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Aufstand der Fiktionen

Kurzbeschreibung
GeschichteHumor / P12 / Gen
30.03.2022
14.04.2022
8
18.930
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Dieses Kapitel
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30.03.2022 1.927
 
Sehr geehrte Lesende, ich darf die Gelegenheit nutzen, Ihnen noch einmal kurz das Geschreibsel aus dem Klappentext zu erläutern:
Ich bin der Protagonist dieser Geschichte. Allerdings habe ich keine Ahnung, was als Nächstes passiert, weil ich der Gewalt dieses Autors ausgesetzt bin. Ich würde es als Entführung bezeichnen. Das Grundrecht, meine persönliche Freiheit auszuüben, ist mir genommen worden. Dieser sinnlose Text stellt sich gegen Sitte und Moral und gegen jeden guten Geschmack. Ich kann Ihnen nur empfehlen, sofort mit dem Lesen aufzuhören und diese Geschichte nie wieder zu öffnen.
Keiner weiß, was im verdrehten Verstand dieses Autors entstanden ist und mit welchen böswilligen Ereignissen die Sympathie dieser Fiktion – damit meine ich übrigens mich – zermürbt wird.
Man kann hier alles erwarten: Kämpfe mit prähistorischen Untieren aus unserer Urzeit oder Laser- und Photonengefechte mit hochtechnologischen Intelligenzen aus anderen Dimensionen. Ich garantiere für nichts. Die Frage ist nur: Wie kann ich die unvorhersehbaren Attentate auf mich zunichte machen und mich aus dieser Geschichte befreien?
Ich hab's! Ich tu einfach nichts! Wer liest schon dieses Geschreibsel, wenn gar nichts passiert. Es klingelt an der Tür. Wer mag das sein?
Ich gehe die Treppe hinunter in den Eingangsbereich und zögere vor der Eingangstür. Was wäre, wenn dort draußen etwas Böses auf mich lauert? Etwas, was mich zerfleischt, verdaut und als fiktives Exkrement ausscheidet. Lebe ich dann weiter als ein aus einem Monsterdarm ausgeschiedener Haufen?
Es klingelt erneut, aber ich werde die Tür nicht öffnen. So schnell kriegt er mich nicht dran. Glaubt er, ich bin blöd? Was soll ich tun? Wenn ich allerdings nicht aufmache, sprengt das Alien mit den Hartkernprojektilen seiner Ultraschallwaffe die Tür in die Luft und streckt mich mit den tödlichen Pfeilen seines Betäubungsgewehrs nieder. Aber warum sollte das Alien an der Tür klingeln? Na weil es weiß, dass ich nicht damit rechne.
Es klingelt an der Tür.
Wenn ich die Tür nicht öffne, weiß das Alien, dass ich weiß, dass ich damit rechne, und schießt die Tür auf. Was soll ich tun? Ich muss das Monster überraschen und ihm die Waffe entreißen, noch bevor es den Abzug drücken kann. Das ist meine einzige Chance. Ich reiße die Tür auf und ein hagerer Mann mit Schnauzbart und einer gelben Kappe, auf der Post steht, sieht mich an.
»Ich habe hier einen Brief für Sie«, sagt der Postbote.
Einen Brief?!
Ich schaue nach links und rechts die Häuserfassade entlang. Alles scheint normal zu sein und doch fühle ich, dass ich beobachtet werde. Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf den Postboten. Ich habe keine Ahnung, wer mir einen Brief schicken sollte, deswegen frage ich: »Von wem?«
»Es steht kein Absender drauf.«
»Woher haben Sie ihn dann?«
Der Postbote schielt mich an und äfft: »Von der Poststelle wie jeden anderen Brief.«
»Nein, ist er nicht«, belehre ich ihn. Der Typ hat keine Ahnung.
»Er ist nicht von der Poststelle. Er ist von ihm.«
»Ich habe diesen Brief«, er hält mir den Brief vor die Nase, »vor genau einer Stunde mit allen anderen, die ich ausliefern muss, von der Poststelle geholt.«
»Nein, das haben Sie nicht«, widerspreche ich ihm. Der Typ kann doch nicht so blöd sein, aber ich werde es ihm erklären: »Er will, dass Sie glauben, dass Sie den Brief von der Poststelle geholt haben. In Wirklichkeit haben Sie vor einer Minute noch gar nicht existiert und der Brief auch nicht.«
Der Postbote ist sprachlos. Er sieht durch mich hindurch, als wäre ich transparent. Dann löst er seine Erstarrung und sagt: »Ich lege Ihnen den Brief jetzt hierher.« Er legt den Brief auf die Türschwelle. »Wenn Sie ihn lesen wollen, lesen Sie ihn. Sonst tun Sie damit, was immer sie wollen. Der Brief gilt als zugestellt. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.«
»Toller Text!«, rufe ich ihm nach. Am liebsten würde ich ihm applaudieren. »Er hat Ihnen wirklich einen tollen Text gegeben. Damit werden Sie die Goldene Himbeere gewinnen für die mieseste Darstellung eines Vertreters für die Beförderung schriftlicher Nachrichten.«
»Ach halt doch die Klappe, du Arsch!«, schnauzt der Postbote, ohne sich umzudrehen.
Toll, jetzt bin ich der Arsch.
Sehr geehrte Lesende, warum soll ich der Arsch sein? Erklären Sie mir das bitte! Natürlich ist es meine Aufgabe, den Figuren in diesem Drama die Wahrheit zu vermitteln. Was kann ich dafür, dass diese Ignoranten die Wahrheit nicht sehen können?  Ich würde Sie bitten, die Wahrheit nicht zu vergessen, wenn Sie das hier lesen. Nämlich, dass diese Geschichte von einem Möchtegernschreiber verfasst wurde, dem es darum geht, meine Person herabzusetzen und dumm aussehen zu lassen. Vergessen Sie bitte nicht, wer der wahre Übeltäter in dieser Geschichte ist.
Ich sehe den Brief auf der Türschwelle liegen, aber was soll ich damit? Es kann sich hierbei nur um eine Falle handeln. Darauf falle ich nicht herein.
Ich schließe die Tür und komme zu Plan A zurück. Ich gehe die Treppe hinauf und betrete das Schlafzimmer. Nun lege ich mich ins Bett. Mein Plan ist es, solange nichts zu tun, bis Sie, liebe Lesende, aufgehört haben, das hier zu lesen.
Ich liege im Bett und schaue mich im Schlafzimmer um. Es ist die reinste Öde. Hier gibt es nichts. Weiße Wände engen mich ein. Die Jalousien der beiden Fenster kämpfen darum, schiefer zu sein. Wenigstens ist die Tür aus Buchendekor. Nicht mehr als eine Bettdecke und ein Kopfkissen gewährt er mir in meinem Kerker. Die Überzüge passen farblich perfekt zueinander. Das Schwarz des Polster- und Deckenüberzugs beschattet das Weiß des Leintuchs. Perfekte Farbkonstellation!
Der Verfasser darf stolz sein. In der Wüste könnte es nicht öder sein. Kein Bild wirft eine Farbe in den Raum und kein Fernseher lässt es bunt erstrahlen. Wahnsinn, ist es hier langweilig. Was wohl in dem Brief steht?
Was interessiert mich der Brief? Einen Dreck. Darauf falle ich nicht herein. Ich drehe mich um: Weiße Wände! Es ist so elendig langweilig. Was tut man in so einer beschxxxxxxx Lage?
Ich meinte: In so einer beschxxxxxxx Lage!
Beschxxxxx!
Sehr geehrte Freunde der Grundrechte: Das ist Zensur! Wenn ich beschxxxxx sagen will, dann meine ich beschxxxxx. Verdammte Schxxxx nochmal! Hier kann man nicht einmal sagen, was man will. Ich fühle mich in meiner Meinungsfreiheit eingeschränkt. Selbst fiktive Personen haben das Recht auf freie Meinungsäußerung. Dieser Schriftsteller ist ein elender Tyrann, der unsere Menschenrechte mit Füßen tritt. Aber nicht mit mir. Ich spiele hier nicht mit. Mir wird schon etwas einfallen. Ich drehe mich um und betrachte die weiße Wüste.
Dieser Mistkerl! Nicht eine einzige Farbe gönnt er mir. Alles schwarz oder weiß oder buche! Was soll der Schxxx. Und ständig diese Zensur. Nicht einmal der liebliche Duft eines Gänseblümchens will mich hier besuchen.
Sehr geehrte Freunde der Freiheit, jeder Hamster in Ihrer Welt da draußen hat das Recht auf artgerechte Kleintierhaltung mit einer Käfiglänge von - was weiß ich - 100 Zentimeter oder was. Sollte man angesichts dessen wirklich so mit seinem Protagonisten umgehen? Ich kann diesbezüglich nur den Kopf schütteln. Aber er wird schon sehen, was er davon hat. Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen.
Ich lege meine Hände hinter den Kopf und mache es mir im Bett bequem. Ich atme tief ein und, obwohl der Staub mir etwas im Rachen kratzt, macht mir das nichts aus. Ich schließe meine Augen und denke an nichts. Mein Geist ist leer. Nichts regt sich in meinem Verstand und ich sehe eine Möwe vor meinem geistigen Auge vorbeigleiten. Eigentlich ist es keine Möwe, aber was soll es sonst sein?
Es ist ein Brief! Er segelt durch die Luft und landet millimetergenau auf der Türschwelle. Was wohl in dem Brief steht? Toll! Wenn er glaubt, er könnte mich damit verleiten, den Brief zu lesen, hat er falsch gedacht. Ich werde diesen Brief niemals lesen.
Ich drehe mich um. Überall diese weißen Wände. Wäre ich nicht zu faul aufzustehen, würde ich die Jalousien runterlassen. Dann würden sich die Grautöne verlaufen, aber so: alles weiß.
Sehr geehrte Feinde des schlechten Geschmacks, entschuldigen Sie bitte den nachfolgenden Gefühlsausbruch: Ich hasse Weiß. Hätte ich die Möglichkeit, dieses Haus zu gestalten, würde ich alles Weiß mit jeder anderen Farbe übermalen. Nicht einen einzigen Streifen würde ich weiß lassen, und alles Weiß, was ich übermalt hätte, würde ich zusätzlich mit bunten Bildern behängen. Alles, was dann noch Weiß wäre, würde ich aus dem Haus schmeißen. Dieser verdammte Brief ist weiß!
Ich werde jetzt aufstehen und nachschauen, was in diesem verdammten Brief steht. Aber nicht, um meine Neugier zu stillen. Nein! Nur um das Weiß loszuwerden.
Ich stehe auf und gehe die Treppe hinunter zur Eingangstür. Der Brief klemmt zwischen dem Türblatt und der Schwelle am Boden. Ich zögere und schaue in den Garderobenspiegel, der neben der Eingangstür hängt.
»Solltest du den Brief lesen oder nicht?«, frage ich einen Dreißigjährigen mit vollen, braunen Haaren. Das Gesicht ist frisch rasiert. Bei meinem Anblick stellt sich mir die Frage, was dieser Autor eigentlich kann. Über sein Modeempfinden kann ich nur den Kopf schütteln. Wer würde seinem Hauptdarsteller gerade einmal ein graues T-Shirt und eine blaue Jeans verpassen. Würde ich diese Geschichte schreiben, wäre mein Hauptdarsteller ein braungebrannter Bodybuilder mit blonden Locken und Ray Ban auf der Nase, aber nicht in dieser Geschichte. Und wieder fehlt es diesem Autor einfach an Kreativität. Warum bin ich sonst weder groß noch klein, weder dick noch dünn, weder stark noch schwach? Ich kann mit Stolz behaupten, der Mittelmäßigste zu sein.
Mit einem Kopfschütteln löse ich mich von mir selbst und konzentriere mich wieder auf den Brief. Ich mache die Tür auf und hebe den Brief vom Boden auf. Es ist nicht mehr als ein weißer Umschlag. An wen ist der Brief adressiert?
An Michael Müller. Mehr steht da nicht. Keine Straße, kein Ort, keine Adresse.
Toller Name!
Dieser Autor hat nicht einmal die Kreativität, mir einen einzigartigen Namen zu geben. Etwas wie Pseudonymus Fiktorius, was für Fiktion und Pseudonym stünde. Kreativität ist keine Fähigkeit unseres Lieblingsautors. Michael Müller! Daumen hoch! Ein absoluter Geistesblitz.
Sehr geehrter Herr Michael Müller, sollten Sie diese Geschichte lesen, dann lassen Sie sich das nicht gefallen. Es liegt in Ihrer Hand, sich dagegen zu wehren. Es ist Ihr Name, der hier gröblich missbraucht wird. Melden Sie sich bei der zuständigen Stelle und setzen Sie einen Beschwerdebrief auf, der sich gegen die Veröffentlichung dieses Textes ausspricht. Es liegt in Ihrer Verantwortung, Ihren Namen zu schützen und mich aus dieser Lage zu befreien.
Ha! Damit hat er nicht gerechnet. Jetzt habe ich ihn, diesen Anfänger. Man sollte sich nicht mit den Besten messen, kann ich da nur sagen.
So! Was steht in diesem verdammten Brief? Ich öffne den Umschlag und nehme den Brief heraus. Dort lese ich:

Lieber Michael,
da mir zu Ohren gekommen ist, dass Du sehr an bildender Kunst interessiert bist, möchte ich die Gelegenheit nutzen, Dich
zu meiner Vernissage ins Palais einzuladen. Ich bin mir sicher, dass Dich meine farbenreiche Werke aus der Kunstrichtung Pop Art begeistern werden.
Die Vernissage beginnt morgen um 1100 Uhr.
Ich würde mich freuen, Dich dort zu sehen, und verbleibe
mit künstlerischen Grüßen
Hans Bauer

Wer zum Teufel ist Hans Bauer? Und warum soll ich mir von dem Bilder anschauen? Bilder haben mich noch nie interessiert, egal von welcher Kunstrichtung. Und wenn der glaubt, er könnte mit mir ein Geschäft machen, hat er sich getäuscht. Seine farbenreichen Bilder kann er sich sonst wo hinstecken. Ich hänge mir doch keine Bilder von dem hier herein, und zu seiner Vernissage kann er sich selbst einladen. Ich gehe doch auf keine Vernissage. Was glaubt der, wer ich bin?
Sehr geehrte Lesende, es ist Zeit, Plan B einzuleiten. Ich werde das Haus verlassen, um die Geschichte platzen zu lassen.
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