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Catless Disaster

von Die Hand
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteMystery, Fantasy / P12 / Het
15.02.2022
15.02.2022
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„Hey, hast du schon gehört?“
„Was? Hat Mother Mother wieder ein neues Lied rausgebracht?“
„Äh, nein. Dafür ist heute die neuste Erweiterung von Catless Disaster erschienen! …Wieso hast du daran nicht gedacht? Ich dachte, du wärst auf das neue Storyevent gehypt?“

Ach ja. Catless Disaster. Es ist genau das Spiel, dass das Genre des VRMMO-RPGs eigenhändig wiederbelebte, auch, wenn die Lore des Spiels etwas abgedreht wirkt: Nachdem die EU im Jahre 2022 Atomenergie als umweltfreundlich deklarierte, schloss sich eine Gruppe von fanatischen Umweltschützern zusammen, um den Ruf der Atomkraftwerke endgültig zu zerstören. Dabei entfesselten sie eine Waffe, die nicht nur alle AKWs des Kontinents lahmlegte, sondern auch noch jede einzelne Katze tötete und 90 Prozent der Bevölkerung eine Superkraft verlieh. Oh, sowohl Untote als auch Werwölfe und andere Gestaltwandler existieren auch noch. Warum diese Waffe solche Nebeneffekte hatte, ist noch nicht geklärt- das Spiel spielt fast 20 Jahre nach diesem Ereignis und vieles über die damalige Zeit bleibt für die Öffentlichkeit noch im Dunkeln.

Meine Freundin Maribel verglich das Spiel einst mit den Transformers-Filmen aus den frühen 2000ern, in die die Macher auch jede gute Idee reinstopfen mussten- egal, ob sie jetzt ins Universum passten oder nicht. Allerdings wirkt die Handlung des Spieles nicht ganz so löchrig wie die Handlung der Filme- behauptet sie zumindest. Ich habe noch nie verstanden, warum man sich überhaupt die Mühe macht, sich alte Filme anzuschauen, wenn die neuen Filme genauso gut oder noch besser sind.

„…Wisst ihr, woran mich das Ganze hier erinnert?“ Alex, die im Spiel eine glatzköpfige, zwei Meter große Erdmagierin spielte, schaffte es irgendwie, gleichzeitig ihren Vorsprung immer weiter auszubauen und mich vollzutexten: „An die eine Szene aus X-Men: Frankie Goes To Krakoa, in der er zusammen mit Kurt Wagner den Wald verlässt, um auf dem freien Feld ein Portal nach Krakoa zu durchqueren...“
„Weniger reden, mehr laufen!“, keuchte ich, während ich über den Boden kroch. Warum wollte ich damals überhaupt unbedingt einen Maulwurfswandler spielen? 90 Prozent der Zeit führten uns die Quests eh durch irgendwelche Städte, weshalb mir die Werteboni für den Kampf auf dem freien Feld und die Fähigkeit, sich im Boden zu vergraben, nichts brachten. Außerdem mussten die Wermaulwürfe mehr Zeit in tierischer Gestalt als andere Gestaltwandler verbringen- ursprünglich wurde dies eingeführt, um dieses Volk zu nerfen, da sie in menschlicher Gestalt einen recht hohen Bonus auf erdmagische Attacken bekamen. Nervig ist es aber trotzdem, Alex immer fünf Meter hinterher zu sein.
„Irgendwie ironisch, dass die Personen, die am wenigsten reden, der lautesten Plappertasche hinterherrennen…“, murmelte Maribel hinter mir. Sie spielte im Spiel eine kleinwüchsige Bogenschützin.
„Wo ist überhaupt dieses Oberweiler, wo sich unsere Zielperson befindet? Wir rennen hier jetzt schon seit 10 Minuten lang!“
„Schaut einfach den Berg hoch“, meinte Alex und zeigte leicht nach links. „Die Häuser dort oben gehören zu einem Ort namens Bretzenacker. Irgendwo hinter diesem Dorf befindet sich Oberweiler!“
„Warum sind wir dorthin nicht gefahren?“
„Erstens fehlt uns das Geld dafür, das Auto-Tutorial abzuschließen.“ Da die Autos im Spiel wie im echten Leben Schalthebel und Gaspedale besaßen, musste man auch hier eine Führerscheinprüfung ablegen- diese Funktion wurden wenige Wochen nach dem Launch eingeführt, da sich besonders viele minderjährige Spieler von der Komplexität des Autofahrens überfordert fühlten und deshalb ständig Unfälle bauten. „Zweitens fahren die Busse hier zu unregelmäßig den Berg hinauf.“ Am Fachkräftemangel liegt es nicht- zwar konnte man im Spiel auch nebenberuflich Busse fahren, aber größtenteils wurden die Busse eh von NPCs gefahren. „Und drittens würde der Bus dann, wenn er überhaupt fahren würde, eh nur bis nach Bretzenacker fahren, laufen müssten wir also sowieso.“ Selbst im Jahre 2040 war es den fiktiven Busunternehmen wichtiger, Geld zu machen, anstatt jeden Ort regelmäßig anzufahren.
„Warum bestellen wir uns dann nicht einfach ein Taxi?“, fragte Maribel.
„Taxis sind zu teuer.“
„Aber nur, weil sie keiner nutzt! Wenn wir sie öfters nutzen, würde es sich für sie lohnen, die Preise zu senken!“
„Maribel, so muss das nicht unbedingt ablaufen“, wandte ich mich ein. „Zwar könnten es sich die Unternehmen dann leisten, einen billigeren Preis für ihre Dienstleistung anzubieten, aber das müssen sie nicht. Apple-Produkte sind zwar auch beliebt, aber billiger werden die iPhones trotzdem nicht…“
„Liegt das nicht auch etwas an der Inflation?“, fragte Maribel zögerlich. „Meine Mutter erwähnte mal, dass sie in ihrer Jugend ihr erstes iPhone für knapp 1.000 Euro bekam. Jetzt kann man wohl froh sein, wenn man es für unter 4.000 Euro bekommt…“
„Meine Tante hat mir mal vorgeschwärmt, dass Vollpreistitel an ihren Erscheinungstagen vor Jahren noch um die 50 Euro kosteten“, meinte Alex. „Heute zahlt man für ein neues Videospiel etwa 120 Euro. Die Inflation hat wohl in all den Jahren stark reingehauen- aber erklären, wie sie entsteht, konnte mir bis jetzt noch keiner…“
„Also, mein Onkel hat so um 2016 oder 2017 rum angefangen, Bücher von Rick Riordan zu lesen…“

Irgendwann schafften wir es dann auch noch nach Oberweiler. Die Tatsache, dass ich mich irgendwann wieder zurück in einen Menschen verwandeln durfte, brachte da auch noch etwas Geschwindigkeit mit rein- aber trotzdem, dass das Entwicklerstudio hier noch nicht auf die Idee gekommen ist, ein Schnellreisesystem einzubauen! Teleportationsmagie existierte zwar bereits, aber diese reichte noch nicht aus, um für weite Reisen genutzt zu werden- im Spiel wurde das damit erklärt, dass die…

„Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“
Ich zuckte zusammen, dann sah ich Alex entschuldigend an. Sie winkte ab.  „In diesem Haus wurde, wie bereits gesagt, Karli zum letzten Mal gesehen. Die Polizei sucht sie wohl, weil sie angeblich ihren Sohn entführen wollte- zumindest stand das so auf dem schwarzen Brett, wo die Kopfgeldaufträge hingen…“
„Toll“, murrte ich.  „Wenn die Polizei doch weiß, dass sie hier zum letzten Mal gesehen wurde- warum untersucht sie das Haus dann nicht selbst, anstatt uns hinzuschicken? In der Zeit, in der sie sich darum kümmern würde, könnten wir nämlich am Storyevent teilnehmen!“
„Worum geht es darin überhaupt?“, fragte Maribel.
„Die Ukraine will wohl dem OVKS beitreten, weshalb es zwischen der NATO und Russland Spannungen gibt“, antwortete ich. „Während Russland der Meinung ist, dass das Land selber entscheiden solle, welche Seite es wählt, wirft die NATO Russland aufgrund dieser Begründung Heuchelei vor- Anfang der 2020er machte Russland nämlich mit Militärübungen an der Grenze zur Ukraine Druck auf das Land, da es sich der NATO anschließen wollte, und ein Krieg konnte nur verhindert werden, indem das Land Neutralität schwor. Warum war die freie Entscheidung des Landes nur etwas wert, wenn es sich für Russland entschied!“
„Überraschend politisch.“
„Was erwartest du von einem Spiel mit dieser Lore? Letztes Jahr um diese Zeit mussten wir noch gegen eine homophobe Verbrechergang kämpfen, die die gleichgeschlechtliche Ehe abschaffen wollte…“
„Was habt ihr denn die ganze Zeit mit dem neuen Storyevent“, motzte Alex. „Erstens habt ihr zugestimmt, mit mir an dieser Quest teilzunehmen, und zweitens müssen wir ja irgendwie unseren Aufenthalt in Berlin finanzieren! Ich kann ja auch nichts dafür, dass das neue Kapitel in so einer teuren Stadt spielt!“

Während wir auf das Haus zumaschierten, blitzte in der oberen rechten Ecke meines Sichtfeldes die folgende Meldung auf: Die Kopfgeldquest „Er hat sie mit ihrer Liebe getötet“ wurde aktualisiert: Betritt das Haus und suche Karli.
„Ist euch irgendwie aufgefallen, dass der Name dieser Quest irgendwie…“
Ich zögerte, und Maribel meinte: „Ja, mir kommt er auch irgendwie bekannt vor. Vielleicht ist er auch ein Zitat!“
Alex öffnete die Tür und hielt sie uns auf. Während wir eintraten, erwiderte ich: „Nein, das habe ich nicht gemeint. Karli wollte doch angeblich ihren Sohn entführen- warum spricht dann der Name der Quest von einem Mörder und keiner Entführerin?“
Alex zuckte mit den Schultern. „Ich habe mal im Internet gelesen, dass manche Kopfgeldquest zu einem geheimen Boss führen- das heißt, dass es zuerst aussieht, als ob A etwas verbrochen hätte, aber in Wahrheit war es dann doch B, da diese Person im Hintergrund die Beweise manipuliert hat, um von der eigenen Schuld abzulenken. Aber dass sie das so offensichtlich machen würden, hat keiner erwähnt!“
„Wenn du dann so schön recherchiert hast“, erwiderte ich. „Weißt du dann auch, wo wir unser Ziel finden?“
„Leider nein. Die Quest habe ich angenommen, lange, nachdem ich über diese geheimen Bosse recherchiert habe! Mal davon weg: Sollen wir uns aufteilen?“
Während ich mich im Eingangsbereich umsah und meinen Blick über ein Schuhregal gleiten ließ, schnaubte Maribel: „Ich bin eine Fernkämpferin und kann in Gebäuden schlecht kämpfen- das könnte ich auch von dir sagen! Unsere Maulwurfswandlerin ist die einzige Person hier, die Zugriff auf Krallen hat und Nahkampf betreiben könnte!“
„Die kosten mich aber im Kampf Mana, sollte ich sie in Menschengestalt nutzen!“ Warum besprachen sie das jetzt überhaupt? Wir waren nicht zum ersten Mal auf ein Ziel gestoßen, das sich in einem Haus versteckte- eine Strategie sollten wir eigentlich schon längst haben!"
„Auch egal… Also, mit welchem Raum…“

Während die Beiden nun darüber stritten, ob wir uns zuerst die Treppe am Ende des Flures hochwagen (Alex: „Falls sie sich oben versteckt, könnten wir sie in die Ecke treiben!“) oder das Erdgeschoss durchsuchen sollten (Maribel: „Und was, wenn sie sich doch unten versteckt? Am Ende schleicht sie sich noch aus dem Haus, während wir oben nach ihr suchen!“), fiel mein Blick auf einen blauen Schuh, der im Schuhregal stand. Irgendwas hatte mich von dort aus angeblitzt…

Du hast ein neues Item erhalten: Dachbodenschlüssel (1x). Die Quest „Er hat sie mit ihrer Liebe getötet“ wurde aktualisiert: Suche Karli auf dem Dachboden.

Ruckartig fuhren Alex und Maribel rum und musterten mich, wie ich den Schlüssel in die Höhe rechte. Offenbar hatten sie eine ganz ähnliche Benachrichtigung bekommen.
„Oh“, sagte Alex schließlich. „Ich schätze mal, dass die Quest wohl nicht grundlos eine Schwierigkeit von nur zwei Sternen hat. Würde mich nicht wundern, wenn die größte Herausforderung der Weg hier hoch wäre…“

Oder was doch der Anlich einer Frau, die leblos auf einem Altar auf dem sonst so leeren Dachboden lag, der diese Schwierigkeit rechtfertigte? Kaum hatte ich die Tür geöffnet, fiel mein Blick auf sie, woraufhin ich seufzend einige Schritte auf sie zumachte: „Frau Karli… Das sind doch Sie, oder? Ich weiß nicht, wie Sie es geschafft haben, den Schlüssel für die Kammer bei Ihren Schuhen zu verlieren, um sich dann hier zu verriegeln, aber… Wenn Sie bitte mitkommen würden? So, wie ich das Spiel kenne, wird hier vor dem Haus gleich ein Streifenwagen auftauchen, deren Insassen Sie gerne mit ins nächste Revier einladen würden!“
Ein paar Meter hinter mir seufzte Alex: „Kannst du bitte aufhören, so zu reden? Ich glaube nicht, dass die NPCs es verstehen würden, wenn du ihre Welt als Spiel bezeichnest… Was machst du da überhaupt?“Ich ließ die Hand, mit der ich ihren Puls gemessen hatte, sinken. „Ist es euch schon mal passiert, dass eine gesuchte Verbrecherin bereits verstorben ist?“
„Fallen darunter auch Zombies und Vampire? Wenn nein, dann nein. Aber ich habe irgendwo gelesen, dass das Entwicklerstudio mit dem neuen Storyevent auch neue Kopfgeldquests hinzufügen wollte, vielleicht ist das ja der Grund…“
Alex hielt inne, dann fragte sie: „Willst du mir sagen, dass Karli tot ist?“
„Rat mal!“
„Okay, okay… Ich frage mich nur, wie wir der Streife das da unten erklären sollen!“
„Wie wäre es, wenn ich das erledige?“

Ruckartig warfen wir unsere Blicke auf den Mann, der es irgendwie geschafft hatte, sich an uns anzuschleichen.
„W-wer sind Sie?“
„Ihr Sohn. Oh, und der Grund, warum sie nicht mehr lebt.“
„W-wieso sagen Sie das so leicht?“
Er zuckte mit den Schultern. „Meine Mutter war mit meiner Freundin nicht einverstanden, deshalb zwang sie sich in Angelegenheiten rein, die sie nichts angingen.“
„Und deshalb bringen Sie sie so einfach um?“, fragte nun Alex forsch.
Er zuckte zusammen. „Umbringen wäre übertrieben- es war mehr… Selbstverteidigung. Aus irgendeinen Grund war sie der Meinung, dass meine Freundin, naja, mich missbrauchen würde, was aber nicht stimmte. Ich hatte einmal den Fehler gemacht, meine Mutter zu besuchen, nachdem ich in eine Kneipenschläger geraten war, weshalb sie dachte, dass ich von meiner Freundin windelweich geschlagen worden war, aber… Dass ich mich mit dem Typen nur geprügelt hatte, weil er meine Freundin bedroht hat, wollte sie nicht hören- aus irgendeinem Grund war sie seitdem versessen darauf, dass meine Freundin mir schlimme Dinge antun würde, ich mich aber nur nicht trauen würde, das zu sagen, weil die Gesellschaft angeblich eh nur Frauen als Missbrauchsopfer ansehen würde…“
Er schniefte. „Da ich die Beziehung nicht beenden und auch nicht aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen wollte, griff meine Mutter irgendwann zu drastischen Mitteln und betäubte mich in meiner Wohnung… Irgendwie. Als ich hier aufgewacht bin, versuchte sie sich zu erklären und behauptete, es wäre alles für mein Bestes. Als ich versuchte, zu fliehen, wollte sie mich überwältigen… Im Handgemenge gewann ich die Oberhand und hatte sie aus Wut erwürgt.“
Erste Tränen rollten über seine Wangen. „Wahrscheinlich wollte sie nur das Beste für mich, aber ich undankbarer…“
Ich legte eine Hand auf seine Schulter. „Vielleicht, aber sieh es mal so: Sie hat gar nicht versucht, die Dinge aus deiner Sicht zu sehen und hat dich dann entführt. Da kann ich verstehen, warum du sie umbringst…“ Auch, wenn das keine Rechtfertigung ist. „Mach dir keine Sorgen: Im Gefängnis hast du genügend Zeit, Buße zu tun!“

Während wir dem Polizeiwagen hinterhersahen, meinte Maribel: „Denkt er wirklich, dass die Tatsache, dass sie ihn entführt hat, durch ihre Sorgen gerechtfertigt ist?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich ist er nur wegen ihrem Tod noch aufgelöst. Mal schauen: Vielleicht denkt er in ein paar Wochen anders über die Sache…“
Ich ließ meinen Blick über die Landschaft schweifen, dann meinte ich: „Zum Glück geht es den Berg leichter hinab…“

Und damit war der erste Schritt in Richtung Berlin getan.

~
Hi!

Diese Geschichte habe ich für die erste Runde des Wettbewerbs Der Thron der Schreibkunst 2.0 geschrieben- meine Vorgabe war das Zitat "Er hat sie mit ihrer Liebe getötet" aus dem Film The Green Mile. Ich hoffe, die Geschichte gefällt euch!

Mit freundlichen Grüßen,

Omega aka Die Hand
 
 
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