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The Business ► Light a Fire

von Bettyna
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P16 / Het
25.02.2022
27.06.2022
33
111.597
8
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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23.06.2022 3.553
 
Liv war müde und hatte den Muskelkater ihres Lebens.

Sie und Rachel hatten gestern den ersten Kurstag beim Spinning gehabt. Was die Brünette für eine gute Idee gehalten hatte, weil sie gerne Fahrrad fuhr und das im Sommer auch oft tat, hatte sich als wahre Tortur herausgestellt. Es handelte sich zwar tatsächlich um einen Anfängerkurs, doch ihre Trainerin hatte sie so sehr angetrieben, dass Liv am Ende geglaubt hatte, sie würde ihre Beine nicht mehr spüren. Sie waren beide komplett durchgeschwitzt gewesen, Rachel hatte einen roten Kopf gehabt wie eine Tomate und sie hatten sich gegenseitig stützen müssen, um in die Umkleide zurückzukehren. Dass hatte ihnen einen Lachflash beschert, sodass sie am Schluss fix und fertig gewesen waren.

Wirklich erholsam war die Nacht nicht gewesen. Liv war auf dem Weg zur Arbeit bei einem Drogeriemarkt vorbeigegangen, um sich Magnesium-Tabletten gegen die Wadenkrämpfe zu holen, welche ihren Schlaf immer wieder unterbrochen hatten. Es gab nur einen einzigen Vorteil, nein, zwei: Sie fühlte sich wirklich, dass sie etwas geleistet hatte und sie hatte nicht über die Situation im Büro nachdenken müssen. Diese holte sie nämlich wieder erbarmungslos ein, kaum dass sie in den Tag gestartet war.

Mister Duncan war, wenig verwunderlich, immer noch nicht da. Die unbeantworteten Mails stauten sich langsam in ihrem Postfach und der Stapel an Dingen, welche nicht erledigt werden konnten, wuchs immer weiter. Wie sollte das nur weitergehen? Gemessen an der Tatsache, dass der CEO nicht wirklich erkrankt war, sondern nichts mehr mit dem Unternehmen zu tun haben wollte, konnte sich alles noch ziemlich lange hinziehen. So sehr sich Liv auch bemühen würde, irgendwann würden ihr alle unbearbeiteten Aufgaben über den Kopf wachsen. Da halfen auch kein aufgeräumter Aktenschrank oder irgendwelche Hinhaltetaktiken für nervige Anrufer. Es würde einen Punkt geben, an dem alles zusammenbrechen würde.

Als das Telefon klingelte, erwartete sie wieder irgendwelche Terminanfragen, doch sie wurde sofort von einer wütenden Stimme angeblafft.

"Was ist los bei euch? Warum ist niemand zu erreichen? Ich rufe schon seit Tagen bei Alec an und es meldet sich keiner", ertönte die Stimme eines aufgebrachten Manns. Siedend heiß fiel Liv ein, dass sie die ganze Woche lang keinen einzigen Blick auf den Apparat des CEO geworfen hatte, welchen er wahrscheinlich vor den Feiertagen stumm gestellt hatte.

"Wer spricht da bitte?", fragte sie höflich, während sie sich vorsorglich die digitale Kundenkartei auf ihrem Bildschirm öffnete.

"Marcello Mendez. Wo ist er?", bekam sie als magere Antwort. Sie klickte auf den Reiter mit dem Buchstaben M, doch der Name kam dort nicht vor. Das verwunderte sie.

"Mister Duncan ist momentan nicht anwesend. Kann ich ihm etwas ausrichten?", fragte sie ebenso knapp und hörte ein Grollen am anderen Ende der Leitung.

"Er soll sich gefälligst melden, sonst poliere ich ihm seine arrogante Visage, wenn er mir das nächste Mal über den Weg läuft", drohte der Mann und legte danach auf. Liv schnappte erschrocken nach Luft, saß wie versteinert auf ihrem Stuhl. Eisig kalt lief es ihr den Rücken herunter und sie wähnte sich wie in einem falschen Film. Was zur Hölle war das denn gewesen? Es hatte nicht wie eine leere Provokation geklungen. Sie starrte auf den Monitor und mit dem nächsten Atemzug begannen auch ihre Gedanken wieder zu rattern. Das war definitiv niemand, mit dem die Firma irgendwelche Geschäftsbeziehungen führte! Es gab mit diesem Namen keinen Eintrag in der Kartei, welche von Edith gewissenhaft gepflegt worden war. Egal, ob es dort hin passte oder nicht, doch Liv öffnete einen neuen Tab und trug dort mit zitternden Fingern "Marcello Mendez, Achtung Arschloch!" und die Telefonnummer ein.

Sie erschrak, als in diesem Moment wieder ein Anruf rein kam und sie aus ihren Überlegungen riss. Ein banger Blick auf das Display sagte ihr, dass es jemand anderes als gerade eben war und ihr Herz klopfte ein wenig zu schnell, als sie ran ging. Es war die erneute dringliche Nachfrage wegen der stehenden Produktion und der ausstehenden Freigabe. Liv musste jedoch wieder enttäuschen und konnte keine positiven Nachrichten verkünden. Ihr Gesprächspartner wirkte daraufhin nicht mehr verärgert, sondern nur noch verzweifelt. Die Bänder standen mittlerweile fast still, weil sie keinen passenden Materialnachschub mehr hatten. Er sagte, dass er nächste Woche Leute nach Hause schicken müssen würde, wenn sie nicht mehr weiterarbeiten könnten. Dass dies fatal für die Mitarbeiter aber auch für die Firma sein würde, verstand selbst Liv zweifelsohne. Es war das Worst-Case-Szenario, welches sich kein Unternehmer vorstellen wollte. Sie versprach, sich noch einmal hinters Telefon zu klemmen und sich dann innerhalb der nächsten Stunde noch einmal zu melden.

Der erst logische Schritt war ein Gespräch mit Matt. Er hatte schon angekündigt, dass er von seinem Recht als Stellvertreter des CEO Gebrauch machen wollte, wenn sich nichts tat. Es war zwar noch nicht Mittag, doch die Situation hatte sich ungleich scharf zugespitzt, weshalb seine selbst gesetzte Deadline kaum mehr von Bedeutung sein konnte. Doch Liv konnte ihn nicht erreichen. Sie ließ es lange klingeln und versuchte es ein paar Mal im Abstand von fünf Minuten, doch das brachte nichts. Sollte sie sein Büro aufsuchen und jemanden fragen, wo er war? Nein, damit würde sie nur Zeit vergeuden. Ihr Blick fiel auf den Rollcontainer, der unter ihrem Schreibtisch stand und sie erkannte siedend heiß, dass es noch eine Sache gab, welche sie ausprobieren konnte.

Mit einem kleinen Schlüssel öffnete Liv die verschließbare Schublade und entnahm dieser ein kleines Notizbuch. Dieses enthielt ein paar Telefonnummern, welche nicht im normalen Unternehmensverzeichnis standen. Vielleicht hätte sie die Nummer kennen müssen, doch bisher hatte sie diese nie gebraucht. Nun war es jedoch anders, denn sie war Mister Duncans persönliche Assistentin.

Sie schluckte. Eigentlich war es ein sinnloses Unterfangen. Erstens hatte er sein Telefon ausgeschaltet, andererseits kannte er die Nummer und wollte sicherlich nichts mit jemandem aus der Firma zu tun haben, schon gar nicht mit ihr. Doch sie hatte keine andere Wahl, weil es sonst an ihrem Gewissen nagen würde, es nicht wenigstens probiert zu haben. Wenn die Mailbox sich meldete, dann war auch diese Sache geklärt und sie konnte sich auf die Suche nach Matt machen. Sie tippte die Ziffern also in die Tasten und tätigte den Anruf.

Als das Freizeichen nicht durch die Bandansage ersetzt wurde, realisierte sie erst, als er in der Leitung knackte.

"Ja?" Es war Mister Duncans Stimme, doch sie klang wie von sehr weit weg. Liv war vollkommen überrascht, dass er abgenommen hatte und öffnete für einen Moment nur stumm ihren Mund.

"Mister Duncan, hier ist Liv. Liv Gwenn", sagte sie atemlos und fuhr wie in Trance mit der Zunge über ihre trockenen Lippen. Sie hörte es in ihren Ohren rauschen – oder kam das Geräusch aus dem Hörer? Weil es keine Reaktion gab, glaubte sie schon, sie hätte sich seine Antwort nur eingebildet, doch die Sekunden auf der Anzeige des Telefons zählten stetig weiter die Zeit der zustande gekommenen Verbindung mit. Da wurde sich die junge Frau wieder bewusst, warum sie eigentlich angerufen hatte.

"Mister Duncan, ich brauche Ihre Hilfe", flüsterte sie beinahe, als ob sie befürchten musste, dass er sonst wieder auflegte. Doch es kam weiter keine Rückmeldung. Hatte er abgenommen und sein Handy wieder weggelegt, damit sie ins Nichts redete? Sie lauschte und hörte es wieder rascheln, als ob er sich mit etwas anderem beschäftigte, während sie auf seine Antwort wartete. Er wollte sie vollkommen in den Wahnsinn treiben, oder? Hielt er sie absichtlich hin, war er darauf aus, sie zu zermürben, damit sie endlich alles hinschmiss? Liv war tatsächlich schon drauf und dann, wieder aufzulegen, weil sie sich nicht verarschen lassen wollte, so dringlich die Situation auch war. Da klapperte es wieder leise.

"Was ist?", sagte er schließlich und seine Stimme hörte sich diesmal 'näher', aber gleichzeitig auch belegt und kraftlos an. Liv fiel irgendwie ein Stein vom Herzen, dass er sich doch noch meldete. Sie ließ sich nicht zweimal auffordern und begann, das Problem zu schildern. Ihr Kontakt zur Produktion, die unvorhergesehenen Schwierigkeiten, der ungewollte Stillstand wegen fehlender Anweisungen. Sie versuchte, ihre Worte völlig wertungsfrei zu formulieren und alles so exakt zu beschreiben, wie sie sich erinnern konnte.

"Sie werden hier gebraucht, Mister Duncan", endete sie ihren Monolog mit einem eindringlichen Appell, obwohl ihm dadurch deutlich werden musste, dass sie Bescheid wusste, dass er nicht wirklich krank in eigentlichen Sinne war. Doch zumindest darauf konnte sie keine Rücksicht nehmen. Er sollte sich bewusst sein, dass es ohne ihn nicht ging, auch wenn er meinte, seine Anwesenheit wäre nicht von Nöten.

"Schicken Sie mir den Bauplan und die Skizzen. Ich sage Matt dann Bescheid", gab er als Antwort, welche wieder mehrere Sekunden auf sich hatte warten lassen, doch er klang diesmal auch deutlich wacher.

"Wird erledigt. Aber… Da ist noch etwas", fuhr sie fort und bereute es sofort wieder. Sollte sie ihn wirklich damit behelligen? Doch damit hinterm Berg halten konnte sie auch nicht, weil es sie selber beunruhigte. Weil Mister Duncan auch diesmal nichts sagte, aber auch nicht auflegte, sprach sie weiter. "Vor etwa einer Stunde hatte ich einen ziemlich… beunruhigenden Anruf. Von einem Marcello Mendez", sagte sie und hörte, wie am anderen Ende der Leitung scharf eingeatmet wurde. Das war für sie eigentlich schon Antwort genug.
     
"Gehen Sie da nicht wieder ran und besorgen Sie mir die Pläne", sagte er bestimmend und dann war die Leitung tot. Ungläubig blickte Liv auf das Telefon in ihrer Hand und legte es wie in Zeitlupe auf den Tisch zurück. Das Gespräch war mehr als aufwühlend gewesen, ihr Herz klopfte schneller als normal. Die langen Pausen, seine raue Stimme, seine heftige Reaktion am Schluss. Was ging da vor? Es würde ein Rätsel bleiben, da war sie sich sicher. Und sie war sich auch sicher, dass er ihr aufmerksam zugehört hatte und nicht untätig bleiben würde. Doch zuvor musste sie noch einmal aktiv werden.

Sie nahm das Telefon wieder auf und rief beim Produktionsstandort an. Sie forderte dort alle Unterlagen an, die auch nur im Entferntesten bei der Aufklärung der Angelegenheit helfen konnten: Bauzeichnungen, Schaltpläne, Typenbezeichnungen und –nummern, Fotos von den betroffenen Teilen und was es sonst noch alles gab, damit nichts fehlte, was Mister Duncans Entscheidung hinauszögern konnte. Ihr wurde hoffnungsvoll für ihren Einsatz gedankt und man versprach ihr, in spätestens einer halben Stunde alles zusammengetragen und ihr zugeschickt zu haben. Erst, nachdem Liv wieder aufgelegt hatte, konnte sie erleichtert durchatmen.

Als sie von ihrem Platz aufstand, um sich ein Glas Wasser zu holen, meldete sich der Muskelkater schmerzhaft wieder und sie schluckte eine der Tabletten, welche sie am Morgen gekauft hatte, in der Hoffnung, dass es irgendwie helfen würde. Sie wusste sonst nicht, wie sie den Tag überstehen sollte. Auf jeden Fall sitzend und mit so wenig unnötigen Bewegungen wie möglich. Ihr Handy meldete sich mit einer Nachricht und sie sah nach, wer ihr geschrieben hatte. Es war Rachel, die ein Meme gefunden hatte, welches ihren Zustand passend beschrieb, und als Liv es sich erlaubte, laut loszulachen, fühlte sich das wirklich befreiend an.

--

Liv war wirklich gespannt, was sie am Montag erwartete.

Die Neugier trieb sie an. Eine Woche zuvor war sie nur widerwillig zur Arbeit gekommen, nun hatte sie andere Erwartungen.

Es war tatsächlich Licht im Flur. Als Liv ihr Büro betrat, war die Kaffeemaschine bereits eingeschaltet und benutzt worden. Mister Duncan war also wieder zugegen. Sie lächelte in sich hinein. Genau das hatte sie vermutet. Er war also doch nicht so gleichgültig, wie erst gedacht, aber Liv hatte auch gelernt, dass das nichts zu bedeuten hatte. Weil er sehr sprunghaft zu sein schien, konnte er seine Meinung sicher schnell wieder ändern...

Sie machte sich deshalb an ihre Arbeit, ohne sich direkt beim CEO zu melden. Durch das Rattern der Kaffeemaschine verriet sie jedenfalls ihre Anwesenheit. Wenn er etwas wollte, dann konnte er ruhig zu ihr kommen. Liv hatte nämlich schon viel zu oft einen Schritt auf ihn zu gemacht, nun war er an der Reihe.

Natürlich stolzierte auch Katie wieder ins Büro. Sie war wieder besonders aufgetakelt, die Haare hatte sie zu einer Hochsteckfrisur aufgetürmt, sodass es aussah, als würde sie zu einem Ball gehen. Was für eine Verschwendung von Zeit und Geld, sich jeden Tag so herrichten zu lassen. Wenn die Blonde in einer Position mit viel Kundenkontakt gewesen wäre, dann hätte man ohne weiteres nachvollziehen können, dass ein gepflegtes, repräsentatives Äußeres sehr wichtig war. Doch Katie hatte kaum etwas mit anderen Leuten zu tun, außer mit gelegentlichen internen und externen Besuchern. Und apropos Kontakt: Liv hoffte jedenfalls nur, dass das Wiedersehen von ihr und Mister Duncan nicht allzu innig ausfallen würde...

Nachdem die Brünette wieder ihre Mails gecheckt hatte, konnte sich nicht ignorieren, dass es eine ellenlange To-Do Liste gab, welche vor allem Dinge enthielt, welche im Zusammenhang mit Mister Duncan standen. Ohne ihn konnte sie diese Dinge nicht abarbeiten. Um noch ein wenig Zeit zu schinden, begann sie die Punkte in ein Textdokument zu tippen, um sie dem CEO notfalls auch schicken zu können. Sie wollte nämlich nicht diejenige sein, die wieder angekrochen kam und dann womöglich wieder abgewiesen wurde. Das wollte sie sich nicht antun, obwohl sie natürlich hoffte, dass sich das irgendwann ändern würde.

Zumindest einen Punkt konnte Liv von der Liste streichen: Die Klärung der Angelegenheit mit der Produktion. Sie ging davon aus, dass das Problem gelöst worden war, sonst hätte es sicherlich noch einen größeren Aufruhr gegeben. Auch der Verantwortliche aus der Produktionsstätte hatte sich nicht mehr gemeldet, deshalb-

Die Verbindungstür ging auf und Katie kam herein. Sie würdigte Liv keines Blickes, sondern wandte sich gleich der Kaffeemaschine zu und startete die Zubereitung ihres Getränks.

"Du sollst die letzten E-Mails vom Status der Lieferketten ausdrucken, hat Alec gesagt", nutschelte sie regelrecht in das Knacken des Mahlwerks hinein, sodass Liv sie kaum verstand. Doch sie bekam es trotzdem mit und schürzte unzufrieden ihre Lippen. Innerlich stieß sie einen unflätigen Fluch aus. Das war genau das, was sie befürchtet hatte. Nicht die Aufgabe an sich, sondern die Art, wie sie ihr vermittelt wurde, und zwar mit Katie als Sprachrohr. Darauf hatte Liv keine Lust. Katie war nicht ihr Chef, sie war nur eine überbezahlte Rumhockerin, die sich für etwas Besseres hielt, nur weil sie eine Daueraffäre mit dem CEO hatte. Liv wollte normal arbeiten, sie wollte, dass im Büro normale Abläufe einkehrten. Mister Duncan hatte Edith doch auch immer mit Aufträgen betraut, warum war das bei ihr plötzlich nicht mehr möglich?

Liv wartete, bis Katie fertig war und ließ sie kommentarlos abziehen. Danach suchte sie die besagten E-Mails heraus. Welche Lieferungen, welcher Zeitraum? Hier fing es schon an. Solche unpräzisen Angaben brachten niemanden weiter. Eigentlich müsste sie nun nachfragen, was Mister Duncan denn eigentlich genau haben wollte, doch in Anbetracht der vergangenen Ereignisse ging Liv davon aus, dass es sich um die Informationen über das veränderte Bauteil handelte. Sie wählte also alle Nachrichten aus dem letzten Quartal und schickte diese zum Drucker. Dann schnappte sie sich das Papier, lochte es, versah den kleinen Stapel mit einer Klammer und ging dann damit ins Büro.

Das Bild, welches sich ihr bot, war vertraut. Katie machte irgendetwas Belangloses und der CEO saß vor seinen Monitoren und starrte darauf. Es wirkte, als wäre nie etwas gewesen und doch wusste Liv, dass die Situation alles andere als entspannt war, nur weil jeder wieder an seinem Arbeitsplatz saß. Im Untergrund brodelte es sicherlich kräftig, doch meistens ließ sich das niemand anmerken.

Sie trat an den Schreibtisch und wartete, bis ihre Anwesenheit zur Kenntnis genommenen wurde. Es verging eine Minute, dann noch eine, doch Liv rührte sich nicht vom Fleck. Selbst Katie blickte irgendwann genervt auf und sah zu Mister Duncan, der stoisch weiter zu lesen schien. Je länger sich nichts tat, umso unangenehmer wurde es, doch Liv war fest entschlossen, keinen Mucks von sich zu geben. Sie würde einfach weiter warten, bis von der anderen Seite etwas kam, doch sie merkte schnell, dass sie es mit dem Dickkopf schlechthin zu tun hatte und er nicht über seinen Schatten springen würde, selbst wenn sie morgen noch auf der gleichen Stelle stehen sollte. Zum Glück war Katies Geduldsfaden deutlich kürzer gestrickt.

"Bist Du da festgewachsen, oder was? Leg das Zeug einfach hin und geh wieder", keifte sie und machte eine scheuchende Geste mit der Hand. Doch Liv dachte gar nicht daran, sie auch nur anzusehen. Sie beschloss, ihre Taktik auf das Motto 'Der Klügere gibt nach' zu ändern und es einfach zu sagen, was ihr auf dem Herzen lag.

"Mister Duncan, ich möchte in Zukunft nicht über Miss Sinclaire mit Ihnen in Verbindung stehen. Wenn Sie eine Aufgabe für mich haben oder etwas benötigen, wenden Sie sich bitte direkt an mich, sonst wird das keine effektive Zusammenarbeit. Hier sind die gewünschten Unterlagen. Ich hoffe, es ist das, was Sie haben wollten", sprach sie und hielt ihm die gedruckten E-Mails hin. Diesmal schaute er sie fast sofort an. Seine grauen Augen waren wirklich außergewöhnlich fesselnd, zwar kühl, doch trotzdem tiefgründig. Dieser Blick bescherte ihr eine Gänsehaut. Dass es dunkle Abgründe in ihm gab, war Liv mittlerweile ziemlich klar und in gewisser Weise spiegelte sich dies auch in seinen Irriden. Er musterte sie wieder, so wie damals bei ihrer ersten Begegnung und doch war diese Musterung diesmal nicht nur oberflächlich, sondern er ließ sich mehr Zeit.

Liv hoffte, dass sie wenigstens gerade stand, dass sie so gestärkt wirkte, wie sie sich fühlte. Sie hatte ihren Mut zusammengefasst und sich direkt an ihn gewandt, um klare Verhältnisse zu schaffen. Sie wollte, dass er bemerkte, dass sie nicht nur halbherzig versuchte, sich gegen ihn zu behaupten. Denn sie wollte ernsthaft versuchen, mit ihm auszukommen. Weil alles bisherige nichts geholfen hatte, dann eben diese Konfrontationstherapie: Entweder so, oder gar nicht. Weil sich so lange nichts tat, räusperte sich Katie pikiert. Ob es ihr wohl nicht gefiel, dass Mister Duncan der Brünetten keine Widerworte zurück gab und sie wegen des brüsken Ultimatums zurechtwies? Da streckte er seinen Arm aus und nahm die Dokumente von Liv entgegen.

"Einverstanden. Dafür werden Sie mich ab jetzt jeden Morgen briefen, über die anstehenden Termine, Vorkommnisse in der Firma, Neuigkeiten bei den Geschäftspartnern und die Aktienkurse", sagte er und das war kein Vorschlag, sondern eine Feststellung. Fast hätte Liv verwundert die Augenbrauen gehoben. Hatte es sich das tatsächlich erst in diesem Moment ausgedacht? Bisher hatte nämlich niemand diese Aufgabe bekleidet. Das hieß jedoch nicht, dass sie davor zurückschreckte. Es war durchaus ein sinnvoller Schachzug.

"Ebenfalls einverstanden. Möchten Sie, dass ich eher mit der Arbeit beginne?", fragte sie im Gegenzug, weil sie ja normalerweise erst nach ihm im Büro erschien.

"Wenn Sie es schaffen, all die Information zusammenzustellen, bis ich meinen ersten Kaffee ausgetrunken habe, dann reicht das vollkommen aus", sagte er ruhig und herausfordernd. Liv konnte sich das Schmunzeln nicht verkneifen, welches ihre Mundwinkel kräuselnd verzog.

"Das lässt sich einrichten", stimmte sie zu, auch wenn sie nicht genau wusste, wie dieser 'Zeitpunkt' einzuordnen war. Doch das würde sie schon noch herausfinden.

"Gut, dann beginnen wir morgen damit", sagte er und es klang, als wäre das Gespräch damit beendet. Doch Liv war zufrieden und trat somit begleitet von Katies Funken sprühenden Blicken wieder den Rückzug an. Wieder in ihrem Büro atmete sie erleichtert auf. War das gerade wirklich passiert? Ja, es war kein Traum! Sie hatte es geschafft und es hatte sich definitiv gelohnt. Sie hatten tatsächlich mehrere, vernünftige Sätze miteinander gesprochen! Das war kaum zu glauben und ein weiterer Meilenstein. Es ging also doch, es war kein Zacken aus seiner Krone abgebrochen, es hatte nicht wehgetan, zumindest hatte er nicht gewirkt, als ob es ihm Qualen bereitet hätte.

Liv war daraufhin voller Tatendrang und ihr war danach, Musik zu hören, weshalb sie die kabellosen Bluetooth Ohrhörer ausprobierte, welche sie sie selber zu Weihnachten gegönnt hatte. Damit ging ihr die Arbeit auch irgendwie leichter von der Hand. Denn dass sie Mister Duncan jeden Morgen über den Tag informieren sollte, bedeutete nicht, dass sie dies alles erst in der Früh vorbereiten musste. Die bereits vereinbarten Termine standen schon, da gab es höchstwahrscheinlich keine Überraschungen. Alles andere konnte sie zusammenstellen, wenn sie zur Arbeit kam. Und wenn sie doch mehr Zeit brauchen würde, dann musste sie eben doch noch etwas früher kommen. Sie überlegte, was sie alles brauchte und fand, dass ein eigenes Tablet sehr praktisch sein würde, wenn sie nicht alles handschriftlich notieren wollte. So konnte sie alles, was sie auf ihrem Laptop geschrieben hatte, auch auf dem portablen Computer abrufen. Deshalb rief sie bei der IT an und erkundigte sich, wie schnell sie so ein Gerät bekommen konnte. Weil sie fragte, ob es noch heute ging, erklärten sie sich bereit, bis zum Nachmittag fertig zu sein, was Liv sehr freute.

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Hallo ihr Lieben,

diesmal ging es anfangs ein wenig mysteriös weiter. Wer der Fremde wohl ist, der da angerufen hat?
Jedenfalls tritt all das erst einmal in den Hintergrund, denn es scheint endlich, endlich mal vorwärts zu gehen zwischen Alec und Liv  - oder ist das wieder nur ein Trugschluss? Mal sehen, was die Zeit so bringt ;)
Ich hoffe, das Kapitel hat euch gefallen ^.^

Bis zum nächsten Mal und viele liebe Grüße
Bettyna <3
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