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Geiselnahme

von Tinka10
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Ann-Christine "AC" Heffner Dr. Claas Steinebach Michael Kelting Sami Malouf
28.02.2022
07.10.2022
19
24.433
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28.02.2022 1.075
 
„Ich bin dafür nicht ausgebildet, ich weiß nicht, wie man das macht…“ Schweißperlen bildeten sich auf Claas‘ Stirn, sein sonst so rational funktionierender Verstand drohte ihn im Stich zu lassen – Panik machte sich langsam aber sicher breit. Immerhin wurde man nicht alle Tage in der eigenen Pathologie als Geisel genommen. Er sah hilfesuchend zu Julia Salomon. Dieser kam der rettende Einfall: „Meine Kosmetiktasche. Puder, Wimperntusche, Lippenstift… Alles, was Sie brauchen.“ Das schien für den Geiselnehmer eine gute Alternative zu sein. Er richtete seine Waffe auf Claas, während der zu Julias Tasche ging und das kleine schwarze Täschchen herauszog. „Soll sie nicht lieber…? Ich habe sowas doch noch nie gemacht.“, versuchte er um das Schminken herumzukommen. Doch Bergmann schüttelte den Kopf. „Mach sie wieder schön. Jetzt sofort. Sie soll nicht so entstellt aussehen müssen.“ Seufzend begab Claas sich an die Arbeit. Zumindest hatte er jetzt etwas, worauf er sich konzentrieren konnte. Er atmete tief durch und stellte die Kosmetikprodukte erst einmal in Reih und Glied auf. Ordnung musste eben sein. Als er seine Hände betrachtete, merkte er, dass sie zitterten. Er musste unbedingt ruhiger werden.

Seine Gedanken schweiften zu Michael Kelting, seinem Lebensgefährten und Oberkommissar der Mordkommission, für die auch Claas arbeitete. „Nie den Fokus verlieren, immer alle Sinne beieinander behalten und rational bleiben.“ Diese Devise hatte er oft von ihm zu hören bekommen, wenn er von gefährlichen SEK-Einsätzen berichtet hatte. Claas war wahnsinnig erleichtert gewesen, als er sich entschieden hatte, diesem gefährlichen Beruf den Rücken zuzukehren und zur MoKo zu wechseln. Hier kam es zwar auch zu brenzligen Situationen, aber viel seltener als damals. Während er an ihn dachte, merkte er, dass er etwas ruhiger und konzentrierter wurde. Er würde diese Frau so gut schminken wie es ging und irgendwann würden sie hier schon rauskommen. Heute Abend würde er Michael von dem ganzen Drama erzählen. Leider nur am Telefon, weil er bis morgen auf einem Diversitätsseminar war. Beim Gedanken an Michaels Reaktion auf die Ankündigung, dass er mit AC dort teilnehmen sollte, hätte er fast schmunzeln müssen, wäre die derzeitige Situation nicht so ernst. Michael hatte nicht gerade vor Begeisterung gesprüht. „Da küsse ich dich schon vor aller Augen im Büro und gelte immer noch als intolerant und engstirnig? Das können die doch nicht ernst meinen!“ „Deine harte Schale versteckt halt deinen weichen Kern sehr gut, mein Lieber. Es wird dich schon nicht umbringen, zwei Tage fernab von Mord und Totschlag interessanten Vorträgen zu lauschen.“ Um ihn zu wieder runterzubringen, hatte er ihn in seine Arme gezogen und ihm sanft über den Rücken gestrichen. Nach kurzer Zeit hatte Michael sich fallen lassen und an seinen Nacken gemurmelt: „Ich würde viel lieber bei dir bleiben.“ Claas hatte gelächelt und erwidert, dass er es genießen solle, mal eine Nacht von seinem langjährigen Lebenspartner getrennt zu verbringen, das würde die Vorfreude nur vergrößern. Wie groß diese Vorfreude nach den heutigen Ereignissen werden würde, hatte er da noch nicht ahnen können.

Nun  drehte er bedächtig einen Tiegel mit Foundation auf, die er vorsichtig auf dem Gesicht der jungen Frau mit der Brandwunde auftrug. Er verdeckte die dunkle Stelle so gut es ging und versuchte die auf ihn gerichtete Waffe zu ignorieren, die Bergmann noch immer in der Hand hielt, während er jede seiner Bewegungen verfolgte. Es folgten die Puderquaste, etwas Rouge und Mascara, die die Augen der jungen Frau betonte. Er sah sich das Gesicht genauer an. Die Wunde schimmerte etwas durch, ansonsten war sie nahezu perfekt geschminkt. Dezentes Makeup, das ihre natürliche Schönheit unterstrich.
Er trat zur Seite, um Bergmann einen Blick auf sie werfen zu lassen. Dieser trat an den Obduktionstisch und kniete sich zu ihr. Während er ihre kalte Hand nahm und begann, mit ihr zu sprechen, stellte sich Claas neben Julia und flüsterte ihr zu: „Wir müssen uns irgendwie bemerkbar machen. Wer weiß, was er als nächstes vorhat.“ Julia nickte, selbst ganz starr vor Angst. Jedoch lag keines ihrer Handys in greifbarer Nähe – es wäre zu auffällig, daran zu gelangen.

Der Geiselnehmer aber gab den entscheidenden Hinweis darauf, wo nach ihnen gesucht werden musste, selbst. Das Foto, das er von der toten Schauspielerin in die Sozialen Netzwerke lud, wurde von Marc schnell als in der hiesigen Pathologie aufgenommen identifiziert. Schnell wurde dem Ermittlerteam klar, dass Dr. Steinebach sicherlich keine Fremden widerstandslos an seinen Tisch lassen würde, um Fotos zu schießen. In höchster Alarmbereitschaft machten sie sich auf den Weg nach unten. Nachdem sich Julia geistesgegenwärtig durch einen Schacht aus der Schusslinie bringen konnte, fanden die Beamten nur noch Claas und Bergmann in der Pathologie vor, der nun die Waffe direkt an die Schläfe des Rechtsmediziners hielt.

„Kelting würde mir nie verzeihen, wenn ihm etwas passiert“, ging es Malouf durch den Kopf, als er dem Lebensgefährten seines Oberkommissars in die vor Angst aufgerissenen Augen sah. Aus den Augenwinkeln sah er Marc, der von hinten an den Geiselnehmer heranschlich und ihn überwältigte. Jedoch bekam er die Waffe nicht sofort zu greifen, sodass sich plötzlich ein Schuss löste, der die Stille durchbrach. Einen Moment lang sahen alle geschockt umher, bis ihr Blick an Claas hängen blieb, der sich eine Hand auf den Bauch drückte. Sofort färbte sie sich rot, ebenso wie der Stoff des Obduktionskittels. Er sah zuerst an sich herunter, realisierte, was er sah und blickte dann Malouf direkt in die Augen. „Sag Michael…“ Weiter kam er nicht, das Blut floss zu schnell. Bewusstlos sackte er auf dem Boden zusammen. „Scheiße!“ Malouf stürzte auf ihn zu und wies Aylin an, ihm Mullbinden für einen Druckverband zu bringen, während er seine flache Hand so fest wie möglich auf die Bauchwunde drückte. „Nicht schlapp machen, Claas, bitte…“ Schon bald trafen die Rettungskräfte ein, die Kilian vorsorglich schon vor dem Zugriff alarmiert hatte. Sie übernahmen den Patienten und sicherten Malouf zu, dass er durch das Drücken auf die Wunde zumindest für den Moment das Leben von Dr. Steinebach gerettet habe, jetzt müsse man sehen, wo die Kugel säße und wie viel Blut er verlieren würde.

Aylin und Marc hatten Bergmann nach oben gebracht und in Gewahrsam genommen.
Gespenstische Stille war eingetreten, Sami war nun allein. Mechanisch ging er ans Waschbecken und schrubbte sich die Hände sauber, bis nichts mehr von Claas‘ Blut sichtbar war.  Er trocknete sie sorgfältig ab und zog sein Handy hervor. Er scrollte durch seine Kontakte. „Michael Kelting“ stand dort. Er tippte die Nummer an und atmete tief durch. Dies würde eines der schwierigsten Gespräche werden, die er je hatte führen müssen.
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