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Im Rückspiegel so nah

von Wyandra
Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P12 / Gen
20.03.2022
20.03.2022
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Ersatzbeitrag zum Wettbewerb Der Thron der Schreibkunst 2.0

Das Zitat, das eingebaut werden musste, war: „Wir müssen entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen wollen, die uns gegeben ist.“ (Der Herr der Ringe)


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Das Kruzifix am Ende der Eingangshalle ist immer noch genauso abscheulich wie früher.
Unglücklicherweise ist es das Erste, was Theo wahrnimmt, als er über die Schwelle der altehrwürdigen Tür tritt. Zuvor war er zu beschäftigt, um auf seine Umgebung zu achten, weil er gleichzeitig die Ermahnungen seines Managers ausblenden und den Versuchen seiner Assistentin, seine tiefen Augenringe zu überschminken, entgehen musste. Erst das Knarzen der Eingangstür bringt ihn in eine ganz und gar unwillkommene Realität zurück. Schwarz-weiß gefliester Boden, Säulen aus dunklem Stein, hohe Fenster, die es niemals wirklich geschafft haben, den Raum richtig zu erhellen ... und das Kruzifix an der gegenüberliegenden Wand.
Als Jugendlicher hat Theo dieses Kruzifix aus tiefster Seele gehasst. Es hat ihn stets daran erinnert, dass für jemanden wie ihn, der Dinge gerne kritisch hinterfragt, kein Platz in einem Haus wie diesem war, in einer Schule, in der die Zeit vor einem halben Jahrhundert stehengeblieben ist. Man musste unter dem Kruzifix warten, wenn man zum Schulleiter zitiert worden war, und außerdem fand Theo es von seinem ersten Tag an schlicht und einfach hässlich.
Daran hat sich nichts geändert. Der Jesus am Kreuz sieht immer noch nicht wie jemand aus, der die Qualen eines Märtyrers leidet, sondern mehr wie jemand, der dringend aufs Klo muss. Wie viele Schläge hat Theo sich eingefangen, als er diese Beobachtung dem alten Pfarrer gegenüber erwähnt hat? Sechs, sieben, die sich eher wie sechzehn oder siebzehn anfühlten?
„Hier hätten wir die Eingangshalle“, sagt der junge Mann neben Theo, der sich als der neue Schulpfarrer vorgestellt hat und die eine Hälfte des Empfangskomitees bildet. Wofür diese Schule einen eigenen Pfarrer braucht, hat sich Theo nie erschlossen; die Hauptaufgabe des alten Pfarrers bestand jedenfalls darin, allen permanent seine Überlegenheit unter die Nase zu reiben.
Die andere Hälfte des Empfangskommandos besteht aus einer mittelalten Frau, die sich als Vizeschulleiterin vorgestellt hat und die mit ihrem Dutt, ihrer dicken Hornbrille und ihrer mausgrauen Bluse wie die Verkörperung eines jeden Klischees aussieht, das über Mathelehrerinnen existiert. Ihren Namen hat Theo sofort wieder vergessen, ebenso wie den des jungen Mannes. Er muss ungefähr Anfang dreißig sein, nicht älter als Theo und damit viel zu jung für seine Stelle; doch das ist nicht Theos Problem. Er ist nur froh darum, dass keiner der beiden hier gearbeitet hat, als er noch zur Schule gegangen ist. Je weniger bekannten Gesichtern er über den Weg läuft, desto besser.
Der obligatorische Journalist, der mit gelangweilter Miene neben Theos Manager Steve steht, sieht das sicher anders. Vermutlich könnte er sich nichts Schöneres vorstellen als ein tränenreiches Wiedersehen – Popstar vereint mit den Leuten, die ihm einst den Weg zum Erfolg ebneten, etwas in der Art, etwas, das sich gut verkaufen lässt. Aber das wird nicht passieren. Die einzige Person, die damals Licht in Theos Schulzeit gebracht hat, ist schon vor Jahren gestorben, also gibt es keinen Grund, sich oder der Welt irgendetwas vorzumachen. Theo wird den Job erledigen, für den er hergekommen ist, und er wird versuchen, ihn halbwegs gut zu erledigen, ohne sich seine Abscheu gegenüber dieser ganzen Sache zu sehr anmerken zu lassen; und dann wird er wieder verschwinden und keinen Gedanken mehr an diese verfluchte Schule verschwenden.
Der Plan wäre leichter umzusetzen, wenn Theo sich daran erinnern könnte, worin genau sein Job bestehen soll. Eventuell hätte er gestern Abend nicht so viel trinken sollen. Das war doch gestern Abend, oder? Und hat er überhaupt getrunken? Vermutlich. Wahrscheinlich. Wieso sonst sollte er so erschöpft sein und seine Sicht ständig verschwimmen?
Seine wenigen Erinnerungen an die vergangene Nacht zeigen ihm ein kaum bekleidetes Mädchen, das höchstwahrscheinlich nicht Clara gewesen ist. Theo weiß, dass er sich deswegen vermutlich schlecht fühlen sollte, aber er kann nicht die Energie dazu aufbringen. Clara hat es schon seit Wochen nicht mehr für nötig gehalten, die Nacht mit ihm zu verbringen; wenn jemand ein schlechtes Gewissen haben sollte, dann sie.
„Dieses Gebäude wurde achtzehnhundertachtundsechzig errichtet und besteht zu großen Teilen noch aus seiner originalen Bausubstanz. Bei sämtlichen Modernisierungsarbeiten wurde darauf geachtet, so wenige Eingriffe wie möglich ...“
Der junge Pfarrer hat es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der Schule so monoton wie möglich herunterzubeten, ohne sich dabei vom mangelnden Interesse seiner Zuhörer entmutigen zu lassen. Welche Modernisierungsarbeiten, fragt Theo sich beiläufig. Der verdammte Ort sieht haargenau aus wie vor fünfzehn Jahren, und das ist kein Kompliment. Theo muss sich nicht einmal besonders anstrengen, um sich einen schmuddeligen Jungen vorzustellen, der mit einer Mischung aus Beklemmung und morbider Befriedigung unter dem Kruzifix darauf wartet, sich seine neueste Strafe abzuholen.
Hastig wendet er den Blick von dem Kruzifix ab, um die Erinnerungen an jenen verlorenen Jungen mit seiner nie richtig sitzenden Schuluniform und seinen nie ordentlich gekämmten Haaren loszuwerden. Wie von selbst zuckt seine Hand zu der Jackentasche, in der er seinen treuen Begleiter aufbewahrt: die Dose mit Pillen, die inzwischen der einzige Grund sind, wieso er seine Tage übersteht. Vielleicht fällt es niemandem auf, wenn er sich kurz wegdreht, einen Hustenanfall vortäuscht und eine Pille einwirft ...
Dasha funkelt ihn böse an und er gibt auf. Er mag sie, mag sie wirklich, doch seit sie seine persönliche Assistentin geworden ist, ist sein Leben sehr viel komplizierter geworden – zumindest der berufliche Teil seines Lebens. Dasha, von Steve höchstpersönlich zu einem hocheffizienten Wachhund ausgebildet, sorgt dafür, dass Theo mehr oder weniger nüchtern und mehr oder weniger pünktlich zu seinen Terminen auftaucht, dass er dabei mehr oder weniger gesellschaftsfähig aussieht und dass er mehr oder weniger die Klappe hält, wenn es erforderlich ist. Sie hat nicht die geringsten Skrupel, ihn zu gottverlassenen Zeiten wie sechs Uhr morgens aus dem Bett zu klingeln und sie hat seine halbherzigen Versuche, mit ihr zu flirten, mit einer Vehemenz abgewehrt, die in ihm beinahe den Wunsch geweckt hat, den Frauen für immer zu entsagen. Vor allem weiß sie besser als Theo, was gut für ihn ist; zumindest behauptet sie das und Theo ist meistens zu müde, um zu widersprechen.
Um das Geplapper des Pfarrers und sein Verlangen nach den Pillen auszublenden, schiebt Theo sich unter dem Vorwand, eine der Säulen zu betrachten, näher an Dasha heran.
„Was genau soll ich denen jetzt erzählen?“, murmelt er.
Dasha verdreht die Augen auf eine Art, die ihn unmissverständlich wissen lässt, dass sie ihn für einen Trottel hält. Vermutlich hat sie recht. Nur ein gigantischer Trottel würde vergessen, wieso man ihn an einen Ort gekarrt hat, den er hasst.
„Mensch, Theo, wir haben das doch besprochen. Du bist hier, weil es für die Schule eine Ehre ist, einen ihrer berühmtesten Absolventen willkommen zu heißen – und weil es für uns eine willkommene Publicity-Aktion ist. Erzähl den Kindern was über deine Karriere, irgendwas, das sie ermutigt, ebenfalls ungewöhnliche Wege einzuschlagen und was aus ihrem Leben zu machen, du weißt schon, irgendwas Pathetisches halt. Versuch einfach, in vollständigen Sätzen zu sprechen und keine Drogen zu erwähnen, ja? Erzähl irgendeinen inspirierenden Quark.“
„Ach ja.“
Vage Erinnerungen an die Vorbereitungssitzungen bezwingen für einen Moment die Müdigkeit. Inspirierender Quark. Theo ist sich nicht sicher, was an ihm so inspirierend sein soll, aber Dasha und Steve werden wissen, was sie tun.
Dennoch kann er sich die nächste Bemerkung nicht verkneifen. „Das ist doch Zeitverschwendung hier. Ich könnte jetzt daheim sein und was Sinnvolleres machen, echt.“
„Dich zudröhnen, meinst du.“
„Nein, zum Beispiel ...“
Zum Beispiel Songs schreiben. Worüber genau, weiß er nicht, aber er weiß, dass er endlich wieder schreiben will – Songs, die seinem Geschmack entsprechen, die er gemeinsam mit der Band erarbeitet, die sich um Themen drehen, die ihnen wirklich wichtig sind, nicht um Themen, die die Plattenfirma oder die Öffentlichkeit von ihnen erwarten. Die Öffentlichkeit. Sie ist das Problem. Die Öffentlichkeit hat beschlossen, dass Theo keine solchen Songs mehr schreiben darf, weil sie seinem neuen Image nicht entsprechen, also schreibt er keine solchen Songs mehr. Anscheinend gehört es sich für einen Initiator erfolgreicher humanitärer Projekte nicht, über die Belanglosigkeiten des alltäglichen Lebens zu singen. Theo weiß nicht, wieso; er weiß nur, dass er gelernt hat, die Öffentlichkeit zu hassen.
Außerdem weiß er, dass Steve und Dasha der Öffentlichkeit zustimmen, weshalb er seinen Satz auf die denkbar lahmste Weise beendet. „Schlafen. Ich könnte Schlaf nachholen.“
Wieder verdreht Dasha die Augen. „Kannst du später immer noch.“
Das du Kleinkind schwingt unausgesprochen mit und kurz ist Theo in Versuchung, vor aller Augen seine Pillendose hervorzuziehen, um Dasha zu ärgern. Er tut es nur nicht, weil Steve eindeutig zu misstrauisch zu ihnen herüberlugt, während der Pfarrer immer noch auf ihn einredet und der Journalist sich lustlos mit der Vizepräsidentin unterhält.
Welchen tieferen Sinn Steves Anwesenheit hier hat, ist Theo ein Rätsel. Dass Dasha bei Terminen wie diesem dabei ist, sieht er ein, aber Steve? Wofür zur Hölle braucht Theo bei unspektakulären Publicity-Aktionen seinen Manager? Vermutlich steckt eine ausgeklügelte Marketingstrategie dahinter, die Theo nur nicht versteht, weil er zu müde dazu ist.
Als könne er Theos Gedanken lesen, runzelt Steve die Stirn, doch dankenswerterweise bleibt er, wo er ist. Dasha zieht mit einem genervten Schnauben ihr Handy hervor, um entweder Theos Termine neu zu organisieren oder, was er eher vermutet, Quizzduell zu spielen, und auch sonst interessiert sich niemand mehr für ihn. Er spürt, wie die altbekannte Ungeduld in ihm aufsteigt. Wenn man ihn schon dazu zwingt, diesen verfluchten Ort aufzusuchen, sollte man ihn nicht wie einen Vater beim Elternsprechtag in der Eingangshalle warten lassen. Wo sind die Erfrischungen? Wo bleiben die Unterhaltung und die Promi-Behandlung? Wo sind Fans, denen er Autogramme geben könnte, um sich abzulenken? Wo sind bessere Beleuchtung und weniger düstere Erinnerungen?
Je länger er in dieser Halle herumlungert, desto lebhafter werden die Erinnerungen; selbst der Schleier aus Müdigkeit und Gleichgültigkeit hält sie nicht länger zurück. Dort, unter dem Kruzifix, hat Theos Vater ihm mitgeteilt, dass er von nun an zu den Internatsschülern wechseln solle, weil für ihn zu Hause kein Platz mehr sei ...
Er blinzelt. Für den Bruchteil einer Sekunde haben die Schatten ein Gesicht geformt, eines, das die Züge seines Vaters und des alten Pfarrers und aller anderen Personen trägt, die Theo je wehgetan haben.
Erleichtert nimmt er das schauderhafte Knarzen der Tür am Ende der Halle zur Kenntnis. Herein marschiert niemand Geringeres als Patrick Wade, seit gefühlt fünfzig Jahren Leiter dieser Schule und Heuchler der Extraklasse. Jede Entrüstung drüber, dass man Theo so ungeniert warten ließ, verschwindet, als Wade mit ausgestreckten Händen und breitem Lächeln auf ihn zueilt. Eigentlich ist es doch ganz gut, dass das Begrüßungskomitee nur aus der Vizeschulleiterin und dem Pfarrer bestand. Wäre Wade ihm gleich am Schuleingang mit diesem psychopathischen Grinsen und dem tadellos sitzenden Nadelstreifenanzug entgegengekommen, wäre Theo vermutlich an Ort und Stelle einer Panikattacke erlegen. Auch so fällt es ihm schwer genug, nicht zurückzuweichen, als Wade ungefragt nach seiner Hand greift.
„Theo Talladino! Willkommen, willkommen! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut, dass Sie warten mussten! Ich hatte soeben einen besorgten Vater am Telefon, der mit mir eruieren wollte, wie man das Verhältnis zwischen seinem Sohn und unserer Schule optimieren kann, und das Gespräch hat länger gedauert als erwartet. So sind sie eben, die fürsorglichen Eltern.“
Wades Lächeln wird noch ein wenig breiter. Theo entzieht sich dem schraubstockähnlichen Griff und beschränkt sich auf ein Nicken, das, wie er hofft, zumindest ansatzweise höflich wirkt. Von fürsorglichen Eltern hat er nicht die geringste Ahnung. Die Fürsorge seines Vaters hat sich darauf beschränkt, ihn zu schlagen, wenn seine Noten nicht gut genug waren, und Wades Aufsichtspflicht hat sich darauf beschränkt, Theos Vater Recht zu geben. Das einzig Positive, das sich über Theos und Wades Beziehung während Theos Schulzeit sagen lässt, ist, dass sie sich auf ein Minimum an Kontakt beschränkte; für die Strafen waren andere Personen zuständig. Wahrscheinlich erinnert Wade sich nicht einmal mehr an ihn und spielt seine Begeisterung nur vor.
„Unsere Schüler können es kaum erwarten, von Ihnen zu hören. Wir haben bereits alle im Vortragsraum versammelt, Sie können also jederzeit loslegen“, fährt Wade mit einem jovialen Augenzwinkern fort. „Außer, Sie sehnen sich vorher noch nach einer kleinen Erfrischung? Entschuldigen Sie, dieser Anruf hat unseren Zeitplan vollkommen durcheinandergebracht, aber das soll uns nicht daran hindern, Ihnen alles zukommen zu lassen, was Sie benötigen.“
Kurz ist Theo in Versuchung, anzunehmen oder zumindest zu fragen, ob dieses Angebot auch Alkohol umfasst. Allerdings ist die Vorstellung, länger als nötig in Wades Gesellschaft zu verweilen, noch furchteinflößender als die Vorstellung, unvorbereitet vor der gesamten Schülerschaft zu sprechen. Vermutlich ist es besser, das Elend schnell hinter sich zu bringen, denn immer deutlicher spürt er, wie die Geister der Vergangenheit nach ihm greifen. Langsam fühlt er sich wie der verunsicherte Schüler von damals und es gefällt ihm ganz und gar nicht.
Er kommt nicht dazu, Wades Angebot abzulehnen, weil Steve ungefragt die Rolle des Babysitters annimmt und sagt: „Das ist nicht nötig, vielen Dank.“
Dasha nickt zustimmend, Wade lächelt verständnisvoll und damit ist die Sache erledigt.
Theo presst die Lippen zusammen. Eine derartige Bevormundung ist ihm nicht neu, aber vollständig daran gewöhnen wird er sich nie. Trotzdem ist der alte Drang, den Rebellen zu spielen und zu widersprechen, zu schwach, um ihn aus seiner sorgfältig kultivierten Blase der Gleichgültigkeit zu reißen. Dasha und Steve versichern ihm immer wieder, dass sein Leben ohne sie sehr viel komplizierter wäre, und außerdem mustert der Journalist ihn eindeutig zu interessiert. Theo sieht die Schlagzeile förmlich vor sich: Gefallener Ex-Popstar verliert die Fassung (wieder einmal). Clara würde es lieben; und die Öffentlichkeit, die ihn zum Heiligen verklärt hat, erst recht. Vielleicht sollte er doch ... Nein. Er ist zu müde.
Mit einer Nachgiebigkeit, die ihn selbst anwidert, folgt er der von Wade angeführten kleinen Prozession durch die Halle. Als sie am Kruzifix vorbeigehen, erwidert er kurz den toten Blick der Jesusfigur. Ich hab’s wenigstens hinter mir, du Opfer, scheint dieser Blick zu sagen.
Arschloch, antwortet Theo gedanklich. Ausgerechnet in diesem Gebäude Jesus zu beleidigen, erfüllt ihn mit größerer Befriedigung, als es vermutlich sollte. Wenn der alte Pfarrer das wüsste ...
Irgendjemand hinter Theo hustet gerade laut genug, dass er es wahrnimmt. Irritiert dreht er sich um. Er bildet das Schlusslicht ihres kleinen Trupps und von ihnen abgesehen war die Eingangshalle leer und das sollte sie auch nach wie vor sein.
Sie ist es nicht. Dort, im Halbdunkel neben einer der Säulen, steht eine Gestalt, die Theo noch immer manchmal in seinen Träumen heimsucht. In den vergangenen Jahren hat Pfarrer Goldstein den letzten Rest seiner Haare verloren und sein Gesicht erinnert an eine zu lange gekochte Kartoffel, doch er hält sich noch immer abstoßend aufrecht und er strahlt selbst auf die Entfernung hin dieselbe Selbstgerechtigkeit aus wie damals. Als er bemerkt, dass Theo ihn anstarrt, nickt er ihm zu. Einfach so. Er nickt einfach, als seien sie zwei flüchtige Bekannte, die einander im Supermarkt über den Weg laufen, als hätte Theo nicht viel zu oft Bekanntschaft mit Goldsteins Rohrstock gemacht ...
Es ist mehr, als er gerade verkraften kann. Wieso Goldstein? Wieso er, der längst in Rente sein muss? Klar, die Schüler haben damals immer gescherzt, dass Goldstein irgendwann in dieser Schule tot umfallen würde, ob er noch dort arbeitet oder nicht, aber nie hätte Theo erwartet, ihn hier zu sehen. Wieso er? Wieso kann nicht stattdessen Schwester Hedwig, die Einzige, die hier jemals nett zu ihm war, von den Toten auferstehen und ihm zu Hilfe eilen?
Ein Stoß in die Seite bringt ihn dazu, die Augen von Goldstein abzuwenden. „Hey, nicht trödeln“, zischt Dasha ihm zu.
Theo verschwendet einige Sekunden damit, sie böse anzuschauen – zu viele Sekunden, denn als er sich wieder umdreht, ist Goldstein fort. Theo hört nur noch, wie am anderen Ende der Halle eine Tür ins Schloss fällt.
Er zwingt sich, tief durchzuatmen. Der alte Psychopath ist verschwunden, umso besser. Wenn Theo Glück hat, hat er irgendjemanden gefunden, den er quälen kann, und wird darüber vergessen, Theos Vortrag beizuwohnen.
Um jeden Gedanken an Goldstein zu verscheuchen, versucht Theo, sich auf seinen bevorstehenden Auftritt zu konzentrieren. Beinahe wünscht er sich einen Anfall von Lampenfieber; alles wäre besser als die Erinnerungen, die Goldsteins Auftauchen zum Anlass genommen haben, ihn endgültig zu überschwemmen. Du bist nichts weiter als ein Hund und Du wirst es nie zu etwas bringen und Du wirst dein Leben lang nur ein Knecht deiner Unfähigkeit sein und Es ist alles Theos Schuld ... Er merkt erst, dass er zittert, als der neue Pfarrer – nicht Goldstein, nicht Goldstein – ihn vorsichtig am Ellenbogen berührt. „Geht es Ihnen gut?“
Alle sind stehengeblieben und alle starren ihn an, der Pfarrer und Wade voller Sorge, der Journalist voller Langeweile und Dasha und Steve mit einer Mischung aus Empörung und der stummen Ermahnung, sich zusammenzureißen.
Hastig entzieht Theo sich der Berührung. „Klar. Sicher. Es ist nur ... Könnte ich vielleicht noch mal auf die Toilette, bevor es losgeht? Lange Fahrt und so, Sie wissen schon.“
Sollen sie nur denken, dass er Lampenfieber hat. Eine komplette Lüge wäre das nicht einmal, denn Einiges von dem, was er fühlt, ist Lampenfieber gar nicht so unähnlich: das Gefühl, als verknote jemand seine Innereien, die Angst, nicht mehr atmen zu können ...
„Natürlich, natürlich, lassen Sie sich Zeit. Unsere Schüler sollen nur Geduld lernen.“
Wade stellt wieder sein entnervendes Lächeln zur Schau, bevor er ihm unnötigerweise den Weg zur Toilette beschreibt; Theo kennt ihn noch genau, zu oft hat er sich dort versteckt, um wenigstens für ein paar Minuten keinen kritischen Blicken ausgesetzt zu sein.
In dem kläglichen Versuch, das Zittern seiner Hände zu kaschieren, steckt er sie in die Hosentaschen und drängt sich an dem jungen Pfarrer vorbei, der ihm die Tür aufhält. „Arbeiten Sie eigentlich schon lange hier?“, erkundigt er sich.
Falls die unvermittelte Frage den Pfarrer verwirrt, so lässt er es sich nicht anmerken. „Erst ein paar Monate“, antwortet er. „So richtig habe ich mich immer noch nicht eingefunden, wenn ich ehrlich bin. Die Stelle ist damals ziemlich plötzlich frei geworden und mein Vorgänger hat ein ziemliches Chaos hinterlassen, kann ich Ihnen verraten.“
Theo nickt nur. Erst ein paar Monate, das könnte eine plausible Erklärung für Goldsteins Anwesenheit sein. Vielleicht hat er sich geweigert, in den Ruhestand zu gehen, und darum hat man ihn gefeuert und bislang nur noch keinen Weg gefunden, um ihn, der wie viele der Lehrer in der Schule wohnt, vollständig hinauszuwerfen. Der Gedanke muntert Theo etwas auf, allerdings nicht so sehr, dass das Dröhnen in seinem Bewusstsein abnimmt.

Das Zittern lässt erst nach, als Theo sich in einer der Toilettenkabinen einsperrt und die Stirn gegen die dankenswert kühle Wand lehnt. Einige Minuten verbring er damit, bewusst langsam und gleichmäßig zu atmen, und greift danach auf die bewährte Lösung aller seiner Probleme zurück.
Die Pillendose liegt wie selbstverständlich in seiner Hand. Wie selbstverständlich wirft Theo eine Pille ein, zögert ein wenig und nimmt dann wie selbstverständlich eine zweite. Es brennt ein wenig in seiner Kehle, als er sie trocken hinunterschluckt, aber nicht auf eine schlechte Art.
Fast sofort redet sein Gehirn ihm ein, dass er sich nun besser fühlen kann. Eigentlich ist es nicht so schlimm hier. Er ist erwachsen und selbstständig und erfolgreich – Goldstein und die restlichen Geister seiner Vergangenheit können ihm nichts anhaben. Er wird den Schülern den gewünschten inspirierenden Quark erzählen, er wird seine Sache gut machen und danach wird er wieder verschwinden. Vielleicht wird er Clara anrufen oder seine Band und sich dafür entschuldigen, dass er in den letzten Tagen – Monaten, Jahren – so ein Idiot war, und vielleicht wird er endlich wieder einen Song schreiben und etwas Sinnvolles tun.
Seine Zuversicht hält exakt so lange an, bis er vor dem Waschbecken steht und die Tür zum Flur sich öffnet. Theo erstarrt. Natürlich tritt niemand Geringes als Goldstein ein, nickt ihm wieder nur zu und verschwindet in derselben Kabine wie zuvor Theo.
Selbst die Pillen helfen nicht gegen die plötzliche Wut. Theo ist wütend auf die Selbstverständlichkeit, mit der Goldstein sich bewegt, als sei es sein gottgegebenes Recht, Theos Leben zur Hölle zu machen; und vor allem ist er wütend auf sich selbst, weil er schon wieder zulässt, dass Goldstein sein inneres Gleichgewicht durcheinanderbringt. Die Beklemmung ist zurück, als sei sie nie fort gewesen.
Er sollte einfach gehen und keinen Gedanken mehr an Goldstein verschwenden. Und er würde einfach gehen ... wenn er sich bewegen könnte. Einmal mehr lässt sein Körper ihn im Stich, so dass es ihm nicht einmal gelingt, den Wasserhahn zuzudrehen. Eine Ewigkeit steht er nur da, beobachtet, wie das Wasser in den Abfluss fließt, und überlegt, was er Goldstein als Erstes ins Gesicht schreien soll. Es gibt so vieles, was er ihm schon lange mitteilen will – angefangen bei Theos Meinung über Goldsteins Mutter –, doch alles, was er hervorbringt, als Goldstein endlich neben ihn ans Waschbecken tritt, ist: „Folgen Sie mir, oder was?“
Wieso können Sie mich auch jetzt, nach all der Zeit, nicht allein lassen?
Goldstein mustert ihn mit perplexer Höflichkeit, die Hände voller Seife. Aus der Nähe sieht er noch älter aus als in der Eingangshalle. „Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen, junger Mann. Ist es ein Verbrechen, die Toilette aufzusuchen?“
Theo schweigt, hauptsächlich weil es ein größerer Schock ist als erwartet, diese Stimme zu hören. Die Stimme hat sich kein bisschen verändert.
„Hören Sie, ich bin alt, meine Blase ist nicht mehr das, was Sie früher einmal war“, fügt Goldstein hinzu. „Wenn Sie mich bitte entschuldigen. Vielleicht stellen Sie auch endlich das Wasser aus, es ist doch Ihre Generation, die ständig über die Verschwendung natürlicher Ressourcen predigt.“
Ohne richtig zu merken, was er tut, dreht Theo den Wasserhahn zu – und hasst sich im selben Moment dafür. Niemand hier hat ihm noch etwas zu befehlen.
Unbeeindruckt von Theos hasserfülltem inneren Monolog öffnet Goldstein die Tür. „Übrigens“, sagt er über die Schulter hinweg, „hängt Ihr Hemd aus der Hose, aber das ist bei Ihnen ja nichts Neues.“
Und dann verschwindet er und begräbt damit jede Hoffnung, dass er Theo nicht wiedererkannt hat, dass das alles nur ein dummer Zufall ist.
Arschloch, denkt Theo. Arschloch, Arschloch, Arschloch. Wen genau er damit meint, weiß er nicht. Er weiß nur, dass seine Hände wieder – immer noch – zittern und dass sein Hemd tatsächlich aus der Hose hängt und dass er dringend eine weitere Pille braucht. Vergiss die Konsequenzen. Die Pillen werden ihn durch den Tag bringen, und sobald er daheim ist, ist es Zeit für etwas Stärkeres.
Das Schicksal hat andere Pläne. Weil es ihn heute ganz besonders hasst, öffnet sich die Tür ein weiteres Mal, als Theo gerade nach der Dose greift. Wie ein schuldbewusster Schuljunge zieht er die Hand zurück und schnaubt dann entnervt, als er Steve erkennt.
„Herrschaft, da bist du ja! So lange braucht doch kein Mensch zum Pinkeln, wir dachten schon, du willst dich in der Kloschüssel ertränken.“
„Wäre vielleicht keine schlechte Idee“, murmelt Theo. So seltsam es ist, Steve ist genau die Person, die er jetzt braucht. Seine herrische Art lässt keinen Platz für Theos Zweifel.
Prüfend blickt Steve ihm in die Augen. Genauso hat er ihn damals angeschaut, als Theo und der Rest der Band mit ihm im Büro ihrer ersten Plattenfirma saßen, nicht sicher, ob das, was sie vorhatten, sich als beste oder schlechteste Entscheidung ihres Lebens entpuppen würde.
„Lampenfieber, hm?“ Belustigt schüttelt Steve den Kopf. „Dass ich das noch erleben darf.“
„Halt den Vortrag doch selber, dann merkst du, wie das ist.“
Gegenseitige Sticheleien sind gut. Sie lindern den Druck in seinem Inneren ein wenig, allerdings nicht so sehr, dass Steve nicht doch mehr davon mitbekommt, als er soll.
„Herrschaft, Theo“, wiederholt er. „Okay, hier, nimm das.“
Und plötzlich ist da wieder eine Pille in Theos Hand. Verständnislos blickt Theo von ihr zu Steve und wieder zurück. Sicher, es geschieht nicht einmal selten, dass Dasha oder Steve ihm Medikamente geben, die ihn beruhigen sollen, aber sie tun es nie, ohne eine Litanei an Ermahnungen vorauszuschicken.
„Sicher?“, hakt Theo darum nach. „Sonst sagst du immer, ich soll meinen Medikamentenkonsum einschränken und so.“
Steve verdreht die Augen. „Ja. Aber im Gegensatz zu dir weiß ich, was ich tue und was gut für dich ist. Also beeil dich, bevor die anderen denken, dass du einen Nervenzusammenbruch hast.“
Ohne weiteren Widerspruch schluckt Theo auch diese Pille. Er hat vor langer Zeit aufgehört, zu fragen, was genau Dasha und Steve ihm geben, und er wird jetzt nicht damit beginnen. In der Tat scheint das Medikament erstaunlich schnell zu wirken; Theo fühlt sich ruhiger und einmal mehr von der vertrauten Müdigkeit übermannt.
„Alles klar?“, fragt Steve in jenem väterlichen Tonfall, der in Theo jedes Mal Sehnsucht nach etwas aufkommen lässt, das er nie gekannt hat. Er nickt und folgt Steve auf den Gang. Dasha erwartet sie dort, tauscht einen wissenden Blick mit Steve aus und nimmt ihren Platz an Theos Seite ein.
„Nur der Vortrag und dann noch die Führung durch die Schule, das packst du“, sagt sie, was ihn wohl aufmuntern soll.
Er hält inne. „Was für eine Führung?“
„Na, die Führung, die von Anfang an Teil des Programms war! Wir haben das doch mindestens dreimal besprochen und du hast gesagt, es geht in Ordnung.“
Daran erinnert Theo sich nicht, aber wenn Dasha es behauptet, muss es wohl stimmen. Schicksalsergeben folgt er ihr und Steve zum Vortragsraum. Kurz bevor sie ihn erreichen,  setzt er ein bestes „Ich bin ein Star“-Gesicht auf und steckt sich sein Hemd ordentlich in die Hose.

„Wenn ich um Ruhe bitten darf!“
Wade muss den Ruf zweimal wiederholen. Die Schüler sind offensichtlich froh, für diesen Nachmittag vom Unterricht befreit zu sein – so froh, dass sie einander ihre Glückseligkeit lautstark mitteilen müssen und keine Zeit dazu haben, auf den widerstrebenden Popstar auf der Bühne zu achten.
Es haben sich deutlich mehr Leute in den Raum gequetscht, als Theo erwartet hat. Alle Schüler sind da, sowohl die Internatsschüler als auch die Externen, die gesamte Lehrerschaft ist anwesend, und ... und Goldstein ist da. Direkt in der ersten Reihe hat er sich breitgemacht, ganz am Rand, wo niemand sonst sitzen will, und blickt mit höflichem Desinteresse zu Theo hoch.
Theo versucht, ihn zu ignorieren und sich abwechselnd auf die hässliche Holzvertäfelung des Raumes und auf sein Publikum zu konzentrieren. Natürlich ist das hier nichts im Vergleich zu der Menschenmenge, die ihn normalerweise auf Konzerten grüßt – oder gegrüßt hat, als seine Band noch Konzerte gegeben hat –, aber es sind trotzdem viele Schüler. Nach und nach, offenbar nur widerwillig, konzentrieren sie sich auf das, was auf der Bühne geschieht.
Wade lässt sich von der mangelnden Begeisterung seiner Schützlinge nicht beeindrucken. Er strahlt in die Runde. „Wie ihr wisst, haben wir heute einen ganz besonderen Gast. Er ist vielbeschäftigt mit Projekten, die durchaus das Potential haben, die Welt zu verändern, darum sind wir umso dankbarer, dass er sich eine kurze Auszeit genommen hat, um uns hier zu besuchen. Bitte Applaus für Theo Talladino!“
Pflichtbewusst klatschen die Anwesenden und irgendjemand pfeift, was vermutlich ironisch gemeint ist. Die Zeiten, in denen der Name Xorex in aller Munde war, sind vorbei; Theo weiß nicht, welche Musik bei Jugendlichen heutzutage angesagt ist, doch er bezweifelt, dass seine Songs dazugehören.
„Vielen von euch dürfte Theo hier als Frontmann von Xorex bekannt sein“, fährt Wade ungebremst enthusiastisch fort. „Eine interessante Band – nicht unbedingt das, was ich normalerweise höre, aber sehr spannend, zumindest wenn man etwas für Art-Punk übrighat!“
Wade grinst und Theo muss sich zwingen, nicht von der Bühne zu flüchten. Er weiß nicht, was schlimmer ist – Wades abstoßend echt wirkende Begeisterung oder die gelangweilten Mienen der Kinder.
„Aber Theo macht so viel mehr als Musik. Selbstlos wie er ist, hat er sich in den vergangenen anderthalb Jahren vermehrt für wohltätige Zwecke eingesetzt. Er war der Initiator zahlreicher Wohltätigkeitskonzerte und sonstiger Events, deren Erlöse vor allem den Opfern von Klimawandel und Bürgerkriegen zugutekommen, und er setzt sich für nachhaltige Entwicklungshilfe ein. Allein durch Theos letztes Projekt kamen Millionen an Spendengeldern zusammen – darum ist es wohl keine Übertreibung, wenn ich behaupte, dass er durch sein Engagement die Welt zu einem besseren Ort gemacht hat!“
Muss ein toller Kerl sein, denkt Theo. Wünschte, ich könnte ihn kennenlernen.
Die Tatsache, dass Wades Ausführungen zum Teil stimmen, lindert sein Unbehagen nicht. Ja, er hat Wohltätigkeitsveranstaltungen organisiert und ja, er hat jede Menge Geld dadurch gesammelt, aber Wades Auflistung lässt es nach etwas klingen, das nicht mehr das Geringste mit Theos Erinnerungen zu tun hat. Außerdem hat Wade die unschönen Seiten nicht erwähnt: wie viel Kraft es kostet, das Bild eines Heiligen aufrechtzuerhalten, die todlangweiligen Treffen mit Vorsitzenden diverser Hilfsorganisationen, die Kritiker, die ihm unterstellen, alles nur für sein Image zu tun ... dass er seit Monaten keinen Song mehr geschrieben hat, dass er das Gefühl hat, in etwas hineingeraten zu sein, das viel zu groß für ihn ist und das seine eigentliche Berufung ruiniert hat ... dass die Band wegen Theos ständiger Abwesenheit de facto auseinandergebrochen ist ... dass er trotz allem den Verdacht hat, seine Lebenszeit zu verschwenden ...
Hat er die Welt zu einem besseren Ort gemacht? Er weiß es nicht. Falls ja, dann jedenfalls nicht für sich selbst.
„Und das Beste ist, Theo war ebenfalls ein Schüler dieser Schule. Genau wie ihr nun saß er einst hier und hat sich Vorträge unserer berühmten Besucher angehört!“
Damit ist Wades Lobrede offenbar beendet; die Erkenntnis, dass nun Theo an der Reihe ist, hätte ihn nicht erschrecken sollen, tut es aber trotzdem. Er atmet tief durch. Wieso ist er nervös? Er hat seine Pillen genommen, er sollte sich nicht fühlen, als schnüre ihm jemand die Luft ab. Das hier ist kein Lampenfieber, es ist etwas anderes und es gefällt ihm ganz und gar nicht.
Steve nickt ihm ermutigend von der Seite der Bühne her zu und Dasha gibt ihm ein Daumen-hoch-Signal, doch es ist Goldsteins skeptischer Blick, der Theo dazu bringt, an das Rednerpult zu treten. Wenigstens hat Wade ihm einen guten Einstiegspunkt geboten.
„Danke für das freundliche Willkommen“, sagt er. Zu seiner Erleichterung stellt er fest, dass seine Stimme nicht zittert. „Ich habe tatsächlich einige Zeit in diesem Raum verbracht, als ich hier Schüler war. Allerdings kann ich nicht behaupten, dass ich bei den Vorträgen jemals besonders gut zugehört hätte.“
Ganz im Gegenteil – er hat die meisten dieser Vorträge gehasst, all die selbstverliebten Wichtigtuer, die glaubten, etwas Besonderes zu sein, und die ihm unterschwellig vermittelten, dass er es nie zu etwas bringen würde, weil er sich nicht für eine Karriere in der Forschung oder Wirtschaft interessierte.
„Das ist gefühlt schon Ewigkeiten her.“
Zum Glück, weil diese Schule scheiße ist.
Aus irgendeinem Grund flackert der Raum einmal kurz vor seinen Augen und er verliert den Faden. Wieder fällt sein Blick auf Goldstein und diesmal ist das ein Segen, denn Goldstein trägt immer noch seine skeptische Miene zur Schau und bringt Theo damit unbeabsichtigt auf eine Idee. Nun weiß er, wie er seinen Vortrag aufziehen wird.
Du bist eine Platzverschwendung. Du verschwendest unsere und deine Zeit.
Vielleicht stimmt es, aber das heißt nicht, dass er nicht in der Lage ist, irgendetwas halbwegs Inspirierendes zu erzählen, wenn es sein muss.
„Mein Problem war immer, dass ich schon damals lieber auf der Bühne stand als davor“, sagt er.
Clara behauptet, ich hätte einen ausgeprägten Geltungsdrang.
„Das ist auch jetzt noch so, auch wenn ich es in letzter Zeit kaum konnte – ihr wisst schon, wegen den ganzen Hilfsprojekten, die ich gemacht habe.“
Die ich nie machen wollte. In die ich einfach nur reingerutscht bin – und jetzt komme ich aus der Nummer nicht mehr raus. Ich bin Popsänger, kein Heiliger. Aber die Öffentlichkeit hätte gerne, dass ich einer wäre, also kann ich nicht in die Rolle des Popsängers zurückrutschen. Es gehört sich nicht für einen Heiligen, über banale Dinge zu singen, während am anderen Ende der Welt Kinder verhungern. Es ist pietätlos und egoistisch und ich vermisse es.
„Ich sollte wohl ein wenig über diese Projekte erzählen, oder?“
Weil die Schule das so will. Ihr sollt die nächsten Heiligen werden.
Er hat nicht die Energie, gegen die ungeschriebenen Vorschriften zu rebellieren – nicht, wenn er aus dem Augenwinkel Steves aufmunterndes Nicken und Wades Strahlen wahrnimmt und merkt, wie er von Sekunde zu Sekunde wieder müder wird. Um sich von dem seltsamen Mischmasch an Empfindungen abzulenken, erzählt er den Kindern alles, was ihm zu seinen Hilfsprojekten einfällt: von der ersten Idee und von organisatorischen Schwierigkeiten, von Reisen in krisengeschüttelte Gebiete und Treffen mit Staatsoberhäuptern, von Lebensmitteltransporten und der Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen ... Was er nicht erzählt, ist, dass Clara ihn nicht einmal begrüßt hat, als er von seiner letzten längeren Reise zurückkam, und dass der Bassist von Xorex ihn neulich einen aufmerksamkeitsgeilen Opportunisten genannt hat, auch wenn die Kinder diese Details vermutlich interessanter fänden.
Irgendwann beginnt er zu schwitzen; sein Hemd klebt unangenehm an seinem Rücken und das macht es noch schwerer als ohnehin schon, sich zu konzentrieren. Die Gesichter seiner Zuhörer verschwimmen zu einer undefinierten Masse, aus der einzig und allein Goldsteins noch immer unbeeindruckte Miene hervorsticht. Theo beißt die Zähne zusammen.
„Es war nicht immer leicht, aber ich bin froh, dass ich diese Reise begonnen habe“, schließt er das Thema humanitäre Projekte ab.
Bin ich nicht.
„Vor allem bin ich froh, dass ich dadurch allen Leuten zeigen konnte, was in mir steckt. Es gab nämlich genug Leute in meinem Leben, die mich für einen totalen Versager gehalten haben.“
Wie Goldstein, das Arschloch, das dort in der ersten Reihe auf seinem fetten Hintern hockt und seine Fingernägel betrachtet.
„Aber darüber will ich nicht reden. Ich will über die Leute reden, die mir gezeigt haben, worauf es wirklich ankommt. Und das bringt mich wieder zu der Zeit zurück, als ich hier Schüler war.“
Wieder bebt der Raum. Theo ist sich sicher, sein jüngeres Ich zu sehen, wie es mit einer verstimmten Gitarre am Rand der Bühne sitzt, und neben ihm steht ... neben ihm steht die eine Person, die er hier so gerne wiedergesehen hätte.
„Wie gesagt, ich war oft in diesem Vortragsraum.“ Einfach weitermachen, darauf kommt es an. Sich nichts anmerken lassen. Nicht zu seinem jüngeren Ich schauen, dann muss es früher oder später verschwinden.
Er hätte nicht so viele Pillen nehmen dürfen.
„Aber nicht, um mir Vorträge anzuhören. Am liebsten war ich alleine hier – nur ich und meine Gitarre. Vermutlich klingt das jetzt kindisch, aber ich habe mich immer auf diese Bühne gestellt und dem leeren Raum ein Konzert gegeben und so getan, als wäre ich ein Star.“
Während die anderen auf dem Sportplatz waren, wo sie mich nie dabeihaben wollten ... Hier war mir das egal. Hier gab es nur mich und meine Gitarre und manchmal Schwester Hedwig – und einmal Goldstein, der hereinkam, um mir mitzuteilen, wie mies ich sei, und dass er mir die Gitarre über den Schädel ziehen würde, wenn er mich noch einmal hier erwischt.
„Ich hatte nie den Mut, vor anderen zu spielen, weil ich dachte, ich wäre zu schlecht. Ich dachte, Musik ist eine Zeitverschwendung. Vielleicht würde ich das auch heute noch denken, und vielleicht hätte es meine Hilfsprojekte nie gegeben, wenn mir nicht eine Person hier gezeigt hätte, dass das nicht stimmt.“
Er zögert. Aus dem Augenwinkel sieht er sie immer noch, dort am Rand der Bühne. Sie sieht aus wie damals, dieselben gütigen Augen, dieselbe Schwesterntracht, dasselbe alterslose Gesicht – und dasselbe offene Lächeln. Ihr Lächeln war immer vollkommen ehrlich und verurteilte ihn nie.
Es kostet ihn unendliche Kraft, in eine andere Richtung zu schauen, aber er kann sie nicht weiter ansehen, sonst wird er etwas sehr Peinliches tun – zum Beispiel in Tränen ausbrechen. Sie ist tot. Theo weiß, dass sie kurz nach seinem Abgang von der Schule gestorben ist. Alte Zeiten zu betrauern, hat keinen Sinn, besonders wenn diese Zeiten im Großen und Ganzen unerfreulich waren. Und dennoch ...
Verflucht, es ist wirklich heiß in diesem Raum.
„Also ... Ihr Name war Schwester Hedwig und sie war eine der Nonnen vom Kloster nebenan. Ich nehme an, dass die Nonnen hier immer noch beim Religionsunterricht aushelfen?“
Wenn man es als Unterricht bezeichnen kann. Schwester Hedwig war die Einzige, die sich jemals Mühe gegeben hat. Und sie war die Einzige, die nicht völlig schockiert war, als ich gesagt habe, dass ich nicht an Gott glaube. Sie hat gesagt, ich muss meinen eigenen Weg und meinen eigenen Zugang zum Glauben finden, in welcher Form auch immer. Und sie hat gesagt, viel wichtiger ist es, dass ich an mich selber glaube.
„Gut. Schwester Hedwig war die Erste, die an mich geglaubt hat. Sie hat mir gesagt, dass es keine Zeitverschwendung ist, das zu tun, was man liebt. Dass man im Gegenteil immer das tun soll, was man liebt, weil man nur so mit sich selbst ins Reine kommt – und nur dann kann man letztendlich auch der Welt helfen.“
Noch immer bemüht er sich, nicht in die Ecke zu schauen, in der Schwester Hedwig aufgetaucht ist. Stattdessen huscht sein Blick zu Goldstein, der mit halb geschlossenen Augen ins Leere stiert, und gleitet dann weiter zu Wade und der Vizeschulleiterin. Beide tuscheln stirnrunzelnd miteinander.
Ohne sich darum zu kümmern, ob er unbeabsichtigt etwas Falsches gesagt hat, fährt Theo fort: „Sie hat gesagt: Wir haben nur eine begrenzte Zeit auf dieser Erde. Wir können nicht beeinflussen, wann und wo wir geboren werden, aber wir können sehr wohl beeinflussen, was wir aus unserem Leben machen. Wir müssen entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen wollen, die uns gegeben ist. Und genau das habe ich gemacht. Ich habe mich entschieden. Ich bin Musiker geworden, ich habe durch meine Projekte so vielen Menschen geholfen, und ich ...“
Ich bin glücklich damit. Die Worte wollen ihm nicht über die Lippen. Er kann es nicht aussprechen, nicht wenn die Erinnerung an Schwester Hedwigs Gesicht zu deutlich ist. Stattdessen ringt er wie der letzte Idiot so lange nach Worten, dass selbst Goldstein wieder Interesse zeigt, und findet nur mit Mühe den Faden wieder.
„Ich kann euch eigentlich nur dasselbe sagen: Nutzt eure Zeit sinnvoll. Es ist euer Leben und eure Zeit. Ihr alleine entscheidet, was ihr damit macht.“
Macht es besser als ich.
Es ist fürchterlich schmalzig und klischeehaft und damit genau das richtige Ende. Wade zumindest liebt es, denn sein Stirnrunzeln hat sich in ein erneutes Strahlen verwandelt. Und auch die Presse wird es lieben; der Journalist ist aus seinem Wachkoma aufgewacht und tippt geschäftig auf seinem Tablet herum, und auch Steve und Dasha wirken positiv überrascht.
„Habt ihr Fragen?“
Tatsächlich – nicht alle Schüler sind eingeschlafen. Einige stellen Fragen, hauptsächlich zu Xorex und gelegentlich zu den Projekten, und Theo versucht, sie mit einem nur minimalen Maß an Beschönigung zu beantworten. Wenigstens lenkt es ihn von der unerträglichen Hitze und der in seinem Inneren blubbernden Übelkeit ab.
Am besten wäre es, wenn irgendetwas ihn wütend machen würde. Wut hat ihm schon immer dabei geholfen, sich zu konzentrieren. Goldstein wäre perfekt als Katalysator geeignet – doch ausgerechnet jetzt, wo Theo einmal in seinem Leben froh über seinen Anblick wäre, ist Goldsteins Stuhl leer, als sei er nie belegt gewesen. Wieder stockt Theo mitten im Satz; er hat nicht bemerkt, wie Goldstein den Raum verlassen hat. Vermutlich musste er wieder auf die Toilette ... Zum Glück genügt die Erinnerung an ihr vorheriges Zusammentreffen, um Ärger in Theo aufwallen zu lassen, und das ist genug, um ihn durch den Rest der Veranstaltung zu tragen, ohne dass er dabei vor aller Augen umkippt.
Irgendwann sind alle Fragen geklärt, Applaus ertönt, der Raum leert sich und Theo findet sich neben Dasha und Steve am Rand der Bühne wieder.
„Na, das lief doch ganz gut“, meint Steve.
Dasha ist kritischer. „Nächstes Mal versuchst du vielleicht, etwas weniger zu improvisieren, ja? Und du siehst richtig scheiße aus. Geht’s dir gut?“
Bevor er antworten kann, erscheint Wade an seiner Seite, noch immer strahlend. „Großartig, Theo, wirklich großartig. Ich habe nur eine Frage – diese Schwester Hedwig, die Sie erwähnten ...“
„Hören Sie, ich muss wirklich dringend noch mal aufs Klo, reden wir später, okay?“, unterbricht Theo ihn, ohne sich um Banalitäten wie Höflichkeit oder triftige Begründungen zu kümmern. In seinem Kopf ertönt ein vielstimmiger Kanon aus was mache ich hier und so also nutzt du deine Zeit und Heuchler und er weiß genau, dass morgen sensationslüsterne Schlagzeilen wie „Popstar kotzt Schulleiter vor die Füße“ in sämtlichen Klatschzeitschriften prangen werden, wenn er nicht sofort das Weite sucht.
Es ist zu heiß und er will nach Hause und Schwester Hedwig steht noch immer auf der anderen Seite der Bühne und starrt ihn auf eine Weise an, die nicht mehr gütig ist, sondern vorwurfsvoll. Schau dich an. Du wagst es, den Kindern zu erzählen, dass sie ihre Zeit sinnvoll nutzen sollen!
Er muss hier fort.
„Die Führung findet aber wie geplant statt, oder?“, ruft Wade ihm hinterher, als er zur Tür hastet. „Falls Sie davor noch etwas brauchen –“
Den Rest bekommt er ebenso wenig mit wie die Tirade, zu der Dasha angesetzt hat. So selbstverständlich, als sei er diesen Weg in den vergangenen Jahren täglich gegangen, tragen ihn seine Füße den Gang entlang, um die Ecke und an einer Gruppe irritierter Schüler vorbei, die einander anstoßen und auf ihn deuten. Bevor der Erste sein Handy zücken kann, ist Theo im Gang zu den Toiletten verschwunden – und erstarrt. Nur wenige Meter vor ihm steht Schwester Hedwig und starrt ihn wortlos an wie eine direkt aus einem Horrorfilm entstiegene Karikatur.
In dem Wissen, dass die Schüler noch in der Nähe sind, verkneift Theo sich das Was willst du von mir?, das er ihr am liebsten entgegenschreien würde. So weit, dass er mit einem Geist diskutiert, ist er noch nicht.
Ein Geist. Genau das ist sie, oder? Nur ein schlechter Scherz seines Unterbewusstseins, hervorgerufen durch die Pillen; eine Erinnerung an alles, was in seinem Leben schiefgelaufen ist. Wäre die echte Schwester Hedwig enttäuscht, ihn so zu sehen? Vermutlich. Aber das ist ihm egal, es muss ihm egal sein. Er hat keine Zeit für schlechtes Gewissen und gefühlsduselige Erinnerungen und vor allem hat er keine Lust dazu, sich mit seinem Versagen zu befassen. Dann ist er eben ein Heuchler, was soll’s? Besser ein lebendiger Heuchler als eine tote Nonne, die neben einem Ort wie dieser Schule begraben ist.
Als er die Tür zu den Toiletten öffnet, fasst Theo den sinnvollsten Plan seit Langem. Er wird sich übergeben, noch eine Pille einwerfen, sich dann wie damals, in einem anderen Leben, durch das Fenster im Vorraum zu den Toiletten zwängen und dem Klosterfriedhof einen Besuch abstatten, um sich in guten alten Erinnerungen zu sonnen und sich davon zu überzeugen, dass sein Gehirn ihm einen Streich spielt. Danach wird er Wade mitteilen, dass er sich die Führung sonst wohin stecken kann, nach Hause gehen und versuchen, seine Zeit in Gedenken an Schwester Hedwig wirklich sinnvoll zu nutzen.

Der Friedhof hat sich verändert, und zwar nicht zum Positiven. Während er früher durch akkurat geharkte Kieswege und makellose Gräber Eindruck schund, hängt nun ein Schleier der Vernachlässigung über dem gesamten Ort. Viele der Gräber erwecken einen ungepflegten Eindruck, Zigarettenstummel liegen am Rand der Wege und die Zeiten, in denen die Schüler zur Strafe für ihre großen und kleinen Vergehen zum Unkrautzupfen auf den Friedhof geschickt wurden, sind offenbar vorbei.
Wie oft er mit Eimer und Spaten hierhergeschickt wurde, weiß Theo nicht mehr; es war oft, zumindest bis Goldstein herausfand, dass Theo diese Art der Bestrafung genoss. Die Ruhe und die frische Luft waren eine unendliche Verbesserung zur erdrückenden Atmosphäre in der Schule, und ab und an kam Schwester Hedwig vorbei, um ein wenig mit ihm zu plaudern. Nachdem Theo seine Arbeit erledigt hatte, blieb er immer noch ein wenig auf dem Friedhof, wanderte zwischen den Gräbern auf und ab und stellte sich vor, wer die Leute waren, die hier begraben liegen. Vermutlich ist es morbide, aber nichts regte seine Fantasie damals so sehr an wie dieser Friedhof. In seiner Anfangszeit als Musiker hat Theo sogar einen Song darüber geschrieben. Es ist still am Mahnmal der Vergangenheit.
Auch jetzt ist es still. Offenbar haben die Anwohner des Dorfes und die Nonnen um diese Zeit Besseres zu tun, als Gräber zu pflegen, denn außer ein paar zerzausten Vögeln ist weit und breit niemand zu sehen. Theo nimmt sich nicht viel Zeit, um die ganz spezielle Atmosphäre in sich aufzusaugen oder um in Erinnerungen zu schwelgen; der anhaltende Geschmack von Erbrochenem erinnert ihn daran, dass er dringend Gewissheit erlangen muss.
Automatisch schlägt er den Weg in jenen Teil des Friedhofs ein, in dem die Nonnen ihre letzten Ruhestätten haben. Schwester Hedwigs Grab sollte nicht schwer zu finden sein – und tatsächlich, er steht überraschend schnell davor. Keine Kerzen oder Blumen gibt es hier, nur einen schlichten, grob gehauenen Grabstein, auf dem lediglich der Name mit den Lebensdaten eingemeißelt ist.
08.06.1891 – 22.01.1973
Verständnislos starrt Theo den Grabstein an. Noch immer vernebelt Müdigkeit sein Gehirn, so dass es beschämend lange dauert, bis er zu der offensichtlichen Schlussfolgerung gelangt: Er steht vor dem falschen Grab. Natürlich. Der Name stimmt zwar, aber das muss nichts bedeuten; vermutlich gab es im Lauf der Zeit mehrere Personen, die so heißen, kein Grund zur Sorge. Auch dass Schwester Hedwigs Geist sich seit der Schule nicht mehr blicken ließ, hat nichts zu bedeuten. Theo wird sich sicherlich nicht auf Gehirngespinste verlassen.
Mit der aufgesetzten Ruhe der Verzweifelten geht er den Friedhof ab, erst einmal, dann noch einmal. Als er zum dritten Mal am Grab der falschen Schwester Hedwig angelangt, zerbricht die fragile Selbstbeherrschung. Auf dem gesamten Friedhof gibt es nur ein Grab mit passendem Namen und das kann nicht sein, aber es ist so und das heißt – das heißt ...
Wie von selbst ertastet Theo die Dose in seiner Jackentasche. Die Pillen sind das Einzige, was ihm dabei helfen wird, zu verstehen. Die Pillen und –
Er stockt. Clara, natürlich. Obwohl zwischen ihnen nichts mehr ist, das man bei genauerer Betrachtung als Beziehung bezeichnen könnte, ist sie sein einziger Hoffnungsschimmer. Clara war schon immer gnadenlos realistisch; wenn irgendjemand die Welt dazu zwingen kann, wieder Sinn zu ergeben, dann ist das sie.
Mit zitternden Händen zieht Theo sein Handy hervor und entsperrt es. Sofort leuchtet ihm eine Nachricht seines Bassisten entgegen. Du schuldest mir noch Geld, du Arschgeige.
„Du mich auch“, murmelt Theo in die Stille des Friedhofs hinein, löscht die Nachricht und ruft seine Kontakte auf. Unter C sind nur zwei Namen eingespeichert und Claras ist keiner davon. Stirnrunzelnd scrollt Theo durch die gesamte Liste, einmal, zweimal, dreimal, und gelang zu einer weiteren welterschütternden Erkenntnis: Er hat Claras Nummer nicht gespeichert.
Er merkt erst, dass er zu Boden gesunken ist, als der Kies sich in seine Knie drückt. Es ist unmöglich. Er hat doch erst neulich mit Clara geschrieben, und auch wenn sie zurzeit kein Vorzeigepaar sind, hätte er ihre Nummer nicht gelöscht. War jemand an seinem Handy? Hatte er irgendwann einen Filmriss? Oder verliert er schlicht und einfach den Verstand?
Er versucht noch immer, gedanklich Ordnung in eine aus den Fugen geratene Welt zu bringen, als er Stimmen hört.
„Theo? Theo!“
Kurz wünscht er sich, anstelle der falschen Schwester Hedwig dort unter dem Grabstein zu liegen. Allerdings ist Dashas Stimme so durchdringend, dass vermutlich auch Tote sie hören.
„Theo?“
Knirschende Schritte nähern sich und dann fallen Schatten über Theo. Er blickt nicht auf. Atmen, denkt er. Einfach atmen, vielleicht wird dann alles von selbst besser.
„Herrschaft, was soll denn das? Du kannst dich nicht einfach absetzen, alle warten auf dich!“
„Wenn wir nicht sofort loslegen, haben wir hinterher nicht genug Zeit für die Führung! Wir haben doch alles mehrfach besprochen, kann man sich denn nie auf dich verlassen? Was sollen die Schüler denken, wenn wir eine halbe Stunde zu spät anfangen?“
Dashas Tirade bringt Theo langsam in eine Wirklichkeit zurück, die vermutlich gut auf seine Anwesenheit verzichten könnte.
„Womit anfangen?“, fragt er mühsam. Noch immer drücken sich spitze Kieselsteine in seine Haut, das Handy scheint in seinen Händen zu glühen, das Hemd klebt ihm am Rücken und Blut rauscht in seinen Ohren.
Er muss Dasha nicht ansehen, um zu wissen, dass sie die Augen verdreht. „Na, der Vortrag! Der Vortrag vor den Schülern? Der Vortrag, wegen dem wir hergekommen sind?“
Nun hebt Theo doch den Kopf. Dasha und Steve haben sich neben ihm aufgebaut wie die Ankläger am Tag des Jüngsten Gerichts und dort, ein paar Gräber weiter, lungert auch der Journalist herum. Theo muss den irrationalen Drang unterdrücken, ihm die Zunge herauszustrecken
„Vortrag?“ Auch das ergibt keinen Sinn. „Aber ich hab ihn doch schon ...“
Dashas theatralisches Schnauben hätte gefasstere Männer dazu gebracht, ihre Lebensentscheidungen zu überdenken. „Ich geb es auf. Du bist ein hoffnungsloser Fall.“
„Na, na, ist doch alles nicht so dramatisch.“ Steve hat die Rolle des guten Polizisten übernommen. „Hier, nimm das.“
Wieder einmal taucht eine Pille in Theos Hand auf und wieder einmal schluckt er sie, ohne zu hinterfragen, in der Hoffnung, dass er sich dadurch besser fühlen wird. Die einzige unmittelbare Wirkung besteht allerdings darin, dass er förmlich spürt, wie Hedwigs Grabstein ihn angrinst.
„So, und jetzt gehen wir wieder zur Schule und du hältst deinen Vortrag und danach bringen wir noch die Führung hinter uns, und dann kannst du dich auf der Rückfahrt im Auto erholen. Okay?“, sagt Steve in seiner besten „Ich hab mit einem Kleinkind zu tun“-Stimme.
Theo lässt zu, dass er ihn hochzieht, weil er dann wenigstens den Grabstein nicht mehr sehen muss. Nutze deine Zeit, scheint dieser ihm zuzuflüstern. Resolut dreht Theo ihm den Rücken zu, verliert dabei das Gleichgewicht und findet sich im nächsten Moment eingeengt zwischen Steve und Dasha wieder, ganz wie jemand, den man zur Guillotine führt. Während die beiden ihn zum Ausgang bugsieren, regt sich ein letzter Rest an Widerstand.
„Das ist falsch“, murmelt Theo. „Ich will das nicht. Das ist eine Zeitverschwendung.“
Dasha schnaubt in sein Ohr. Irgendwann, wenn die Welt sich etwas weniger dreht, wird er ihr mitteilen, dass sie wie ein Pferd klingt, wenn sie das tut. „Ja, ja, du willst dich lieber betrinken, ist klar. Aber denk einfach an die Publicity.“
Darum geht es nicht und irgendwie muss Theo das seinem Team verdeutlichen. „Nein, das ... Ich muss entscheiden, was ich mit meinem Leben anfange. Das hier ist nicht ... Das hier ist falsch, es ist nicht das, was ich will.“
„Ich mach drei Kreuze, wenn dieser Tag vorüber ist“, brummt Steve.
„Ich verschwende meine Zeit!“, ruft Theo laut genug, dass ein Vogel am Wegrand erschrocken aufflattert.
„Tun wir das nicht alle.“
Theo gibt auf.

Am Schultor wartet Wade auf sie, flankiert vom jungen Pfarrer und der Vizeschulleiterin. Wie sie dort in Reih und Glied stehen, erinnern sie Theo an die drei Schicksalsgöttinnen, die es kaum erwarten können, seinen Lebensfaden durchzuschneiden – nur dass die Schicksalsgöttinnen vermutlich nicht so breit grinsen.
„Theo Talladino! Willkommen, willkommen! Ihre Assistentin hat mir erzählt, dass Sie sich vorhin unwohl gefühlt haben, und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid mir das tut. Ich hoffe, es geht jetzt etwas besser?“ Wade lässt Theo nicht die Zeit, um zu reagieren. „Wir sind so froh, dass Sie sich dazu entschlossen haben, Ihrer alten Schule einen Besuch abzustatten. Unsere Schüler können es kaum erwarten, Ihren Vortrag zu hören. Und das gilt natürlich –“
In dem Wissen, dass der Tag nicht mehr schlimmer werden kann, unterbricht Theo ihn: „Wo ist Goldstein hin?“
Wades Maske der Jovialität verwandelt sich in Verwirrung. „Goldstein? Oh, Sie meinen den alten Pfarrer? Der ist seit letztem Jahr nicht mehr hier. Ich kann Ihnen nach Ihrem Vortrag gerne etwas über die personellen Veränderungen seit Ihren Schultagen erzählen, das interessiert Sie bestimmt.“
„Auf jeden Fall“, sagt Steve hastig und gibt Theo einen kleinen Schubs. „Na, dann fangen wir doch mal an, oder?“
Etwas irritiert angesichts Steves Eile tritt Wade beiseite. „Nach Ihnen.“
Es ist wie ein Déjà-vu, wie ein Albtraum, wie ein schlechter Film. Wie eine Wahnvorstellung. Und vielleicht ist es das auch. Vielleicht wird Theo in ein paar Minuten die Augen öffnen und sich neben Clara in seinem Bett wiederfinden, und er wird ihr von diesem bizarren Traum erzählen und sie werden gemeinsam darüber lachen; und dann wird er seine Band anrufen und sich mit ihr aussprechen und die Arbeit an einem Album beginnen, das endlich wieder etwas bedeuten wird.
Er klammert sich an diese Vorstellung, während sie die Halle durchqueren, weil sie das Einzige ist, was ihn auf den Beinen hält. Leider macht sie keine Anstalten dazu, wahr zu werden. Sekunde um Sekunde vergehen und noch immer befindet er sich im Vorraum seiner ganz persönlichen Hölle.
Als sie am Kruzifix vorbeikommen, wünscht Theo sich, dass es herabfallen und ihn erschlagen würde, aber natürlich tut es das nicht. Theo ergibt sich seinem Schicksal. Er wird den Vortrag irgendwie hinter sich bringen, und danach wird er noch ein paar Pillen schlucken und dann wird die Welt wieder Sinn ergeben.
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