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Im Namen eines höheren Wohls

von Jodis
Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi / P18 / MaleSlash
Dr. John Watson Sherlock Holmes
09.03.2022
29.09.2022
25
176.375
17
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34 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
22.09.2022 7.015
 
Wow, es ist der Wahnsinn, wie oft diese Geschichte in dieser Woche angeklickt wurde. Ich danke euch.
Danke auch wiederum an John Snape fürs Review. Ich freue mich immer wieder darauf.


I've seen dark before, but not like this
This is cold, this is empty, this is numb
The life I knew is over, the lights are out
Hello, darkness, I'm ready to succumb

I follow you around, I always have
But you've gone to a place I cannot find
This grief has a gravity, it pulls me down

But a tiny voice whispers in my mind
You are lost, hope is gone
But you must go on.

Kristen Anderson-Lopez/Robert Lopez


Mittwoch, 21. Dezember 1898

Langsam schritt Sherlock die Straßen entlang. Bis zu den ersten Docks war es nicht weit. Doch war es müßig zu hoffen, in dieser Nacht noch etwas erreichen zu können. Daher hatte er es nicht länger eilig.
Thrawls Tod war in zwiefacher Sache ein Missgeschick. Es war von vorneherein unabänderlich gewesen, dass, sobald Sherlock sich diesem in den Weg stellte, deutlich werden würde, dass der Detektiv sich nicht länger dem Druck beugte, sondern das Spiel wieder selbst in die Hand genommen hatte.
Nur war der Sherlock davon ausgegangen, dass er John erreichen würde, bevor Thrawl hätte Alarm schlagen können.
Nun jedoch war dies alles hinfällig. Sherlock hatte keine andere Wahl gehabt als sobald wie möglich Thrawls sterbliche Überreste dem Yard zu überantworten. Hätte er versucht, dessen Leiche zu verbergen, hätte dies unter Umständen zur Folge gehabt, dass man ihn wegen Mordes gesucht hätte. Zwar hätte es für Sherlock kein Problem dargestellt, sich dem Zugriff der Polizei zu entziehen, doch es wäre womöglich fatal gewesen, noch stärker in den Focus der Gesetzeshüter zu geraten. Daher musste er nun damit leben, dass sich Thrawls Ende nur allzu schnell herumsprechen würde, und selbst Sherlock konnte nicht prognostizieren, wie weit seine Suche nach John dann schon gediehen sein mochte.
Denn es gab leider keinen Weg, die Dinge zu beschleunigen. Zu sagen, in dieser Stadt herrschten Licht und Schatten, war nicht immer einfach nur poetisch gemeint, sondern beschrieb auch ganz faktisch die Realität. Natürlich gab es bereits seit weit über hundert Jahre eine Straßenbeleuchtung. Mittlerweile waren sogar etliche der Gaslaternen gegen elektrische Lampen ausgetauscht worden, welche die ausgewählten Plätze und Straßen taghell erleuchteten. Im Gegensatz dazu aber lagen Gassen wie jene, wo Thrawl gehaust hatte, in schwärzester Dunkelheit.
Nun waren die meisten der Docks vergleichsweise neu und keineswegs so stiefmütterlich vernachlässigt wie manches Elendsquartier, doch war die Elektrifizierung kaum bis hierher vorgedrungen. Der Schein einer Gaslaterne reichte allerdings gerade bis zu dem der nächsten, so dass man in ihrem Licht zwar ganz passabel seinen Weg fand, nur mehr auch nicht.
Wenn seine Suche nach John an den Docks von Erfolg gekrönt sein sollte, dann musste Sherlock den neuen Tag abwarten, denn die Beleuchtung dort genügte keinesfalls für seine Zwecke.
Es war noch nicht weit nach Mitternacht, aber erst morgens kurz vor acht würde um diese Jahreszeit die Sonne so weit empor gestiegen sein, dass ihre Helligkeit ausreichend für die vor Sherlock liegende Aufgabe war.
Wohl oder übel würde er bis dahin eine Pause einlegen müssen. Auf der Straße allerdings würde ihm in dieser unwirtlichen Nacht die Zeit mehr als lang werden.  
Es hatte inzwischen heftig zu regnen begonnen, und die Feuchtigkeit drang schnell durch Sherlocks Jacke.
Niemandem war geholfen, wenn er sich hier draußen während des Wartens durchnässen ließ und langsam zu einem Eisblock erstarrte. Besser war es, für ein paar Stunden eine Zuflucht zu suchen.
Zwar hatte Sherlock etliche, weit über die Stadt verteilte Verstecke, die er nutzen konnte, doch die wenigsten boten mehr als ein trockenes Dach über dem Kopf. Um diese Jahreszeit würde es in ihnen also kaum wärmer sein also draußen, was durchweicht wie er in Kürze sein würde, sich nicht gerade empfahl. Stattdessen plante Sherlock daher, einen Bekannten um Obdach zu bitten, der in der Nähe der Docks lebte. Zwar war es von Thrawls Wohnstatt bis zu dessen Haus fast eine Dreiviertelstunde Fußmarsch, da dieses mitten in den Docklands in der Broad Street nahe des Limehouse und Shadwell Basins lag, doch mit dieser zentralen Position war es am morgigen Tag dann weniger weit zu den East India Docks, wo Sherlock seine Suche beginnen wollte, da sie ihm am vielversprechendsten erschienen.
Vor etlichen Jahren war Kapitän Isaiah Robertson ein Klient Sherlocks gewesen. Ihm war vorgeworfen worden, die Ladungsbücher gefälscht und seinen ersten Offizier, da dieser ihm angeblich auf die Schliche gekommen war, ermordet zu haben. Sherlock hatte alle diese Vorwürfe entkräften und stattdessen nachweisen können, dass die Fälschungen auf eben jenen ersten Offizier zurückgingen. Zwar hatte er so den Kapitän vor dem Strang bewahrt und rehabilitiert, dennoch war dessen guter Ruf für immer dahin. Es wurde geargwöhnt, er könne insgeheim doch mit dem Ermordeten gemeinsame Sache gemacht haben, und kein Reeder wollte ihm je wieder eines seiner Schiffe anvertrauen. Daher hatte man ihn mit einer großzügigen Abfindung davon geschickt. Doch auch wenn er mittlerweile wohl aufgrund seines Alters nicht mehr zur See gefahren wäre, so hatte Robertson es nie verwunden, dass man ihm dies vor seiner Zeit verweigert hatte.
Seit etwa dreihundert Jahren war es üblich, dass die Corporation of Trinity Houses Gebäude unterhielt, in denen aus dem Dienst geschiedene Kapitäne oder deren Witwen einen respektierlichen Altersruhesitz fanden. Wie etwa die unweit des Barts an der Mile End Road gelegenen Trinity Green Almshouses – ein Ensemble kleiner Häuschen, samt eigener Kapelle angelegt um einen begrünten Innenhof. Zwar wurden solche immer weniger genutzt, da es inzwischen Usus geworden war, stattdessen angemessene Pensionen zu zahlen, die den ehemaligen Kapitänen ermöglichten, sich selbst angemessen zu unterhalten, doch auch ohne diese Entwicklung hätte Robertson sich wohl eher die eigene Hand abgehackt als in einem Trinity House zu leben.
Unter seinesgleichen war der alte Kapitän ein Paria.
So hatte er sich auf eigene Faust ein bescheidenes Häuschen gesucht. Zwar war dieses keineswegs ein solches Loch wie das, in dem Thrawl oder die Fawlkners hausten, dennoch war es offensichtlich, dass Robertson das äußere Erscheinungsbild seines Domizils gelinde gesagt vollkommen gleichgültig war. Nicht nur, dass der Zahn der Zeit bereits heftig an den einfachen Ziegeln und am billigen Putz genagt hatten. Sie waren gräulich und schmutzig, wie so vieles in dieser Stadt, und niemand machte sich jemals die Mühe, sie abzuwaschen. Genauso waren auch die Fensterscheiben vom allgegenwärtigen Ruß schmutzig und blind. In dieses grauschwarze Ensemble fügten sich dann ebenfalls deren Läden ein, von denen der Lack soweit abgeblättert war, dass nicht einmal mehr erahnt werden konnte, von welcher Farbe sie ursprünglich einmal gewesen sein mochten. Immerhin aber lag das Haus fast unmittelbar an der Themse, denn trotz allem konnte und wollte Robertson weder vom Wasser noch von den Schiffen lassen.
Sherlock musste etliche Male und mit Nachdruck an die Haustür pochen, bis sich jemand dorthin bequemte.
Robertson öffnete selbst. Er unterhielt keinerlei Dienstboten.
Trotz der späten Stunde war der Kapitän noch nicht zu Bett gewesen und stand vollständig bekleidet vor dem Detektiv. Seit man ihn hierher verbannt hatte, gab er nichts mehr auf übliche Gepflogenheiten. Er lebte seine Tage, wie er es für richtig hielt, und nicht wie es die Gesellschaft von ihm erwartete.
Sherlock hatte in all den Jahren den Kontakt nie ganz abreißen lassen, denn der Mann war eine unschätzbare Quelle für alle nautischen Belange.
Der Kapitän war offensichtlich nicht mehr ganz nüchtern, doch er wirkte immer noch gut genug beieinander, um den kinderarmdicken Knüppel, den er in der Rechten hielt, gekonnt einzusetzen. Er starrte Sherlock einen Moment verwundert an und blinzelte einige Male, bis er realisierte, wer dort vor ihm stand.
„Was treibt Sie denn zu dieser Stunde an meine bescheidene Schwelle, Holmes“, knurrte er, „noch dazu in diesem Aufzug?“
Trotz der barschen Begrüßung trat er beiseite und bat Sherlock herein.
Durch einen winzigen, schwarz-weiß gefliesten Flur, in dem Sherlock seine Joppe aufhing, gelangten sie in den Hauptraum des kleinen Hauses, der Robertson Salon, Speisezimmer und Küche zugleich war. Lediglich die Schlafkammer befand sich ein Stockwerk höher unter dem Dach.
Im Gegensatz zu seinem heruntergekommenen Äußeren war das Innere des Hauses zwar einfach aber sauber. Vielleicht ein wenig verlottert, doch das, so war sich Sherlock bewusst, konnte man von seiner Wohnung ebenso gut sagen. Es hingen zahlreiche Bilder und Dinge an den Wänden, die von den Fahrten des Kapitäns erzählten, und wo auch nur das kleinste Plätzchen frei war, stapelten sich zahllose Bücher. Nicht nur Romane, obgleich auch diese in großer Zahl vorhanden waren, sondern ebenso Werke über fremde Länder und Schifffahrt.
Robertson wischte Bemerkungen über diese seine Leidenschaften stets mir einer nachlässigen Handbewegung beiseite. Er müsse schließlich irgendwie die Zeit totschlagen und könne nicht immer nur saufen.
Wortlos wies der Kapitän Sherlock an, auf einem etwas abgewetzten Diwan Platz zu nehmen, bevor er sich an einem Schrank zu schaffen machte, in welchem er Geschirr und Gläser aufbewahrte.
„Sie sehen so aus, als bräuchten sie etwas zu trinken“, erklärte der Kapitän trocken. „Wie wär's? In einer Nacht wie dieser gibt es für einen Mann nichts besseres als einen heißen Grog.“
Sherlock schüttelte sich innerlich. Er hatte im Allgemeinen nicht viel übrig für alkoholische Getränke. Zumal nicht für hochprozentige. Aber diesem Gebräu aus Rum, Zucker und heißem Wasser konnte er nun rein gar nichts abgewinnen.
„Danke nein“, gab er zurück, „aber gegen einen Tee hätte ich nichts einzuwenden.“
Robertson brummte etwas von einem Gesöff für Waschlappen und zimperliche Frauenzimmer, machte sich aber daran eine Kupferkanne mit Wasser aufs Feuer zu setzen und aus seinem Vorrat eine Schachtel Tee herauszukramen. Allerdings ließ er es sich trotz Sherlocks Protest nicht nehmen, das Getränk seines Gastes nicht nur mit Milch, sondern auch mit einem Schluck von „etwas Stärkerem“ zu versehen.
Er goss alles in einen angestoßenen Becher und stellte diesen Sherlock vor die Nase, während er selbst beim Grog blieb, dem er sicherlich auch zuvor schon großzügig zugesprochen hatte. Anschließend ließ er sich dem Detektiv gegenüber in seinen Sessel fallen und begann, sich umständlich eine Pfeife zu stopfen. Nachdem er sie endlich zum Ziehen gebracht hatte, schob er auch seinem Gast Tabaksbeutel und eine weitere Pfeife hin.
Sherlock schätzte es gar nicht, die Pfeife eines anderen zu benutzen, doch allein schon Robertson Vorbereitungen hatten ihn ebenfalls nach dem Genuss von Tabak lechzen lassen, und der Duft des Pfeifenrauches, der ihm nun in die Nase stieg, ließ ihn seine Vorbehalte über Bord werfen. Es war kein schlechtes Kraut, welches Robertson ihm da anbot, und würde sich hoffentlich beruhigend auf seine Nerven auswirken.
Eine Weile zogen sie schweigend an den Pfeifen und nippten nur gelegentlich an ihren Getränken.
Schließlich aber beugte sich der alte Kapitän vor und musterte Sherlock prüfend.
„Also gut mein Junge. Was um alles in der Welt führt Sie zu dieser nachtschlafenden Zeit zu mir?“
„Ich brauche für ein paar Stunden ein Obdach,“ erwiderte Sherlock knapp.
Robertson schmunzelte amüsiert.
„Und das finden Sie nicht daheim in Marylebone, sondern suchen es hier in Ratcliff?“
„Da ich morgen, sobald es hell wird, an den Docks zu tun habe“, gab Sherlock widerwillig zur Auskunft, „waren Sie meine erste Wahl.“
„Verstehe.“ Der Kapitän nickte bedächtig. „Was ist gesehen?“
Sherlock runzelte die Stirn. „Warum sollte etwas geschehen sein?“
Robertson lehnte sich wieder in seinem Sessel zurück und bedachte Sherlock mit einem spöttischen Lächeln.
„Mein lieber Junge, ich habe schon oft genug in meinem Leben Männer gesehen, die sich bemühten, die Welt glauben zu machen, es sei alles in bester Ordnung, während ihnen selbst der Arsch auf Grundeis ging. Was glauben Sie, passiert mit einem Schiff, wenn es brenzlig wird, und der Kapitän und seine Offiziere der Mannschaft gegenüber nicht die Ruhe selbst bleiben? Mein zweiter Offizier auf der Minerva war ein Paradebeispiel dafür. Ich erkenne daher ganz genau, wenn ein Mann die Hosen voll hat.“
„Ich muss doch sehr bitten“, knurrte Sherlock. „Und ich bin nicht Ihr Junge, Robertson.“
„Wie immer Sie meinen, mein Junge“, gab der Alte leichthin zurück. „Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass bei Ihnen, einem Mann der niemals etwas an sich herankommen lässt, der über allen Dingen zu stehen scheint, die Nerven blank liegen. Und dass Sie so aussehen als wären Sie gerade als zweiter Sieger aus einem Boxkampf hervorgegangen, tut sein übriges dazu.“
Touche.
Als sei damit alles gesagt, schloss Robertson die Augen und paffte versunken seine Pfeife.
Erst Becky, dann der Kapitän. Wenn man wollte konnte man auch Hooper und Mrs Hudson dazunehmen. Wie kam es, dass die Mauern, die er so sorgsam um sich errichtet hatte, um vor der Welt sein Innerstes zu verbergen, mit einem Male so durchlässig geworden waren?
Allerdings hatte Sherlock auch noch niemals das Gefühle gehabt, so vollends den Boden unter den Füßen verloren zu haben. Er war Dunkelheiten gewöhnt, kannte es, nah am Abgrund zu balancieren und mit Dämonen zu ringen, doch er hatte geglaubt, nichts könne ihn jemals wieder dermaßen zu Boden werfen.
Es war ganz offensichtlich nicht nur wenig vorteilhaft, sondern sogar extrem von Nachteil emotional in einen Fall involviert zu sein. Sherlock konnte nur hoffen, dass sich dies nicht auch noch negativ auf sein Handeln auswirkte.
„Ich bin auf der Suche nach Dr. Watson“, gestand er schließlich ein. „Er wurde vor zwei Tagen entführt, um mich daran zu hindern, einen Fall weiter zu verfolgen. Es ist mir gelungen, den Mann ausfindig zu machen, der die Entführung geleitet hat, und in seinem Haus fand ich dann auch Hinweise darauf, dass mein Freund in einem leerstehenden Lagerhaus an den Docks festgehalten wird.“
Robertson hatte die Augen wieder geöffnet und betrachtete den Detektiv nachdenklich.
„Das ist nicht gerade ein genauer Hinweis. Es gibt unzählige Lagerhäuser hier und immer wieder steht einmal eines kurz oder auch längerfristig leer. Das wird selbst für Sie die reinste Sisyphusarbeit, den guten Doktor zu finden, mein Freund.“
„Dessen bin ich mir bewusst“, brummte Sherlock.
„Und was ist mit dem Kerl, von dem Sie sprachen?“, hakte der Kapitän nach. „Wenn man ihn etwas unter Druck setzt... Glauben Sie nicht, er würde dann gesprächiger werden?“
Sherlock schüttelte knapp den Kopf. „Kaum. Er ist tot.“
„Wie bedauerlich.“
Robertsons Blick glitt noch einmal über Sherlocks Blessuren, doch er fragte nicht weiter nach, was geschehen war. Sein Tonfall machte allerdings deutlich, dass sein Bedauern lediglich dem Verlust der Möglichkeit galt, den Mann zu befragen, und er keineswegs über das Ableben einer solchen Kanalratte betrübt war.
Sherlock griff nach dem zusammengefalteten Leinensack, den er neben sich abgelegt hatte, und schob ihn über den Tisch dem Kapitän zu.
„Sagt Ihnen dies etwas?“
Robertson beugte sich interessiert über das Emblem und studierte es eingehend, dann aber lehnte er sich zurück und schüttelte bedauernd den Kopf.
„Nicht dass ich wüsste. Was ist das?“
„Darin befand sich chinesischer Tee“, erläuterte Sherlock. „Der Sack stammt meiner Ansicht nach aus dem Lagerhaus, in dem man meinen Freund Watson gefangen hält.“
Sein Gegenüber kratzte sich am Kopf.
„China... Das lag nie auf meiner Route. Ich war im Atlantik und Mittelmeer unterwegs. Afrika, Südamerika... Aber nach Asien hat es mich nie verschlagen.“
„Prinzipiell ist auch unerheblich, woher der Tee stammte“, gab Sherlock zurück. „Doch diese Sorte wird hierzulande nur in geringen Mengen verkauft. Die  Gruppe derer, die ihn einführen, sollte also überschaubar sein.“
„Und darüber wollen Sie Ihre Suche eingrenzen.“ Der Kapitän nickte verstehend. „Und wie wollen Sie vorgehen? Wollen Sie in der Hafenmeisterei die Bücher wälzen?“
Sherlock schüttelte den Kopf.
„Auch das würde bedeuten, die Nadel im Heuhaufen zu suchen. Mein Plan ist, mich unter den Schauerleuten umzuhören. Zudem habe ich, wenn ich die Docks nach und nach absuche, auch gleichzeitg die infrage kommenden Gebäude vor Augen. Ich bin sicher, dass ich erkennen werde, wenn ich das Gesuchte vor Augen habe.“
Wieder nickte der Kapitän. „Das ist durchaus möglich. Wer, wenn nicht Sie?“
Eine Weile saßen sie noch schweigend beieinander, doch dann erhob sich Robertson.
„Mich ruft meine Koje. Ich kann Ihnen als Schlafstatt nur das Möbel da anbieten, auf dem Sie schon sitzen. Es ist allerdings hinreichend bequem. Ich mache auch oft genug für ein Nickerchen davon Gebrauch.“
Er ging um den Tisch herum und begann neben dem Diwan nach etwas zu kramen.
Unter einem Stapel Bücher zog er eine Decke hervor, aus der er den Staub klopfte, bevor er sie Sherlock reichte.
„Hier. Ich denke, sie wird ihren Zweck erfüllen. Ein wenig mitgenommen, aber warm. Es wird ziemlich frisch hier, sobald der Ofen aus ist. Glauben Sie mir.“
Er wandte sich zur Stiege, die ins erste Stockwerk führte, doch noch auf der ersten Stufe blieb er stehen und suchte noch einmal Sherlocks Blick.
„Ich werde vermutlich noch schlafen, wenn Sie aufbrechen wollen. Die frühen Morgenstunden sind nicht unbedingt die meinen. Ziehen Sie einfach die Tür hinter sich zu.“
Sherlock nickte.
„Und Holmes... Wenn Sie morgen Abend noch einmal ein Dach brauchen, um die Nacht abzuwarten... Meine Tür steht Ihnen jederzeit offen.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, stieg er zügig die Treppe hinauf.
Sherlock wusste nur allzu gut, dass die Wahrscheinlichkeit hoch war, dass er dieses Angebot annehmen musste. Je nachdem wie bedeckt der Himmel war, würde die Helligkeit des Tages für acht vielleicht sogar für  knapp zehn Stunden ausreichend sein, um seiner Suche nachzugehen. Wenn er nicht auf zusätzliche Hinweise stieß würde es in keinster Weise genügen, das gesamte Gebiet gründlich abzusuchen.
Nach dem, was seine innere Uhr ihm sagte, war es jetzt etwa Viertel vor Zwei. In gut fünf Stunden wollte er aufbrechen.
Sherlock löschte das Licht, streckte sich auf dem Diwan aus und starrte in die Dunkelheit.
Er wusste, der Schlaf würde nicht kommen. Das tat er ohnehin selten, wenn ihn ein Fall beschäftigte, doch heute brauchte er sich gar nicht erst darum bemühen, auch wenn es durchaus sinnvoll wäre, seinem Leib eine tiefere Erholung als nur eine Unterbrechung der körperlichen Aktivität zu gönnen.
Zum einen hatte er bereits drei Stunden geschlafen, zum anderen hatten ihn das Kokain und die Verfolgungsjagd aufgepeitscht, unabhängig davon, dass er nun darauf brannte, endlich den neuen Hinweisen nachgehen zu können.
Darüber hinaus hatte er, ohne dass er sagen konnte warum, denn es gab keinerlei Indiz dafür, das drängende Gefühl, sich beeilen zu müssen.
Und doch saß er für die nächsten Stunden hier fest.
Sherlock zog die Decke über sich und machte sich daran, in seinem Gedankenpalast alles, was der Abend an Neuem gebracht hatte, zu sortieren, sorgfältig darauf bedacht, dass ihm nichts davon entging.

Es war noch dunkel,  als er am nächsten Morgen das Haus verließ. Der Nebel, der wie eine Dunstglocke über der Stadt lag, hüllte die Straßen ein, weshalb es kaum möglich war, auch nur die Hand vor Augen zu erkennen.
Überall waren Hausfrauen und Dienstmädchen dabei, die Feuer anzuschüren, sodass sich der Rauch ungezählter Kamine ebenfalls mit in den Nebel hineinmischte und keine Chance hatte, in den Himmel zu entweichen. Das Atmen konnte an Tagen wie diesen schwerfallen, doch die Menschen waren jenes Unbill gewohnt.
Auch Sherlock schenkte diesem Umstand keine Beachtung. Zügigen Schrittes eilte er durch die Straßen, und, bis er die East India Docks erreicht hatte, hatte die Helligkeit tatsächlich begonnen, Oberhand zu gewinnen.
Zwar waren hier an den Docks Gebäude vorherrschend, die in irgendeiner Form mit Handel oder Schifffahrt zu tun hatten, doch fanden sich in der Nähe auch Wohnhäuser und alles was diejenigen, die dort lebten, für ihren Alltag benötigten. Kleine Läden und Handwerker ebenso wie die unvermeidlichen Pubs. An jenen sammelten sich bereits die Hafenarbeiter und warteten darauf, wo ihre Dienste heute gebraucht wurden.
Natürlich hatten Reeder und Kaufleute ihre festen Angestellten. Aber das Be- und Entladen der Schiffe erledigten Schauerleute, die sogenannten Dockers. Es waren einfache Arbeiter, die sich Tag für Tag neu verdingen und hoffen mussten, vom Vorarbeiter ausgewählt zu werden. Wobei ihr Gehalt alles andere als üppig war. Aber seit dem Streik der Dockers vor zehn Jahren und der Gründung ihrer eigenen Gewerkschaft damals, hatten sie an Selbstbewusstsein und Einfluss gewonnen.
Männer mit Tragen und Karren standen also dort und warteten geduldig das allmorgendliche Spiel ab. Ihr Atem kondensierte in der kalten Luft und mancheiner blies sich in die erstarrten Hände oder stampfte mit den Füßen auf, um diese zu erwärmen. Unter ihnen erhoffte sich Sherlock eine Person zu finden, die das Emblem auf dem Teesack kannte.
Er mischte sich unter sie und begann zu fragen.

Seine Suche erwies sich zeitraubender, als Sherlock befürchtet hatte. Zu allem Überfluss hatte es auch wieder zu regnen begonnen. Auch wenn es dieses Mal ein feiner Nieselregen war, so ging dieser doch  unaufhörlich und scheinbar alles durchdringend nieder, was die Kleidung des Detektivs erneut klamm werden ließ.
Am frühen Morgen war Sherlock noch vergleichsweise schnell vorangekommen. Da die Arbeiter, weil sie ohnehin warten mussten, bis ihnen ein Auftrag erteilt wurde, noch müßig in Gruppen herumstanden, waren sie nur allzu gern bereit gewesen, ihm in der Hoffnung auf ein Trinkgeld weiter zu helfen. Doch keiner von denen, die er fragte, kannten das Emblem oder hätten einen Reeder nennen können, der Tee aus China importierte.
Später jedoch, als die Männer bei der Arbeit waren, ließen sich diese nur noch ungern unterbrechen, da sie fürchteten in Schwierigkeiten zu geraten, wenn sie in ihrer Tun innehielten.
So ging es bereits auf Mittag, als Sherlock die East India Docks, wo er kein viel versprechendes Lagerhaus hatte entdecken können, hinter sich ließ und sich auf dem Weg zum Limehouse Basin machte.
Zwischen beiden fanden sich in erster Linie Wohnhäuser und Geschäfte, weshalb er zügig ausschritt, da er hier nicht jedes einzelne Gebäude in Augenschein zu nehmen brauchte.
Es hatte den Detektiv immer wieder fasziniert, wie nahe in dieser Stadt Glanz und Elend bei einander lagen. Manch eine Häuserzeile, die gutsituierte Bürger ihr Heim nannten, grenzte an ihrer Rückseite unmittelbar an schäbige Elendsquartiere. An diesem Morgen war Sherlock sogar durch Straßen gekommen, wo bittere Armut und gutes Auskommen Tür an Tür lebten.
Diese Straße hier war keine allzu schlechte. Geschäfte des tägliches Bedarfs reihten sich hier dicht an dicht, und auf dem Gehsteig sah man unzählige Frauen und Mädchen, die ihre Einkäufe heimtrugen.
Durch den Regen hatten sich zahlreiche Pfützen gebildet, und immer wieder kam es an diesen zu kleinen Rempeleien, da ein jeder bestrebt war, nur ja nicht durch diese hindurch waten zu müssen, und rücksichtslos alle übrigen Passanten beiseite drängte, um trockenen Fußes zu bleiben. Selbst Sherlock hatte in dem Gedränge schon zweimal einen Einkaufskorb ins Kreuz bekommen, was ihn wieder daran erinnert hatte, wie sehr er Menschenansammlungen verabscheute.
Ein wenig vor ihm gab es einen kleinen Aufruhr, und der Detektiv sah sich gezwungen, seine Schritte zu verlangsamen. Doch erst beim Näherkommen konnte er erkennen, was dort geschehen war.
Ein Mädchen hatte offenbar den Rempeleien nicht genügend Standfestigkeit entgegen setzen können  und war mitsamt seinen Einkäufen gestolpert. Kartoffeln und Möhren waren über den Bürgersteig gekollert, ein Kohlkopf sogar bis auf die Straße, wo er nun unter die Hufe und Räder des vorbei eilenden Verkehr zu geraten drohte. Noch schlechter hatte eine Packung Eier den Sturz überstanden und verunzierte nun das Pflaster mit gelbweißen Tupfen. Und auch das Papier, welches um ein Stück Fleisch gewickelt gewesen war, war aufgeplatzt, so dass sein Inhalt Bekanntschaft mit dem  Straßenschmutz machen musste.
In mitten dieser ganzen Bescherung saß das Mädchen, einen großen, nun leeren Weidenkorb neben sich. Es konnte nicht älter als zwölf Jahre sein. Ein mageres, blasses Geschöpf in verwaschenen abgetragenen Kleidern. Doch waren dies nicht die zerschlissenen Lumpen, welche man üblicherweise bei den Armen fand. Es war der Dress einer Hausangestellten. Allerdings machten die Kleidungsstücke den Eindruck, als seien sie von  einer deutlich größeren und kräftigeren Person abgelegt und nur notdürftig für das Kind umgeändert worden. Trotz des unwirtlichen Wetter trug das Mädchen keinen Mantel, sondern nur ein Umschlagtuch, und auch sein Hut war vermutlich kaum hilfreich gegen die Unbilden der Elemente.
Als Sherlock den Blick über die junge Magd schweifen ließ, sprangen ihm noch weitere Details ins Auge, die deutlich machten, wie wenig Achtung sie von ihren Dienstherren erfuhr. Ihre Hände waren rau und rissig von harter Arbeit, die viel zu schwer für ein Kind ihres Alters war. Sherlock sah Spuren von Schlägen, die zwar die Kleidung verdecken sollte, einem aufmerksamen Beobachter aber dennoch sofort ins Auge sprangen. Dem Inhalt des Korbes nach war der Tisch in ihrem Haushalt gut gedeckt. Jedoch nicht für sie, denn ihre ganze Gestalt schrie geradezu nach immer währendem Hunger.
Sie hatte sich bei ihrem Sturz unzweifelhaft weh getan. Ihre Hände waren aufgeschürft und da ihr Rock hoch gerutscht war, konnte man sehen, dass der Strumpf über ihrem Knie zerrissen und dieses ebenfalls blutig war.
Die meisten Passanten gingen achtlos vorüber und wichen dem Kind ebenso aus, wie der Pfütze in der es hockte. Manch einer stieß seinen Begleiter sogar lachend an und amüsierte sich über das Unglück der Kleinen. Niemand indes machte Anstalten, ihr zu helfen.
Sherlock sah das Mädchen mit den Tränen kämpfen, doch plötzlich erschien so etwas wie Trotz in ihren Augen und ihre Miene wurde hart. Mit verbissen zusammengepressten Lippen begann sie das verteilte Gemüse einzusammeln und zu retten, was noch zu retten war. Sie warf einen Blick voller Verachtung auf die Vorübergehenden und würdigte sie dann keines weiteren mehr.
Sherlock betrachtete das Kind nachdenklich. Soviel Stolz, soviel Kraft in soviel Elend.
Es kam ihm unangenehm vertraut vor. Eine kleine Gestalt zu Boden geschubst, verzweifelt bemüht, ja nicht vor den anderen zu weinen. Bücher und Hefte überall verteilt. Grobe Füße, die mit Absicht darauf traten. Hämisches Lachen und Spott von Jungenstimmen.  „Schaut euch nur diesen Freak an.“
Er rettete den Kohlkopf von der Straße und ging zu dem Mädchen hinüber. Überrascht sah es zu ihm auf, als er ihm diesen stumm reichte.
Es bedankte sich höflich, aber sein Blick blieb misstrauisch, als wisse es nicht, was es von dieser unerwartete Freundlichkeit halten solle.
„Zeigt mir deine Hände“, forderte Sherlock die Kleine auf.
Immer noch skeptisch, gehorchte das Mädchen.
Sherlock zog sein Taschentuch, das sogar noch vollends sauber war, aus der Tasche hervor und begann vorsichtig die Handflächen des Mädchens damit abzutupfen. Es verzog leicht das Gesicht, nahm aber die Hände nicht weg.
Fraglos wäre es besser gewesen, die Wunden gründlicher zu reinigen, doch alles, was ihnen zur Verfügung stand, konnte diese wohl nur noch verschlimmern.
Nach den Händen widmete Sherlock sich dem Knie der Kleinen. Hier hatten winzige Steine tiefe Löcher in die Haut gebohrt, die heftig geblutet hatten.
Immer noch hielt sie ganz still, und Sherlock spürte ihren Blick auf sich, verwundert darüber, wie es kam, dass er sich ihrer annahm.
„Es gibt auch anderswo Arbeit“, bemerkte der Detektiv, ohne von seiner Tätigkeit aufzusehen.
Sie lachte bitter auf.
„Sie haben gut reden. Das ist nicht so leicht, wie Sie denken. Wer würde mich denn schon nehmen? Zumal ohne jede Empfehlung, da meine Herrschaft mir nie ein Zeugnis ausstellen würde.“
Weder ihre Wortwahl noch ihre Aussprache waren die eines Kindes der Arbeiterklasse. Ohne Zweifel war dem Mädchen sein jetziges Los nicht an der Wiege gesungen worden.
„Ich habe nicht gesagt, dass es leicht wäre, sondern nur dass es möglich ist“, entgegnete Sherlock ruhig.
Jetzt trafen sich zum ersten Mal ihre Augen. Die Kleine war eigentlich recht hübsch mit ihrem hellbraunem Haar und den eindringlichen blaugrünen Augen, die soviel älter wirkten, als sie an Jahren zählte.
„Für andere mag dies vielleicht gelten, jedoch nicht für mich.“
Sie senkte wieder den Blick.
„Ich stehe bei meiner Herrschaft in der Schuld.“
Es gab nicht viele Möglichkeiten, wie sie in so jungem Alter bereits in eine solche Situation gekommen sein konnte. Und wenn das Handeln ihrer Herrschaft schon nicht illegal war, so konnten es kaum mehr als der Grauzone der Legalität liegen.
Sherlock verknotete sein Taschentuch über dem Knie der Kleinen. Zwar war dies nur ein notdürftigerer Verband, aber immerhin besser als nichts.
„Du solltest es dennoch versuchen. Vermutlich haben sie nicht das Recht, dich festzuhalten. Und da sie sich dessen sicherlich bewusst sind, werden sie dich letzten Endes auch nicht daran hindern können zu gehen. Du musst es allerdings wirklich wollen und mit aller Kraft darum kämpfen. Und zwar du allein, denn es wird dir voraussichtlich niemand helfen außer du dir selbst.“
Sie blickte erneut auf und sah ihn trotzig an. „Ich weiß.“
Sherlock lächelte. „Tatsächlich benötigst du auch niemandes Hilfe. Du besitzt genügend Stärke aus dir selbst heraus. Das Leben ist weder fair noch gerecht, wie du sicher bereits zur Genüge erfahren hast, doch egal wie dunkel dein Weg dir auch erscheint, es ist niemals eine Option aufzugeben und den Kampf einzustellen. Du musst immer weiter und weiter gehen, einen Schritt nach dem anderen. Verstanden?“
Sie hob das Kinn noch ein wenig höher und rappelte sich nun vollends auf. „Ja, Sir!“
Ohne das Mädchen noch einmal anzusehen ging Sherlock weiter.
Aufgeben ist keine Option... Weitermachen, einen Schritt nach dem anderen tun, egal wie schlecht die Chancen für einen Erfolg stehen.
Sherlock schnaubte durch die Nase.
Schöne Worte und leicht gesagt. Doch die Kleine konnte nicht ahnen dass er nur nicht nur allzu genau wusste, wie bitter es war, einen solchen Weg zu gehen, sondern es auch gerade in diesem Moment wieder einmal erfahren musste.

Er hätte in keinem Fall sagen können, wie oft er den Sack schon herum gezeigt und auf bedauernde Mienen und schüttelnde Köpfe geblickt hatte. Mancher einer hatte versucht, ihm etwas aufzutischen, doch letztlich hatte keiner der Arbeiter dieses Emblem bereits bewusst gesehen. Auch hatte Sherlock genügend Lagerhäuser gefunden, die zur Zeit leer standen. Einige wenige wären tatsächlich in Frage gekommen, doch eine genaue Betrachtung machte auch bei ihnen jede aufkeimende Hoffnung wieder zunichte.
Sherlock war wütend. Der Tag begann sich bereits zu neigen, obschon es erst Nachmittag war. Genauso wie das Tageslicht aber schwanden auch seine Kräfte. Beides zunächst unmerklich, doch Sherlock war sich dessen nur allzu sehr bewusst. Er war nicht mehr so voller Elan, voller Energie wie noch vor ein paar Stunden. Auch würde es nicht mehr lange hell genug sein, um seine Suche noch viel weiter fortzusetzen.
Doch für diese verbliebene Zeit benötigte er seine volle Konzentration.
Wie kam sein Körper nur dazu, zu meinen, bereits nach den paar  Stunden eine Pause verdient zu haben?
Selbst wenn das Suchen und Stellen der immer gleichen Fragen zugegebenermaßen nicht nur frustrierend, sondern auch ermüdend war.
Mittlerweile war der Detektiv in Wapping angekommen und hoffte, wenigstens einen Teil davon heute noch von seiner Liste streichen zu können. An das jenseitige Themseufer aber brauchte er an diesem Tag gar nicht mehr zu denken.
Sherlock zwang sich weiter vorwärts, getrieben vom Wissen um die unbarmherzig verrinnenden Zeit.
Nach wie vor war da diese bohrende Stimme in seinem Hinterkopf, die sich fragte, ob die Spanne, die John Watson noch zur Verfügung stand, nicht langsam aber unaufhaltsam ablief.
Trotzig schüttelte Sherlock den Kopf.
Warum sollte er das, was von diesem Tage noch übrig blieb, eigentlich nicht so optimal nutzen, wie nur irgend möglich? Er hatte die Möglichkeit dazu, trug sie sogar in der Tasche mit sich.
Im Moment konnte er es sich nicht leisten, nachzulassen. Zwar würde ihm das, was er im Sinn hatte, nur einen kurzen Impuls verschaffen. Wenige Minuten, in denen er noch einmal seine volle Leistungsfähigkeit ausschöpfen konnte. Doch egal wie kurz die Wirkung auch war, so würde dies dennoch hilfreich sein.
Zudem stand es ihm frei, wenn der Effekt verpufft war, das Ganze zu wiederholen.
Ecken, in die er sich dafür zurückzuziehen konnten, gab es genug. Denn auch wenn die Straßen leerer geworden waren, so musste ihn dennoch niemand dabei beobachten.
Sherlock mochte die Wirkung des Kokain, genoss sein euphorisierende Wirkung, seine Fähigkeit das Potential seines Konsumenten in so deutlichem Maße zu steigern.
Die Wirkung trat, wie schon so unzählige Male zuvor, sofort ein. Innerhalb von Augenblicken hatten Müdigkeit und Erschöpfung keine Bedeutung mehr, hatte Sherlock das Gefühl, nichts sei ihm unmöglich.
Da nichts anderes greifbar war, spülte er die Spritze mit Kokainlösung aus dem Fläschchen. Es war zwar die reinste Verwendung, aber er konnte sich mehr besorgen, falls es notwendig werden würde.
Er verstaute beides nur nachlässig in seinen Taschen. Ohnehin würde er sie bald wieder brauchen.
Sherlock wollte nur eiligst den Schub, den ihm dieser Zauberstoff verschaffte, nutzen solange er anhielt.
Voller Elan setzte der Detektiv seine Suche fort.
Er sprach nur noch selten einen der Hafenarbeiter an. Natürlich konnte ein Schiff jederzeit einlaufen und musste dann alsbald entladen werden. Eine solche Arbeit dauerte dann so lange, wie sie eben dauerte, was durchaus auch einmal mehr als zwölf Stunden währen konnte. Oft aber war das Löschen der Fracht nach nur wenigen Stunden erledigt. Zwar wurden Schauerleute zweimal am Tag angeheuert, doch man sah, dass das Haupttagewerk für heute getan war und sich viele der Arbeiter bereits auf dem Weg nach Hause befanden, so dass der Detektiv nur noch auf wenige von ihnen traf.
Akribisch nahm Sherlock stattdessen Haus um Haus, Straßenzeile um Straßenzeile in Augenschein. Doch nichts deutete darauf hin, dass man John irgendwo hier versteckt hatte.
Wie leicht ihm erneut alles in diesem Moment fiel!
Sherlocks Schritte wurden schneller und schneller. Informationen von Menschen und Gebäuden prasselten ungefiltert auf ihn ein, doch schien sein Geist alles auszublenden, was unwichtig war.
Zwar spürte Sherlock bereits nach kurzer Zeit, wie die Wirkung des Kokains bereits wieder nachließ, doch eine Weile trug ihn der Schwung, den ihm dieses verschafft hatte, noch einfach weiter.  
Der Absturz etwas später kam dafür dann jedoch umso drastischer.
Sherlock war indes nicht Willens, sich bereits jetzt schon der Niedergeschlagenheit und der Schwäche seines Körpers zu ergeben. Die Flasche war noch gut genug gefüllt, um dies zu ändern.
Ihm war durchaus bewusst, dass dies ein Risiko behaftetes Spiel war, doch wieder und wieder sorgte er dafür, dass erneut Kokain durch seine Venen rann, wenn dessen Effekt nachließ, damit er wieder beflügelt weiter machen konnte.
Er zählte die Male nicht, da er zu diesem süßen Gift griff, doch es waren fraglos mehr als es klug war.
Lästig war nur, dass er sich für jede Injektion einen stillen Winkel suchen musste, um sich den Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen.
Sherlock sah sich um. Nicht weit vor sich sah er ein Gebäude, dessen Erdgeschoss etwas zurück lag, während die darüber liegenden Stockwerke von gemauerten Arkaden getragen wurden, so dass diese einen geschützter Gang bildeten, breit genug, dass dort sogar ein Fuhrwerk halten konnte.
Jetzt aber war dort keine Menschenseele zu sehen. Auch gingen keine Fenster auf diesen Gang hinaus, sondern nur ein doppelflügliges Tor, welches fest verschlossen war.
Sherlock zog sich in den Schatten der Arkaden zurück. Nach wenigen Augenblicken hatte er getan, was getan werden musste, und seine Utensilien wieder verstaut.
Er wollte gerade weiter gehen, da erkannte er, dass etwas nicht stimmte. Zwar spürte er wie sonst auch die belebende Wirkung des Kokains, doch anstatt dass sein Herzschlag nach einem Moment des Anstiegs auf diesem Level verharrte, wurde dessen Rhythmus immer schneller und schneller.
Die Konturen des Gebäudes schienen sich mit einem Male aufzulösen und seine Wände groteske Formen anzunehmen.
Kalter Schweiß brach Sherlock aus, und große Unruhe ergriff ihn. Nicht so sehr wegen der Reaktionen seines Körpers, obgleich diese allein schon besorgniserregend genug waren, nein dies war eine völlig irrationale paranoide Furcht, die ihm einreden wollte, er müsse fliehen, da all diese Menschen auf der Straßen um ihn herum nach seinem Leben trachteten.
Sherlock zwang sich dazu, ruhig durchzuatmen. Er hatte diesen Effekt bereits erlebt. Es konnte leicht geschehen, wenn die Dosis zu hoch wurde.
Plötzlich jedoch durchfuhr seinen Körper ein mörderisches Stechen, welches seine Brust zu zerreißen schien, ihn in die Knie brechen und nach Atem ringen ließ.
Jetzt gab es für ihn keine Chance mehr, die Panik niederzuringen, die sich ihn ihm breit machte.
Dies hier griff so elementar nach den Grundlagen seiner Existenz, dass er der Todesangst nichts entgegen zu setzen vermochte.
Sherlock krümmte sich und schnappte verzweifelt nach Luft, ohne dass auch nur das geringste bisschen lebenspendender Sauerstoff seine Lungen erreichen wollte.
Der Schmerz war so furchtbar!
Er hatte das Gefühl, als würde eine eiserne Faust sein Herz zusammen pressen.
Dies durfte nicht sein. Nicht jetzt und nicht hier.
Wenn er starb, bedeutete das auch das Todesurteil für John! Er war die einzige Chance, die jener besaß.
Sherlock versuchte dagegen anzukämpfen, doch sein Blickfeld schrank immer mehr zusammen.
Der letzte Gedanke, der seinen vernebelten Verstand durchzuckte, war: Es tut mir leid John.

Er existierte nicht. Er war Vergessen, war Nichtsein. Er trieb durch die Schwärze ohne zu wissen, wer er war und wohin sie ihn führen würde.
Wie lange zog sie ihn mit sich? Sekunden? Jahrtausende? Er konnte nicht sagen, wie lange es dauerte, bis er wieder Kontur annahm, bis das um ihn herum wieder an Substanz gewann.
Dunkel kam ihm sein Name in den Sinn und dass er auf der Suche war. Einer Suche auf Leben und Tod.
Ein beschuhter Tritt traf seine  Rippen. Noch einer und noch einer.
Hatten sie ihn erwischt? Würden sie seine Schwäche nutzen, um ihn zu erledigen, ihn ein für alle Mal von der Rechnung zu streichen?
„Oi, du! Such dir einen anderen Platz, um deinen Rausch auszuschlafen! Mach, dass du fortkommst! Oder muss ich erst die Polizei rufen?“
Sherlock schüttelte den Kopf und versuchte den Blick zu klären.
Vor ihm hatte sich ein kleiner dicklicher Mann aufgebaut, der ihn wütend anfunkelte.
„Eine Schande ist das. Tu das wo du willst, aber nicht vor diesem Haus, Freundchen!“, lamentierte er weiter.
Langsam ging Sherlock auf, dass die Schmerzen, die er fühlte, weniger mit den Tritten des Mannes zu tun hatten, die mehr ein unsanftes Anstoßen gewesen waren, denn die Absicht, ihn ernsthaft zu verletzen, als vielmehr mit den Nachwehen seines unmäßigen Kokainkonsums. Er lag vollkommen verkrümmt auf dem Pflaster, als habe er sich wie in Agonie hin und her gewunden.
Mühsam kämpfte sich Sherlock auf die Füße.
Der andere Mann wich unwillkürlich vor ihm zurück, als er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete.
„Verschwinde“, stotterte er und machte eine wedelnde Handbewegung, als wolle er ein störendes Insekt vertreiben. „Husch, husch.“
Sherlock ging, ohne das Männchen weiter zu beachten, lediglich erstaunt darüber, dass er überhaupt in der Lage war, sich auf den Beinen zu halten.
Er hatte es verpfuscht. Daran war nichts zu beschönigen. Statt seine Zeit so gut wie möglich auszunutzen, hatte er sich selbst außer Gefecht gesetzt.
Sherlock hatte keine Vorstellung davon, wie lange er dort bewusstlos gelegen hatte. Auch war er noch zu benommen, als dass er einschätzen konnte, wie spät es mittlerweile war. Er wusste nur, dass es für heute vorbei war.
Sherlock haderte mit sich selbst, dass er eine weitere Dosis riskiert hatte, doch Selbstvorwürfe brachten ihn nicht weiter. Er hatte einen Fehler gemacht, von dem er nur hoffen konnte, dass John nicht würde dafür bezahlen müssen.
Fürs Erste aber blieb nichts weiter, als auf das Angebot des Kapitäns zurückzukommen.
Mit schweren Schrittes machte er sich auf.
Später dachte Sherlock nur mit Schaudern an diesen Weg. Als er endlich Robertsons Tür erreichte, war die Sonne längst untergegangen, doch er war froh, es überhaupt bis hierhin geschafft zu haben. Obwohl die Strecke als solche nicht weit war, hatte der Detektiv eine halbe Ewigkeit dafür benötigt. Er hatte dicht an den Hauswänden entlang schleichen müssen, um jedes Mal eine Stütze zu haben, wenn er erneut den Halt verlor.
Immer wieder hatte Sherlock gemeint, jenen weißblonden Mann zu sehen, der ihn zu verfolgen schien. Zu Sherlocks Verwunderung griff ihn dieser jedoch nicht an, obgleich er in diesem Zustand doch eine so leichte Beute war.
Er hatte versucht schneller zu gehen, was allerdings nur zur Folge gehabt hatte, dass er mehrfach gestürzt war.
Sherlock war bereit gewesen, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, doch erst als er auch Thrawl entdeckte, der sich der Verfolgung angeschlossen hatte, war ihm bewusst geworden, dass er halluzinierte.
Robertsons Haus lag dunkel und verlassen da.
Der Kapitän war ausgegangen.
Es schien wie ein Fluch über den letzten Tagen zu liegen, dass er immer wieder aufs Neue zum Warten verdammt war. Warten, dass er endlich die Entführer verfolgen durfte, warten, dass er Rebecca antreffen würde, dass Thrawl im Pup erschien und wieder und wieder auf das Tageslicht.
Doch in keinem Fall wollte Sherlock auf der Türschwelle des Kapitäns hocken und sich gedulden, bis dieser sich endlich nach Hause bequemte.
Das Schloss zu öffnen, barg keinerlei Schwierigkeiten. Es wieder zu verschließen wäre weitaus kniffliger gewesen, wenn nicht ein Ersatzschlüssel hinter der Tür gehangen hätte.
Sherlock schloss ab und ließ seine schmutzige, nasse Joppe im Flur zurück.
Er fühlte sich furchtbar und fror. Seine Kleidung klebte ihm, klamm von Regen und Schweiß, kalt auf seiner Haut.
Sherlock wusste nur zu gut, dass die letzte Dosis ihn in dieser dunklen Einfahrt beinahe elendig hätte verrecken lassen. Zwar schlug sein Herz wieder beruhigend kräftig und regelmäßig, doch die Erinnerung daran, wie es dabei war seinen Dienst zu versagen, war Sherlock noch unangenehm präsent.
Er hatte keine Wahl. Wenn John heil aus dieser ganzen Miserere herauskommen sollte, dann musste er seinem eigenen Körper Ruhe gönnen, ob er nun wollte oder nicht.
Zitternd streifte sich Sherlock die Schuhe von den Füßen und ließ sich auf den Diwan fallen.
Der Kapitän hatte nicht übertrieben. Es war kalt in dem Haus. Doch Sherlock konnte sich nicht dazu überwinden, noch einmal aufzustehen und Feuer zu machen. Er zog die Decke über sich, rollte sich zusammen und, kaum dass er die Augen geschlossen hatte, wusste er auch schon nichts mehr, als habe man ihm einen heftigen Schlag über den Schädel gezogen.

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Auch in diesem Kapitel habe ich noch einmal eine kleine Hommage an die Figur eines anderen recht bekannten Buches eingefügt. Ist es jemandem aufgefallen? Zeitlich gesehen müsste sie eigentlich sogar fast in diese Geschichte passen.

Eigentlich wollte ich zunächst das Kapitel an der Stelle beenden, als Sherlock zusammen bricht. Aber zum einen wollte ich euch das nicht antun, zum anderen sind Wiederholungen langweilig.
Ich werde an späterer Stelle noch auf Sherlocks Drogenkonsum und die Position zu einem solchen der Menschen der damaligen Zeit eingehen.
Lassen wir es bis dahin einfach einmal stehen, dass den falschen Weg eingeschlagen hat und sich dessen zumindest hinterher auch bewusst ist.

The next step   -  Ganz schön düster. Und das ist Disney!


Und um sich die Location etwas näher zu holen, noch einmal ein paar Bilder für euch:

Die Docklands  

Hafenimpressionen  

Schauerleute bei der Arbeit  

Canary Wharf -  alte und neue Aufnahmen der Docks
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