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Weltenende

Kurzbeschreibung
OneshotAngst, Schmerz/Trost / P18 / Gen
OC (Own Character) Robin "Puck" Goodfellow
18.02.2022
18.02.2022
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Phase 1: Das ist er also: der Weltuntergang. Ach, kommt schon! Es kann mir doch kein Erzählen, dass es wirklich eine große Überraschung ist. Wir sind vielleicht unsterblich, dass heißt aber noch lange nicht, dass es die Gegebenheiten um uns herum auch sind. Alles vergeht. Auch die Unsterblichen. Welch ein Paradoxon. Und noch immer versuchen sich alle einzureden, dass es nur eine „Phase“ sei. Als die Menschen plötzlich anfingen die Urbanisierung voranzutreiben, sagen sie, dachten wir auch, dass wäre das Ende. Und? Wir sind noch immer hier. Hier in unserem schönen zuhause, leben unser Leben, schließen Verträge ab, haben gute und schlechte Tage. Wir sind noch immer da. Was kann uns denn überhaupt etwas anhaben? Wie naiv du doch bist. Dass ist doch nicht das Ende. Sie lachen und verkriechen sich wieder in ihre Höhlen. Aber ich habe es kommen sehen.

Phase 2: Jeden Tag spüre ich es an meinem eigenen Leibe. Wie er brennt. Wie er verbrennt. Ich habe es bei meinen Geschwistern gesehen. Wie sie am helllichten Tage plötzlich in Flammen aufgingen. Wie ihre Existenz einfach vergangen ist. Wie sie in neue Sphären eingetaucht sind, die sie nie hätten betreten sollen. Die Fälle mehren sich. Und die dort erzählen mir ernsthaft, dass es nicht das Ende sei? Ich wäre diejenige, die naiv ist? Dabei sind es sie doch, die mit Scheuklappen durch die Welt laufen. Sie leben nach ihren eigenen Regeln, strecken die Hälse um die Wette, feilschen, konkurrieren um Macht und verbeugen sich vor ihren Königen. Sie wollen es nicht sehen. Dabei wissen sie es doch ganz genau. Ohmen gab es in der Welt. Und dafür musste man kein Ausleger von Prophezeiungen sein. Es war doch offensichtlich. Die neue Seherin, einst Fee, nun Teil des Nimmernies, übergab uns eine Wahrung. Wir Dryaden, Meliaden und Oreaden schworen feierlich diesen für uns zu behalten. Die Najaden ließen wir außen vor. Sie tuscheln zu viel und denken zu wenig. Das Orakel glaubte zu wissen, dass das Kind der Eisernen Herrscher unsere Welt in Chaos stürzen würde. Die Seherin behauptete, dass dies trotz allem nur die Vorwehen waren. Die Eisernen, die Vergessenen und andere abscheuliche Kreaturen. Sie gab es früher alle nicht. Früher, als alles besser war. Wir lernten mit den Veränderungen umzugehen. Aber die Welt noch lange nicht. Nicht unsere Welt. Nimmernie hält mehr aus, als wir denken, dass weiß ich. Einmal durfte ich dem großen König gegenüberstehen. Den, den außer uns keiner kennt und doch glaubt alles über ihn zu wissen. Seitdem glaube ich an ihn. Aber nicht an uns. Wir sind nicht stolz, wir sind nicht unsterblich. Wir ignorieren einfach nur den traurigen Umstand, dass wir an das Leben einer anderen Existenz gebunden sind. Wir sind nicht frei. Wir sind Gefangene.

Die Menschen sind dumm. Wer das nicht glaubt, ist noch dümmer. Ich gebe zu, als Individuen sind sie gar nicht so blöd, wie man glauben möchte. Aber im kollektiv sind sie für nichts zu gebrauchen. Sie sind wie ein Schwarm Fische. Ein paar Leittiere geben den Ton an, alle anderen folgen ihnen bedingungslos. Sie sind wie der Wind. Kurzlebig. Ergibt sich ein Tief, und überschreitet dieses Tief die Kipppunkte, dann folgt der Strom dem Sog. Und genauso ist es jetzt. Zu viele kleine Tiefs haben sich aufgetan, die Luft eingesogen und für Unwetter gesorgt. Jetzt brennt die Menschenwelt. Und wir mit ihr.

Als Meliade habe ich ein anderes Gespür für die Welt. Meine Geschwister und ich, wir begegneten dieser kurzlebigen Spezies nicht mit Abneigung. Wir beobachten, werten aber nicht. Wir sorgen aber kümmern uns nicht. Und sie tun das gleiche mit uns. Dabei brauchen wir uns doch so viel mehr.

Phase 3: Ich reiße meine Augen auf. Die quälende Not und Sorge um Luft lässt mir kaum noch Ruhe. Hitze wallt in mir auf, doch ich kann mich nicht ablöschen. Meinen Geschwistern geht es ähnlich, dass weiß ich. Als die Najaden noch unter uns weilten, versorgten sie uns mit Wasser, damit wir tanzen können. Seitdem sie in der Erde versiegt sind, sind wir allein. Jetzt starren wir alle hohl in die Luft, ausgetrocknet. Unsere Rinde schuppt die Haut, unsere Haare richten sich auf, um noch den kleinsten Funken Flüssigkeit aufzufangen. Der Mond ist dunkelrot. In ihm finden wir keine Antworten. Wir sind der Spiegel der Menschheit.

Schon lange habe ich nicht mehr in ihre Welt geschaut. Dabei habe ich es früher so gerne gemacht. In einem kleinen Waldstück befindet sich mein Baum, um den ich mich kümmern muss. Jeden Tag besuchte ich ihn, umsorgte ihn und spähte dann, wenn mir Zeit blieb, um das Holz herum, in der Hoffnung einen von ihnen zu sehen. Heute  gehe ich nur noch hin, wenn ich keine andere Wahl habe. Die Welt ist nicht mehr so, wie sie mal war. Sie sterben alle dahin, keiner produziert mehr Nachkommen. Stattdessen fliehen sie, verbrennen sie. Sie haben keine Zukunft mehr. Und wir brennen mit ihnen. Langsam wird es immer deutlicher. Dunkle Schatten ziehen durch unsere Welt und verschlucken uns einfach. Dadurch werden sie nicht stärker. Dadurch überleben sie nicht. Die dunklen Träume tun einfach das, was sie immer machen. Niemand kann sie aufhalten. Auch die Herrscher nicht. Wir vegetieren und warten auf das erlösende Ende. Ich hoffe, ich bin die Nächste.

Ich weiß nicht, was danach kommt. Vermutlich nichts. Alle sagen, wenn du stirbst, dann wirst du Teil des Nimmernies. Dann wirst du sein Korpus, sein Geist, sein Wesen. Wenn das so ist, dann ernähre ich mich von den Toten. Dann bin ich ein halber Toter. Ich hoffe nur, dass es nicht weh tut. Aber dies ist eine schöne Illusion. Der schmerzhafte Schrei meiner Schwester beweist mir das Gegenteil. Es ist gruselig zu hören, aber schon schnell ist es vergangen. Die Flammen sind viel, aber sie vergehen auch schnell wieder. Sie fressen ihre Opfer gut auf. Sie sind gnädiger als die Menschen. Diese vergessen uns, schmeißen uns hin, bis wir langsam verblassen.

Phase 4: Eine Fee läuft an uns vorbei. In ihren Augen liegt Sorge. Mir fällt das auf. Die anderen Feen vermeiden uns anzuschauen. Sie wollen nicht sehen, wie das geschieht, was sie vor sich herschieben. Seine grünen Augen fallen mir auf, die in der Röte des Mondes glänzen. Ich kenne ihn, aber ich kann mich nicht mehr an den Namen erinnern.  Ich kann mich an so vieles nicht mehr erinnern. Wer bin ich, was will ich hier?

„Es ist schon gut“, flüstert er und legt seine Hand an meinen warmen Stamm. Er spendet mir seinen Schein, damit ich lebe. Er ist ein Folterer.

„Es ist nichts gut“, knurre ich. Ich bin böse, dass er das mit mir gemacht hat.

„Vielleicht ist es das ja doch. Mein ganzes Leben habe ich gejagt und doch nie das gefunden, was ich suchte. Und wenn ich es gefunden habe, dann war es viel zu schnell wieder weg. Vielleicht ist das heute mein Glückstag.“

Mit stumpfen Augen schaue ich ihn an. Er versteht es nicht, so wie alle. „Es sind die Vorwehen“, flüstere ich. "Wie kann es dein Glückstag sein? Solltest du nicht woanders sein. Dein Leben genießen, bis die dunklen Träume auch dich zu fassen bekommen?“

Der grünäugige mit dem rothaarigen Schopf lächelte schief und traurig zugleich. „Dann wisst Ihr es also noch nicht, hohe Herrin der Eschen. Auch sie haben bei uns Einzug gefunden. Sie sind schon alle tot. Und sie verfolgen mich. Auch ich werde ihnen zum Opfer fallen.“

„Du freust dich auf den Tod?“, frage ich ihn argwöhnisch. Aber ich verstehe was er meint. Er muss es mir nicht erklären. Habe ich es nicht gesagt? Vor langer Zeit. Ich weiß nicht mehr wann: Das ist der Weltuntergang. Und jetzt stirbt das Schöne Volk auch.

Phase 5: Die Fee ist Tod. Ich habe sie zu mögen begonnen. Sie  musste sterben. In meinen Armen. Etwas Klebriges rutscht aus meinem Augenwinkel. Einst weinten wir Tränen aber wir haben keine Tränen mehr. Wir weinen unseren Harz und unser selbst. Aber dieses konnte sich schon immer schnell brennen. Und so beginne ich es auch. Die Fee vor mir, transformiert sich in die Blätter eines Apfelbaums. Es war die letzte ihrer Art. Und jetzt brenne ich. Ich bin die letzte meiner Art. Alle anderen sind vor Jahrhunderten verbrannt. Ich bin schon so lange allein. Die Flammen fassen mich, umarmen mich, betanzen mich, verzehren mich. Und ich bin nicht mehr.


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Ein kleiner OS über das Ende der Welt. Der Text ist ein kleines Experiment, in dem ich mich mit ein paar philosophischen Fragestellungen auseinandersetze, die mir beim Lesen dieser Reihe aufkamen. Entstanden ist er in einer Prokrastinationsphase, in der ich etwas zum Expressionismus lernen musste. Naja, irgendwie hat mich der Text gepackt und die Idee darum auch.  Ich gebe zu, dass ist kein klassischer Text, sondern wurde bewusst offen gestaltet. Er will interpretiert werden und die Fantasie soll freien Raum bekommen. Dabei sei gesagt, es gibt wirklich keine falsche Interpretation. Es sind eure Gedanken, die wichtig sind. Was der Text für mich bedeutet, muss für euch nicht wichtig sein.
Solltet ihr mir eine Review hierlassen, dann seit bitte nicht zu hart zu mir. So einen Text habe ich noch nie in der Art veröffentlicht. Eigentlich sollte er in eine ganz andere Richtung gehen, aber dann hat er irgendwie angefangen ein Eigenleben zu entwickeln. Trotzdem bin ich gespannt, wie er hier in dem Fandom ankommt. Ich meine, ich weiß ja, dass er etwas anders ist, als dass was man sonst kennt und liebt.
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