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Der Sturm, die Sonne und das Mädchen aus Glas

Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P18 / FemSlash
Alina Starkov Der Dunkle/Aleksander Morozova Genya Safin Zoya Nazyalensky
16.03.2022
30.04.2022
5
10.787
3
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
16.03.2022 1.954
 
Hallo zusammen und willkommen zu meiner ersten Shadow & Bone Fanfiktion.
Direkt der erste Hinweis, meine Geschichte ist relativ "dark", es wird aber vor jedem Kapitel separate Warnung geben, dich ich trotzdem an dieser Stelle schon kommunizieren möchte:
Es geht vor allem um toxische/missbräuchliche Beziehungen, an einigen Stellen wird es non-con Elemente geben.
Das Pairing ist eine Mischung aus Darklina, Darkling/Genya und Zoya/Genya, Genya/Alina und Zoya/Genya/Alina.
Ich hoffe, die Story gefällt euch und ich freue mich über konstruktive Kritik.

Lucy <3

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Kapitel 1 - Schattenberührungen


Genya starrte aus dem Fenster.
Der graue, feucht – kalte Nebel hing über den Ländereien des Kleinen Palasts wie ein trüber Schleier. Die Sonne schickte kühles, schwaches Licht auf die schlummernden Gärten.
Noch lagen der Kleine Palast und seine Umgebung in müder Stille da. Erst in ein paar Stunden würden die Grisha die Trainingsplätze und Werkstätten bevölkern, Gärtner, Köche und Diener ihrer Arbeit nachgehen, um den Großen Palast für den Andrang von Gästen aus ganz Ravka vorzubereiten.
Das Winterfest stand an und einige auserwählte Grisha sollten den Dunklen auf die Festlichkeiten begleiten.
Genya hob den Blick von der blassen Rasenfläche, den symmetrisch angelegten Wegen und den akkurat geschnittenen Hecken.
Die goldenen Spitzen der Türmchen des Hauptgebäudes, die sonst im Sonnenlicht glänzten, verschwanden ganz im Grau.
Genya riss den Blick von der trostlosen Szene los, die sich ihr bot und setzte ihren Weg durch die mit hellem Holz getäfelten Korridore fort.
Noch immer brannten die Kerzen auf den Gängen und in den Zimmern, obwohl es schon lange nach Sonnenaufgang war, und tauchten die Korridore in warmes, einladendes Licht.
Genyas Schritte hallten auf dem Steinboden wider und mimten ihren regelmäßigen Herzschlag.
Die Bildnerin sah den Prunk des Kleinen Palastes schon lange nicht mehr. Er bedeutete ihr nichts mehr, versetzte sich nicht mehr in Staunen.
Die prächtigen Kristalllüster, in denen sich das Kerzenlicht brach, die Gemälde, die goldenen Verzierungen – für all das war Genya blind geworden.
Zu viele Nächte hatte sie hier verbracht, zu viele Male war sie durch diese Gänge gegangen. An manchen Tagen sah sie kaum ihre eigene Schönheit.
Seit ihrem fünften Lebensjahr lebte Genya irgendwo zwischen dem Kleinen und dem Großen Palast, gezwungen dorthin zu gehen, wo sie gebraucht wurde, überall zu Hause und zugleich nirgends. Sie hatte lernen müssen sich anzupassen, ihre Fähigkeiten, ihre Schönheit für sich einzusetzen. Ihre Arroganz beschütze sie zwar, aber sie machte auch sehr einsam.
Langsam strich Genya über den weißen Stoff ihrer Kefta, fühlte die goldene Stickerei am Ärmelaufschlag unter ihren Fingerspitzen. Es beruhigte sie, diese Stickereien zu berühren, ebenso wie es ihr in Erinnerung rief, dass sie auf sich allein gestellt war.
Niemand sonst außer Genya trug Weiß und Gold, niemand sonst war durch seine Kraft so sehr von allen anderen getrennt. Niemand sonst gehörte zwar hierher, aber nicht dazu.
Niemand außer Alina.
Doch selbst die Sonnenkriegerin, die sich ihrer eigenen Kräfte erst seit Kurzem bewusst war, hatte ihren Gegenpart im Dunklen gefunden, der sie so offen favorisierte, dass es mittlerweile jedem aufgefallen war.
Alina gehörte zu ihm, während Genya noch immer allein war. Sie nahm an, dass dies der Grund war, warum die anderen Grisha sie verabscheuten.
Genya war ein Unikat, ihre Kraft so gut wie einzigartig, sie gehörte keinem Orden an, hatte keine Familie und stand zu allem Übel seit Jahren im privaten Dienst der Königin.
Sie war eine Dienerin, die sie mit den Eitelkeiten der Herrscherin beschäftigte, anstatt kämpfen zu lernen oder je die Gelegenheit zu bekommen, Freundschaften zu schließen.
Der Dunkle hatte damals entschieden, ihre besonderen Fähigkeiten ausbilden zu lassen, anstatt sie einem existierenden Orden zuzuweisen, sodass Genyas Kräfte sich nun irgendwo zwischen Materialki und Korporalki entwickelt hatten.
Zwar war ihr damit ihre einzigartige Kraft erhalten geblieben, allerdings hatte sie auf jegliche Art von Familie oder Freundschaft, die in den Orden herrschte, verzichten müssen.
Allein war Genya unweigerlich in der Rangordnung der Grisha schnell ans hintere Ende geraten. So blieb nur ihre überragende Schönheit als ständige Begleiterin, die Genya als schweren Fluch empfand und die gleichzeitig das Einzige zu sein schien, was sie kontrollieren konnte.
Genya erreichte eine große, helle Tür mit goldenen Verzierungen. Sie blickte an sich hinab und zupfte ein langes rotes Haar von ihrer Kefta.
Ein makelloser Auftritt war eines der kleinen Dinge, die sie tun konnte, um zu zeigen, dass sie weit mehr wert war, als die Grisha von ihr dachten. Sie strich über den schneeweißen Stoff, nahm einen tiefen Atemzug und blickte auf.
Ein Entherzer stand neben der Tür Wache. Vasily hatte erst vor einigen Wochen sein Training beendet und war in die Reihen der Soldaten aufgenommen worden, er erwiderte ihr Nicken knapp. Sein Blick verweilte auf ihrem Gesicht, glitt hinab zu ihren vor dem Bauch ineinander verschränkten Händen und der Zug eines überlegenen Lächelns umspielte seinen Mundwinkel.
Genya musste an sich halten, nicht zu schnauben.
Kaum wuchs jungen Männern der erste Flaum auf der Oberlippe, glaubten sie schon ihnen gehöre die Welt und jede darin lebende Frau.
Nach einigen Sekunden, in denen sie seinen Blick kühl erwiderte, trat er mit missmutiger Miene beiseite und die Tür zum Ratszimmer des Dunklen öffnete sich.
Sie streifte Vasilys Blicke ab, wie sie die Worte und Berührungen abstreifte, die den männlichen Grisha entschlüpften, sobald sie ein wenig zu tief ins Glas geschaut hatten. An den dunkel gestrichenen Wänden leuchteten Kerzen in den einfachen Halterungen aus Messing. Genya kam der Raum trotz dieser Lichtquellen sehr düster vor, als würden die Schatten dem Licht nur widerwillig Platz machen. Vielleicht lag das an seiner Anwesenheit.
Der Dunkle stand über eine Karte gebeugt an dem großen, runden Tisch in der Mitte des fünfeckigen Zimmers.
Genya näherte sich und konnte sehen, dass er den schwarzen Strich auf einer Karte Ravkas nachfuhr. Sein Zeigefinger folgte den gezackten Umrissen der Schattenflur beinahe liebevoll und er wirkte in Gedanken versunken, so als hätte er sie nicht kommen hören.
Doch Genya wusste es besser. Sie sah die Schatten, seine ständigen Begleiter um seine Füße zucken, wie dunkler Rauch, der einen eigenen Willen hatte. Aus einem ihr unbekannten Grund entging dem General nichts und so blieb Genya stehen. Die Tür fiel lautlos hinter ihr ins Schloss und sie wartete geduldig, bis er ihr seine Aufmerksamkeit schenkte.
„Genya“, Kirigans Stimme war wie schwarze, kühle Seide, die sich auf erhitzte Haut legte.
Selbst ihre Knie wurden weich, wenn er ihren Namen so aussprach. Sie wusste, es ging beinahe jedem so, der direkt mit ihm zu tun hatte und sie verstand, warum Alina sich zu ihm hingezogen fühlte. Genya konnte ihm nicht widerstehen, trotz allem was er tat, trotz allem was er plante. Niemand konnte ihm wirklich widerstehen. Doch sie sah die Gefahr, die unter seiner glatten Fassade lauerte, die Macht, die er kleinhielt, um alle in Sicherheit zu wiegen. So konnte sich niemand jemals des vollen Ausmaßes seiner Kräfte sicher sein.
„General“, Genya hatte sich schnell wieder gefangen, sie straffte die Schultern und hob stolz ihr Kinn, „Ihr habt mich rufen lassen?“
Kirigan richtete sich auf, seine Schatten zogen sich zurück und verschwanden schließlich ganz.
Mit seinen dunklen Augen, zwei schwarze Seen in denen Unaussprechliches lauerte, taxierte er sie für einen Moment. Es war der Blick, mit dem ein General einen Soldaten musterte, nichts weiter. Zumindest redete Genya sich das ein, als ihr ein leichter Schauer die Wirbelsäule emporkroch. Es kostete sie einiges an Überwindung sich nicht zu schütteln, denn auch wenn seine Anwesenheit und Aufmerksamkeit auf verzaubernde Weise angenehm war, so spürte sie auch ihren Instinkt Alarm schlagen.
Kirigan war gefährlich, egal wie charmant er wirken mochte, und Genya tat besser daran, das nicht zu vergessen.
„Ja“, nickte er dann und ging langsam auf sie zu, „Ich möchte, dass du Alina in den Großen Palast begleitest.“
Genyas Herz setzte einen Schlag aus und ihr Inneres zog sich krampfhaft zusammen. „Warum?“, fragte sie gepresst und gab sich Mühe, ihre Fassung wiederzugewinnen. Sie wusste noch im selben Moment, dass diese Frage ein Fehler gewesen war. Sie hatte ihrem General zu gehorchen, ohne nachzufragen. Sie hatte ihm zu vertrauen, ihre Aufgabe perfekt zu erfüllen.
Ein Atemzug, dann entspannte sich ihr Körper wieder, aber das Gefühl leichter Übelkeit blieb.
Kirigan hatte sich bereits abgewandt und drehte nun den Kopf in ihre Richtung, eine Augenbraue hochgezogen.
„Seit wann stellt ein Soldat die Befehle seines Generals in Frage?“ Seine Stimme war nun eine in Samt gewickelte Klinge und die Schatten zuckten an seinen Fingerspitzen.
Genya ließ die dunklen Schlieren, die sich schwebend durch die Luft bewegte nicht aus den Augen. Sie schwieg.
Auch Kirigan verweilte ruhig und sah sie so forschend an, dass Genyas Haut zu brennen begann.
„Ihr wollt also, dass ich meinen Auftrag zu Ende bringe?“, fragte sie dann und bemühte sich, ihn nicht merken zu lassen, wie sehr sie diese Neuigkeit aufwühlte.
Kirigans Schatten bewegten sich mit ihm, schlängelten sich auf sie zu, als er einen Schritt in ihre Richtung ging.
„Nein. Ich möchte das nicht Genya. Ich befehle es dir.“ Die Schatten wurden zu liebkosenden, kühlen Berührungen, die Genyas Handgelenk umzüngelten.
Nur mit Mühe schaffte sie es, stillzuhalten als die Schatten in ihre Ärmel krochen und Kirigan nur wenige Zentimeter vor ihr anhielt.
„Und wenn ich nicht will?“, Genya wusste nicht, woher sie den Mut nahm.
Sie spürte nur den Kloß im Hals, beim Gedanken daran, was geschehen würde, sollte sie Kirigans Befehl gehorchen.
Ein leises, dunkles Lachen entrang sich der Kehle des Generals und die Schatten verschärften sich. Sie kratzten sanft über die zarte Haut ihrer Unterarme wie tausend kleine Krallen. Genya hasste es, wie ihr Körper auf ihn reagierte, wie er ihre Sinne vernebelte.
„Genya“, raunte Kirigan und ohne Vorwarnung, durchflutete sie ein wohliges Gefühl. „Du bist eine meiner fähigsten Soldatinnen und der Schlüssel zu meinem Plan“, fuhr er leise fort, die Schatten hielten auf ihrem Unterarm inne, wurden wieder zu einer zärtlichen Berührung.
„Du weißt, dass nur durch deine Mitarbeit ein besseres Ravka entstehen kann. Eine bessere Zukunft für alle Grisha. Für Grisha wie dich.“
Genya zögerte. Sie konnte der Intensität seines Blicks nicht standhalten und schlug die Augen nieder.
„Sieh‘ mich an, meine Schöne“, wisperte Kirigan und Genya spürte die Schatten sanft ihren Unterarm zu ihrem Ellenbogen hinaufwandern, wie ein kühler Lufthauch.
Ja, sie war schön, ja sie war sein.
Sie zwang sich den Blick zu heben und blickte direkt in seine dunklen Augen.
„Du willst diese Zukunft genau so sehr wie ich.“
„Das will ich“, erwiderte Genya ohne zu Zögern, die Worte entschlüpften ihr einfach, ohne dass sie Kontrolle darüber zu haben schien.
Ein Orden unter dem Grisha wie sie sich vereinen und trainieren konnten. Das war was Genya sich wünschte. Und Kirigan konnte ihr das geben.
Seine Augen funkelten und Genya atmete zitternd ein, als er ihr eine Hand auf die Taille legte und sie an sich zog.
Auf einmal war er überall, sie spürte seine volle Präsenz, die Dunkelheit, die sie beide mit einem Mal pulsierend umgab.
Sein Atem war warm auf ihren Lippen und Genya zitterte beinahe vor Anspannung und Verlangen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie sich ihm hingab.
„Gut“, Kirigan hob seine Hand und strich ihr sanft über ihre Wange, „Enttäusch‘ mich nicht meine Schöne.“
Genya zwang sich zu einem Lächeln, auch wenn ihr Inneres sich immer noch eiskalt anfühlte.
„Das werde ich nicht“, versprach sie und hielt seinem intensiven Blick stand.
Ein zufriedenes Lächeln erschien auf Kirigans Gesicht, er hob nur die Mundwinkel ein wenig und brach damit seinen neutralen Gesichtsausdruck.
Ein Klopfen an der Tür unterbrach diesen Moment und die Dunkelheit verschwand genau so schnell wie sie gekommen war.
Kirigan nahm seine Hand von Genyas Hüfte, die Schatten zogen sich zurück und Genya fühlte die Wärme langsam zurückkehren.
„Herein“, rief Kirigan und Genya gewann ihre Fassung wieder in dem Moment, in dem die Tür sich öffnete.
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