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Die Krux mit dem Creatio

von Ken
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P6 / Gen
22.02.2022
22.02.2022
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2.080
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Die Krux mit dem Creatio

Runde 1 - im Thron der Schreibkunst 2.0 - „Filmzitate“. (Ersatzbeitrag)

Danksagung an mein Lieblingseichhörnchen - du weißt warum :-D

*Ganz gleich, was man Ihnen erzählt. Worte und Gedanken können die Welt verändern.
Der Club der toten Dichter


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Es gibt den Begriff des „Creatio ex nihilo“, die „Schöpfung aus dem Nichts“. Es beschreibt die Entstehung von etwas aus der scheinbaren Existenzlosigkeit. Eine theologische Lehre, die sich darauf bezieht, dass ein höheres Wesen aus „nichts“ die Welt, das Universum und alles darin erschuf. Die Theologie spricht hier von „Gott“, aber ich bin kein Theologe, also tue ich das nicht. Ich frage mich jedoch, ob diese Begrifflichkeit nicht besagte übergeordnete Existenz selbst zu einem „Nichts“ degradiert? Das fände ich ausgesprochen schade, denn in meinem Fall macht es mein schöpfendes Wesen ebenfalls zu „nichts“. Und das gefällt mir nicht.

   Ich bin übrigens die Zeilen, die du gerade liest.

   In gewissem Sinne bin auch ich – folgend der Lehre des Creatio ex nihilo – aus „nichts“ entstanden. Wobei das im Grunde genommen nicht ganz richtig ist, denn etwas gab es durchaus, das zu meiner Existenz führte. Das gleiche etwas, das Creatio ex nihilo so vehement leugnet: Eine Idee, ein Funke, eine Inspiration. In meinem konkreten Fall war es eine Herausforderung.

   Aus diesem Funken entsprang ein Gedanke, der Gedanke wurde zur Idee und aus der Idee wiederum die Worte, die du gerade liest. Eine Welt, die im Moment womöglich nicht sonderlich bunt erscheint, was aber schlicht an der eher sachlichen Natur meines Seins liegt. Und der Tatsache, dass ich noch keine zehn Minuten alt bin.

   So blass und störrisch wie ich sind jedoch nicht alle meiner Spezies. Sehr viele sind sogar ausgesprochen bunt. Bevölkert von unheimlichen, liebevollen oder auch lustigen Charakteren erzählen sie nicht nur Abenteuer, sondern können ganze Welten vor deinen Augen entstehen lassen. Wenn man sie lässt. Denn mitunter stehen wir mit unseren Schöpfern auf Kriegsfuß. Dann sagen sie, dass wir „störrisch“ wären. Uns „verweigern“ würden. Dass wir nicht so „wollen“ wie sie „möchten“. Dabei stimmt das überhaupt nicht. Immerhin sind wir ein Teil unserer Schöpfenden. Wir leben in Symbiose. Sie denken und daraus entstehen Bilder. Ihre Gedanken und Wörter definieren unsere Welt, geben uns eine Form, bringen uns ins Leben.

   Und dann sind wir mit einem Mal da. Keine Nicht-Existenz mehr. Stattdessen werden wir zu Realität. Auf Papier oder als eine Sammlung von Einsen und Nullen im Rechner. Mitunter – gerade am Anfang, aber nicht selten auch später – sind wir lediglich ein Schatten unserer selbst. Kaum sichtbar oder zu fassen. Bloße Gedanken im Raum, die es nicht schaffen sich zu verfestigen. Manchmal sind wir gar für andere in Gänze unsichtbar. Verborgen. Geheim. Versteckt.

   Trotzdem sind wir da. Wir atmen nicht, aber wir leben. Und in gewisser Weise fangen wir an zu denken.

   Wenn wir uns umsehen, sehen wir allerdings leider lediglich uns selbst, niemals die Schöpfer. Sie starren auf den Bildschirm, das Papier, das Notizbuch. Mitunter mögen es auch Kassenzettel, Handys oder Servietten sein. Obwohl wir die Schöpfenden nie sehen, wissen wir, dass sie da sind, denn wie sonst hätten wir entstehen sollen? Evolution der Texte?

   Wenn wir versuchen, den schöpfenden Existenzen ins Auge zu blicken, entdecken wir jedoch stets uns selbst. Papier, Bildschirm, Handy, das alles wird von unserer Seite aus zum Spiegel. Ein Zerrspiegel, denn das, was ich sehe, bin niemals hundert Prozent ich. Es ist das, was mein schaffendes Wesen von mir sieht - oder für mich hält.

   Meistens treffen sie das ganz gut - aber nicht immer. Denn mitunter sehen sie uns völlig falsch.

   So sollte ich zum Beispiel ein Essay werden. Obwohl ich nicht sicher sagen kann, was genau ich bin - außer einem „Text“, weiß ich sehr gut, dass ich kein Essay bin. Das hätte jetzt der Punkt sein können, wo es zwischen mir und meinem Schöpfenden zu einem ausgesprochen unschönen Konflikt hätte kommen können. Zumindest kommt das zwischen meiner Art und den Menschen, die sich als Schaffende betrachten, recht häufig vor. Habe ich mir sagen lassen. Es gibt hier noch ein paar meiner Art, die da ein Lied von singen können. Aber das auszuführen, würde zu weit gehen.

   Jedenfalls beginnt dieser Konflikt meistens damit, dass die Schaffenden einen Teil von uns beschreiben, den wir einfach nicht auf diese Weise sehen. Manchmal ist das akzeptabel. Dann, wenn es kleine Sachen sind. In der Anonymität des Netzes ist man sogar als Text nicht gern vollständig transparent. Eine leicht verdrehte Darstellung ist datenschutztechnisch vielleicht gar keine so schlechte Idee. Sind dann ja auch nur Kleinigkeiten, die die Schaffenden nicht erkennen. Und man muss ihnen zugestehen, dass sie eben Menschen sind, und keine unfehlbaren Götter. Nicht böse gemeint, aber seien wir mal ehrlich: Sie sehen und wissen schlicht nicht alles - begreifen schon gleich gar nicht. Sie sind eben nur Menschen.

   Entsprechend übe ich, üben wir uns – meistens - in Geduld. Denn irgendwann haben sie den Dreh raus, unsere Schaffenden. Ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen – wie man so schön sagt. Und – obwohl ich das nur ungern zugebe – vielleicht müssen einige von uns Texten zunächst einmal lernen, wie wir uns unseren Schöpfenden zu zeigen haben.

   Aber wir haben immerhin die Ausrede, dass wir noch jung sind. Klein und zart, gerade erst im Beginn unserer Existenz. Quasi. Wir sind die Kinder unserer Schaffenden. Vielleicht würde es also manchmal helfen, würden sie uns als solche behandeln. Immer dann, wenn sie wieder einmal glauben, wir Texte müssten uns gefälligst so verhalten, wie sie es möchten. Meistens sind das genau die Momente, in denen wir eben nicht so sein wollen, wie sie uns gern hätten.

   In dem Fall sollten unsere Schaffenden das akzeptieren. Findest du nicht? Dürfen wir nicht auch einmal trotzen? Uns wehren, sperren, sträuben, wenn die schöpfende Existenz auf der anderen Seite des Spiegels uns schon wieder falsch versteht? Was würden dieses Wesen dort draußen mit dem eigenen Kind machen? Es in die Ecke schmeißen und nicht mehr ansehen, wie das so gern mit dem Papier, auf dem wir stehen passiert? Oder nicht vielleicht doch geduldig bleiben? Es zumindest versuchen?

   Das ist nicht immer leicht, ist mir klar. Nun gut, womöglich ist es das nicht. Ich bin eben doch nur ein Text. Ein Produkt der Fantasie meines Schaffenden. Es ist allerdings nicht so, dass ich hier ein „immer“ verlange. Schließlich weiß ich, dass ich zum Beispiel ausgesprochen trotzig sein kann – einige meiner Spezies noch viel mehr. Aber wenn wir uns alle um Verständnis bemühen, finden wir bestimmt einen gemeinsamen Weg.

   Denn manchmal brauchen wir alle unseren Freiraum. Dann wollen wir nicht gesehen werden oder gar mit unseren Schaffenden reden. In diesen Fällen ist es ausgesprochen hilfreich, dass sie uns zwar sehen, wir sie jedoch nicht. Die Situation kommt nicht ständig vor, eher selten. Aber es gibt diese Momente. Wenn einem einmal mehr irgendein blöder Kerl vor die Buchstaben gesetzt wird, der so gar nicht zu einem passt.

   Vielleicht kennst du das Gefühl. Da kommt so ein Typ daher – beziehungsweise wird er präsentiert – und dir wird gesagt, du musst mit dem spielen. Mit ihm klarkommen – irgendwie. Am Ende sollst du ihn womöglich sogar mögen. Und die ganze Zeit denkst du nur: „Oh Mann, was ein Arsch.“ Den kann man dann schlicht nicht leiden. Es macht nicht ‚klick‘. Der Kerl muss weg. Also ja, nenn mich ruhig eine Diva, das kann ich ab. Aber ich will einfach nicht mit jedem dahergelaufenen Deppen spielen, der gerade im Kopf meiner schaffenden Existenz auftaucht. Arrangierte Spieldates sind nichts für mich. Hochzeiten schon gar nicht. Nur weil jemand denkt, ich soll mit dem durch die Seiten tollen, muss ich das machen?

   Nö. Mag ich nicht. Mach’s doch selbst.

   Würdet ihr schließlich genauso wenig wollen, oder? Also, ich weiß genau, dass mein Schöpfungswesen das nicht mag. Denn obwohl ich es nicht sehe, bin ich trotzdem ein Teil davon. Ich bin aus dieser fremden Existenz entstanden. Das heißt, Fragmente dieses Wesens sind stets in mir. Wenn ich etwas nicht mag, dann mögen wir es beide nicht. Anstatt uns mental anzuschreien und anzukeifen, sollten wir deshalb einfach ab und zu einmal auf Abstand gehen. Hilft bestimmt auch generell bei Text-Schaffenden-Problemen. Höre ich zumindest immer wieder von meinesgleichen.

   Es braucht da garantiert niemand Angst haben, dass wir fremdgehen und mit anderen Schöpfenden anbandeln würden. Wir sind von unserer Seite aus in der Regel doch sehr monogam. Aber hey, wenn unsere Menschen darauf bestehen, reden wir gern mit anderen. Eine weitere Perspektive hilft mitunter allen Beteiligten. Ich bin mir zwar nicht sicher, was ich von der Alpha-Beta-Omega Dynamik von der mir ein paar meiner Mittexte erzählt haben, so halten soll, aber Betas klingen ganz nett. Nicht so forsch und dominant wie Alphas und keine weinerlichen dürren Hemdchen, wie es die Omegas so oft sind. Eine neutrale Mitte, die uns womöglich beiden helfen kann, wieder klarer zu sehen.

   Denn ja – ich gebe es zu – mitunter ist sogar mein Selbstverständnis getrübt. Aber das möchte ich nicht mit dem Fleischerhammer auf den Kopf gedroschen vermittelt bekommen. Das sollte man mir bitte erst einmal erklären. Normalerweise höre ich ja gut zu – und das trifft auf meine Mittexte genauso zu. Okay, nicht immer, aber vielleicht hab ich manchmal gerade meine virtuellen Tage. Die bekommen wir Texte übrigens egal ob männlich oder weiblich.

   Dann helfen tatsächlich nur Abstand voneinander, eine Wärmflasche, ein paar Kekse und Fernsehen. Dürfen unsere Schöpfenden, weil wir gerade dabei sind, genauso handhaben. Und auch wenn ich persönlich lieber bei einem einzigen Schaffenden – und womöglich noch einem Betawesen – bleiben würde, habe ich kein Problem damit, sollte mir einer von beiden zwischendurch fremdgehen. Im Fall von uns Texten ist das überhaupt nicht verwerflich. Da muss sich wirklich niemand einen Vorwurf machen. Weder ihr Menschen, noch wir Texte.

   Eifersucht gibt es zwischen unseresgleichen nämlich so gar nicht. Wir sind da sehr liberal, was das angeht. Ich freue mich sogar, wenn statt meiner ein anderer Text weitergeht. Denn, das darf man weder als Schöpfender noch als Text vergessen, mit jedem weiteren Wort wachsen wir.

   Wir füllen uns mit Substanz, gewinnen an Kraft und Energie. Nur wenn wir das schaffen, können wir wahrlich sichtbar werden. Dann sind wir keine Sammlung von Namen, Orten und Geschehnissen, sondern verkörpern eine vollständige Welt. Denn letztendlich sind wir der lebende – wenn auch nicht atmende – Beweis dafür, dass ganz gleich, was man dir erzählt, Worte und Gedanken die Welt verändern können.* Unsere Welt, die der Schöpfenden aber ebenso die der Leserschaft.

   Wir haben die Kraft und die Macht etwas zu bewirken. Unsere Schöpfenden erschaffen uns und unsere Welt. Wir sind es jedoch, die sie weitererzählen. Wir tragen sie dort hinaus in die Realität. Verbreiten sie. Und einige von uns werden stark genug sein, um nicht nur zu berichten. Sie entfachen weitere Feuer, sind Inspiration, erwecken andere Ideen, die wiederum zu mehr Texten führen. Und so verändern wir uns und die Welt in und um uns Tag für Tag aufs Neue. Wir wachsen und entwickeln uns.

   Manchmal braucht es dafür Umwege. Und mitunter merken wir gemeinsam mit unseren Schöpfenden, dass wir uns verrannt haben. Dass wir zwanghaft etwas sein wollten, was wir schlicht nicht sind. Ohne überhaupt zu wissen, was wir denn sein könnten. Aber dann hilft es nichts, wenn unsere Schaffenden an uns verzweifeln. Nur gemeinsam können wir herausfinden, wohin der Weg uns führt.

   Wir Texte sind geduldig – obgleich nicht immerwährend. Aber selbst wenn der Stein verwittert, das Papier verbrennt, die Festplatte crashed oder die Diskette schlichtweg kein Laufwerk mehr findet: Wir sind immer noch da. In den Köpfen unserer Schaffenden und derer, die uns gelesen haben. Hier existieren wir weiter.

   Manchmal rufen wir leise, mitunter schreien wir lautstark. Jeder Text ist einzigartig. So wie unsere Schöpfenden und Lesenden sich unterscheiden – und verändern. Manche von meinesgleichen drängt es hinaus in die Welt. Sie wollen gehört, gelesen, gesehen werden. Andere von uns sind eher schüchtern und verstecken sich im Dunkeln – brauchen mitunter Jahre, sogar Jahrzehnte bis sie bereit sind, sich jemandem zu zeigen.

   Also hadert nicht mit uns. Weder ihr Lesenden, noch unsere Schaffenden. Wir mögen nicht immer perfekt sein. Aber wir arbeiten gemeinsam daran. Darum, ihr Schöpfenden, hört auf zu verzweifeln, wenn wir mal wieder nicht so wollen, wie ihr es gern hättet.

   Gebt uns nicht auf, das reicht.
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