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Ein Drengr und sein Schatten

von Villemoon
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Action / P16 / FemSlash
19.02.2022
23.02.2022
8
10.192
 
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Aya wartete geduldig. Der Wächter, den sie seit einigen Minuten beobachtete, stand in voller Rüstung vor einem schmiedeeisernen Tor. Ein zweiter Soldat streckte seinen Kopf durch die Tür und begann erregt auf seinen Gefährten einzureden. Sie kauerte auf einem steinernen Pfeiler eines alten römischen Viadukts, verdeckt von wucherndem Grünzeug. Sie fühlte die Nervosität in sich aufsteigen, irgendetwas schien nicht in Ordnung zu sein. Sie musste durch dieses Tor, und zwar bald. Aya steckte sich das dunkle Haar hinter die Ohren und starrte auf ihre aufgeregten Opfer.

Plötzlich riss sie ein ohrenbetäubender Kriegsschrei aus ihrer Reglosigkeit. Eine riesige mit Muskeln bepackte Frau rannte auf die beiden Wachen zu und rammte ihre Axt mit voller Wucht in den Schädel des vorderen Mannes. Er starrte sie voller Verblüffung an und sackte tot zu Boden, als sie mit einem festen Ruck die Waffe aus seinem Kopf zog. Der zweite Mann hatte sich in Zwischenzeit gefasst und stand in Kampfposition bereit. Die beiden umrundeten sich eine Weile, bis die Frau mit einem durchtriebenen Lächeln auf den Lippen zum Angriff überging. Sie war stark und ausgesprochen wendig. Ihre langen blonden Zöpfe wirbelten bei jedem ihrer minuziösen Attacken in der Luft herum. Die Arme waren von unzähligen Runen und Mustern bedeckt, definitiv eine Kriegerin aus dem hohen Norden. Aya fragte sich unweigerlich, was die andere hier zu suchen hatte und ob ihre Mission dadurch gefährdet wurde.

Sie konnte ihr Glück dennoch kaum fassen. Dank des überraschenden Überfalls konnte sie unbehelligt in das alte Bauwerk gelangen. Sie setzte bereits zum Sprung an, als sie sah, wie sich ein weiterer Soldat von Hinten an die Frau heranpirschte. Aya hielt in der Bewegung inne. Dies war ihre Chance ungehindert zu ihrem eigentlichen Opfer vorzudringen, jedoch hatte die Wikingerin den sich leise nähernden Feind nicht bemerkt. Er hatte sie beinahe erreicht als Aya geschickt nach ihrem Bogen griff und einen Pfeil auf den Anschleichenden ansetzte. Blitzschnell bohrte sich das Wurfgeschoss in sein Herz und er sank röchelnd zu Boden. Im selben Moment hatte die Hünin ihren Gegner ebenfalls bezwungen und ihr Kopf schnellte nach Oben. Die beiden Frauen starrten sich gebannt in die Augen, das Gesicht der anderen verblüfft. Mit einem schiefen Lächeln setzte Aya erneut zum Sprung an und rannte in den Eingangsbereich, um ihr Ziel zu vollenden.

Hinter sich hörte sie schnelle Schritte und beschleunigte ihren Gang. Nach der dritten Biegung blieb sie abrupt stehen, als sie eine Empore erreichte, welche einen gigantischen Raum überragte. Durch die bogenähnlichen Öffnungen in der Wand konnte sie mindestens ein halbes Dutzend verhüllte Gestalten erkennen. Die andere Frau stoppte neben ihr und Aya bedeutete mit dem Zeigefinger an den Lippen, zu schweigen. Leicht irritiert befolgte die Blonde ihre Aufforderung vorerst und schaute auf das Schauspiel hinab.

Vor einem Altar stehend erkannte sie ihre Beute. Seit Jahren war ihr Kredo auf der Spur eines alten Ordens - der Orden der Ältesten. Auf der ganzen Welt waren diese Eiferer verbreitet, stifteten seit Jahrzehnten Unruhe und hinterliessen eine Spur des Verderbens. Diesem Ordensmitglied war sie seit einiger Zeit auf den Fersen. Seit Wochen hatte sie die Stadt Canterbury infiltriert und alle Schritte genauestens observiert. Nun war es an der Zeit zum endgültigen Schlag auszuholen. Sie inspizierte bedachtsam die Räumlichkeit und sah sich für infrage kommende Fluchtwege um. Sie könnte es schaffen. Rascher Tod und nichts wie weg.

Aya liess sich auf einem dicken Seil nieder, welches sich quer über den Raum spannte und flitzte geschickt zu einer hohen Säule in der Mitte. Das Überraschungsmoment hatte sie klar auf ihrer Seite, da die ganze Halle im Halbdunkeln lag. Sie überlegte, ob sie das Ziel mit einem kräftigen Sprung zu erreichen vermochte oder die Distanz zu gross war. Als sie sich zur Wikingerin umsah, war diese nirgends mehr zu sehen. Dabei rutschte sie beinahe ab, konnte sich jedoch im letzten Moment abfangen. Zu ihrem Entsetzen löste sich ein kleiner Säulensplitter und krachte schallend auf den Boden unter ihr. Sechs Augenpaare wandten sich schlagartig gen Decke und suchten nach der Quelle der Störung. Dies war der Zeitpunkt, um zu zuschlagen. Sekundenschnell liess sich Aya fallen und stiess mit ihrem Dolch «Nachtschatten» in ihr wehrloses Opfer. Durch den vorherigen Aufruhr gewarnt, hatten die anderen Anwesenden ihre Waffen gezogen und umzingelten sie. Verdammt, wo war nur ihre charmante Begleiterin abgeblieben.

In diesem Augenblick stürzte die Herbeigesehnte vor und schlug einen der Gegner nieder. Aya ihrerseits schnappte sich einen in Reichweite befindenden Umhang und riss die dazugehörige Gestalt zu Boden. Ein wildes Gerangel brach aus, bei welchem sie schliesslich die Oberhand gewann. Als sie geschwind wieder aufstand, sah sie die Blonde in einen rauen Kampf verwickelt, deutlich in Unterzahl. Aya tastete nach ihrem Bogen und griff in den Köcher. Sie legte einen der Pfeile an und schoss einem Verhüllten in den Rücken. Dieser schrie schmerzerfüllt auf und fiel. Ein zweiter Pfeil war geradewegs auf dem Weg einen tödlichen Treffer zu erzielen. Dies verschaffte der Kriegerin die benötigte Ablenkung, um der einen Gestalt eine Kopfnuss zu verpassen und der anderen mit einem gezielten Tritt ins Knie den Halt zu nehmen. Ihre beiden Äxte erledigten den Rest.

Schwer atmend standen sich beide Frauen misstrauisch gegenüber. Nach einer Weile erklang die raue und etwas heisere Stimme der Grösseren. «Danke. Danke, hast du dem Feigling den Tod gebracht, als er sich heimtückisch an mich heranschlich.» Ihre Haltung entspannte sich zusehends, ihr wachsamer Blick blieb jedoch an Ort und Stelle.

«Du hast mir vorhin ebenfalls ziemlich aus der Patsche geholfen. Wir sind demnach quitt.» Aya zuckte gespielt gelassen mit den Schultern. «Es wäre mir allerdings lieber, hier schnellstmöglich zu verschwinden. Wer weiss, welche unangenehmen Überraschungen hinter der nächsten Ecke lauern.» Hastig drehte sie sich um und steuerte auf den Ausgang zu.

Die geheimnisvolle Unbekannte brummte zustimmend und folgte ihr auf dem Fuss. Gemeinsam liefen sie durch die Gänge und lauschten auf weitere Gefahren. Erst als sie das schmiedeeiserne Eingangstor hinter sich gelassen hatten, atmete Aya erleichtert auf. Sie hatte es geschafft. All ihre Vorbereitungen und Entbehrungen hatten sich schlussendlich ausgezahlt. Ein hochrangiges Mitglied des Ordens wurde eliminiert und die Bruderschaft war ihrem Ziel ein Stück näher gerückt. Wie es nun weiterging, damit hatte sie sich bis anhin nicht beschäftigt. Sie war fern ihrer Heimat. Sie hatte im Vorfeld einige alte Büros der Assassinen in England abgeklappert, fand diese dabei verlassen vor. Sie wusste, dass einige ihrer Brüder in diesem Land stationiert waren, kannte deren momentanen Aufenthaltsort jedoch nicht.

«Ich bin Eivor aus dem Ravenclan. Wer bist du?», die Frage riss sie brüsk aus ihren Grübeleien. Sie drehte sich um und sah in eisblaue Augen. Die Fragestellerin hielt ihr ihren ausgestreckten Unterarm zur Begrüssung hin.

Sie wusste nicht wieviel sie ihrem Gegenüber verraten sollte und antwortete schlicht «Man nennt mich Aya.» Ihr war bewusst, dass sie mit ihren langen pechschwarzen Locken, den stechend grünen Augen und ihrer dunklen Haut in diesen Breitengraden ein eher exotischer Anblick war. Sie hob ihren Arm und schlug ein.

Eivor behielt ihren Unterarm etwas länger als nötig gepackt, liess ihn schlussendlich widerstrebend los. «Gibt es einen Grund, warum du dem Orden auf der Spur bist? Es sah aus, als hättest du es auf unsere liebe Schwester Blaeswith persönlich abgesehen.» Die Kriegerin verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte sich galant an einen Baumstamm und musterte sie mit nachdenklichem Blick.

Sie sah auf eine maskuline Art gut aus. Helle Haut von unzähligen schwarzen Zeichnungen bedeckt, das lange flachsfarbene Haar glänzend und geflochten. Ihr Gesicht war durch eine lange Narbe an ihrer linken Wange gezeichnet, ebenfalls einer kleineren an der Oberlippe. Dies tat ihrer Attraktivität jedenfalls keinen Abbruch, eher im Gegenteil.

Aya hob lässig eine Augenbraue, verschränkte die Arme ihrerseits und zuckte mit den Schultern. «Nun, Eivor aus dem Ravenclan, dasselbe könnte ich dich fragen.»

Diese stiess sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit vom Baumstamm ab und trat näher an die kleinere Frau heran. Sie überragte Aya um fast einen ganzen Kopf. Ein schelmisches Lächeln breitete sich auf den Lippen aus und in ihren Augen blitzte es kurz auf. «Nun, rätselhafte Aya, ich habe die Frage zuerst gestellt. Aber gut, ich bin den Ordensmitgliedern seit einiger Zeit auf der Spur. Mit einem ihrer Ranghöheren habe ich eine etwas persönlichere Rechnung offen. Die anderen sind, sagen wir mal so, eine kleine Gefälligkeit für einige meiner Freunde.»

Konnte es sein? Wer sonst war den Ältesten auf den Fersen, wenn nicht die Brüder und Schwestern ihres Kredos. Leichte Erregung brodelte in ihr auf, diese verbarg sie dessen ungeachtet geschickt hinter einer ausdruckslosen Maske. «Freunde? Welche Art von Freunden?» In diesem Moment entdeckte sie den goldenen Armschutz am linken Unterarm der Kriegerin und ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen. Sie sah der anderen Frau an, dass sie durchschaut wurde.

«Ich nehme an, du weisst von welchen Freunden ich spreche. Sie sind hier, in meiner Siedlung.» Eivor schenkte ihr ein wissendes Lächeln.

Aya schaute ebenfalls auf ihre versteckte Klinge hinab. Sie hatte sie seit vielen Jahren nicht mehr benutzt, obschon sie die wahre Identität ihrer Gemeinschaft bedeutete. «Bring mich zu ihnen. Bitte.»
 
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