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2022 02 23: Sag mir was fehlt [by Lifegamer]

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
23.02.2022
23.02.2022
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Dieses Kapitel
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23.02.2022 1.444
 
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Tag der Veröffentlichung: 23.02.2022
Titel der Geschichte: Sag mir was fehlt …
Song: coupé von wavvyboi
Autor: Lifegamer

Kommentar des Autors: Zuerst schaute ich mir das Video an und legte erst mal fest, das es ein wenig verstörend wirkt. Dann, es passte zusammen, aber es gab etwas, das sich nicht wirklich in die Bilder einfügen wollte. Also schaute ich nach, welcher Mensch hinter wavvyboi stecken mag. Und überlegte, wie ich die eine Frage beantworten könnte. Als eine Antwort sehe ich es dennoch nicht wirklich an. Höchstens eine der vielen Möglichkeiten. An der Stelle inspirierte mich ein vor Ewigkeiten gesehener recht kurzer Film: The day when your kid went punk …
Diesen Film gibt es seither in meiner Filmsammlung.

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Sag mir was fehlt …


Ein Coupé steht einsam am Rand einer Wiese. Der Fahrer - lehnt an einer Mauer und schaut hinab auf den fließenden Verkehr. Sechs Fahrspuren für jede Richtung, Fahrzeuge dicht an dicht, das Gedröhn von Motoren und Reifen bildet eine Geräuschkulisse, die beinahe jeden anderen Ton verschluckt. Als der Mann sich von der Betonmauer löst, um sich seinem Coupé zuzuwenden. Und wenn man versucht, in dessen Gesicht etwas zu entdecken, sieht man - nichts. Einer Maske gleich. Unbelebt. Nichts, was man hineindeuten oder heraus interpretieren könnte. Außer vielleicht - Traurigkeit.
Er setzt sich in sein Fahrzeug, stellt die Rücklehne weit nach hinten, eine Sonnenbrille verdunkelt den Augenbereich. Schläft er? Träumt er? Mit offenen oder mit geschlossenen Augen …

Über die Mauerkante dringt nur wenig des Verkehrslärms bis zu der Wiese. Die Sonne sinkt dem Horizont hinter derselben Mauer entgegen. Der Mann im Coupé bewegt sich nicht. Wenn man näher hinschaut, sieht man futuristische Stöpsel in seinen Ohren. Anhand der Anzeigen seines Radios kann man erkennen, das er vermittels seiner Musik alles andere, rundherum, ausgeblendet hat. Er hört nicht die Familie auf ihren Fahrrädern vorbei fahren. Ein quirliger Junge, um die zehn Jahre, der seine jüngere Schwester motiviert noch ein wenig in die Pedale zu treten. Weil es gleich bergab geht. Und das Rad fahren zum Spaß wird. Die Mama ermahnt zu unmittelbarer Vorsicht. Bergab nur mit der Bremse fürs Hinterrad die Geschwindigkeit anzupassen. Der Vater wirft im vorbeifahren einen Blick in das Coupé mit dem jüngeren Mann. Und verzieht einen Mundwinkel.
(so jung und so ein teures Fahrzeug, das Outfit sagt eher, das dafür nicht genug Geld da sein kann)

Automatisch stellt sich die Rücklehne des Fahrersitzes wieder in die voreingestellte Fahrposition und der Mann im Coupé nimmt seine Sonnenbrille ab. Drei, vier Tastenbedienungen, die Musik kommt nun aus den Lautsprechern …

Warum drehe ich den Coupé einsam in die Nächte? In meinem Drive is' es leise. Oh, weil mir etwas fehlt, sag mir, was fehlt. Warum dreh' ich den Coupé einsam in die Nächte? In meinem Coupé is' es leise, sehr leise. Sag mir bitte, was mir fehlt. Sag mir bitte, was mir fehlt.

Und das Fahrzeug fährt, langsam, den Weg hinab ins Tal. Zu der breiten Straße, die auch jetzt noch gut gefüllt ist.

Meine Augen tun immer noch weh, immer noch weh
Immer noch weh, immer noch weh
Immer noch weh, immer noch weh
Nun ja, ey
Was will ich eigentlich? Oh, sag es mir, ey.

Ein kurzes Stück geht es inmitten all der anderen Fahrzeuge voran, dann biegt das Coupé ab. Fährt schließlich durch ein Wohngebiet, eine Landschaft, die dem Mann im Fahrzeug wenig vertraut scheint. Zu groß ist die Stadt. Zu hoch all die Häuser. Die dicht an dicht, nur gelegentlich durch kleine Grünflächen mit Sträuchern und Bäumen unterbrochen, stehen. Und durch die Musik in seinem Fahrzeug klingt plötzlich andere Musik. Er verhält in seiner langsamen Fahrweise, um schließlich anzuhalten. Vor ihm, die Kennzeichnung der Straße verriet, dass es sich um eine Spielstraße handelt, malen Kinder auf den Asphalt. Bunte Bilder. Aus Lautsprechern neben einer Parkbank kommt Musik, die passend für die hier einfach spielenden Kinder ist. Und schon sichtbar ist, wie manch eines zuweilen mitzusingen versucht. Rechts an den Bordstein herangefahren und den Motor abgestellt, schaut der Mann eher doch nur blicklos auf das sich ihm bietende Bild. Lange her, scheint ihm, ist es. Das er selbst als Kind und zuweilen mit anderen Kindern spielte. Aber er dreht seinen Player auf aus. Um ungestört hören zu können, zu welchem Lied ein paar der Kinder nun richtig mitzusingen und halb zu tanzen begonnen hatten. Die Kinder, von denen nur einige Größere schauten, ob das Fahrzeug etwa gedenkt hier und jetzt die Straße weiter fahren zu wollen.

Komm wir malen eine Sonne auf dem grauen Pflasterstein
Und wir laden alle Kinder aus dem Hause dazu ein
Bei der Arbeit gibt es Brause, die schmeckt jedem Maler gut
Und vor allem braucht die Sonne einen grünen Sonnenhut …

Viele Sonnen, Blumen, Gras, Gebäude und Strichmänneken-Kinder, wurden schon kunterbunt durcheinander auf den Asphalt gemalt. Ein Bild, über das zu fahren sich ohnehin verbietet. Aber der Mann im Coupé bemerkt auch die gelegentlich prüfenden Blicke, seitens der die Aufsicht führenden Mütter. Und die der Väter. Trotzdem er immer wieder in Gedanken versinkt. Die zuweilen so schwarz sind, wie das ihm seit Ewigkeiten zum Outfit gehörende Make-up seiner Augen. Beinahe ohne es vorgehabt zu haben, öffnet er die Tür seines Coupé, eine freie Parkbank lockt, um sich dort von den prüfenden Blicken ungestörter, dem immer schöner anzusehenden Bild zu widmen. Singende Kinder, keines dabei, das nicht plötzlich einfach mit singen aufhört, weil sich die Aufmerksamkeit auf ein für Zuschauer nicht gleich erkennbares Detail richtet. Andere Kinder stimmen mitten im Lied einfach ein. Und erfreuen sich am herumhopsen. Als sich ein für ihn selbst unmerkliches Lächeln über das Gesicht zieht, wird eines der Kinder darauf aufmerksam. Das kleine Lächeln schien ehrlich, anders. Als es zumeist bei anderen Erwachsenen sah. Aufmerksam wird der Mann jedoch nicht, das sich drei der Kinder schließlich auf ihn zu bewegen. Für die Kinder bietet er einen absolut ungewohnten Anblick. Und sie sind neugierig.

Doch weil wir Menschen selber Sonnenkinder sind
Gehören wir auf's Bild wie Blumen und der Abendstern …

„Onkel, möchtest du mitsingen … ?“, eines der Kinder. Der Mann schreckt auf. Und realisiert, das sich seine Lippen bewegt haben. Beim mitsingen des Rest dieses einfachen Kinderlieds. Ob er wirklich Töne von seinen Lippen gelassen hat, das könnte er jedoch nicht bestätigen. Doch auf so eine Aufforderung hin, die neugierig fragenden Augen der Kinder dazu, dem kann er sich nicht entziehen.

Immer noch recht aufmerksam schauen die anwesenden Betreuer auf den inmitten ihrer Schützlinge hockenden Fremden. Simon, wie er sich den Kindern vorstellte. Um dann, nach einem halben Becher tatsächlich Brause wie die Kinder, nach einer Anfrage, das eine Lied neu anzustimmen. Und eines der größeren Kinder flitzt zu den Lautsprechern, um diese verstummen zu lassen. Schnell gesellt es sich zu den anderen zurück und staunt wie die anderen den seltsamen jungen Mann an. Der mit ihnen als Chor einfach Lieder singt.

„Wo wohnt ihr denn?“, eine Frage, nachdem er natürlich auch eine Blume zur aufgemalten Wiese hinzuzufügen hatte. Und die kleinen gemalten Häuschen auf Anfrage bewundern durfte.
„Onkel Simon, wir wohnen gleich dort drüben … “, das eine Mädchen zeigt quer über die Straße.
„Ihr alle … ?“
„Ja, natürlich. Das ist unser Haus!“
„Oh … “, aber zu mehr kommt Simon nicht. Was er sagen sollte, wüßte er für den Moment sowieso nicht zusammenzubringen. Einer der die Aufsicht führenden Erwachsenen gesellte sich mit zu den Kindern. Schließlich steht die Sonne nun wirklich schon weit genug am Horizont. Der von hier aus gar nicht sichtbar ist. Simon schaut nach oben. Immer noch inmitten der Kinder hockend …

„So wie sie mit den Kindern gesungen haben … “, eine kleine Geste unterbricht den Sprecher, „Einfach nur Simon bitte“, gibt der junge Mann zu bedenken.
„Okay, Simon. Wir suchen schon länger einen Erzieher, Erzieherin, was auch immer. Mit einer Gitarre umzugehen würde ich ihnen, sorry, dir, Simon, zutrauen. Musikalisch, wie wir eine entsprechende Kraft benötigen, sind sie, bist du. Das war eben wundervoll und die Kinder mögen sie, glaube ich!“
„Oh. Ich? Keine Ahnung, ähm … “, ein Blick zu den Kindern, Simon sieht hie und da - glaubt ein kleines Betteln in den Augen zu sehen …

Meine Augen tun immer noch weh, immer noch weh
Immer noch weh, immer noch weh
Immer noch weh, immer noch weh
Nun ja, ey
Was will ich eigentlich? Oh, sag es mir, ey …

*** *** ***



Ende



Zum einen ist der zugrunde gelegte Song von wavvyboi: Coupé

Das andere verwendete Lied heißt schlicht 'Komm wir malen eine Sonne'. Interpret war einst Frank Schöbel und dieser war genauso einst eher im Schlagerbereich unterwegs. Spielte hie und da in Filmen mit. Leider war die eine Version nicht auftreibbar, in der, ganz ohne Pittiplatsch, Kinder malten und sangen. Ersatzweise gibt es diesen Link: Komm wir malen eine Sonne

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