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2022 02 26: Von Weggabelungen und Gratwanderungen [by The Norway-Girl]

Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Percy Weasley Regulus Arcturus Black
26.02.2022
26.02.2022
1
1.929
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Dieses Kapitel
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26.02.2022 1.929
 
Tag der Veröffentlichung: 26.02.2022
Titel der Geschichte: Von Weggabelungen und Gratwanderungen
Song: “Stimme” von EFF
Autor: The Norway-Girl
Kommentar des Autors: Das Lied ist im Harry Potter Fandom echt Inspiration pur - zumindest für mich :) Und mir wären bestimmt noch bessere Sachen eingefallen, wenn die Zeit ein wenig mehr mitgespielt hätte. So hab ich leider das Erstbeste aufschreiben müssen, was mir eingefallen ist. Ich finde aber, auch hierfür hat das Lied gut gepasst. Viel Spaß beim Lesen :)



Von Weggabelungen und Gratwanderungen



Hör auf die Stimme


Percys Kopf lag auf dem Tresen des Tropfenden Kessels. Ihm war ganz schwummrig, seine Gedanken weich und schwer wie ein nasser Schwamm. Immer wieder fielen ihm die Augen zu, er konnte aus dem Stimmengewirr um sich herum keine klaren Worte mehr filtern. Die Schwerkraft lastete mit vollem Gewicht auf ihm. Der Alkohol in seinem Blut verursachte Schwindelgefühle. Doch nicht nur der Alkohol…

Auf deinen Wegen, durch das Leben
Da kommen Kreuzungen, und du stehst


Wie weit war er in seinem Leben schon gekommen? Er hatte seine UTZ als Bester im Jahrgang bestanden. War Vertrauensschüler und Schulsprecher gewesen. Er hatte einen Job im Ministerium. Das war es, was er immer gewollt hatte. Oder? Doch zu welchem Preis? Was war seine Zukunft wert? Was war sein Leben wert? Der Krieg. Todesser. Orden. Dumbledore. Seine Eltern und Geschwister! Harry. Harry hatte er immer gemocht. Harry mochte ihn nicht. Niemand mochte ihn. Er war ein Außenseiter. Ein Außenseiter seiner eigenen Familie. Er war nichts wert.

Du musst abwägen und überlegen, was du wählst und wofür du gehst
Die bösen Geister, und all die Quäler


Wie oft hatten ihn Fred und George aufgeregt! Wie oft hatte er auf Ron herumgehackt! Wie oft hatte er Ginny getadelt! Wie oft ließen seine Geschwister ihn nun spüren, wie wenig er ihnen bedeutete… Sein Leben lang hatte er den persönlichen Erfolg an seinen Leistungen gemessen. An seinen Noten. Immer besser. Besser als alle anderen. Das war sein Ziel. Ganz hoch hinauskommen. Doch zu welchem Preis? Er war nicht mehr in der Schule. Er bekam keine Noten mehr. Seine Eltern lobten ihn nicht für seine Erfolge. Es waren keine Erfolge. Es waren Fehlschläge. Er wurde getriezt und verspottet – so wie er es immer mit seinen Geschwistern gemacht hatte. Seine Geschwister, die sich immer so dumm angestellt hatten und jetzt doch besser dastanden als er. In Zeiten des Krieges hatten sie einander. Er war allein.

Immer wieder, kommen sie zurück
Es wird nicht leichter, nein es wird schwerer


Percy hatte gedacht, seine Familie würde zur Besinnung kommen, vielleicht erkennen, wie falsch sie lagen und wie richtig er lag. Aber sie hielten an ihrer jämmerlichen Meinung fest. Als wäre das Ministerium plötzlich der Böse. Als könnte man Dumbledore wirklich vertrauen. Ein seniler alter Mann! Das war Dumbledore. Ein seniler alter Mann. Nicht mehr. Nicht mehr…
Und doch… Und doch… Was wenn sie doch recht hatten? Und was wenn nicht? Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Immer wieder im Kreis. Sie hielten nicht an. Alles drehte sich.
„Noch ein Glas Feuerwhisky, bitte!“
„Junger Mann, Sie hatten doch eindeutig schon genug…“
„Hab ich Sie, um Merlins willen, um ihre Meinung gefragt?!“

Du musst ihn meistern, den nächsten Schritt
Da wo guter Rat teuer, du grad lost und gebeutelt bist


In dieser Nacht schlief Percy schlecht, wie schon in den unzähligen Nächten zuvor. Es war zugig in seiner kleinen Wohnung. Und dreckig. Sein Kopf brummte und ihm war schlecht. Doch darüber hinaus gab es andere Gründe, warum der Schlaf ihm keine Entspannung geben wollte. Es waren die Schuldgefühle, die ihn erdrückten. Die Einsamkeit. Die Sehnsucht nach seiner großen, lauten Familie, während er hier in diesem stillen Loch saß. Allein.

War da nicht immer diese Stimme, die dir hilft und zwar immer


>|<

Sag wirst du reden oder schweigen
Was wird passieren, was kommt danach


Gedankenverloren drehte Regulus die pompöse alte Feder in seiner Hand. Sie war edel, wertvoll, ein Familienerbstück. Wie alles in diesem Haus. Alles alt, alles edel, alles Familie. Alles dunkel und schwer. Die Wörter drehten sich in seinem Kopf, wollten nicht aufs Papier. Er wusste keinen Anfang und kein Ende, keine Formulierungen für das, was in ihm vorging. War das alles real? War das alles echt? Wie hatte das alles nur so aus dem Ruder laufen können? Verdammter Drachenmist! Jetzt saß er hier. Es gab kein Zurück. Er hatte sich entschlossen. Hatte er das? Sein linker Unterarm brannte. Als wüsste er von seinen verräterischen Gedanken, von seinem verräterischen Vorhaben. Als stünde er ständig unter Beobachtung. In Regulus breitete sich die gewohnte Panik aus.

Willst du weggehen, oder bleiben
Du musst entscheiden, keiner nimmt's dir ab


Das Gespräch von neulich hallte noch in seinem Kopf nach. Horcrux. Immer dieses Wort. Horcrux. Es hatte ihn nicht losgelassen. Was war ein Horcrux? Was hatte es damit auf sich? Wenn seine Cousine dieses Wort in den Mund nahm und ihre Augen noch dazu in diesem ganz speziellen Ton glänzten, dann konnte es nur etwas abgrundtief Böses sein. – Und er hatte Recht behalten. Wenn er die Situation im Nachhinein analysierte, dann konnte er froh sein, aus der Position des Lauschers wieder unerkannt und unentdeckt herausgekommen zu sein. Er hatte recherchiert. Jedes Buch in der Bibliothek seines Vaters umgedreht, bis er auf das Wort gestoßen war. Es hatte ihn Ewigkeiten gekostet, nur um dann weitere Ewigkeiten auf diese eine Seite zu starren.

Horcrux

[…] dunkle Magie […] Seelensplitter […] Unsterblichkeit


Unsterblichkeit. Das war das Wort, dass ihn auf den Schlag gelähmt hatte. Unsterblichkeit. Ein Horcrux war der Schlüssel dazu. Jeder beliebige Gegenstand konnte zu einem Horcrux gemacht werden – und für Regulus war sofort klargewesen, dass der Lord ein solches Artefakt bereits kreiert hatte. Unsterblichkeit. Das verlockendste Angebot des Universums. Regulus hatte bei der Beschreibung des Horcruxes gezittert, ein Schauer hatte den nächsten gejagt. Niemand sollte unsterblich sein. Niemand. So funktionierte das Leben nicht, das war nicht der Lauf der Dinge. Niemand sollte je einen Horcrux erschaffen können. Niemand. Es war eine grausige Art zur Selbstverwirklichung. Und der letzte, der so etwas machen durfte, war Voldemort. Regulus fürchtete ihn. Regulus fürchtete ihn mehr als jeder andere. Er war da in etwas hineingeraten, dass seine Vorstellungskraft um einiges überstieg. Seine Belastbarkeit hatte Grenzen und Voldemort hatte sie ihm bereits in den ersten Tagen seiner Gefolgschaft aufgezeigt. Doch es gab keinen Weg raus. Einmal Todesser, immer Todesser. Es war wie ein Sog, der ihn tiefer und tiefer zerrte und Regulus konnte sich an nichts festhalten. Es war kräftezehrend, dauernd diese Maske aufrechtzuerhalten, sich nichts anmerken zu lassen. Doch nun… nun hatte er vielleicht seinen letzten Rettungsanker gefunden. Nun hatte er etwas gefunden, an dass er sich klammern konnte. Wenn er es schaffte, diesen Horcrux von Voldemort zu finden und zu zerstören, dann konnte er sein Gewissen endlich wieder bereinigen. Dann konnte er vielleicht endlich wieder ruhig schlafen, endlich wieder aufatmen. Vielleicht könnte er untertauchen und … und … Ja was und? Ein neues Leben anfangen? Seine Vergangenheit hinter sich lassen? War so etwas überhaupt möglich?

Das ist ne Reise, ohne Navi
Alles offen und immer wieder neu


War es möglich, dass Regulus sein Leben noch einmal umkrempeln konnte? Dass er seinen elendigen Pflichten als reinblütiger Erbe entfliehen konnte? So wie Sirius? Sirius… Ein neues Loch tat sich auf und Regulus‘ Gedanken schienen zu schweben. Sein Bruder hatte es von Anfang an richtig gemacht. Er war gegangen, da, wo er selbst zu feige gewesen war. Er war sogar jetzt noch zu feige. Und diese Feigheit drückte ihn zu Boden, machte ihn handlungsunfähig. Sirius war nie feige gewesen. Oh, wie sehr hatte er ihn nur dafür gehasst, so mutig zu sein. Wie sehr hatte er ihn bewundert. Und wie sehr hatte er ihm nachgetrauert… Sirius hatte ihm immer vorgeworfen, den perfekten Sohn abgeben zu wollen. Ihren Eltern immer alles rechtzumachen. Der Goldjunge der Familie zu sein. Dabei hatte er immer alles falsch gemacht. Seine Bemühungen, seine Eltern zufriedenzustimmen, waren bei jedem Versuch im Sand verlaufen und jetzt stand er am Ende seines Irrweges, blickte zurück auf all seine Fehler. Hätte er sie doch nur schon früher erkannt…

All die Prüfungen, ich glaub man schafft die
Bleibt man sich selbst so gut wie es geht treu


Tinte tropfte auf das geblichene Pergament und bildete eine kleine Pfütze. Regulus setzte die Feder an und begann zu schreiben. Sein Entschluss stand fest. Endgültig. Schluss mit Familienehre. Schluss mit dem Mitläuferdasein. Schluss mit der Feigheit. Regulus würde dem ein Ende setzen. Er würde Voldemort daran hindern, Unsterblichkeit zu erlangen. Er würde sich endlich für das Richtige entscheiden. So wie Sirius.

Da wo guter Rat teuer, du grad lost und gebeutelt bist


„Kreacher!“, rief er nach dem alten Hauself, nachdem er zu guter Letzt seine geschwungene Unterschrift unter den Brief gesetzt hatte. Der Lord sollte wissen, wer sich ihm widersetzt hatte. Ein leises Gefühl von Stolz machte sich in seiner Brust breit. Er war stolz darauf, hinter Voldemorts Geheimnis gekommen zu sein und er war stolz darauf, nun mit vollster Überzeugung etwas dagegen zu tun.
Mit einem leisen „Plopp“ erschien Kreacher in seinem Zimmer und kam mit gesenktem Kopf näher.
„Ja, Master Regulus?“ Regulus musterte den kleinen, meist griesgrämigen Elfen nachdenklich. Er war ein treuer Diener seiner Familie – und zu Regulus‘ einzigem Freund geworden. Es war traurig, dass er einem einfachen Hauself so viel Vertrauen schenkte. Es zeigte ihm, wie einsam er doch geworden war.
„Kreacher, du musst mir einen Gefallen tun.“ Der Hauself wackelte mit den Ohren und faltete seine Hände hinter dem Rücken. Regulus hasste sich selbst dafür, die nächsten Worte auszusprechen.
„Du musst mich dorthin bringen, wo du den Dunklen Lord hingebracht hast. Er hat dort etwas versteckt. Etwas Gefährliches. Ich muss es holen.“ Kaum merklich zuckte Kreacher zusammen, als er hörte, was von ihm verlangt wurde.
„Master Regulus, Kreacher weiß nicht, wovon Master spricht. Kreacher weiß es nicht…“ Natürlich wollte Kreacher diesen Befehl nicht ausführen. Voldemort hatte ihn dort gelassen und nur aufgrund Kreachers Hauselfenmagie hatte er es geschafft, zu den Blacks zurückzukehren, halbtot und geschunden. Es musste ein grausamer Ort sein.
„Stell dich nicht so blöd an!“, fuhr Regulus den Hauselfen an und stand von seinem Schreibtisch auf, das Pergament zusammengefaltet.
„Natürlich weißt du es! Es ist wichtig. Kreacher, ich bitte dich…“

War da nicht immer diese Stimme, die dir hilft und zwar immer


>|<

Hör mal besser auf dein Bauchgefühl, das führt dich auch zum Ziel
Ey glaub mir du bestimmst den Weg
Und es ist ganz egal wohin du gehst


Der Tag, an dem Percy zu seiner Familie zurückfand, war der schönste Tag in seinem Leben – und gleichzeitig der schrecklichste, denn er verlor Fred an den Krieg. Rückblickend war es erdrückend, wie viele Momente er verpasst hatte, wie viele Gelegenheiten er verstreichen hatte lassen, sich mit seinem Bruder zu kabbeln, zu streiten … einfach nur bei ihm zu sein. Die Einsamkeit wich einer neuen Leere, die nur langsam verstrich, doch dieses Mal teilte er die Leere mit seiner Familie. Dieses Mal hatte er Leute um sich, die ihm halfen – und dieses Mal ließ er sich helfen.

>|<

Der Moment, als Regulus das Wasser in der Höhle berührte, wusste er, dass es bereits zu spät war. Sein Leben war an dem Punkt angelangt, an dem er loslassen musste – etwas, was er nie besonders gut gekonnt hatte. Er hatte immer festgehalten. Nur festgehalten. Doch dieses Mal… dieses Mal war es anders. Er musste loslassen. Mit dem Wissen, zum Schluss doch noch etwas Gutes getan zu haben, doch noch eine eigene Entscheidung getroffen zu haben, musste er loslassen. Endlich loslassen. Und er ließ los.

Hör auf die Stimme
Hör was sie sagt.
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