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Fünf Mal als Cletus zum Ritter in strahlender Rüstung wurde...

von LuniLup
Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Familie / P16 / Gen
Argus Cletus Rufus
24.02.2022
24.11.2022
19
49.493
3
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10.11.2022 4.669
 
Bonuskapitel IX (ad I): Abendstunden

Argus ist an diesem Abend euphorisch, pfeift die Hymne des Footballvereins, der heute gewonnen hat – und auf den sie gesetzt hatten, sodass sie jetzt mit einem hübschen Sümmchen in den Brieftaschen den Heimweg antreten. Nicht, dass sie auf die Scheine angewiesen sind, aber es erfreut ihn trotzdem.

Rufus grinst ebenfalls breit, die Hände schwingen hin und her an seiner Seite. „Lief doch gut heute“, bemerkt er, was Argus dazu bringt, sein Pfeifen ausklingen zu lassen. „Du meinst bei den Wetten? Ja, es lief gut. Bei der Kellnerin und mir? Es lief sogar sehr gut.“

Rufus schnaubt amüsiert, blickt kurz hinauf in den Nachthimmel. Viele Sterne sind hier noch nicht sichtbar, aber die Lichtverschmutzung nimmt mit jedem Meter, den sie gehen, ab. Momentan sind sie auf dem Weg in die Clubmeile, in der Hoffnung, ihr heute gewonnenes Geld wieder ausgeben zu können.

Der Gedanke an Clubs führt ihn gleich darauf zu Cletus, der ja immerhin ebenjene Teile der Stadtränder als seinen präferierten Aufenthaltsort des heutigen Abends ausgewählt hat. „Schon schade, dass Cletus nicht mitgekommen ist“, bemerkt er leise.

Argus brummt nur, blickt hinab, da er in den Taschen seines Flanellhemds nach einer Zigarette kramt. Obwohl er im Regelfall nichts vom Rauchen hält, so sinkt seine Abneigung exponentiell zu seinem Promillewert und die klare Nachtluft ist ihm nach der vollen, sticken Bar sogar ein wenig zu frisch.

„Vielleicht treffen wir ihn gleich in einem der Clubs wieder, falls er sich nicht schon völlig fertig ist. Und ganz ehrlich, mit uns beim Football hätte er doch keinen wirklichen Spaß gehabt.“ Er gibt die Suche nach der Zigarette auf, blickt nun zu Rufus hinüber.

Dieser läuft ihm für seinen Geschmack ein wenig zu weit links, läuft Gefahr auf die Straße zu stolpern. Sie haben letztlich beide schon mehr als nur ein paar Bier intus und da voraussichtlich auch keine schrecklichen Überraschungen auf sie warten, die sie schockartig zum Ausnüchtern zwingen werden, ist auch nicht mehr zwingend davon auszugehen, dass sie es sich zutrauen sollten, gerade Linien entlang des Randes des Bordsteins zu laufen.

Seine Worte verfehlen ihre Wirkung nicht. Rufus, der sich widerstandslos vom Älteren weiter auf den Bordstein ziehen lässt, die Worte passieren Revue in seinen Gedanken. „Hast Recht“, stimmt er zu und so kann Argus dazu zurückkehren, die Hymne zu pfeifen, Rufus wieder hoch zu den vermehrt durchschimmernden Sternen zu blicken.

Ganz sicher wohin sie müssen, sind sie sich nicht, aber Argus würde eher sterben, als das zuzugeben und Rufus als sich die Mühe zu machen, sich im angenehm angetrunkenen Zustand damit auseinanderzusetzen, den Weg nachzuschlagen. Sie lassen sich mehr oder minder durch die Straßen treiben, folgen den Fetzen von Erinnerungen, schon einmal in ähnlichen Nächten hier gewesen zu sein, und ihrer Intuition.

Sie biegen auf eine Seitenstraße ein, was dafür sorgt, dass Rufus endlich den Kopf auf den Wolken nimmt, stattdessen wieder auf die Straße achtet. Er lässt den Blick schweifen, die Leichtigkeit seiner Gedanken, ist das Denken selbst vom Wein erschwert, erlaubt es ihm kaum, sich auf etwas langfristig zu konzentrieren.

Aus dem Augenwinkel bemerkt er einen merkwürdigen Schatten, zwischen zwei Straßenlaternen, sodass es im Dunkel der Nacht verborgen ist. Für einen kurzen Moment bleibt er stehen, kneift die Augen zusammen, in der Hoffnung, dass es ihn irgendwelche Details erkennen lässt. Es bleibt erfolglos, sodass er sich beeilt, den anderen einzuholen.

Mit einer gerunzelten Stirn stößt er seinen Bruder mit dem Ellenbogen zwischen die Rippen, deutet ihm an, in dieselbe Richtung zu sehen. Neugierde steigt in ihm auf, der Alkohol (und die Genmanipulation) verhindert das Aufkommen von Angst.

Im Gegensatz zu Argus. Dieser merkt, wie sich seine Nackenhaare aufstellen und er spannt sich an, ein mulmiges Gefühl steigt in ihm auf. Er platziert seine Schritte nur vorsichtig, schielt aus dem Augenwinkel zu Rufus, der aber hinter ihm bleibt. Er hat oft genug erlebt, wie sich jemand im scheinbar desolaten Zustand auf die Straße legt, gutmütige Mitmenschen anlockt, die helfen wollen – nur, um ihnen auf einmal ein Messer zwischen die Rippen zu rammen.

Zielstrebig marschiert er auf ihn zu, sein Bruder folgt ihm und da dieser immer noch nicht zu erkennen scheint, dass sie sich durchaus in eine gefährliche Idiotie begeben könnten, murmelt er, auch um sich selbst zu beruhigen: „Wahrscheinlich ein Besoffener, der im Rausch zusammengeklappt ist.“ Rufus zuckt bei dieser Bemerkung mit den Schultern, trottet dem Älteren weiter hinterher. „Dann sollten wir ihn zumindest von der Straße zerren“, stellt er beschwingt fest.

Argus reagiert nicht weiter, denn das mulmige Gefühl, die dunkle Vorahnung, steigert sich ins Unermessliche – und dann bemerkt er die kleinen Rinnsale an Blut, die von der Gestalt wegfließen. Alles, was er an Intuition besitzt, schreit ihn an, entweder Rufus wegzuzerren oder zumindest vor ihm bei der Gestalt auf dem Boden anzukommen, um Schlimmeres zu verhindern.

Rufus braucht etwas länger, bis er das Blut auf dem Boden bemerkt, auf Argus beginnenden Sprint reagieren kann, doch er bemüht sich redlich, mitzuhalten. Ähnlich wie Argus schon kurz zuvor steigt in ihm eine dunkle Vorahnung auf und er schluckt schwer, ohne genau zu wissen, warum da auf einmal doch das Adrenalin durch seine Adern rauscht.

Und dann – stehen sie vor Cletus.



Sie brauchen beide einige Momente, um zu erkennen, wer da vor ihnen liegt, ihre Gedanken dazu zu zwingen, das Bild vor ihnen als plausible Version der Realität anzuerkennen. Argus reagiert zuerst, wenngleich nur, weil er sich sozusagen auf Autopiloten bewegt.

Er lässt sich auf die Knie fallen, zu Cletus rechter Seite. Sein linkes Bein steht in einem seltsamen Winkel von ihm ab, überhaupt ist seine gesamte linke Seite eigenartig deformiert, eingesunken und das Blut färbt die Kleidung dunkler, wenn sie nicht zerrissen ist und in Fetzen an ihm hängt. Kurz wird ihm übel, seine Handflächen sind schweißnass und die Hilflosigkeit macht es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.

Ohne viel mehr darüber nachzudenken, streckt er also seine Hand aus, berührt ihn am rechten Bein. Sein Herz rutscht ihm in die Hose als sein Bruder aufschreit, wenn auch nur abgehackt, da seine Stimme nachgibt. Aus Instinkt hat er seine Hand zurückgezogen, aber nach dem Schrei zwingt er sich dazu, sich zu konzentrieren.

Während Argus seinen Pragmatismus an die Oberfläche zwingt, kann Rufus keinen klaren Gedanken fassen. Alles, was er sieht, scheint keinen Sinn zu ergeben in seinem Kopf. Er sieht nicht die verdrehten Glieder seines Bruders, stattdessen nur zerstörte Einzelteile wie die einer Maschine, die neu zusammengesetzt werden müssen.

Er sieht eine Brust, dessen Seiten sich ungleich bewegen. Er sieht eine linke Hand, die offensichtlich zerbröselt ist, voll Blut. Er sieht das linke Bein, das seltsam absteht und so, wie der Stoff über dem Schienbein spannt, ragt wohl er Knochen heraus unter dem Stoff, der wundersamerweise ganz geblieben ist. Er sieht ein aschfahles, blutverschmiertes Gesicht, er sieht die sich bildenden Blutergüsse, die jedoch nur vage zu erahnen sind, zu wenig Blut übrig, damit sich die Verletzungen deutlich ausbilden können.

Dass er mehr ist als nur eine scheinbar zufällige Ansammlung an einzelnen Körperteilen, dass es tatsächlich Cletus ist, fällt ihm erst auf, als dieser aufschreit, nachdem Argus ihn berührt hat, sich seine Brust umso schneller und unter noch größeren Anstrengungen hebt.

Auf einmal setzt er sich selbst in Bewegung, lässt sich zu Boden fallen und in seiner bodenlosen Fassungslosigkeit erreicht ihn seine eigene Stimme wie durch Watte, als er den Namen des anderen mit sich vor Schock überschlagender Stimme ausruft. Ihm fällt kein Stein, sondern eine ganze Gebirgskette, vom Herzen, als sich die Augenlider des Jüngeren schwerlich öffnen, die Wimpern von Blut verklebt.

Sich über ihn beugend, starrt er ihm in die Augen, wartet ab, ob sich hinter den Augen ein Funken von Wiedererkennung regt oder ob sie stumpf und glanzlos bleiben; ob nicht nur sein Körper, aber weitergehend sein Verstand so ramponiert und zerschellt daliegt.

Als Cletus Lippen, bereits blaugefärbt an den Rändern, sich öffnen und er tonlos das Wort „Rufus?“ formt, merkt er, wie die Tränen in seinen Augen aufsteigen, ihm diese über die Wangen laufen und er nickt, unfähig irgendeinen Laut zur Bestätigung von sich zu geben, obgleich die Panik seine Hände zittern lässt und seine Kehle zuschnürt.

Argus nimmt nur in der Peripherie wahr, dass sein Bruder aufgewacht ist, noch ansprechbar ist. Fahrig greift er in jede Hosen- und Hemdtasche, flucht als er sein Handy nicht findet. Für einen schrecklich langen Augenblick befürchtet er, er könnte es in der Bar liegen gelassen haben.

Doch genau da stoßen seine Finger auf sein Handy, ungewöhnlicherweise in seiner hinteren, rechten Hosentasche. Zitternde Finger schaffen es zwei Mal nicht den Code einzugeben, dann entsperrt er es endlich und ohne nachzudenken, wählt er schon die Nummer.

„Papa? Wir haben einen Notfall.“ Normalerweise nennt er ihn über das Telefon immer Hermes, selbst wenn er betrunken ist. Es macht die Scharade, die sie der Regierung jedes Mal vorspielen – dass Hermes keine tiefgehend emotionale Bindung zu seinen Prototypen hat und somit nicht vom Projekt abgezogen werden muss – leichter. Wenn es ihm dementsprechend in der Öffentlichkeit ausrutscht, kann es nur vom Schlimmsten kündigen.

Er klemmt es sich zwischen Schulter und Ohr, hört wie ihr Vater noch im Halbschlaf die Worte registriert und schlagartig wach wird. Besorgt blickt er auf die Blutlache, die sich beständig ausbreitet. Er zieht sich das Flanellhemd aus, fängt an, es zu zerreißen.

Im Kopf rechnet er, wann sie das letzte Mal ihr Gedächtnis gespeichert haben, das letzte Mal für en Fall der Fälle vorgesorgt haben – und er stellt fest, dass es nicht gut aussieht. Das Adrenalin, das in einem zweiten Schub in sein Blut gepumpt wird, macht das Zerfetzen seines Hemdes leichter und kurz zögert er. Überfordert starrt auf den menschlichen Corpus, der sein Bruder sein soll, dessen Wunden und Verletzungen so mannigfaltig sind, dass er nicht weiß, wo er anfangen soll.

Er flucht leise, Hermes Stimme schiebt sich ruckartig in sein Bewusstsein und zusammen mit dessen lautem „Argus, du sagst mir jetzt sofort, was los ist!“, kann er sich wieder fokussieren. Mit knappen Worten – sachlich, distanziert und er vermeidet, Cletus beim Vornamen zu nennen, sondern spricht von „Prototyp C“, um auch ja nicht darüber nachzudenken, wer hier gerade verblutet, bindet er sein rechtes Bein ab, zieht das selbstgemachte Tourniquet so fest, dass es völlig abgeschnürt wird.

Nicht, dass es Relevanz hat – relevant ist nur, dass Cletus nicht ausblutet, dass er genug Zeit herausschlägt, dass Hermes hier endlich auftauchen kann und sie zumindest ein fragmentiertes Abbild der letzten Monate darstellen kann. Genau dieser Gedankengang, dass sie darauf angewiesen sind, dass es zu keinem größeren Hirnschaden kommt, fällt ihm auf, welche Pfütze an Blut sich auch unter Cletus Kopf gebildet hat. „Rufus, du musst seinen Kopf anheben“, krächzt er, selbst davon überrascht, wie rau seine Stimme ist, währenddessen faltet er aus den letzten Stoffresten seines Hemdes einen Umschlag für seinen Kopf.

Als Rufus seinen Kopf anhebt, spürt er sofort, wie ein heißer Schwall von frischem Blut seine Hände bedeckt, bemerkt die Ränder der Wunden an seinen Fingerkuppen. Cletus schreit lauf auf und am Liebsten hätte er ihn wieder losgelassen, hätte sich übergeben und sich dann wieder und wieder dafür entschuldigt, ihm noch mehr Schmerzen bereitet zu haben.

Jedoch bewegen sich seine Hände nicht, ändern ihre Position nur so weit, dass Argus die Kompresse über die Wunde pressen kann. Der andere verkrampft, zuckt, sodass er den Blick abwenden muss, kann sich den Anblick nicht antun, wie Argus ihn mit aller Kraft zu Boden drückt, damit er seinen geschundenen Körper nicht weiter erschüttert.

Rufus sieht erst zurück, als der Körper ruckartig schlaff wird und da der Drang in ihm aufkommt, den blutverschmierten Hinterkopf loszulassen, um sich nötigenfalls das Blut von den Händen zu kratzen, legt er ihn vorsichtig auf seinen Oberschenkeln ab.

Argus ist es, dessen Hände frei sind und so streicht er ihm diese vorsichtig aus den Augen, sein Herz schlägt schneller und verkrampft sich ruckartig, da Cletus unter größter Mühe blinzelt und die Augen offenbehält, zu Rufus hinaufblickt, der angefangen hat, zu weinen, das Schluchzen seinen Körper schüttelnd.

Ihm selbst steigt ein Schluchzen auf als er das flackernde Lächeln sieht, dass sich auf die blutleeren, blauen Lippen legt. Später wird er sich fragen, ob Cletus es überhaupt noch bewusst wahrgenommen hat, aber die Finger seiner rechten Hand regen sich für einige Millimeter, als würde sie sich in die Richtung des Jüngeren strecken wollen, dessen Tränen auf seine Stirn tropfen.

Das Wimmern, die Hand, die aufhört, sich zu regen, verrät, dass der andere sehr wohl bemerkt hat, dass er versuchte, den anderen zu trösten und sein Herz scheint in viele Einzelteile zu zerspringen, als ihm bewusst wird, dass Cletus hier gerade elendig auf der Straße verreckt und sich dennoch in der Pflicht wähnt, Rufus zu trösten.

Rufus hört Argus tonloses „Fuck“ nur auf eine abstrakte Weise, von sehr weit her. Seine Lippen bewegen sich und er versucht verzweifelt, sich irgendwelche Worte zu überlegen, aber er bleibt sprachlos. Seine Hände haben sich auf Cletus Haarschopf gelegt und als er aus dem Augenwinkel sieht, wie Argus eine von Cletus Händen umschließt – Hände, die in diesem Leben das Geld ihrer Kaution gehalten, ihnen Suppe während ihrer Krankheit gekocht, ihre Lernzettel geschrieben haben.

„Du musst jetzt wachbleiben, hörst du?“ Er möchte schreien, so grausam ist die Situation, als Argus mit einer solch tränenerstickten Stimme spricht, dass er sich wundert, ob es Cletus, dessen Augenlider mit jedem Herzschlag – jedem Herzschlag, der mehr Blut in Pulsschlägen austreten lässt – schwerer und schwerer werden, überhaupt möglich ist, ihn zu verstehen. Er hat sich zu ihm gesetzt, das Handy liegt irgendwo in der Nähe und als er bemerkt, wie das Blut die Kompresse an Cletus Hinterkopf so weit durchtränkt hat, dass es seine Hose durchnässt, schluckt Rufus trocken.

Für einige wenige Sekunden werden die grünen Augen klar. Argus wird speiübel, Rufus rutscht das Herz in die Hose. Normalerweise ist dieser kurze Moment der Klarheit, der Fähigkeit zur Konzentration das unmissverständliche Zeichen dafür, dass es zu Ende ist, dass nichts in der Welt mehr helfen wird.

Als sich also grüne Augen erst in braune, dann in blaue bohren, ist der Ausdruck in Rufus und Argus Gesichtern – verzweifelt, verängstigt, verstört – derselbe, denn für sie beide hat sich die Gewissheit herauskristallisiert, dass sie nicht mehr hier sind, um ihrem Bruder das Leben zu retten, sondern ihn in seinen letzten Momenten nicht allein zu lassen.

Zitternde Lippen formen Worte, die keiner von ihnen verstehen kann, da sie durch den Blutverlust zu steif geworden sind. Doch weder Argus noch Rufus müssen lange raten, worum es gehen könnte – das Lächeln, das bleibt, die feuchten Augen, die sie ansehen, die Hand, die Argus Finger unterbewusst umschließen und der Kopf, der sich auf Rufus Oberschenkeln weiter in diese Stütze fallen lässt – die letzten Worte, die Cletus in diesem Leben ausspricht, sind Worte der Zuneigung und der unerschütterlichen Liebe, selbst, wenn sie ungehört bleiben.

Das Schweigen, in dem Argus und Rufus abwarten, dass sich seine Brust ein weiteres Mal hebt, am Ende enttäuscht werdend, hat fast schon eine andächtige Qualität. Es ändert sich jedoch nichts – das letzte Schaudern, dass seine Glieder durchläuft, bleibt das letzte, seine Lungen füllen sich nicht mehr mit Luft und jedwede Spannung flieht aus seinem Körper.



Rufus ist der erste, den die Gesamtheit der Situation, ihre Tragweite, ihre Dramatik, erreicht. Ein kehliges, lautes Schluchzen geht seinen Tränen voraus und der Schmerz, der sich rasend schnell in ihm ausbreitet, scheint ihn zu lähmen. Seine Gedanken überschlagen sich, er starrt auf die asymmetrische Brust, die sich nicht mehr bewegt. Fieberhaft überlegt er, ob es etwas – irgendetwas – gibt, was er tun kann, um ihn wieder zurück ins Leben zu zwingen. Doch das einzige, was ihm auf die Schnelle einfällt, sind die üblichen Wiederbelebungsmaßnahmen. Im schlimmsten Falle durchbohren die schon zerschmetternden Rippen seine Lungen, im besten müssen sie nur immerzu wiederholt werden, denn der schiefe Brustkorb bedeutet, dass ein Teil seiner Lunge nicht mehr richtig arbeiten kann.

So bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich weinend vor Schmerzen zusammenzukrümmen, Cletus Kopf immer noch in seinem Schoß, halb geschlossene Augen blick- und glanzlos, ein kleines Rinnsal von Blut aus seinem Mundwinkel laufend.

Argus aber kann die Situation nicht begreifen, will es auch nicht. Stattdessen lässt er die blasse, dünne Hand in seiner los, wie glühend heiße Kohlen. Er krabbelt förmlich zurück, der Gedanke „Nein“, der einzige, den er fassen kann.

Er ist Soldat, wurde erschaffen, um Soldat zu sein. Er weiß genau, dass es im Krieg keine Planungssicherheit gibt, und dass das Leben letzten Endes nicht mehr ist als viele kleine Kriege, jeden Tag aufs Neue. Aber im Krieg herrschen Grundregeln, Dinge, die unumstößlich für alle gelten. Keine Angriffe auf unbewaffnete Zivilisten. Auf Sanis wird nicht geschossen. Keine Kriegsverbrechen.

Und auch im Leben gibt es Grundregeln, Dinge, die unumstößlich für alle gelten. Keiner von ihnen dreien stirbt allein. Kein grausamer, blutiger Tod, sondern ein friedliches Entschlafen, um in einem neuen Körper aufzuwachen. Jedes Leben ein Risiko, in prekären Umständen zu leben, aber der ruhige, friedliche Tod eine Konstante.

Doch auf einmal sind diese fundamentalen Parameter in ihren Grundfesten erschüttert; Cletus ist tot und sein Körper zerschlagen und wenn es schlecht, wirklich schlecht läuft – dann kommt Hermes vielleicht nur, um den Hirntod festzustellen und Cletus fehlen die Erinnerungen an ein ganzes Leben. An zwanzig Geburtstage, an zwanzig Weihnachtsfeiertage, an zwanzig Neujahrsfeiern. An zwanzig Jahre lieben und lachen und weinen und streiten und aussöhnen – zwanzig Jahre Leben, einfach weg.



Zu diesem Bild – Rufus auf den Knien, vor Gram vornübergebeugt; Argus aschfahl und von leugnendem Entsetzen zur Salzsäule erstarrt, biegt ein Auto mit quietschenden Reifen um die Ecke, der Fahrer sofort abbremsend, nachdem er soeben alle Geschwindigkeitsbegrenzungen ignoriert hatte.

Hermes fällt eher aus dem Auto als dass er aussteigt, stürzt beinahe zu Boden, ehe er auf die drei Gestalten zu stolpert. Tränen sammeln sich in seinen Augen, sein Herz setzt einige Schläge aus und es kündigt sich ein schmerzhafter, animalischer Schrei an – bis er kurz innehält, die Augen schließt und tief durchatmet.



Argus, der sich nicht in der Trauer verliert, sondern diese so gut es geht, hinauszuschieben versucht, bemerkt Hermes zuerst. Und es ist wirklich nur Hermes – nicht ihr Vater, schon gar nicht jemand, den man mit „Papa“ ansprechen könnte.

Trocken schluckend, setzt er sich auf, berührt Rufus vorsichtig an der Schulter. Dieser krümmt sich zusammen, beugt sich noch weiter vor und ein halbes Fauchen entweicht ihm. Also verstärkt Argus seinen Griff um seine Schultern, richtet sich mit weichen Knien auf, ohne auf Cletus Körper zu blicken. Er zieht den Jüngeren nach hinten, bis dieser mit blutunterlaufenen Augen aufblickt, Tränen über seine Wangen fließend und sein Gesicht in Schmerz und Leid verzerrt.

„Hermes ist das“, krächzt er heiser und zieht ihn noch ein wenig weiter zurück. Rufus wehrt sich dagegen, spannt sich an, will den Toten nicht aus seiner Reichweite lassen, aber Argus ist stärker und wie erwartet gibt der Widerstand des jüngeren nach, sobald er weit genug entfernt ist, um Cletus ganzen Körper zu sehen, nicht nur sein Gesicht, nicht nur seine Hände, nicht nur seine Beine.

Die kaputten Einzelteile der Maschine fügen sich zusammen, entblößen den allumfassenden Ruin und Rufus weiß als Bastler, wann er der Sache ein Ende machen muss, wann er sich eingestehen muss, dass etwas über seine Fähigkeiten der Reparatur hinaus kaputt und brach ist.

Indes kommt Hermes endlich vor ihnen an, beachtet weder Argus noch Rufus. Sein Gesicht ist eine ausdruckslose Maske, graue Augen mustern kalkulierend den Körper, den ein Teil seiner Gedanken als seinen Sohn sehen möchte, doch er erstickt ihn eisern. Momentan gibt es keinen Platz für den Hermes, der die drei als seine Kinder ansieht – nur der Hermes, der als Wissenschaftler auf Prototyp C starrt und sich ausrechnet, wie er dieses Projekt noch retten kann.

„Steigt in den Wagen“, weist er die zwei anderen an, wartet darauf, dass Argus Rufus nur schwerlich aufhilft, ihn zum Wagen führt. Es ist ein Van, die Bank vorne für drei Leute ausgelegt. Hinten öffnet er die Tür, sodass die Ausstattung deutlich wird. Eine Bahre, ein Herzmonitor und noch ein paar andere Geräte, die sonst eher in einem Rettungswagen zu finden sind.

Hermes macht aus dem Absatz kehrt, läuft schnurstracks auf den toten Leib zu, den er hochhebt. Wie nebenbei hebt er noch Argus Handy auf – das Blut zu entfernen wird schon schwer genug sein, mehr Spuren müssen sie wirklich nicht hinterlassen.

Er lädt den zersprungenen, leblosen Körper auf der Bahre ab, schnallt ihn fest und mit geübten Handgriffen rammt er einen Tubus in die Kehle, schaltet die Geräte an. Es geht immerhin nicht darum, den Körper zu konservieren – nur den Hirntod, sofern der noch nicht eingetreten ist, zu vermeiden. Dass ist das Primärziel – das Projekt ist zerstört, aber solange der Kern des Datensatzes noch vorhanden ist, kann es rekonstruiert werden.

Für einen winzigen Moment, bevor er die Tür zuschlägt, kommt doch der väterliche Instinkt durch. Während die Brust von der Maschine an- und abgehoben wird, die Elektroden die künstlichen, herzersetzenden Elektroimpulse aufzeichnen, es tatsächlich Hirnaktivität gibt, stoppt er. Er beugt sich vor, streicht ihm eine Strähne aus dem Gesicht – so ganz er kann sein blutendes Herz nicht ignorieren.

Er schluckt gegen einen Kloß in seinem Hals, der Schrei steckt in seiner Kehle und seine Augen füllen sich wieder mit Tränen. Gleich danach aber schlägt er die Tür zu, reißt sich zusammen und es legt sich ein weiteres Mal die distanzierte Anteilslosigkeit des Wissenschaftlers auf sein Gemüt und er setzt sich hinters Lenkrad, springt von jetzt auf gleich auf über hundert Km/h und sie lassen die vermaledeite Straße hinter sich.



Rufus steht unter der Dusche. Mittlerweile ist das Wasser kalt geworden, doch darauf kommt es nicht an. Hauptsache das Wasser fließt, Hauptsache es überdeckt das Gefühl von eingetrocknetem Blut auf seiner Haut, dass sich durch den Stoff seiner Hose gefressen hat, dass seine Hände benetzt hat.

Er schließt die Augen, lehnt die Stirn gegen die kalten Fliesen und drückt gleich danach seine Handflächen auf die Kacheln, um sich daran zu erinnern, dass die Feuchtigkeit auf seiner Haut nicht rot, sondern klar ist, nicht aus Venen und Adern, sondern aus Rohren und Leitungen kommt.

Alles, um nicht mehr an Cletus zu denken.



Argus sitzt in Hermes Arbeitszimmer, vor dem Computer, starrt die Tastatur regungslos an. Es herrscht völlige Stille in seinen Gedanken, es mangelt ihm an jeglichem Ansporn und Grund, um seine Finger über die Tasten zu bewegen, um irgendetwas anderes zu tun, außer dazusitzen und zu atmen und sich zu bemühen, die Situation zu erfassen.

Also zwingt er sich dazu, sich an Cletus zu erinnern, wie er leblos und gebrochen auf der Straße liegt, wie er in seinen letzten Zügen zu ihnen geblickt hat, wie er aus der Bewusstlosigkeit plötzlich in die grausame, für ihn einzig aus Schmerz bestehende Realität geschockt wurde. Auf einmal fliegen seine Finger förmlich über die Tastatur, um irgendeine Kamera, irgendein Überwachungsvideo zu finden, dass es ihm erlaubt herauszufinden, wer verdammt noch einmal Schuld ist an dem Bild, dass sich in jede Faser seiner Gedanken gegraben hat.



Hermes starrt für lange Zeit auf den blassen Körper, die Arme vor der Brust verschränkt, die Lippen nachdenklich geschürzt. Solange er es nur als wissenschaftliches Rätsel, als intellektuelle Herausforderung sieht, dessen Erfolg oder Versagen in der Praxis zu determinieren ist, kann er sich davon ablenken, dass es sein Sohn ist, der hier tot vor ihm liegt.

Für einen kurzen Moment droht ihn die Verzweiflung unter sich zu begraben. Die Erkenntnis, dass Cletus nicht nur einfach wie sie so oft in ihrem zyklischen Lebenslauf kurz stirbt, um bald darauf wieder als Kleinkind aufzuwachen; er vielleicht endgültig verloren sein könnte – wenn dieser Gedankengang sich festsetzt, zu ihm durchdringt, wird alle Rationalität ihn verlassen.



Rufus hat sich mit angezogenen Beinen an die Wand gelehnt, sein Kinn auf seinen Knien abgelegt. Immer wieder schnieft er, wischt sich mit einem Ärmel seines Pullovers über die Wangen. Seine blutdurchtränke Kleidung hat er, ohne zu zögern, in seinen Schuppen gebracht, mit größter Vorsicht alles in Benzin ertränkend und ein brennendes Streichholz hat alles in ein Häufchen unschuldiger Asche verwandelt, dessen blutige Herkunft nicht mehr zu erahnen ist.

Argus lehnt gegenüber der Tür, die Arme vor der Brust verschränkt und den Kopf in den Nacken gelegt. Ein grimmiges Lächeln liegt in seinen Mundwinkeln, kündigt sich fast schon an, da er im Kopf all die Möglichkeiten durchgeht, um einem gewissen Autofahrer eine Lektion zu erteilen. Natürlich wird er sich – als Mann mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn – danach richten, was mit Cletus ist.

Genau in diesem Moment wird die Tür von innen aufgestoßen. Ungestüm kämpft sich Rufus auf die Beine, schwankt kurz und muss sich an der Wand abstützen, indes Argus sich von seiner wegstößt und er lässt die Arme an seine Seite sinken. Das Verlangen nach Rache wird plötzlich doch durch Angst ersetzt und als er einen Schritt auf Hermes zugeht, findet seine Hand Rufus, der sich ebenso an ihm festklammert, die Knie weich wie Wackelpudding.

Hermes aber muss nicht einmal die Worte aussprechen. Es ist der Ausdruck in seinem Gesicht, als er aufblickt. Nicht distanziert-enttäuscht. Sondern erleichtert-müde. Seine Augen schimmern feucht, seine Stirn liegt in leichten Falten, unter seinen Augen dunkle Schatten und ein erschöpfter Zug um seinen Mund – der sich zu einem Lächeln formt.

„Er lebt wieder. Jetzt muss er nur noch aufwachen“, verkündigt Hermes andächtig und kurz stehen sie nur da, sinnieren kurz über die Tragweite seiner Worte. Gleich darauf schluchzt Rufus erleichtert auf, ein Strahlen in seinem Gesicht; Argus muss mit feuchten Augen zur Seite blicken, grinst selbst breit und Hermes reibt sich mit beiden Händen über sein Gesicht, erlaubt endlich all den angestauten Gefühlen, sich Bahn zu brechen. Kurz darauf nimmt er seine zwei anderen Söhne in die Arme. „Was Cletus für ein Glück hatte, dass ihr ihn gefunden habt“, flüstert er ihnen heiser ins Ohr, drückt ihnen kurz einen väterlichen Kuss auf die Scheitel.



Argus hebt Cletus von der Bahre, gibt sich Mühe ihn so auf die Arme zu nehmen, dass er möglichst keine der restlichen Wunden übermäßig belastet. Rufus legt Cletus Arm vorsichtig auf dessen Brust ab, sobald ihn Argus hochgehoben hat und Hermes hält die Tür auf.

Ihn in seinem eigenen Bett ablegend, tritt Argus zurück, blickt nachdenklich auf die noch bleichen, noch friedlichen Gesichtszüge. Hermes beugt sich vor, zieht die Decke bis zu dessen Hals und Rufus schiebt ihm ein Kissen unter sein eingegipstes Bein.

Zu dritt stehen sie am Bettrand, blicken auf den Körper, dessen Glieder zwar nicht zucken und sich kaum rühren, doch die Brust hebt sich offensichtlich, die Körperteile sind bandagiert und gegipst und die Hämatome bilden sich deutlich ab, nachdem jetzt wieder genug Blut dafür vorhanden ist – kurzum: Er lebt.

Nach einem kurzen Moment bewegt sich Argus, beugt sich kurz zu Hermes, um ihm zuzuraunen: „Ich muss los. Jemandem eine Nachricht überbringen.“ Hermes, der völlig von Cletus, wieder sein Sohn und nicht ein Prototyp, in den Bann gezogen ist, braucht kurz, um den Sinn zu verstehen. Er nickt langsam, ehe er seufzt.

„Und ich muss dafür sorgen, dass das Blut von der Straße verschwindet und den Bericht schreiben. Ich habe Biomasse verbraucht, als ich seinen Körper so gut es geht wiederhergestellt habe; die Regierung wird wissen wollen, warum.“ Auch Argus nickt, blickt ein letztes Mal zu Cletus und berührt kurz dessen Wange, ehe er geht. Hermes wartet einen Moment, legt eine Hand auf Rufus Schulter, als dieser nicht reagiert.

„Rufus? Willst du mit Argus mit?“ Seine Stimme ist sanft, er drückt die Schulter unter seiner Hand. „Nein, alles gut. Ich bleib hier.“ Hermes mustert ihn ernst von der Seite, dann lächelt er ein wenig und nickt. Er drückt einen Kuss auf Cletus Stirn, berührt noch kurz aufmunternd Rufus Rücken, ehe er aus dem Raum tritt.

Kurz bleibt er wie angewurzelt stehen, vor dem Bett. Gleich darauf lässt er sich vorsichtig auf das Bett fallen, sodass er sich gegen die Wand lehnen kann. Ein Lächeln legt sich auf seine Lippen, er bewegt sich, sodass er Cletus blasse Hand, die nicht eingegipst ist, lose in seine nehmen kann. Ihm wird klar, dass er stundenlang so dasitzen könnte, einfach nur den sanften Atemzügen lauschend, auf die sich bewegende Brust starrend mit dem sauberen Gesicht und den warmen Fingern zwischen seinen.


Nächster (und diesmal wirklich letzter) Part: 24.11. Bis dahin: Tüdelü!
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