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Das Schwert eines Söldners

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Div
Sabaton
19.03.2022
02.07.2022
9
10.857
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19.03.2022 1.036
 
Die nächsten Tage passierte nicht viel. Bea wechselte täglich die Verbände des Fremden und desinfizierte die Wunden. Abwechselnd flößten ihm Pär, Kristina und Bea abgekühlten Kamillen-, Weidenrinden- oder Lindenblütentee ein. Gegen das Fieber machte ihm Bea kalte Umschläge und wusch ihm regelmäßig den Schweiß vom Körper.

Wenn sie nicht unmittelbar mit dem Kranken beschäftigt war, kochte sie seine Verbände aus und wusch und flickte die Kleidung der drei ständigen Hüttenbewohner und des Fremden, machte aus dem Geweih des Hirschs Schmuck und Griffe für die Messer, die Pär mit viel Geschick schmiedete. Sie reinigte das Fell und schabte es gründlich ab. Gerben würde sie es erst können, wenn das Wetter sich besserte. Kristina reinigte und reparierte ihre Jagdausrüstung und die von Jocke gleich mit. Pär zerlegte mit Hilfe der beiden Frauen den Hirsch, Bea räucherte oder pökelte das Fleisch, um es haltbar zu machen. Sie kümmerte sich außerdem um ihre Tiere, ein Bergpony, ein Muli, zwei Bergkühe, etwa ein Dutzend Schafe und Ziegen und zwei Dutzend Hühner, die im Anbau untergebracht waren.

Nach etwa einer Woche trat Bea zu Jocke ans Bett, um seinen Verband zu wechseln und sah, dass er mit geöffneten Augen an die Decke starrte.  

„Ah, du bist wach“, begrüßte sie ihn, „willkommen unter den Lebenden.“ Mit Mühe fokussierte Jocke auf sie.

„So… so übel?“ Seine Stimme war etwas heiser, aber tief und volltönend.

„Nun ja, der Bär hatte dich übel am Bauch erwischt, und du hattest hohes Fieber.- Ich bin Bea. Willkommen in meiner Hütte.“

„Danke für die Rettung.“

„Ich hab zwar deine Wunden versorgt, aber wenn Stina dich nicht erstversorgt und hergebracht hätte, wärst du jetzt in Walhalla.“

„Ach ja, die Kleine. Geschickte Jägerin. Wie hat sie es eigentlich geschafft, ihre Beute und mich hierher zu schleifen?“

„Ich hatte mir die Ziehtrage am Gürtel befestigt und deinen Arm hatte ich über der Schulter, du konntest ja noch halbwegs aus eigener Kraft gehen…“ Stina war dazu gekommen. Jocke sah sie sprachlos an. Sie wirkte so zierlich und weder der Hirsch noch er waren besonders leicht.

„Wir haben schon gehört, dass du sie gerettet hast“, nahm Bea das Gespräch wieder auf, „war wohl eine ziemlich blutige Angelegenheit…“

„Meine Ausrüstung ist hinüber, oder?“

Bea schüttelte den Kopf: „Die Kleider sind gewaschen und geflickt, die Ausrüstung gereinigt und eingefettet.“

„Aber das…“

„...hat keine zusätzliche Arbeit gemacht. Die Kleider hab ich mit unseren repariert und um deine Ausrüstung hat sich Stina mit ihrer eigenen gekümmert. Mit dem Langsax hat ihr Pär geholfen.“

Er schaute Bea aus waldgrünen Augen an, nahm ihre Hand in seine (nebenbei gesagt ziemlich großen) Hände und drückte sie: „Danke.“

„Ich habe zu danken“, mischte sich Pär ein, „du hast meine Tochter gerettet.“ In seinen strahlend blauen Augen schimmerten Tränen. Er räusperte sich: „Außerdem wissen wir, wie teuer gute Ausrüstung ist.“

„Fühlst du dich gut genug, dass du mit uns essen kannst?“

„Ich werd’s versuchen“, mühsam richtete er sich auf, und Bea, nun nicht mehr auf seine Wunden fokussiert, fiel auf, dass ihr Patient verdammt gut gebaut war. Wuchtige Schultern, eine breite Brust und muskelbepackte Arme. Beine wie Baumstämme. Er schien nicht zu merken, dass sie ihn anstarrte.

Sie riss sich von dem Anblick los: „Ich hol dir deine Kleider.“

Etwa zehn Minuten später kam Jocke in den vorderen Teil der Hütte, noch ein wenig wackelig auf den Beinen.

„Setz dich, Jocke, ich hol dir was zu trinken“, mit diesen Worten stellte Bea ihr Spinnrad beiseite und stand auf.

„Magst du was essen mit uns?“

„Ich hab nen Bärenhunger!“, erklärte Jocke, „was schaut ihr mich so an? - Ach, stimmt…“ grummelte er.

Kristina kam hinzu. Beim Anblick ihres Retters leuchteten ihre Augen auf. Bea seufzte innerlich. Sie wechselte einen Blick mit Pär: auch ihm war es nicht entgangen, und es war ihm überhaupt nicht recht, war Jocke doch in seinem und Beas Alter. Außerdem legte er eine gesunde väterliche Eifersucht an den Tag und wäre mit Sicherheit auch bei einem jüngeren Mann misstrauisch gewesen.

„Eine Frage, Bea“, merkte Jocke an, „du sagtest, das hier sei dein Haus? Ich hätte gedacht, dass Pär dein Mann ist.“

„Nein“, erwiderte dieser, „ich kenne Bea zwar schon mein ganzes Leben, aber ein Paar waren wir nie.“

Bea erklärte: „Ich bin Kräuterfrau, Hebamme, Heilerin, war Feldscherin bei einer Söldnertruppe… dem Mönch, der in unser Dorf kam, war ich zu selbständig, und er wollte mich als Hexe verbrennen. Ich wusste von dieser Hütte hier, sie war damals ziemlich verfallen, ich hab sie dann hergerichtet. Einmal die Woche gehe ich auf den Markt, verkaufe meine Waren und kaufe Lebensmittel.“

„Bist du Stinas Mutter?“

„Nein. Ich habe damals Pärs Frau bei der Entbindung geholfen. Als sie dann am Kindbettfieber starb, wurde ich zur Hexe gestempelt. Vor etwa einem halben Jahr standen dann auf einmal Pär und Kristina vor der Tür. Der Priester hatte auch sie als Hexe verbrennen wollen. Seitdem leben sie hier.“

„Euer Priester scheint ein viel beschäftigter Mann zu sein“, bemerkte Jocke sarkastisch.

„Er und vor allem auch die Dörfler. Der missgünstigste Haufen, den du dir vorstellen kannst. Keiner gönnt dem anderen auch nur das Schwarze unterm Fingernagel. Außerdem abergläubisch.“

„Ja, damit hab ich auch Erfahrung“, die tiefe Stimme verlor sich.

„Was machst du?“ fragte Kristina.

„Im Moment sitze ich hier“, kam es trocken von Jocke.

„Hahaha“, die junge Frau schmollte.

„Ich bin Söldner“, erwiderte er kurz und bündig. Eine dunkle Wolke zog über sein Gesicht. Besser nicht nachhaken.

Später fragte Pär Bea: „Hast du gesehen, wie sie ihn angeschaut hat?“

„Allerdings“, sie seufzte.

„Er ist so alt wie wir. Wäre er in ihrem Alter…“

„Wem willst du was vormachen? Dann wärst du auch misstrauisch. Aber ich sehe deinen Punkt. Ich werde mal mit ihm reden.“


„Kein Problem. Habe ich sie irgendwie ermutigt?“

„Ich glaube nicht, aber du hast ziemlich Eindruck gemacht bei ihr. Außerdem bist du ein ziemlich gutaussehender Retter.“

„Danke für die Blumen“, grinste der Söldner schwach und wurde gleich darauf wieder ernst, „am besten gehe ich ihr, so gut es geht, aus dem Weg. Wie lange wird es dauern, bis ich wieder fit bin?“

Bea dachte einen Moment nach: „Bis ich die Fäden ziehen kann, wahrscheinlich etwa zehn Tage. Die Bauchwunde länger. Wenn du deine Beweglichkeit erhalten willst, darfst du es nicht zu schnell angehen.“
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