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Der stille Notruf

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P12 / Gen
10.03.2022
27.06.2022
14
33.802
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Der Sommer hielt es auch nicht mehr lange aus. Als hätte die Sonne genauestens in den Kalender geschaut, hatte sie sich pünktlich zum Schulbeginn verzogen und ließ eine dichte Wand feinster Regentropfen auf die Welt herunterrieseln.
Die Welt, die bestand an diesem Morgen aus dem kargen Schulgebäude, einem zweistöckigen Mauerwerk, das passenderweise jede Art von Freude direkt zu absorbieren schien. Wenn ich die Augen zusammenkniff, begrüßte mich aus der Ferne schon das verblichene Schild, das die Schule als Sigmund-Freud-Gymnasium auswies, wobei vermutlich zwei Drittel der Schülerschaft - und damit meinte ich auch die Großen und gar die Abiturienten - überhaupt keine Ahnung davon hatten, wer dieser Mann überhaupt war, dessen Namen in Kapitalen über dem Eingang prangte. Okay, ich wusste es auch nicht wirklich und hatte es schon oft genauer herausfinden wollen, aber jedes Mal war mir dann etwas dazwischengekommen, da konnte ich auch nichts für.
Eine Mischung aus Zigarettenqualm von den Coolen und Stressschweiß, die nach den Ferien immer ganz besonders intensiv bei uns vertreten war, brachte mich zu der Frage, wie die dicken Eichen, die einzelne gepflasterte Wege säumten, das überhaupt aushielten, aber wieso sollte ich das auch verstehen? Ich war kein Baum.
Nein, ich war nur das durchschnittliche Mädchen von nebenan. Durchschnittliche Noten, durchschnittlicher Freundeskreis, durchschnittliche Hobbies, eigentlich war ich genau diejenige, die man Mainstream nannte. Moment, das stimmte auch nicht ganz. Aber das war zu schwer zu erklären, deswegen ließ ich das für gewöhnlich bleiben, genauso, wie ich es bleiben ließ, mich in die Dinge anderer einzumischen. Das war nämlich das, was mich von meinen Freundinnen Holly, Emma und Vanessa ganz gewaltig unterschied und mir daher Angst machte.
Und kaum war ich einmal auf diese drei Menschen gekommen, die mir eben etwas näherstanden, als der Rest der Klasse, streckten sich schon drei Arme in die Luft, alle davon braun gebrannt und vermutlich nur darauf aus, mich trotz Augenringen zu zerquetschen. Aber da musste ich jetzt scheinbar durch.
"Warum bist du denn so spät?", begrüßte mich Emma vorwurfsvoll und zog mich bereits in eine Umarmung, die ich reflexartig erwiderte.
"Jeder nach seinem Tempo", murmelte ich und musterte Emma, die mal wieder in nahezu allen möglichen Punkten gegen die Kleiderordnung verstoßen hatte. So zog sie die Blicke der Jungs am laufenden Band auf sich, was sich auch nicht geändert hatte, nachdem sie von dem Rothaarigen aus der Parallelklasse übel belästigt worden war.
"Hey, lange nicht gesehen!", rief Vanessa und hatte gefolgert, dass wir uns ganze sechs Wochen nicht gesehen hatten, also noch eine Umarmung. Sie hatte reiche Eltern, durch die sie schon die halbe Welt hatte sehen können. Da war es naheliegend, dass ich jeden Inselstaat der Karibik zwangsweise auswendig gelernt hatte, und ihrem Teint entnahm ich, dass sie auch dieses Mal länger jenseits unserer Breitengrade verbracht haben musste.
"Und wie war's so in Los Angeles?". Meine Frage hatte keinen tieferen Sinn, belangloser Smalltalk eben.
"Hast du meine Insta-Stories nicht gesehen?". Beinahe empört stemmte Vanessa die Arme in die Seiten und legte noch dazu einen Schmollmund auf.
Verdammt, da war ja was. Nicht, dass ich neidisch auf sie war, aber ich hatte kein Bedürfnis danach, zu wissen, ob sie nun in einem teuren Restaurant, einem exklusiven Nachtclub oder am Strand verkehrt hatte. Wenn ich etwas genauer wissen wollte, fragte ich schon nach, aber nach meinen fünf Tagen auf dem Bauernhof erkundigte sich schließlich auch niemand.
Wenigstens kam nun auch Holly auf mich zugetreten, die wohl gemerkt hatte, was ich heute brauchte, nämlich gar nichts.
"Hi Jette, du, ich habe mit Florian Schluss gemacht!".
Meine Augen weiteten sich. Das wurde aber auch mal Zeit, auch wenn ich mich gedanklich schon darauf vorbereitete, wieder als Seelsorgerin bei drohendem Liebeskummer herzuhalten, denn wenn die Klasse eines über Holly wusste, dann, dass sie ihre Freunde wechselte wie ihre Unterwäsche.

Bevor ein weiteres Gespräch entstehen konnte, klingelte es und die Masse an Schülern schob uns hinein, wo es dann nur noch schlimmer war. Ein hässlicher, kahler Flur, gerade so groß, dass hier niemand erstickte, aber eben auch nicht so groß, als dass man sich wohlfühlte oder Lust hatte, hier Wahrheit oder Pflicht zu spielen, so wie die andere Clique unserer Klasse in ihren Freistunden, deren Fingernägel eher Krallen glichen und die wohl dafür verantwortlich war, dass der Konsum von Make-Up innerhalb unserer Schule seit den letzten paar Monaten sprunghaft angestiegen war.
Ich hasste es, am ersten Schultag viel zu reden, denn dieser Tag konnte so viel kaputtmachen, stand er doch in unserer Klasse immer für das Schicksal, wer von uns im neuen Schuljahr welchen Ruf hatte, den man dann bis zum Juni oder gar Juli nicht mehr loswurde, ganz egal, wie sehr man es auch versuchte. Nicht alle haben dem Druck bisher standhalten können und so kam es schon mal vor, dass plötzlich mitten in der Klausurenphase jemand von uns gegangen war und nicht mehr wiederkam. Ohne Ankündigung, ohne Abschiedskuchen oder auch nur eine nachträgliche Bekanntmachung auf Instagram. Man war dann nichts mehr als eine Schattenfigur, die von heute auf morgen aus den Köpfen der Klasse verbannt wurde, und sie ließen sich nie wieder blicken. Da gab es zum Beispiel Gina, die mit der Nickelbrille und der Essstörung. In jeder großen Pause war sie auf die Toilette geflohen, und erst nach Monaten war ans Licht gekommen, wofür sie ihre Besuche dort wirklich nutzte. Oder Kilian, der etwas dickliche, unproportionierte Typ mit dem Fußfetisch. Irgendwann im letzten Schuljahr hatte er die Gelegenheit am Schopfe gepackt und in der Pause die Füße des Mädchens in der Klasse über uns fotografiert, der die Sandaletten heruntergerutscht waren, nachdem sie in der Sonne eingenickt war. Wie sich das genau rumgesprochen hatte, wusste ich auch nicht mehr, auf jeden Fall trug besagte Schülerin nach diesem Vorfall nie wieder offene Schuhe. Und das waren nur zwei Beispiele von vielen, doch sie zeigten, wie auch alle anderen, dasselbe: Von der Norm abzuweichen, bedeutete hier das Aus. Aber ich hatte mich nie großartig für andere interessiert, was man vielleicht egozentrisch nennen konnte. Ich hingegen nannte es eine Lebenseinstellung, mit der man immer auf der sicheren Seite war.
Auch sonst war meine Schulzeit immer betont ruhig und frei von Krisen. Das Spektakulärste in meinem Stundenplan war da noch die Theater-AG jeden Freitagnachmittag. Sah eben ganz nett auf dem Zeugnis aus und unser verantwortlicher Lehrer, Herr Picron, Halbfranzose mit Schnauzer und Tattoos auf beiden muskulösen Armen, konnte gute Witze reißen. In einem früheren Leben war er Gärtner gewesen, auch wenn niemand von uns verstand, was um alles in der Welt ihn denn bitte zu uns verschlagen haben muss, denn wenn mich jemand fragte, war meine Antwort immer dieselbe: Es lohnte sich nicht.

Das Geschehen auf den lieblos gefliesten Treppen ließ sich perfekt mit Massentierhaltung vergleichen. Holly, Emma und Vanessa setzten alles daran, dass wir uns nicht aus den Augen verloren. Hier und da schnappte ich Gesprächsfetzen von Sechstklässlern auf, die in Bio letztes Jahr offenbar nicht aufgepasst hatten, erfuhr mit einem Ohr, welche Schauspieler gerade die Angesehensten waren, und war doch für nichts davon zu begeistern.
Unser Klassenraum war ein sachlich gehaltenes Zimmer ohne Schnörkelkram, dafür blieb einfach kein Platz. Die Schule wollte, dass sich möglichst jeder hier wohlfühlte, dabei wussten wir doch alle, dass die Schüler bei der Umgestaltung lieber selbst Hand anlegten und Tische, Stühle, Wände und sogar die Decke gerne mit Sprüchen und Symbolen verzierten - entweder per Stift oder per Gravur.
"Hat wer Bock?", fragte Emma irgendwo zwischen zwei überfüllten Mülleimern in unsere Richtung.
"Oh ja, sowas von", murrte Vanessa ironisch und verdrehte die Augen. Ihre Markenklamotten plus ihre Aussage ließen sie ziemlich verwöhnt erscheinen, auch wenn mir klar war, dass der Eindruck täuschte, zumindest dachte ich das. Meine Freundinnen waren meine Freundinnen, irgendwer musste es ja sein, und wer in den Pausen alleine in der Ecke stand und den traurigen Clown spielte, endete so wie Gina oder Kilian - als Schattenfigur.
Empfangen wurden wir wie gewohnt, nämlich gar nicht. Die Mädchen und Jungen schauten nicht einmal auf, als unser Quartett durch die Tür geschlichen kam und von dem Neonröhrenlicht geblendet wurde, ohne das das Lernen tatsächlich einigermaßen erträglich wäre. Selbst Emma blieb von den sonst immer so stechenden Blicken der männlichen Klassengemeinschaft verschont. Nichts aber wurde uns an diesem Morgen gegönnt, nicht einmal, dass ich meine schokobraunen, wenn auch nicht gerade glänzenden Haare, die mir ins Gesicht gefallen waren, nach hinten werfen konnte. Wobei, eigentlich konnte ich es schon, doch es war der Schicksalstag. Keine Millisekunde unangenehm auffallen, so lautete mein Credo.
"Wo ist denn noch frei?", überlegte Emma und scannte die Sitzordnungen ab, die natürlich zu unserem Nachteil ausgefallen waren. Es gab noch drei freie Plätze hinten am Fenster, dann einen freien ganz vorne am Lichtschalter, und einen ziemlich in der Raummitte. Ich ahnte Böses.
Holly hingegen sah das gar nicht ein und näherte sich der Jungsgruppe, die den entscheidenden Platz blockierte.
"Könnt ihr euch nicht umsetzen?". Selbst als ihre Freundin fand ich das wenig überzeugend, hätte es aber kaum besser hinbekommen. Die Quittung dafür folgte sogleich, denn Rainer mit seinem geschorenen Schädel und dem übergroßen Hoodie fiel nichts Besseres ein, als ihr den Mittelfinger herauszustrecken. Das war immer noch in Ordnung, ein Finger war ja harmlos, aber Holly sah es ein, dass die Diskussion keinen Sinn machte, wenn sie überhaupt richtig begonnen hatte.
"Da ist wohl jemand zu spät gekommen!", provozierte sein bester Kumpel Oskar und rückte seine Cap zurecht, die im Klassenraum eigentlich nicht getragen werden durfte, aber natürlich sah das in seiner Realität anders aus.
"Ja toll, dann können wir nicht zusammen sitzen", beschwerte sich Vanessa und musterte die übrigen Stühle, die die perfekte Sitzgruppe bildeten, nur eben für drei Personen, außer, man hatte vor, im Unterricht auf dem Schoß seiner Freundin zu sitzen.
"Ich geh' schon rüber", seufzte ich und schlich, um nicht negativ aufzufallen, auf den Mittelplatz, umgeben von den Stillen, die den Notenschnitt in jeder Klausur anhoben, aber bei der Besprechung der mündlichen Noten regelmäßig kalte Füße bekamen. Ina, mit ihrer rauen Stimme, die äußerst selten zum Einsatz kam, und ich könnte nicht mal mit Sicherheit sagen, ob ich sie schon einmal je außerhalb von Referaten gehört hatte, und auch die beiden Nerds Ben und Lukas waren längst in ihre Mathebücher versunken und ließen ihre Finger über die Tastaturen ihrer Taschenrechner fliegen. Darum bemühte ich mich gar nicht erst, sie zu begrüßen, als ich den Stuhl hervorzog, meine Schultasche daneben abstellte und im Kopf meinen Stundenplan durchging, den wir schon neulich per Mail zugeschickt bekommen hatten. Wahrscheinlich von der Mehrheit der Klasse noch nicht einmal gelesen, konnte ich mich vage an einen extrem naturwissenschaftlich geprägten Tag erinnern, der also das Zeug dazu hatte, zu meinem Hasstag der Woche zu werden.
Immer wieder versuchten Holly, Emma und Vanessa über mehrere Meter ein Gespräch mit mir aufzubauen, doch ich reagierte nicht. Je länger sie sich darum bemühten, mich mit dem Aussprechen meines Namens in allen möglichen Tonlagen zu foltern, desto peinlicher wurde es. Dieses eine Jahr ohne meine Freundinnen in meiner direkten Nähe konnte ich wohl überleben, auch wenn ich mich vielleicht fragen sollte, ob es danach immer noch meine Freundinnen wären. Das stand in den Sternen, das war jetzt kein Thema.

Die Tischgespräche ebbten nicht ab - natürlich mit der Ausnahme meiner Sitznachbarn - was immer dann vorkam, wenn sich die Lehrkraft zu viel Zeit ließ. Und so war es heute, eigentlich hätte unsere Klassenlehrerin Frau Ebers wie immer ihre typische Ansprache zu Beginn des neuen Schuljahres gehalten. Doch damit kam jedes Mal auch viel organisatorisches Zeug auf uns zu, das mich nicht sonderlich tangierte. Wer Klassensprecher wurde, stand schon im Vorfeld fest, die Klassenkasse blieb auch jedes Jahr die Klassenkasse und die Ferienerlebnisse der anderen waren so spannend wie Dauerwerbesendungen.
"Wenn die nicht gleich kommt, mach' ich blau!", posaunte Fabian aus der hintersten Ecke und trommelte demonstrativ auf den Tisch. Es wäre nicht das erste Mal, doch wie durch ein Wunder hatte er die Attestpflicht bis zum heutigen Tag umgehen können.
Auch ich spürte, wie sich die Zeit immer mehr hinzog und meine Pupillen unruhig die Uhrzeiger verfolgten. Nichts passierte. Die Tafel wirkte schon beinahe traurig, dass wir sie so lange ignorierten, aber auch die Gesprächsthemen missfielen mir immer mehr.
"Guten Morgen, alle vollzählig, wie schön! Das heißt... jetzt sind wir vollzählig".
Mitten im Sitz, nein, mitten im Wort, auch nicht, mitten im Buchstaben verstummten die Konversationen und alle starrten nach vorn. Frau Ebers, eine kleine, noch recht junge Frau mit Kontaktlinsen und einem allgemein harmlosen Erscheinungsbild, war jetzt mal doch eingetroffen, das allerdings nicht allein. Eng an ihrer Seite watschelte ein Junge, jeden ihrer Schritte permanent imitierend, steif auf den Boden blickend. Er trug ein schlichtes schwarzes T-Shirt, das selbst die Neutralität des Klassenraums überbot, hatte sich die blonden, etwas längeren Haare sorgfältig gekämmt und erweckte den Eindruck eines Toten, den sie wieder aus dem Grab geholt hatten. Hautfarbe und Figur sprachen dafür.
"Du kannst dich dort vorne hinsetzen, Laurin", wies Frau Ebers geduldig auf den jetzt einzigen freien Platz, was der Junge scheinbar zwar akustisch und auch inhaltlich verstanden hatte, aber dies nur ausdrückte, indem er ihren Ratschlag kurzerhand umsetzte. Keine Mimik, keine Gestik, kein Ton. Dasselbe galt in diesem Moment für uns, die wir wie versteinert dasaßen und gebannt auf den Fremden blickten. Denn das war diese Gestalt, die es nicht schaffte, den Kopf aufrechtzuhalten, ein Wort zu sagen oder auch nur etwas anderes als die Beine zu bewegen.
Während der Junge, der auf den Namen Laurin hörte, seine Schulmaterialien nacheinander auspackte und dabei an einen Roboter erinnerte, räusperte sich Frau Ebers: "Das ist Laurin, unser neuer Schüler. Nehmt ihn bitte gut auf, er ist etwas... ...speziell".
Vereinzelnd wurde genickt, das musste reichen. Ich hatte einen guten Blick auf Laurin und stutze über die Art und Weise, wie er Bücher, Hefte und Stifte auf seinem Tisch arrangierte. Sie bildeten ein wahres Kunstwerk, das musste ich zugeben. Doch zum Schluss fischte er etwas hervor, was normalerweise nicht in die Schultasche eines Jungen über 14 gehörte: Einen Modellkrankenwagen, so gesehen ein Kinderspielzeug, über das sich höchstens mein Bruder Noah gefreut hätte - dieser hatte heute seinen ersten Tag in der Krabbelgruppe.
Wie selbstverständlich platzierte er das Objekt in der rechten oberen Ecke seines Tisches - und schien zufrieden zu sein.
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