Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

2022 03 07: Erkenntnisse [by Sira-la]

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12 / Gen
Harry Potter Severus Snape Sirius "Tatze" Black
07.03.2022
07.03.2022
1
4.688
22
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
 
07.03.2022 4.688
 
Tag der Veröffentlichung: 07.03.2022
Titel der Geschichte: Erkenntnisse
Song: „ZU VIEL IM KOPF“ von Freakso
Autor: Sira-la
Kommentar des Autors: Eine Überlegung, die sicher schon sehr viele FF-Autoren hatten, und dennoch wollte mich dieses Plotbunny einfach nicht loslassen. Dann bekommt es eben die gewünschte Aufmerksamkeit ^^ Leider hat es sich etwas von der Grundidee wegentwickelt, weshalb es nicht mehr ganz so gut zu dem Liedtitel passt, aber ich hoffe, der Text gefällt euch trotzdem :D



Erkenntnisse


Nachdenklich sah Severus seinem Schüler hinterher. Seit drei Wochen hatte er die undankbare Aufgabe übernommen, Harry Potter Okklumentik beizubringen. Der Bengel versagte auf ganzer Linie, nicht dass es Severus überraschte. Potters waren einfach nicht feinfühlig genug, um die Kunst der Gedankenmagie zu begreifen.
Allerdings führte dies dazu, dass Severus nun seit drei Wochen in den ‚Genuss‘ von Potters Erinnerungen kam und langsam aber sicher konnte er sein ungutes Gefühl nicht mehr verdrängen. Es hatte schon in der ersten Sitzung begonnen.
Ein neidischer kleiner Junge, der einen anderen, doppelt so breiten Junge auf einem Fahrrad beobachtet. Ein Junge, der von einer Bulldogge auf einen Baum gejagt wird, während Erwachsene lachend zusehen.
Severus kehrte nachdenklich in seine Wohnung zurück und schenkte sich einen Feuerwhiskey an. Nach der ersten Sitzung hatte er sich noch einreden können, dass diese Erinnerungen Ausnahmen waren. Negative Erfahrungen in einem sonst glücklichen Leben, die sich daher nur umso tiefer ins Gedächtnis des Jungen eingebrannt hatten. Aber inzwischen musste er den Gedanken zulassen, dass es sich eben nicht um Ausnahmen handelte. Auch heute hatte er wieder mehr gesehen, als er hätte sehen wollen.
Ein Junge, der viel zu große Kleidung trägt und kochend am Herd steht, während die anderen Familienmitglieder sich am Tisch die Bäuche vollschlagen. Ein Junge, der im Schrank unter der Treppe sitzt, hungrig und frierend, während Weihnachtslieder zu hören sind.
Severus schüttelte seinen Kopf und nippte an dem scharfen Whiskey. Er hatte heute wirklich versucht, glückliche Erinnerungen zu finden, in der Hoffnung, dass Potter doch nicht ganz so miserabel in Okklumentik war und es instinktiv schaffte, seine guten Erinnerungen vor ihm zu schützen. Dabei hatte Severus zwei Erkenntnisse erhalten. Zum einen: Der Junge war miserabel in Okklumentik. Er schützte keinen einzigen Bereich seines Geistes. Und zum anderen: Bevor Potter nach Hogwarts gekommen war, hatte er keine glücklichen Erinnerungen gesammelt. Wie dieses Kind es geschafft hatte, bereits mit dreizehn einen gestaltlichen Patronus zu beschwören, war Severus ein Rätsel.
Er nahm einen weiteren Schluck aus seinem Glas. Ihm gefiel nicht, zu welchem Schluss er hier gerade kam.

***

„Setzen Sie sich.“
Potter schwieg und weigerte sich, Blickkontakt herzustellen, während er sich auf seinen Platz setzte.
Severus zog sich einen Stuhl heran und setzte sich dem Jungen gegenüber, was ihm einen überraschten Blick aus den grünen Augen beibrachte. „Ich möchte heute einen anderen Ansatz versuchen“, erklärte Severus.
„Und welchen? Sir?“
„Ich möchte, dass Sie versuchen, mir keine Ihrer Erinnerungen an Hogwarts zu zeigen.“
„Warum? Sir?“
„Wenn Sie es schaffen, mich aus einem Bereich Ihrer Erinnerungen fernzuhalten, können wir darauf aufbauen“, erklärte Severus. Es war tatsächlich eine der Möglichkeiten, Okklumentik zu lernen, aber natürlich hatte er andere Intentionen. Er wartete, bis Potter genickt hatte. „Legilimens.“
Sofort prasselten die Erinnerungen auf ihn ein.
Ein kleiner Junge, vielleicht fünf Jahre alt, der ein Badezimmer putzt, beobachtet von einer hageren Frau. Der kleine Junge, der Unkraut jätet, während er von einem anderen Jungen immer wieder mit einem Ball abgeworfen wird. Der kleine Junge auf einem Muggelschulhof, ganz allein. Selber Ort, der kleine Junge wird von einer Gruppe Schüler verfolgt, alle größer als er, und plötzlich sitzt er auf dem Schuldach. Hagrid, der dem Jungen einen Brief überreicht. Das Hogwarts-Schloss. Wieder der Garten, eine Bulldogge schnappt nach dem Jungen. Der Schrank unter der Treppe und ein Zettel an der Wand, auf dem in krakeligen Buchstaben ‚Harrys Zimmer‘ steht. Ein anderes Zimmer mit Gittern an den Fenstern und einer Katzenklappe in der Tür, die gerade von einem fetten Mann zugezogen wird.
Erschüttert zog Severus sich aus dem Geist des Jungen zurück. „Gut gemacht“, lobte er mit rauer Stimme und gab vor, die Tränen, die Potter über das Gesicht liefen, nicht zu bemerken. „Wer war der andere Junge?“
„Mein Cousin. Dudley.“
Severus runzelte die Stirn. „Und die Erwachsenen?“
„Tante Petunia und Onkel Vernon.“ Potter sah ihn nicht an, seine Stimme klang belegt.
„Petunia Evans?“
„Dursley“, verbesserte Potter. „Wer ist Petunia Evans?“
Jetzt gerade war Severus sehr froh, dass er bereits saß. „Evans war der Mädchenname Ihrer Mutter. Petunia ist Lilys Schwester.“
„Oh. Dann ja“, sagte Potter und wischte sich endlich die Tränen von den Wangen.
Severus konnte es nicht fassen. Hatte Dumbledore nicht gesagt, dass Potter zu Verwandten kam, die ihn auf das Leben in der magischen Welt vorbereiten würden? Wie sollten Muggel so etwas leisten können? Vor allem diese Muggel? Ausgerechnet Petunia, die schon als Kind alles Magische gehasst hatte?! „Seit wann leben Sie bei Ihrer Tante?“
Potter runzelte die Stirn. „Schon immer“, sagte er.
Plötzlich wusste Severus mit absoluter Klarheit, dass er etwas unternehmen musste. Etwas Drastisches. Der Junge durfte auf gar keinen Fall nochmal zurück zu dieser Familie. „Warten Sie hier.“ Severus stand auf und ging mit schnellen Schritten in seine Vorratskammer. Zielsicher griff er nach einem der Fläschchen und kehrte zu Potter zurück, dem nicht mehr anzusehen war, dass er eben noch geweint hatte.
„Veritaserum?“, fragte Potter und schnaubte. „Wollen Sie mir erneut androhen, das zu verwenden? Sir?“
Severus sah ihn überrascht an. Er hatte nicht erwartet, dass der Junge den Trank wiedererkennen würde. „Es ist nicht für Sie, Potter. Sondern für Ihren vermaledeiten Paten. Ich habe davor nur noch eine Frage.“
Potter starrte ihn völlig perplex an.
„Haben Sie eine einzige schöne Erinnerung an Ihr Leben bei Petunia? Eine einzige Umarmung, ein schönes Geburtstagsgeschenk, irgendetwas?“
Potter wich seinem Blick aus, aber jetzt einmal darauf aufmerksam geworden, erkannte Severus, dass es keine Aufsässigkeit war, sondern Scham. „Nein, Sir“, murmelte der Junge.
„In Ordnung. Stehen Sie auf, wir werden Hogwarts nun verlassen.“
„Was? Wieso?“
„Keine Fragen, Potter, bevor ich es mir anders überlege. Kommen Sie, wir können innerhalb von Hogwarts nicht apparieren. Sollte uns jemand aufhalten, behaupten Sie, dass Sie mich als Strafarbeit zum Zutatensammeln begleiten müssen.“
Potter sah ihn verwirrt an, aber er nickte.

***

Tatsächlich schafften sie es vom Schulgelände, ohne jemandem zu begegnen. Direkt an der Grenze blieb Severus stehen. Dumbledore wurde sofort informiert, wenn jemand die Schutzschilde verließ. „Ich werde uns apparieren“, erklärte er dem Jungen. „Sie müssen mir dafür allerdings zumindest genug vertrauen, um mich begleiten zu wollen.“
Dem Blick nach zu urteilen, stellte Potter das vor eine Herausforderung.
Severus unterdrückte ein Seufzen. „Ich bringe Sie zu Ihrem Paten.“
„Warum?“
„Damit Sie nicht mehr zu diesen sogenannten Verwandten von Ihnen zurückkehren müssen. Kommen Sie, wir haben nicht viel Zeit.“ Er hielt Potter seine Hand hin.
Es dauerte einige quälend lange Sekunden, bis Potter danach griff. Severus zog ihn über die Grenze und disapparierte noch aus der Bewegung heraus.

Potter schwankte, als sie im Kaminzimmer des Grimauldplatzes Nr. 12 landeten.
„Wenn Sie kotzen, verfluche ich Sie“, drohte Severus und zog seinen Zauberstab.
„Das war schlimmer als ein Portschlüssel“, sagte Potter mit schwacher Stimme und leicht grün im Gesicht.
Severus grinste spöttisch. „Nur, weil Sie nicht selbst appariert sind.“ Er richtete seinen Stab auf die Tür. „Das hat lange gedauert, Black“, sagte er.
„Schniefelus! Was tust du … Harry?!“
„Sirius!“
Severus trat einen Schritt zur Seite, als sein Schüler an ihm vorbeistürmte und sich Black in die Arme warf.
Black erwiderte die Umarmung für einen Moment, schob Potter dann aber vehement von sich. „Was geht hier vor? Wer seid ihr? Was soll die Scheiße?“
„Sirius?“
Severus schnaubte. „Es scheint, als wäre Black doch nicht so dämlich, wie ich immer dachte. Stell deine Kontrollfragen, mach schon. Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit, Potter sollte zurück in seinem Schlafsaal sein, bevor jemand unser Verschwinden bemerkt.“
„Ich, äh … Wer sind die Rumtreiber.“
Severus unterdrückte ein Augenrollen. Die Antwort kannte sogar er.
„Moony, Tatze, Krone und Wurmschwanz“, antwortete Potter sofort. „Auch wenn Wurmschwanz jetzt wohl nicht mehr dazugehört. Und Tatze wird auch Schnuffel genannt.“
Black nickte und zog den Jungen in eine weitere Umarmung. „Was tut ihr hier?“
Potter zuckte mit den Schultern. „Sna… Professor Snape hat heute wieder versucht, mir Okklumentik beizubringen. Dann hat er nach Tante Petunia gefragt, Veritaserum geholt und wir sind hierher appa-dingst.“
„Appariert, Potter“, sagte Severus und musterte Black. „Zieh dir was Ordentliches an, wir gehen ins Ministerium.“
„Wie bitte?“
„Mach schon, Potter gehört zurück in die Schule. Ich rufe Kingsley, der soll uns begleiten.“

***

Kingsley war, nachdem Severus ihm einen Patronus geschickt hatte, sofort in den Grimauldplatz gekommen und hatte den Kamin vorübergehend ans Flohnetzwerk angeschlossen. Sie hatten einen groben Plan besprochen, dann war er gemeinsam mit Sirius in sein Büro im Ministerium gefloht und Severus war ihnen zusammen mit Potter, der sich weigerte, alleine zu flohen, gefolgt. Nun standen sie in Kingsleys Büro und warteten auf Amelia Bones und Rufus Scrimgeour, denen Kingsley Memos geschickt hatte.
„Warum sind wir hier?“, brach Potter die Stille. Er wirkte erschöpft und Severus wurde bewusst, dass die Sperrstunde bereits vor über eine Stunde begonnen hatte und der Junge gerade einmal fünfzehn Jahre alt war. Er gehörte ins Bett.
„Das wüsste ich au… Black!“
Severus konnte gerade noch so ein Zusammenzucken verhindern, als Rufus Scrimgeour, der Chefauror, in Kingsleys Büro stürmte und sofort seinen Zauberstab zog.
„Rufus, bitte warten Sie noch einen Augenblick“, sagte Kingsley mit ruhiger Stimme. „Sirius Black wird weder versuchen, anzugreifen noch zu fliehen.“
„Sirius Black?“ Jetzt betrat auch Amelia Bones das Büro. Sie war eine der Vorsitzenden der magischen Strafverfolgung und, soweit Severus bekannt war, absolut unbestechlich. Sie hatte ein Klemmbrett in der einen und einen Speicherkristall in der anderen Hand. „Ich nehme an, in der außerordentlichen Vernehmung zu solch später Stunde soll es um ihn gehen?“
Kingsley nickte. „Professor Severus Snape informierte mich heute Abend, dass Mister Harry Potter bekannt ist, wo sich der flüchtige Sirius Black versteckt hält“, erklärte er. Die ganze Situation war eine Gratwanderung, denn weder Scrimgeour noch Bones wussten von dem Orden, und Severus hoffte, dass Potter oder Black das Ganze nicht durch eine unbedachte Bemerkung auffliegen lassen würden. „Professor Snape gelang es, seinen Schüler während eines Nachsitzens davon zu überzeugen, sich an das Ministerium zu wenden. Mister Potter war unter der Bedingung einverstanden, dass sein Pate sofort und in seinem Beisein sowie dem des Professors eine Befragung unter Veritaserum erhält.“
„Wir haben kein Veritaserum vorrätig, das wir an einen verurteilten Verbrecher verschwenden können!“, schimpfte Scrimgeour. Noch immer hielt er seinen Zauberstab auf Black gerichtet, der tatsächlich einmal vernünftig war und schwieg.
„Ich habe Veritaserum bei mir“, sagte Severus und zog die Phiole aus seiner Tasche.
Amelia Bones nahm ihm die Phiole aus der Hand, öffnete sie und musterte den Inhalt sehr genau. „Es scheint echt zu sein“, sagte sie schließlich. „Rufus, setzen Sie sich. Kingsley, ein Glas Wasser für Sirius Black bitte. Lassen Sie uns das schnell hinter uns bringen. Sie werden natürlich jedwede Konsequenzen akzeptieren?“
Black und Potter nickten gleichermaßen und Severus entspannte sich etwas.
„Ich will auch mit Veritaserum befragt werden“, sagte Potter plötzlich und erinnerte Severus so daran, dass es immer eine schlechte Idee war, in Gegenwart eines Potters nicht auf der Hut zu sein. „Der Minister glaubt mir nicht, dass Voldemort zurück ist oder dass ich in den Ferien wirklich von Dementoren angegriffen worden bin. Ich will auch aussagen und dann endlich von Umbridge in Ruhe gelassen werden.“
„Sie sind zu jung für eine Befragung mit Veritaserum“, sagte Kingsley.
„Klar, aber ich war alt genug, um in einem Turnier mitzukämpfen, in dem eigentlich nur volljährige Schüler teilnehmen dürfen.“ Potter schnaubte. „Na schön. Hauptsache, Sie sprechen Sirius endlich frei. Er ist unschuldig.“
Kingsley füllte ein Glas mit Wasser und Severus fügte drei Tropfen Veritaserum hinzu.
Amelia Bones aktivierte in der Zeit den Speicherkristall. „29. Januar 1996, 22:05 Uhr, Befragung unter Veritaserum von Sirius Black durch Chefauror Rufus Scrimgeour, Auror Kingsley Shacklebolt und Mitglied der magischen Strafverfolgung Amelia Bones. Zeugen der Vernehmung sind Professor Severus Snape und Mister Harry Potter.“
Severus lehnte sich neben der Tür an die Wand. Er hatte nicht vor, sich einzumischen.
Black warf ihm einen Blick zu, der irgendwo zwischen Dankbarkeit und Misstrauen lag, bevor er seine Hand nach dem Glas ausstreckte. Doch bevor er es erreichte, griff Potter danach und trank einen Schluck.
„Ich hoffe, es wirkt auch, wenn man nicht alles trinkt“, sagte er und gab Black das Glas.
„Mister Potter!“, rief Bones entsetzt. „Was fällt Ihnen ein?“
„Die Wirkung war auf eine Stunde berechnet“, sagte Severus mit bemüht ruhiger Stimme, der nicht wusste, ob er seinem Schüler applaudieren oder ihn verfluchen sollte. „Die Menge, die Mister Potter getrunken hat, sollte nicht sonderlich lange wirken. Und in dem Glas ist noch genug für die Befragung von Black.“
Black lachte heiser und stellte das Glas auf den Tisch. „Nachdem Harry das Veritaserum freiwillig genommen hat, sollten Sie die Gelegenheit wohl auch nutzen. Als sein Pate gestatte ich die Befragung. Ich kann gerne noch kurz warten.“
Amelia Bones wirkte unsicher, doch Kingsley nickte ihr zu und auch Scrimgeour schien nichts dagegen zu haben.
„Notiz der Vernehmung: Mister Harry Potter hat unaufgefordert einen Schluck des Veritaserums getrunken. Befragung von Sirius Black wird um eine halbe Stunde verschoben. Befragung unter Veritaserum von Harry Potter durch zuvor genannte Personen. Zeugen der Vernehmung sind Professor Severus Snape und Mister Sirius Black als Interimsvormund des Befragten.“ Bones seufzte leise. „Name?“
„Harry James Potter.“
„Geburtsdatum?“
„31. Juli 1980.“
„Ist Er-dessen-Name-nicht-genannt-wird ins Leben zurückgekehrt?“, fragte nun Kingsley.
„Ja.“
Scrimgeour setzte sich aufrechter hin. „Wie?“
„Wurmschwanz hat am Ende des Trimagischen Turniers ein Ritual durchgeführt. Knochen des Vaters, Fleisch des Dieners, Blut des Feindes“, sagte Potter mit monotoner Stimme.
„Woher wissen Sie das?“, fragte wieder Amelia Bones.
„Ich war dort“, lautete die Antwort. „Der Pokal im Labyrinth bei der dritten Aufgabe war ein Portschlüssel. Der hat mich und Cedric zu diesem Friedhof gebracht. Wurmschwanz hat Cedric getötet und mich an einen Grabstein gefesselt und dann dieses Ritual durchgeführt.“
„Wissen Sie, wer den Portschlüssel erschaffen hat?“
„Barty Crouch Jr. Er hat sich mit Vielsafttrank als Professor Moody getarnt. Er hat auch meinen Namen in den Feuerkelch geworfen.“
„Was meintest du damit, dass Umbridge dich in Ruhe lassen soll?“
„Mister Black, Sie …“, fing Kingsley an, doch Harrys Stimme unterbrach ihn: „Sie verpasst mir für die geringsten Vergehen Nachsitzen und lässt mich mit einer besonderen Feder, die mein Blut als Tinte verwendet, Sätze schreiben.“
Severus wurde blass.
„Wie bitte?“, fragte Bones völlig perplex. „Wussten Sie davon, Professor Snape?“
Severus schüttelte den Kopf. „Nein. Ich wusste, dass Mister Potter dieses Schuljahr häufig Nachsitzen hat, aber davon hatte ich keine Ahnung.“
„Mister Potter, betrifft dies auch andere Schüler?“
„Ich weiß, dass Fred und George Weasley auch schon so ein Nachsitzen bei Umbridge hatten.“
„Haben Sie eine andere Lehrperson darüber informiert?“
„Nein. Die Erwachsenen glauben mir doch sowieso nie. Und Umbridge hat gesagt, dass das Ministerium mit ihren Methoden einverstanden ist.“
Severus war ernstlich erschüttert.
„Mister Potter, ich versichere Ihnen, dass das Ministerium mit dem Einsatz von Blutfedern nicht einverstanden ist“, sagte Bones. „Was meinen Sie damit, dass die Erwachsenen Ihnen nie glauben?“, wollte sie dann wissen.
„Ich hab Fudge gesagt, dass Sirius unschuldig ist. Und dass Voldemort zurück ist. Ich hab Professor McGonagall gesagt, dass jemand versucht, den Stein der Weisen zu stehlen. Aber nie hat mir …“ Potter krümmte sich leicht zusammen und keuchte schmerzerfüllt auf. „… jemand … ge… geglaubt.“
Severus ging sofort zu ihm, prüfte seinen Puls am Handgelenk und checkte seine Augen. „Die Wirkung hat nachgelassen“, sagte er dann.
„Mister Potter, welche Sätze sollten Sie schreiben und wie häufig?“, fragte Scrimgeour.
Potter hob seine linke Hand. „Ich soll keine Lügen erzählen“, flüsterte er. „Mindestens hundert Mal. Sie sagte, ich soll das so oft schreiben, bis es sich eingeprägt hat.“
Severus griff nach Potters Hand. Die Worte waren deutlich auf dem Handrücken zu lesen. „Ich habe eine Salbe, die die Narben verblassen lässt“, sagte er mit rauer Stimme. Wie hatte ihm das entgehen können?
Scrimgeour kam um den Tisch herum und sah sich die Narben ebenfalls an. Er ließ eine Kamera, die in einem von Kingsley Regalen lag, zu sich schweben und machte ein Foto von Potters Hand. Seine Lippen waren ein schmaler Strich. „Amelia, sobald wir hier fertig sind, will ich einen Haftbefehl für Dolores Umbridge.“
„Mit Vergnügen“, sagte die Frau, die ebenfalls sehr wütend wirkte. „Nun, Mister Black, bereit für Ihre Befragung?“
Black nickte. Diesmal wurde er nicht aufgehalten, als er nach dem Glas griff. Er leerte es in einem Zug.

***

Es war beinahe Mitternacht, als sie in den Grimauldplatz zurückkehrten. Black hüpfte euphorisch herum und beinahe bereute Severus seine spontane Idee. Schließlich würde er Black in Zukunft noch viel öfter ertragen müssen. Das glückliche Lächeln seines Schülers, der offensichtlich kurz davor stand, einzuschlafen, machte Blacks Verhalten allerdings beinahe schon wieder wett und war das alles auf jeden Fall wert gewesen.
„Freispruch!“, rief Black erneut. „In allen Punkten! Und ich darf Harry zu mir nehmen!“ Er riss Potter an sich und umarmte ihn fest. Der Junge taumelte leicht, als er wieder losgelassen wurde, und Severus bugsierte ihn auf das Sofa.
„Black, hast du hier noch Aufputschtränke?“, wollte er wissen.
„Oh, äh … im Küchenschrank. Glaub ich.“
Severus unterdrückte ein Seufzen und ging nachsehen. Tatsächlich fand er noch zwei kleine Phiolen. Eine davon nahm er und drückte sie Potter in die Hand. „Trinken. Sonst schlafen Sie auf dem Weg in den Turm ein und ich werde Sie bestimmt nicht tragen.“
Potter blinzelte ihn müde an und nahm den Trank. Sofort wurde sein Blick klarer. „Danke, Sir“, sagte er. „Nicht nur für den Trank, sondern für alles. Sie sind …“ Er zögerte einen Moment. „Sie sind der erste Erwachsene, der mir wirklich geholfen hat.“
Severus fand, dass das ein Armutszeugnis für die gesamte Riege der Erwachsenen war. Er winkte schweigend ab. Er hatte Lily ein Versprechen gegeben und verdammt, er hatte viel zu lange gebraucht, um das wirklich einzulösen.
„Danke, Snape.“
Severus drehte sich völlig überrascht zu Black um, der ihn ernst ansah und ihm seine Hand entgegenstreckte.
„Und es tut mir leid, wie wir dich in der Schule behandelt haben.“
Für einen Moment wusste Severus nicht, wie er reagieren sollte. Dann griff er zu. Anders als vor einem halben Jahr, als Dumbledore ihn dazu gezwungen hatte, Black die Hand zu reichen, fühlte es sich diesmal erstaunlich richtig an. „Ich akzeptiere die Entschuldigung“, sagte er. „Ich weiß nicht, ob ich es verzeihen kann. Noch nicht.“
Black verzog sein Gesicht zu etwas, das einem Lächeln recht nahe kam. „Ich denke nicht, dass ich es könnte“, sagte er. „Aber ich glaube, ich hätte die Entschuldigung nicht einmal akzeptieren können, also …“ Er brach ab.
Severus ließ ihn wieder los.
„Was wird dein Lord zu den heutigen Ereignissen sagen?“, wollte Black plötzlich wissen.
Zu seinem Erstaunen bemerkte Severus, dass Sorge in seinem Blick lag. Er zuckte mit den Schultern. „Ich werde behaupten, dass ich mir damit Potters Vertrauen erschleichen wollte. Dass der Bengel selbst auch Veritaserum nimmt, damit konnte ja nun wirklich niemand rechnen. Außerdem glaube ich nicht, dass sich am Kurs des Ministeriums so viel ändern wird, solange Fudge Minister bleibt.“
Potters lautes Gähnen verhinderte weitere Gespräche. „Sorry“, sagte er. „Aber ich bin immer noch müde. Und bis Sirius fertig gepackt hat …“
„Ich geh ja schon.“ Black lachte und verwuschelte seinem Patenkind die Haare.
Severus setzte sich neben Potter auf das Sofa. „Ich möchte mich für mein Verhalten in den letzten Jahren entschuldigen“, sagte er.
Potter grinste. „Ich akzeptiere die Entschuldigung. Aber ich weiß nicht, ob ich … wie haben Sie das gesagt? Verzeihen kann oder so.“
Severus lachte leise. „Ich denke, Sie wären ein guter Slytherin, Mister Potter.“
„Das hat der Sprechende Hut damals auch gesagt.“ Potter zuckte mit den Schultern. „Aber Malfoy und ich in einem Haus … Das wäre wohl nicht gut gegangen.“
„Nein, vermutlich nicht“, stimmte Severus zu, auch wenn ihn diese Neuigkeit wirklich überraschte. Wäre der Junge in sein Haus gekommen, hätte er ihm schon viel früher geholfen, das war ihm bewusst. Er hatte die Anzeichen viel zu lange ignoriert. ‚Ich hoffe, du kannst mir verzeihen, Lily.‘

***

Als Severus vor den Toren von Hogwarts landete, wartete Dumbledore bereits auf ihn. Severus ignorierte ihn, bis er den großen Hund abgesetzt und sichergestellt hatte, dass Potter sich nicht übergeben musste. „Guten Abend, Direktor“, grüßte er dann und schob Potter über die Grenze in den Bereich der Schutzschilde. Der Hund folgte ihm sofort.
„Severus, was geht hier vor?“, fragte Dumbledore. Der mühsam unterdrückte Zorn war deutlich zu hören.
„Meine Versuche, Potter Okklumentik beizubringen, waren nicht sehr fruchtbar, wie ich Ihnen bereits mitgeteilt habe, Sir. Die heutige Stunde war eine noch größere Katastrophe als sonst.“
Potter nickte bestätigend, als Dumbledore ihn ansah, kniete sich neben den Hund und kraulte diesen zwischen den Ohren. In dem Wissen, wer sich hinter dem Fell verbarg, fand Severus das einen sehr gewöhnungsbedürftigen Anblick, andererseits wusste er auch, dass in der Animagusgestalt die tierischen Instinkte die menschlichen beinahe überwogen.
„Und was“, sagte Dumbledore mit gefährlich neutraler Stimme, „macht der Hund hier?“
„Das ist vorübergehend mein neues Haustier“, sagte Severus. „Seine Anwesenheit unterstützt Potters Zusatzunterricht.“ Genauer würde er auf den Schlossgründen, wo ihn jeder hören könnte, gewiss nicht werden, aber Dumbledore wusste, dass auch Black ein ganz passabler Okklumentiker war. Und in Severus’ Augen war Black auch deutlich besser als Lehrer für Potter geeignet, zumindest in diesem speziellen Fach. Wenn man seinem Okklumentik-Lehrer nicht vertraute, und das hatte Potter bisher nicht, konnte es keine zufriedenstellenden Ergebnisse geben.
„Darüber sprechen wir noch“, sagte Dumbledore, schob sich an Severus vorbei und verließ das Schulgelände.
Severus sah ihm stirnrunzelnd nach. Er hoffte, dass der Direktor beim Frühstück wieder anwesend wäre, um die Show mitzuerleben. „Der Hund und ich begleiten Sie noch zu Ihrem Turm, Potter. Kommen Sie, damit Sie zumindest noch etwas Schlaf bekommen.“

***

Als Severus die Große Halle betrat, herrschte schlagartig Stille. Es waren zwar noch nicht sonderlich viele Schüler anwesend, dennoch war Severus beeindruckt von dem Effekt, den der große, schwarze Hund hatte.
Als sie sich dem Lehrertisch näherten, wurde Trelawney leichenblass und kippte fast von ihrem Stuhl. „Der Grimm!“, hauchte sie und sah Severus mit einem Blick an, als würde er jeden Moment tot umfallen.
„Ein Hund“, korrigierte er.
„Seit wann hast du einen Hund?“, fragte Minerva und so, wie sie den Hund ansah, war Severus völlig klar, dass sie ihn erkannt hatte.
„Seit kurzem“, antwortete er und setzte sich auf seinen Platz neben Umbridge. Der Hund legte sich zu seinen Füßen und Severus reichte ihm eine Fleischwurst, den empörten Blick der pink gekleideten Frau ignorierend.
Langsam füllte sie die Halle und endlich, als letzter der Lehrer, erschien auch Dumbledore. „Severus, komm bitte mitsamt deinem neuen Haustier nach dem Frühstück in mein Büro.“
Severus nickte, auch wenn er nicht vorhatte, diesem ‚Wunsch‘ Folge zu leisten. Er ließ seinen Blick durch die Halle schweifen, bis er Potter entdeckte. Der Junge wirkte noch etwas müde, aber das war wohl verständlich. Er fing Severus’ Blick auf und legte den Kopf fragend zur Seite. Severus nickte knapp und Potter widmete sich seinem Frühstück. Severus schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, so wie er es jeden Morgen tat. Unauffällig sah er auf die Uhr. Noch eine Minute. Er nahm eine Hand unter den Tisch und gab dem Hund ein Zeichen, der sich sofort aufsetzte.

Dann schlugen die Türen auf. Kingsley, Scrimgeour und zwei weitere Auroren, die Severus nicht kannte, betraten die Große Halle.
„Meine Herren, wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte Dumbledore und stand langsam auf.
Scrimgeour ignorierte ihn. „Dolores Umbridge, Sie sind verhaftet!“
„Verhaftet? Ich? Da muss ein Irrtum vorliegen, der Minister …“
„… ist nicht hier“, unterbrach Kingsley sie. „Wir haben eine mit Veritaserum belegte Aussage, dass Sie verbotene, schwarzmagische Gegenstände verwendet haben. Genauer gesagt, dass Sie eine Blutfeder an Schülern genutzt haben.“
Severus beobachtete die Reaktionen der anderen. Es war kaum zu glauben, dass keiner der Schüler sich bei einem Lehrer gemeldet hatte, doch die entsetzten Gesichter sprachen Bände. Und auch Madam Pomfrey schien nichts gewusst zu haben.
„Da wir keine genauen Zahlen kenne, bitte ich um Meldung der Schüler, die in Kontakt mit der Blutfeder gekommen sind“, fügte Kingsley hinzu.
Potter meldete sich als Erstes, was Severus nicht weiter überraschte. Der Junge hatte schließlich gewusst, was heute passieren würde. Die Weasley-Zwillinge hoben ihre Hände als nächstes. Dann Colin Creevey und, zu Severus’ Schock, auch sein jüngerer Bruder. Immer mehr Schüler zeigten auf, völlig schweigend. So still hatte Severus die Große Halle noch nie erlebt. Einzig am Tisch der Slytherins meldete sich niemand. Kingsley ging von Schüler zu Schüler, er schien ihre Namen zu notieren.
Umbridge saß blass und zitternd auf ihrem Platz, bis Scrimgeour um den Tisch herumging, sie am Arm packte und hochzog. „Dafür werden Sie sich verantworten müssen!“, zischte er.
Severus hätte ihm am liebsten applaudiert.
Scrimgeour übergab Umbridge an die beiden anderen Auroren, die sofort mit ihr die Halle verließen, und wartete, bis Kingsley wieder neben ihm stand. „Das Ministerium bittet die Opfer von Miss Umbridge aufrichtig um Verzeihung. Sie alle werden eine Entschädigung erhalten“, sagte der Chefauror. Die Wut und das Entsetzen über die Menge an Meldungen waren ihm deutlich anzusehen. Dann wandte er sich an Dumbledore. „Da das Ministerium Hogwarts die diesjährige Lehrkraft für Verteidigung gegen die dunklen Künste gestellt hat und wir sie nun aus dem Schloss entfernen, haben wir uns bereits um Ersatz bemüht. Bis zum Ende des Schuljahres wird Mister Sirius Black den Posten übergangsweise übernehmen.“ Stimmen wurden laut, doch Scrimgeour hob die Hand, wandte sich den Schülern zu und wartete, bis wieder Ruhe eingekehrt war. „Ich weiß, dass Sie alle dem Glauben unterliegen, Sirius Black sei ein gefährlicher Verbrecher. In einer Befragung unter Veritaserum kam nun allerdings ans Licht, dass Mister Black nur ein Opfer der Umstände war. Er wurde in allen Punkten freigesprochen. Im heutigen Tagespropheten werden Sie dazu noch weitere Informationen finden.“ Er sah wieder zum Lehrertisch. „Soweit ich weiß, befindet er sich sogar schon im Schloss.“
Das war das Zeichen für Black. Der Hund stand auf, trat vor den Tisch und verwandelte sich zurück in seine Menschengestalt. Da er sich direkt nach der Befragung registrieren musste, brauchte er auch nicht mehr geheim zu halten, dass er ein Animagus war.
Severus lehnte sich entspannt zurück und versuchte, das völlig überraschte Gesicht Dumbledores nicht allzu sehr zu genießen. Es war wohl das erste Mal, dass er diesen alten Manipulator völlig überrumpelt hatte. Es war ein Gefühl, das er gerne noch öfter erleben würde. Und er hatte da auch schon eine Idee.
Severus stand auf. „Willkommen in Hogwarts, Professor Black“, sagte er laut genug, damit es in der ganzen Halle zu hören war.
Potter sprang auf und begann zu klatschen, seine Freunde fielen relativ schnell ein und dann begannen sämtliche Schüler zu jubeln.
Severus vermutete, dass das eher daran lag, dass Umbridge verschwunden war, aber Black genoss die Aufmerksamkeit natürlich trotzdem. Er schlenderte um den Tisch herum und setzte sich auf den freien Platz neben Severus, der sich ebenfalls wieder hinsetzte.
„Wir werden Miss Umbridges Büro und ihre Räumlichkeiten untersuchen, danach können Sie an Mister Black übergeben werden“, sagte Scrimgeour über den Lärm hinweg.
Black winkte ab. „Lassen Sie sich Zeit. Ich finde schon einen Schlafplatz.“
„Mein Gästezimmer steht dir weiterhin zur Verfügung.“ Severus nickte ihm zu und genoss den Anblick Dumbledores, dem beinahe die Augen aus dem Kopf fielen. Lächelnd schenkte er Black eine Tasse Kaffee ein.
Die Auroren verließen die Halle und langsam kehrte auch wieder Ruhe ein.
Dumbledore stand noch immer. Jetzt hob er die Hände. „Nun, auch wenn wir wohl alle von den Geschehnissen überrumpelt wurden, in zehn Minuten beginnt die erste Unterrichtsstunde. Bitte beenden Sie Ihr Frühstück und gehen zu Ihren Klassenräumen.“
Severus stand erneut auf. „Alle Schüler, die Kontakt mit der Blutfeder hatten, kommen bitte heute um 18 Uhr in den Krankenflügel. Ich besitze eine Salbe, die die Narben verblassen lässt.“
Dankbare Blicke trafen ihn und Severus wurde bewusst, dass es ihm gefiel, wenn die Schüler ihn so anblickten statt mit Angst im Gesicht. Es war eine überraschende Erkenntnis. Aber es war eine, auf der er seine zukünftigen Unterrichtsmethoden aufbauen würde. Denn er wollte nie wieder die stummen Hilferufe eines Schülers übersehen, nur weil dieser ihn fürchtete.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast