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Geisterstunde

Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P12 / Gen
Der Fast Kopflose Nick Helena Ravenclaw / Die Graue Dame
26.03.2022
26.03.2022
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Das ist mein Beitrag zum Projekt Der verfluchte erste Satz von Nevermind.

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Geisterstunde

„Es hatte alles mit meiner Ermordung begonnen.“ Helena Ravenclaw sah aus einem Fenster zwischen dem Dachgebälk in die tiefschwarze Nacht hinaus.

„Sie meinen, dass Sie seitdem so unglücklich sind?“ Sir Nicolas schwebte neben ihr.

„Nicht von Beginn an, aber es hat dafür gesorgt, dass ich unglücklich wurde“, gab sie nachdenklich zurück. „Denn hätte er mich nicht ermordet, wäre alles anders gekommen.“

„Was wollen Sie damit sagen?“ Sir Nicolas folgte ihrem Blick aus dem Fenster.

„Hätte er mich nicht ermordet, wäre ich nie ein Geist geworden.“

„Aber gestorben wären Sie doch so oder so. Was macht da den Unterschied aus?“

„Sie meinen den Unterschied zwischen sterben und ermordet werden?“. Helena warf ihm einen Blick zu. „Eine Menge“, stellte sie dann nüchtern fest.

„Ich muss zugeben, dass ich Sie immer noch nicht verstehe.“

Helena seufzte. Sir Nicolas war unter den vielen Geistern in Hogwarts einer ihrer liebsten Zeitgenossen, doch im Grunde genommen waren sie sehr verschieden. Deshalb begann sie sich zu erklären: „Ich mochte den blutigen Baron nie so recht leiden. Seine Anträge waren mir irgendwann lästig. Ich habe jeden Einzelnen davon abgelehnt, aber er wollte es nie verstehen. Ich hatte immer meinen eigenen Willen, als ich jung war-“

„Oh, den haben Sie sich bis heute gut bewahrt. Verzeihung, ich wollte Sie nicht unterbrechen.“

„Wie dem auch sei.“ Sie nahm ihre Erzählung wieder auf. „Auch das hat mich damals zum Weggehen bewegt. Aber ich wollte auch weg von meiner Mutter. Ich stand bis dahin mein ganzes Leben lang in ihrem Schatten. Niemand sah mich an, wenn sie im Raum war, weil ich dann nur noch die Zweitklügste war. Ich hatte das satt, also bin ich davongelaufen.“

„Und das Diadem haben Sie mit sich genommen“, ergänzte Sir Nicolas.

„So war es.“ Sie schwebte durch einen Balken hindurch näher ans Fenster. „Aber ich bin bis heute der festen Überzeugung, dass nur sie wirklich von all seiner Weisheit profitieren konnte. Immerhin hat sie es erschaffen. Das Geheimnis darüber hat sie wohl mit ins Grab genommen.“

„Es hat Sie nicht so klug gemacht, wie Sie wollten?“ Sir Nicolas blieb respektvoll auf Abstand. Er war sich sicher, dass sie ihm ihr Gesicht nicht zeigen wollte. So wie er sie kannte, kostete dieses Gespräch sie viel Überwindung. Helena Ravenclaw gehörte nicht zu den Persönlichkeiten, die sich gegenüber anderen ihre Fehler eingestand. Er war sogar der Überzeugung, dass sie sich vor den meisten dieser Fehler selbst verschloss.

Sie seufzte erneut. „Es hat mich klüger gemacht, als ich je zu träumen gewagt habe. Aber worum ich meine Mutter so beneidete, war ihre Weisheit und die habe ich nicht bekommen.“

Wäre Helena so weise gewesen wie ihre Mutter, wäre sie sicher zurückgekehrt. Aber sie hatte sich versteckt, weil sie in ihrem Hochmut nicht hatte einsehen wollen, dass ihre Mutter besser wusste, was gut für sie war. Eigentlich hatte alles gar nicht mit ihrer Ermordung begonnen, sondern mit dem Diebstahl von ihr. Hätte sie das Diadem nicht gestohlen, dann wäre alles anders verlaufen; sie hätte diesen schrecklichen Fehler nicht gemacht. Doch letztendlich war der blutige Baron schuld.

„Wir schweifen ab.“ Damit kehrte sie zum eigentlichen Thema zurück. „Als meine Mutter krank wurde, schickte sie ihn nach mir, weil sie wusste, dass er die Suche nicht aufgeben würde.“

„Er hat Sie auch gefunden.“

„In den Wäldern von Albanien“. Die Bitterkeit in ihrer Stimme war nicht zu überhören. „Er hatte immer einen Hang zur Brutalität und als ich mich weigerte...“ Sie musste sich kurz fassen, bevor sie weitersprach. „Da hat er mich erstochen.“

Plötzlich schoss sie wie von der Tarantel gestochen in die Luft und blieb einige Meter oberhalb von Sir Nicolas in der Luft schweben.

„IST DAS DENN ZU FASSEN?!“ Nichts war von ihrer ruhigen, leisen Stimme geblieben, stattdessen schrie sie furios weiter: „ER HAT SICH EINFACH SO DIE FREIHEIT GENOMMEN, MEIN LEBEN ZU BEENDEN! DAS WAR SEIN TRIUMPH ÜBER MICH! Das konnte ich doch nicht so hinnehmen!“

Langsam beruhigte sie sich wieder. Schließlich sank sie durch die Luft und ließ sich mit dem Rücken zur Landschaft auf dem Fensterbrett nieder. Sir Nicolas hatte sich ihre Tirade schweigend angehört; er kannte ihre Stimmungsschwankungen gut und wusste, dass sie sich schnell wieder beruhigte. Als er ihr nun ins Gesicht blickte, sah sie aus, als würde sie am liebsten weinen.

„Ich konnte doch nicht einfach so gehen. Ich wollte nicht zulassen, dass er diese Macht über mich hat. Ich wollte mir von ihm nicht mein Ende aufzwingen lassen.“ Sie senkte den Blick. „Also habe ich mich für die Unendlichkeit entschieden. Können Sie das verstehen?“

„Ich habe mich selber dazu entschieden, ein Geist zu werden. Natürlich kann ich es verstehen. Darf ich?“ Er deutete auf das Fensterbrett neben ihr.

„Natürlich.“ Helena rutschte ein wenig zur Seite; er ließ sich neben ihr nieder.

„Nun verstehe ich auch den Unterschied.“, sagte Sir Nicolas dann. „Wären sie eines natürlichen Todes gestorben, dann hätten sie diesen angenommen. Ich hingegen war feige. Ich denke, ich hätte mich in jedem Fall für die Unendlichkeit entschieden.“

Kurz schwiegen sie beide. Dann sagte er nachdenklich: „Abgesehen davon, dass Sie klug sind, sind Sie auch mutig.“

„Fast alle Zauberer und Hexen entscheiden sich für den Tod. Nur weil ich es getan hätte, macht mich das nicht mutig.“

„Sie sind mutiger als ich es war. Für den Hausgeist der Gryffindors würde es reichen.“, sagte er mit scherzender Stimme, um die betrübte Atmosphäre aufzulockern. Natürlich war beiden klar, dass er diese Stelle niemals freiwillig aufgeben würde.

„Das wäre nicht gut. Ich wäre ein schlechtes Vorbild für die Schüler“, gab sie dann zu bedenken.

„Sie meinen, es würde die Feindschaft der Gryffindors und Slytherins weiter vorantreiben, wenn Sie und der blutige Baron die Hausgeister wären?“

„Nun in einer gewissen Weise schon. All seine Reue, mag sie nun aufrichtig sein oder nicht, verhilft mir nicht zurück ins Leben.“ Helena hatte den üblichen hochmütigen Ton in ihrer Stimme wiedererlangt.

„Aber er hat sich aus Schuld selbst umgebracht. Er trägt die Ketten für sein Verbrechen bis heute.“

„Das sollte er auch. Ich kann ihm den Mord an mir niemals verzeihen. Ein Fehler, den man begeht, kann vergessen werden, aber rückgängig machen, kann man ihn nie.“ Vor ihrem inneren Auge, sah sie einen blassen siebzehnjährigen Jungen. Schnell verscheuchte sie den Gedanken. „Diese Feindschaft zwischen den Häusern widerstrebt mir. Immerhin war ich vor dem großen Zwist hier.“

Sir Nicolas brauchte einen Moment, bis er verstand. „Sie meinen, Sie kennen ihn. Salazar Slytherin?“

„Ja, ein begnadeter Magier, aber seine Ansichten darüber, wem die Magie zusteht, konnte ich nie verstehen. Er war so sehr gegen die Muggelstämmigen. Die anderen drei Gründer dachten, dass sich diese Ansicht mit ihm aus der Schule verabschiedet hätte, aber sie hatte sich in Slytherin bereits manifestiert. Seit tausend Jahren kommt jeder Schüler mit diesem elitären Denken in dieses Haus. Reicht Ihnen das, um sich ein Bild vom Hass dieses Mannes zu machen?“

Sir Nicolas nickte nur. Die Abneigung vieler Slytherins gegenüber Muggelstämmigen hatte er selber miterlebt, doch er konnte nur ahnen, wie sich der Gründer dieses Hauses verhalten hatte.

„Bis heute habe ich nur einen anderen Menschen getroffen, der genauso schlimm war.“ Wieder sah sie den dunkelhaarigen jungen Mann vor sich.

„Ihn, dessen Name nicht genannt werden darf.“ Sir Nicolas flüsterte es beinahe.

„Ja. Bei ihm war es viel tückischer. Salazar war immer sehr direkt und aufbrausend. Er hingegen war so charmant und hübsch. Er hat die Menschen umgarnt.“ Sie schwebte zu einem der Dachbalken und ließ sich dort mit dem Rücken zu ihrem Gesprächspartner nieder. Erst dann gestand sie leise: „Mich auch.“

„Was meinen Sie damit?“ Es war das erste Mal, dass Helena ihm davon erzählte, dass sie jemals mit Tom Riddle gesprochen hatte.

„Er war so verständnisvoll. Anders als die anderen. Da habe ich es ihm einfach erzählt.“ Etwas in ihr sträubte sich, das letzte Wort hinzuzufügen: „Alles.“

„Sie meinen, er weiß nun, wo das Diadem ist?“

„Ja.“ Sie schämte sich schrecklich, es zuzugeben.

„Aber sie haben gesagt, dass es ihnen nicht die Weisheit offenbarte, die sie sich erhofft haben. War es dann nicht ungefährlich, dass er wusste, wo es war?“

„Wahrscheinlich“, log sie. Erst nachdem Tom Riddle die Schule verlassen hatte, war ihr klar geworden, wie besessen er von dem Diadem war. Sie hatte begonnen zu verstehen, dass es ihm nicht um die magischen Kräfte, sondern um die bloße Symbolik ging. Denn Riddle war immer klug gewesen und so sehr von sich überzeugt, dass er sicher nicht auf der Suche nach Weisheit gewesen war. Helena hatte natürlich nie herausgefunden, was er mit ihren Informationen angefangen hatte. Doch sie war sich sicher, dass er das Diadem gefunden hatte. Ebenfalls war sie sich sicher, dass es eine sehr wichtige Rolle in seinen Plänen gespielt hatte. Es war ihr größter Fehler gewesen, sich von diesem Jungen täuschen zu lassen.

Erst jetzt fiel ihr wieder ein, dass Sir Nicolas noch immer bei ihr war. Sie konnte nicht glauben, dass sie diesen Gedankengang in der Gegenwart eines anderen Geschöpfes zugelassen hatte.

Leicht aus der Fassung wandte sie sich dem anderen Geist wieder zu. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, mich nun wieder allein zu lassen?“

„Natürlich nicht, ich habe auch noch etwas vor.“ Sir Nicolas erhob sich vom Fensterbrett und schwebte zur nächsten Wand.

„Es war angenehm mit ihnen zu plaudern“, sagte sie, um die Schwere ihres Geständnisses herunterzuspielen. Trotzdem fügte sie hinzu: „Aber alles, was ich Ihnen erzählt habe, bleibt doch mit Sicherheit zwischen uns?“

„Aber natürlich, Sie können sich wie stets auf mich verlassen.“ Damit entschwebte Sir Nicolas.

Helena kehrte zum Fenster zurück. Sie war froh, dass sie Sir Nicolas vertrauen konnte. Sie wollte sich nicht ausmalen, wie schrecklich es wäre, wenn Professor Dumbledore oder einer anderen Menschenseele zu Ohren kommen würde, was sie getan hatte. Seit sie diesen Fehler begangen hatte, bereute sie ihn; doch rückgängig machen konnte sie ihn nicht mehr. Sie seufzte. Einen kurzen Moment erlaubte sie sich den Gedanken, dass sie sich ihre eigene Niederlage damals einfach hätte hinnehmen können oder nicht mit dem Diadem von zu Hause hätte weglaufen sollen. Doch die Wurzel des Übels lag im Mord des blutigen Barons an ihr. Nur wegen ihm hatte sie sich für die Unendlichkeit entschieden und Tom Riddle die Möglichkeit gegeben, mit ihr zu reden. Wenn sie schon teilweise die Schuld für ihren Fehler auf sich nehmen musste, so hatte der blutige Baron einen mindestens genauso großen Anteil daran.
 
 
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