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DEATH IN PARADISE - 02. Mord, Lügen und Video

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Freundschaft / P16 / Gen
Catherine Bordey Fidel Best OC (Own Character) Selwyn Patterson
24.03.2022
24.03.2022
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Sportlicher Einsatz

     Vor der Bar von Catherine Bordey, dem LA KAZ, herrschte an diesem Samstagvormittag bereits um 08:30 Uhr reger Trubel. Deutlich mehr Trubel als sonst, denn heute stand der alljährlich stattfindende Zehn-Meilen-Lauf an. Ein Teamwettbewerb, bei dem vier Personen pro Team liefen und bei dem alle vier gemeinsam ins Ziel kommen mussten. Das gesamte Team war also nur so stark, wie ihr schwächstes Glied in der Kette.
     Es war mehr als zehn Jahre her, dass die Polizei der Insel, oder auch nur einer der Beamten mitgelaufen war, denn jedesmal hatte sich der Wettbewerb mit einer Mordermittlung überschnitten. Darum wirkte Commissioner Selwyn Patterson umso vergnügter, als er zur Bürgermeisterin der Insel sah und meinte: „Ich freue mich, dass die Polizei dieser Insel in diesem Jahr mit dabei ist. Zumal unser neuer Inspector einen recht durchtrainierten Eindruck macht.“
     Die hagere Französin nickte dem beleibten Mann zu. „Florence meinte, der Chief hätte sie und den Rest des Teams ziemlich auf Trab gebracht, in den letzten drei Wochen. Offensichtlich nimmt Derrick Faulkner den Wettbewerb nicht so locker, wie die drei es sich wohl erhofft hatten.“
     Patterson grinste vergnügt und schob seine Dienstmütze auf dem Kopf zurecht. „Das gefällt mir an dem neuen Detective-Inspector. Die Polizisten der Insel, die sich im täglichen Außeneinsatz befinden, sollten fit sein. Leider hatten wir, was das betrifft, über einen viel zu langen Zeitraum, bei manchen Beamten einige Defizite. Dieser Lauf ist gut für das Image der Polizei von Saint-Marie. Hoffe ich zumindest.“
     Etwas erstaunt realisierte Catherine Bordey, dass der Commissioner diesen Lauf offensichtlich ebenfalls weniger locker sah und insgeheim hoffte sie nun, der neue Inspector und sein Team würden wirklich gut abschneiden.
     „Da kommen unsere Helden“, lachte die Barbesitzerin als sie das Polizeiteam in der Menge der bereits anwesenden Leute entdeckte.
     „Ja, und der Chief hat offensichtlich seinen Fanclub mitgebracht“, gab Patterson bedächtig zurück. Dabei deutete er knapp auf eine hochgewachsene Frau von Anfang dreißig und auf ein Mädchen von gerade 18 Jahren. Zu letzterem, so wusste Patterson, hatte der Inspector eine Art Vater-Tochter-Beziehung aufgebaut. Mit der Frau führte Faulkner eine lockere Beziehung, deren genaue Natur Patterson noch nicht ganz durchschaut hatte.
     Der Commissioner und Catherine begrüßten die Neuankömmlinge, wobei Patterson sowohl das Mädchen, als auch die hochgewachsene Frau, prüfend musterte.
     Das Ermittler-Team trug die gleichen Laufshirts und Lauftights, mit der Aufschrift POLICE SAINT-MARIE und dem Logo der Polizei von Honoré. Hauptsächlich waren die Sachen in den Farben Gelb und Blau gehalten.
     Derrick Faulkners Freundin Céline Durand und Dayana Tanguy schienen sich abgesprochen zu haben, denn beide trugen Bluejeans und stahlblaue T-Shirts dazu. Dem Commissioner fiel dabei auf, dass das Mädchen gar nicht mehr so abgerissen aussah, wie noch vor drei Monaten, kurz nach ihrer Verhaftung durch Chief-Inspector Faulkner. Auch ansonsten wirkte die eben Achtzehnjährige gepflegter und deutlich glücklicher. Ein Umstand, an dem Faulkner seinen Anteil hatte.
     Selwyn Patterson verzog unmerklich die Lippen zu einem wohlwollenden Lächeln, als er daran dachte, dass der Inspector für diese Entwicklung riskiert hatte, eins von ihm aufs Dach zu bekommen. Natürlich hatte er Faulkner damals zurechtgewiesen, auch wenn der Brite nicht ahnen konnte, wie sehr er dessen Eigenmächtigkeit insgeheim guthieß. Wer ahnte, was aus dem Mädchen geworden wäre, hätte der Inspector streng nach Vorschrift agiert.
     Nach dem allgemeinen Hallo, wandte sich der Commissioner an Derrick Faulkner und Dayana, die direkt neben ihm stand. „Ich entführe Ihnen die junge Dame für einen Augenblick, wenn Sie erlauben, Chief.“
     Das Mädchen sah den wuchtigen Polizeichef fragend an, während Faulkner etwas gelassener wirkend erwiderte: „Natürlich, Sir.“
     Selwyn Patterson sah nun das Mädchen an und deutete, beruhigend lächelnd, mit der Rechten zur Seite.
     Dayana sah kurz zum Chief bevor sie Patterson folgte. Außer Hörweite der Übrigen sagte der Commissioner ohne Einleitung: „Mir ist zu Ohren gekommen, dass Catherine mit dir sehr zufrieden ist, wenn du bei ihr aushilfst. Sie beschrieb dich auch als sehr fleißig.“
     Das Gesicht des Mädchens leuchtete auf, bei diesen Worten. „Ich bin dankbar dafür, dass sie mir eine Chance gibt, etwas Geld zu verdienen. Außerdem hat sie mir ein kleines Zimmer gegeben. Aus dem Appartement der Stadt musste ich ja ausziehen, nachdem ich meine Strafe abgeleistet hatte.“
     Das Lächeln des beleibten Mannes vertiefte sich etwas. „Nun, was würdest du davon halten, wieder dort einzuziehen?“
     Etwas misstrauisch erkundigte sich Dayana: „Wie meinen Sie das?“
     „Ich meine damit, dass die Stadt immer noch eine Auszubildende für den Beruf der Sekretärin im öffentlichen Dienst sucht. Für den Fall, dass du dich für eine solche Ausbildung entscheiden würdest, könnte ich es ermöglichen, dass du wieder das Appartement benutzen darfst, da du niemanden hast, der dich unterstützen kann.“
     Bei seinem letzten Satz zwinkerte der Commissioner dem Mädchen zu, denn natürlich wusste er, dass Faulkner sich jederzeit um Dayana kümmern würde. Ebenso, wie Catherine Bordey, die das Mädchen längst in ihr Herz geschlossen hatte.
     Freudig überrascht sah Dayana den Polizisten an und nahm ihn spontan in die Arme, womit Patterson, dem das Ganze etwas peinlich zu sein schien, nicht gerechnet hatte. Erst nach einem Moment ließ das Mädchen ihn wieder los und erwiderte strahlend: „Ich würde eine solche Ausbildung sehr gerne machen, Sir.“
     Seine Fassung schnell wiedergewinnend meinte der Commissioner: „Dann komm morgen Vormittag in mein Büro und wir besprechen die Einzelheiten. Jetzt wollen wir uns erst einmal den Start unseres Teams ansehen.“

* * *

     Derrick Faulkner hatte seinen rechten Arm um die Hüfte von Céline gelegt und sah Dayana und Patterson stirnrunzelnd hinterher, als sie sich etwas von ihnen absetzten.
     Die schlanke Frau ahnte, was in dem Mann an ihrer Seite vorging und mit einem warmen Ton in der Stimme meinte sie: „Dayana hat sich hervorragend entwickelt. Ich habe beobachten können, wie aus einem unglücklichen, verlorenen Mädchen eine glücklich wirkende junge Frau wurde. Das hat sie dir zu verdanken, Derrick.“
     Der athletische Enddreißiger lächelte nur.
     Céline verstand, was ihn bewegte und sehr leise, sodass nur er ihre Worte verstehen konnte, raunte sie: „Dir sind die Menschen wichtig. Das macht dich ungeheuer wertvoll.“
     Seine Wange streichelnd verschmolz der Blick der Frau mit seinem. Dann löste sie sich lächelnd von ihm und meinte unbekümmert: „Ich lass dich dann mal mit deinem Team alleine, damit du dich auf den kommenden Wettkampf fokussieren kannst. Dayana und ich werden dich und dein Team am Start anfeuern.“
     Sie küssten sich flüchtig. Im nächsten Moment verschwand Céline in der Menge und Derrick Faulkner begab sich zu Detective-Sergeant Florence Cassell, Sergeant Sarah Dechiles und Officer Wellesley Karr.
     Florence, die kleinste des Teams, wirkte relativ entspannt, was in demselben Maß auch auf den stets zufrieden wirkenden, jungen Officer zutraf.
     Sarah Dechiles hingegen machte einen etwas angespannten Eindruck, was Derrick Faulkner dazu veranlasste, aufmunternd in ihre Richtung zu blicken und zu sagen: „Das Ding werden wir schon schaukeln, Sergeant.“
     Die hochgewachsene Mittdreißigerin nickte nur und der Inspector sah fragend zu Florence Cassell, die langsam zu ihm kam.
     Sich etwas von Sarah Dechiles abwendend raunte DS Cassell ihrem Vorgesetzten zu: „Der Lauf scheint für Sergeant Dechiles sehr wichtig zu sein, Sir. Vielleicht hilft es, wenn Sie vor dem Lauf mit ihr darüber reden.“
     Der Inspector zögerte für einen kurzen Moment, bevor er meinte: „In Ordnung, kann ja nicht schaden.“
     Damit schritt Faulkner zu seiner Kollegin. Als sie ihn bemerkte und mit funkelndem Blick ansah, spürte er, dass Florence recht gehabt hatte. Was ihn im Grunde nicht hätte verwundern dürfen, denn inzwischen wusste er ja, dass Florence Cassell einen sehr guten Riecher hatte, egal ob nun dienstlich oder in privaten Dingen.
     Sarah Dechiles bemerkte den Inspector erst, als er direkt neben ihr stand. Fragend sah sie ihn an, da sie spürte, dass ihn etwas bewegte. „Flammende letzte Worte, Sir?“
     Faulkner deutete mit den Augen zu einem etwas ruhigeren Platz und erwiderte: „Nein, nichts in der Art, Sergeant.“
     Der Inspector bewegte sich weg von der Menge und Sarah Dechiles folgte ihm. Als sie unter sich waren, meinte Faulkner: „Dieser Lauf scheint Ihnen sehr viel zu bedeuten? Wohl mehr, als jedem anderen im Team?“
     Der Blick der Frau nahm die Antwort im Grunde vorweg. „Sie haben recht, Chief.“
     Für einen kurzen Augenblick glaubte Faulkner nicht mehr von Sarah erfahren zu können, doch dann sagte sie, sich innerlich überwindend: „Ich war kein Wunschkind, deshalb bekam ich nur sehr wenig Liebe von meiner Mutter. In der Schule habe ich mich angestrengt, um sie stolz zu machen. In vielen Fächern war ich auch ganz gut, jedoch nicht im Sport. Damals litt ich an einer Drüsenkrankheit und war ein ziemliches Pummelchen, weswegen ich von einigen meiner Mitschüler des Öfteren gehänselt wurde. Erst ein Jahr vor Schulende hatte meine Mutter die Mittel zusammen, damit meine Krankheit behandelt werden konnte.“
     Die Frau unterbrach sich kurz, und fuhr dann fort: „Nach meiner Genesung habe ich dann damit angefangen regelmäßig Sport zu treiben. Zum ersten Mal, während meiner Schulzeit, wurde ich nicht nur von den Jungs in meiner Klasse wahrgenommen, sondern es bestand auch erstmals eine reelle Chance, eine der Sport-Urkunden zu erringen. Als die Schulwettkämpfe der Notre-Dame Highschool, zum Ende des Schuljahres hin, stattfanden, erkrankte ich jedoch kurz zuvor an Windpocken. Deshalb haderte ich damals mit dem Schicksal, denn ich hatte darauf gehofft, meine Mutter endlich auch mit einer guten sportlichen Leistung beeindrucken und damit ihre Aufmerksamkeit erringen zu können. Als sie starb hatte ich nicht den Eindruck, ihren Ansprüchen jemals genügt zu haben.“
     „Ich denke, dass es nicht an Ihnen lag“, erwiderte Faulkner rau. „Ich kenne Sie zwar nicht sehr lange, doch ich weiß ganz sicher, und zwar, dass sie eine Frau mit sehr großem Potenzial sind. Außerdem sind sie eine überdurchschnittlich gute Polizistin. Ich bin sehr stolz darauf, Sie in meinem Team zu haben, Sarah.“
     Die Polizistin sah ihren Vorgesetzten mit glänzenden Augen an. „Das bedeutet mir sehr viel, Sir.“
     Sarah Dechiles räusperte sich und fügte betont scherzhaft hinzu: „Also, wie sieht es aus, Chief? Gewinnen wir das Ding oder gewinnen wir das Ding?“
     „Wir gewinnen das Ding!“, gab der Inspector lachend zurück. „Aber jetzt sollten wir uns langsam zum Start begeben. Nur noch zwei Minuten und es geht los.“

* * *

     Die Läufer der Teams hatten am Start Aufstellung genommen. Nur noch wenige Augenblicke und der Startschuss würde erfolgen – exakt eine halbe Stunde nachdem die Läufer des Einzelwettbewerbs losgelaufen waren. Traditionell starteten die Teams der Feuerwehr und der Polizei ganz vorne, sofern sie teilnahmen. Also standen neben dem Team der Polizei zwei sportlich aussehende Männer und Frauen des Saint-Marie-Fire-Departments.
     Als Derrick Faulkner zur Seite sah, bemerkte er das Feixen im Gesicht einer der beiden Frauen, die aufrecht neben ihm stand. Abwechselnd, mal den rechten, mal den linken Fuß in die Hand nehmend und nach hinten bis zu ihrem Po ziehend, meinte sie spöttisch: „Seien Sie froh, dass wir dabei sind, Chief. Falls Sie unterwegs einen Kreislaufkollaps erleiden, können wir gleich vor Ort Erste Hilfe leisten.“
     Der Inspector schmunzelte und nahm das Bild der jungen Frau in sich auf. Sie konnte bestenfalls Mitte zwanzig sein. „Hochmut kommt vor dem Fall, sagt man in England. Was halten Sie von einer kleinen Nebenwette?“
     „Machen Sie ein Angebot“, erwiderte die junge Frau keck.
     Der Inspector überlegte nicht lange, sondern antwortete grinsend: „Momentan mache ich mein Domizil sturmfest und bessere einige Schäden am Dach aus. Wenn mein Team vor dem ihren ins Ziel kommt, dann helfen Sie mir eine Woche lang nach Dienstschluss dabei.“
     Für einen Augenblick lang schien sich die Frau unsicher zu sein, ob sie darauf eingehen sollte, doch dann meinte sie grinsend: „Das passt gut, Chief. Ich renoviere nämlich demnächst die Zimmer in meinem Häuschen und ich habe mich bereits gefragt, wer mir dabei wohl eine Woche lang nach Dienstschluss helfen könnte.“
     Derrick Faulkner streckte der jungen Frau seine Hand entgegen und sie schlug ein. „Also abgemacht. Die Wette gilt.“
     Die Feuerwehrfrau konzentrierte sich wieder und Faulkner ließ seinen Blick über das Team des SMFD schweifen. Der neue Feuerwehr-Chief, der ebenfalls Brite war, schien etwas älter zu sein, als er selbst. Dessen hagere Statur ließ nicht darauf schließen, wie gut er laufen konnte. Den zweiten Mann im Team schätzte er etwas älter, als Sarah Dechiles. Dafür wirkte die zweite Frau im Feuerwehrfrau um einige Jahre jünger, als Florence Cassell. Alle vier wirkten fit und der Inspector fragte sich insgeheim, ob er sich mit seiner Wette nicht zu vorschnell und zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte.
     Florence Cassell unterbrach die Gedankengänge des Detective-Inspectors, indem sie bestimmt erklärte: „Damit Sie klarsehen, Chief. Falls Sie die Wette verlieren sollten baden Sie das alleine aus.“
     Faulkner sah in die fast schwarzen Augen seiner Kollegin und erwiderte grimmig: „Dann sorgen Sie gefälligst dafür, dass es nicht so weit kommt, indem Sie ihr Bestes geben.“
     Sie konzentrierten sich, denn gleich darauf hob der Linienrichter seine Schreckschuss-Pistole in die Luft. Schnell sah Faulkner zur Seite und zwinkerte Céline und Dayana zu.
     Einen Moment später ertönte der Startschuss und sie rannten los. Jetzt galt es.
     Schon auf den ersten drei Meilen holte das Team der Feuerwehr einen Vorsprung von mehr als einhundert Metern heraus. Doch darüber machte sich Faulkner, der das Tempo für sein eigenes Team vorgab, keine Gedanken. Er war die gesamte Strecke des Wettbewerbes mehrere Male gelaufen und hatte beschlossen, die ersten vier Meilen, auf denen es konstant leicht bergauf ging, nicht zu sehr aufs Tempo zu drücken. Das würde nur nach hinten losgehen. Dabei hoffte er dennoch inbrünstig, dass die Männer und Frauen der Feuerwehr nicht wirklich so viel besser waren, wie es momentan den Anschein hatte.
     Sarah Dechiles, die auf einer Höhe mit Faulkner lief, schienen ähnlich Gedanken umzutreiben. Vielsagend deutete sie nach vorne.
     Der Inspector nickte beruhigend. „Es heißt: Am Arsch ist die Ente fett. Die schnappen wir uns auf der letzten Meile, Sarah.“
     Der Brite vergewisserte sich, dass Florence und Wellesley nicht zurückfielen und das Tempo problemlos mitgehen konnten.
     Officer Karr, der den Blick bemerkte, deutete kurz mit dem Daumen nach oben.
     Als das Team der Polizei von Honoré den höchsten Punkt der Strecke erreicht hatte, stellte Faulkner zufrieden fest, dass er das Tempo in etwa richtig berechnet hatte. Das Gefühl, nach einigen hundert Metern geradeaus die zweite Luft zu bekommen, bestätigte ihm das. Nach einer weiteren halben Meile verschärfte der Inspector das Tempo. Er machte ein zufriedenes Gesicht, als sie sich spürbar immer weiter an das in Front liegende Team der Feuerwehr von Saint-Marie heranschoben. Das gab auch den anderen Mitgliedern seines Teams einen spürbaren Auftrieb.
     Alles schien genau so zu funktionieren, wie es sich Derrick Faulkner vorgestellt hatte. Etwas weniger, als zwei Meilen vor dem Ziel passierte es dann: Der Brite trat auf eine lockere Asphaltplatte und knickte mit dem rechten Fuß um.
     Als seine Kameraden zu ihm rannten, rief er Florence ächzend zu: „Rennen Sie mit Wellesley weiter und machen Sie das Tempo. Ich brauche Sarah bei mir, damit sie mich wieder an Sie beide heranführt. Los schon!“
     Die beiden angesprochenen folgten der Anweisung.
     Sarah, die den Inspector erreicht hatte und ihn besorgt musterte. „Wenn Sie Schmerzen haben, Sir, dann geben Sie auf. Das hier ist nur ein sportlicher Wettkampf.“
     Der Blick, mit dem Faulkner die Frau musterte, sagte ihr, dass dies keine Option für ihn war. Aufstöhnend trat der Brite einige Male auf und setzte sich wieder in Trab. Zwar jagte bei jedem Schritt ein ziemlicher Schmerz durch sein Fußgelenk, doch er verbiss ihn sich krampfhaft, bis der Schmerz in den Hintergrund trat und er nach einer Weile fast wieder rund lief. Dabei feuerte er Sarah Dechiles an: „Sie müssen das Tempo nun so gestalten, dass wir auf den letzten einhundert Metern an denen von der Feuerwehr vorbeiziehen. Ich bleibe Ihnen auf den Fersen und lasse mich quasi von Ihnen ziehen.“
     Sarah, die es aufgegeben hatte ihren Vorgesetzten zur Vernunft zu bringen, folgte seinem Wunsch und legte ein ordentliches Tempo vor. Unmerklich schoben sich die beiden wieder an das vor ihnen laufende Team der Feuerwehr heran, zu dem Florence und Wellesley nun beinahe aufgeschlossen hatten. Die Markierung der letzten Meile hatten sie bereits hinter sich gelassen. Meter um Meter machten sie gut.
     Auf den letzten fünfhundert Metern, als sie bis auf zehn Meter aufgeschlossen hatten, raunte der Inspector seiner Untergebenen zu: „Wenn wir am Feuerwehrteam vorbei sind dann übernehmen Sie die Spitze und machen nochmal richtig Dampf, Sarah.“
     Als sie fast auf derselben Höhe waren, wie die Läufer des SMFD, zog Sarah Dechiles das Tempo an und Derrick Faulkner hielt mit, obwohl sich der Schmerz in seinem Fußgelenk deutlich verstärkte. Doch das etwas genervte Gesicht der Feuerwehrfrau, mit welcher er am Start seine Wette abgeschlossen hatte, ließ ihn das im Moment vergessen. Fast etwas amüsiert zwinkerte er der jungen Frau zu, als er sich an ihr vorbeischob.
     Wenig später zerriss Sarah Dechiles, die noch immer ganz vorne lief, das zuvor über die Straße gespannte Zielband und Faulkner war erleichtert, als er, den Schluss machend, etwa zehn Meter vor der Spitzenläuferin des Feuerwehrteams über die Zielmarkierung lief.
     Der Jubel der Zuschauer sank für ihn zu einem hohlen Brausen herab, als Sarah, die sofort zu ihm gerannt war, ihn in ihre Arme schloss. Gleich darauf hatten ihn auch Wellesley Karr und Florence erreicht und gemeinsam hüpften sie um die Wette, bis Faulkner schmerzhaft das Gesicht verzog. Erst jetzt fiel seinen Kameraden wieder ein, dass er unterwegs umgeknickt war und besorgt erkundigte sich Florence bei ihm: „Wie geht es ihrem Fußgelenk, Sir.“
     „Ziemlich mäßig“, rang sich der Mann ab. Erst jetzt, da der Adrenalinspiegel sank, spürte er in vollem Umfang, was er seinem lädierten Fußgelenk zugemutet hatte.
     Bevor sich Florence allzu viele Gedanken um seine Gesundheit machen konnte, wurde sie von Sarah Dechiles umarmt, die immer noch ganz unter dem Eindruck des gewonnenen Wettbewerbes stand. Im nächsten Moment war die Reihe an Wellesley Karr, der etwas hilflos wirkte.
     Als Sarah auch den Inspector umarmte, da spürte der Mann, wie ihre Schultern zuckten und beruhigend nahm er sie in die Arme. Dabei raunte er leise: „Das haben Sie hervorragend gemacht, Sergeant Sarah Dechiles. Sie haben das Team zum Sieg geführt.“
     Die hochgewachsene Frau riss sich zusammen und beeilte sich, ihre überbordenden Emotionen wieder in den Griff zu bekommen. Sich rasch über die Augen wischend strahlte sie den Inspector an und lächelte verlegen.
     Derrick Faulkner nickte nur bedeutungsvoll, bevor er seine Untergebene freigab und auch Florence und Karr kurz umarmte. So fiel die kleine Episode nicht so sehr auf und Sarah erhielt die Gelegenheit, sich wieder zu sammeln.
     Später hätte Faulkner nicht sagen können, wann Céline an seine Seite getreten war. Auch sie umarmte ihn und fragte stirnrunzelnd: „Was ist unterwegs passiert? Ich habe gemerkt, dass du nicht ganz rund ins Ziel gelaufen bist.“
     „Umgeknickt“, erwiderte Faulkner lakonisch.
     Céline stemmte ihre Fäuste in die Hüften und funkelte den Briten kritisch an. „Und da hattest du keine bessere Idee, als einfach weiterzulaufen?“
     „Ich hätte sonst eine Wette verloren“, verteidigte sich Faulkner augenzwinkernd und sah zur anderen Seite, als auch Dayana sich endlich einen Weg zu ihm gebahnt hatte.
     Auch das Mädchen umarmte ihn kurz und meinte: „Sie haben es geschafft. Da wird sich der Commissioner aber freuen. Ach so, er hat mir eine Ausbildung bei der Stadt angeboten. Morgen werde ich mit ihm über die Einzelheiten reden.“
     „Hey, das ist ja toll“, freute sich Faulkner mit dem Mädchen und auch Céline beglückwünschte sie.
     „Chief, die Presse will ein Foto von den Siegern machen!“, rief ihm Wellesley Karr durch den Trubel zu.
     Bedauernd die Frau und das Mädchen an seiner Seite ansehend seufzte der Inspector: „Ich fürchte, die Pflicht ruft, bevor ich endlich etwas zur Ruhe kommen kann.“
     Damit bahnte sich Faulkner einen Weg durch die Menschentraube.
     Es dauerte etwas bis sich die Menge etwas geteilt hatte, damit der Fotograf des SAINT-MARIE-LEDGER seine Fotos machen konnte. Eins davon zusammen mit dem Commissioner, der sichtlich zufrieden wirkte. Als Überraschung traten am Schluss die beiden Feuerwehrfrauen an Faulkners Seite und hauchten ihm gleichzeitig einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Auch das hielt der Fotograf mit der Kamera fest und die beiden Damen des SMFD sahen ihn gleichermaßen spitzbübisch an. Wobei der Inspector ahnte, dass sich dieses Foto zumindest auf der Website des LEDGER wiederfinden würde.
     Bevor sich die beiden Frauen des SMFD wieder entfernen konnten, erinnerte Faulkner die jüngere von ihnen: „Ich hole Sie dann morgen Abend um 18:00 Uhr ab.“
     Die junge Frau tat sehr erstaunt: „Wie meinen Sie das, Chief?“
     „Haben Sie etwa unsere Wette vergessen?“
     Die junge Frau schüttelte resignierend den Kopf. „Nein, aber ich hatte gehofft, Sie würden die Wette vergessen.“
     Faulkner lachte. „Wettschulden sind Ehrenschulden, sagt man in England.“
     „Verdammt.“
     Der Polizist bemerkte, dass die Frau nicht wirklich zerknirscht war und meinte grinsend: „Ach was, auf dem Dach eines Hauses zu arbeiten und für Sicherheit zu sorgen muss doch genau ihr Ding sein, Miss…“
     „Camara. Nalani Camara.“
     „Ich hoffe, Sie trinken ihr Feierabend-Bier weder geschüttelt noch gerührt“, spöttelte Faulkner und lachte vergnügt. „Also dann bis morgen Abend, Miss Camara.“
     Sie lächelten sich an, bevor sich beide wieder zu ihren eigenen Freunden und Kameraden begaben.
     Florence Cassell sah vielsagend auf die Siegerurkunde in Sarah Dechiles Händen, die ihnen von der Bürgermeisterin verliehen worden war, als Faulkner bei ihnen ankam. Der Sergeant schien sie gar nicht mehr loslassen zu wollen.
     Der Detective-Inspector räusperte sich und fragte unvermittelt in die Runde: „Was machen wir nun mit dieser Urkunde. Sie müsste eigentlich im Revier an die Wand. Blöd ist nur, dass wir dort keinen Platz haben. Bei mir wäre sie auch fehl am Platz. Die Luft dort ist viel zu salzhaltig und würde das Dokument selbst unter Glas angreifen.“
     Wellesley Karr sah seinen Vorgesetzten erstaunt an. Erst als der Brite einen beschwörenden Blick aufsetzte, verstand er und meinte: „Meine Bude ist zu klein dafür.“
     Florence lehnte ebenfalls rasch ab und seufzend meinte Faulkner zu Sarah: „Bitte sagen Sie mir, dass es in ihrem Heim einen passenden Platz dafür gibt.“
     Die Angesprochene strahlte und sah in die Runde. „Danke, Leute.“
     Später, als sich seine Untergebenen, der Commissioner und Dayana bereits von Faulkner verabschiedet hatten und sich die Menge verlief, hakte sich Céline bei ihm unter. Gemeinsam in Richtung des Polizeiwagens gehend fragte die Frau nachdenklich: „Sieht so aus, als hättest du heute neue Kontakte zur Feuerwehr von Saint-Marie geknüpft.“
     Der Inspector runzelte die Stirn. „Du wirst mir doch nicht etwa eifersüchtig? Ich dachte, du willst keine feste Beziehung?“
     „So ist es auch – und ich bin nicht eifersüchtig.“
     Faulkner nickte, zufrieden mit dieser Antwort. Als sie den Land-Rover erreichten und einstiegen, entging dem Briten der seltsame Blick von Céline. Im Moment dachte er nur noch daran, endlich unter die Dusche zu kommen und sein Fußgelenk zu verbinden.
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