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Die Meisterinnen

von Sinthoria
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Aro Athenodora Caius Didyme Marcus Sulpicia
29.03.2022
24.01.2023
19
83.452
6
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Dieses Kapitel
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24.01.2023 9.340
 
(24.01.23)


Chapter Summary: Sulpicia schleicht sich raus, um mit Aro zu sprechen und wird dabei ungewollt Zeugin eines Streits zwischen Didyme und Aro, bei dem es unter anderem auch um sie geht; leider wird sie irgendwann bemerkt und es kommt zu einer Aussprache zwischen ihr und Aro.

________________________________


Sulpicias Entscheidung


„You are the night-time fear
You are the morning when it's clear
When it's over you're the start
You're my head, you're my heart

No light, no light in your bright blue eyes
I never knew daylight could be so violent
A revelation in the light of day
You can't choose what stays and what fades away”

(No Light, No Light – Florence + the Machine)


~✾~


Sulpicia ging in dem Zimmer, in das man sie gebracht hatte, auf und ab. Ihre Gedanken kreisten. Zwischenzeitlich hatte sie sich auf das kleine Bett gesetzt, war dann allerdings doch wieder aufgestanden, weil sie die Ruhe verrückt werden ließ. Sie überlegte, was geschehen würde, wenn sie ihm erneut gegenüberstand, was sie wohl sagen würde, was sie sagen konnte … Sie hatte so viele Fragen an ihn. Da waren so viele Dinge, die keinerlei Sinn ergaben. Und sie war noch immer schockiert und verängstigt wegen dem, was in ihrem Zuhause geschehen war … was er getan hatte!

Sie musste schon seit Stunden hier sein, und noch immer war er nicht zurück gekommen … es ließ ihre Gedanken ungewollt in schaurige Richtungen kreisen, doch sie ermahnte sich, dass sie nicht darüber nachdenken durfte. Sie empfand tiefe Schuld. All das Blut, das vergossen worden war, war aufgrund ihrer Dummheit geflossen. Sie hätte sich niemals auf ihn oder auf diesen Deal einlassen dürfen, es war alles so grausam schief gegangen!

Unruhig rieb sie die Hände aneinander und setzte ihren Weg auf und ab fort.

Ihr Blick ging zur Tür. Sollte sie es wagen und hinaus gehen? Hier drin, gefangen und allein mit ihren Gedanken, wurde sie wahnsinnig!

Sie hatte die Hand bereits ausgestreckt, um den Türgriff zu umfassen, doch sie zog sie zurück. „Er wird bald hier sein, ich sollte warten.“

Kurz überlegte sie, doch nach erneutem unruhigen auf und ab gehen ging ihr Blick abermals zur Tür. „Ich brauche Antworten…“, dachte sie. „Er kann mich hier nicht einsperren.“

Sie wusste nicht, was sie hoffte zu finden, als sie zögerlich die Tür öffnete und hinaus trat. Mit einer Hand fuhr sie vorsichtig am Stein der Wand entlang, als sie sich ängstlich umsah, in der Hoffnung niemand würde sie bemerken. Cecilia schien verschwunden zu sein, zumindest war sie nirgends zu sehen. Was hatte Aro ihr von seiner Familie erzählt? Lebte er hier allein? Sie war sich nicht sicher … sie erinnerte sich daran, dass er ihr etwas von seiner Familie erzählt hatte … aber lebten sie alle in einem Haus?

Das war doch eher unwahrscheinlich…

Ihre Frage wurde beantwortet als sie von einiger Entfernung her Stimmen hören konnte. Kurz zuckte sie zusammen, doch die Neugier trieb sie und vorsichtig bewegte sie sich den Gang entlang, den Stimmen entgegen. Die Stimmen schienen zu streiten. Und eine davon gehörte unverkennbar Aro!

Sie lief nah an der Wand, aus Angst man könne sie bemerken und presste sich noch mehr an den Stein, als sie eine Balustrade erreichte, die den Blick von ihrer Position aus dem zweiten Stock nach unten in den Innenhof freigab.

Sulpicia hielt den Atem an als sie vor Aro eine Frau mit pechschwarzem Haar erblickte. Die Ähnlichkeit zu ihm war unverkennbar! Sie war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, lediglich mit etwas weicheren Zügen, doch es war dasselbe pechschwarze Haar, dieselben durchdringenden roten Augen…

Und noch schlimmer … jetzt wo sie diese Frau vor sich sah, erinnerte sie sich an den Traum den sie gehabt hatte … von eben jener schwarzen Gestalt, in die Aro sich verwandelt hatte. War sie es gewesen? Das konnte kaum sein, sie war dieser Frau doch zuvor noch nie begegnet!

„Warum, Didyme?!“ Aros Stimme war durchschneidend. „Bitte, erkläre es mir, ich verstehe es absolut nicht!“ Er war auf dem Weg zu Sulpicia gewesen, als er seiner Schwester über den Weg gelaufen war. Und dann war alles hochgekommen. Seine Wut auf sie, darüber dass sie ihn belogen und seine Pläne vereitelt hatte sowie die Tatsache, dass Sulpicia wegen ihr hatte leiden müssen.

Es war das Glück der Sklavin, dass das gesamte Anwesen voller Menschen war, deren Herzschläge die Vampire aus Irritationsgründen mittlerweile gelernt hatten auszublenden. Und auch der Geruch, welcher omnipräsent stets in den Räumen schwebte, hatten sie gekonnt ausgeblendet, weshalb sie auch Sulpicia in dieser Sekunde nicht wahrnahmen, da sie sich nicht bewusst darauf konzentrierten.

Doch die Sklavin war nicht ganz so unbeobachtet, wie sie dachte. Denn ihr gegenüber, im Schatten einer Säule und auf der anderen Seite der Brüstung stand Marcus, der den Streit zwischen seiner Gefährtin und seinem Schwager ebenfalls verfolgte.

Der Unsterbliche hatte sich ein wenig weiter zurückgezogen, als er Sulpicia bemerkt hatte, musterte sie, denn ihm war schon seit einiger Zeit die Veränderung in Aro aufgefallen, die er noch nicht recht hatte benennen können. Und es war auch jetzt nicht so, als bestünde zwischen ihr und seinem Schwager ein besonderes Band, doch die Art und Weise, wie diese Sklavin für Aro empfand war – wie er nun feststellte – das fehlende Puzzleteil in seiner Beobachtung gewesen.

Er hatte den Kopf schief gelegt. Es war, als wäre ein dünner, seidener Faden zwischen den beiden gespannt, der jedoch zum aktuellen Zeitpunkt noch sehr schwach und kaum zu erkennen war …

„Du verbirgst vor mir, dass du einen Unsterblichen geschaffen hast und sorgst dafür, dass eine unschuldige Frau unnötig bestraft wird, erklär mir den Sinn! Was hast du denn mit diesem Unsterblichen vor, dass du es selbst mir verschweigst?!“ Das war es, was auch Marcus sich fragte, doch er wusste, Didyme wäre vermutlich lediglich ihrem Bruder gegenüber wirklich ehrlich … leider … in letzter Zeit hatte er immer mehr das Gefühl gehabt, sie verschweige ihm etwas, und es nun bestätigt zu sehen, schmerzte ihn sehr.

Sulpicia runzelte die Stirn über diese Worte. Ein Unsterblicher? Was sollte das heißen?

„Jetzt spiele dich bitte nicht so auf, lieber Bruder! Als würden dir Menschenleben sonderlich viel bedeuten …“ Didyme verschränkte die Arme und schüttelte den Kopf. Ihre Worte versetzten Sulpicia einen Stich im Herzen. Sie sah, wie Aro die Frau vor sich eindringlich ansah und den Kopf schief legte. Es stimmte, Menschenleben bedeuteten ihm tatsächlich nicht viel, doch in diesem Fall war er zu weit involviert gewesen und er missbilligte es grundsätzlich, wenn man sich in seine Angelegenheiten einmischte.

Als ihr Bruder nicht antwortete, seufzte Didyme schließlich und löste ihre verschränkten Arme, um auf Aro zuzugehen. Etwas sanfter sagte sie nun: „Ich wollte vor allem verhindern, dass du dich schlecht fühlst, nur weil du Caius mit deiner Gabe nicht dienen konntest! Dass du so einen Aufriss veranstalten würdest, nur um sein Rätsel zu lösen, fand ich absurd!“ Sie zuckte mit den Schultern. „Du hast mir eben leidgetan. Du verbiegst dich immer so sehr, nur um deinem Schöpfer zu gefallen … das gefällt mir nicht. Du bist ein Unsterblicher, Aro! Du bist zu mächtig, um dich von ihm unterjochen zu lassen! Hast du das vergessen?“

Die blonde Sklavin verstand überhaupt nichts mehr. Von welcher Gabe sprach diese wunderschöne Frau?

„Sie weicht mir aus…“, dachte Aro und versuchte sich nicht provozieren zu lassen.

„Du hättest auch mit mir sprechen können.“ Aros tiefe Stimme klang tadelnd und doch war die Wärme darin unverkennbar. Es waren die Worte eines liebenden Bruders an seine kleine Schwester gerichtet. „Du hättest Sulpicia nicht der Gnade ihres Hausherrn überlassen dürfen, ist dir bewusst, wie er sie zugerichtet hat?“

Es durchzuckte die Sklavin kurz als sie ihren Namen vernahm. Sie sprachen über sie … Aro sprach über sie … und er wirkte so anders neben seiner Schwester, in der gesamten Art und Weise wie er mit ihr sprach, als sie ihn jemals erlebt hatte.

Didyme kam ihrem Bruder unterdessen bedrohlich näher und funkelte ihn an.

„Oh, es geht dir also um diese Menschenfrau! Jetzt sag mir nicht, sie bedeutet dir etwas?“ Kurz herrschte Stille und dann lachte Didyme gespielt auf und klatschte in die Hände. „Deshalb bist du also wütend auf mich?! Ich glaube es nicht! Aro! Das ist lächerlich!“ Sie machte eine theatralische Pause und dachte an den Kuss zurück, den sie beobachtet hatte „Was willst du denn mit ihr?! Sie kann sich einreihen in die Garde schöner Frauen, denen du über die Jahrhunderte bereits das Herz gebrochen hast oder – noch schlimmer - die dumm genug waren, sich freiwillig in deine Dienste zu begeben!“

„Cecilia … sie meint Cecilia… und sie spricht von Jahrhunderten … bei den Göttern, wohinein bin ich geraten?“ Sulpicia spannte sich an bei dem Gedanken und Marcus musste über ihre Reaktion die Stirn runzeln. Für gewöhnlich waren die Bande, die er zwischen Menschen und Unsterblichen sehen konnte sehr klar und deutlich, doch dieses Mal schien es anders zu sein … als wäre noch nicht entschieden, ob und wie viel die beiden einander in der Zukunft bedeuten würden.

„Es würde mich interessieren, wovon das abhängt“, dachte Marcus, der Mitleid mit der Sklavin hatte, doch er wurde abgelenkt, als Aro – offenkundig aufgebracht – das Wort erneut an Didyme richtete.

„Hüte deine Zunge liebste Schwester! Und sprich nicht von Dingen, von denen du nichts verstehst!“ Der Unsterbliche funkelte ebenso bedrohlich zurück. Eine Warnung an Didyme, ihn nicht noch mehr zu reizen.

Doch Didyme ließ sich davon nicht einschüchtern. Im Gegenteil. Sie war wohl die einzige Person auf diesem Planeten, die es wagen würde, Aro in einer solchen Situation noch weiter in die Enge zu treiben. „Nein du hast Recht – dass sie dir nun etwas bedeuten soll, nachdem du sie für deine Zwecke benutzt hast, verstehe ich wirklich nicht!“

Aro war blitzschnell nach vorn gegangen und hatte ihre Kehle warnend mit seinen Fingern umschlossen. „Wir hatten einen Deal, das ist etwas völlig anderes“, zischte er.

Sulpicia presste beide Hände auf ihren Mund und wich noch ein wenig weiter zurück. „Ich sollte nicht hier sein … ich sollte einfach nicht hier sein!“

Und auch Marcus, der bisher die Sklavin beobachtet hatte, wandte seine Aufmerksamkeit nun wieder seiner Gefährtin zu.

Es tat ihm weh, seine Geliebte auf diese Weise zu sehen. Er hatte sich bereits die letzten Wochen gefragt, was es wohl war, das sie umtrieb und er wollte diesbezüglich unbedingt mit ihr sprechen. Er atmete lautlos tief ein und aus, wandte den Blick von Sulpicia ab und begab sich nach unten. Er würde einschreiten, bevor die Situation noch weiter eskalierte und vielleicht würde er dann endlich ein wenig Ehrlichkeit von Didyme bekommen können.

„Du hast sie also nicht manipuliert, damit sie dir sagt, was du hören wolltest?“ Presste Didyme hervor und versuchte sich gleichzeitig aus dem Griff ihres Bruders zu lösen. Aro seufzte und setzte sie sogleich mit einem Ruck wieder ab. Er war ihr gar nichts schuldig! Doch seine Schwester hatte schon immer gewusst, wie sie ihn am besten treffen konnte … Geschwister trafen stets die wunden Punkte des anderen mit einer grausamen Präzision. Ganz besonders dann, wenn sie selbst uneins mit sich selbst waren. „Aro erzähl mir doch nichts, ich kenne dich! Sie ist jung, blond und hübsch und vor allem eines: deinem Charme absolut verfallen!“

Der Unsterbliche ballte die Hände zu Fäusten und bemühte sich sehr, sich nicht provozieren zu lassen. Er wusste, sie versuchte ihn vom eigentlichen Thema abzubringen. „Wenigstens weiß ich im Gegensatz zu dir, wie man charmant ist!“, neckte er sie und hoffte, das würde sie ein wenig von ihrem hohen Ross herunter holen.

„Oh ich kann sehr charmant sein!“ Didyme machte eine ausladende Geste. „Und du weißt doch, ich spiele ebenfalls gern!“ Sie zuckte mit den Schultern und setzte eine unschuldige Miene auf. „Ich wollte eben auch daran teilhaben, wieso lässt du mir den Spaß nicht?!“

Da Aro auf der Seite stand, an welcher Marcus die Treppen hinunter zu ihnen gelaufen war, nahm er seine Präsenz in seinem Rücken als erster war, als der andere Unsterbliche die untere Etage erreicht hatte. Doch er war noch zu angefeuert von dem Kommentar seiner Schwester, dass er sich jetzt nicht mit ihm befassen konnte.

„Das ist Unsinn und das weißt du genau!“ Doch dann kam ihm eine Idee während er sprach und er richtete sich auf, sprach die nächsten Worte lang und gedehnt aus, bedacht darauf, dass Marcus sie ebenfalls hören konnte. „Wieso willst du mir den wahren Grund nicht nennen, aus dem du Pictor verwandelt hast?! Wie schlimm kann es sein, dass du zur Vertuschung deiner Lüge eine unschuldige Sklavin bestrafen lässt? Oder ist dir schlicht so langweilig, dass du jedem der mir etwas bedeutet das Leben schwer machen musst?“

Er sagte den letzten Satz mehr um sie zu reizen, als aus dem Grund, dass er ihn tatsächlich fühlte, doch Sulpicia, die die gesamte Szenerie noch immer beobachtete, zog es den Magen zusammen, als sie die Worte hörte … sie bedeutete ihm etwas? Konnte das sein?

„Dir etwas bedeutet?!“, entgegnete Didyme gehässig. Nun war es Aro, der einen wunden Punkt bei seiner Schwester getroffen hatte, allerdings schlug diese daraufhin sogleich um sich, was die Situation nur noch weiter verschlimmerte. „Oh bitte Aro, erleuchte mich! Du bist so ein Heuchler! Du hast es nur schon immer gemocht, wenn jemand dein Ego streichelt! Das ist bei ihr so und auch bei allen anderen Frauen und Männern, die du bisher hattest! Und dennoch konntest du keinen von ihnen lange halten, vielleicht solltest du dich fragen weshalb!“

Die Schwarzhaarige spie die Wörter förmlich aus, einzig mit dem Ziel, ihn zu verletzen. Mit Erfolg, wie sie mit Genugtuung feststellte. Das war Aros wunder Punkt. Er liebte es, bewundert zu werden, und doch ängstigte ihn die Vorstellung, irgendeine Art von Beziehung könne ernsthaft werden. Er konnte sich sich selbst schlicht und ergreifend nicht mit einer einzelnen Person vorstellen…

Sulpicia, oben auf der Balustrade, zog die Augenbrauen bei diesem Kommentar zusammen. Sie fühlte sich ertappt, denn selbstverständlich hatte sie sich bemüht ihm zu schmeicheln … bis vor einigen Wochen … vor alle dem hier.

Didyme hatte versucht, mit ihren Worten gekonnt das Thema von sich weg zu lenken und war nun erfreut, als sie bemerkte, das ihr das gelungen war. Aro war aufgebracht. Und das zurecht!

„Oh ja! Richtig, denn du verstehst ja so viel davon!“ Er war verletzt. Und auch wenn er sie bisher geschützt hatte, sie war zu weit gegangen. Und nun würde er ebenfalls austeilen. „Vielleicht sollte ich Marcus fragen, wie es in letzter Zeit um deine Ehrlichkeit bestellt ist?!“

Das ließ Marcus aufhorchen und sich den Grund für seine Anwesenheit wieder ins Gedächtnis rufen.

„Lass ihn da raus!“, zischte die schwarzhaarige Unsterbliche.

Doch nun fasste sich Marcus ein Herz und trat aus seinem Versteck, sodass auch sie ihn nun bemerkte. „Mich woraus lassen?“, bemerkte er gespielt unschuldig an, so als hätte er erst nun, bei der Erwähnung seines Namens, wirklich aufgehorcht.

Sulpicia stockte, als sie den dritten Unsterblichen eintreten sah. Das war also Marcus? Der den sie und Aro als Alibi eingesetzt hatten, als sie sich damals in der Abendschule das erste Mal vorgestellt hatte … oh könnte sie doch nur zurück in diese Zeit! Alles war so viel leichter gewesen!

„Bruder!“, sagte Aro unschuldig und scheinheilig. „Wie immer kommst du wie gerufen!“ Er machte eine ausladende Geste und nahm ihn damit in die Unterhaltung auf. Im Normalfall wäre ihm die Menschenfrau spätestens nun aufgefallen, doch er war so geblendet von der Wut auf Didyme, dass er nichts aus ihr und Marcus wahrnahm. „Bitte Didyme, erzähle uns doch von dem Mann, den du in deiner Großherzigkeit für Marcus töten solltest, ihn aber stattdessen zu einem von uns gemacht hast!“

Die schwarzhaarige Frau hatte die Augen weit aufgerissen und fühlte sich ertappt. Ehrlich schockiert schaute sie zwischen Aro und Marcus hin und her und es schien, als wisse sie in dieser Sekunde tatsächlich nicht, was sie sagen sollte. Eindringlich richtete sie ihren Blick schließlich auf Aro. Wie konnte er nur! Wie konnte er sie vor Marcus nur auf diese Weise bloßstellen?! Wie er konnte er nur ihr Geheimnis verraten?!

Ihr Blick glitt zu Marcus und sie sah ihn entschuldigend an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Marcus hatte eine solche Unehrlichkeit ihrerseits nicht verdient, das war ihr auch klar … nur sie hatte es ihm im Vertrauen sagen wollen … irgendwann einmal …

„Ist schon gut, ich wusste es bereits“, sagte Marcus sanft. Er wollte nicht, dass sie sich schlecht fühlte. „Sicher hattest du deine Gründe.“

Didyme biss die Zähne aufeinander. Wie konnte er nur stets so verständnisvoll sein?! Es war unfassbar!

Aro schien es ebenfalls unfassbar zu finden, denn er sah Marcus schockiert an. „Du bist also nicht wütend darüber, dass sie dich angelogen hat?“ Sein Blick wurde finster. Schließlich kannte er Marcus‘ wirkliche Gedanken. „Und überlege dir, was du als Nächstes sagst, du weißt, ich kenne deinen Geist!“

Sulpicia beobachtete, wie der sanfte Riese resigniert seufzte. Zwischen Aro und Didyme wirkte er wie ein Ruhepool und sie hatte augenblicklich das Gefühl ihn zu mögen, auch wenn sie noch niemals mit ihm gesprochen hatte.

„Ich bin wütend darüber, ja.“ Marcus sah Didyme eindringlich an. „Aber ich will deine Erklärung zuerst hören, bevor ich dich für deine Taten verurteile. Du weiß, Caius würde eine solche Missachtung seiner Regeln niemals dulden, warum hast du es also getan?“

Anstatt dankbar für sein Verständnis zu sein, warf Didyme die Arme in die Luft und verdrehte die Augen.

„Bei allen Göttern, Caius! Immer geht es nur um Caius! Das ist ermüdend! Ihr seid ermüdend! Wie ihr euch stets verbiegt, nur um ihm zu gefallen! Widerwärtig! Wo ist er überhaupt?! Er sollte das hier hören, es ist erfrischend!“ Ihre Augen funkelten wild und der Zorn darin loderte mit jedem Wort mehr.

Aro und Marcus wussten beide was sie meinte und doch konnte und wollte ihr keiner der beiden wiedersprechen.

„Er hat Pictor gefunden und wird ihn töten“, entgegnete Marcus nüchtern, was Didyme nur noch mehr in Rage zu versetzen schien. Er sah wie sie nun die Hände zu Fäusten ballte – ganz so wie Aro zuvor – sich aber bemühte, nichts zu sagen.

„Wundervoll! Ganz wundervoll! Ihr beiden seid wirklich unausstehlich!“, fauchte sie, nun da ihr Plan komplett vereitelt zu sein schien. Caius, dieser lästige Unsterbliche mit seinen vielen Regeln und seiner Moral! „Wie schön, dass ihr ihm auch dieses Mal wieder in die Arme gespielt habt!“

Aro und Marcus sahen einander an. „Haben wir nicht. Er ist tatsächlich von selbst darauf gekommen.“ In Wahrheit war es Athenodora gewesen, durch die er die Wahrheit erfahren hatte – er war in diesem Augenblick bei ihr, denn Pictor war erneut in die Taverne gekommen, doch davon sollten die anderen erst später erfahren. (AN: kommt noch, wir machen jetzt erstmal den Teil hier fertig. ^^)

Didyme schnaubte hörbar aus, was Marcus dazu veranlasste, beschwichtigend die Hände zu heben. „Bitte beruhige dich, du kannst es uns in Ruhe erklären und dann finden wir auch eine Argumentation, mit der wir Caius‘ Zorn darüber beschwichtigen können, sobald er es erfährt.“

Er war stets so verständnisvoll, dass es selbst Aro schwer ums Herz wurde…

„Glaubt ihr ehrlich daran bin ich interessiert?!“ Didyme schaute zwischen beiden hin und her. „Es ist mir gleich, ob Caius mein Verhalten billigt oder nicht! Und das sollte euch auch so gehen! Wir sind ebenso mächtige Wesen wie er! Wir sollten aufhören vor ihm zu kuschen! Diese Welt sollte mit uns als ihre Herrscher und Herrscherin geführt werden und das wisst ihr ebenso wie ich! Dass wir uns hier verstecken und als Menschen ausgeben ist doch absurd!“

Die Sklavin verstand kaum etwas davon, was diese wütende Frau sagte, doch sie war so gefangen von den Worten und dem Schlagabtausch, dass sie nicht bemerkte, wie eine weitere Person die Bildfläche betreten hatte.

„Sulpicia was tust du hier?!“ ertönt die schrille Stimme Cecilias auf der Brüstung und Angesprochene zuckte sofort zusammen und wandte sich um. Auch alle anderen drei – wobei Marcus weniger überrascht – taten es ihr gleich und hoben den Blick, denn nun nahmen sie sie ebenfalls wahr. Die Sklavin spürte die Blicke und sah panisch und ertappt zwischen den dreien und Cecilia hin und her. „Ich habe dir gesagt, du sollst auf dem Zimmer warten!“

„Aro, vielleicht solltest du dich um sie kümmern“, räumte Marcus leise ein, als er dessen schockierten Blick sah, doch Didyme war schneller und mit einem Satz verschwunden. Aro folgte ihr augenblicklich.

Sulpicia wollte ausweichen, doch es ging alles viel zu schnell. Didyme war mit einem Mal direkt vor ihr und funkelte sie böse an. „Als Gast in einem Haus den Gesprächen fremder Leute zu lauschen ist äußerst unhöflich!“

Die Sklavin wich ängstlich einige Schritte zurück und spürte sogleich zwei starke Hände, welche sich von hinten um ihre Oberarme legten, um sie zum Stehen zu bewegen. Sogleich fuhr ein Schauer durch die Glieder, als sie Aros Stimme nah an ihrem Ohr vernahm. „Bleib ganz ruhig, dir wird nichts passieren.“

Unsicher und etwas zögerlich drehte sie sich leicht nach hinten, um ihn ansehen zu können. Aro erwiderte ihren Blick für einen Moment, ehe er sich seiner Schwester zuwandte. Seine Gesichtszüge verhärteten sich augenblicklich.

„Kein Wort hiervon zu Caius!“ Er sprach so eindringlich, dass keinerlei Zweifel darin bestand, wie ernst es ihm war. „Das schuldest du mir! Ich allein bin für sie verantwortlich!“

Didyme hob sogleich die Hände und zog die Augenbrauen nach oben, ehe sie sich umdrehte und sich Cecilia widmete. „Mir scheint, als hättest du deine Aufgabe nicht erfüllt.“ Ihre Stimme klang bedrohlich. „Das ist äußerst bedauerlich.“ Sie legte den Kopf schief und Cecilia wich automatisch etwas ängstlich zurück. „Wir müssen uns doch auf dich verlassen können!“

Bedrohlich kam sie ihr näher und Sulpicias Herzschlag beschleunigte sich ebenfalls bei dem Anblick. Doch als sie spürte, dass auch Aro hinter ihr sich anspannte, riss dies ihre Aufmerksamkeit herum.

Aro musterte sie. Der Duft ihres Blutes war so allgegenwärtig, so klar, dass er sich fragte, wie er es zuvor nicht hatte riechen können! Er konnte sehen, dass sie alles gehört hatte! Was nur sollte er ihr sagen? Was durfte er ihr sagen? Und noch mehr beschäftigte ihn die Frage: Was wollte er ihr sagen?

„Komm.“ Er löste seinen Griff und bedeutete ihr, nach vorn zu gehen. „Ich schulde dir eine Erklärung.“ Mit diesen Worten führte er sie fort und hinein in den Raum, aus dem sie gekommen war. Noch ein einziges Mal wandte sie sich um, blickte zurück auf Didyme und Cecilia, deren Miene verriet, dass sie augenblicklich bereute, so unachtsam gewesen zu sein.

Doch im Hinblick darauf, welche Auseinandersetzung Sulpicia selbst vor sich hatte, verdrängte sie jeden Gedanken an die andere Sklavin.

~✾~


Sie spürte seine Hand in ihrem Rücken, als er sie erneut in das Zimmer führte. Ihr Herz schlug viel zu schnell und sie war viel zu aufgeregt. Wüsste sie nur, dass Aro bereits all ihre Gedanken gelesen hatte, es hätte die Situation vermutlich lediglich verschlimmert.

„Was wird mit ihr geschehen?“, fragte sie vorsichtig als sie den Raum betrat, um irgendwie einen Einstieg in das Gespräch zu finden.

Aro schmunzelte, ohne dass sie es sah. „Bist du besorgt um sie?“

„Ich möchte nur nicht, dass ihr wegen mir etwas passiert“, stellte die Sklavin richtig.

„Didyme wird sie sicherlich maßregeln, aber das sollte nicht deine Sorge sein.“ Er drehte sich über die Schulter zu ihr herum, während er das sagte und schloss gleichzeitig die Tür hinter ihnen beiden. Ihr ängstlicher Blick sprach Bände. Ihr schauderte bei dem Gedanken daran was maßregeln für diese Leute wohl bedeuten konnte und sie wagte nicht, weiter darauf einzugehen.

„Was sollte denn meine Sorge sein?“, fragte sie stattdessen vorsichtig nach.

Aro überquerte die kurze Distanz zwischen ihnen und umfasste ihre Hände, ehe er sie eindringlich ansah. Sein Blick ging ihr durch Mark und Bein. „Es tut mir leid, dass du so lange auf mich warten musstest. Ich wollte dich mit deinen Gedanken nicht zu lange allein lassen.“ Er hörte was sie dachte und runzelte augenblicklich die Stirn. Das war so gar nicht was er erwartet hatte, deshalb wich er aus. „Du hast Fragen und das ist auch mehr als verständlich…“

Er löste sich von ihr und entfernte sich wieder einige Schritte, während er nachdachte.

In ihrem Kopf kreiste alles wild durcheinander. Das, was in dieser Nacht geschehen war, die Morde und all das Blut … sein Verhalten ihr gegenüber und die Begegnung mit Cecilia … und dann ebenso die Unterhaltung, der sie gerade beigewohnt hatte. Sie hatte so viele Fragen, dass sie nicht wusste, wo sie anfangen sollte. Und sie hatte Angst davor, die Fragen zu stellen, die ihr auf der Seele brannten.

„Was bist du?“, flüsterte sie leise. „Deine Schwester nannte dich einen … Unsterblichen.“ Sie brauchte einen Moment, bis sie das Wort laut aussprechen konnte. „Und… ich habe deine Reiszähne gesehen, als du…“ Sie wagte nicht den Satz zuende auszusprechen.

Aro überlegte, wie viel er ihr sagen durfte. Doch im Grunde spielte es keine Rolle. Laut Caius gab es die inoffizielle Regelung, dass sie ihre Existenz geheim halten sollten. Doch er war Athenodora begegnet … und offenkundig hielt sich Caius seit Neustem selbst nicht mehr an seine Vorgaben. Wieso sollte er es also tun?

Doch irgendetwas in ihm hielt ihn zurück, ihr die volle Wahrheit zu sagen. Und ganz so wie er es auch bereits in früheren Jahren das ein oder andere Mal getan hatte, gab er lediglich Halbwahrheiten preis. „Zumindest hat es für uns den Anschein, ja. Meine Familie und ich sind schon sehr lange auf dieser Welt.“

Schockiert wich sie ein paar Schritte zurück. Sehr lange … was bedeutete das? „Ist das der Grund weshalb eure Augen so…?“ Auch diesen Satz sprach sie nicht zuende.

„Ja. Aber auch das ist reine Spekulation. Wir wissen es nicht genau.“

Sulpicia atmete hörbar aus. Ihr Verstand konnte das alles kaum begreifen. „Tiberius, Aurelia, Svea und all die anderen … sie sind alle tot!“ Sie hatte ihn dafür anklagen wollen, hatte hören wollen, wie er ihre Tode begründete, doch eine direkte Frage wollte ihr, nun da sie vor ihm stand, nicht über die Lippen kommen.

„Es tut mir leid, dass du das Blutbad mitansehen musstest“, drehte Aro ihre Aussage in eine andere Richtung. Die Distanz zu ihr schien in dieser Sekunde endlos.

Die Sklavin schüttelte heftig den Kopf und schlang die Arme um den eigenen Körper. „Du… du hast sie alle getötet… Ohne irgendwelche Waffen, du…!“ Sie konnte es nicht laut aussprechen. Sie hatte viel zu viel Angst vor seiner Reaktion. „Da war…überall so viel Blut…“, stotterte sie weiter.

„Es gibt keinen Grund sich zu fürchten“, entgegnete Aro ruhig. „Ich habe es für dich getan. Damit du frei sein kannst. Denn das was sie dir angetan haben war grausam.“ Es tat ihm weh, sie so zu sehen. So verängstigt! Sie hatte wahrlich keinen Grund dazu!

Was er ihnen angetan hatte war noch viel grausamer gewesen, dachte sie fahrig, doch auch das wagte sie nicht laut auszusprechen. Seine Aussage schockierte sie. „Für mich getan?! Nein! Das kann unmöglich sein!“

„Aber … ich habe nicht darum gebeten! Ich, ich hätte doch nie gewollt, dass sie…“ Die Sklavin rang nach Worten. „dass sie sterben…“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Aro runzelte die Stirn und kam ihr wieder einen Schritt näher, hielt jedoch inne als er sah, dass sie zurückwich. Ihre Reaktion verwunderte ihn. „Sie haben dich dein gesamtes Leben lang belogen und unterdrückt, Sulpicia“, versuchte er ihr Vernunft einzureden.

„Ich war ihre Sklavin … ich habe ihre Regeln gebrochen und ihr Vertrauen missbraucht … sie hatten jedes Recht dazu“, gab sie schockiert zurück. Sie wusste im Grunde ihres Herzens, dass sie keinerlei Rechte besaß. Und aus diesem Grunde konnte sie ihnen jene Strafe, die sie ihr auferlegt hatten auch nicht verübeln … sie hatte nie etwas anderes gekannt, als das über sie verfügt wurde … erst durch Aro und ihre Vereinbarung sowie ihre Täuschung, hatte sie begonnen sich zumindest für eine Weile als etwas anderes zu sehen.

Als eine freie Frau. Doch das war ein großer Fehler gewesen. Oder doch nicht? … Nein! Sie hatte die Strafe gewiss verdient! Sie hätte sich niemals so viel herausnehmen dürfen!

Der Unsterbliche unterbrach ihre innere Debatte. „Es ist traurig, dass jemand wie du gelernt hat sich selbst so gering zu schätzen.“

„Jemand wie ich?“ Dieser Kommentar stimmte sie auf unerklärliche Weise wütend. Was wollte er damit sagen?!

„Du magst es nicht wissen, aber diesen Titel – Sklavin – den gaben dir Menschen, die nicht besser oder schlechter sind als du. Sie haben für dich entschieden, dass du von Geburt an keinerlei Rechte besitzt.“ Sulpicia sah ihn mehr als skeptisch an, denn sie glaubte nicht, dass er sie als irgendetwas anderes sah als genau das, was sie war. Wie sollte er auch? Nicht einmal sie sah sich als etwas anderes. „Was ich sagen will ist: Das was sie dir angetan haben, war nicht Rechtens. Du magst vielleicht glauben, dass du es verdient hast, bestraft worden zu sein, aber das stimmt nicht. Sie hätten dir das niemals antun dürfen.“

Sie musste sich auf die Zunge beißen, um ihre Wut zu unterdrücken. „Siehst du mich denn als etwas anderes?“, fragte sie schnippisch und war selbst erstaunt über ihren plötzlichen Mut.

Der Unsterbliche war ebenfalls überrascht über ihre Direktheit. Das war neu und er konnte noch nicht abschätzen, woher dieser Sinneswandel wohl kam. Um das zu erfahren, müsste er sie berühren … „Das könntest du sein, ja.“ Die Worte klangen neutraler, als er beabsichtigt hatte.

„Könnte ich sein…“, wiederholte Sulpicia das Gesagte, schüttelte sogleich den Kopf und dachte dabei darüber nach, was in der letzten Nacht noch enthüllt worden war. Tiberius war mehr als nur ihr Hausherr, er war ihr Vater! Und er hatte sie als seine Tochter verstoßen! Wenn er dies nicht getan hätte, wäre ihr Leben deutlich anders verlaufen … und das würde bedeuten, sie war lediglich Sklavin aufgrund einer Lüge geworden!

Aro hatte das Geheimnis gelüftet. Und ihn getötet, bevor die beiden auch nur ein Wort darüber hatten wechseln können. Wie konnte das sein?! Wie konnte der Mann, dem sie ihr Leben lang gedient hatte, ihr Vater sein? Und wenn dies stimmte, weshalb hatte er niemals etwas gesagt? Wieso war sie ihr gesamtes Leben lang eine Sklavin gewesen?

„… du hast Tiberius als meinen Vater bezeichnet … wenn das stimmt, dann hat er mein gesamtes Leben lang gelogen … ich habe eine Lüge gelebt…“ Aro sah sie ernst an und fing damit ihren Blick auf. Er wusste, diese Thematik würde sie nachhaltig beschäftigen. „Woher wusstest du das? Wie kommst du auf eine solche Idee?“ Ein Moment der Stille setzte ein in dem Aro sah, wie ihre Augen glänzen. Er überlegte, was und wie viel er ihr sagen konnte und wollte, aber sie so aufgelöst vor sich zu sehen, ließ sein Herz schwerer werden, als ihm lieb war.

„Ich wusste es, weil ich seine Gedanken kannte“, sagte er langsam und gedehnt. Er beobachtete sie aufmerksam an und gab ihr einen Moment, um das Gesagte zu verdauen.

„Du … kanntest seine Gedanken?“, wiederholte sie ungläubig.

„Ja.“ Einen Moment lang herrschte Stille, in der Aro innerlich abwog. „Ich kann die Gedanken eines jeden Menschen hören …“ „Ich schätze, weil ich selbst einst einer war“, fügte er in Gedanken hinzu. „Jene Gedanken, die jemand im Augenblick hegt, sowie auch die, die er oder sie bereits dachte.“

Sulpicia konnte nicht glauben, was sie da hörte! Überhaupt war das alles so surreal, dass ihr schwindlig wurde… sie sollte ihm glauben, dass er Gedanken lesen konnte?! Dass er unsterblich war?! Das war doch absurd!

Doch es würde sein immenses Wissen erklären und ebenso seine so deutliche Andersartigkeit gegenüber jedem, der ihr bisher begegnet war.

Und noch ein Gedanke schockierte sie: Wenn er wirklich Gedanken lesen konnte, wie er sagte, dann hatte er von Beginn an gewusst, wie sie für ihn empfand… und deshalb hatte er auch stets die richtigen Worte gefunden … da er wusste, was sie hören wollte.

„Wie…?“ Ihr war unklar, was sie sagen sollte.

Er sah den Unglauben in ihrem Gesicht, als sie erneut den Kopf schüttelte. Zugegeben, es war viel geschehen in dieser Nacht und all das hatte sie sehr durcheinander gebracht. Er würde ihr Zeit geben müssen, um all das zu verstehen und zu verarbeiten, doch Zeit war etwas, das er im Gegensatz zu allen anderen Geschöpfen auf diesem Planeten im Übermaß besaß.

Im Gegensatz zu ihr…

Und er war selbst verwirrt über sich: dass er all das auf sich genommen hatte, nur um sie hierher zu bringen, dass er ihr nun die Zeit gab, ihr alles in Ruhe zu erklären und auch dass er bereit war, so viel von sich preis zu geben. Er konnte es nicht erklären, er war schlicht und einfach seinem Gefühl gefolgt.

Und deshalb widerstand er auch nun dem Drang, die Distanz zu ihr zu überbrücken, sie zu berühren und ihre Gedanken zu lesen, wie er es sonst bei jedem anderen getan hätte. Diese Zurückhaltung war schmerzlich, doch er würde es aushalten. Er wollte keine Grenze überschreiten.

Stattdessen erklärte er es ihr weiter.

„Ich weiß, dass du dich fragst, welche Art von Monster ich wohl bin. Einer deiner Götter oder eher ein Dämon aus der Unterwelt. Und du fragst dich, womit du eine solche Strafe, eine solche Prüfung der Götter verdient hast.“ Er neigte leicht den Kopf schief. „Du verurteilst mich für das, was ich getan habe und du verstehst nicht wie ein Teil von dir auch insgeheim froh darüber sein kann. Du fragst dich, weshalb du hier bist und wie all das, was du gesehen hast, zusammenpasst.“ Er beobachtete, wie sie versuchte seinem Blick auszuweichen. „Und du fürchtest dich. Das ist auch der Grund für deine Wortkargheit. Doch deine Gedanken sind keineswegs wortkarg.“ Er sah sie eindringlich an. „Sie schreien mir regelrecht entgegen.“

Sulpicia wurde rot. „Ich … ich wollte keineswegs unhöflich sein, aber…“

„Nein, nein. Ist schon gut. Glaube mir, ich habe viele Gedanken gesehen, es muss dir nicht unangenehm sein. Deine Gedanken waren stets sehr angenehm.“ Er tat es ab, als wäre es nichts! Sulpicia konnte es nicht fassen! Und es war genau dieser Punkt, der sie erneut rasend machte.

„Du wolltest durch mich etwas herausfinden … daher unsere Vereinbarung“, stellte sie fest. Sie wagte es, den Blick zu heben und ihn nun direkt anzusehen. Doch sie hielt den forschenden roten Augen lediglich ein paar Sekunden lang stand. „Aber die Angelegenheit hat sich bereits erledigt, wenn ich das richtig verstanden habe…“

„Ja.“, war die einsilbige Antwort seinerseits.

„Das heißt, du brauchst mich nicht mehr“, sagte sie mit möglichst fester Stimme.

Er überlegte, ob sie dies wohlmöglich aus der Überlegung heraus sagte, dass er sie nicht hier haben wollen könnte und dass sie sich wohlmöglich schuldig fühlte. „Du hast deine Abmachung erfüllt, es gibt nichts, was du dir vorzuwerfen hast.“

Doch das war es nicht, was Sulpicia umtrieb.

„Nein, ich … ich frage mich eher was nun mit mir geschehen wird.“ Erneut sah sie ihn an und dieses Mal war er es, der Mühe hatte dem Blick Stand zu halten. Er hatte, wenn er ehrlich war, noch nicht gründlicher darüber nachgedacht. Der Gedanke nach einer möglichen Gefährtin kam ihm nicht – dafür war er viel zu uninteressiert an einer festen Bindung. Allein der Gedanke daran engte ihn ein!

Doch aus einem ihm unerklärlichen Grund wollte er sie um sich haben. Er hatte ihre Anwesenheit bereits in seiner Abendschule stets sehr genossen und es war eine Freude gewesen, ihr beim Lernen zuzusehen und ihre Freude über Fortschritte zu beobachten.

Der Vampir seufzte schwer.

„Ich habe dich hierhergebracht, weil es sicherer für dich ist. Ich werde dir nicht wehtun, wenn es das ist, was du fürchtest.“

Das war tatsächlich in ihren Gedanken gewesen, wie er wusste, doch nicht das, was sie in dieser Sekunde hauptsächlich beschäftigte. Ja, sie hatte sich gewünscht, von ihm gerettet zu werden. Es hatte in ihrem Geist romantisch geklungen – die Idee, sie könne ihm so wichtig sein, dass er sie zu sich holte.

Doch nun, da die Dinge lagen, wie sie lagen und die Realität sie eingeholt hatte, erkannte sie, dass es viel mehr ihr Wunsch nach Freiheit gewesen war, den Aro mit dem Leben, das er führte, nur noch mehr in ihr angeheizt hatte. Gleichzeitig hätte sie niemals gewollt, dass für ihre Freiheit jemand anderes sein oder ihr Leben lassen musste.

Und nachdem sie Cecilia begegnet war – eine Frau die sich freiwillig in die Dienste dieses Mannes begeben hatte, in der Hoffnung er würde sie irgendwann ebenso sehr begehren, wie sie ihn – hatte der Schock so tief gesessen, dass sie ihre eigene Dummheit und Verblendung erkannt hatte.

Sie durfte sich nichts vormachen. Auch sie würde nicht mehr für ihn sein, als Cecilia es war.  

„Du sagtest damals, du würdest mir helfen eine freie Bürgerin zu werden…“, setzte sie daher vorsichtig an.

Aro runzelte etwas perplex die Stirn. Man sollte meinen er habe diese Überlegungen in ihrem Geist gesehen, doch dieser war ein so heilloses Durcheinander, dass er sich nicht auf jeden Gedanken in der Tiefe fokussiert hatte. Und nun bereute er es. Hätte er doch nur tiefer hingesehen.

Wollte sie nun ernsthaft fort von ihm? Nach allem was er für sie getan hatte?

„Nun, das würde jetzt noch nicht funktionieren“, wich er aus und musterte sie. „Die Menschen würden reden, nun nachdem Tiberius und sein gesamter Haushalt tot ist.“

Das war leider nicht einmal gelogen. Doch der Gedanke an die toten Körper und seine plötzliche Kälte in der Stimme jagten ihr einen Schauer durch die Glieder.

„Aber ich könnte dafür sorgen, dass du unbemerkt bleibst“, fuhr Aro wieder etwas melodischer fort. „Hier würde dich niemand finden.“

„Hier bei dir?“, fragte sie erneut zögerlich und bemühte sich, seinen Blick zu erwidern.

„Ja…“ Er überbrückte nun doch die Distanz zwischen ihnen beiden und nahm ihre beiden Hände erneut in seine. Der Blick mit dem er sie musterte war warm und wohlwollend und beinahe vergaß sie die grausigen Bilder, welche sie noch vor ein paar Stunden von ihm gesehen hatte.

Er war so wunderschön und es wäre so leicht, all das vor ihrem geistigen Auge weg zu schieben. Sie war selbst schockiert von sich, wie sehr ein Teil ihrer selbst genau das wollte.

Doch ihre Vernunft schrie ihr entgegen. Selbst wenn es nur der Aspekt der Gefangenschaft wäre: Dieser Mann hatte, ohne mit der Wimper zu zucken, einen ganzen Haushalt ermordet. Er war nicht menschlich. Und offenbar war all dies lediglich ein Spiel für ihn. Offenbar war auch sie nur Teil eines größeren Spiels geworden…

„Aber was wäre ich dann?“, flüsterte sie ihm entgegen. Sie wagte nicht lauter zu sprechen, aus Angst vor seiner Reaktion. Innerlich war sie so unsicher und wog ihre Optionen ab. Und beinahe hätte sie sich dagegen entschieden, die Worte laut auszusprechen. Doch was brachte das schon? Er kannte ihre Gedanken doch ohnehin…und die Begegnung mit Cecilia brannte ihr im Gedächtnis. „Deine Sklavin?“

„Du würdest uns so lange dienen, bis die Zeit die Spuren der vergangenen Nacht hinfort gewaschen hat und es sicher ist, dich freizulassen“, hörte sie ihn erneut ausweichend sagen. Es tat unfassbar weh, ihren Gedanken durch seine Worte bestätigt zu bekommen. Das nannte er also Hilfe? Dann wäre sie von einem Käfig in einen anderen gewechselt und noch schlimmer: Sie würde mit Cecilia um seine Aufmerksamkeit konkurrieren, war es wirklich das, was er wollte?!

Innerlich hatte sie gewusst, dass sie für ihn, trotz seiner schönen Worte, nicht mehr hätte sein können, aber es schmerzte dennoch, es zu hören. Ganz besonders da die Worte aus seinem Mund in so samtene Klänge gehüllt waren.

„Also wäre ich wie sie?“ Aro musste nicht fragen, denn nun sah er Sulpicias Gedanken in Bezug auf Cecilia und deren bedingungslose Hingabe Aro gegenüber. „Ich verurteile sie nicht, bitte glaube mir das … aber ich möchte nicht wie sie sein!“ Und noch einmal fasste sie sich ein Herz und setzte nach: „Es ist unsagbar peinlich, doch nach dem was du gesagt hast, nehme ich an, du kennst meine Gedanken auch zu diesem Thema … du weißt, wie ich für dich empfinde…“

Aro schüttelte sogleich den Kopf und nahm eine ihrer Haarsträhnen zwischen seine Finger. „Das ist nichts, wofür du dich schämen müsstest.“ Natürlich konnte sie nicht anders, als seinem Blick zu folgen. Aro lächelte, als er es bemerkte … wie konnte sie auch nicht, sie war ihm noch immer verfallen und er genoss es.

Doch Sulpicia überraschte ihn, als sie plötzlich die Augenbrauen zusammenzog, den Blick senkte und sich erneut ein paar Schritte von ihm entfernte, um Distanz zu schaffen.

„Das tue ich nicht …“, begann sie und atmete tief ein und aus. In ihr tobten die verschiedensten Gedanken, doch eines wusste sie sicher: Gegen die Anziehung, die sie in seiner Nähe empfand, würde sie nichts ausrichten können. Und er wusste das, spielte nach wie vor damit. Also blieb ihr nur noch eines, mit dem sie argumentieren konnte, wenn sie frei sein wollte, auch wenn es ihr unsagbar unangenehm war. „… aber ich spüre, dass mein Herz nach allem was ich gesehen habe, noch immer zu dir will … Und ich würde alles daransetzen, dir zu gefallen, das weißt du. Du kennst meine Gedanken.“ Sie wurde augenblicklich rot. Doch die Wahrheit war auch in gleichem Maße befreiend. „Ich möchte so nicht leben. Ich habe durch dich gesehen, wie ein freies Leben aussehen kann. Und nun da ich unverdienterweise nicht mehr an Tiberius gebunden bin, bitte ich dich: löse dein Versprechen ein.“

Ihre Aussage war so mutig und ehrlich, dass sie dem Unsterblichen wahrlich imponierte. Er wollte sie erneut berühren, um ihre Gedanken zu lesen. Er war erneut überrascht, dass sie so sehr für sich selbst einstand. Er hatte sein Versprechen, das er ihr damals gab, durchaus ernst gemeint. Nur hatte er nicht gedacht, dass sie ihn verlassen wollen würde! Keine Frau und kein Mann hatte das je zuvorgetan!

Aber natürlich, es ergab Sinn. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war hatte er niemals eingehender darüber nachgedacht. Aus seiner Sicht wäre ein Leben als seine Bedienstete kein Problem. Er würde es begrüßen. Er hatte es bereits getan. Mit Cecilia. Und dieser ging es wahrlich nicht schlecht!

Aro war nicht immer so selbstverliebt gewesen. Doch die letzten Jahrzehnte der Unsterblichkeit und sein sowie Didymes Hunger nach Macht sowie die Tatsache, dass sie nur mit dem Finger zu schnippen brauchten, um alles und jeden zu bekommen, den sie wollten, hatten sein Herz erkalten lassen. Es hatte das Schlechteste in ihm zum Vorschein gebracht. Er war manipulativ und selbstgefällig geworden.

Und daher waren diese ehrlichen Worte Sulpicias durchaus ein Schock für ihn. Denn sie hatte aufgehört, dieses Spiel mit ihm zu spielen, bei dem nur er gewinnen konnte.

Und trotzdem versuchte er es erneut, kam ihr vorsichtig näher, hob eine Hand und legte sie sanft an Sulpicias Wange. Er beobachtete, wie sie seinen Bewegungen folgte und leicht die Augen schloss, als sie sich ein wenig mehr hinein lehnte. „Wieso will sie dann gehen?“, dachte er. Es ist nicht so, dass ihr das hier nicht gefällt!“

Doch dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck, als er ihre Gedanken, welche etwas tiefer lagen, nun klar und deutlich vernahm.

Er hörte ihre Stimme der Vernunft, die gegen ihre Empfindungen ihm gegenüber sprach. Die ihr sagte, dass seine Worte lediglich leere Versprechungen waren, dass sie ihm nicht glauben konnte, da er von Anfang an nicht ehrlich zu ihr gewesen war … er hörte ihren dringenden Wunsch, von hier fort gehen zu dürfen um frei zu sein, auch wenn ein Teil von ihr bei ihm sein wollte …

Und all das verletzte ihn und machte ihn wütend zugleich.

Er war so sehr in seiner eigenen Welt gefangen, hatte das Spielen mit Emotionen mittlerweile als etwas so Normales für sich selbst angenommen, dass er nicht erkennen konnte, weshalb er sich falsch verhalten haben sollte.

Der Gedanke kam ihm nicht einmal. Das Einzige, woran er dachte, war, dass sich Sulpicia ihm gegenüber undankbar verhielt.

Und das ließ ihn augenblicklich emotional erkalten.

„Ich kann dich unmöglich gehen lassen, nach allem, was du gesehen hast“, flüsterte er sanft und die Worte ließen ihr einen Schauer durch die Glieder fahren, denn sie klangen bedrohlich, so wie er sie aussprach. „Und ich hätte dich wirklich gern hier bei mir.“

Sie konnte nicht einordnen, ob die Worte eher Versprechen oder Drohung waren. Diese samtig weiche Stimme hatte er auch zuvor in dieser Nacht bereits benutzt … und sie spürte die Angst in ihren Gliedern. Eine Angst, die ihr riet, ihm bei allen Göttern nicht zu widersprechen!

Doch was würde es ihr nützen, wenn sie nun nicht die Wahrheit sagte? Er würde ohnehin wissen, dass sie log …

„Also bin ich eine Gefangene?“, schlussfolgerte sie laut und begab sich damit auf gefährliches Terrain. Sie wusste, rechtlich gehörte sie nun ihm. Dagegen würde sie nichts ausrichten können. Wenn er sie hierbehalten wollte, gäbe es nichts, was sie dagegen tun konnte.

„Nein…“, gab er sogleich zur Antwort und doch dachte er innerlich, dass das vielleicht nicht ganz stimmte.

Da seine Hand noch immer an ihrer Wange ruhte, schlugen ihm die nächsten Gedanken stärker entgegen, als er erwartet hatte.

„Gerade eben sagtest du mir noch, ich sei nicht weniger wert als all die anderen Menschen … und doch kann ich nicht frei entscheiden. Du hast entschieden, meinen Haushalt zu töten und nun entscheidest du, dass ich hierbleiben muss. Es war unmöglich für Sulpicia ihre Gedanken zu kontrollieren. Und sie erkannte augenblicklich in der Art und Weise wie sich sein Blick noch weiter veränderte, dass sie offensichtlich eine unsichtbare Grenze überschritten hatte.

Er entzog ihr seine Berührung und musterte sie kühl, ehe er sagte: „Es ist undankbar, soetwas zu denken, Liebes. Du solltest mir danken für das was ich für dich getan habe!“

Kurz erschauerte sie aufgrund der Kälte, die in seinen Worten lag. Doch als sie verarbeitet hatte, was er gerade gesagt hatte, schüttelte die heftig den Kopf und hatte, gegen ihren besseren Instinkt, sogleich das Bedürfnis, sich zu verteidigen.

„Undankbar?“, sagte sie ungläubig. „Aro, du hast das einfach entschieden! Du hast entschieden, dass ich dir dabei helfen soll, an Informationen zu kommen und du hast entschieden, meine Herren für das zu strafen, was Ihnen rechtmäßig zustand!“

„Du bist diesen Deal freiwillig eingegangen!“ Sie konnte regelrecht sehen, wie seine Augen vor Wut aufloderten und sank, ohne es zu merken, ein wenig in sich zusammen.

Ihre nächsten Worte waren wieder etwas leiser. „Das stimmt …“ Sie musterte ihn für einige Sekunden lang, wog ab, ob sie die nächsten Worte laut sagen sollte, doch sie musste es tun! Er schien nicht zu erkennen, was sie umtrieb! „… aber wenn es stimmt was du sagst, dann kanntest du meine Gedanken. Du wusstest, dass ich nicht wollte, dass ihnen Leid geschieht!“

Aro, der seine Wut bis hierher noch hatte mäßigen können, konnte nicht fassen, was er da hörte. „Ich habe dich gerettet!“, stellte er richtig. „Vor Menschen, die dich dein ganzes Leben lang belogen und unterdrückt hatten!“

„Das haben sie vielleicht, doch das rechtfertigt noch lange nicht ihren Tod!“ Die junge Frau konnte nicht fassen, dass er diese Tatsache nicht ebenso sah wie sie … ein Teil von ihr war tatsächlich gerührt, dass er sie verteidigt hatte, doch Sulpicia hatte niemals gewollt, dass so viele Leben nur um ihretwillen ausgelöscht wurden… wie sollte sie jemals mit dieser Schuld leben?

„Die Menschen um dich herum haben dich so verblendet!“ Aros Worte waren mehr ein Zischen. „Denk zurück an deine Folter! Ich habe dich in der Nacht gefragt und ich frage dich erneut: Glaubst du, du hast das verdient?!“ Er sah sie eindringlich an, denn er konnte spüren, dass sein Geduldsfaden mittlerweile sehr sehr dünn war. War diese Frau es wert, dass er sich auf diese Diskussion einließ?

Er wusste selbst nicht, wieso er sich darauf einließ, wenn er ehrlich war.

Sulpicia senkte den Blick. Sie würde nicht lügen und die Antwort, die sie Aro in jener Nacht gegeben hatte, war – wenn sie es recht bedachte – noch immer dieselbe. „Nein … nein ich glaube nicht, dass man mit irgendeinem Menschen so umgehen sollte! Niemand hat soetwas verdient!“ Sie musste es nicht sagen, er wusste, dass sie ihn für die Leichtigkeit verurteilte, mit der er alle getötet hatte.

Und das schmerzte ihn. Er fand nicht, dass er verdient hatte, dass sie ihm nun solche Dinge an den Kopf warf. Ja, er hatte sie für seine Zwecke benutzt, aber er hatte ihr doch im Gegenzug so Vieles geboten! Und das tat er auch jetzt noch!

„Aber das Ende der einen Gefangenschaft hat dann für mich letztlich nur den Beginn einer neuen markiert, wie es scheint…“ Sulpicia sah ihn nicht an, während sie das sagte.

Und diese Worte waren es, welche die Gutmütigkeit des Unsterblichen endgültig überstrapazierten.

„Es ist wirklich sehr bedauerlich, dass du das so sieht. Ich sage es noch einmal: du bist keine Gefangene.“ Selbst Aro wusste, dass dies eine Lüge war, doch er ärgerte sich über sie und ihre Sturheit. Über ihre Verurteilung von ihm. Keine andere Frau hätte jemals gewagt, ihn jemals so in Frage zu stellen. Und wenn sie es wirklich so sah, dann wollte er sie auch nicht um sich wissen!

„Dann bitte ich dich, lass mich gehen!“, kam es wieder zögerlich jedoch eindringlich von ihrer Seite. Sie klammerte sich an den letzten Halm, der ihr noch blieb. Die Hoffnung, dass er sie möglicherweise genug schätzte, um ihrem Wunsch nachzugeben…

„Wenn du gehst, kann ich dich nicht am Leben lassen, nach allem, was du gesehen hast“, hörte sie ihn sagen und ihr Magen verkrampfte sich. Was sollte das?! Erst entschied er, sie in diese Situation zu manövrieren und nun ließ er ihr erneut keinen anderen Ausweg als den Tod?

„Dann wirst du mich töten müssen“, entgegnete sie trotzig, erschüttert über seinen Kommentar. Gleich darauf sog sie scharf die Luft ein, als er ihr näher kam – dieses Mal jedoch kein bisschen wohlwollend – und dicht vor ihrem Gesicht Halt machte, um sie zu mustern.

Aro spürte den Drang danach, ihr allein aufgrund ihrer Wiederworte diesen Wunsch zu erfüllen. So wie sie sich verhielt, hatte sie es nicht verdient, hier zu sein, wie er fand! Und hätte es nicht das Eingeständnis seiner eigenen Schuld bedeutet, so hätte er es vermutlich getan.

„Vielleicht sollte ich das“, flüsterte er kalt.

Auf der anderen Seite: er könnte sie durchaus auch dazu zwingen, zu bleiben. Es läge in seiner Macht, ihr seinen Willen aufzuzwingen und kurz zog er es in Erwägung … doch was würde es ihm nützen? Sie würde ihn hassen. Und auch er würde sich dafür hassen.

Er wollte niemand bei sich haben, der nicht bei ihm sein wollte. Zugegeben, es war ihm zuvor auch noch nie passiert, dass jemand nicht bei ihm sein wollte... und es kratzte massiv an seinem Ego.

„Wenn ich bleibe, was wird dann aus mir?!“ Es war beinahe als habe sie seine Gedanken gehört und ihr plötzlicher Mut verwunderte ihn. „Werde ich wie sie?!“

Einen Moment lang herrschte Stille. Aro erinnerte sich an Sulpicias Gedanken über Cecilia und natürlich hatte sie recht. Er hielt die andere Frau hin, weil es ihm gefiel, wie sie ihn sah und weil sie schön anzusehen war. Sollte er sich deshalb schlecht fühlen? Er war ein Unsterblicher und sie himmelte ihn an, wollte sein wie er und hatte sich aus völlig freien Stücken in diese Situation begeben.

„Hoffe ich dann auch jahrelang darauf, dass du mich vielleicht irgendwann bemerkst und ich mehr sein kann als nur eine Sklavin?!“, fuhr Sulpicia fort und Aro musste, sehr zu seiner eigenen Scham, den Blick abwenden. Die blonde Frau registrierte, dass er tatsächlich verlegen wirkte! Und etwas ruhiger setzte sie noch nach: „Dann würde ich lediglich von einem Käfig in einen anderen wechseln und ich bin mir nicht sicher ob dieser hier besser ist!“

Sie überlegte einen Moment und rang mit einem Anflug von Emotionalität. Sie wusste, dieser Käfig würde schlimmer sein. Denn in diesem gab es die Illusion von Hoffnung. Eine Hoffnung, wie sie auch Cecilia hatte … Sulpicia schüttelte den Kopf. „Ich werde dir niemals genug bedeuten … und das ist auch in Ordnung. Aber darum bitte ich dich innständig: lass mich gehen!“

Diese Worte verletzten den Unsterblichen und sie konnte merklich sehen, wie er sich anspannte und innerlich mit sich rang. In der einen Sekunde sah sie einen Hauch von Sanftheit, obgleich er sie noch immer nicht ansah, doch dann – innerhalb eines Wimpernschlages – geriet diese Sanftheit ins Wanken und ein Schleier von Kälte legte sich erneut über seine Züge.

„Ich werde Stillschweigen über das bewahren, was geschehen ist, das schwöre ich!“, setzte sie flehend nach. Und noch immer vom Mut sowie dem Gefühl, ihn tatsächlich erreichen zu können streckte sie zögerlich die Hand aus und sagte: „Lies meine Gedanken, das ist keine Lüge.“

Aro nahm die Hand nicht. Er betrachtete sie lediglich für einige Sekunden abschätzig. Sekunden, die Sulpicia wie ellenlange Minuten vorkamen, so unangenehm war die Stille, die sich ausbreitete.

Kurz darauf hob er den Blick und die sonst so kontrollierte Kälte, die sie bisher bemerkt hatte, war einer namenlosen Wut gewichen, welche er zuvor akribisch zu kontrollieren versucht hatte.

„Dann geh!“, sagte er ruhig, doch das Beben in seiner Stimme war unverkennbar.

Perplex blieb Sulpicia einen Moment reglos stehen. Sie konnte nicht anders, als ihn weiter anzustarren, wenngleich er auch eben genau das gesagt hatte, was sie hatte hören wollen. Sie konnte ihn nicht einschätzen. Und mit einem Mal bereute sie ihre Worte ein wenig, denn was war, wenn er sie tatsächlich töten würde? Sie hatte gesehen wozu er fähig war …

Als sie auch mehrere Sekunden später nicht reagierte, holte Aro tief Luft, denn er spürte, dass sein Zorn ihn schmerzlich durchzog und dass er sich nicht mehr lange würde kontrollieren können.

„GEH!“, schrie er und sie zuckte augenblicklich zusammen. „Ich weiß zwar nicht, wohin du willst, aber ich will selbstverständlich niemanden bei mir, der nicht hier sein will!“ Die Dunkelheit in seiner Stimme ging ihr durch Mark und Bein und ihre Furcht trieb sie an, versetzte ihr einen elektrischen Schlag. „Hast du nicht gehört, ich sagte GEH!“ Nun erst erkannte sie neben der Wut auch Verletztheit in seiner Stimme, doch ihre Beine trieben sie bereits an und sie hastete um ihn herum zur Tür, unsicher wie oft er diese Worte wohl noch wiederholen würde, bevor er sie zurücknahm.

„Es tut mir leid…“, sagte sie leise und spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Und er hatte Recht, sie wusste selbst nicht, wohin sie wollte, aber sie wollte fort von hier. Fort von dem Gedanken an den Tod ihres Herren … ihres Vaters … jedes Mal wenn sie Aro ansah.

„Das sollte es auch …“, hörte sie Aros Worte, der noch immer die Wand vor sich anstarrte, an der Sulpicia bis vor einer Sekunde noch gestanden hatte. Er drehte sich nicht zu ihr herum, als sie den Türknauf betätigte und auch nicht, als sie heraustrat. Das hatte sie nicht verdient.

Und doch gab es einen kleinen Teil in ihm, der sich fragte, ob ihre Anschuldigungen an ihn nicht vielleicht doch berechtigt gewesen waren.



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So *tief ein und ausatme*. Wir haben den schlimmen Teil jetzt hinter uns. Ab jetzt geht’s aufwärts und wir werden character growth und fluff haben! ^^ Ich wollte die beiden an diesem Punkt der Geschichte nicht zusammen bringen, weil sie beide noch nicht soweit sind und weil es aktuell einfach keine gute und gesunde Ausgangsbasis gewesen wäre.

Aro ist hier noch so von sich eingenommen und sieht nicht, dass mit Emotionen zu spielen und für andere Entscheidungen über deren Leben zu treffen, etwas absolut Problematisches ist…  (und Töten, nur weil man sich gerade danach fühlt ... ), aber das wird er noch.

Und dann bringe ich die beiden wieder zusammen. Wir wissen ja alle, dass die Geschichte am Ende gut ausgeht. Aber ich möchte, dass ihre Beziehung, wenn sie beginnt, mehr auf Augenhöhe stattfindet. Ich wünsche mir für Picia mehr Selbstbewusstsein und dass sie lernt, für sich einzustehen und ihren Wert zu erkennen und für Aro einerseits, dass er von seinem hohen Ross herunterkommt und nicht denkt, nur weil er Gedanken lesen kann, dürfe er mit Menschenleben verfahren als bedeuteten sie gar nichts. Außerdem behandelt er alles wie ein Spiel, weil er emotional noch zu verschlossen ist ... also da ist definitiv Luft nach oben. :D

Das Kap war jetzt sehr kleinteilig, ich bemühe mich in Zukunft nicht mehr sooo weit auszuholen. Aber iwi fand ich, es war hier nötig. Ich hoffe, es hat euch gefallen und ihr könnt nachvollziehen, was ich mir hier gedacht habe. 9000 Wörter sind definitiv nicht der Maßstab für ein Kap. :D Nächstes Mal wird’s wieder leichter zu verdauen.

Danke, dass ihr immernoch mitlest!!!!

Ich wünsch euch eine tolle Woche und bis bald,
Sinthoria
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