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Chronist der Ersten Tage

von jojo-san
Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Tragödie / P16 / Div
22.02.2022
22.02.2022
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6.444
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22.02.2022 6.444
 
Die erste Runde zum Wettbewerb Thron der Schreibkunst 2.0 mit dem Thema Duell der Filmzitate.
Die Vorgabe:

Ganz gleich, was man Ihnen erzählt. Worte und Gedanken können die Welt verändern.
- Club der Toten Dichter




Tag 2371.
Ein weiteres Jahr.
Niemals stehen bleiben, genieße die Welt. Sie ist schön:
Noch nie waren die Sterne heller.
Noch nie war mein Herz größer.
Noch nie war das Wasser klarer.
Noch nie war ich meinem Spiegelbild näher.
Die Bäume wachsen ungestört in die Höhe, für die sie immer bestimmt waren. Die Flüsse mäandern und zeichnen die Landschaft. Schnee fällt, wenn er fallen soll, und die Berge stehen erhobenen Hauptes und wachen über uns.
Wir lieben und lassen uns lieben. Die Menschheit reinigt sich von ihren Untaten, es sind nur noch die übrig, die verstehen was es heißt zu überleben aber gleichzeitig leben zu lassen. Ich gebe mein Bestes.


//
Camila schlug das schwarze, lederne Notizbuch zu, dessen Seiten vergilbt und halb herausgerissen waren, den Stift klemmte sie in den Rücken. Sie verstaute ihren treuen Gefährten in ihren übergroßen Wanderrucksack und überprüfte die Angel. Sie hatte ihr Nachtlager an einem seichten Fluss aufgestellt und erhoffte sich einen guten Fang. Noch hatte kein Fisch angebissen, also stand sie auf, zog die Stiefel aus und nahm sich ihren Speer zur Hand. Vorsichtig und mit langsamen Bewegungen durchwaberte sie die flachen Stellen auf den Steinen und stellte sich über einen Spalt im Wasser. Nun hieß es abwarten.
//


Tag 2088.
Wilde Heide blüht und Kinderlachen erfüllt mein Herz. Ich bin geehrt von dem Anblick und helfe, wo ich kann. Es sind meine Taten, die mich zu der machen, die ich bin und doch bin ich nur eine Aneinanderfolge von Entscheidungen, die ich traf. Entscheidungen die durch mein Herz und Gefühl bestimmt wurden. Bin ich also meine Gefühle oder meine Taten?

Tag 2037.
Es ist Sommer und die Welt ist vollkommen.




//
Nach einigen Minuten war mit einem gezielten Stoß der Fisch aufgespießt und Camila kehrte zu ihrer Angelrute zurück. Zuerst nahm sie den gefangenen Fisch mit ihrem treuen Begleiter, einem Jagdmesser, welches sie einem Museum entnommen hat, aus und überprüfte dann die Angel. Dort hatte auch endlich etwas angebissen, also holte sie behutsam die Schnur ein und schlug dem Fisch den Kopf ab. Zwei Fische zum Abendessen, das war schon fast Luxus.
Mit nackten Füßen ging sie zu ihrem Rucksack und holte dort eine Dose mit Blaubeeren heraus, die sie über den Tag gesammelt hatte. Eine volle Dose ließ sie unberührt, die würde sie im nächsten Dorf eintauschen. Es sollte nicht mehr weit sein, nur noch einen Tagesmarsch. Sie wischte sich ihre Hände am T-Shirt ab und entfaltete die Karte, die sie mit sich trug. Es war eine Karte von vor der Seuche, allerdings mit eigens eingezeichneter Veränderung. Camila hatte vor drei, oder waren es zwei Jahren, angefangen neue Siedlungen einzuzeichnen. Wälder reich an Beeren. Orte wo sich die Landschaft verändert hat.
//


Tag 1700.
Lange habe ich nichts mehr geschrieben, zu einem, weil ich mir mittlerweile alles merke und nur noch erzähle, und zum anderen, weil es verdammt schwierig ist vernünftige Stifte aufzutreiben. Nach fast fünf Jahren zu verstehen. Ich melde mich nur um Bescheid zu geben, dass ich noch lebe.
Ich bin am Leben!  

Tag 1278.
Bei jeder Ansammlung von Menschen erzähle ich nun Geschichten. Wahre und solche mit einem wahren Kern. In diesen Momenten spüre ich eine tiefe Verbundenheit und vergesse meine Vergangenheit. Wir alle leben dann nur noch für den Augenblick - eine Gemeinschaft von Menschen mit einem gemeinsamen Puls. Es gibt Sänger und Tänzer. Wir verwandeln uns langsam zurück, vielleicht ist es besser so. Vielleicht waren wir nie für etwas anderes bestimmt.

Tag 1199.
Die Leute in dem kleinen Dorf, welches ich durchquerte, baten mich ihnen eine Geschichte zu erzählen. Sie wollten wissen, wie es dort draußen ist. Auf dem Pfad der Ruhelosen.
Ich erzählte ihnen von der Liebe und dem Wind. Wie der Tod aussieht und wie grausam die Menschen sein können. Den ganzen Abend hindurch lauschten sie mir und dem was ich ihnen zu berichten hatte. Sie hingen an meinen Lippen und noch immer lächle ich vor mich hin.



//
Sie folgte mit dem Finger dem Fluss bis zu einem kleinen schwarzen Kreis und tippte darauf, mit der anderen Hand naschte sie einige der Beeren. Dort würde sie morgen sein und neue Geschichten erzählen. Mit einem Klicken war die Dose verschlossen und sie zog sich ihre Socken und Schuhe wieder an. Die Fische sollte nicht zu lange in der Sonne liegen, sie nahm ein Tuch und wickelte sie darin ein und grub ein kleines Loch. In dem kühlen Erdboden würden sie sich bis abends halten, bis dahin hatte sie Zeit Feuerholz zu sammeln, ein Feuer zu entfachen, die Gegend zu sichern und ihre Klamotten und sich zu waschen. Sie hob den Arm, roch an sich und kräuselte die Nase, ja definitiv sollte sie auch sich waschen. Hygiene würde sie am Leben halten, eine wichtige Lektion, die sie gelernt hat.
//


Tag 1102.
Viele Tage und Nächte sind ins Land gezogen und ich fühle mich mal leichter, mal schwerer. Mein Körper funktioniert so, wie er es soll, und mein Geist sucht sich Beschäftigung.
Ich habe neulich ein Baby gesehen und fing an zu weinen. Wie wundervoll! Stellt euch das doch nur mal vor. In der Welt, die uns zerstören wollte, schaffen wir es dennoch zu gedeihen. Ich hoffe, dieses Baby wird unsere Zukunft darstellen und wird es besser machen als wir.

Tag 1059.
Ich verweile nicht mehr an einem Ort, sondern lasse mich tragen vom Wind. Nur die Jahreszeiten zu meinem Geleit.
Manchmal treffe ich auf kleine Gruppen. Für kurze Zeit schließe ich mich ihnen an, doch wann immer sie stehen bleiben, gehe ich weiter. Jeder von uns lebt mit dem Monster, welches wir kreiert haben. Jeder von uns ist gefangen in der Hülle aus Fleisch. Jeder geht anders mit seiner Schuld und seinem Wahnsinn um. Mich ruft es einfach fort und ich folge – immer.

Tag 867.
Das erste Mal fühle ich den Frühling wieder. Die letzten Male ging es nur ums nackte Überleben aber aus irgendeinem Grund spüre ich diesen Druck nicht mehr. Der Hauch einer warmen Brise nimmt mir jegliche Last von den Schultern und ich höre die Trommeln in der Ferne. Pulsierend erwacht alles um mich herum; ich muss weiter.

Tag 850.
Wir leben alle nur noch für den nächsten Tag, das kann nicht alles sein. Das darf nicht alles sein. Ich versuche das Leben zu beobachten, doch alles was es bringt ist der Tod. Kein Leben erfolgt ohne Tod, also muss ich daran glauben, dass auf Tod immer Leben folgt. Ich muss dran glauben… Versteht ihr?


Tag 767.
Ich kann so nicht mehr weitermachen. Immer öfters kreisen meine Gedanken nur um die die Frage, wann meine Zeit zu Ende sein wird. Ich höre ein leises, stetiges Tick-Tock. Es muss sich was ändern.



//
Mit Schnaufen und Tosen hievte sie ihren Rucksack auf einen Ast im Baum und machte sich an die Arbeit. Der Tag war noch nicht vorbei und es war viel zu erledigen. Als sie in den Wald trat atmete sie erst einmal durch und begrüßte ihn. Tiefes ein und ausatmen, sie bat um Hilfe und um die Schätze der Natur. Der Wald würde ihr antworten und sie leiten, wie er es immer tat. Solange wie sie diesem Pfad folgte, ward sie nie verloren. Egal wo sie war, egal was kommen würde. Nur mit einem Messer und einem Beutel über die Schultern machte sie sich auf und fing als erstes an Holz zu sammeln. Mühevoll brachte sie stapelweise Äste zum Flussufer, glücklicherweise hatte es seit Tagen nicht mehr geregnet, wodurch das Holz gut durchgetrocknet war. Das Feuer zu entfachen, würde ein Leichtes sein. Sie durchsteifte weiter den Wald und sammelte noch Nadeln und riss vertrocknetes Gras heraus. Womöglich würde sie gar nicht ihr Feuerzeug benötigen, jede Ressource galt es zu sparen und sie hatte schon vor langer Zeit die Geduld erlernt ein Feuer ohne Hilfsmittel zu entfachen.
//


Tag 729.
Ich sollte schreiben was passiert ist, ich sollte es mir von der Seele schreiben aber ich will und kann es nicht. Ich bin wieder alleine. Die Hochzeit ist drei Monate her, aber es fühlt sich an wie gestern. Gleichzeit sind die Tage noch nie so lang gewesen.
Ich sehe das Lachen und Funkeln der Augen meiner Freunde in meinen Träumen, dann wandelt es sich und ich sehe nur noch Blut. Ihr Blut. Und das der andern an meinen Händen. Ich habe hier noch nie geschrieben, was ich alles getan habe, was ich tun musste.
Vorher waren es zwei, jetzt sind es fünf. Ich kenn ihre Namen nicht mal und ihre Gesichter verblassen in meinen Erinnerungen. Ihr Tod beschäftig mich nicht. Habe ich mich verloren
                            oder habe ich mich nur weiterentwickelt?
                                                             zu was entwickeln wir uns?

Tag 726.
Der Winter ist beinahe hier und ich wollte nur Bescheid geben, dass ich noch leben.

Tag 670.
S o p h i e
J e a n e t t e
M u s t a n g


Tag 667.
Wir mussten gestern unser Camp verlassen. Wir sind an einem Fluss gekommen und wollten hierbleiben, es scheinen jedoch andere Menschen hier zu sein. Wir wollen erst herausfinden welche Art von Menschen diese Gruppe ist und dann entscheiden, ob wir uns ihnen zeigen. Heute Nacht bleiben wir im Verborgenen und im Schutz der Dunkelheit.

Tag 640.
Wir sind heute mal wieder in die Stadt der weißen Steine gegangen und ich habe mich genaustens umgeschaut. Ich will euch erzählen, wie es aussieht:
Durch den Asphalt dringen Kräuter, Bänke und Mülleimer sind überwachsen, die Häuser sind niedergeschmettert. In den Bäumen singen Vögeln, der Staub hat sich gelegt und die Sonne glitzert an einem ungezeichneten Himmel. Die Autos stehen rostig überall verteilt herum und laden zum Nisten und Bauen von Unterschlüpfen von Tieren ein. Die Leichen der Menschen sind auch noch dort, einige sind verwester als andere. Aus dem Brustkorb einer Frau wächst eine Kornblume mit einer Selbstsicherheit, dass sie genau dort hingehöre. Dies ist ihr Ort, an dem sie sein soll.

Tag 629.
Sophie hat Jeanette einen Antrag gemacht. Wir haben eine kleine lächerliche und wunderschöne Zeremonie am Rand der Klippe gehalten, Mustang und ich haben sogar Blumenmädchen spielen dürfen. Die beiden trugen geflochtene Blumenkränze und haben sich anstelle eines Ringes Vergiss-mein-nicht geschenkt.
Das Leben zu feiern, vielleicht war es genau das, was wir brauchten. Die Liebe der beiden zu sehen, in ihrem Raum zu existieren, das reicht mir.

Tag 645.
Andauernd fragen sie warum ich in dieses Buch schreiben. Sie begreifen es nicht, irgendwann wird irgendwer dort draußen das hier finden und wird wissen, dass sie nicht alleine sind und wir das gleiche gefühlt haben. In unserer Brust schlägt das gleiche Herz.
Wir haben ein Camp an einer Klippe aufgeschlagen, von der man in die Überreste einer Stadt sehen kann. Jeder nennt sie anders, keiner weiß, wie einst ihr wirklicher Name war. Für mich ist es die Stadt der weißen Steine. Viele der Häuser schienen aus weißem Backstein gefertigt gewesen zu sein und aus irgendeinem Grunde sind die Trümmer der Häuser noch immer strahlend weiß. Als ob sie sich weigern sich dem Willen ihres Schicksals zu beugen und trotzig im hellen Glanz erstrahlen.
Wie wir.

Tag 608.
Mein Experiment scheint verfrüht beendet worden zu sein. Ich habe eine kleine Gruppe getroffen, wir sind nun zusammen unterwegs. Ihre Namen sind:
S o p h i e
J e a n e t t e
M u s t a n g
Vergiss ihre Namen nicht!



//
Holz war gesammelt, Beeren vernascht und Klamotten zum Trocknen über Äste gehängt, zufrieden wischte Camila sich ihre Hände an ihrer Hose ab und begann das Lagerfeuer vorzubereiten. Mit geschickten Händen hatte sie bereits die Fische ausgenommen und auf Spieße gesteckt. Alles war für die Nacht vorbereitet, nur noch den Osten müsste sie absichern, den Norden und Süden war sie bereits abgegangen und im Westen führte der Fluss von Süd nach Nord und stellte eine natürliche Barriere dar.
Wieder zog sie in den Wald, diesmal bedacht darauf leise und unbemerkt zu sein. Sie suchte nach Pfaden von Rehen und folgte diesen, der Unterwuchs war an diesen Stellen am einfachsten zu durchdringen. Die Luft nahm eine angenehmere Temperatur an und die Dunkelheit begann die nähere Umgebung zu verschlingen. Wie ein Schatten schlich sie durch das sterbende Zwielicht und kniff die Augen zu, um noch was erkennen zu können.
Ein lautes Lachen schallte durch den Wald, mit pochenden Herzen blieb Camila regungslos im Unterholz stehen. Die Stimmen hallten laut und waren nicht weit von ihr entfernt. Nicht weit von ihrem Nachtlager. Sie hockte sich hin und verharrte bis die Nacht vollständig die Macht an sich gerissen hatte. Endlich konnte sie ein kleines Flackern erkennen, dort nur etwa 40 Meter von ihr entfernt musste das Lager der Fremden sein. Auf leisen Sohlen folgte sie weiter den Pfaden der Tiere, um möglichst unbemerkt an die Leute heranzukommen. Erfahrung hatte sie misstrauisch werden lassen und so zückte sie ihr Messer als sie drei große Silhouetten und eine kleinere ausmachen konnte.
//


Tag 602.
Seit fast einem Monat habe ich keinen Menschen mehr getroffen. Ob es noch andere gibt? Wie lange wird es noch dauern, bis ich dem Wahnsinn erliege? Ein Experiment, wie lange kann Mensch allein sein? Bisher scheint die Antwort nicht besonders überraschend. Mal sehen, wann oder ob ich wieder auf eine andere Person treffe.

Tag 572.
Ich bin am Leben.

Tag 512.
Ich lebe.

Tag 488.
Ich lebe.

Tag 456.
Ich lebe immer noch.

Tag 409.
Ich lebe.

Tag 399.
Ich lebe.

Tag 365.
Es ist ein Jahr her, und der Sonnenaufgang ist immer noch der gleiche wie vorher. Alles erscheint anders, nur das Farbenspiel am Himmel ist das gleiche. Ich sehe die Sterne und sehe verlorene Gesichter. Parker ist tot. Trotzdem ist der Sonnenaufgang der gleiche. Ich könnte heulen und lachen. Nur habe ich keine Tränen mehr und der Himmel ist zu schön dafür.
Vielleicht ist ein Rückblick angebracht: Ich habe Menschen verloren gelernt Feuer zu machen. Ich habe gelernt Fallen zu stellen und mir aus den Materialien der Natur eine Angel, Schnur und Köder zu basteln. Maria hat mir die letzten Wochen erzählt welche Geschichten die Menschen früher in den Sternen sahen. Ich kann essbare Pflanzen erkennen und ich weiß welche Pilze giftig sind. Ich weiß, wie es sich anfühlt,

P A R K E R

Tag 342.
M A R I A

Tag 306.
S A R A H

Tag 284.
L E N N Y
A B D U HL


Tag 267.
Parker mag mich und ich mag ihn. Das reicht.

Tag 200.
Vor einiger Zeit habe ich mich einer kleinen Gruppe angeschlossen, mit mir sind wir zu sechst. Sie sind wie ich, verlorene Seelen, die sich Erlösung in Gemeinschaft erhoffen. Solange uns unsere Füße tragen, müssen wir auch unsere Bürde tragen.



//
Zwei Männer, eine Frau und ein Kind - ein Junge. Vielleicht auch Jugendlicher, genaueres konnte Camila nicht in den schlechten Sichtverhältnissen ausmachen. Das Kind saß wie erstarrt vor dem Feuer, die Erwachsenen saßen auf umgekippten Bäumen vor der knisternden Hitze und lachten. Wieso regte sich das Kind nicht? Camila verlagerte ihr Gewicht und entschied weiterhin zu beobachten. Auf Messerspitzen reichten sie sich Fleischstücken und unterhielten sich für eine Weile weiter, jeder der Erwachsenen hatte Messer oder andere klingenartige Waffen an den Hüften befestigt.
Ein lautes Knurren ließ die Unterhaltung unterbrechen, das Kind senkte den Kopf und legte die Hände auf den Bauch. Die Erwachsenen lachten und fingen an den Kleinen mit den Messern zu pieken. Gehörte er nicht zu ihnen? Unbewusst nahm Camila ihre Klinge und fuhr mit ihrem Finger über das kalte Metall. Die Männer fingen an den Jungen gefährlich dicht ans Feuer zu schubsen, weiterhin schallte das ekelhafte, ölige Lachen der drei durch den friedvollen, stillen Wald. Der Junge fing an zu weinen, seine Schultern zuckten nach oben und unten als große Schluchzer aus ihm herausbrachen. Die Frau knallte aus dem Nichts dem Jungen eine Ohrfeige und der Wald hielt den Atem an, oder war es nur Camila selbst, die nicht wagte die Luft aus ihren Lungen zu lassen. Die unbekannte Frau nahm das Gesicht des Kleinen und zog ihn sich heran, mit der anderen freien Hand fuchtelte sie wie wild umher, während sie ihn ausschimpfte. Der Junge rührte sich nicht mehr, auch als sie ihn losließ, sackte er nur in sich zusammen und blieb auf dem Boden liegen, die Erwachsenen hingegen nahmen die Unterhaltung wieder auf und fuhren fort als wäre nie etwas gewesen. Camila traf eine Entscheidung.
//


Tag 163.
Dies sind die Endtage. Unser spektakuläres Finale.

Tag 155.
Der Nebel wabert um die Bäume, die Wiese steht unter Wasser und die ersten Sonnenstrahlen dringen nur mit Mühe durch den verschleierten Himmel. Alles erscheint grau.
             Alles      ist         grau.
Die Welt, die einst unser war, hat sich gegen uns gestellt. Die Tage sind gezählt und wir verweilen nur noch auf den Ruinen einer verloren gegangenen Existenz. Zivilisationen haben sich erhoben und haben sich selbst vernichtet, es war nur noch eine Frage der Zeit bis auch wir es zustande brachten. Unser eigenes Grab ausgehoben, unser Selbst zerstört – viel ist nicht mehr von uns übrig. Es sind nicht mehr viele von uns übrig.

Tag 114.
Frühling wird zu Sommer aber das Wetter verschlechtert sich. Bei einem besonders starken Regenfall wurde mein Unterschlupf überflutet und ich musste weiterziehen, das ist jetzt zwei Wochen her. Die kleineren Nebenstraßen sind jetzt bereits dabei zu verwuchern, wie schnell die Natur sich ihr Reich zurückerobert.

Tag 92.
Ich glaube nicht mehr an Rettung. Drei Monate…Keiner wird kommen. Keiner ist mehr übrig. Wie Wilde leben – oder sollte ich besser sagen, verweilen – wir auf der Erde. Nicht wissend wohin mit uns. Nicht mutig genug, unsere Qual zu beenden. Ich bin ein Feigling! Feigling! Feigling! Feigling!

Tag 77.
Ich habe einen Unterschlupf gefunden und mich verbarrikadiert. Ich habe Essensvorräte und in einer Tonne ist genügend Regenwasser. Hier mussten vorher Menschen gewesen sein, es gibt eine Schlafecke und Bücher mit Überlebenstipps. Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich überleben will.

Tag 74.
Da ich immer noch lebe und keine Maske mehr trage, muss ich wohl immun sein. Oder verdammtesPech Glück haben.

Tag 68.
F R A N C E S C A

Tag 68.
Francesca, meine kleine, liebe Schwester, hat sich vor drei Tagen an einer rostigen Tür den Arm geschnitten. Ihre Wunde ist infiziert, sie eitert, ist rot und riecht. Ich glaube sie hat eine Sepsis.
Sie darf nicht sterben!!!
Ich habe kein Antibiotikum oder sonstiges, ich weiß nicht was ich tun soll. Ich bin kein Arzt. Bitte, bitte lass sie leben. Ich kann nicht ohne sie…

Tag 51.
Wenn wir die letzten unserer Art sein sollten, macht es uns zu Überlebenden oder zu wandelnden Toten?

Tag 50.
Immer weniger begegnen wir anderen Überlebenden, was auch gut so ist. Die Menschen sind alle nur noch ein Schatten ihrer selbst, einige ziehen sich in sich zurück, andere haben sich dem Tier in ihrem Inneren ergeben.

Tag 41.
C A R M E N

Tag 40.
Mama ist krank. Die Adern erscheinen bereits. Wir sitzen am Feuer und wissen, sie wird den Sonnenaufgang nie wieder sehen.Ich kann nicht mehr.  Francesca braucht mich.  

Tag 38.
Wir leben noch. Carmen, Francesca und Camila. Das sind unsere Namen.
Seit zwei Wochen leben wir von Tag zu Tag auf der Straße und suchen nur nach Essen, Trinken und Wärme. Feuerzeug und Brennstoff sind wichtige Güter, manchmal tauschen wir mit anderen Menschen. Wenn wir durch die Straßen, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt ziehen, sehen wir Haufen an Leichen an den Rändern liegen. Sie sehen aus wie Puppen, mit blauen Adern auf den Händen und im Gesicht. Die Welt liegt in Trümmern und Asche; einige Städte mussten bombardiert worden sein.

Tag 32.
Wir haben vor vier Tagen…
Was soll das noch?! Ich versteh es nicht!! Helft uns, bitte…

Tag 28.
P E D R O
N I C O


Tag 27.
Papa und Nico haben Husten.

Tag 25.
Wir haben gestern unser Haus verlassen und haben die Supermärkte abgeklappert. Alles ist verwüstet, überall liegen Leichen. Wir schützen uns mit Tüchern vor dem Mund, aber wie lange wird uns das beschützen? Vereinzelt laufen Menschen herum, mal in Gruppen, mal sind sie einzeln unterwegs. Wenn sich unsere Blicke kreuzen, steht ihnen der Wahnsinn ins Gesicht geschrieben. Ich habe Angst vor ihnen.

Tag 22.
Die Nachrichten haben aufgehört. Das Essen ist fort, der Strom ist aus und uns ist kalt. Wir müssen hier weg!  Aber Mama und Papa wollen nicht, sie haben zu viel Angst.

Tag 20.
Nur vier Tage, und die Leichen stapeln sich vor unserem Haus. Es sind Menschen, die ich kannte, mit denen ich als Kind gespielt habe. Ob ihre Familie nach ihnen suchen oder ob sie auch tot sind? Ich habe gestern in das Gesicht von einem Nachbarskind gesehen, es starrte mit der gleichen Furcht zurück, die ich auch spüre. In was für eine Welt wird dieses Kind wohl aufwachsen?

Tag 16.
Kendra liegt auf dem Fußweg nicht weit von unserem Haus und rührt sich nicht mehr. Ich habe noch nie einen Toten gesehen. Ihr Kopf ist weggedreht, aber ich kann ihre blauen Hände sehen, ob von der Kälte oder der Krankheit, weiß ich nicht. Ich kann den Blick nicht abwenden, meine Brust zieht sich zusammen und seit Tagen drohen die Tränen überzulaufen. Francesca will sie dort nicht liegen lassen, aber wir sollten nicht raus. Das Essen wird knapp, das Wasser fließt noch.


Tag 14.
Die Menschen sind unruhig, sie verlassen die Häuser. Ich beobachte das Gehen aus unserem Küchenfenster, viele kehren nicht zurück. Die Angst und Panik setzen auch langsam bei uns ein, Nico will fort. Es sagt wir müssen an einen Ort, wo wir Nahrung und Wasser haben, er argumentiert, wenn die Versorgung vollständig zusammenbricht, werden wir kein sauberes Wasser mehr haben. Mama und Papa sind dagegen, sie hören noch immer auf die Nachrichten. Sie glauben noch. Seit sechs Tagen gibt es Todesberichte, ich weiß nicht ob ich fort oder bleiben will, aber Vertrauen wie meine Eltern habe ich langsam nicht mehr.


Tag 5.
Ich habe dieses Buch gefunden und werde aufzeichnen was passiert ist und was geschehen wird. Vor fünf Tagen – nicht mal eine Woche! – wurde von der Regierung verkündigt, dass es einen ‚Unfall‘ in einem Labor gab, in dem biologische Waffen erforscht wurden. Allein die Tatsache, dass sie zugaben solche Untersuchungen angestellt zu haben, deutet auf die Ernsthaftigkeit der Umstände hin. Wir wurden alle angehalten das Haus nicht zu verlassen. Das Militär zieht durch die Straßen. Von einem Tag auf den anderen; schlagartig hat das Leben angehalten. Ich bin zusammen mit meinen Geschwistern bei unseren Eltern, manchmal sehe ich Leute durch die Straßen laufen. Wohin weiß ich nicht, vielleicht Essen holen oder Familie finden. Die Nachrichten laufen Tag ein Tag aus, es werden die Helden gepriesen, die an vorderster Front versuchen die Katastrophe einzudämmen. Keiner gibt wirklich Auskunft, was los ist, wo es herkam und was es mit einem macht. Die Leute spekulieren auf einen Unfall wie Tschernobyl. Wir können nur hoffen, dass es nicht so ist, denn sonst sind wir alle bereits dem Tod geweiht.
Mal sehen, wie lange ich Tagebuch führen werde. Ich versuche es bis zum Ende dieser Katastrophe durchzuhalten, vielleicht können wir was daraus lernen.



//
Sie wartete, bis alle im Lager eingeschlafen waren, dann erst richtete sie sich auf und schlich die letzten Meter an die Gruppe heran. Das Feuer war nur noch Glut und der Mond drang spärlich durch die Kronen der Bäume. Camilas Gesicht war erstarrt, nur Kälte zeichnete sich in ihren Zügen ab als sie auf die Männer und die Frau hinabsah. Jetzt hieß es, entweder den Weg der Zukunft oder den Weg der Vergangenheit einzuschlagen, ihre Hand lockerte und festige sich um den Griff ihres Messers als sie dort stand und abwägte.
Schließlich atmete sie tief durch, steckte das Messer in die Scheide und stieg über die schlafenden Figuren und hockte sich vor den Jungen. Er musste zwischen zwölf und 14 Jahre alt sein, kurze krause Haare und eine dunkle Haut, die in der Nacht fast mit der Umgebung verschmolz. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf den Mund des Jungen, sofort schreckte er hoch und starrte sie mit großen, verängstigen Augen an. Mit einem Finger auf den Mund deutete sie ihm leise zu sein, dann stand sie auf und stieg zurück über die Erwachsenen. Verunsichert saß der Junge auf dem Erdboden und wusste nicht was er tun sollte, also streckte Camila ihre Hand aus und versuchte einen vertrauenswürdigen Eindruck zu machen. Nach Sekunden des Zögerns, die sich wie Stunden für Camila anfühlten, stand der Junge auf und kam zu ihr. Mit einem Nicken legte sie ihre Hand an seinen Ellenbogen und flüsterte: „Ich kann dir helfen. Folge oder bleibe, das ist deine Entscheidung.“ Sie entfernte sich wieder vom Lager und trat auf den Rehpfad, den sie vorher genutzt hatte, erst dann dreht sie sich um und schaute nach dem Jungen. Er war ihr gefolgt. Ein Lächeln breitete sich bei ihr aus und sie brachte den Jungen vor sich. Als er vor ihr ging, bemerkte sie die dünnen Arme und das lockere Shirt. Er wirkte viel zu dünn und gebrechlich für sein Alter.

Mit einem Mal waren Stimmen hinter ihnen zu hören, der Junge blieb wie angewurzelt stehen und rührte sich keinen Millimeter. „Sie dürfen mich nicht wieder bekommen. Ich habe schon mal versucht abzuhauen, ich kann nicht, bitte lass nicht…“
Camila legte eine Hand auf seine Schulter und sprach leise und beruhigend zu ihm, „Hab keine Angst, ich beschütze dich. Folge weiter dem Pfad, am Fluss habe ich ein Lager.“
Nachdem sie ihn ein paar Mal behutsam angestupst hatte, setzte er sich weiter in Bewegung. Im Laufschritt schlängelten sich die beiden durch den Wald und kamen dem Fluss immer näher.
„Dort, ich sehe sie!“
Donnernde Schritte holten auf und Camila rief: „Lauf!“ Die Äste brachen hinter ihr und sie wirbelte herum, ein Messer kam auf Augenhöhe auf sie zu gesaust, sie ließ sich fallen und trat dabei nach den Beinen ihres Verfolgers. Der verlor das Gleichgewicht und landete auf seinem Hintern, sofort war Camila auf ihm drauf und stach mit ihrem Messer nach unten. Der Mann schmiss sein eigenes im letzten Moment zwischen sich und der todbringenden Klinge und hielt mit beiden Händen dagegen. Sie rangen Stirn an Stirn um die Oberhand, für einen Augenblick schaute sie in ein schweißnasses Gesicht und spürte den Atem des Mannes an ihrem Hals. Auf lang oder kurz würde sie das Kräftemessen verlieren. Kurzerhand spuckte sie in sie Augen des Manens, der schrie auf und verlor für eine Sekunde die Konzentration, mit einem letzten Akt der Kraft drückte Camila ihr gesamtes Körpergewicht auf ihr Messer. Die Klinge des Mannes rutsche an ihrer ab und ihr Jagdmesser drang ohne Widerstand in seinen Hals ein. Sie zog die Klinge zurück und das Blut sprudelte aus der Wunde. Mit aufgerissenen Augen starrte der Mann sie an, sein Mund füllte sich binnen Sekunden mit Blut, sodass er nicht nach Hilfe schreien konnte. Seine Hände schossen zu seinem Hals aber das Blut floss unaufhörlich weiter und sickerte langsam in den trockenen Erdboden.
Camila richtete sich auf und lief ohne ein Blick nach hinten dem Jungen hinterher. Das Adrenalin schoss noch durch ihren Körper aber das Klingeln in ihren Ohren ließ allmählich nach und sie hörte wutentbrannte und panische Rufe hinter und links neben ihr. Die Frau musste an ihnen in einiger Entfernung vorbeigelaufen sein und holte rasend schnell den Jungen ein, Camila zog das Tempo an. Nach kurzer Zeit sah sie die beiden vor sich, die Frau erreichte gerade den Jungen und zog ihn in einen Schwitzkasten, ihre Machete an seinen Hals. Mit wenigen, leisen Sprüngen stand Camila hinter ihnen und drückte ihr Messer in die Seite der Frau. Erschrocken wirbelte sie herum und ließ den Jungen dabei los, der stolperte und landete auf den Wurzeln eines großen Baumes. Die Frau stieß nach ihr, doch Camila war bereits ein Satz nach hinten gewichen und stieß nun selbst noch einmal zu. Diesmal schaffte sie es nicht, sie zu verletzten, ihr Jagdmesser war deutlich kürzer als die Machete der Frau. Diese stand mit einer Hand an ihrer Seit, keuchend vor Camila und bleckte die Zähne, wie ein in die Ecke getriebenes Tier. Der Junge krabbelte indessen hinter den massiven Baum und kam nicht wieder hervor. Camila begann die Frau zu umzirkeln, sie folgte ihr und die beiden Frauen bewegten sich im Kreis bis Camila den Baum in ihrem Rücken hatte, dann blieb sie stehen.
„Du musst das nicht tun, ich will nur den Jungen helfen. Geh, du bist verletzt, du wirst diesen Kampf nicht überleben.“
„Stirb, du Miststück!“, mit einem manischen Schrei überbrückte sie die Distanz und holte aus, die Klinge wirbelte durch die Luft und blieb ruckartig im Baum stecken. Wieder hatte sich Camila geduckt und stieß ein zweites Mal in die Seite der Frau. Sie zog das Messer nach unten. Ein Schmerzensschrei löste sich aus der Frau bevor sie zu Boden sackte und Camila mit rasendem Zorn anguckte und ihren letzten Atem damit verschwendete, sie zu verfluchen. Camila stand mit Seitenstichen vor ihr und sah dabei zu, wie ihr Leben dahinsiedete, bewusst guckte sie nicht auf die verstümmelte Seite der Frau. In dem Moment, in dem sie sich wegdrehte, spürte sie etwas Kaltes, etwas oberhalb ihrer Hüfte, eindringen. Wärme breitete sich an ihrer Seite aus, doch sie musste weiter. Sie umrundete den Baum und gab dem Jungen die Hand. Als sie ihn an der Frau vorbeiführte, sagte sie zu ihm: „Nicht hingucken.“ Hand in Hand gingen sie weiter, nach zwei oder drei Minuten hörten sie den Fluss und der Junge legte an Geschwindigkeit zu, doch Camila konnte das Tempo nicht mithalten. Ihr Herz ging rasend schnell und sie hörte ihr eigenes Blut in den Ohren rauschen.
Endlich hatten sie den Fluss erreicht, wo sie den Jungen zu ihrem Rucksack führte, und deutete ihm, ihn herunterzuholen. Sie öffnete ihn und holte eine Taschenlampe und die Karte heraus. Mit dem Lichtstrahl zeigte sie auf den Abschnitt, in dem sie sich befanden.
„Wir müssen von hier weg, und zwar jetzt. Wir folgen dem Fluss, in einem Tag erreichen wir ein kleines Dorf.“ Sie drückte dem Jungen die Karte und Taschenlampe in die Hände, löste das Band mit dem ein Topf und eine Pfanne an dem Rucksack befestigt waren und zog etliche Kleidungstücke aus dem Inneren heraus und schmiss sie auf den Boden.
„Zieh ihn auf. Ich kann ihn nicht tragen.“ Fragen schaute der Junge sie an, aber schulterte den Rucksack und hielt ihr die Karte hin. „Nein, behalte die. Du wirst sie brauchen. Jetzt komm, noch hat der letzte uns nicht gefunden.“ Er schaltete die Taschenlampe ein und wollte losmarschieren, da hielt sie ihn auf. „Kein Licht.“ Der Kegelstrahl erlosch. „Hier kann er unseren Spuren folgen, dort nicht.“ Sie zeigte auf den Fluss.
Mit einem letzten sehnsüchtigen Blick auf ihre Fische führte sie ihn in das Gewässer und folgte ihm gen Norden. Das Wasser reichte bis and ihre Waden und durchnässte ihre Schuhe. Ihre sowieso schon bleischweren Füße fühlten sich wie zusammengekettet an. Sie hatte ihre Hand auf ihre Hüfte gelegt und war hin- und hergerissen zwischen Beten zu allen dort draußen existierenden Göttern oder Frieden mit ihrem Schicksal zu schließen.

Der Sonnenaufgang war noch Stunden entfernt und sie verlangsamten sich. Sie wusste woran es lang. Um auf andere Gedanken zu kommen, fing sie ein Gespräch an.
„Wie heißt du?“
„Otieno Tesfaye. Wer bist du?“
„Ich heiße Camila Martinez-Santiago und ich bin Chronistin der ersten Tage.“ Sie warf einen Blick zurück und musterte ihn als sie ihm das sagte, doch in der Dunkelheit konnte sie keine Gesichtsausdrücke erkennen. Das Warme und Klebrige quoll weiterhin langsam, aber unaufhörlich durch ihre Finger.
„Der ersten Tage? Und was ist ein Chronist?“
„Ein Chronist ist jemand, der die Geschichte der Welt aufschreibt und sie verewigt. Und auch wiedergibt, sie erzählt, damit sie in den Erinnerungen aller bleiben.“
Lange Zeit war es hinter ihr still, dann eine zögernde Frage: „Du schreibst?“
„Ja. Ich schreibe alles auf. In diesem Rucksack sind sieben Taschenbücher, voll mit all den Geschehnissen der neuen Welt. Mit unserer Geschichte. Ich wäre dir also sehr verbunden, wenn du den Rucksack nicht ins Wasser fallen lässt.“ Sie hoffte, er würde ihren Humor aus ihrer Stimme erkennen können. „Kannst du Lesen und Schreiben?“
„Mmmh, ja. Ich mochte Schreiben und Geschichten immer. Aber Jackson hat gesagt, sowas sei unnötig, dumm und Verschwendung von Zeit und Ressourcen, besonders in der Welt, in der wir leben.  Das gehöre der Vergangenheit an.“
„War Jackson einer der Männer von der Gruppe?“
„Ja.“
„Nun, es scheint mir, dass Jackson nicht besonders hell war, denn solange es uns Menschen gab, haben wir unsere Existenz aufgezeichnet. Uns verewigt. Ob Höhlenmalereien oder in Stein gehämmerte Epen. Graffiti an Gebäuden, ein geschnitztes Herz mit Initialen in der Rinde eines Baumes. Ein gekritzeltes ‚Ich war hier‘ in den Ruinen eines antiken Hauses. Von Jahrhundert alte Schriften, Geschichten und Mythen bis zu Romanen, Biographien und Gesetzesbücher. Die Weitergabe von Ideen über Generationen hinweg, das ist es was uns ausmacht, uns hervorhebt. Es braucht nur eine Idee und ein Buch.
Ein Ort, ein Gegenstand durch dem die Menschen verstehen, dass wir immer zu allen Zeiten der Welt schon immer so gefühlt haben. Ganz gleich, was man dir erzählt. Worte und Gedanken können die Welt verändern.“  Völlig aus der Puste nach dem kleinen Monolog blieb sie stehen und versuchte ihre Atmung unter Kontrolle zu bringen. Die Schmerzen kamen mittlerweile in Wellen und gerade flammte es in ihr hoch. Sie kniff die Augen zusammen und wartete darauf, bis das schlimmste vorüber ging. Eine Hand legte sich auf ihre Schulter, als sie hochguckte sah sie, wie Otieno sie mit besorgnisvollen Augen anschaute.
„Wir können eine Pause einlegen.“
„Nein.“ Sie schüttelte seine Hand ab und richtete sich auf und setzte ihre Wanderung fort. „Wir müssen weiter.“ Otieno wich nicht mehr von ihrer Seit. „Wenn ich umkippen sollte, fang mich nicht auf! Du würdest unter meinem Gewicht und dem des Rucksackes zusammenklappen und wie gesagt, unsere gesamte Geschichte ist diesem Rucksack.“ Das lockte ein Lachen aus dem Jungen hervor. „Sag mal, wie alt bist du Otieno?“
„Im Herbst müsste ich 14 Jahre alt werden.“
„Die Hälfte deines Lebens verbringst du also schon in dieser Welt.“
Nachdenklich brummte er vor sich hin. „Ja, in diesem verdammten letzten Kapitel der Menschheit.“
Camila zischte. „Das ist nicht der Untergang oder das letzte Kapitel. Wir haben lediglich ein neues Buch angefangen und sind gerade im ersten Kapitel. Vergiss das nie!“ Aus den Augenwinkeln sah sie Otieno den Kopf schütteln. „Ich mein das ernst. Ich bin nicht Chronistin der letzten Tage, sondern der ersten. Ich werde keine Geschichte zu Ende schreiben, ich werde nicht unser aller Tod prophezeien.“
„Wenn du meinst.“
„Schau, wie lange warst du bei diesen Leuten?“
„Weiß ich nicht.“
„Kürzer oder länger als eine Jahreszeit?“
„Kürzer.“
„Und wo warst du vorher?“
„Ich war mit meinen Eltern zusammen unterwegs.“
„Jeder dieser Ereignisse ist nur ein Abschnitt, selbst wenn du jedes Mal geglaubt hast, so würde es für immer sein. Du hast bestimmt geglaubt immer mit deinen Eltern zusammen zu sein und dann hast du sicherlich jegliche Hoffnung aufgegeben von diesen Monstern fortzukommen. Aber hier bist Du. Wieder in einem neuen Abschnitt. Versuch einfach nicht das Ende vor Augen zu haben, sondern viel mehr den Weg.“
Camila lauschte und hörte ein zögerliches und ersticktes: „Okay.“ Sie legte den Arm um seine Schulter und drückte ihn kurz an sich heran.

Die beiden gingen noch lange schweigend den Fluss entlang. Camilas Gedanken kamen und gingen, eine Tunnelvision hatte sich eingenistet, die sie trotz Kopfschüttelns nicht wegbekam. Ihr war kalt und ihre Muskeln zitterten vor Anstrengung. Müde hob sie den Kopf und starrte in den sternenklaren Himmel. „Das reicht.“ Fragend guckte Otieno sie an als sie aus dem Fluss stiefelte und sich an einer Linde unter Schmerzens Grunzen zu Boden sinken ließ.  Sofort kam er hinterher und stellte den Rucksack neben ihr ab.
„Ich halte dich auf, geh weiter.“ Ihre Stimme war flach und schwach.
„Ich lass dich nicht hier alleine zurück.“
„Doch, das wirst du. Folge dem Fluss, erreiche das Dorf und lebe.“
„Nein. Ich kann nicht wieder alleine sein, ich schaff das nicht. Ich brauch dich.“
Camila lehnte ihren Kopf zurück und schaute in die Sterne. „Otieno, du hast mehr als die Hälfte deines Lebens in dieser neuen Welt verbracht, du bist hier aufgewachsen, du schaffst das. Und denk dran, ich bin nur ein Abschnitt in deinem Leben- nicht mehr und nicht weniger. Ich bin nicht das Ende dieser Geschichte.“
„Bitte stirb nicht!“ Es liefen ihm die Tränen an den Wangen herunter als er sie anflehte.
Ihre Atmung kam rasselnd, ihr blutdurchtränktes Shirt und Hose klebte unangenehm an ihrer Haut und kalte Schweißperlen sammelten sich an ihrer Stirn. Mit zitternder Hand strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht und sah Otieno entschlossen an.
„Schau mich an. Nimm die Bücher und schreibe nieder, was du für wichtig hältst. Führe fort was ich angefangen habe, diese Welt ist noch lange nicht mit uns fertig.“ Sie legte ihre Hand an seine Wange. „Und jetzt geh Otieno. Die Sterne werden meine letzten Begleiter sein.“
Schniefend und heulend stand er auf, setzte sich den Rucksack auf und kehrte in den Fluss zurück. Bevor er weiterging, schaute er auf seine Retterin zurück. Ihre braunen, dicken Haare rahmten ihr leichenblasses Gesicht ein und ihre Augen waren im starren Blick nach oben gerichtet. Von nun an für die Ewigkeit.

Als die ersten Sonnenstrahlen Licht spendeten und Otieno seit Stunden keine menschlichen Anzeichen vernommen hatte, stieg er aus dem Fluss und ließ sich aufs Grass fallen. Er kramte die Karte heraus und schaute, wie weit er gekommen war. Dann nahm er eine Wasserflasche und trank diese leer, als nächstes schaute er in die Dosen und stopfte sich den Mund mit den Blaubeeren voll. Als er alles verstauen wollte fiel sein Blick auf ein schwarzes, ledernes Notizbuch. Darunter kamen weitere Bücher zum Vorschein. Er fischte alles hervor und blätterte sie durch, am Ende jedes Buches war eine Liste mit durchgestrichenen Namen. Er nahm das schwarze Buch und sah, dass es nur halb fertiggeschrieben war, er schlug die erste Seite auf und schaute nachdenklich drein.
Er nahm den festgeklemmten Stift und kreuzte durch,

Dieses Buch gehört C A M I L A.
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