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2022 03 10: Verlorene Hoffnung [by Eiche]

Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P12 / Gen
10.03.2022
10.03.2022
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10.03.2022 1.110
 
Tag der Veröffentlichung: 10.03.2022
Titel der Geschichte: Verlorene Hoffnung
Song: “Tagträume” von Dame
Autor: Eiche


Verlorene Hoffnung



„Warum bist du immer so böse?“
„Lass das, Mia, sowas sagt man nicht zu anderen. Und jetzt komm. Wir müssen nach Hause.“
„Ihr könnt gerne auch bleiben. Ich kann dir erklären, warum ich so bin, Kleine.“
Das kleine Mädchen weicht einen Schritt zurück, drängt sich an das Bein der Mutter.
„Nein, ich möchte nicht.“
Ich sehe, wie der alte Mann regelrecht zusammen sinkt. Doch weder das Mädchen noch die Mutter scheinen es zu bemerken. Schnell gehen sie. Der Mann sitzt immer noch auf der Bank, sieht auf die Straße. Ich kenne ihn. Schon als ich ein kleines Kind war, saß er dort. Auch ich hatte einmal große Angst vor ihm. Er hat uns immer nur geschimpft. Und wir haben uns über ihn lustig gemacht. Erst mit der Zeit habe ich gemerkt, wie falsch das damals war. Wer von uns weiß denn, warum dieser Mann so ist. Gerade wirkt er auf mich nur einsam. Und so gut kann ich ihn verstehen. Wir sind doch alle alleine. Und ich glaube nicht, dass er jemanden zum Reden hat. Tag für Tag sitzt er dort. So sieht kein erfülltes Leben aus. Ich sehe ihn, es ist für mich so normal, dass er da ist. Aber ich kann nur hoffen, dass ich nicht auch so ende. Nur habe ich keine Ahnung, wie ich das verhindern kann. Es liegt in so weiter Zukunft. Ich bin noch zu jung, um mir wirklich über das Altern Gedanken zu machen. Vielleicht sieht in fünfzig Jahren die Welt auch ganz anders aus. Alles kann sich verändern. Was dieser Mann erlebt hat? Was weiß ich schon, ich bin auch nur ein kleines Mädchen.

Ich merke, dass ich den Mann immer noch anstarre. Und auch er sieht zu mir. Schnell wende ich meinen Blick ab, ich möchte nicht mit ihm reden. Noch bin ich dazu nicht bereit. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass er aufsteht. Kurz denke ich, er kommt zu mir, doch dann biegt er ab. Das Notizbuch, das ihm aus der Tasche fällt, bemerkt er nicht.
Auch ich sehe es erst, als ich zehn Minuten später an der Bank vorbeikomme. Ich hebe es auf, ein kleines, altes Notizbuch. Es gehört mir nicht, ich sollte es ihm bringen. Aber mir wird klar, dass ich weder den Namen des Mannes kenne, noch dass ich weiß, wo er wohnt.
Ich weiß nicht, was über mich kommt, man schnüffelt nicht in fremden Sachen. Aber ich setze mich auf die Bank und schlage das Notizbuch auf. Was er wohl aufgeschrieben hat? Vielleicht kann ich ihn auf diesem Weg ein bisschen kennenlernen. Die Schrift ist nicht leicht zu entziffern. Aber je weiter ich lese, desto besser erkenne ich die Worte.

Jeden Tag besucht sie die Hallen. Jeden Tag sieht sie dort Menschen, die unter grauenvollen Bedingungen schwerste Arbeit verrichten. Auf ihre Bedürfnisse wird nicht geachtet. Sie hasst es, das zu sehen. Aber sie kann sich nicht abwenden. Ihr ist klar, dass sie das Leid nicht ignorieren kann. Es ist in ihrem Kopf, sie kann es nicht mehr ausblenden. Sie hat versucht zu vergessen, aber dabei ist ihr Wille nur erstarkt, etwas dagegen zu tun.
Jeden Tag sieht sie die Menschen, und sie fragt sich, wie andere so etwas zulassen können. Sie sieht den Geschäftsleiter, sieht all die Menschen, die die Entscheidungen treffen. Es sind nette Leute, niemandem von ihnen würde sie Unrecht unterstellen. Aber all diese Menschen tun nichts gegen das Leid. Sie versteht es einfach nicht. Fragen über Fragen stellt sie, kann es immer noch nicht begreifen. Warum? Warum tut niemand etwas? Jeder muss doch erkennen, dass die Menschen falsch behandelt werden. Sind sie ihnen so wenig wert? Dabei wäre Veränderung doch nicht so schwierig. Irgendwer müsste es nur wollen.
Sie fühlt sich so schlecht und machtlos. Schuld überkommt sie, wann immer sie das Gelände betritt. Sie kann nicht länger zusehen. Also lässt sie ihre Beziehungen spielen, bis sie selbst Teil des Unternehmens wird. Sie arbeitet nun auch an diesem Ort, von Beginn an höher gestellt als die Arbeiter. Und ihr einziges Ziel ist es, diese Missstände zu ändern. Sie hält es sich vor Augen, während sie sich Stück für Stück hocharbeitet. Sie muss es schaffen.
Und sie schafft es. Nach Jahren harter Arbeit ist sie in einer Position, in der sie den Menschen helfen kann. Sie kann alles ändern. Es ist ihre Aufgabe. Nie war sie ihrem Ziel näher als jetzt. Aber während sie das begreift, wird ihr klar, dass es nicht so einfach ist. Sie merkt, dass eine Veränderung für das Unternehmen und auch für ihre Position nur Schlechtes bedeuten würde. Sie versteht, dass auch sie nichts ändern möchte, auch wenn sie es jetzt könnte. Denn ihr persönlich, und den Menschen, mit denen sie auf einer Stufe steht, würde das nur schaden. Sie hat das Prinzip der Welt verstanden. Sie hat verstanden, weshalb niemand etwas gegen Ungerechtigkeit tut. In dem Moment, in dem es jemandem möglich ist, etwas zu ändern, würde ihm das nur schaden. Nie wird irgendetwas passieren.


„Ah, du hast mein Buch gefunden.”
Erschrocken fahre ich hoch.
„Tut mir leid. Ich wollte nicht darin lesen. Ich dachte nur…”
„Kein Problem. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.”
Der alte Mann setzt sich neben mich auf die Bank.
„Wieso hassen sie Kinder so?”
Ich kann nicht sagen, weshalb ich ihm diese Frage stelle. Sollte ich nicht eher über seinen Text reden? Vor allem, weil ich mir die Antwort auf meine Frage denken kann.
„Ich hasse Kinder nicht. Aber ich finde es sehr frustrierend, sie zu beobachten. Ich finde es generell frustrierend,  Menschen zu beobachten, über sie nachzudenken. Ich meine, sieh dich doch nur um. Überall ist Unrecht. Überall sind Leid und Krieg. Und alle Bemühungen, das zu ändern, scheitern. Dabei wollen es doch alle ändern. Ich sehe die Kinder, und sehe in ihnen mich selbst. Ich hatte einmal Hoffnungen. Ich wollte einmal die Welt verändern und dafür sorgen, dass es allen gut wird. Aber ich bin gnadenlos daran gescheitert. All meine Träume, all die Wunschwelten sind mit der Zeit verblasst. Meine Visionen sind verschwunden, weil mir klar geworden ist, dass ich komplett machtlos bin. Wir alle sind es. Und diese Unfähigkeit, irgendetwas zu ändern, bricht uns alle. Ich sehe die Kinder und weiß, dass auch sie dasselbe erleben werden. Denn es wird sich nie etwas ändern.”
Ich sehe den Mann schweigend an, weiß nicht, was ich antworten kann. Er ist auch nur ein einsamer Mensch. Ein Mensch, der immer nur das Gute wollte, um zu merken, dass nichts Gutes existiert. Ein Mensch, dem das Erkennen der Welt alle Träume entrissen hat.
 
 
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