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Im Namen eines höheren Wohls

von Jodis
Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi / P18 / MaleSlash
Dr. John Watson Sherlock Holmes
09.03.2022
25.11.2022
34
244.175
21
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Dieses Kapitel
1 Review
 
 
09.03.2022 1.956
 
Für den kleinen Jungen, der mich bat, ihn Sherlock Holmes zur Seite zu stellen.

Für F. Ian N.



O Lord, our God,
arise,
Scatter her enemies
And make them fail,
Confound their politics,
Frustrate their knavish tricks,
On Thee our hope we fix,
God save us all.


Henry Carey




Montag, 5. September 1898


„Ich fürchte, es gibt keine andere Lösung, als ihn zu opfern.“
Unbehaglich spielten die Finger des Mannes an den Knöpfen seiner Uniform, deren Gold sich hell von dem leuchtenden Rot des Stoffes abhob.
Er warf einen prüfenden Blick zu der rundlichen, kleinen Frau, die dort an dem Sekretär vor ihm saß.
Ihr dunkles Kleid bildete einen eigentümlichen Kontrast zu ihrem schlohweißen Haar, wenn dieses auch zu einem guten Teil unter einer Haube verborgen war. Das Halbdunkel des Arbeitszimmers ließ dies nur noch umso stärker hervortreten.
Er wünschte, er hätte Zeit gehabt, sich umzukleiden, um in Zivil vor ihr zu erscheinen. Denn wie jedes Mal, wenn er in Uniform vor ihr stand, kam er sich geradezu vor wie ein Papagei, so schillernd erschien er sich im  Gegensatz zu ihr.
Er strich vor ihrem Schreibtisch auf und ab wie ein eingesperrter Tiger, unsicher wie sie seine Worte auffassen würde.
Eindringlich beschwor er sie erneut: „Majestät, die Angelegenheit kann sich ohne Schwierigkeiten zu einer politischen Katastrophe auswachsen. Sehen Sie nur nach Frankreich. Verhältnisse wie dort kann sich die Krone nicht leisten. Sie müssen ihn opfern, wenn wir solch desaströse Zustände vermeiden wollen.“
Die Energie, die von der alten Frau ausging, stand in keinerlei Verhältnis zu ihrer körperlichen Größe. Selbst unabhängig von der Verschiedenheit ihrer Ränge gab es keinen Zweifel, wer von ihnen beiden die größere Stärke besaß.
Sie richtete sich hoch in ihrem Stuhl auf und erwiderte den Blick ihres Gegenübers mit eisiger Strenge. „Genau aus diesem Grund dürfen wir nichts dergleichen tun. Denn eben dies könnte uns genau jene französischen Verhältnisse bringen, die wir unbedingt vermeiden müssen.“
Mit einer Geste, die keinen Widerspruch duldete, wies sie auf den Stuhl vor sich.
„Nehmen Sie um Gottes Willen endlich wieder Platz. Sie machen mich ganz nervös mit Ihrer unseligen Rennerei.“
Nachdem der Offizier ihrer Aufforderung nachgekommen war, wurde ihr Blick milder.
„Sehen, Sie, guter Freund, durch Frankreich geht ein tiefer Riss, der das gesamte Land spaltet, bis in die Familien hinein. An der Frage, ob Dreysfuß schuldig ist oder ob man ihn nur aufgrund seiner Herkunft und seines Glaubens zu einem Sündenbock gemacht hat, zerbricht die Gesellschaft. Ich fürchte, wenn ich Ihrer Forderung nachkäme, drohte uns hier ganz Ähnliches. Ob aus Überzeugung oder politischem Kalkül. Es werden Parteien entstehen, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Dieses Risiko kann und will ich nicht eingehen.“
„Aber wenn er in seiner Stellung verbleibt, werden die Vorwürfe gegen ihn nicht verstummen und es droht die gleiche Misere nur unter anderen Vorzeichen.“
Um die Mundwinkel der alten Frau spielte ein leises Lächeln, als sei die Antwort doch offensichtlich.
„Das ist mir durchaus bewusst. Daher ist der einzig gangbare Weg, stichhaltig zu beweisen, dass die Vorwürfe aus der Luft gegriffen sind und ein anderer die Schuld an diesen misslichen Umständen trägt. Was wir brauchen, ist der unwiderlegbare Beweis für seine Unschuld.“
Der Mann nickte unbestimmt. Dem war zweifellos so, aber wann waren die Dinge jemals so simpel?
Es gelang ihm nur unzureichend, seine Zweifel hinter einer neutralen Miene zu verbergen, als er sich erkundigte: „Und wie gedenken Sie diesen Beweis erbringen, Majestät?“
Nun erreichte das Lächeln auch die Augen der Königin, in welchen sich ihre Belustigung widerspiegelte.
„Ich selbst? Wohl kaum. Wenn es so offensichtlich wäre, dass die Vorwürfe aus der Luft gegriffen sind, würden Sie und ich kaum zu dieser späten Stunde so eindringlich disputieren. Nein, nein, es liegt außerhalb unserer Möglichkeiten. Aber es gibt jemanden, dem ich zutraue, einen solchen Beweis zu erbringen. Wenn es ihm nicht gelingt, so wird wohl niemand erfolgreich sein.“
„Und an wen denken Sie, Majestät? Wenn Sie wünschen, lasse ich sofort nach ihm schicken.“
Die alte Frau jedoch schüttelte den Kopf.
„Ich halte es für besser, ihn selbst aufzusuchen. Inkognito. Je weniger Menschen erfahren, dass er mit dieser Angelegenheit befasst ist, desto besser.“
Sie seufzte leise. Dann suchte sie wiederum den Blick des anderen und fuhr energisch fort: „Lassen Sie anspannen. Die ganze Angelegenheit duldet keinen Aufschub. Wählen Sie eine geschlossene Kutsche, ein möglichst unauffälliges Gefährt.“
„Jetzt?!?“
Im selben Moment, da das Wort seinen Lippen entschlüpft war, schalt er sich auch schon selbst dafür.
Wie hatte ihm diese Entgleisung nur passieren können?
Er räusperte sich und versuchte es in angemessenerem Ton erneut: „Mit Verlaub, Majestät, halten Sie es tatsächlich für eine gute Idee, so spät noch auszufahren?“
Es widersprach schließlich jeder guten Sitte, um diese Uhrzeit einen Fremden, ebenso wie auch einen guten Bekannten, unangekündigt aufzusuchen.
Leise tadelnd sah die Königin ihn an.
„Gerade die späte Stunde ist mein Verbündeter. Weder wird jemand erwarten, dass ich den Palast verlasse, noch wird es allzu viele Augen geben, die mich dabei beobachten könnten. Zudem hat derjenige, den ich aufzusuchen gedenke, den Ruf exzentrisch zu sein und von eher unorthodoxen Gewohnheiten, so dass er sich wohl kaum über die unpassende Zeit echauffieren wird.“
„Und so einen Mann halten Majestät für geeignet?“
„Wie ich bereits sagte: Wenn jemand helfen kann, dann er.“
Er wagte einen letzten Einwand: „Und Sie bestehen darauf, selbst zu gehen? Ich würde mit Freuden Ihr Anliegen vortragen. Wenn Sie mir lediglich mitteilten...“
Die Königin legte ihrem Vertrauten federleicht die Hand auf den Unterarm. „Ich weiß, mein Bester. Doch ich halte es für wichtig, diese Angelegenheit persönlich zu erledigen. Doch kann ich darauf zählen, dass Sie mich begleiten, guter Freund?“
Der Mann erhob sich und verbeugte sich leicht.
„Ich stehe Ihnen zur Seite, Majestät, wann immer Sie es wünschen.“
Die Königin nickte, als habe sie nichts anderes erwartet.
„Wenn Sie nun erlauben, Majestät, werde ich mich persönlich darum kümmern, dass die Kutsche bereitsteht und die entsprechenden Anweisungen erteilen. Wie Sie schon erwähnten: Je weniger Augen Ihre Ausfahrt bemerken, desto besser.“
Ein wohlwollender Wink bedeutete ihm, dass er entlassen war.
Auf halbem Weg zur Tür drehte er sich jedoch noch einmal um.
„Verzeihen Sie, Majestät. Aber was soll ich dem Kutscher sagen, wohin er fahren soll? Wo hoffen Sie, den geeigneten Mann für diese Aufgabe zu finden?“
Wieder spielte das leise Lächeln um die Mundwinkel der alten Frau.
„In der Baker Street. 221B Baker Street.“

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Sherlock – Viktorianisch....
eigentlich sollte dies zu schreiben doch kein Problem sein. Ist es doch eben genau jene Zeit, in der die Originalgeschichten angesiedelt sind.
Dachte ich....
Doch dann kam während der Arbeit bei mir schnell die Frage auf: Wen schreibe ich denn nun eigentlich gerade? Den Sherlock der BBC Serie oder ist es nicht vielmehr der literarische Holmes aus Doyles Romanen?
Für den viktorianischen Sherlock gibt es nur eine einzige Folge als Vorbild und die Figuren sind – zwangsläufig – etwas anders als die der Serie unserer Tage.
Ich habe daher versucht, sowohl Sherlock ein Kind seiner Zeit sein zu lassen als auch möglichst viel aus den übrigen Folgen mit einfließen zu lassen.
Gewissermaßen bedeutete dieser Ausflug in die Vergangenheit für mich persönlich jedoch so etwas wie ein „back to the roots“. Spielten doch vor Sherlock alle Geschichten, die mir im Kopf herumgeisterten, in vergangenen Jahrhunderten.
Dieser Griff in die Geschichte hat natürlich seine Tücken. Während ich zum Beispiel für die Beschreibung der Lokalitäten sonst ohne Probleme auf reichlich Bild- und Kartenmaterial zugreifen konnte, war hier die Suche nach alten Fotos oder Postkarten ungleich schwieriger.
Auch schleichen sich ohne ständige Überprüfungen nur allzu schnell Fehler ein, weil Dinge oder Ereignisse einfach noch nicht in der Form, wie man sie gerne hätte, existierten, beziehungsweise stattgefunden hatten. Ich hoffe, es ist mir gelungen, diesbezüglich größere Klopse zu vermeiden. (Wenn aber einem von euch historische oder soziokulturelle Patzer auffallen, sagt bitte Bescheid. Den einen oder anderen Zahn habe ich mir auch schon selbst ziehen müssen.)
Gerade die Zeit des Sherlock Holmes ist voll von neuen Entdeckungen und Erfindungen.
Doyles Geschichten beginnen in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts und enden 1914. Sie  fallen somit mit jenen Jahrzehnten zusammen, die man die Belle Epoche nennt.
Eine aufregende Zeit, eine Zeit voller Widersprüche.
Die Welt änderte sich rasant. Sie wurde kleiner. Dampfschiffe und Eisenbahnen überbrückten Entfernungen, für die man noch eine Generation zuvor Wochen und Monate benötigt hatte, innerhalb weniger Tage. Selbst weit entfernte, abgelegene Winkel der Erde wurden nun leichter zugänglich und erschlossen.  
Bahnbrechende Entdeckungen und Erfindungen revolutionierten Medizin, Wissenschaft und Technik. Die Entdeckung der Mikrobiologie, Röntgen, Elektrizität, Automobile – um nur einiges zu nennen.
Kunst und Literatur wandelten sich und gingen völlig neue, unabhängige Wege. Sie musste und sollte nicht mehr nur schön und ansprechend sein, sondern auch das Wahre, Hässliche zeigen, gar abstrakt werden.
Doch während die einen die neuen Errungenschaften bestaunten und genossen, blieb es für andere dunkel. Nach wie vor waren die Elendsquartiere in den Städten katastrophal – dunkel, stickig und unhygienisch. Erkrankungen wie Tuberkulose und Typhus weit verbreitet. Die Arbeitsbedingungen oft ausbeuterisch und trotz einer allgemeinen Schulpflicht Kinderarbeit gang und gäbe.
Es gab Bemühungen, dies alles zu ändern, doch griffen diese nur langsam.
Die Völker Europas stritten, wie Hunde um einen Knochen, um die Vorherrschaft auf den Ozeanen und den Ländern der südlichen Kontinente. Ein jeder versuchte das größte Stück des kolonialen Kuchens für sich zu gewinnen, ohne auch nur den geringsten Blick auf die Menschen, die in diesen Ländern zu Hause waren, zu werfen.
Kleine Kriege zwischen den Nationen verhärteten die Fronten und man sehnte sich einen großen Krieg herbei, der, wie alle glaubten, als reinigendes Gewitter dienen würde.
Auf diese Weise steuerte der Kontinent freudig und sehenden Auges auf die erste große Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts zu, die man später einen Weltkrieg heißen würde.
Licht und Schatten. Glanz und Elend.
Vor diesem Hintergrund spielt diese Erzählung.

Auch dieses Mal ist der Text wieder bis auf die Endkorrektur bereits fertig.
Das heißt allerdings nicht, dass, wenn von euch wieder interessante Gedanken oder Anmerkungen kommen, diese nicht noch eingefügt werden können. Also haltet euch mit Kommentaren nicht zurück.  ;-)  
Für mich selbst bedeutet es jedoch, auch wenn es mir schwer auf der Seele liegt und die Geschichte als solches nicht unpolitisch ist, es keinen Bezug zu den jüngsten Ereignissen geben wird – so gern ich dies auch schreiben würde. Ansonsten müsste ich vermutlich die gesamte Storyline abändern.
Vielleicht aber seid ihr gerade auch ganz froh, der aktuellen Welt für einen Moment zu entfliehen, und lasst euch nur zu gerne von mir in einen andere entführen.
Es werden insgesamt, den Prolog nicht mitgezählt, achtunddreißig Kapitel sein, die überwiegend aus Sherlocks, aber auch immer wieder aus Johns Perspektive erzählt sein werden. Mein Plan ist, sie in wöchentlichen Abständen online zu stellen. Das nächste Kapitel kommt allerdings schon übermorgen, da dieses kleine Vorwort eher dazu gedacht war, euch anzufixen. ;-)
Rosie wird in der Geschichte diesmal nicht vorkommen, obwohl die Erzählung zeitlich nach Marys Tod angesiedelt ist. Dass zwei Männer in einem Junggesellenhaushalt ein Mädchen großziehen, erschien mir für die Zeit nicht ganz passend. Zudem hätte ich dann vermutlich eine andere Rolle viel weniger ausbauen können, als ich es nun getan habe. Ich hoffe, ihr habt eure Freude an dem jungen Mann.

Erneut konnte ich nicht widerstehen, Liedausschnitte den einzelnen Kapiteln voranzustellen und sie nach Phrasen aus diesen zu benennen.
Zum Nachhören verlinke ich die verschiedenen Titel dann auch wieder.
Eigentlich wollte ich euch das erste Lied schuldig bleiben, da ich ein etwas gespaltenes Verhältnis zu dieser Liedgattung habe, und es mir daher fast ein wenig peinlich ist, schon wieder eines daraus zu verwenden, noch dazu gleich als allererstes. Allerdings kommen ja noch etliche andere aus den unterschiedlichsten Genres.
Also sei's drum... Gebt also, frei nach jenem Mann aus Nazareth, der Königin, was der Königin gebührt.

God save the Queen  
Hättet ihr es erkannt?
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