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Nein, Molotow

Kurzbeschreibung
SongficHistorisch / P16 / MaleSlash
Finnland
12.03.2022
12.03.2022
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Disclaimer: Bitte verzeiht mir, dass der Tonfall dieser Geschichte eigentlich ein zu lustiger für eine Kriegsgeschichte ist. Allerdings ist "Njet, Molotoff" auch ein finnisches Spottlied auf die Rote Armee und den sowjetischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow im Finnischen Winterkrieg (1939-1940), weshalb ich es jetzt nicht allzu schlimm oder respektlos gegenüber den Opfern dieses Krieges fand. Nun ja, ich hoffe jedenfalls, dass euch dieser Songfic ein klein bisschen gefällt :)

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Finlandia, Finlandia,
sinne taas matkalla oli Iivana.
Kun Molotoffi lupas' juu kaikki harošii,
huomenna jo Helsingissä syödään marožii.
Njet Molotoff, njet Molotoff,
valehtelit enemmän kuin itse Bobrikoff.

Finnland hasste Schlachten. Krieg war ihm zuwider. All das Blut, all das brennende Schwarzpulver, dass einem in die Nase biss, all die Kämpfe, all diese sterbenden Menschen, alle nur, weil irgendwelche anderen Nationen den Hals nicht voll bekamen.
Wie Russland. Als hätte er irgendein Interesse an Leningrad gehabt. Nein, für ihn war das Russlands Stadt und so würde es auch bleiben.
Aber nein, Ivan musste mit genau dieser Ausrede bei ihm einfallen. Hatte einfach an der Grenze einen Zwischenfall inszeniert, um es gerechtfertigt aussehen zu lassen.
Fast wollte Tino weinen, als er daran dachte. Deutschland hatte ebenfalls behauptet, Polen hätte ihn über die Grenze beschießen lassen, und nun war der arme Polen von Deutschland besetzt. Anderen Ländern war später dasselbe passiert.
Und Russland, dessen Vorgesetzter zwar vom anderen Extrem, aber von ähnlichem Charakter war wie der Deutschlands, hatte nun dasselbe bei ihm getan. Er versuchte, dieses Land in seiner Gänze zu erobern. Und aufgrund seiner, Finnlands, maroden, kleinen Armee hatte er geglaubt, es würde leicht werden. Er würde schon morgen in Helsinki Eis essen.
Und er, Finnland, wäre dann nur sein Gefangener.
Von wegen, dachte Finnland, das werde ich nicht. Ich mag schwach sein im Verhältnis zu dir, aber ich bin entschlossen, frei zu bleiben. Ich bin und bleibe kein Teil der Sowjetunion, mich kriegt ihr nicht.
Nein, Molotow, dachte er. Der sowjetische Außenminister war ihm besonders zuwider. Dieser Unmensch ließ seine Städte bombardieren und behauptete, danach gefragt, einfach, die Bomben wären Lebensmittellieferungen für die aufgrund des Krieges hungernde Zivilbevölkerung.
Das war so eine verquere Lüge, dass er sich lange bei Schweden darüber aufgeregt hatte. Normal war er ein eher ruhiger Mensch, aber Schweden, den er schon lange sehr liebte und dessen Rat er schätzte, hatte diesmal mehrere Stunden gebraucht, um ihn zu beruhigen.
Molotow hatte so viele verquere Lügen erzählt, um diesen Krieg zu rechtfertigen, dass man die Bomben, die auf finnische Städte fielen, schon spöttisch „Molotows Brotkörbe“ nannte. Und in Finnlands Hand befand sich gerade eine Flasche eines passenden Getränks dazu. Er steckte sie in seinen Rucksack, wo sich mehrere solcher Flaschen befanden, und zog los zu seinen Soldaten.

Finlandia, Finlandia,
Mannerheimin linja oli vastus ankara.
Kun Karjalasta alkoi hirmu tulitus,
loppui monen Iivanan puhepulistus.
Njet Molotoff, njet Molotoff,
valehtelit enemmän kuin itse Bobrikoff.

Zugegebenermaßen, der Angriff war keine besondere Überraschung gewesen. Wohl wissend, dass Russland mit seinem Gebiet liebäugelte, hatte er seine Vorgesetzten bereits dazu gebracht, eine Verteidigungslinie gegen einen möglichen Angriff einzurichten. Die Mannerheim-Linie, wie sie genannt wurde, hatte ihre Aufgabe auch gut getan.
Er bezweifelte, dass viele der russischen Soldaten überhaupt innerlich darauf vorbereitet gewesen waren, gegen die Finnen zu kämpfen. Etwas belustigt, doch auch leicht mitleidig dachte Finnland an ihre Blicke, als tatsächlich die Artillerie der Mannerheim-Linie auf sie zu feuern begonnen hatte.
Er würde sich niemals kampflos ergeben. Das hatte er direkt gezeigt, das hatten sie alle direkt gezeigt.
Zwar war die Linie später von Ivan und seinen Truppen überrannt worden. Doch den Moment der Sprachlosigkeit in Russlands Gesicht, als er auf einmal – wie es aussah, einen Kampf nicht erwartend – sah, dass Finnland sich wehrte, würde er nie vergessen.
Und es hatte ihm Mut gegeben. So wie vieles, was bereits passiert war. Klar, es war Krieg, es fielen Bomben und deshalb befand sich stetig die Angst in seinem Herzen. Doch er wusste dadurch, dass er in der Lage war, dem Schicksal zu trotzen. Da mochte er auch so ein schwaches Land sein.
Tino glitt auf seinen Skiern durch den Schnee, gehüllt in eine weiße Tarnjacke für Kämpfe im tief verschneiten, finnischen Winter. Scharfe Schneeflocken fegten um ihn herum und bissen ihn in die Haut, doch er wusste, dass dieser Winter nur gut für ihn war. Wie er nämlich bald hatte herausfinden dürfen, waren die russischen Truppen aus einem Grund, den er nicht verstand, kaum für Kämpfe im Schnee trainiert. Sie hatten offensichtlich nicht einmal genug Winterkleidung.
Wäre seine eigene Lage nicht so ernst gewesen, hätte er das fast zu lustig gefunden, um wahr zu sein. Gewann Russland nicht normal mit General Winters Hilfe seine Kriege? Und jetzt übertrumpfte er ihn im Kampf – wegen des Winters und der Tatsache, dass er ihn zu nutzen wusste und Russland die ganze Zeit verzweifelte, weil er, gerade er, die wohl erfahrenste Nation in punkto harter Winter, seine Truppen nicht im Skifahren und im Schneekampf trainiert hatte und ihnen nicht einmal gewöhnliche, grünlichbraune Winteruniformen zur Verfügung stellen konnte.
Nein, Molotow. Ohne zumindest anständige Winteruniformen lief es eben nicht so gut mit dem Winterkrieg.

Finlandia, Finlandia,
sitä pelkää voittamaton Puna-Armeija.
Ja Molotoffi sanoi että katsos torppas niin,
Tšuhna aikoo käydä meitä kraivelista kii.
Njet Molotoff, njet Molotoff,
valehtelit enemmän kuin itse Bobrikoff.

„Leute, ich habe was für euch!!!“, rief Finnland in der glücklicherweise ruhigen Umgebung den Soldaten zu, die ihn auf den Skiern schon aus der Ferne erkannten.
„Ah, neue Molotow-Cocktails.“, sagte einer sofort, als er seinen Rucksack geöffnet hatte. Er nahm sich sogleich eine der Brandflaschen und witzelte „Dann wollen wir Molotow mal wieder ein passendes Getränk zu seinen Brotkörben servieren.“
„Wann wohl der nächste russische Konvoi vorbeikommt?“, fragte ein anderer.
„Hoffentlich bald.“, meinte ein Dritter. „Ich will mit euch zusammen ein paar Ivans aus dem Land prügeln.“
„Bis jetzt waren wir ja schon verdammt gut darin.“, mischte sich eine Nummer vier ein. „Stellt euch das mal vor, die mächtige, unbesiegbare Rote Armee – und dann kommt diese kleine, verschneite Waldseennation und macht ihnen so richtig Feuer unter den Hintern. So, dass sie Angst vor uns Chuknas bekommen.“ Der Soldat lachte. „Das ist schon lustig – würde mich nicht wundern, wenn das hier David gegen Goliath endet.“
„Bist ja gar nicht so übel, Sozialist…“, sagte der erste Soldat zu dem vierten, der gerade gesprochen hatte.
„Du auch nicht, du alter Kleinbürgerparteiler.“, antwortete der Vierte.
„Früher zählten beide zu verfeindeten politischen Parteien.“, erklärte der zweite Soldat Finnland. „Ich kenne sie von früher, noch vor einigen Monaten endete keine Begegnung zwischen ihnen ohne einen heftigen Streit.“
Finnland nickte. „Ich habe schon anderswo von ähnlichen Fällen gehört. Immerhin vereint uns dieser Krieg, so hat er auch etwas Gutes.“
„Korrekt, und in dieser Einigkeit liegt unsere Chance.“, antwortete ihm der Soldat.
Finnland lächelte. Auch ihm gab es in diesem Krieg die Hoffnung, weiterzumachen und Russland ins Gesicht zu sagen: Nein, Molotow. Du hast mehr Lügen als Bobrikow erzählt.

Uralin taa, Uralin taa,
siellä onpi Molotoffin torpan maa.
Sinne pääsee Stalinit ja muutkin huijarit,
politrukit, komissaarit ja petroskoijarit.

Mit den Soldaten im Schnee im Schein einer Laterne auf den nächsten russischen Trupp wartend, verbrachte Finnland diese verhältnismäßig ruhige Nacht nun damit, mit einer Hand bereit am Molotow-Cocktail, darüber nachzudenken, was denn der Russe, mit dem er sich gerade herumschlug, gerade tat. Zwar fror er, sehnte sich nach einer warmen Sauna, aber auch die Bilder von Russlands verdattertem Gesicht, als er immer mehr in einen offensichtlich längeren Krieg hineingezogen wurde, brachten in ihm zumindest ein für seine Verhältnisse eigentlich leicht zu böses Auflachen hervor.
Sicher hockte jener Molotow, der mehr Lügen als Bobrikow erzählte, gerade in seiner Datscha jenseits des Uralgebirges und empfing dort Gäste wie den grässlichen Stalin oder andere dieser sowjetischen Genossen von der KPdSU, die ganzen Politkomissare und weitere dieser schrecklichen Menschen. Vielleicht war Ivan Braginski gerade ja auch dort. Sich die Schimpftiraden seiner Vorgesetzten anhören müssend, warum es denn mit Finnland nicht voranging.
Schickt mir erst einmal einen anständigen Gegner, dachte Finnland und war etwas schockiert von sich selbst. Er musste wirklich aufpassen, nicht zu hochnäsig zu werden, sonst konnte es ihm all das kosten, was er sich in den letzten Monaten erkämpft hatte. Doch eigentlich war die Situation gerade, trotz all ihrer Schlechtigkeit durch die bloße Anwesenheit des Krieges bei ihm, eher von Hoffnung als von allem anderen erfüllt. Ja, er hatte Anlass zu hoffen. Wie es ihm auch Schweden gesagt hatte, der ihn in den letzten Monaten immer wieder aufzubauen schaffte.
Er blickte zu seinen Soldaten, die gerade zusammen ein Lied sangen. Die Worte, gesungen durch mehrere Männerstimmen zu einer eingängigen Melodie, waren von Spott für die Russen erfüllt. Es passte zu seiner Stimmung, sodass Finnland schließlich die letzten beiden Zeilen einschließlich deren Wiederholung mitsang:

Njet Molotoff, njet Molotoff,
valehtelit enemmän kuin itse Bobrikoff.
Njet Molotoff, njet Molotoff,
valehtelit enemmän kuin itse Bobrikoff.
 
 
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