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Zwischen mir und meinen Dämonen nur Japan

von Shizuka95
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Gen
22.03.2022
03.07.2022
41
36.778
3
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22.03.2022 895
 
„Und Sie sind sich ganz sicher, dass Sie nach Japan wollen?“
Frau Reuter sah mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an. In ihrer Stimme schwang Sorge mit. Aber es war nicht diese angstvolle Art von Sorge, die meine Mutter mir gerne entgegenbrachte. Es war die strenge Sorge einer Psychotherapeutin, die ihre Klientin von einem großen Fehler abhalten wollte.
Doch mein Vorhaben war kein Fehler. Es war mein Traum. Ich hatte jahrelang eisern dafür gespart. Ich hatte jeden Cent, den ich während meines Freiwilligen Sozialen Jahres in der Volkshochschule verdient hatte, viermal umgedreht. Und nun war ich soweit. Am achtundzwanzigsten Dezember würde ich mit der Bahn von Hamburg nach Frankfurt fahren und von dort direkt nach Tokyo fliegen. Ich würde dort zehn Tage die Gegend erkunden und dann nach Himeji weiterziehen, um dort zwei Monate lang in einem Gasthaus inklusive Restaurant zu arbeiten. Anschließend würde ich dann in einem Hostel in Kyoto aushelfen. Ich hatte alles perfekt durchgeplant. Ich hatte mir sämtliche Bahnverbindungen bereits herausgesucht und ausgedruckt. Ich hatte Plätze in Nachtbussen gebucht – die waren wesentlich günstiger als der Shinkansen. Ich hatte mein Working-Holiday-Visum beantragt und bei der japanischen Botschaft in Hamburg abgeholt. Ich wusste, wann ich wo unterkommen würde und Hin- und Rückflugticket hatte ich natürlich auch schon in der Tasche. Insgesamt würde es mich vier Monate lang nach Japan verschlagen. Perfekt geplant. Wie es sich für mich gehörte. Planung war mein halbes Leben. Vielleicht sogar mein ganzes Leben. Wenn man magersüchtig war – wie ich – konnte einem eine gute Planung so manche Krise ersparen.
„Jap, ganz sicher“, antwortete ich fest entschlossen.
„Ich bin ehrlich zu Ihnen, Frau Holzheimer“, fuhr Frau Reuter fort, „ich sehe Ihrem geplanten Working Holiday mit Bauchschmerzen entgegen. Ihr Gewicht ist nach wie vor niedrig und so eine große Reise wird körperlich sehr anstrengend.“
„Dessen bin ich mir bewusst“, entgegnete ich ruhig. Doch in mir brodelte es. Ich war wütend. Frau Reuter glaubte nicht an mich. Wie keiner an mich glaubte. Es war nicht das erste Mal, dass sie mir von ihrer Befürchtung erzählte, dass ich nicht stabil genug für diese Reise war. Und sie war auch nicht die Einzige. Es gab genug Personen in meinem Umfeld – Freunde, Bekannte –, die nicht an mich glaubten. Allen voran mein Vater. Und das machte mich so unsagbar wütend. Und traurig. Es verletzte mich. Obwohl ich gleichzeitig wusste, dass ich es ihnen nicht verübeln konnte. Magersüchtigen durfte man eben nicht trauen. Oft genug hatte ich gesagt, ich würde es nun schaffen. Jedes Mal, wenn ich eine stationäre Therapie beendet hatte und wieder nach Hause gekommen war. „Jetzt werde ich nicht wieder abnehmen“, hatte ich stets gesagt. „Ich kriege das mit dem Essen jetzt hin.“ Und ich hatte selbst daran geglaubt. Ich hatte es wirklich gewollt. Aber ich hatte immer wieder versagt. Ich hatte den Kampf immer und immer wieder verloren. Trotz drei mehrmonatiger Aufenthalte in Kinder- und Jugendpsychiatrien und drei ambulanter Therapien über mittlerweile acht Jahre. Ich hatte mich selbst immer wieder betrogen. Und meine Mitmenschen.
Aber diesmal würde es anders sein! Japan war schließlich mein großer Traum. Und die Essstörung würde mich nicht aufhalten. Diesmal würde ich es schaffen.
Aber das hatte ich doch immer gesagt. Und ich hatte es nie geschafft.
Dennoch wollte ich nicht aufgeben. Wer blieb denn noch, wenn nicht wenigstens ich selbst an mich glaubte?
„Nun“, sagte Frau Reuter mit rauer Stimme, „dann bleibt mir wohl nichts anderes, als Ihnen alles Gute zu wünschen. Melden Sie sich, sobald Sie zurück sind.“ Sie klang unzufrieden, dennoch lächelte sie mir zum Abschied zu.
Ich nickte. „Danke, das mache ich.“
Ich verließ ihr Büro, das sich in einer Klinik für Psychosomatik befand. Ich wanderte durch die langen Gänge des Klinikgebäudes, die Treppe hinauf, zum Ausgang. Mich überkam ein seltsames Gefühl, als ich mich ins Auto setzte. Das war meine letzte Therapiesitzung vor meiner Reise gewesen. Einerseits fühlte sich das irgendwie befreiend an. Schließlich bedeutete Therapie für mich auch ständige Beobachtung. Immer ging es darum, wie viel ich wog, was ich aß und so weiter und sofort. Andererseits war genau das eben auch Unterstützung, die ich brauchte. Erfahrungsgemäß wohl mehr als ich mir eingestehen mochte. Ob Frau Reuter recht hatte? Dass die Japanreise zu viel für mich werden würde? Ich hatte ihr da mit solch einem Selbstbewusstsein widersprochen. Und gleichzeitig hatte ich vor wenigen Sitzungen noch mit ihr darüber geredet, dass ich die blödsinnige Angst davor hatte, Bananen zu essen, weil sie im Vergleich zu anderen Obstsorten so viele Kalorien hatten. Wie sollte ich so in Japan zurechtkommen? Einem Land, in dem man traditionell Reis und rohes Ei zum Frühstück aß und ich allgemein nicht annähernd meine üblichen Essgewohnheiten würde ausleben können.
Mach dir keinen Kopf, Becca, redete ich mir gut zu und versuchte, die beunruhigenden Gedanken damit beiseite zu schieben. Dafür kannst du jeden Tag Melonpan und andere tolle Sachen essen. Und Reis mit rohem Ei – warum nicht einfach mal ausprobieren?
Und vor allem würde mir keiner ständig auf die Finger schauen. Die Menschen dort würden nicht wissen, dass ich eine Essstörung hatte. Vielleicht war es auch eine Chance, nach acht Jahren endlich mal wieder als normaler Mensch durchzugehen. Ich wusste gar nicht mehr, wie sich das anfühlte: für jemanden einfach ein Mensch zu sein und keine verrückte, psychisch kranke Magersüchtige.
Ich atmete tief ein und seufzte schwer. Dann startete ich das Auto und fuhr nach Hause aufs Dorf zu meinen Eltern.
 
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