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Mein Name ist Sorra

von Draba
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 / Gen
Lord Voldemort / Tom Vorlost Riddle OC (Own Character)
11.03.2022
21.03.2022
6
17.883
4
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
11.03.2022 3.581
 
Meine Inspiration für diese Geschichte ist der Oneshot "Der fünfte Horkrux" von Samaria.
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Mein Name ist Sorra


I
.

Selbst der Tee hier schmeckte schal, als würden sie denselben Beutel mehrmals verwenden und ihn zusätzlich auch noch in Waschwasser ziehen lassen. Trotzdem zwang er sich, noch einen Schluck zu nehmen, schließlich musste er irgendetwas trinken. Er hatte den Becher gerade an die Lippen gesetzt, als ein schepperndes Klirren ihn zusammenfahren ließ. Der Sturm hatte das gegenüberliegende Fenster aufgedrückt, das nun sperrangelweit offen stand, während der Fensterflügel nutzlos hin und her schwang. Etwas wirbelte herein und fast zu spät wurde ihm bewusst, dass es sich dabei ganz und gar nicht um den Wind handelte. Seine Hand schloss sich um den Zauberstab in seiner Hosentasche, doch gleichzeitig zwang er sich, nicht aufzuspringen.

Das Licht der auf den Tischen verteilten Öllampen flackerte und fast im selben Augenblick geschah etwas Seltsames mit den Menschen um ihn herum. Beinahe synchron kippten ihre Oberkörper nach vorne, kraftlos fielen sie auf die Tische, als wären alle gleichzeitig von einem tiefen Schlaf übermannt worden. Auch der Wirt hinter dem Tresen war polternd zu Boden gestürzt. Gewöhnlich interessierte er sich nicht für das Wohlbefinden anderer Menschen, doch dieser Anblick erfüllte ihn mit Bestürzung. Bedeutete es doch, dass hier Kräfte am Werk waren, die es an diesem Ort auf keinen Fall geben durfte. Kräfte, die es auf ihn abgesehen hatten. Denn gewiss war es kein Zufall, dass er als einziger noch bei Bewusstsein war.

Noch einmal flackerten die Lampen. Die Kraft, die durch den Raum gefegt war, zog sich zusammen, sammelte sich, an einem Punkt direkt vor seinem Gesicht. Aus dem Nichts tauchte ein schwarzer Schatten auf, der sich immer mehr verdichtete, bis er schließlich als ein Fleck undurchdringlicher Dunkelheit vor ihm schwebte. Doch dabei blieb es nicht. In wilden Bewegungen wand und schüttelte der Schatten sich, bis gewaltige Flügel aus seinen Seiten hervorbrachen, zwischen ihnen schnellte ein kantiger Kopf hervor, mit einem kräftigen, tödlich spitzen Schnabel. Ein riesiger Schattenrabe, der von oben auf ihn herabstieß.

„Höre meine Warnung!“, schrie er mit kreischender Stimme. „Ich werde dich finden! Ich werde dich aufhalten! Und wenn es mir gelingt, werde ich dich vernichten!“

***


„Warte! Wer bist du?“

Tom stürzte ans Fenster, durch das die schwarze Silhouette soeben verschwunden war. Für einen Moment war er wie erstarrt gewesen. Erst als der schwarze Vogel sich von ihm abwandte, hatte er seine Besinnung wiedergefunden, doch er hatte es nicht einmal geschafft, seinen Zauberstab zu zücken, ehe das Ungetüm davongerauscht war, hinaus in die Nacht, so schnell, wie es erschienen war. Innerlich verfluchte er sich selbst für seine Langsamkeit. Wie hatte er sich so überrumpeln lassen können? Wie hatte er es zulassen können, dass etwas ihn so sehr erschreckte, ausgerechnet ihn?

Er hätte sich dieser Kraft ohne Zögern entgegenstellen müssen, sie bezwingen, zurückhalten. Jetzt war sie ihm entkommen und er würde womöglich niemals erfahren, um wen oder was es sich handelte. Mit einem wütenden Schwung seines Zauberstabs jagte er einen sinnlosen Stupor in die Nacht hinaus, genau wissend, dass er damit nichts und niemanden treffen würde. Wer wagte es, sich ihm auf diese Weise entgegenzustellen? Wer war überhaupt in der Lage, so etwas zu tun – was auch immer es gewesen war, er hatte keine Ahnung, um was für eine Form von Magie es sich handelte, was ihn fast noch mehr aufregte. Und nicht zuletzt: Wer konnte wissen, dass er hier war? Oder war das alles nur ein Irrtum gewesen, eine Verwechslung? Nein, das konnte er sich kaum vorstellen. Der Vogel war ganz gezielt zu ihm gekommen – und er hatte Englisch gesprochen.

Ein Stöhnen in seinem Rücken ließ ihn sich umwenden und seinen Zauberstab in seinem Ärmel verschwinden. Die Muggel in dem kleinen Gasthaus kamen langsam wieder zu Bewusstsein. Zeit für ihn, hinauf in das winzige, heruntergekommene Zimmer zu gehen, das er sich für ein paar Tage genommen hatte. Dort hätte er Ruhe, um nachzudenken.

Er befand sich in einem kleinen Dorf in der Bashkia Shkodra in den Albanischen Alpen, die in der Landessprache Bjeshkët e Namuna genannt wurden, Verfluchtes Gebirge. Die Gegend machte ihrem Namen alle Ehre. Es war schon schwer gewesen, überhaupt hierher zu kommen, doch wenn er geglaubt hatte, er könnte hier mit Leichtigkeit das verschollene Diadem Rowena Ravenclaws aufspüren, dann musste er sich eingestehen, dass er sich einer Illusion hingegeben hatte. Zwar hatte seine mühevolle Befragung des Geistes von Rowenas Tochter Helena eine ziemlich genaue Beschreibung des Verstecks ergeben, doch die Worte mit der Realität vor Ort in Einklang zu bringen, war noch einmal eine ganz andere Herausforderung.

Alles hier war voll von uralten Flüchen und dunkler Magie, was es nahezu unmöglich machte, in dem durcheinander von Schwingungen und pulsierenden Auren ein ganz bestimmtes magisches Objekt aufzuspüren. So sah er sich gezwungen, seinen Aufenthalt in Albanien deutlich länger auszudehnen, als ihm lieb war. Das Land mit seiner geheimnisvollen Mythologie und archaischen Magie hätte ihn faszinieren können, wenn er nicht so ungeduldig dem Erreichen seines Ziels entgegengefiebert hätte. Es machte ihn wütend, dass sich ihm Kräfte in den Weg stellten, die er mit seiner eigenen Macht nicht einfach aus dem Weg räumen konnte.

Gleichzeitig langweilten die Menschen hier ihn zu Tode. Trotz all des ängstlichen Getuschels über Flüche und verwunschene Wälder war er noch keinem einzigen Magier begegnet. Überall nur Muggel, die die Magie fürchteten wie der Teufel das Weihwasser. Und er mittendrin, wieder einmal gezwungen, sich zu verstellen und sein wahres Gesicht zu verbergen, weil er darauf angewiesen war, hier zu leben. Dabei hatte er gehofft, diese Farce endlich hinter sich lassen zu können, als er London den Rücken gekehrt hatte. Aber bald… bald… bald würde es so weit sein. Er erreichte immer alles, was er sich vornahm, auch wenn es manchmal viel zu lange dauerte. Doch noch musste er sich zwingen, geduldig zu sein, so wie er es immer getan hatte.

Tom ließ sich auf das knarrende Bett fallen und schloss die Augen. Nun auch noch dieser Schattenrabe. Es war das erste Mal seitdem er hier war, dass ihn etwas direkt angegriffen hatte. Er wusste nicht, was es gewesen war, und hatte nicht den geringsten Anhaltspunkt, was es zu bedeuten hatte. Das ließ ihm keine Ruhe. Vor seinem inneren Auge ließ er den Raben wieder und wieder vorüberfliegen und versuchte, darin etwas zu erkennen, was ihm einen Hinweis geben konnte. So schlief er schließlich ein.

***


Als Tom erwachte, war es noch immer dunkel. Er wunderte sich, dass er überhaupt geschlafen hatte, denn er hatte noch nie viel Schlaf gebraucht und in der letzten Zeit schlief er immer weniger.

Lumos“, murmelte er, nachdem er seinen Zauberstab neben dem Kopfkissen ertastet hatte, und richtete ihn auf die kleine Muggel-Uhr, die auf dem Tischchen neben dem Bett stand. Fast drei Uhr, also noch mitten in der Nacht und viel zu früh, um aufzustehen. Es brachte ihm nichts, in der Dunkelheit auf die Suche zu gehen, denn er hatte feststellen müssen, dass die alten Flüche dann noch stärker waren als am Tag.

Er wollte sich gerade zurückfallen lassen, als er neben der Uhr einen kleinen, flachen Gegenstand wahrnahm. Eine Karte. Mit einem Ruck richtete er sich auf. Wie war diese Karte mitten in der Nacht in sein Zimmer gekommen – während er selbst sich im Raum befand? Denn gestern Abend war sie ganz bestimmt noch nicht da gewesen.

Anders als man es bei einer Karte erwarten würde, war das Papier nicht weiß, sondern schwarz wie Erde. Tom griff danach, um nach einer versteckten Botschaft zu suchen.

Kaum hatten seine Finger das Papier berührt, entfuhr ihm ein scharfes Zischen. Ein brennender Schmerz war in seine Fingerspitzen geschossen und jagte wie ein Blitz durch seine Hand und seinen Arm hinauf. Er wollte die Karte von sich schleudern, doch es war ihm unmöglich, sie von seinen Fingern zu lösen.

Wie hatte er so dumm sein können, sie anzufassen? Er war doch sonst nicht so unachtsam. Zitternd richtete er die noch immer glimmende Spitze seines Zauberstabs auf das Blatt. Doch noch ehe er einen schützenden Spruch sprechen konnte, nahm er wahr, dass etwas mit der Karte vor sich ging, und wie gebannt hielt er inne, um das Schauspiel zu beobachten.

Von seinen Fingern aus schlängelten sich schmale Streifen über das Papier, wie winzige Würmer. Erst auf den zweiten Blick erkannte er, dass es sich um sein eigenes Blut handelte, das von der Karte aus seinen Fingerspitzen gesogen wurde. Tom biss die Zähne zusammen, dass es knirschte, um den Schmerz zu unterdrücken, der noch immer durch seine Hand pulsierte. Die Blutspuren formten sich zu geschwungenen Kringeln – Buchstaben, die sich flammenhell von dem schwarzen Untergrund abhoben. Endlich vereinten die Buchstaben sich zu einer vollständigen Botschaft, die Tom mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.

„Tom Riddle. Ich habe dich gefunden. Glaube nur nicht, dass du mir entkommen kannst. Du wirst für deine Verbrechen büßen.“

Die Buchstaben loderten noch einmal hell auf und im nächsten Augenblick verbrannte die Karte zu schwarzer Asche, die aus seinen Fingern rieselte, als wäre sie niemals dort gewesen. Mit klopfendem Herzen verharrte Tom, während die verschwundene Botschaft noch immer vor seinen Augen tanzte. Was hatte das zu bedeuten? Wie konnte so etwas möglich sein?

Krampfhaft versuchten seine Gedanken, das zu verstehen, was eben geschehen war. Was für ein verfluchter Zauber war das?

***


Das Aufleuchten des winzigen Kessels auf dem provisorischen Felsenaltar zog ihre Aufmerksamkeit auf sich und ein feines Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie dabei zusah, wie er sich langsam und wie aus dem Nichts mit Asche füllte. Ihre Botschaft war also angekommen. Eine prickelnde Aufregung überschwemmte ihren Körper, fast so stark, wie in dem Augenblick, als ihr klar geworden war, dass sie ihn gefunden hatte. Kurz schloss sie die Augen, um diesen Moment zu genießen.

Es gab Augenblicke, in denen sie gezweifelt hatte. In denen sie geglaubt hatte, dass sie es niemals schaffen würde, dass es zu gefährlich war. Dass sie sich in etwas verrannte, dass sie zu schwach war. Dass sie scheitern würde. Doch für dieses Gefühl lohnte es sich. Alles.

Noch immer lächelnd dachte sie zurück an die Zeit, als sie noch Mariana gewesen war. Mariana, wie ihre Eltern sie genannt hatten. Sie hatten den Namen gewählt, weil ihnen der Klang gefiel, ohne zu ahnen, wie sehr sich eines Tages auch seine Bedeutung erfüllen würde – die Verbitterte, aber auch die Ungezähmte. Beides traf inzwischen viel zu sehr auf sie zu.

Sie war ein glückliches Mädchen gewesen mit einem wunderbaren Leben. Doch das Glück war zerstört worden, als der Krieg ihre Eltern getötet hatte. Grindelwald. Er hatte ihre Mutter schon lange verfolgt, weil er um ihr Geheimnis wusste. Sie hatte ihm Widerstand geleistet, sich ihm mehrmals erfolgreich widersetzt, doch das hatte ihn nur noch unerbittlicher gemacht. Schließlich hatte er es geschafft, sie zu überwältigen. Er hatte sie getötet, einfach so, und Marianas Vater, der nicht von der Seite seiner geliebten Frau gewichen war, gleich mit. Doch das, was er wollte, hatte er nicht bekommen.

Mariana hatte sofort gespürt, dass ihre Eltern tot waren, obwohl sie zu jenem Zeitpunkt meilenweit von ihnen entfernt gewesen war. Wie hätte sie es auch nicht spüren sollen? Das Erbe ihrer Mutter war auf sie eingestürmt mit einer Gewalt, die ihr für mehrere Stunden die Besinnung geraubt hatte. Sie hatte dieses Erbe schon immer als Bürde empfunden, niemals als Geschenk. Doch nun lastete diese Bürde auf ihr und alles, was sie tun musste, war sich zu verstecken, damit Grindelwald nicht auf sie aufmerksam wurde und versuchte, bei ihr zu finden, was er bei ihrer Mutter nicht hatte bekommen können.

Dazu aber war es nicht gekommen, denn kurz darauf war Grindelwald besiegt und weggesperrt worden. Seine Anhänger hatten sich zerstreut und alles, was geblieben war, war ein angstvoll geraunter Wunsch: Nie wieder so eine schreckliche Zeit.

Doch Mariana hatte mit dem Schicksal gehadert. Hätte dieser angeblich so großartige Zauberer Albus Dumbledore sich nicht einige Wochen früher dazu entschließen können, gegen Grindelwald zu kämpfen? Dann wären ihre Eltern noch am Leben. So aber war Mariana aus ihrem Versteck hervorgekrochen, zurück in etwas, das man nicht mehr als Leben bezeichnen konnte. Die Verbitterte.

Lange hatte sie es nicht mehr ausgehalten in Albanien, der Heimat ihrer Mutter, dem Land ihrer Kindheit. Zu schmerzvoll waren die Erinnerungen. Sie hatte sich entschieden, nach England zu gehen, nach London, die Stadt, aus der ihr Vater stammte. Inzwischen war das über drei Jahre her. Mariana hatte sich an das Leben in London gewöhnt und mit der Zeit hatte es ihr immer besser gefallen. Hauptsächlich hatte sie das Leben der Muggel gelebt und die magische Welt gemieden. Manchmal hatte sie wochenlang nicht gezaubert, bis die Magie in ihr überhandnahm und hinaus wollte. Dann war sie hinausgefahren, an abgelegene Orte, in die freie Natur und hatte ihre Magie fliegen lassen.

Sie hatte Arbeit gefunden, in dem kleinen Buchladen eines alten Muggel. Dort hatte sie herausgefunden, dass es auch in der Muggelliteratur wunderbare, zauberhafte Dinge zu entdecken gab. Im wirklichen Leben mochten die Muggel sich von Magie fernhalten, über die Existenz von Hexen und Zauberern ahnungslos sein, sich vielleicht sogar davor fürchten – doch ihre Bücher waren voll davon.

Eines Abends war Mariana nach der Arbeit noch spät durch London gestreift, als sich mit einem Mal ihre Magie bemerkbar gemacht hatte. Doch es war anders als sonst, nicht so wie an den Tagen, an denen ihre Magie nach Freiheit verlangte. Es war eher so, als würde die Magie in ihrem Körper sich zu einem harten Stein zusammenballen, zu einer eindringlichen, schmerzhaften Warnung. Auf einen Schlag war sie hellwach gewesen, ihre Sinne geschärft, und sie hatte ihren Zauberstab hervorgezogen, was sie auf den Straßen Londons sonst niemals tat.

Die Magie hatte sie geleitet, sie hatte ihr gezeigt, wohin sie gehen musste, und Mariana war ihr gefolgt, obwohl sie von Anfang an gespürt hatte, dass ihre Magie sie nicht von der Gefahr wegführte, sondern direkt darauf zu. Immer dunkler waren die Straßen geworden, durch die sie ging. Schließlich fand sie sich in einem engen, unbeleuchteten Hinterhof wieder. Der Gestank jagte eine Gänsehaut über ihren ganzen Körper und nur mit Mühe gelang es ihr, den Zauberstab vor sich auszustrecken.

Dritë!

Die Spitze ihres Zauberstabs leuchtete auf und für einen Moment kniff Mariana die Augen zusammen, noch nicht bereit zu sehen, was das Licht ihr offenbaren würde. Als sie dann hinschaute war es noch schrecklicher, als sie es sich in ihrer Vorstellung ausgemalt hatte. Eine Leiche, direkt vor ihren Füßen. Kalt und blass, in Lumpen gehüllt und starrend vor Dreck. Irgendjemand hatte den bemitleidenswerten Landstreicher hier entsorgt wie einen Haufen Unrat.

Doch es gab einen Grund dafür, dass ihre Magie sie an diesen Ort des Grauens geführt hatte. Der Landstreicher war nicht einfach so gestorben. Er war auch nicht einfach so ermordet worden. Nein, bei dieser Tat war Magie im Spiel gewesen. Starke Magie. Dunkle Magie. Ihre eigene Magie reagierte darauf wie ein empfindlicher Sensor. Sie schob den Zauberstab zurück in die Tasche und streckte ihre zitternden Hände über der Leiche aus.

trego vërtetën!“ – Zeig mir die Wahrheit. Wie von selbst hatte das Entsetzen sie in die Sprache ihrer Kindheit zurückfallen lassen.

Hervorgelockt durch die Kraft ihrer eigenen Magie stiegen Erinnerungen über der Leiche auf. Erst schwach und kaum wahrnehmbar, doch dann mit einem Mal mit der Gewalt einer riesigen Woge, die über Mariana hereinbrach und sie nach Luft schnappend zurücktaumeln ließ.

Avada Kedavra – der unverzeihliche Todesfluch! Ihr Herz hämmerte in Entsetzen. Wer in Shqiponjas Namen ermordete einen Landstreicher mit einem Avada? Sie zwang sich, wieder vorzutreten und ihren Wahrheitszauber zu verstärken, um noch mehr zu erfahren.

Da war tatsächlich noch mehr, auch wenn sie nichts von all dem so deutlich wahrzunehmen vermochte wie den Todesfluch. Die Identität des Mörders – an der Art, wie ihre Magie zurückzuckte, konnte sie erkennen, dass er schon zuvor gemordet hatte. Mehr als einmal. Mit ihrem Entsetzen wuchs auch die Intensität ihres Zaubers. Der Mörder hatte noch mehr getan. Etwas, das noch furchtbarer, noch grausamer war als Mord. Ein tiefdunkles Ritual. Etwas, das gegen alle Gesetze des Lebens verstieß. Doch so sehr Mariana sich auch anstrengte, sie konnte nicht erkennen, worum es sich handelte.

Voller Erschöpfung ließ sie die Arme sinken. Erst jetzt spürte sie, dass ihr Gesicht nass von Tränen war. Kaum noch auszuhaltende Übelkeit erfüllte ihren ganzen Körper. Sie musste fort von hier, sofort.

Doch auch wenn Mariana sich von dem Ort entfernte und von nun an einen großen Bogen um jene Straßen Londons machte, ließen die Bilder sie nicht mehr los. Immerzu sah sie den toten Landstreicher vor sich und die Erinnerung an den Avada, die über ihm schwebte. Sie musste mehr darüber herausfinden. So entschied sie sich zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Mutter, das mächtige Erbe zu nutzen, das in ihr schlummerte. Sie schickte ihre Magie aus. Sie sollte ihr Erkenntnis bringen.

Wieder und wieder flog Marianas Magie hinaus und trug nach und nach die Bruchstücke eines grauenvollen Puzzles zusammen. Eine alte Frau, geschmückt mit Perlen, unter Schmerzen vergiftet. Drei Leichen in einem riesigen Herrenhaus, mit leeren Augen ins Nichts starrend. Eine heruntergekommene Hütte, durchwühlt und verwüstet, der einsame Bewohner durch grausame Magie in den Wahnsinn getrieben. Ein junges Mädchen mit Brille, reglos in einer riesigen Wasserlache liegend.

Schließlich auch ein Name. Ein Name, der so harmlos klang, dass er kaum zu all diesen schrecklichen Bildern zu passen schien. Tom Riddle. Doch es gab keinen Zweifel. Marianas Magie machte keine Fehler.

Von nun an machte sie sich daran, diesen Tom Riddle zu finden. Den Mörder, den Mann, der so viel Schreckliches getan hatte. Wer war er? Warum hatte er all das getan? Was brachte einen Menschen dazu, so grausam zu morden und – was hatte er noch vor? Lange Zeit flog ihre Magie herum, ohne auch nur die geringste Spur von ihm zu finden. Er war wie vom Erdboden verschwunden – oder er verfügte über mächtige Magie, mit der er sich verbergen konnte. Doch dann stieß Marianas Magie auf seine Spur und die Erkenntnis, die sie ihr brachte, erfüllte sie mit noch größerem Entsetzen. Tom Riddle war nach Albanien gereist!

Was um alles in der Welt wollte er dort? War er gar auf der Suche nach ihr? Hatte er auf irgendeine Weise von dem mächtigen Geheimnis ihrer Familie erfahren? Verfolgte er die gleichen Ziele wie Grindelwald?

Nach einem kurzen Aufwallen hoffnungsloser Verzweiflung verwandelte Marianas Entsetzen sich in Entschlossenheit. Egal, was seine Absicht war, es musste niemals so weit kommen. Sie war ihm einen Schritt voraus, denn sie wusste von ihm und seinen Verbrechen, was bestimmt nicht zu seinen Plänen gehörte. Und sie verfügte über das Erbe ihrer Mutter. Selbst wenn er vorhatte, es ihr zu stehlen, noch gehörte es ihr und sie war frei, es zu nutzen. Es machte sie mächtig und stark. Sie würde kämpfen und nicht aufgeben. Niemals.

Ja, sie würde zurück nach Albanien reisen, ihn finden und ihn aufhalten. Es durfte keinen neuen dunklen Magier geben, keinen zweiten Grindelwald. Sie musste sich ihm entgegenstellen und ihn aufhalten. Es ging nicht nur um sie allein, es ging um alles. Doch sie war die einzige, die davon wusste, deshalb musste sie es tun.

Bei der Ankunft in ihrer Heimat hatte sie sich gefragt, ob es richtig war, es alleine zu tun. Ob sie sich hätte Hilfe holen sollen. Doch sie hatte niemanden, an den sie sich hätte wenden können. Ihr Vater hatte niemals über seine Verwandten gesprochen und mit ihrem Großvater war auch der letzte lebende Verwandte ihrer Mutter schon vor über zehn Jahren verstorben. Sie kannte keine Zauberer in London, nicht in England, in ganz Großbritannien nicht. Selbst in Albanien hatte sie nur wenige Zauberer gekannt, und erst recht niemanden, den sie in diese Sache mit hineinziehen wollte. Alles, was sie jemals gelernt hatte, wusste sie von ihren Eltern. Der einzige Name, den sie kannte, war Albus Dumbledore, aber ganz sicher würde sie sich niemals an den großen Zauberer wenden, der zu spät gekommen war, um Gellert Grindelwald zu besiegen.

Mariana hatte sich in die Wälder zurückgezogen, dorthin, wo ihre Magie sich am wohlsten fühlte. In der Scheune eines abgelegenen Bergbauernhofs hatte sie heimlich Zuflucht gefunden für Zeiten, in denen sie ein Dach über dem Kopf brauchte. Die meiste Zeit über hielt sie sich aber im Freien auf. Sie hatte nicht erwartet, dass sie es so sehr genießen würde. Das erste Mal seit dem Tod ihrer Eltern fühlte sie sich wieder richtig lebendig. Frei und verbunden mit der Natur. Die Ungezähmte.

Zum ersten Mal lebte sie auch im wirklichen Einklang mit dem magischen Erbe, das sie im Moment des Todes von ihrer Mutter empfangen hatte. Sie ließ die Magie ihre volle Stärke entfalten, ließ sich von ihr leiten, ließ sie nicht nur fliegen, sondern begann dabei auch, sie zu formen. Bei all dem hatte sie ein Ziel, das sie antrieb und ihr Entschlossenheit gab.

Sie leerte die Asche aus dem kleinen Kessel auf ihre ausgestreckte Hand. Ja, sie hatte Tom Riddle gefunden. Mehr noch, er hatte ihre Botschaft empfangen. Schon bald würde sie ihm gegenüber stehen. Sie spitzte die Lippen und blies die Asche in die Dunkelheit der Nacht.

Inzwischen freute sie sich fast auf den Moment ihrer Begegnung. Sie war bereit. Und sie war nicht länger Mariana. Ihren Namen hatte sie mit all den wertvollen Erinnerungen an ihre Vergangenheit tief in ihrem Inneren verschlossen, an einem sicheren Ort in ihrem Herzen. In dem Augenblick, in dem ihre Magie mitten in den Wäldern Albaniens zum ersten Mal ihre wahre Gestalt angenommen hatte, hatte sie sich einen neuen Namen gegeben, einen magischen Namen, der viel besser zu ihrer Magie passte, zu ihrer neu erwachten Stärke und zu dem Ziel, das sie verfolgte:

Sorra – Krähe.
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