Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Das Schwert eines Söldners

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Div
Sabaton
19.03.2022
02.07.2022
9
10.857
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
19.03.2022 1.150
 
Regen. Hagel. Sturm. Gewitter. Und der Nebel, der ständig in den Tälern und zwischen den Bäumen und Felswänden hing und sie teilweise verbarg. Bea war kurz vor der Hütte gewesen und auf dem kurzen Weg zum Toilettenhäuschen fast in dem Morast versunken, in den sich ihr Grundstück in den letzten Wochen verwandelt hatte. Hochebenen waren sumpfig. Jetzt kam die Hausherrin aus dem hinteren Teil der großen Hütte und sah Pär sorgenvoll in den Regen hinaus starren.

„Du machst dir Sorgen“, keine Frage, sondern eine Feststellung. Pär nickte. Liebevoll ruhte Beas Blick auf dem Mann, der vor ihr stand. Er war nur etwa fünfeinhalb Fuß groß. Langes glattes blondes Haar, in das sich das erste Grau mischte, ein noch blonder Vollbart. Ein wettergegerbtes, aber ebenmäßiges Gesicht mit einer leichten Adlernase und strahlend blauen Augen. Pär war eher drahtig als muskulös, schlank, gut trainiert. Bea fiel nicht zum ersten Mal auf, wie gut ihr bester Freund aussah.

„Du nicht?“

„Doch“, seufzte Bea, „sie ist schon viel zu lange da draußen, ihr könnte wer weiß was passiert sein, und wir können sie wegen das Wetters nicht suchen. Unsere Vorräte werden knapp, und ich kann nicht ins Tal…“

„Sie“ war Pärs sechzehnjährige Tochter Kristina. Pär, der Jäger war, hatte seiner Tochter alles beigebracht, was er konnte. Kristina war schon über eine Woche fort, ohne dass ihr Vater wusste, ob es ihr gut ging. Jetzt legte er seine schwielige Hand auf Beas Schulter und drehte sie zu sich um.

„Hey. Wir schaffen das. Stina schafft das.“ Es gelang ihm nicht ganz, das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken. Bea legte die Hand an seine Wange.

„Kristina ist klug, aufmerksam, und sie hatte den besten Lehrmeister, den ich mir denken kann. Sie wird es schaffen. Dieses Wetter verlangsamt einen extrem.“ Pär trat einen Schritt näher heran, umschlang Bea fest und legte den Kopf auf ihre Schulter. Diese streichelte ihm übers Haar und verschränkte die Hände hinter seinem Rücken. Minutenlang standen sie so da und zogen Trost aus der Nähe des anderen.

Knarzend öffnete sich die etwas verzogene Holztür, und eine bis auf die Knochen nasse und total erschöpfte Kristina betrat die Hütte. Die Ziehtrage mit einem stattlichen Hirsch darauf hatte sie an ihrem Gürtel befestigt; über ihrer Schulter hing ein schwerverletzter Fremder. Der Mann war bleich, und aus seiner Kleidung tropfte Blut auf den Boden. Bea nahm ihn der jungen Frau ab und brachte ihn sofort in den hinteren Raum der Hütte, wo einige Betten standen. Kristina kam hinzu.

„Wer ist das?“, fragte Bea, während sie den Fremden mit geschickten Bewegungen entkleidete.

„Er heißt Jocke. Hat mich vor einem Bären gerettet. Mir ist dank ihm nichts passiert, aber er hat eine üble Bauchwunde. Ich hab sie notdürftig versorgt, aber ich glaub, es ist wieder aufgegangen. Fieber hat er wahrscheinlich auch.“ Mit einem Nicken nahm Bea die Neuigkeiten zur Kenntnis.

„Stina, sei so lieb und hol mir den Affen, warmes Wasser und Tücher.“ Als die junge Frau zurück kam, durchschnitt Bea vorsichtig den blutdurchtränkten Verband. Sie begutachtete die Wunde. Auf der linken Seite sah man die untersten beiden Rippen, weiter unten und innen lag das Fleisch bloß. Bea betete zu Eir, dass es ihr gelingen möge, den Mann zu retten. Auch sonst hatte das verdammte Vieh ganze Arbeit geleistet. Gesicht, Arme, Brust und Schultern waren von Wunden übersät, die von den Krallen des Bären stammen mussten; teilweise waren diese so tief, dass sie genäht werden mussten, manche waren entzündet. Bea tastete Arme, Beine, Rippen, Brustkorb und Schädel ab und bewegte die Gliedmaßen, um festzustellen, ob etwas gebrochen war. Anscheinend nicht. Pär kam mit Seife und einer kleinen Schüssel, in der sich Bea sorgfältig die Hände wusch. Anschließend nahm sie sich ihres Patienten an. Vorsichtig entfernte Dreck und verkrustetes Blut, dann wusch sie mit Kamillensud und Wundalkohol die Krallenwunden aus, bevor sie sie nähte.

„Halt ihn fest, ich mache mich an die Bauchwunde“, wies sie Pär an, „am besten von oben.“ Damit setzte sie sich auf die Beine des Mannes und goss großzügig das Kamillen-Alkohol-Gemisch über die Wunde. Jocke stöhnte laut und bäumte sich auf. Der Mann war unheimlich stark, aber Bea hatte als Feldscherin gelernt, mit so etwas umzugehen. Der Trick war, mitzugehen und den Patienten nicht mit aller Gewalt still halten zu wollen. Bea tränkte ein Tuch mit einer Mischung aus Ackerschachtelhalm, Kamille und Ringelblume und legte es als Kompresse auf die Wunde, die sie sorgfältig verband. Dazu bat sie Pär, den Patienten aufzusetzen und ihn zu stützen. Sie sah, dass der Rücken, anscheinend beim Sturz, ein paar Prellungen abbekommen hatte, sonst aber bis auf ältere Spuren einer Peitsche unversehrt war.

Kristina saß am Tisch: „Kommt er durch?“, fragte sie angstvoll.

„Wahrscheinlich ja. Er scheint zäh zu sein. Wenn er die paar Tage schwer verwundet draußen überlebt hat, wird er das hier auch überstehen. Die Bauchwunde ist echt übel. Wie hast du ihn und den Hirsch eigentlich geschleppt bekommen? Leicht ist er ja nicht...“

„Die Ziehtrage hatte ich um die Taille festgemacht, und er konnte ja noch halbwegs aus eigener Kraft gehen. War trotzdem ein ziemlicher Brocken, und den letzten halben Tag hab ich ihn fast alleine getragen. Die Nacht vorher hatte ich nicht geschlafen, weil ich dachte, er stirbt mir weg…“ Kristinas Stimme verlor sich; auf ihrem Gesicht zeichnete sich deutlich die durchlittene Angst um ihren Retter ab. Es war dem Mädchen wahrscheinlich nicht klar, aber sie hatte körperlich etwas geleistet, das ein ausgewachsener Mann vielleicht nicht geschafft hätte. Sie war zierlich wie ihr Vater.

Bea kochte ihrem Patienten Tee und Hühnerbrühe und begann mit den Vorbereitungen fürs Abendessen. Sie ging zu Jocke und flößte dem Bewusstlosen so viel Tee wie möglich ein, außerdem etwas Brühe. Beim Abendessen erzählte Kristina von der Jagd und wie Jocke sie gerettet hatte.

„...und da überrascht mich dann dieses Riesenvieh. Ich hatte ja nur meinen Dolch… Auf einmal fliegt ein Bolzen an mir vorbei und verwundet den Bären. Der war dann natürlich erst recht wütend. Und dann sprang Jocke ihm direkt vor die Nase. Der Mann ist echt gut, sehr wendig. Hat zum großen Teil ausweichen können, einige Male hat ihn das Vieh halt erwischt. Einmal ist er gestolpert, dabei hat ihm der Bär den Bauch so zugerichtet. Aber Jocke hat ihn im Fallen noch aufgespießt.“

„Wie hat er sich verteidigt?“

„Mit einem Kurz- und einem Langsax.“

Bea staunte: „Der muss richtig gut sein.“ Mit zwei Messern gegen einen Bären, das war nicht schlecht. Stina nickte dann auch bekräftigend.

„Ich hab ihn dann noch verbunden. Ich konnte ihn doch nicht einfach sterben lassen, oder?“ Unsicher sah sie Pär an.

Der drückte seine Tochter an sich und sah sie liebevoll an: „Ich bin wirklich stolz auf dich.“ Über deren Schulter hinweg wechselte er einen besorgten Blick mit Bea: trotz des Hirschs schwanden ihre Vorräte, und sie wussten nicht, wie lange das Wetter noch anhalten würde.  Aber sie wussten beide auch, dass Pär es genauso gemacht hätte.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast