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Im Namen eines höheren Wohls

von Jodis
Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi / P18 / MaleSlash
Dr. John Watson Sherlock Holmes
09.03.2022
25.11.2022
34
244.175
21
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29.09.2022 6.700
 
Es ist endlich so weit (Hi, John *zwinker*) Die Suche findet ihr Ende. Was für eines? Lest selbst :-)
Und da ich morgen wieder viel zu tun habe, gebe ich euch jetzt schon die Gelegenheit dazu.
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The road is long
With many a winding turn
That leads us to who knows where
Who knows where
But I'm strong
Strong enough to carry him
He ain't heavy, he's my brother

So on we go
His welfare is of my concern
No burden is he to bear
We'll get there
For I know
He would not encumber me
He ain't heavy, he's my brother

Bob Russell / Bobby Scott


Mittwoch, 21. Dezember 1898

Sherlock erwachte davon, dass in seiner Nähe mit Geschirr geklappert wurde. Es war nun fast behaglich warm im Raum. Auch die Lampen waren entzündet worden.
Robertson hatte das Gas jedoch nur halb aufgedreht, was wohl zu gleichen Teilen der Sparsamkeit wie der Absicht, Sherlock nicht stören zu wollen, geschuldet war.
Der Kapitän selbst stand am Herd und hantierte dort mit einem emaillierten Kochtopf herum. Jetzt schob er diesen gerade vom Feuer und verschloss die Öffnung des Herdes wieder mit den dazugehörigen Eisenringen.
Sherlock setzte sich auf, schlang aber die Decke weiter um sich. Trotz der Wärme im Raum und obgleich seine Kleidung getrocknet schien, fröstelte er noch immer.
Robertson warf ihm einen kurzen Blick zu, dann schöpfte er den Inhalt des Topfes in zwei Teller. Einer davon wurde vor Sherlock auf den Tisch geknallt.
„Essen!“
Sherlock schob ihn wieder von sich. Das war das Letzte, das er gerade wollte. Vermutlich würde ihm ohnehin alles wieder hochkommen, flau wie ihm war.
„Danke, nein.“
In Sekundenschnelle stand der Teller wieder zurück vor seiner Nase.
„Essen, und zwar sofort. Ich finde Sie in meinem Haus, als ich zurückkomme, schlafend wie ein Toter und kaum lebendiger aussehend als ein solcher.
Ich weiß nicht, was Sie getrieben haben, mein Junge, aber Sie werden jetzt etwas essen und dann weiter schlafen, sonst werden Sie morgen kaum in der Lage sein, Ihre Aufgabe fortzusetzen.“
Widerwillig musste Sherlock ihm Recht geben. Für gewöhnlich machte sich sein Körper nicht viel aus dem Mangel an Nahrung, aber vielleicht war die Übelkeit auch ein Zeichen dafür, dass er es diesbezüglich ebenfalls übertrieben hatte.
Er ergriff also den Löffel und betrachtete prüfend, was der Kapitän ihm dort vorgesetzt hatte. Optisch war dieser „Eintopf“, denn einen solchen sollte es wohl darstellen, nicht gerade ansprechend. Karotten, Kartoffeln, Kohl und einige Stücke Hammelfleisch waren darin auszumachen. Jedoch kleingeschnitten und ziemlich zerkocht. Das Ganze schwamm in einer fetten Brühe.
Immerhin roch es passabel, wenn auch recht deutlich nach Schaf.
Ergeben begann Sherlock zu essen.
Robertson setzte sich mit dem zweiten Teller ihm gegenüber und musterte seinen Gast mit kritischem Blick.
„Sie waren vier Stunden lang völlig weggetreten. Ich habe ernsthaft mit mir gerungen, ob ich einen Arzt rufen oder einfach abwarten sollte.“
Sherlock sah auf. „Es wäre nicht nötig gewesen.“
„Sind Sie sicher?“
Sherlock nickte. „Ich brauchte lediglich eine Ruhepause.“
„Wenn Sie es sagen...“
Robertson sah nicht überzeugt aus, sprach aber kein Wort mehr, bis Sherlock seinen Teller geleert hatte.
Wenn auch die Kochkünste des Kapitäns nicht gerade überwältigend waren, fühlte Sherlock sich besser. Ganz unabhängig von allem übrigen hatte er seit dem Morgen, an dem John entführt worden war, so gut wie nichts mehr gegessen. Vermutlich hatte er seinem Körper tatsächlich zu viel zugemutet, so dass dieser nun eine gewisse Energiezufuhr benötigt hatte. Zudem hatte die warme Mahlzeit die Kälte aus seinen Gliedern vertrieben.
So wenig Sherlock für gewöhnlich schätzte, wie schnell das Kokain wieder aus seinem Blut verschwand, so günstig erwies sich jener Umstand jedoch in diesem Falle. Wenn er seinem Herzen keinen bleibenden Schaden zugefügt hatte – wonach es sich zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht anfühlte – dann sollten sämtliche Reste des Stoffes inzwischen aus seinem Körper verschwunden sein. So oder so aber war es sicherlich nicht ratsam, in der nächsten Zeit noch einmal  Gebrauch davon zu machen, vor allem nicht so exzessiv. Er würde sich morgen also ganz auf seine eigenen  Kräfte verlassen müssen. Von daher sollte er nun wohl auch besser dem zweiten Rat des Kapitäns nachkommen und seinem Körper so viel Ruhe gönnen, wie nur irgend möglich.
Dieser jedoch hatte Teller und Löffel fortgeräumt und sich ihm wieder gegenüber gesetzt.
Sherlock fuhr innerlich zusammen. Es musste seiner miserablen Verfassung geschuldet sein, dass er es nicht sofort bemerkt hatte, aber jetzt fragte er sich, wie er diesen Fakt nur hatte übersehen können?
Robertson hatte Neuigkeiten, gute Neuigkeiten, die er brannte, dem Detektiv zu berichten. Wie er dort saß, lag auf seinem gesamten Körper eine gewisse Anspannung. Auch war seine Atemfrequenz leicht erhöht, dennoch zeigte er keinerlei Anzeichen von Nervosität oder Stress.
Er war aus gewesen. Ebenso wie gestern hatte er getrunken, und es umgab ihn eine leichte Fahne von Gin.
Doch war der Kapitän kein geselliger Mann und verabscheute das Gedränge eines Pubs. Ebenso war er trotz seines recht hohen Alkoholkonsums wählerisch. Er schätze seinen Grog, war auch einem guten Wein nicht abgeneigt, doch um Gin, dem Getränk der Masse, welches überall billig zu haben war, machte er für gewöhnlich einen Bogen. Gleichwohl hatte er ihn heute getrunken.
Sherlock beugte sich vor und blickte Robertson interessiert an. „Was hat er Ihnen berichtet?“
Robertson zog die Augenbrauen hoch.
„Ich gehe davon aus“, erläuterte Sherlock, „dass es ein 'Er' war. Sie halten im Allgemeinen nicht viel von Frauen und ihre wenigen Bekanntschaften sind alle männlich. Somit glaube ich kaum, dass sie bei einem weiblichen Wesen nach Auskunft gesucht haben.“
Robertson schüttelt verstimmt den Kopf.
„Ist es überhaupt möglich, Sie zu überraschen?“, brummte er.
Sherlock zuckte die Achseln. „Gelegentlich. Sonst wäre Dr. Watson jetzt nicht in dieser misslichen Situation.“
Er sah den Alten an. „Also.... Was haben Sie für mich?“
„Gestern war ich wohl schon ein wenig zu benebelt, um mich an ihn zu erinnern.“ Der Kapitän wirkte bei diesem Eingeständnis tatsächlich etwas verlegen. „Und als er mir dann heute morgen in den Sinn kam, waren Sie bereits fort.“
Sherlock lehnte sich wieder zurück und wartete geduldig. Robertson hatte schon immer die Neigung besessen, etwas umständlich zum entscheidenden Punkt zu kommen.
„Es gibt da einen Kerl“, fuhr der Kapitän fort. „Es wäre wohl zu viel gesagt, ihn einen Freund zu nennen, aber ich kenne ihn bereits seit Jahrzehnten. Er hat sein ganzes Leben hier in den Docks verbracht. Jahrelang hat er als Schauermann selbst Ladung verstaut, später war er Vorarbeiter. Ein gewiefter Kerl, der alles und jeden kennt und selbst jetzt im hohen Alter noch ständig für die Docker's Union* tätig ist. Er kennt jeden und jeder kennt ihn. Das macht ihn wohl nützlich...“

* Dock, Wharf, Riverside and General Labourers Union (DWRGLU) Arbeiter Gewerkschaft von 1887-1922

„Wie dem auch sein“, unterbrach er sich selbst. „Ich bin auf jeden Fall zu ihm hin, er hat darauf bestanden eine Flasche Gin zu köpfen, und während wir uns der gewidmet haben, habe ich ihm das Emblem auf ihrem Teesack beschrieben. Er kannte es tatsächlich.“
Sherlock setzte sich kerzengerade auf. „Und zum wem gehört es?“
„Zu einem recht kleinen Handelshaus“, erläuterte der Kapitän. „Der Reeder hatte sich auf den Import von chinesischen Gütern, hauptsächlich Kunstwaren und Tee spezialisiert. Er muss in den letzten paar Jahren aber einiges an Pech gehabt haben. Ladung verdorben, Schiffbruch und dergleichen. Auf jeden Fall hat es ihm das Genick gebrochen, und er ging pleite. Er hat sich erschossen, doch nun streiten sich Gläubiger und Erben seit mehr als einem Jahr über die verschiedenen Ansprüche. Lange Rede kurzer Sinn. Der Mann besaß ein Lagerhaus. Nur eines. Es liegt irgendwo in der Nähe vom South oder Spirit Quay und steht seit seinem Tod leer.“
In der Antike hätten es die Menschen wohl für einen mit Ironie gespickten Scherz der Götter gehalten: Den unwissenden Suchenden genau am falschen Ende beginnen zu lassen, nur um ihn kurz vor seinem Ziel zur Aufgabe zu zwingen.
Doch die Dinge waren nun einmal wie sie waren. An den East India Docks wurde der meiste Tee angelandet, daher war es logisch gewesen, dort zu beginnen.

Sherlock hatte, obwohl alles in ihm danach brannte, sich direkt wieder auf den Weg zu machen, bis zum nächsten Morgen ausgeharrt. Zum einen hatte der Kapitän nicht die genaue Position des Lagerhauses in Erfahrung bringen können, zum anderen würde es nach ein paar weiteren Stunden Ruhe und bei Tageslicht leichter sein, einem möglichen Hinterhalt zu entgehen.
Denn Sherlock ging nicht davon aus, dass er mit John, ganz ohne irgendwelche Hindernisse überwinden zu müssen, einfach würde davon spazieren können.
Auch wenn er im Allgemeinen Schlaf als langweilig und zeitraubend empfand, war es dennoch, wie er sich eingestehen musste, die richtige Entscheidung gewesen. Er hatte sich, als er aufstand ausgeruht und erfrischt gefühlt, als habe es den gestrigen Vorfall nie gegeben.
An diesem Morgen war auch Robertson noch vor Tagesanbruch aufgetaucht. Sherlock hatte zwar sein Angebot eines Frühstücks ausgeschlagen, doch einen Tee gegen die morgendliche Kälte, den Robertson sogar von sich aus aufsetzte, hatte er gerne angenommen.
Trotz dessen, dass er nun wusste, wohin er zu gehen hatte, musste Sherlock dennoch geraume Zeit suchen, bis er endlich vor dem Lagerhaus stand. In dem Moment aber, da er das Gebäude sah, hatte er keinen Zweifel daran, dass er am richtigen Ort war.
London war eine geschäftige Stadt, die wuchs und wuchs und kein Ende zu finden schien. Immobilien und Baugrund waren kostbar. Dennoch gab es immer wieder leerstehende Gebäude, die auf einen neuen Besitzer, eine neue Verwendung oder den Abriss warteten. Wenn all dies jedoch zu lange dauerte, fanden sich rasch ungefragte Nutzer, die eine Verwendung dafür hatten.
Dies hier war ein Lagerhaus in unmittelbarer Nähe der Docks in der Red Mead Lane. Kein Firmenschild,  wies mehr auf seinen Besitzer hin. Die Fenster waren samt und sonders vernagelt, und, obschon noch nicht allzu alt, wirkte das Gebäude dennoch herunter gekommen und verwahrlost.
Bedächtig trat Sherlock näher, doch niemand beachtete ihn. Er nahm prüfend das Schloss des Tores in Augenschein. Es war ganz offensichtlich: Irgendjemand hatte sich daran zu schaffen gemacht und sich unbefugt Zugang verschafft. Das Tor war zwar nicht groß genug für ein Fuhrwerk, aber doch weit größer als eine gewöhnliche Haustür, so dass es ein Leichtes war, Kisten und Säcke hindurch zu tragen – oder auch einen dementsprechend verstauten Menschen. Sherlock zog leicht am Griff und das Tor bewegte sich ihm entgegen. Niemand hielt ihn auf.
Es war zu simpel. Zu einladend.
Sherlock ließ noch einmal den Blick über die Menschen auf der Straße schweifen, doch jeder schien nur mit sich selbst beschäftigt. Allerdings würde man, wenn man ihn denn beobachtete, dies fraglos aus dem Verborgenen heraus tun.
Sherlock holte seinen Revolver aus der Tasche und entsicherte ihn, achtete jedoch, dass dieser für die Blicke der Passanten unsichtbar blieb. Was auch immer sich hinter dieser Tür verbarg, es würde ihn äußerst wehrhaft finden.
Er zog das Tor etwas weiter auf, glitt hindurch und ließ es wieder ins Schloss fallen. Tat einen schnellen Schritt zur Seite und verharrte dann regungslos.
Die Waffe immer noch erhoben, lauschte der Detektiv in die Dunkelheit und versuchte möglichst flach und lautlos zu atmen, um seine Position nicht zu verraten. Doch so sehr er seine Sinne auch anstrengte, er vernahm nicht das geringste. Wenn jemand auf ihn wartete, dann nicht hier.
Allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Zwischen den Ritzen der Bretter vor den Fenstern drangen winzige Spuren des Tageslichts herein und erlaubten, zumindest Umrisse zu erkennen.
Das Erdgeschoss schien aus einem einzigen großen Raum zu bestehen. Vielleicht waren hier Waren gelagert worden, vielleicht aber hatte man auch lediglich die einzelnen Lieferungen hier zusammen gestellt beziehungsweise begutachtet.
Langsam ging Sherlock hinüber ans andere Ende. Obwohl er so sacht wie möglich auftrat, erschien ihm jeder seiner Schritte dröhnend in der Stille widerzuhallen.
Dem straßenseitigen Tor gegenüber lag ein weiteres, welches wohl auf den Kai hinausführte. Auf jener Seite fand sich dann auch ein Kontor.  Ebenso führten eine Treppe und ein handbetriebener Lastenaufzug hinauf in die oberen Stockwerke. Für gewöhnlich hatten Gebäude wie dieses, die so unmittelbar an der Themse gelegen waren, keine Keller. Zu groß war das Risiko, dass der Pegel des Flusses soweit anstieg, dass er diese flutete.
Sherlock warf zunächst einen Blick ins Kontor. Hier hatte jemand eines der Bretter herunter gerissen, so dass der Raum leidlich mit Licht erfüllt war. Es standen sogar noch einige ältliche Büromöbel da, deren Verkauf wohl nicht genug Geld eingebrachte hätte, als dass ihn jemand in Erwägung gezogen hätte. Alles lag unter einer dicken Staubschicht.
Sherlock lächelte zynisch. Er mochte Staub. Staub konnte einem aufmerksamen Beobachter vielerlei erzählen.
Was er hier jedoch bereit hielt, hätte sogar der simpelste Police-Constable erkennen müssen: Vor Kurzem erst  mussten sich Menschen in diesem Raum befunden haben. Die Abdrücke mehrerer Paar Schuhe zeichneten sich deutlich auf dem Boden ab. Ihre Besitzer hatten sich keine Mühe gegeben, sie zu verbergen. Und auch wenn sie sich überlagerten und verschmiert hatten, waren einzelne doch so deutlich und scharf, dass ihre Verursacher unverkennbar Männer gewesen sein mussten, von denen mindestens einer Thrawls Größe besessen hatte.
Achtlos in einer Ecke hatte man das Firmenschild zurückgelassen, welches vormalig wohl den Eingang geziert hatte. Sherlock bückte sich, wischte Schmutz und Staub beiseite, und das mittlerweile so vertraute Emblem prangte ihm entgegen. Martin & Sons Inc. stand darunter.
Sherlock erhob sich und ging zurück in die Halle.
Alles passte. Thrawl war hier gewesen und hatte die Säcke an sich genommen.
Wenn also Sherlocks Überlegungen stimmten, musste auch John hier sein.
Nachdem sich seine Augen erneut an die Dunkelheit gewöhnt hatten, stieg der Detektiv die Treppe hinauf. Auch auf dieser fanden sich bei genauem Hinsehen Fußspuren. Sie führten weiter durch eine Tür im ersten Stock, welche dort vom Treppenabsatz abging. Vor ihr stieß Sherlock auf eine Petroleumlampe. Neben ihr lagen eine Schachtel Streichhölzer und, etwas weiter verstreut, einige abgebrannte Hölzchen. Im Gegensatz zu allem anderen waren Lampe und Streichhölzer nicht vom Staub begraben.
Sherlock lächelt grimmig. Offenbar war er am Ziel.
Er verfiel gar nicht erst auf die Idee, die Lampe anzuzünden und somit eine hervorragende Zielscheibe abzugeben. Fürs Erste sah er genug. Er steckte jedoch die Zündhölzer ein. Sie mochten sich vielleicht noch als nützlich erweisen.
Die Tür gewährte den Zugang zu einen Korridor, der sich, so wie es aussah, wiederum über die gesamte Länge des Gebäudes erstreckte und von welchem links und rechts weitere Türen zu den eigentlichen Lagerräumen abgingen. Die meisten dieser Türen standen offen, doch auch hier waren die Fenster vernagelt, so dass die Etage ebenfalls weitestgehend im Dunkeln dalag.
Es wäre nur zu leicht, wenn man es geschickt anstellte, ihm hier aufzulauern, ohne das er die Chance hatte es zu bemerken, bevor sein Gegner sich auf ihn stürzte.
Vorsichtig, alle Sinne in höchster Alarmbereitschaft ging Sherlock vorwärts. Doch noch immer stellte sich ihm niemand in den Weg, was ihn zunehmend misstrauischer machte.
Er warf einen Blick in jeden einzelnen der Räume, welche wie der Rest des Gebäudes leer geräumt zu sein schienen. Schließlich aber gelangte er an eine Tür, die im Gegensatz zu allen anderen, nicht nur verschlossen war, auch Scharniere und Riegel waren frisch geschmiert.
Wenn es eine letzte Bestätigung gebraucht hätte, dass John hier war, dann hätte Sherlock sie hiermit gehabt.
Der Detektiv zögerte.
John war der ideale Köder. Hätte Sherlock selbst erst den Raum betreten, bräuchte man nur noch die Tür hinter ihm zuzuschlagen, verriegeln und sie beide säßen in der Falle.
Sherlock versuchte noch einmal zu erspüren, ob sich außer ihm noch jemand hier befand. Aber alles um ihn herum blieb stumm.
Ein Risiko bestand dennoch. Es war also besser, Vorsorge zu treffen.
Der Detektiv schob den Riegel zurück, ergriff die Tür an beiden Seite und versuchte sie anzuheben, doch sie rührte sich nicht.
Wer immer dieses Haus erbaut hatte, schien vorgehabt haben, es für die Ewigkeit zu errichten. Die Tür war so breit, dass ein Mann sie gerade eben erfassen konnte. Zudem war sie aus massiver Eiche gefertigt und dementsprechend schwer.
Ächzend versuchte Sherlock es erneut, und dieses Mal schien sie sich einen Hauch bewegt zu haben.
Also verstärkte er seine Bemühungen und hielt mit einem Mal die Tür in den Händen.
Er musste alle Kraft aufbieten, damit sie nicht polternd zu Boden fiel. Es gelang Sherlock, die Tür vorsichtig abzusetzen, doch anschließend zitterten seine Arme von der Anstrengung und Schweiß ran ihm von der Stirn. Er nahm sich jedoch kaum Zeit, sich mit dem Ärmel übers Gesicht zu fahren.
John brauchte ihn, alles andere war unwichtig.
Auch dieser Raum war fast vollkommen dunkel, doch Sherlock meinte beim Näherkommen, eine zusammengesunkenen Gestalt zu erkennen, die dort auf einem Stuhl oder etwas ähnlichem saß.
Mit wenigen Schritten hatte er den Freund erreicht und hockte sich zu ihm nieder. Aber obwohl Sherlock ihn ansprach und berührte, zeigte John keinerlei Regung.
Beunruhigt versuchte Sherlock, den Zustand des anderen zu erfassen, doch das Licht reichte dafür einfach nicht aus.
Eine hämische Stimme in seinem Kopf begann zu wispern: „Zu spät. Du warst zu langsam.“
Unwillkürlich krampfte sich Sherlocks Innerstes zusammen, und er hatte das Gefühl, ein Eisball würde sich dort weiter und weiter ausbreiten.
Seine Hände flogen zum Kopf des Freundes, glitten zu dessen Hals und tasteten verzweifelt hoffend nach einem Puls.
Sherlock stieß den angehaltenen Atem aus und spürte, wie die schlimmste Anspannung von ihm abfiel, als er das gleichförmige und stetige Klopfen unter seinen Fingern wahrnahm. Und sobald er mit seinem Ohr näher an den Mund des Freundes kam, hörte er auch Johns leisen, rauen Atem.
Aber erst als Sherlock das Gesicht des anderen berührte, wusste er auch, warum dieser so gedämpft geklungen hatte. Ein Knebel aus einem verdrehten und hinter dem Kopf verknoteten Tuch hatte sichergestellt, dass John sich nicht bemerkbar machen würde.
Hastig löste Sherlock den Knoten.
Es war riskant, einen Menschen so lange zu knebeln. Das Opfer konnte leicht ersticken.
Immerhin dies war dem Freund erspart geblieben.
Der Detektiv fuhr mit den Händen weiter am Körper des anderen entlang.
Man hatte John nicht nur an Hand- und Fußgelenken gefesselt, sondern auch seinen Oberkörper und die Unterschenkel mit dem Stuhl verzurrt, so dass dieser vollkommen bewegungsunfähig war. So hielten den Bewusstlosen seine Fesseln auch jetzt noch an Ort und Stelle und verhinderten, dass er zu Boden stürzte.
Der Stuhl selbst war mit dem Boden verschraubt. Ihre Gegner hatte diesen Ort sichtbar bestens präpariert.
Sherlock richtete sich auf.
Der Mangel an Licht war unbefriedigend. Er musste sehen, in wie weit John verletzt war. Seine Hände gaben ihm nur unzureichend darüber Auskunft. Er brauchte mehr Licht.
Da waren die Streichhölzer in seiner Tasche und vorne an der Tür stand noch die Lampe. Ihr Schein würde zumindest für einen ersten Eindruck ausreichen.
Im selben Moment aber nahm Sherlock es wahr – ein Geruch, der ihm alarmiert aufmerken ließ, der in seiner Art unverkennbar war.
Gas.
Das Lagerhaus war ein vergleichsweise modernes Gebäude. Sicherlich war jeder seiner Räume mit Gaslicht ausgestattet gewesen.
Man hatte also lediglich eine der Leitungen anbohren müssen, so dass ein kleiner aber beständiger Fluss des Gases in diesen Raum strömte
Was für eine perfide Falle!
Jede Flamme, jeder noch so winzige Funke hätten den Ort hier in eine Flammenhölle verwandelt.
Die Explosion hätte sie beide ins Verderben reißen sollen.
Sogar das nötige Werkzeug hatte man Sherlock so bereit gelegt, dass er zwangsläufig darauf stoßen musste.
Doch auch Gas allein war schon tödlich.
Hatte es John vielleicht bereits nicht mehr gut zumachenden Schaden zugefügt?
Sherlock verschloss erneut alle Emotionen tief in seinem Inneren. Zunächst einmal musste er John hier heraus schaffen.
Dann – in sicherer Entfernung – würde er überprüfen, wie es genau um den Freund stand.
Wieder beugte er sich zu dem Freund hin und rüttelte ihn dieses Mal etwas fester an der Schulter.
„John?“
John bewegte sich leicht und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, schien jedoch nicht zu erkennen, dass Sherlock bei ihm war.
Er sollte sich besser beeilen. Sherlock spürte, wie er selbst bereits Kopfschmerzen bekam.
Vorsichtig löste er die Fesseln des Freundes.
John fiel ihm entgegen, kaum dass die Seile ihn nicht mehr hielten. Sherlock fing ihn auf.
Es war erschreckend, wie klein dieser bewegungslose Körper in seinen Armen wirkte. John war natürlich kein großer Mann, doch kräftig. Und so unscheinbar er auch oft wirkte, wenn er es darauf anlegte hatte er eine unglaubliche Präsens und Autorität, die kaum jemand in Frage zu stellen wagte. Nun jedoch schien er kaum mehr zu sein als eine Lumpenpuppe.
Sherlock nahm den Freund hoch.
John stöhnte leise, als Sherlock ihn sich auf die Schultern lud.
„Tut mir leid, alter Junge“, murmelte Sherlock.
Es tat ihm in der Seele weh, seinen Freund wie ein Stück Frachtgut schleppen zu müssen – vermutlich war dies auch für John nicht gerade die beste Position in seinem Zustand – aber anders würde er ihn nicht tragen können, zumindest nicht so weit wie es nötig war. Außerdem konnte Sherlock so immer noch eine Hand lösen, um sich gegebenenfalls zu Wehr zu setzen, ohne dass er John niederlassen musste.
Auch auf dem Weg nach unten behelligte sie niemand, was Sherlock nun jedoch nicht mehr verwunderte. Niemand, der bei klarem Verstand war, würde sich freiwillig länger als nötig in dieser tödlichen Falle aufhalten.
Und doch musste man gewusst haben, dass der Detektiv auf dem Weg war. Das Gas konnte noch nicht zu lange in den Raum geströmt sein, sonst wäre John inzwischen nicht mehr am Leben. Auch hätte es sich bis in den Korridor ausgebreitet, denn die Tür schloss nicht dicht genug, um es vollständig im Raum zu halten. Der Geruch war indes im Gang noch nicht wahrnehmbar gewesen.
Es war ein beunruhigender Aspekt, dass man trotz seiner Vorsichtsmaßnahmen seine Schritte so gut überwacht hatte. Wie Sherlock befürchtet hatte, hatte er zweifellos durch den tödlichen Unfall Thrawls unmissverständlich klar gemacht, dass er immer noch im Spiel war. Vermutlich hatte man einfach nur darauf gewartet, dass er in diesem Teil der Docks auftauchte.
Nun jedoch galt es, dafür Sorge tragen, dass man John und ihm nicht weiter folgen konnte.
Sherlock beschloss, das Gebäude lieber auf der rückwärtigen Seite zu verlassen. Er musste John dafür allerdings noch einmal absetzen, um auch dieses Schloss zu aufzusperren, bevor sie das Lagerhaus hinter sich lassen konnten. Es war kaum ein Weg zu nennen, was hier zwischen Gebäuden und Wasser lag, aber ein einzelner Mann selbst beladen mit einer Last konnte hier gehen, ohne balancieren zu müssen.
Erst nachdem sie drei weitere Gebäude hinter sich gelassen hatten, setzte Sherlock den Freund vorsichtig auf dem Boden ab. Konzentriert ließ er seinen Blick über die Gestalt des anderen gleiten und fuhr mit den Fingern tastend über dessen Glieder.
Sherlock kämpfte nur mühsam die aufsteigende Wut in sich nieder, als ihm klar wurde, was man mit John getan hatte.
Im  Grunde genommen: Nichts.
Dennoch war der Freund in einem fürchterlichen Zustand.
Oberhalb des rechten Ohrs war eine Platzwunde, die stark geblutet hatte, so dass Haar und Kragen mit getrocknetem Blut verklebt waren.
Doch darüber hinaus fand Sherlock keine weiteren Wunden, die auf eine Misshandlung hindeutenden. Alle Gliedmaßen waren vollständig, nichts schien gebrochen. Man hatte John vermutlich lediglich geschlagen, um ihn außer Gefecht zu setzten.  
Der Freund musste sich jedoch mit aller Kraft und wohl auch zunehmender Verzweiflung gegen seine Fessel gewehrt haben, denn die Haut an seinen Handgelenken war aufgeschürft und seine Bemühungen hatten tiefe Male hinterlassen. An den übrigen Stellen seines Körpers hatte die Kleidung dies verhindert, obgleich Sherlock einige Druckstellen und Hämatome erkennen konnte.
Johns Kleider waren verschmutzt und besudelt, aber Sherlock störte sich nicht daran.
Mit Erleichterung nahm er wahr, dass der Freund zwar ungesund blass war, seine Haut jedoch keine unnatürlich rote Färbung aufwies, wie es bei den Opfern von Gasvergiftungen für gewöhnlich der Fall war. Das Gas hatte seine Wirkung also hoffentlich noch nicht in verheerender Weise tun können.
Allerdings war John immer noch ohne Bewusstsein. Zwar hatte er einmal kurz die Augen halb geöffnet und offenbar versucht, seine Umgebung zu fokussieren, war aber gleich darauf wieder in sich zusammengesunken. Immer wieder bewegte er die rissigen, aufgesprungenen Lippen, doch kam kein Ton über sie.
Sherlock ballte die Fäuste.
Man hatte John dort festgebunden und war dann gegangen. Drei Tage lang hatte der Freund in völliger Dunkelheit und Kälte gesessen, von wachsendem Hunger und vor allem Durst geplagt, in dem immer deutlicher werdenden Wissen, dass man ihn dort einfach zum Sterben zurückgelassen hatte.
Wie sauer musste ihm die Zeit geworden sein!
Es blieb die Frage, was grausamer war: Schläge und Misshandlungen erdulden zu müssen oder langsam und qualvoll zu  verdursten. Sherlock war sich nicht sicher, welche von beiden Torturen er gewählt hätte, wenn er vor die Entscheidung gestellt worden wäre.
Er strich dem Freund sanft über das Gesicht und fing an dessen Glieder zu massieren.
Jetzt, wo die Fesselns gelöst waren, begann das Blut in Johns Gliedmaßen wieder ungehindert zu fließen, wodurch er starke Schmerzen haben musste. Selbst wenn der andere in besserer Verfassung gewesen wäre, würde es ihm wohl unmöglich gewesen sein zu laufen.
Sherlock sah auf den besinnungslosen Freund herab. Sie mussten zügig weiter. John brauchte Wasser, womöglich einen Arzt.
Aber vorher galt es noch etwas zu erledigen.
Würden sie einfach gehen, wäre ihren Gegnern innerhalb kürzester Zeit bewusst, dass ihre Falle nicht zugeschnappt und die Beute mitsamt dem Köder entkommen war. Als Folge würden sie dann vermutlich unbarmherzig Jagd auf sie machen.
Diese Mal war John derjenige, welcher eine Atempause benötigte, und auch Sherlock würde keinen Schritt vorwärtskommen, wenn er sich ständig nach möglichen Verfolgern umsehen musste.
Dieses Mal mussten sie gründlicher vorgehen und bestenfalls vollkommen von der Bildfläche verschwinden, um freie Hand zu haben.
Wie Sherlock aus eigener Erfahrung wusste, gab es dafür kaum etwas geeignetere als den Tod.
Man hatte ihnen eine tödliche Falle gestellt. Was lag also näher, als den Anschein zu erwecken, dieses sei doch erfolgreich gewesen?
So wie es aussah, gab es mindestens einen von Thrawls Leuten, der das Lagerhaus im Auge behielt. Vermutlich jedoch nicht in unmittelbarer Nähe. Wer konnte schon sagen, wie verheerend sich die Explosion auswirken würde?
Allerdings würde diese noch etliche Straßenzüge entfernt wahrzunehmen sein. So dass der Posten sich in sicherer Entfernung aufhalten konnte und erst im Nachhinein in Augenschein nehmen konnte, was genau geschehen war.
Sherlocks Miene wurde grimmig.
Es wäre ein gewagtes Spiel, welches ihn nur allzu leicht das Leben kosten konnte.
Es hieße im wahrsten Sinne des Worte, mit dem Feuer zu spielen.
Dennoch sollte er das Risiko eingehen.
Dankeswerte Weise hatte ihnen ihr Gegner das nötige Werkzeug ja  bereits an die Hand gegeben.
Es war unwahrscheinlich, dass irgendjemand sie beim Verlassen des Lagers bemerkt hatte, was seinen Plan wasserdicht machen sollte.
Sherlock warf noch einmal einen prüfenden Blick auf John, dessen Zustand aber unverändert schien.
Mit dem stummen Versprechen gleich wieder bei ihm zu sein, eilte der Detektiv davon.

Zurück auf der Treppe, nahm er die Petroleumlampe und schüttelte sie prüfend.
Er würde sparsam damit umgehen müssen, damit es reichte. Zwar war auch die Nitrozellulose in den Patronen seines Revolvers für sein Vorhaben geeignet, aber es war weit aus umständlicher, daran zu kommen. Zudem benötigte er sie womöglich noch für ihren eigentlichen Zweck.
Durch die offenstehende Tür von Johns Verlies hatte sich das Gas begonnen, in den Gang auszubreiten. Als Sherlock den Geruch deutlich wahrnehmen konnte, stoppte er und begann, von dort eine dünne Spur Petroleum bis zur Tür, welche auf den Treppenabsatz hinausging, zu verteilen. Es langte gerade so eben bis dorthin. Mit dem allerletzten Rest tränkte er den Lumpen, in dem Johns Uhr eingeschlagen war, nachdem er ihn in einen langen Streifen gerissen hatte. Diesen Streifen legte er dann von Spur durch den Türspalt zu sich nach draußen.
Sherlock entzündete ein Streichholz.
Als er es an den Stoff hielt und beobachtete, wie dieser zu brennen anfing, hoffte er wie noch nie in seinem Leben, sich nicht verschätzt zu haben.
Er hastete die Treppe hinab und rannte um sein Leben.
Er wollte gerade aus dem Tor zu stürzen, als eine gewaltige Detonation nicht nur das Haus, sondern auch die gesamte Umgebung erzittern ließ. Die Druckwelle warf den Detektiv so heftig nach vorne, dass es ihn beinahe ins Wasser katapultiert hätte. Sherlock rappelte sich auf, taumelte weiter und stürzte erneut. In seinen Ohren fiepte ein unerträglich hoher Ton, und ihm schien die Fähigkeit abhanden gekommen zu sein, sich aufrecht halten zu können. Benommen kroch er von dem Gebäude fort und erst, als er ein erneutes Krachen hörte, wandte er sich noch einmal um.
Ein Teil des Hauses war eingestürzt, und Flammen schlugen aus ihm empor.
Ziegel brannten nicht, und auch die Eichentüren fingen nur sehr schwer Feuer. Vermutlich hatte man auch genau aus diesem Grund solche verbaut, um zu verhindern, dass sich ein Feuer allzu leicht im Gebäude ausbreiten konnte. Denn Tee und aus Holz gefertigte Möbel oder Skulpturen waren natürlich gut brennbar.
Gleiches galt für den Dachstuhl. Hier verwendete man für gewöhnlich keine Eiche, weshalb dieser gerade bei schon einige Jahre bestehenden Gebäuden brannte wie Zunder.
Die Explosion hatte sich wohl nicht nur im ersten Stock verheerend ausgewirkt, sondern auch die darüber liegenden Bereiche zerschlagen, so dass sich die damit  einhergehen Feuersäule bis zum Gebälk des Daches ungehindert ausbreiten konnte.
Von dem Lagerhaus würde nicht viel übrig bleiben, und jeder Betrachter musste glauben, dass, wer sich auch immer darin befunden hatte, den sicheren Tod gefunden haben musste.
Die Hitze, die von dem Feuer ausging, war unerträglich. Doch endlich hatte Sherlock das Nachbargebäude erreicht, stemmte sich an dessen Wand hoch und tastete sich an ihr entlang  zurück zu John.
Vorne an der Straße waren nun aufgeregte Stimmen, Schreie und eilende Schritte zu hören.
Den Geräuschen nach zu urteilen, strömten die Menschen von allen umliegenden Ecken herbei.
Sherlock war es nur Recht. Wenn dort vorne Aufruhr herrschte, war es schwierig, den Überblick zu behalten, wenn Thrawls Leute sich überzeugen wollten, dass tatsächlich niemand aus ihrer Falle entkommen war.
Umso leichter konnten er und John unbemerkt verschwinden.
Dennoch musste der Detektiv einige Zeit ungenutzt verstreichen lassen, nachdem er den Freund erreicht hatte. Zu heftig hatten ihn die Auswirkungen der Explosion mitgenommen.
Schließlich jedoch ließ der Schwindel nach und er stand wieder fest auf den Füßen. Nur das grässliche Fiepen blieb.
Erneut lud sich Sherlock John auf die Schulter und schlich mit ihm ein weiteres Stück hinter den Häusern entlang, bevor er sich auf die Straße wagte, wo er mit seiner Last um einiges leichter vorwärts kam.
Jedoch vermied er die größeren Verkehrswege und suchte sich seinen Weg durch die stilleren kleinen Gassen.

Die Stadt war eine herzlose, eine gleichgültige Stadt. Niemand, dem sie begegneten, hielt sie an. Niemand fragte, ob sie Hilfe benötigten. Passanten streiften sie gleichgültig mit ihren Blicken und gingen achtlos weiter. Dabei mussten sie ein mehr als suspektes Bild abgeben: Ein großer hagerer Kerl in etwas abgerissener Kleidung und Blessuren im Gesicht schleppte einen deutlich mitgenommen wirkenden, Gentleman durch die Gegend, vielleicht sogar dessen Leiche. Und das am helllichten Tag.
Gewissermaßen war Sherlock sogar froh darüber. Je weniger man sie beachtete, desto besser. Zwar wurden sie nicht von der Polizei gesucht, doch sollten sie einem Constable auffallen, würde dies Fragen nach sich ziehen, die unter Umständen bis an das Ohr ihres Feindes gelangen würden. Wer konnte schon wissen, wie gut selbst Beamte des Yards ihren Mund halten konnten. Dann würde dieser trotz Sherlocks Mühen erfahren, dass er immer noch nicht vor dem Detektiv sicher war.
Langsam begannen Sherlocks Schultern zu schmerzen. Trotz allem war John schwer.
Somit war der Detektiv nicht nur ein wenig erleichtert, als sie an den ersten öffentlichen Brunnen gelangten. Sie hatten bislang zwar nur etwa eine Meile zurückgelegt, aber fürs erste waren sie weit genug von John Gefängnis entfernt.
John musste dringend trinken. Von daher war es ein glücklicher Umstand, dass es solche, für jedermann zugängliche Wasserquellen an allen Ecken der Stadt gab. Dieser hier diente Mensch und Tier gleichermaßen. Denn es war nicht nur möglich, Wasser in ein mitgebrachtes Gefäß, sondern auch in ein sich direkt unter dem Ausfluss befindendes steinerner Becken zu füllen, aus dem ein Vierbeiner dann direkt trinken konnte.
Da er nicht gleichzeitig pumpen, das Wasser auffangen und John stützen konnte, ließ Sherlock vorsichtig den Freund nieder, der immer noch nicht in der Lage schien, sich aufrecht zu halten.
Sherlock schöpfte das kleine Becken leer, reinigte es kurz und pumpte es dann bis zum Rand voll.
Er knüpfte sein Halstuch ab, tauchte es in das Wasser und fuhr dann damit über das Gesicht des anderen, so dass es dessen Wangen und Lippen benetzen konnte.
John gab einen erstickten Laut von sich und wollte fahrig nach dem Tuch greifen und es festhalten. Geradezu verzweifelt versuchte er, das Wasser daraus zu saugen.
Es schnitt Sherlock ins Herz, den Freund so zu sehen. Er wusste selbst, wie quälend Durst zu sein vermochte, doch wie John sich gerade fühlte, konnte er sich nicht einmal im Ansatz vorstellen.
Langsam richtete er den anderen auf und lehnte ihn gegen sich, bevor er nach dem Wasser angelte und etwas davon in die hohle Hand schöpfte. Auf diese Weise konnte er zwar nicht viel Wasser an Johns Lippen bringen, aber jeder Schluck wurde von John gierig ausgetrunken.
Es war mühselig, doch Sherlock vermutete, dass dieses langsame Vorgehen letzten Endes für den Freund sogar besser war.
Irgendwann ließ dieser den Kopf gegen ihn zurücksinken und atmete mit geschlossenen Augen langsam und bewusst ein und aus.
„Sherlock?“ Johns Stimme klang fremd und rau.
Der Detektiv strich dem Freund leicht über der Arm. „Ja, John, ich bin hier. Es wird alles gut.“
Die Züge des Arztes verzogen sich zum Ansatz eines schwachen Lächelns. „Es IST alles gut. Ich habe gewusst, dass du kommen wirst, um mich daraus zu holen. Das hat mich durchhalten lassen, verstehst du?“
Sherlock wusste nicht recht, was er darauf erwidern sollte. Ja, er hatte den anderen gefunden, doch hätte nicht viel gefehlt, und er hätte John keine Hilfe mehr bringen können.
So fragte er lediglich: „Möchtest du noch etwas Wasser, John?“
Dieser schüttelte leicht den Kopf. „Gleich. Für den Moment bin ich froh, hier einfach sitzen und meine Glieder ausstrecken zu können.“
Sherlock begann vorsichtig die Hände des anderen reiben. „Hast du Schmerzen?“
John nickte. „Es ist die reinste Hölle. Aber es vergeht auch wieder und zeigt zumindest, dass das Blut noch zirkuliert.“
Sherlock fuhr mit seinen Bemühungen fort, während John noch einmal wegzudämmern schien. Der Detektiv verwehrte es ihm nicht. Es würde ohnehin noch eine ganze Weile dauern, bis John versuchen konnte aufzustehen. Prinzipiell saßen sie hier so gut oder so schlecht wie anderswo. Doch war es in den letzten Tagen empfindlich kalt geworden. John konnte sich den Tod holen, wenn er hier so liegen blieb.
Es erschien Sherlock wenig sinnvoll, nach dieser Rast den Freund weiterzutragen. Zum einen konnte diese Art des Transportes für John auf Dauer kaum förderlich sein, zum anderen liefen sie Gefahr, dass man sie früher oder später doch ansprach und Sherlock sich würde erklären müssen. Verborgen zu bleiben, musste von nun an ihr wichtigsten Ziel sein.
Daher würde er auch nicht noch einmal die Gastfreundschaft des Kapitäns in Anspruch nehmen, auch wenn dessen Haus am leichtesten zu erreichen gewesen wäre. Nein, sie würden andernorts Zuflucht suchen,  zunächst aber musste John sich erholen.
Unweit des Brunnens hatte Sherlock einen armseligen Pferdestall entdeckt. Vielleicht die Unterkunft eines Droschkengaules. Er machte keinen guten Eindruck, ebenso wenig wie das Haus, welches dazugehörte. Doch Wohnstatt von Mensch und Tier schienen verweist, weshalb Sherlock bereit war, großzügig über den Schmutz hinwegzusehen, und John hinübertrug.
In einer Ecke des Stalles fand sich sogar ein kleiner Haufen Heu, der offenbar als Futtervorrat für diese Woche dienen sollte. Das Heu war alt und staubig, aber sauber, sodass Sherlock John darauf niedersinken ließ. John hatte über dies allem nur einmal kurz die Augen geöffnet, war aber nicht wieder richtig wach geworden.
Nachdenklich betrachtete Sherlock den Freund.
Zwar hatte John am Brunnen eifirg getrunken, doch mochte dies kaum genügen, um den Mangel der letzten Tage auszugleichen.
Suchend sah Sherlock sich um. Er brauchte ein Gefäß, um etwas Wasser von Brunnen hier herein zu holen. Doch die zwei verbeulte Zinkeimer in einer Ecke, die wohl zu Versorgung des Pferdes dienten, waren genauso verdreckt wie der Stall selbst. Es würde wohl John kaum dienlich sein, daraus Wasser zu sich zu nehmen.
Schließlich jedoch entdeckte Sherlock in der Haferkiste ein Maß aus Emaille, welches sogar leidlich sauber war. Er spülte es einiger Male am Brunnen, bevor er es füllte und damit zu John zurückkehrte.
Obwohl er weiterschlief, nippte John an dem improvisierten Becher, sobald Sherlock ihm diesen an die Lippen hielt.
Zufrieden machte es sich der Detektiv neben dem Freund bequem.
Wasser und Schlaf waren im Moment das Wichtigste für John, und er würde dafür sorgen, dass dieser beides in den nächsten Stunden in ausreichendem Maße erhielt.
Zu diesem Zweck würde auch dieser armselige Platz genügen.

Es hatte zu regnen begonnen, doch immerhin war wenigstens das Dach dicht, so dass sie weiterhin im Trockenen saßen.
John schlief nach wie vor. Sherlock hatte eine Hand auf Johns Körper gelegt, Wache gehalten und dabei dem anderen immer wieder etwas Wasser eingeflößt. Bei dem kleinsten Geräusch draußen hatte er den Blick argwöhnisch über die Straße schweifen lassen, doch niemand hatte sie aufgestört.
Ab und an waren Frauen an den Brunnen gekommen, um Wasser zu holen, doch keine von ihnen hatte sie eines längeren Blickes gewürdigt. Wenn sie sie überhaupt dort in dem Stall bemerkt hatten, sahen sie wohl lediglich  zwei Betrunkene, die sich ihrem Rausch hingaben und keinerlei Aufmerksamkeit wert waren.
Sherlock wandte den Blick prüfend zum Himmel. Bald würde das Licht gänzlich schwinden und es wurde Zeit, dass sie einen geschützteren Ort aufsuchten. Der Weg, den sie vor sich hatten, war weit. Darüber hinaus war nicht abzusehen, wann der Besitzer des Stalles und sein Bewohner heimkehrten.
Der Detektiv bewegte prüfend den Kopf. Der Schwindel war nicht zurück gekommen, und auch der störende Ton in seinen Ohren endlich verstummt.
Er hätte es dem Freund gerne erspart, doch hatte er zu seinem Bedauern keine andere Wahl als ihn zu wecken, und so rüttelte Sherlock leicht an dessen Schulter.
John fuhr mit einem Ruck hoch, schien aber einen Moment zu benötigen, bevor er erkannte, wo er sich befand und wer bei ihm war. Langsam richtete er sich auf.
Sherlock legte stützend einen Arm um den anderen. „Kannst du aufstehen?“
John zuckte die Achseln. „Wir werden es nicht herausfinden, wenn wir es nicht versuchen.“
Der Detektiv fasste den Freund fester, zog ihn mit sich hoch und hielt ihn, bis er sicher war, dass sich dieser auf den Beinen halten konnte. Dann führte er ihn, den anderen weiter stützend, nach draußen zurück an den Brunnen.
John löste sich von dem Detektiv und machte einen wankenden Schritt auf den Brunnen zu, musste sich dann jedoch daran abstützen. Als Sherlock aber erneut den Schwengel betätigte, beugte John sich vor und trank in tiefen Zügen.
Sherlock wartete, bis sich der Freund sich satt getrunken hatte uns sich ihm wieder zuwandte. Er  musterte ihn aufmerksam.
„Meinst du, du bist  in der Lage eine  längere Strecke zu laufen?“
John zuckte die Achseln. „Ich habe keine Schmerzen mehr in den Gliedern oder wenn nur noch minimale. Auch mein Kopf dröhnt kaum noch. Lass uns einfach schauen, wie weit ich komme. Bis wir eine Droschke finden, wird es wohl gehen.“
Sherlock schüttelte den Kopf. „Wir können uns keine Droschke erlauben.“
John sah sich um. „Ich habe ohnehin keine Ahnung, wo wir hier sind. Wie weit ist es denn überhaupt bis zur Baker Street?“
Sherlock schüttelte den Kopf. „Es ist kein kurzer Weg. Wir sind in Tower Hamlets, Batty Street um genau zu sein, aber du wirst die Straße kaum kennen. Allerdings wird auch nicht die Baker Street unser Ziel sein. Wir können vorerst nicht dorthin zurück.“
John nahm diese Aussage ungerührt mit einem Nicken zur Kenntnis. „Wohin dann?“
„Zum Haus meiner Mutter.“

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Nach diesem Lied musste ich nicht lange suchen. Sein Text passte einfach perfekt hierher.
Schwieriger war es jedoch, ein passendes Video für den Link zu finden. Ich wünschte mir ein paar ausdrucksstarke Bilder zu der Musik und nicht nur die Band. Jedoch fand ich fast nur Soldaten, die Verwundete trugen, was zwar durchaus passend ist, mir dann aber doch etwas zu einseitig war.
Vielleicht spricht euch dieses Video hier an:

He's aint heavy
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