hatte ich mich so hilflos und verzweifelt gefühlt. Und so verwirrt …“
„Du hast nie drüber gesprochen“, flüsterte Claudia.
„Nein …“
„Willst du?“
Sie fasste seine Hand, und für einen Moment schloss Ezio die Augen.
„An diesem Tag ist in uns allen etwas zerbrochen“, flüsterte er. „Zu euch zurückzukehren und jede Hoffnung zerschlagen zu müssen, war das Grausamste für mich. Mutter wusste bereits, was geschehen war, bevor ich etwas sagen konnte. Sie hat es mir angesehen. Ihr Schweigen hat alles noch schlimmer gemacht …“
„Und auf einmal haben alle erwartet, dass du die Dinge regeln würdest“, sagte Claudia. „Auch ich hab es getan. Rückblickend tut es mir leid.“
„Du warst ein junges Mädchen, sorellina. Was hättest du tun sollen?“
„Dich bei mir weinen lassen“, erwiderte sie. „Keiner hat dir erlaubt, schwach zu sein. Das war nicht gerecht.“
Ezio beugte sich zur Seite und küsste sie aufs Haar. „Du warst öfter für mich da, als du denkst“, sagte er. „Und ich bin froh, dass ich dich habe.“
Er lächelte, als sie sich im Gehen an ihn lehnte. Vor ihnen schälten sich die Umrisse der Bottega aus der Dunkelheit. Leonardo öffnete die Tür und ließ sie hinein. Neben einer einzelnen Laterne, die auf der Werkbank brannte, hieß sie Stella willkommen. Die Hündin sprang von ihrer Decke und bettelte schwanzwedelnd um Streicheleinheiten, die Ezio ihr gerne gab. Während er sich auf den Werkstattboden kniete, prüfte Leonardo, dass alle Fenster und Türen verriegelt waren.
„Wir sollten uns gleich bettfertig machen“, sagte er. „Ich bereite uns noch einen heißen Kräuteraufguss zu. Zur Beruhigung.“
Ezio nickte und folgte ihm mit Claudia die Stufen hinauf. In der Rüstungskammer legten sie ihre Ornate ab und breiteten sie zum Lüften auf den Kleidertruhen aus. Nachdem Leonardo in der Küche verschwunden war, ging auch Claudia auf ihr Zimmer. Ezio blieb allein zurück. Nachdenklich betrachtete er sich im Spiegel, während er einen Lappen in die Waschschüssel tauchte. Nach kurzem Zögern löste er das Stoffband in seinem Nacken. Glattes Haar fiel ihm ins Gesicht. Im Licht der Kerze, die Ezio neben der Schüssel platziert hatte, besaß es denselben rötlichen Schimmer wie das seines Vaters. Ezio dachte an Luigis Worte. An die Macht ihres Blutes, das scheinbar die Geheimnisse der Vergangenheit in sich trug. Wenn diese Theorie stimmte, konnte Ezio dann auch mit den Augen seines Vaters sehen? Konnte er ihn wieder lebendig machen, durch sein eigenes Wirken? Oder war Giovanni gar nicht tot, weil er in ihm – Ezio – weiterlebte?
Verwirrt über seine eigenen Gedanken wrang er den Lappen aus und wusch sich das Gesicht. Der Tod war ein abstraktes Ding, das er vielleicht niemals würde verstehen können, genau wie viele andere Dinge, über die sich die Gelehrten seit Jahrhunderten stritten.
„Ezio?“
Die sanfte Stimme ließ ihn den Lappen senken und zur Tür blicken. Claudia stand auf der Schwelle, in ein Schlafhemd gekleidet und mit einem Buch in den Händen, das sie an ihre Brust drückte.
„Erinnerst du dich an den Wagen mit unserer Habe, den du vor zwei Jahren nach Monteriggioni geschickt hast?“
„Ja, natürlich.“
„Es war etwas dabei, das ich dir geben wollte.“
Claudia löste sich aus dem Türrahmen und ließ sich neben Ezio auf die Bettkante sinken. Behutsam legte sie das Buch in ihren Schoß.
„Das hier gehörte Vater. Es lag unter einem doppelten Boden in seinem Schreibtisch versteckt. Zumindest sagte das Tornabuonis Notiz, die dem Buch beigelegt war. Es sind persönliche Aufzeichnungen. Zio Mario weiß nicht, dass ich das Buch habe. Ich habe es nicht mal Mutter gezeigt.“ Sie hielt im Sprechen inne und strich mit den Fingern über den Ledereinband. Er wirkte abgegriffen, so als wäre er bereits viele Male zur Hand genommen worden. „Vater schreibt darin über die Beziehung zwischen ihm und unserem Onkel. Die Meinungsverschiedenheiten, die die beiden miteinander hatten, müssen ihn sehr belastet haben. Vater wollte, dass wir behütet und frei aufwachsen. Zio Mario war wütend darüber. Seiner Ansicht nach hätten Federico und du als einzige männliche Nachkommen der Familie von Kindesbeinen an in die Bruderschaft hinein erzogen werden müssen. Er warf Vater vor, dass Federico nur wegen ihm ein unzuverlässiger Herumtreiber geworden wäre und du mehr von Bilanzen verstündest als vom Schwertkampf. Über Petruccio hat er sich nie geäußert.“ Claudia zog eine Grimasse. „Vater nannte zio Mario besessen. Besessen von der Tradition und nicht willens, sich neuen Ideen anzupassen. Es sind bittere Worte, die er niedergeschrieben hat. Ich habe lange gezögert, dir das Buch zu geben. Aus Furcht, dass es zwischen dir und unserem Onkel so weit kommen könnte wie zwischen ihm und Vater. Unsere Familie ist klein geworden.“
„Ich bin mir sicher, dass das auch zio Mario bewusst ist und er aus der Vergangenheit gelernt hat“, sagte Ezio. Er trocknete sich die Hände, dann streckte er sie nach dem Buch aus. Claudia reichte es ihm.
„Ich hatte geahnt, dass du so etwas sagen würdest. Du gibst jedem eine zweite Chance.“
Ezio lächelte verhalten. Dann strich er, so wie zuvor Claudia, über den schmucklosen Buchdeckel.
„Für Vater war die Familie das Wichtigste“, sagte er. „Er hat ihr Wohl stets über das der Bruderschaft gestellt.“
„Wie Altaïr.“
Ezio runzelte die Stirn, mehr noch, als Claudia nach dem Buchdeckel griff und ihn zurückschlug. Sie blätterte zu einer Doppelseite, zwischen der ein Pergament steckte. Vertraute Lettern stachen Ezio ins Auge und ließen ihn überrascht nach Luft schnappen.
„Eine Kodexseite!“, rief er. „Vater hatte sie all die Jahre, ohne sie nach Monteriggioni zu bringen?“
„Er fürchtete, dass zio Mario sie nicht verstehen würde“, sagte Claudia. „Vielleicht kann Leo sich die Übersetzung noch einmal ansehen und prüfen, wie genau sie ist. Aber das, was Vater entschlüsselt hat, sagt für mich schon sehr viel … über ihn und über das, was ihn an Altaïrs Lehren fasziniert hat.“
Ezio blickte auf die Übersetzung, die sein Vater angefertigt hatte. Es berührte ihn, seine vertraute Handschrift zu sehen. Ihm fiel auf, dass einige Stellen im Text unterstrichen worden waren, und neugierig begann er zu lesen.

An manchen Tagen vermisse ich meine Familie oder zumindest den Gedanken an sie. Meine Eltern habe ich nicht gut gekannt, auch wenn beide innerhalb dieser Mauern gelebt haben. So war es eben bei uns. Vielleicht waren sie traurig darüber, auch wenn sie es nie gezeigt haben. Das war auch nicht erlaubt.
Was mich anbelangt, habe ich so viel Zeit meiner Jugend mit meiner Ausbildung verbracht, dass nur wenig Gelegenheit blieb, über die Trennung von meinen Eltern nachzudenken. Und als ich sie schließlich verlor, war es, als wären zwei Fremde dahingeschieden. Al Mualim war mir wie ein Vater, auch wenn seine Liebe schwach und unaufrichtig war. Damals schien es mir zu reichen, sogar mehr als das. Jedenfalls dachte ich so.
Eines Tages werde ich ein Kind haben. So ist der Lauf der Dinge in unserem Orden. Ich werde nie denselben Fehler machen, und auch kein anderer, der sich als Assassine bezeichnet. Wir werden unsere Kinder lieben dürfen und im Gegenzug auch geliebt werden. Al Mualim glaubte, solche Bindungen würden uns schwächen, uns zögern lassen, wenn unser Leben auf dem Spiel steht. Doch wenn wir aufrichtig für das Gerechte kämpfen, macht die Liebe solche Opfer dann nicht leichter? Weil wir wissen, dass wir es für die Geliebten tun?

Am Seitenende, zwei Fingerbreit unter der Übersetzung, fand Ezio eine persönliche Notiz.

Es sind nicht die verstaubten Ideale alter Mentoren, für die wir kämpfen. Wir kämpfen für die Zukunft unserer Kinder, denen wir ein Leben in einer Welt ermöglichen wollen, die nicht von Leid und Ausbeutung bestimmt wird. Ist es Ironie, dass wir in diesem Bestreben unseren Feinden gleichen?
Mario sagt, dass ich zu viel zweifle. Ich frage: Sind es nicht Zweifel, die uns davor bewahren, zu erblinden?

Lange starrte Ezio auf die Worte, in denen er seine eigenen Gedanken zu erkennen glaubte. Dann klappte er das Buch zu.
„Es war eine gute Entscheidung, das hier vor zio Mario geheim zu halten“, sagte er. „Hast du Vaters Aufzeichnungen gelesen?“
Claudia nickte. „Jede einzelne. Mehrmals.“
„Ich finde, dass Mario die Kodexseite bekommen sollte. Wenn er sich früher gegen solche Gedanken gesträubt hat, so lässt er sie heute vielleicht zu. Auch er hat einen Verlust erlitten. Ich würde ihm nur gern verschweigen, dass Vater die Seite vor ihm verborgen hat …“
„Könntet ihr nicht vorgeben, sie bei einem eurer Ziele gefunden zu haben? Oder bei Leonardos Vater?“
„Der wird sich bedanken, wenn wir ihn als Ausrede benutzen.“ Ezio lachte und legte das Buch neben sich auf den Tisch. Dann griff er nach dem Lappen, um seine Abendtoilette wiederaufzunehmen. „Wir werden schon was finden, schließlich haben wir bis Juni Zeit – vorausgesetzt, du bekommst kein Heimweh und willst früher zurück nach Monteriggioni.“
„Bist du verrückt?“ Claudia schnaubte. „Nichts kriegt mich vor Ende des Stadtfests hier weg!“
„Obwohl du keine Diener und kein Himmelbett hast?“
„Wer braucht das schon?“
Ezio sah sie lange an. Dann streckte er den Arm aus und strich Claudia eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Manchmal staune ich darüber, wie sehr wir uns ähneln.“
„Ich will einfach nur ich sein dürfen“, sagte Claudia und schmiegte ihre Wange in seine Hand. „Bei dir durfte ich das immer.“
„Du bist ja auch meine Lieblingsschwester.“
„Du hast nur eine.“
Sie lächelten einander an. Dann zog Ezio die Hand zurück, und Claudia stand auf.
Buonanotte, Ezio“, sagte sie.
Buonanotte, Claudia.“
Er sah ihr nach, bis sie auf dem Flur verschwand und das Klappen ihrer Zimmertür zu hören war.

***


In den nächsten Tagen war die Stimmung in der Stadt so ausgelassen wie schon lange nicht mehr. Auf den Maifeiertag folgte eine ganze Reihe von Veranstaltungen und Festivitäten, die ihren Höhepunkt in San Giovanni finden würden. Fußballspiele, Löwenjagden, Tanz und Theater lockten die Menschen auf die Straßen und Piazze. Piero konnte die allgemeine Begeisterung nicht teilen. Je näher der Palio und der damit einhergehende Putschversuch rückten, desto nervöser wurde er. Dass er bei seinem Besuch in der Bottega feststellen musste, dass der unvollendete Hieronymus verlassen in einer Ecke stand und Leonardo stattdessen über Bauplänen und Einkaufslisten brütete, hob nicht gerade seine Laune.
„Was soll das sein?“, fragte er und deutete auf die Skizze eines Dings, in dem er eine überdimensionale Fledermaus zu erkennen glaubte.
„Ein Fluggleiter“, sagte Leonardo prosaisch. „Es war Tommasos Idee, diese Erfindung auf ihre Funktionalität hin zu prüfen. Und um sie prüfen zu können, müssen wir sie bauen.“
„Darf ich dich daran erinnern, dass du einen anderen Auftrag hast? Einen echten Auftrag von einem echten Rucellai, der mir echten Ärger machen wird, wenn du nicht die Vertragsvereinbarungen einhältst?“
Leonardo besaß nicht einmal den Anstand, zu Piero aufzusehen. Ungerührt machte er sich Notizen, während seine Finger mit den Kugeln eines Abakus spielten.
„Du bist der Notar, ich bin der Maler“, sagte er. „Du verstehst dich auf deine Profession, ich mich auf meine. Die erste Grundierung des Gemäldes ist fertig und braucht Zeit zum Trocknen, bevor ich weiterarbeiten kann. Zehn Tage, je nach Witterung zwei Wochen. Öl ist keine Tempera.“
„Du willst hier zwei Wochen untätig herumsitzen?“, rief Piero fassungslos.
„Mitnichten. Wie du siehst, habe ich ein spannendes Projekt als Zeitvertreib gefunden. Zudem muss ich mich darum kümmern, einen Perückenmacher zu finden. Du kennst nicht zufällig einen?“
„Den alten Vermicillo in der Via dei Cimatori, wieso?“
„Weil wir Ezio für seinen Auftritt vor dem Podestà zurechtmachen müssen. Seine Narbe zu überschminken, wird nicht ausreichen. Wir werden einen blondgelockten Edelmann aus ihm machen, also brauchen wir eine Perücke. Perücken sind wie Gemälde. Sie brauchen ihre Zeit. Ich muss sie also in den nächsten Tagen in Auftrag geben.“
Piero seufzte. Wenigstens um einen reibungslosen Ablauf ihrer Mission schien sich Leonardo zu kümmern. Piero ließ sich auf einen Schemel sinken und massierte sich die Schläfen. Es war ruhig in der Werkstatt. Ezio und Tommaso glänzten mit Abwesenheit, und die junge Frau, die auf einem Tisch saß und die Beine baumeln ließ, schwieg beharrlich. Piero hatte sie sofort erkannt. Die Ähnlichkeit war zu offenkundig, um Zweifel zuzulassen.
„Wieso ist die kleine Auditore hier?“, fragte er.
„Claudia ist bis Ende Juni unser Gast.“
„Du bist Junggeselle, Leonardo. Die Leute werden reden, wenn sie erfahren, dass eine Frau bei dir wohnt. Noch dazu eine, die sich kleidet wie ein Kerl!“
„Wenn sich die Leute darüber aufregen wollen, dass mein Geselle seine Schwester bei sich beherbergt, was sein gutes Recht ist, ist das ihr Problem, nicht meins.“
„Was man in der Stadt über dich erzählt, ist immer dein Problem!“, insistierte Piero.
„Also streng genommen vor allem deins?“
Der Spott, mit dem Leonardo ihm begegnete, war schneidend. Piero seufzte.
„Mir sitzen Borgia, Colonnesi und die Rucellai im Nacken“, sagte er. „Meine Frau wundert sich, warum ich seit Wochen kaum schlafe. Ich habe keine Ahnung, wem in dieser Stadt ich noch offen ins Gesicht sehen kann, und du hast nichts Besseres zu tun, als dir eine Amazone ins Haus zu holen und dich mit irgendwelchen Fantastereien zu befassen! Ein Fluggleiter! Cavolo, Leonardo, wirst du denn nie erwachsen?“
Auf diesen Vorwurf hin strafte ihn Leonardo mit Nichtachtung. Er zog den Abakus näher, rechnete und notierte weitere Zeilen auf seiner Einkaufsliste. Piero unterdrückte den Impuls, ihn vom Schemel zu ziehen und durchzuschütteln. Leonardo mochte ein zu groß geratenes Kind sein, doch leider war er eins, das zu viele spitze Gegenstände am Leib trug.
„Ich verkrafte diese Aufregung nicht“, klagte Piero und vergrub das Gesicht in seinen Händen. „Wenn ich das Spiel mit dem Feuer schätzen würde, wäre ich Gaukler geworden.“
„Wieso seid Ihr dem Templerorden überhaupt beigetreten, wenn Euch das Ganze so zusetzt?“
Claudias Frage ließ Piero aufblicken. „Ich wüsste nicht, was Euch das anginge, Signorina“, knurrte er.
„Mich würde die Antwort auf diese Frage aber auch interessieren“, sagte Leonardo. „Mir ist bewusst, dass Prestige und Ansehen, die mit einer Mitgliedschaft einhergehen, für dich gewiss verlockend waren, aber was hat die Templer dazu getrieben, dich überhaupt aufzunehmen?“
Piero strich sich durchs Haar und seufzte. „Mein Großvater war einer der einflussreichsten Männer im Orden; Gesandter am Hof von Sassoferrato und Notar der Signoria von Florenz. Sein Bruder stand in diplomatischen Diensten und hielt Kontakt zu einigen Familien in Spanien, insbesondere den Borgias. Das war lange, bevor Rodrigo überhaupt von einem Posten als Großmeister hätte träumen können. Dann kam mein Vater und brach mit allen Traditionen. Weder wollte er Notar werden, noch dem Orden beitreten. Er hielt sich von Florenz fern, pflegte seine Obstplantagen und zeigte kein Interesse an Politik. Für die Templer war er eine Enttäuschung. Sie hofften, mit mir mehr Glück zu haben und an die Erfolge meiner Vorfahren anknüpfen zu können. Also warben sie mich an, nachdem ich in der Stadt sesshaft geworden war.“
„Du meinst, sie haben dir geschmeichelt und dir ein paar Bequemlichkeiten versprochen.“
„Wieso klingt das aus deinem Mund so garstig?“
Leonardo schürzte die Lippen und legte seinen Silberstift beiseite. „Was wusstest du über die Templer, als du ihnen beigetreten bist?“
„Dass bis auf meinen Vater alle da Vinci Mitglied gewesen sind“, brummte Piero. „Der Orden profitierte von ihren Ämtern, sie profitierten vom Einfluss des Ordens. Beiden Seiten war gedient.“
„Und die Philosophie der Templer?“, fragte Leonardo weiter. „Was war dir damals darüber bekannt?“
Piero schwieg verdrossen.
„Du hast ihnen deine Treue geschworen, ohne zu wissen, für was man dich eines Tages missbrauchen würde, nicht wahr?“
„Leonardo …“
„Was? Willst du etwa bestreiten, dass du blind in dein eigenes Verderben gelaufen bist? Dass du gute Miene zum bösen Spiel gemacht und dir die Dinge schöngeredet hast, solange es dir nicht persönlich an den Kragen ging? Dass dir erst in den letzten Monaten bewusst geworden ist, in was du da drinsteckst?“
„Leonardo, per favore!“, flehte Piero. „Was nutzt es denn, wenn ich sage, dass du recht hast?“
„Es hilft mir dabei, dir zu verzeihen.“
Hitze fraß sich durch Pieros Adern. Er brauchte einen Moment, bis er begriff, dass es Scham war, die er empfand. Sie war noch präsent, als er eine Stunde später in Colonnesis Arbeitszimmer saß, um die neusten Erkenntnisse seiner fingierten Spionagetätigkeit auszuplaudern. Mit jedem Besuch fühlte Piero sich unwohler in der Gegenwart seines Ordensbruders. Es war eine Entwicklung, die ihn mit Sorge erfüllte. Begann er tatsächlich, klarer zu sehen, oder saß er nur einer neuen Manipulation auf, diesmal ausgehend von seinem eigenen Sohn?
„Leone macht einen Bogen um mich, wenn ich in der Bottega bin“, behauptete Piero, nachdem er sich zu Colonnesi an den Schreibtisch gesetzt hatte. „Er geht ein und aus, ganz wie es ihm beliebt. Leonardo hat mir erzählt, dass er sich manchmal tage-oder wochenlang nicht blicken lässt. Auditore hat in seiner Abwesenheit die Order, den Palazzo della Signoria im Auge zu behalten … und den Hauptmann der Stadtwache. Leone hält ihn wohl für nicht vertrauenswürdig.“
„Das überrascht mich nicht.“ Colonnesi verflocht die Finger über seinem Bauch und lächelte maliziös. „Es ist erfreulich, dass er sich auf Popoleschi konzentriert. Wirklich erfreulich. Was habt Ihr noch zu berichten?“
Piero holte tief Luft, bevor er seinen Trumpf ausspielte. Einen Trumpf, von dem er hoffte, dass er ihm Colonnesis Wohlwollen und darüber hinaus wertvolle Zeit verschaffen würde. „Ich weiß, wohin Auditores fünftausend Florin verschwunden sind.“
Colonnesi zog die Brauen hoch und beugte sich nach vorn. Seine Augen blitzten. „Ihr habt meine ganze Aufmerksamkeit.“
„Es handelte sich um eine Investition der Bruderschaft“, begann Piero, der seinen zuvor einstudierten Text nun flüssig herunterrasselte. „Die Neapel-Mission muss ziemlich kostspielig gewesen sein. Ausrüstung, Schutzzölle, die Überfahrt. Für die Bruderschaft war Giovanni Auditore als Günstling der Medici einer der Hauptfinanziers innerhalb der Republik. Diese Rolle ist nun Ezio zugefallen. Deshalb hat er auch den Palazzo Auditore verkauft. Die Immobilie zu halten und zugleich die geforderten Abgaben zu leisten, war ihm auf lange Sicht nicht möglich.“
„Wie aufschlussreich“, sagte Colonnesi, und der Respekt, der in seiner Stimme mitschwang, verschaffte Piero eine seltsame Genugtuung. „Borgia wird diese Information zu schätzen wissen. Auditore ist also noch abhängiger von Lorenzo, als sein Vater es war. Kein Kreditinstitut, kein Palazzo, kein politisches Amt … nichts.“
„Nichts“, bestätigte Piero. „Er hat seine Ausbildung zum Bankier auch nie abgeschlossen. Auditore ist ein einfacher Handwerksgeselle. Das ist nichts Schändliches, Gott bewahre. Aber von dem öffentlichen Einfluss, den Giovanni hatte, kann er nur träumen.“
„Gut für uns“, sagte Colonnesi. Er lächelte und zog Papier und Schreibzeug zu sich. „Möchtet Ihr dem Großmeister Eure Erkenntnisse selbst mitteilen oder soll ich sie in meinen Monatsbericht aufnehmen?“
„Ich denke, dass es weniger Aufsehen erregt und damit unsere bevorstehende Mission schützt, wenn wir die Korrespondenzen auf ein notwendiges Maß reduzieren“, sagte Piero.
Colonnesi musterte ihn. „Die letzten Wochen haben Euch umsichtiger gemacht. Es scheint Euch gutzutun, endlich Verantwortung zu übernehmen.“
„Offensichtlich“, sagte Piero und zwang sich zu einem Lächeln. Er spürte Hitze in sich aufsteigen.
Verantwortung.
Er übernahm sie tatsächlich, wenn auch anders, als Colonnesi es von ihm erwartete.
 
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