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Waltzing on Rooftops and Cobblestones

Kurzbeschreibung
OneshotAbenteuer, Romance / P12 / MaleSlash
Jacob Frye
14.02.2022
14.02.2022
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8.718
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Geduldig wartete Jacob hinter einer niedrigen Mauer darauf, dass sein Ziel ein Stückchen näher kam. Nur noch ein paar wenige Meter würden reichen, dann könnte der Assassine sein Opfer erreichen und töten bevor dieses überhaupt Alarm schlagen konnte.
Nochmals überprüfte er mit seinem Adlerauge, ob auch wirklich keine Wachen in der Nähe waren. Er hatte Glück. Nur noch zwei Schritte, dann drehte der Templer sich um.
Das war Jacobs Chance. Er schwang sich über die kleine Mauer, stieß sich etwas von ihr ab und nutzte den Schwung um an Geschwindigkeit zu gewinnen. Mit einer leichten Bewegung seines Handgelenks fuhr er seine versteckte Klinge aus.
Als der Templer Jacob im Augenwinkel sah, war es jedoch bereits zu spät. Der kalte Stahl schnitt mühelos durch die Kehle seines Opfers, während der Assassine seinen Lauf mit einer Drehung um die eigene Achse abbremste, um schließlich vor seinem Ziel zum Stehen zu kommen.
Das Entsetzen stand diesem ins Gesicht geschrieben, während er verzweifelt versuchte um Hilfe zu rufen. Doch das einzige was er noch über die Lippen brachte waren ein paar leise röchelnde und gurgelnde Laute, als er an seinem eigenen Blut zu ersticken begann. Mit letzter Kraft tastete seine Hand nach dem Schnitt an seinem Hals, klammerte sich fest, doch lange halten konnte er sie dort nicht mehr. Nach nur wenigen Sekunden fiel die Hand schlaff nach unten und der Rest seines Körpers hätte es ihr gleich getan, wenn Jacob ihn nicht aufgefangen hätte.
Besagten leblosen Körper zog er nun zurück in die Schatten, aus denen er zuvor gekommen war. Zwischen ein paar dichten Gebüschen legte der junge Mann die Leiche des Templers ab und machte sich daran seine Taschen zu durchsuchen. Oftmals hatten sie irgendetwas nützliches bei sich; Bargeld, Wertsachen, Pistolenkugeln... Doch was Jacob dieses mal fand, war weitaus wertvoller als all das. In einer der Taschen seines Mantels war ein Brief. Das Siegel war bereits aufgebrochen, aber man konnte immer noch ganz eindeutig die Templerinsignien darauf erkennen.
Adressiert war das Ganze an einen Martin Church – so hieß der arme Tropf also. Wahrscheinlich hatte Greenie es mal erwähnt, aber Jacob hatte Besseres zu tun, als sich jeden einzelnen Templernamen zu merken, den er von der Liste zu streichen hatte. Ihn interessierte nur das Wo und Wann, um den ganzen Papierkram und die Einzelheiten konnten sich gerne seine Schwester und ihr neuer bester Freund kümmern.
Vorsichtig zog Jacob den Inhalt des Umschlages heraus und überflog das zum Vorschein kommende Schriftstück. Ein immer breiter werdendes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht, während er las.
Es war eine Einladung zu einem Maskenball am morgigen Abend, unterzeichnet von Crawford Starrick persönlich. Doch das Allerbeste war, dass Starrick in der Einladung ganz eindeutig erwähnt hatte, wie sehr er darauf erpicht war Mr. Church endlich kennen zu lernen. Ergo er wusste nicht einmal wie er aussehen würde. „Denkst du auch was ich denke.“ flüsterte Jacob der Leiche zu, „Ich denke ich sollte Mr. Starrick einen kleinen Besuch auf dem Ball abstatten. Herzlichen Dank noch mal für die Einladung.“ etwas abwertend klopfte er dem Toten auf die Schulter und nahm ihm noch die Kette mit dem Templerkreuz und seinen Mantel ab. Wenn er sich schon auf einen Templerball schlich, durfte er ja schließlich nicht auffallen.
Jetzt musste er nur noch die Leiche verstecken und darauf hoffen, dass sie vor morgen Abend nicht gefunden wurde. Aber auch dieses Problem war schnell gelöst, denn ganz in der Nähe hatte Jacob einen Kasten mit etwas älterem Laub gefunden. Da würde bestimmt niemand nach einer Leiche suchen.
Als Jacob auf dem Rückweg zur Whitechapel-Station war, tat sich vor ihm jedoch ein neues Problem auf. Er hatte keinen Anzug oder zumindest keinen den er auf einem Ball tragen könnte ohne Aufsehen zu erregen. Also musste er wohl oder übel einen Neuen kaufen. Evie würde ihn umbringen, wenn sie erfuhr, dass er ihr hart ergaunertes Geld für einen halb ausgegorenen Plan aus dem Fenster warf. Sie würde ihn generell umbringen wenn sie auch nur von seinem halb ausgegorenen Plan erfuhr, er müsste nicht einmal das unnötig ausgegebene Geld erwähnen.
Er konnte sich ihre Standpauke schon bildlich vorstellen. 'Hast du jemals in Erwägung gezogen deine drei Gehirnzellen auch mal zu benutzen. Vater wäre maßlos enttäuscht von dir! Du bringst nicht nur dich, sondern uns alle in Gefahr mit deinem unüberlegten Handeln...' und so würde es endlos weitergehen. Besser also sie würde nie hiervon erfahren.

Jacob war ein wenig über sich selbst überrascht. Er konnte es selbst kaum fassen, dass er es geschafft hatte zeitig einen passablen Anzug und eine Maske zu finden und das alles ohne das Evie und Henry etwas davon mitbekommen hatten. Wahrscheinlich waren die zwei Turteltäubchen aber ohne hin zu sehr aufeinander und ihre Suche nach dem Edensplitter fixiert, um überhaupt etwas von Jacob und seinen Machenschaften wahrzunehmen.
Nervös zupfte er sich etwas am Kragen seines Hemdes herum und richtete abermals die Kette mit dem Templeranhänger. 'Nur keine Panik bekommen Jacob... Du bist nur auf dem Weg den mächtigsten Mann Londons in einem Haus voller Templer umzubringen, kein Grund sich selbst Druck zu machen. Was soll schon großartig schief gehen.' verfluchte er sich in Gedanken, während die Kutsche, in welcher er saß, in Richtung des Anwesens des Templergroßmeisters fuhr.
Aber jetzt abzubrechen kam für ihn auch nicht in Frage, dann müsste er sich und vor allem auch seiner Schwester eingestehen, dass sein Plan einfach nur der blanke Wahnsinn war. Diesen Triumph wollte er ihr nicht gönnen. Außerdem könnte er ja immer noch ein wenig Spionieren und die anderen Gäste aushorchen, falls sich keine Möglichkeit für ein Attentat auf Starrick ergeben würde. Informationen waren mindestens genauso wichtig, wie ein toter Templer.
So zumindest versuchte sich Jacob Mut zuzusprechen, als sich die Kutsche der Höhle des Löwen weiter näherte.
Er setzte sich die schwarz bemalte Porzellanmaske, welche entfernt an einen Raben erinnerte, auf und atmete noch einmal tief durch, bevor er aus der Kutsche stieg, welche nun angehalten hatte. Dem Fahrer schnippte er noch ein paar Schilling als Trinkgeld zu und begab sich dann zum Eingang des protzigen Anwesens, an welchem die Einladungen kontrolliert wurden.
Während er darauf wartete an der Reihe zu sein, ließ er seinen Blick ein wenig übers Gelände schweifen. Starrick hatte ein paar Blighters als Wachen engagiert, die sowohl vor dem Tor als auch um das Gelände herum patrouillierten. Nicht ideal im Falle einer Flucht, aber nichts, was er nicht händeln konnte, auch wenn sein Waffenarsenal grade nur auf seine versteckte Klinge und seine blanken Fäuste reduziert war.
Nachdem Jacob seine Einladung vorgezeigt hatte und ohne Probleme hereingelassen wurde, gab er an der Garderobe seinen Mantel und seinen Zylinder ab. Auch wenn er das bei letzterem nur sehr ungern tat. Mit fühlte er sich einfach sicherer, es war leichter kleinere Anflüge von Unsicherheit zu verbergen, wenn man einfach nur den Hut ein wenig tiefer ins Gesicht zu ziehen brauchte. Aber vielleicht reichte die Maske ja trotzdem aus die Fassade der Selbstsicherheit aufrecht zu erhalten.
Im Festsaal angekommen, verschaffte der Assassine sich ebenfalls erst mal einen Überblick.
Eine eventuelle Fluchtmöglichkeit, falls es brenzlig werden sollte, war schnell gefunden. Die Tür zur Terrasse stand weit offen und dahinter konnte Jacob eine gut gepflegte Gartenanlage ausmachen. 'Vielleicht sollte ich Starrick fragen, wer sein Gärtner ist. Der Mann hat was auf dem Kasten.' witzelte er gedanklich. Ein bisschen Schade war es schon, dass er Evie nicht mitnehmen konnte, zu gerne hätte er ihren genervten Gesichtsausdruck, bei so einer Bemerkung gesehen.
Nachdem seine mögliche Fluchtrute ausgelotet war, konzentrierte sich Jacob auf das Innenleben des Anwesens. Ein Meer von Menschen lag vor ihm. Viele von ihnen waren in Gespräche vertieft oder auf der Suche nach jemandem, den sie unter seiner Maske nicht ganz eindeutig zuordnen konnten. Zwischendurch liefen Bedienstete durch die Masse, jeder mit einem Silbertablett voller Kristallgläser ausgestattet in welchen sich mit Sicherheit der teuerste Champagner befand den Jacob sich nur vorzustellen vermochte. Aber dort hörte der es noch längst nicht auf teuer und protzig zu sein. Allein der Parkettboden auf welchem er stand musste ein Vermögen in der Anschaffung gekostet haben, mal ganz zu schweigen von den schweren Samtvorhängen vor den Fenstern oder der protzigen weißen Marmortreppe, welche den Ballsaal mit der oberen Etage verband.
'So langsam bekomme ich den Eindruck, der Mann versucht etwas zu kompensieren.' stellte der Assassine für sich fest, bevor ein interessanter Gesprächsfetzen seine Aufmerksamkeit auf sich zog. „Stimmt es das Mr Starrick keine Kontrolle mehr über den Bezirk Whitechapel hat? Mir ist zu Ohren gekommen, das so eine neue Straßengang, wie hießen sie noch gleich – Rooks? - seine Männer dort völlig überrannt hat.“
Jacob konnte sich das selbstgefällige Lächeln, welches sich nun über sein Gesicht zog nicht verkneifen. Ihre Taten begannen sich also herum zu sprechen. So gerne er weiter zugehört hätte, wie sich dieser Templer beinahe vor Angst in die Hose machte, wusste er, dass er grade wichtigeres zu tun hatte. Er musste Starrick finden. Zwar hatte er gedacht, dass sich der Templergroßmeister mit seiner Extravaganz leicht ausfindig machen lassen würde, aber in dieser Menschenmasse, könnte sich das als schwierig erweisen.
Nach kurzem Konzentrieren wechselte Jacob zu seinem Adlerauge, um nach Hinweisen suchen zu können, die er vorher vielleicht übersehen hatte. Es war nicht verwunderlich, dass sein sechster Sinn ihm Gefahr meldete und jeden im Raum als rot hervor hob, mit etwas anderem hatte er nicht gerechnet.
Langsam schob er sich durch die Menge, in der Hoffnung irgendwo einen Fetzen einer golden hervorgehobenen Person zu erhaschen. Und tatsächlich wurde er fündig. Mit dem Rücken zu ihm gedreht, nur wenige Meter von ihm entfernt stand er. Das Jacob das burgunderfarbene Jackett nicht vorher aufgefallen war, welches sich aus dem Einheitsbrei der schwarzen und grauen Anzüge hervorhob, wunderte ihn etwas.
Nur noch wenige Schritte trennten ihn von seinem Ziel und er war kurz davor seine versteckte Klinge zu aktivieren, als er jedoch plötzlich im Augenwinkel etwas ungewöhnliches wahr nahm. Jacob hielt mitten in seiner Bewegung inne und richtete seinen Blick auf die Marmortreppe. Dort oben stand eine zweite golden markierte Person, ein zweites Ziel. Wie um alles in der Welt war das möglich? Starrick konnte doch nicht zweimal existieren.
Während der Assassine fieberhaft versuchte eine Erklärung für diese Fehlfunktion seines sechsten Sinns zu finden und einen Weg dies wieder zu beheben, bemerkte er nicht, dass sich sein ursprüngliches Ziel mittlerweile zu ihm umgedreht hatte.
„Verzeihung Sir, suchen Sie jemand bestimmtes?“
Bei dem Klang der rauchigen Stimmte verlor Jacob vor Schreck den Fokus auf sein Adlerauge, konnte allerdings an sich halten nicht noch zusätzlich zusammen zu zucken.
Ein wenig steif drehte Jacob sich wieder dem Mann zu, den er vor wenigen Sekunden noch für Crawford Starrick gehalten und fast erstochen hatte.
„Nicht direkt, nein“, brachte der junge Mann langsam hervor. Seine sonst so spitze Zunge fühlte sich grade an wie Blei.
Eine weitere Reaktion abwartend nahm er sich einen Moment seinen Gegenüber genauer zu betrachten. Hinter der verzierten goldenen Maske musterte ihn ein Paar grüner Augen, welches Jacob dezent an eine Raubkatze erinnerte, die sich jeden Augenblick auf ihre Beute stürzen würde. Auf der rechten Wange des, um einige Jahre älteren, Mannes lugte der Rest einer großen, unsauber verheilten Narbe unter der Maske hervor, aber auch sein Kinn war nicht von Narben verschont geblieben, auch wenn diese deutlich dezenter und längst nicht so tief waren. Seine Lippen umspielte ein höfliches Lächeln und der gepflegte Oberlippenbart verlieh seinem Gegenüber das gewisse Etwas. Das gewisse Etwas, was Jacob ihn mit dem Wort Teufel assoziieren ließ.
„Geht es Ihnen gut? Sie sehen ein wenig blass aus“, stellte der Mann besorgt fest. Der Assassine räusperte sich kurz, in der Hoffnung wieder etwas Selbstsicherheit in seine Stimme zu bekommen, bevor er antwortete: „Es geht schon, danke der Nachfrage. Für mich sind solche Festivitäten nur ein wenig ungewohnt.“
„Dann schließe ich daraus, dass das hier Ihr erster Ball ist?“
Jacob bestätigte die Vermutung mit einem kurzen Nicken.
„Wenn Sie mir die Bemerkung erlauben; Sie sehen auch nicht danach aus als wären Sie grade gerne hier. Aber ich schätze mal das ein Mann wie Mr Starrick nur sehr schwer ein 'Nein' akzeptiert, weshalb Sie nun hier stehen.“
Jacob klappte vor Überraschung ein wenig der Unterkiefer auf. Ein Templer der allen Anschein nach Groll gegen seinen eigenen Großmeister hegte.
„Wie darf ich diese Aussage werten, Mr...“ begann er und merkte erst beim Sprechen, dass er noch gar nicht nach dem Namen seines Gesprächspartners gefragt hatte. Das könnte unschön werden.
„Roth. Maxwell Roth. Und Sie können meine Aussage interpretieren, wie Sie möchten, wenn Sie mir nur Ihren Namen verraten.“
Hätte Jacob keine so gute Kontrolle über seinen eigenen Körper gehabt, hätte spätestens jetzt der Fluchtreflex die Führung übernommen und er wäre Hals über Kopf aus dem Saal gestürzt. Natürlich musste der Anführer der rivalisierenden Blighters vor ihm stehen, wie sollte es auch anders sein. Kein Wunder also, dass sein Adlerauge ihn ebenfalls als potenzielles Ziel hervorgehoben hatte. Da war seine Erklärung.
Hinzu beschlich ihn das ungute Gefühl, das Roth Verdacht schöpfte, das er eigentlich gar kein Templer war.
„Martin Church, sehr erfreut Sie kennen zu lernen Mr. Roth“, versuchte Jacob die Situation zu retten und bot ihm seine Hand an.
Roth trat ein Stück näher an ihn heran, fast schon zu nah, für Jacobs Geschmack und erwiderte die förmliche Geste.
„Oh ich denke die Freude ist ganz auf meiner Seite Mr... Church.“ Jacob hätte das teuflische Grinsen nicht mal sehen müssen, um zu wissen das es da war. Er konnte es förmlich hören. Dieser verdammte Bastard hatte ihn durchschaut und jetzt spielte er mit ihm. Er hätte auf seine innere Stimme hören und einfach im Zug bleiben sollen, aber sein Ego war ja mal wieder größer gewesen und hatte ihn jetzt in so eine Situation gebracht.
„Schau nicht so finster drein, Darling. Wir sind doch schließlich hier um uns zu amüsieren.“ meinte Roth, als er merkte, dass es Jacob wohl die Sprache verschlagen hatte. Er nahm zwei Champagnergläser von einem der vorbeilaufenden Kellner und reichte eines davon dem Assassinen, bevor er ihm zuprostete.
Ein wenig zögerlich nahm Jacob das Glas an und nippte leicht an der prickelnden Flüssigkeit. Ermutigt durch den kleinen Tropfen Alkohol wagte er es endlich seine Frage auszusprechen: „Wie können Sie so ruhig bleiben, wenn Sie ganz genau wissen, dass ich hier nicht hingehöre. Sollten Sie mich nicht herauswerfen lassen oder zu Ihrem Großmeister bringen, damit der entscheiden kann, was mit mir geschieht?“
Für einen kurzen Moment gab Roth ein gedämpftes Lachen von sich, so als hätte Jacob grade einen guten Witz erzählt. „Oh Darling, du scheinst da etwas falsch verstanden zu haben. Mr Starrick bezahlt mich zwar für meine Arbeit, aber ich bin kein Templer. Aber darüber können wir uns auch noch später unterhalten. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass besagter Mr. Starrick gleich seine Rede halten wird. Triff mich danach draußen auf der Terrasse.“
Hatte er sich das grade eingebildet oder hatte Roth ihm zugezwinkert?
Immer noch ein wenig überfordert mit der ganzen Situation konnte Jacob nur dastehen und Roth hinterher schauen, als dieser in der Menge verschwand und wahrscheinlich jemand anderen in ein wenig belanglosen Smalltalk verwickelte.
Er atmete kurz durch und nahm dann einen großen Schluck vom Champagner, um die Konversation sacken zu lassen. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder so gut es ging auf seine Umgebung und schaffte es dieses Mal zumindest ein paar wenige, nützliche Gespräche über Waffen- und Geldtransporte, die alle mit Starrick in Verbindung standen zu belauschen.
Doch schon bald verstummte sämtliches Gerede und alle richteten ihren Blick auf die Treppe, auf welcher Crawford Starrick langsam nach unten schritt.
„Guten Abend, Ladies und Gentleman und willkommen in meinem bescheidenen Heim. Ich hoffe, dass Sie bisher einen angenehmen Abend hatten?“
Verhaltener Applaus und Zustimmung aus der Masse, waren die Antwort auf Starricks Frage.
„Das freut mich sehr zu hören. Aber lasst uns die Formalitäten hinter uns lassen und gemeinsam Feiern. Feiern wir nicht nur unseren Fortschritt der letzten Jahre, sondern feiern wir auch unsere strahlende Zukunft, die noch nie zuvor heller und greifbarer war, meine Freunde. London, das pulsierende Herz der modernen Welt, das leuchtende Juwel des Fortschritts, des Wohlstandes und der Macht, wird bald allein uns gehören und schon kurz darauf der Rest der Welt. Nie wieder werden wir befürchten müssen, das diese Macht zurück in die Hände von Unwürdigen, in die Hände des Pöbels fällt und all unsere Errungenschaften wieder im Dreck versinken. Dafür haben wir gesorgt. Auf uns und möge der Vater des Verstehens uns leiten!“
Mit diesen Worten hob Starrick sein Glas. Der Saal stimmte ebenfalls ein enthusiastisches 'Möge der Vater des Verstehens uns leiten' an und auch Jacob murmelte es, wenn auch nur sehr halbherzig, mit um nicht aufzufallen. Am liebsten hätte er sich nach diesen Worten den Mund mit Lauge ausgewaschen, da jedoch grade keine zur Hand war, musste er wohl oder übel mit seinem restlichen Champagner zum runter Spülen des bitteren Beigeschmacks, den Starricks Rede bei ihm hinterlassen hatte, vorlieb nehmen.
„Nun meine Freunde, ich bitte euch ein wenig Platz auf der Tanzfläche zu schaffen, ich würde gerne den ersten Tanz eröffnen, Miss Thorne würden Sie mir die Ehre erweisen?“ fügte Starrick zu guter Letzt noch an, als er am Fuße der Treppe angekommen war.
Mit dem größten Vergnügen kam Jacob der Bitte Platz zu schaffen nach und begab sich, so schnell und unauffällig wie möglich, auf den Weg nach draußen auf die Terrasse. Er hasste es zu Tanzen. Sein Vater hatte ihn und seine Schwester damals mit Tanzstunden gequält. Zumindest war es für ihn Quälerei gewesen. Stundenlanges über die eigenen Füße stolpern, von seiner Schwester getreten und gemaßregelt zu werden, dass man nicht Führen könne und miserabel im Tanzen sei, im Gegenzug aus Rache seiner Schwester auf die Füße treten, welche sich dann nur noch mehr aufregte, um dann Schlussendlich wieder vom eigenen Vater ermahnt zu werden, wie wichtig diese Lektionen doch waren. Für was genau sie jetzt gut sein sollten, wusste Jacob schon gar nicht mehr. Er hatte es vergessen oder viel mehr verdrängt.
Auf dem Weg nach draußen tauschte der Assassine noch sein leeres Champagnerglas gegen ein volles aus. Wenn er jetzt einen Plausch mit Maxwell Roth abhielt, hätte er zwar gerne etwas stärkeres gehabt, aber vorerst musste er hiermit Vorlieb nehmen.
Roth war bereits auf der Terrasse und wartete geduldig, noch immer zierte dieses teuflische Lächeln sein Gesicht.
„Kein Freund von großen, epochalen Reden, wie ich sehe“, merkte Jacob mit einem Hauch von Sarkasmus an und bekam ein belustigtes Schnauben als Reaktion.
„Zumindest nicht, wenn sie von Laiendarstellern vorgetragen werden.“ entgegnete Roth schmunzelnd. „Lass uns ein Stückchen spazieren gehen, dann können wir unsere Unterhaltung von vorhin in etwas privaterer Atmosphäre fortsetzen.“ schlug er dann vor und sah zu dem schmalen, gepflasterten Weg hinüber, welcher von der Terrasse weg führte, um sich durch den Garten zu schlängeln. Der Weg selbst war nur schwach durch vereinzelte, kleine Gaslampen beleuchtet und unter anderen Umständen hätte Jacob dieses Ambiente fast schon als romantisch empfunden.
„Also Mr Roth, Sie schulden mir immer noch eine Antwort auf die Frage, warum Sie mich vorhin nicht verraten haben.“ sprach Jacob nachdem sie ein Stück den Weg entlang gegangen waren. Der Pfad war grade einmal breit genug, dass sie zwei nebeneinander laufen konnten.
„Ums kurz zu fassen; ich war neugierig. Wer sich auf eine Feier seines Feindes schleicht, um den großen Crawford Starrick zu töten, der ist entweder wahnsinnig oder der mutigste Mann Londons und ich bin neugierig, was von beidem du bist, Darling.“
„Wenn man meiner Schwester Glauben schenken darf, dann definitiv wahnsinnig.“
Roth musste kurz auflachen und in Jacobs Brust machte sich ein merkwürdiges Gefühl von Stolz breit. Es gab nur wenige Leute die über seine Scherze lachen konnten und das ausgerechnet Maxwell Roth einer dieser wenigen war, war eine ausgesprochen angenehme Überraschung. Er hatte sich den Anführer der Blighters deutlich strenger vorgestellt.
„Ich kaufe Ihnen allerdings nicht ganz ab, dass nur Ihre Neugierde meine Haut gerettet hat.“ tastete sich Jacob weiter vor.
„Hmm, cleveres Bürschchen.“ stellte Roth fest und nippte etwas an seinem Champagnerglas. „Ob ich allerdings gewillt bin, dir meine weiteren Absichten anzuvertrauen, hängt ganz davon ab, ob du gewillt bist mir zu vertrauen.“
„Oh ich müsste verrückt sein, wenn ich Ihnen vertrauen würde.“
„Das Thema hatten wir doch bereits geklärt.“
„Touché.“ gab sich Jacob geschlagen. Er war bereits so tief in den Kaninchenbau gekrochen, dass es jetzt auch keinen Sinn mehr hatte Kehrt zu machen. Warum Roth also nicht ein wenig Vertrauen entgegen bringen. Bisher hatte er Jacob schließlich geholfen.
„Also Darling, wie lautet dein richtiger Name?“
„Jacob Frye.“ Der Assassine konnte selbst im schwachen, schummrigen Licht der Laterne das Aufblitzen in Roth's Augen deutlich sehen und für einen kurzen Augenblick dachte er sein letztes Stündlein hätte geschlagen. Er machte sich darauf gefasst einem Messer Angriff auszuweichen oder Roth einen Revolver aus der Hand schlagen zu müssen, doch nichts der Gleichen geschah.
„Sieh an, dann wird mir tatsächlich die Ehre zu Teil den Mann zu treffen, der Whitechapel eigenhändig von Starricks Einfluss befreit hat.“ antwortete Roth fast ehrfürchtig.
„Eigenhändig ist vielleicht etwas hoch gegriffen.“ Jacob war froh, dass es bereits so dunkel war, sonst hätte man vermutlich betrachten können, wie seine Ohren und Wangen einen kräftigen Rotton annahmen. Roth wusste, wie man jemandem schmeichelte.
„Und bescheiden ist er auch noch.“
„Mich wundert es allerdings, dass Sie nicht im Geringsten wütend darüber sind, dass ich Ihre Handlanger aus dem Weg räume.“ gestand der Assassine.
„Du redest von Rexford Kaylock, nicht war?“ Roth winkte kurz ab, „Einer von Starricks Männern, ich hätte so einen Stümper nie eingestellt. Starrick kam damals zu mir, mit der Bitte Kaylock und sechs andere auszubilden. Hat mir eine Menge Geld dafür angeboten...“
„Und Ihr habt angenommen.“
„Zu erst lehnte ich ab, wollte nichts mit Templern am Hut haben. Starrick erhöhte den Einsatz und hat mir zusätzlich eine saubere Akte bei der Polizei versprochen. Das konnte ich schlecht ausschlagen. Allerdings habe ich schnell angefangen den Deal zu bereuen. Ich ertrinke förmlich in Anweisungen von diesem Mann, eine langweiliger als die andere, die Gang, welche ich mir aufgebaut habe, ist zu großen Teilen nur noch dem Geld hörig und nicht mir. Die Freiheit, die ich mir mit der Vereinbarung erhofft hatte, war bloß eine Lüge. Nur ein hübscher goldener Käfig...“ ein verbitterter Seufzer entfuhr dem Blighter und Jacob begriff so langsam, was Roth mit seinen vorherigen Schmeicheleien und ihrem kleinen Privatgespräch hier bezwecken wollte.
„Dann soll ich also den Schlüssel für Ihren Käfig finden und Ihnen helfen Ihre Freiheit wieder zu erlangen.“ schlussfolgerte er. „Ich weiß nicht ob das so eine gute Idee ist, sobald Ihr wieder tun und lassen könnt was Ihr wollt, herrscht in den Straßen Londons ein Bandenkrieg.“
„Du bist ein harter Verhandlungspartner, Jacob. Ich dachte allein die Möglichkeit einfach an Informationen über Starrick und seine Handlanger zu kommen würde dich überzeugen. Aber mir solls egal sein, zum Teufel mit allem. Du kannst London gerne haben, mit all ihrem Glanz und all ihrem Dreck, ich werde es dir nicht streitig machen. Du musst es dir nur erkämpfen.“
„Klingt fair.“ stimmte Jacob zu. Er war überrascht, wie ehrlich Roth bei all dem geklungen hatte. Vielleicht hatte er den Blighter falsch eingeschätzt, jedenfalls schien er seine Freiheit genauso sehr zu schätzen, wie Jacob es tat und war bereit alles zu tun, um sie wieder zu erlangen. Für einen kurzen Moment musste er daran denken, dass Roth mit dieser Einstellung vielleicht sogar ein Assassine hätte sein können, aber dafür wusste er zu wenig über ihn und er wollte sich jetzt noch keine zu großen Hoffnungen machen.
„Ich denke wir haben einen Deal, Mr Roth.“ sagte Jacob schließlich nach einer kurzen Bedenkzeit und hob sein Glas zum Anstoßen an.
„Bitte, mein Lieber, lass die Förmlichkeiten weg und sag ruhig Maxwell zu mir.“ die Ernsthaftigkeit von vor wenigen Momenten schien vergessen zu sein, als das Klirren der Kristallgläser leise durch den Garten hallte.
„Vielleicht sollten wir uns langsam wieder zur Feierlichkeit begeben, mein Lieber, nicht das uns noch jemand dort vermisst.“ schlug Maxwell vor, nachdem er sein Glas in einem Zug gelehrt hatte.
Mit einem Nicken stimmte Jacob zu, auch wenn er selbst gerne noch etwas mit Max geplaudert hätte, weg von all dem Trubel im Ballsaal und weg von der ständigen Gefahr, dass seine Tarnung aufflog.
„Ich werde jedoch nicht mehr allzu lange bleiben. Auch wenn ich nicht das bekommen habe, weshalb ich heute hierher gekommen bin, gehe ich mit mehr als mir eigentlich zustehen würde und ich möchte mein Glück ungern ausreizen.“
„Du willst gehen, ohne zumindest einmal getanzt zu haben, Jacob? Ein bisschen auffällig findest du nicht? Schließlich ist das hier ein Ball.“
„Oh, ich bin kein guter Tänzer,“ winkte Jacob sofort ab, „So verlockend wie es auch klingt ein paar Templerdamen auf die Füße zu treten, aber ich möchte mir diese Peinlichkeit ersparen.“
„Vielleicht hast du nur noch nicht den richtigen Partner gefunden, Darling. Wer so kämpfen kann wie du, der kann auch tanzen, darauf würde ich sogar die Alhambra verwetten.“
Da war es wieder, dieses Funkeln in Maxwells Augen und Jacob stockte kurz der Atem, als er sich bei dem Gedanken ertappte, dass ihm dieser Anblick gefiel, dass es ihn mit Stolz erfüllte diese Reaktion nun schon zum zweiten Mal innerhalb von kurzer Zeit bei dem Blighter hervorgerufen zu haben.
„Und woran erkenne ich, wer der richtige Partner ist?“ hackte Jacob vorsichtig nach. Er war sich selbst nicht mehr ganz sicher ob sie noch vom Tanzen sprachen oder etwas gänzlich anderes gemeint war.
„Das musst du selbst herausfinden, mein Lieber. Aber ich für meinen Teil würde sagen es ist Intuition.“
Jacob verfiel in Schweigen, während er sich Maxwells Worte erneut durch den Kopf gehen ließ und zu dem Entschluss kam, dass egal ob Max jetzt vom Tanzen oder doch von Geschäftspartnerschaften gesprochen hatte, er seiner Aussage nur zustimmen konnte.
Die Musik aus dem Ballsaal wurde lauter, je dichter sie der Terrasse kamen, auf welcher sich mittlerweile auch Leute verteilt hatten, um sich besser unterhalten zu können oder genüsslich an ihren Pfeifen zu ziehen. Jedoch bemerkte Jacob es erst, als er von Maxwells Räuspern aus seinen Gedanken geholt wurde.
„Soll ich dir das Glas abnehmen, Darling?“ fragte er höflich, als sie wieder die Terrasse betraten und sich auf den Weg nach drinnen machten. Der Assassine nickte kurz und reichte das Glas herüber.
„Ich verzichte aber auf Nachschub, Max.“ stellte er sofort klar.
Bei dem Klang seines neuen Kosenamen schob sich wieder dieses teuflische Lächeln auf die Lippen des Blighters. „Mit Glas tanzt es sich auch schlecht.“ witzelte er und suchte dann den nächstbesten Bediensteten mit Tablett auf.
Jacob nutzte Maxwells Abwesenheit um kurz durchzuatmen. Er war nicht angespannt, zumindest nicht mehr, viel mehr war das Gegenteil der Fall. Maxwells Präsenz war überraschend angenehm. Allerdings hatte er das Gefühl, dass seine Wangen und seine Ohren seit vorhin noch immer nichts von ihrem Rotschimmer eingebüßt hatten. Maxwells Komplimente hatten wohl einen wunden Punkt in ihm getroffen. All die Jahre hatten sein Vater und später seine Schwester ihn stets für sein Vorgehen kritisiert, hatten immer etwas daran auszusetzen, wie er seine Arbeit verrichtete und nun stand der wahrscheinlich gefährlichste Mann, den Londons Unterwelt zu bieten hatte, vor ihm und bewunderte ihn für eben diese Dinge. Welch Ironie.
„Darling?“ Jacob drehte sich in die Richtung, aus welcher Maxwells Stimme kam, nur um von einer ausgestreckten Hand begrüßt zu werden. „Dürfte ich um einen Tanz bitten?“
„Max, ich sagte doch ich bin kein guter-“ begann Jacob, stockte dann jedoch in seinem Satz, als er Maxwells ernsten Gesichtsausdruck sah. Nach nur kurzem Zögern, legte er schließlich seine Hand in Maxwells wartende Handfläche und ließ sich von ihm in Richtung Tanzfläche führen.
„Was ist los?“ wollte Jacob wissen.
„Starrick.“ kam es flüsternd zurück. „Und ohne dich beleidigen zu wollen, aber du bist nicht der überzeugendste Schauspieler.“
Die letzten Töne des vorherigen Stückes verklangen grade, als sie beide die Tanzfläche betraten und man konnte ein leises Raunen von der Seite hören. Erst jetzt fiel Jacob auf, dass es für die anderen befremdlich, ja schon obszön aussehen musste, dass grade zwei Männer drauf und dran waren miteinander zu tanzen. Er wusste, dass er sich selbst so fühlen sollte, beschämt darüber sein sollte, doch selbst bei größter Anstrengung konnte er nicht den geringsten Anflug von Scham dafür in sich finden. Das was er jedoch um so deutlicher fühlte, war Aufregung.
Maxwell schenkte ihm ein entschuldigendes Lächeln und zog Jacob etwas dichter zu sich heran, um seine rechte Hand auf das Schulterblatt des Assassinen zu legen. Fast schon reflexartig tat Jacob es ihm gleich und legte seine Hand auf Maxwells Schulter ab. Ein wenig Anspannung fiel von ihm ab als er, ausgehend von ihrer Haltung, feststellte, dass der Blighter vor hatte das Führen zu übernehmen.
Mit ein wenig sanften Druck wurde Jacob noch ein Stückchen dichter zu Maxwell geschoben, so dass ihre Oberkörper jetzt dicht aneinander gepresst waren. Der junge Assassine schloss für einen kurzen Moment die Augen und schluckte schwer. Maxwells Kleidung leistete gute Arbeit darin seinen eigentlich kräftigen Körperbau zu verstecken.
Der warme Atem des Blighters an Jacobs Ohrmuschel ließ ihn aus seinen Gedanken schrecken und bei dem Klang seiner rauchigen Stimme, stellten seine Nackenhaare sich unwillkürlich auf.
„Denk nicht so viel über die Schritte nach, Darling. Lass deinen Instinkt übernehmen. Du wirst sie spüren, noch bevor ich meine Füße überhaupt bewegt habe.“
Jacob wollte etwas antworten, doch bevor er überhaupt ein Wort hervorbringen konnte, fing das nächste Stück an zu spielen. Ein Wiener Walzer.
Maxwells Ratschlag befolgend, schloss Jacob die Augen und versuchte nicht zu viel über seine damaligen Tanzstunden nachzudenken. Er atmete tief durch, konzentrierte sich stattdessen auf Maxwells Körper, der immer noch so dicht an seinen eigenen gedrückt war, dass er, trotz der vielen Schichten Kleidung zwischen ihnen, jede noch so kleine Bewegung fühlen konnte.
Maxwell hatte begonnen ein wenig hin und her zu schwingen, summte dabei ein bisschen mit, um den Takt zu finden. Jacob entschloss sich seinen Bewegungen zu folgen und sobald Max den passenden Einsatz gefunden hatte, setzen sie sich in Bewegung.
Es war anfänglich ein wenig holprig, doch schon bald hatte Jacob herausgefunden, wie er die Signale von Maxwells Körper richtig interpretieren und in die passenden Schritte umwandeln konnte. Von da an glitten die beiden mühelos über das Parkett, drehten sich anmutig im Takt der Musik.
Jacob musste sich eingestehen, dass ihm das Tanzen sogar Spaß machte. Es war wie Max gesagt hatte, man brauchte nur den richtigen Partner. Als er sich sicher genug fühlte, öffnete er sogar seine Augen wieder. Die Leute am Rande der Tanzfläche verschwammen zu einem schwarz-bunten Einheitsbrei, deren Gesichter er nicht erkennen konnte. Aber er stellte sich vor, dass sie alle ziemlich geschockt aussehen mussten.
Der Assassine war jedoch nicht der einzige, der sich nun mehr traute. Maxwell begann damit ein paar schwierigere Figuren in ihren Tanz mit einzuflechten; ein paar schnelle Drehungen um ihre eigene Achse, ein Richtungswechsel und kurz darauf noch einer.
Es schien fast so als hätten die beiden nie etwas anderes gemacht, so leichtfüßig bewegten sie sich durch den Ballsaal.
Zu gerne hätte Jacob die Zeit angehalten, um weiter in diesem Moment zu schwelgen, in dem es keine Konsequenzen für ihre Taten gab, in diesem Moment in dem es nur ihn und Maxwell gab und die restliche Welt vergessen war. Keine Templer und Assassinen, keine Rooks und keine Blighters, sondern nur sie beide.
Doch leider konnte er das nicht und mit dem Abklingen der Musik kam auch ihr gemeinsamer Tanz, ihr kleines mörderisches Duett, zum Ende. Mit ein paar gemeinsamen Drehungen auf die letzten Takte brachte Maxwell sie schließlich zum Stehen, hielt aber weiterhin an Jacob fest, unwillig sich von ihm zu lösen, in der Hoffnung diesen Moment noch ein bisschen länger auszukosten.
Aber Jacob machte ebenso wenig Anstalten sich von seinem Tanzpartner zu lösen. Sein Herz schlug aufgeregt gegen seinen Brustkorb und so verboten nah, wie die beiden aneinander gedrückt waren, war er sich sicher, dass Maxwell es ebenso pochen fühlen konnte.
Die Realität holte die beiden jedoch schnell wieder ein und sie traten ein paar Schritte auseinander, als sie das zügige Klacken von Absetzen auf dem Parkett vernahmen, welches Starricks Ankunft verkündete.
„Mr. Roth, was in Gottes Namen erlauben Sie sich.“ durchschnitt die kalte Stimme des Templergroßmeisters die Stille. Auch wenn er ruhig blieb, konnte man sehr gut erahnen welcher Zorn unter der Oberfläche brodeln musste. Maxwell hatte ihn schließlich grade in seinem eigenen Haus zum Gespött gemacht.
Anstatt jedoch schuldbewusst den Kopf einzuziehen und gen Boden zu richten, so wie Jacob es grade tat, um jeglichen Blickkontakt mit Starrick zu vermeiden, schien es für den Blighter eher eine Herausforderung zu sein.
„Ich glaube nicht, dass das der richtige Zeitpunkt ist, um mich zu erklären. Denken Sie nicht, Mr. Starrick.“ Maxwells Worte klangen mehr wie eine passiv-aggressive Warnung. Wenn Starrick vor all seinen Leuten versuchen wollte ihn zu maßregeln, dann musste er mit einem Echo rechnen.
Jacob fühlte sich grade als wenn er zwischen die Fronten eines Revierkampfes zweier Löwenmännchen geraten war.
Doch zum wiederholten Male an diesem Abend schien das Glück auf seiner Seite zu sein, da Starrick darauf verzichten wollte eine Szene auf seiner eigenen Feierlichkeit zu machen.
„Ich erwarte Sie morgen in meinem Büro, Roth. Für Sie wird das ebenfalls ein Nachspiel geben, Mr...“
„Church, Sir.“ antwortete Jacob schnell als Starrick bei seinem Namen stockte, ohne dabei den Blick vom Boden zu heben.
„Und nun verlassen Sie beide auf der Stelle mein Haus.“ Der Assassine leistete der Aufforderung nur zu gerne Folge und drehte sich sofort in Richtung Ausgang, doch Maxwell konnte einfach nicht widerstehen seinem Vertragspartner noch einen letzten Satz mit auf den Weg zu geben, bevor er ging: „Wie Sie wünschen, Crawford und vielen Dank für den heiteren Abend.“
Zu gerne hätte sich Jacob noch mal umgedreht, um zu schauen ob Max's Worte nun doch dazu geführt hatten, dass vor Wut ein paar Adern auf Starricks Schläfen hervortraten, aber er besann sich eines Besseren und verließ den Ballsaal, dicht gefolgt von Max.
Als sie beide in sicherer Entfernung vom Ballsaal an der Garderobe waren, um Ihre Mäntel wieder entgegen zu nehmen sprach Maxwell endlich wieder: „Brauchst du eigentlich eine Mitfahrgelegenheit, mein Lieber, oder kommst du allein zurecht?“
Jacob hatte endlich wieder seinen Hut zurück und drapierte ihn unverzüglich auf seinem Haupt bevor er antwortete: „Ich hätte nichts dagegen, wenn du mich ein Stück mitnehmen könntest.“
„Und wo soll ich dich rauslassen?“
„In der Nähe der Whitechapel-Station wäre es mir ganz recht.“
Die beiden machten sich auf den Weg zu Maxwells Kutsche und kaum hatten sie die Tür hinter sich geschlossen, riss Maxwell sich förmlich die Maske herunter. Mit einer Hand fuhr er sich kurz durch die Haare, um sie ein wenig zu richten und sah dann erwartungsvoll zu Jacob herüber.
Der junge Assassine war im ersten Moment jedoch nicht fähig es ihm gleich zu tun, zu sehr war er damit beschäftigt das Gesicht des Blighters zu studieren. Im Schein der Öllampe hatte er nun endlich einen freien Blick auf Maxwells Narbe und ihre Ausmaße. An der Schläfe beginnend zog sie sich herunter bis auf seine Wange, die Haut dort unebenmäßig und unsauber verheilt und dennoch wirkte sie keinesfalls entstellend. Viel mehr unterstrich sie sein Image, des gefährlichen Ganganführers. Zu gerne hätte Jacob die Geschichte, die hinter dieser Verletzung steckte, erfahren, doch das schien ihm eine etwas zu private Frage für ein erstes Treffen zu sein.
Stattdessen rief er sich ins Gedächtnis, dass er Max vermutlich auch nicht so anstarren sollte und riss endlich seinen Blick von ihm los.
Doch Maxwell schien das ganz und gar nicht zu stören. Das fast schon selbstgefällige Lächeln auf seinen schmalen Lippen zeugte davon, dass er genau zu wissen schien, was für eine Wirkung er auf Jacob hatte und das er es in vollen Zügen genoss von dem jüngeren Mann gemustert zu werden.
„Möchtest du das alberne Ding nicht auch endlich abnehmen?“ fragte er schließlich nach und deutete auf Jacobs Maske.
„Dabei hatte ich mich grade daran gewöhnt.“ witzelte Jacob, griff dann aber doch nach dem schwarzen Seidenband, um die Schleife zu öffnen, welche die Porzellanmaske an Ort und Stelle hielt. Mit seiner anderen Hand setzte er die Maske vorsichtig ab und sah wieder zu Max hoch, nur um festzustellen, dass dieser nun an der Reihe war seinen Gegenüber genaustens zu mustern.
Nein, Mustern war nicht der richtige Ausdruck. Maxwell schien ihn mit seinen Blicken regelrecht zu entkleiden. Was hätte Jacob nicht grade alles dafür gegeben, um zu erfahren was dabei im Kopf des Blighters vor sich ging. Tat er das nur um Jacob aus seiner Komfortzone drängen zu wollen, ähnlich wie er selbst es des öfteren tat, wenn er mit Henry Green oder Sergeant Abberline sprach oder verhielt sich Max bei allen Leuten so mit denen er interagierte? Vielleicht war er aber auch der Einzige, den Maxwell so mit Komplimenten und Kosenamen überhäufte, den er mit so einem Verlangen ansah. Jacob hoffte jedenfalls das Letzteres der Fall war, auch wenn der rational denkende Teil seines Verstandes dagegen protestierte und ihm wieder einreden wollte, wie unmoralisch und falsch solche Wünsche doch waren.
Aber Jacob Frye hatte sich schon immer mehr auf sein Bauchgefühl, seinen Instinkt verlassen und der sagte ihm, dass so etwas nicht im Geringsten verwerflich war.
Die Kutsche schaukelte ein wenig, als sie über ein Schlagloch fuhr und holte die beiden Männer so wieder in die Realität zurück.
Der Assassine hatte keine Ahnung wie lange die beiden stumm dagesessen hatten, sich einfach nur gegenseitig beäugend, aber vermutlich sollte er besser vom Thema ablenken.
„Ich denke ich muss mich noch bei dir bedanken, Max. Dafür, dass du mir die Haut gerettet hast.“
Maxwell schüttelte amüsiert den Kopf. „Oh nein, mein lieber Jacob, ich hab viel mehr zu Danken, für den wunderbaren Tanz.“
„Du verdammter Teufel, dann war das also nicht von dir geplant, dass Starrick uns rauswirft?“ Jacob konnte nicht anders als bis über beide Ohren zu grinsen. Er konnte nicht wütend auf Max sein, dafür hatte er selbst zu viel Spaß gehabt. „War er überhaupt hinter mir, bevor du mich auf die Tanzfläche gezogen hast?“
„Wenn er nicht hinter dir gewesen wäre, hätte ich nicht improvisieren müssen, mein Lieber. Und ein gemeinsamer Tanz war das erste, was mir einfiel um von ihm weg zu kommen. Das wir dann auch noch rausgeworfen werden, war ein glückliches Nebenprodukt.“
„Ich vermute mal, dass ein anderes Nebenprodukt sein wird, dass du zukünftig auch keine weiteren Einladungen mehr von ihm bekommst.“
„Der gute, alte Crawford wird darüber bestimmt genauso  traurig sein wie ich. Mich einzuladen war mehr reine Höflichkeit und Etikette. Ich glaube er hat jedes Mal gehofft, dass ich absage, zumindest hat sein Gesicht immer Bände gesprochen, wenn er mich dann doch gesehen hat.“
Jacob lehnte sich zurück in die Polster der Sitzbank und lachte bei der Vorstellung von Starricks angesäuertem Blick.
„Da wir grade von diesem fürchterlichen Mann reden, Darling; du könntest 'Starrick's Brewing Company' im Bezirk Southwark vielleicht einen kleinen Besuch abstatten. Auf dem Gehöft ist eine Brennerei, die du genauer inspizieren solltest.“
„Nur inspizieren oder soll ich das Ding in die Luft jagen?“
Maxwells stechend grüne Augen leuchteten bei Jacobs Vorschlag begeistert auf. „Warum nicht, Jacob. Warum nicht.“ schmunzelte er und auch der junge Assassine konnte seine eigene Begeisterung kaum im Zaum halten.
Endlich hatte er etwas handfestes, mit dem er dem Templerorden einen Schlag versetzen konnte, endlich konnte er von sich aus handeln und nicht immer nur reagieren, wie Evie es immer tat. Das Allerbeste daran war jedoch, dass er in Max jemanden gefunden hatte, der ihn zu verstehen schien und der seine Bemühungen wertschätzte.
Für einen kurzen Moment wunderte sich Jacob ob das warme Gefühl, welches sich in seinem Brustkorb breit machte, wirklich nur pure Vorfreude auf sein morgiges Tagwerk war. Sein Gedanke daran war allerdings schnell wieder vergessen, als ein Blick aus dem Fenster ihm sagte, dass sie schon fast am Bahnhof angelangt waren.
Es war schon fast ein bisschen schade, dass er nicht noch mehr Zeit mit Maxwell verbringen konnte, aber er hatte noch einiges tun, musste sich auf Morgen vorbereiten und musste vor allem diese Templerkleidungsstücke loswerden und sich wieder normale Sachen anziehen, bevor ihr Zug hier am Bahnhof einfuhr.
Maxwell hatte seinen abwesenden Blick aus dem Fenster mitbekommen und schenkte ihm ein verständnisvolles Lächeln. „Ich denke hier trennen sich unsere Wege, zumindest für diesen Abend. Solltest du jedoch in deiner Freizeit ein paar Minuten übrig haben, kannst du mich jederzeit in der Alhambra besuchen. Ich werde die Hintertür für dich offen lassen oder ein Fenster, was auch immer dir lieber ist.“
„Lass dich überraschen, Max.“ kaum hatte Jacob dies ausgesprochen, hielt die Kutsche auch schon an. Mit einem leisen Seufzer erhob er sich von seinem Platz und öffnete die Kutschentür, um heraus zu klettern. Kühle Nachtluft schlug ihm entgegen und Jacob atmete einmal tief durch, bevor er sich noch einmal zu Maxwell umdrehte, der ebenfalls aus der Kutsche gestiegen war.
Nach passenden Worten für eine Verabschiedung suchend, stand er etwas hilflos da. Ein einfaches 'Auf Wiedersehen' würde dem ganzen Abend nicht gerecht werden, würde ihnen beiden, aber allen voran Max nicht gerecht werden.
Zu seinem eigenen Glück traute sich Maxwell jedoch als erster das Wort zu ergreifen.
„Jacob, mein Lieber...“ seine Stimme war warm und ließ den Assassinen abermals alles um sie herum vergessen. Maxwell griff vorsichtig nach Jacobs linker Hand und strich mit seinem Daumen leicht, fast schon geistesabwesend, über die Fingerknöchel des jungen Mannes, während er weiter sprach: „Bevor du gehst, möchte ich noch etwas klar stellen. Du solltest den Worten deiner Schwester nicht so viel Beachtung schenken, denn auch sie irrt sich... Du bist nicht wahnsinnig. Du bist definitiv der mutigste Mann Londons.“
Jacobs Atem stockte kurz, nur um darauf als leises, aber dennoch belustigtes Keuchen seiner Kehle wieder zu entfliehen, während er seinen Blick, fast schon schüchtern, von Maxwell in Richtung Boden abwandte. Auch wenn er diese Worte so ähnlich bereits vorhin in Starricks Garten gehört hatte, verfehlten sie trotz allem nicht ihre Wirkung. Er fühlte abermals Hitze seinen Nacken hoch kriechen, sich höher in Richtung seiner Ohren und Wangen vorarbeitend, um sich dort in Form von Schamesröte niederzulassen.
Grade wünschte sich Jacob, dass er die Maske lieber doch aufgelassen hätte, dann wäre es jetzt zumindest einfacher seine glühenden Wangen zu verbergen.
Seine Aufmerksamkeit wurde im nächsten Augenblick jedoch auf etwas anderes gelenkt.
Er spürte wie seine Hand, welche Maxwell immer noch fest hielt, sachte von diesem nach oben und in Richtung seines Gesichts geführt wurde. Wie gebannt folgte Jacobs Blick dieser Bewegung, neugierig, unwillig seine Hand weg zu ziehen.
Maxwells Lippen pressten zärtlich gegen Jacobs Fingerknöchel und der junge Assassine glaubte, dass für einen Moment sein Herz aussetzte, nur um darauf in doppelter Geschwindigkeit weiter zu schlagen.
Er glaubte Hitze zu spüren, welche von Maxwells Hand ausging. Hitze die er nicht so intensiv fühlen sollte, da sie beide dünne Lederhandschuhe trugen. Doch das war noch nichts im Vergleich zu Maxwells Lippen, welche das Gefühl hinterließen als hätte man ein glühendes Eisen auf Jacobs Haut gedrückt. Er rechnete schon damit eine Brandmarkierung auf seiner Hand sehen zu können, sobald Maxwell seine Hand wieder freigab.
Zu Jacobs großer Überraschung, waren jedoch sowohl seine Haut als auch sein Handschuh unversehrt, als Max seine Lippen von ihm löste und seine Hand langsam nach unten sinken ließ.
Nachdem Jacob sich abermals vergewisserte, dass seine Hand kein Feuer gefangen hatte, schnellte sein Blick wieder nach oben, nur um von Maxwells süffisantem Lächeln begrüßt zu werden.
Als hätte er allein darauf gewartet, dass Jacob ihn wieder ansah. Dann erhob er wieder seine Stimme: „Ich wünsche dir noch eine angenehme Nachtruhe, Jacob – Darling.“
Immer noch unfähig einen Ton hervorzubringen, das eben Geschehene noch immer verarbeitend, stand Jacob mit leicht geöffnetem Mund da, fühlte wie Maxwells Finger ihn nun endgültig losließen und konnte nur dabei zuschauen, wie der Blighter sich langsam umdrehte, um wieder in die Kutsche zu steigen.
Ein wenig zitternd atmete Jacob aus. Er hatte nicht einmal mitbekommen, dass er seinen Atem angehalten hatte, so überwältigt war er von dieser neuen Erfahrung, seinen Gefühlen und von seinen verworrenen Gedanken, die ihm durch den Kopf schwirrten und die er in einer ruhigen Minute sortieren müsste.
Aber dafür war später noch genug Zeit. Jetzt zählte nur, dass er Maxwell nicht einfach gehen lassen konnte, ohne sich nicht selbst zu verabschieden.
„Max!“ hörte er sich rufen, bevor er überhaupt darüber nachdenken konnte, was er eigentlich sagen wollte.
Maxwell hatte bereits einen Fuß in die Kutsche gesetzt, als er sich wieder zu Jacob umdrehte und ihn erwartungsvoll anlächelte.
Für einen kurzen Augenblick suchte der junge Assassine, fast schon panisch, nach der richtigen Verabschiedung, doch zu seiner Erleichterung fielen ihm tatsächlich die passenden Worte ein.
„Gib auf dich Acht, Max. Du weißt, Whitechapel ist jetzt Rooks-Territorium.“ riet er dem Blighter.
Bei seinen Worten zog sich ein breites Grinsen über Maxwells Gesicht und Jacob rechnete schon fast damit eine sarkastische Bemerkung als Antwort zu erhalten. Doch zum wiederholten Mal überraschte Maxwell ihn mit seiner Antwort.
„Keine Sorge, das werde ich, Darling. Das werde ich.“ Mit diesen Worten schloss er die Kutschentür hinter sich und nur wenige Sekunden später, setzte sie sich auch schon in Bewegung.
Jacob sah der davon fahrenden Kutsche hinterher, bis sie an der nächsten Straßenecke abbog und lauschte noch für einen Moment dem dumpfen Geklapper von Hufen auf den dreckigen Pflastersteinen, bis dieses kaum mehr zu vernehmen war.
Dann raffte er sich auch endlich dazu auf die Beweise für seinen kleinen Ausflug zu vernichten. Er entledigte sich schnell dem Mantel und riss sich die Kette mit dem Templerkreuz vom Hals, bevor er sich auf machte um in den engen Seitengassen von Whitechapel nach einer Möglichkeit zu suchen besagte Sachen los zu werden.
Auf einem kleinen Innenhof wurde er schließlich fündig. In einer Feuerschale glomm noch ein wenig Glut. Das durfte ausreichen um den Mantel zu verbrennen.
Jacob warf ihn kurzerhand in die Feuerschale und sah dabei zu, wie erst ein wenig Qualm aufstieg und dann kleine Flammen an dem Stoff züngelten.
Zufrieden blickte Jacob in die stetig wachsenden Flammen und warf die Kette noch hinterher.
„Ich danke für den netten Abend, Mr. Church, aber ich glaube Ihre Dienste werden nun nicht länger benötigt.“ murmelte er in die Flamme, ehe er sich umdrehte und sich wieder auf den Weg in Richtung der Hauptstraße machte.
Während er durch die dunklen, engen, dreckigen Häusergassen spazierte, strich er unterbewusst mit seinem Daumen immer wieder über die Stelle, an welcher vor ein paar Minuten noch die Lippen von Maxwell gewesen waren. Jacob hatte immer noch das Gefühl ein sanftes Kribbeln dort zu spüren, fast so als würde Max ihn noch immer dort festhalten, noch immer dort küssen.
Bei dem Gedanken an den Kuss schoss Jacob abermals die Hitze in die Wangen und sein Herz begann wieder zu rasen. Verdammt, er kam sich vor wie eine der unzähligen jungen Damen, mit denen er selbst, damals in Crawley, so schamlos geflirtet hatte.
Jacob schüttelte den Kopf und versuchte an etwas anderes zu denken. Doch egal wie sehr er sich auf andere Dinge zu fixieren versuchte, seine Gedanken landeten immer wieder bei Maxwell, bei ihrem gemeinsamen Tanz und diesem gottverdammten Kuss, bei der Vorstellung wie sich Maxwells Lippen wohl angefühlt hätten, wenn sie tatsächlich seine Haut berührt hätten, wie gerne er noch weiter mit ihm getanzt hätte, so dicht aneinander gedrückt und wie störend diese vielen Schichten Kleidung doch gewesen waren.
„Verdammt, Jacob, was zum Teufel denkst du da nur?“ ermahnte er sich selbst und atmete tief durch. Er war so furchtbar verwirrt. Auf der einen Seite hatte er jeden Moment mit Maxwell genossen und es hatte sich gut – nein – es hatte sich richtig angefühlt. Jedes Kompliment, jedes Mal wenn Max ihn 'mein Lieber' oder 'Darling' nannte, hatte Jacobs Herz einen kleinen, freudigen Hüpfer gemacht.
Andererseits war er sich bewusst, dass es unter Strafe stand so offen Intimitäten mit einem anderen Mann auszutauschen. Sodomie wurde zwar seit einigen Jahren nicht mehr mit dem Tod geahndet, aber einen Gefängnisaufenthalt wollte sich Jacob ebenso sehr ersparen.
Jedoch musste er zugeben, dass er noch nie gut darin gewesen war sich an Recht und Gesetz zu halten, schließlich war er ein Assassine. Seine Berufung brachte es mit sich dem Gesetz ein Schnippchen zu schlagen, um die Welt ein Stück besser zu machen.
Seine eigentlichen Ängste und Sorgen rührten viel mehr daher, wie Evie auf all das reagieren würde, falls sie es heraus fand. Würde sie Verständnis zeigen oder ihm doch eine Moralpredigt halten, wie falsch das Ganze war und wie leichtsinnig und dumm Jacob doch sein musste, dass er nicht nur für irgendeinen Mann sondern ausgerechnet für Maxwell Roth Gefühle entwickelte.
Jacob seufzte leise und schüttelte den Kopf, in der Hoffnung, dass seine zwiegespaltenen Gedankengänge ebenfalls mit abgeschüttelt wurden. Er blickte an der Hausfassade hinauf, vor der er stehen geblieben war. Vor seinem Aufbruch hatte er oben auf dem Dach eine Tasche mit seiner Alltagskleidung und seinen Waffen dort versteckt.
Mit ein wenig Anlauf begann er die Wand geschickt zu erklimmen, hielt sich an hervorstehendem Mauerwerk fest und zog sich an Fensterbrettern hoch, bis er schließlich auf dem Dach angelangt war.
Die Tasche stand immer noch genauso da, wie er sie zurück gelassen hatte und Jacob konnte es kaum erwarten wieder in seine normalen Sachen zu schlüpfen. Zügig entledigte er sich seines Anzuges und stopfte ihn unachtsam in die Tasche zurück.
Fertig angezogen und mit all seinen Waffen ausgerüstet, machte Jacob sich wieder auf den Weg nach unten und dann in Richtung Bahnhof. Er war vielleicht seit einer knappen Minute an den Gleisen angekommen als er in der Ferne das Pfeifen des Zuges hörte, welcher herannahte.
Sobald dieser an der Haltestelle eingefahren war schlüpfte Jacob lautlos hinein und schloss die Tür zu seinem Abteil hinter sich. Die Tasche mit seinem neuen Anzug schob er mit seinem Fuß unter die Couch, auf welcher er für gewöhnlich schlief, so dass niemand sie sofort entdecken würde.
Erschöpft, noch immer etwas errötet und mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht ließ sich Jacob auf das Sofa fallen. Das hatte doch alles viel besser geklappt als erwartet und seine Schwester hatte nicht einmal etwas gemerkt. Von wegen er könne nicht diskret vorgehen.
Jacob lehnte sich etwas nach vorn und schnappte sich die angebrochene Whiskyflasche und ein Glas vom kleinen Beistelltisch neben der Couch, um damit den Abend ausklingen zu lassen. Er beäugte das Glas für einen Moment, nur um zufrieden festzustellen, dass es noch nicht all zu dreckig war und man noch von trinken konnte.
Grade als er sein Glas befüllt und daran genippt hatte, öffnete sich jedoch die Tür zu seinem Abteil.
„Jacob, wo um alles in der Welt bist du...“ begann Evie mit ihrer Moralpredigt, stockte dann jedoch und musterte Jacob ein wenig. „Wirklich? Du warst trinken?“ schlussfolgerte sie mit ernüchternder Stimme.
Jacob konnte sein Glück kaum fassen. Seine Zwillingsschwester hatte seine geröteten Wangen tatsächlich fehlgedeutet und glaubte sie stammten vom Alkohol.
„Was kümmert's dich? Geh lieber wieder auf Schatzsuche,“ versuchte er Evie abzuwimmeln. Leider mit wenig Erfolg.
„Was für eine Professionalität du doch an den Tag legst, Jacob. Erst hältst du Mr. Green und mich von der Arbeit ab, weil du unbedingt Templer töten möchtest und jetzt, wo du nach Hinweisen und Spuren suchen sollst, um dein Ziel zu finden, vergeudest du deine Zeit in irgendwelchen Spelunken und betrinkst dich.“ tadelte sie ihren jüngeren Bruder. „Wahrscheinlich muss ich noch dankbar sein, dass du dieses Mal nichts hast zu Bruch gehen lassen.“
Jacob verdrehte genervt die Augen. „Bist du dann fertig?“ fragte er mit zynischem Unterton, bevor er sich wieder seinem Whiskyglas widmete.
Ein lang gezogener Seufzer war von Evie zu hören, als sie sich umdrehte und Jacobs Abteil wieder verließ.
Unter anderen Umständen hätte Evies Auftritt grade vermutlich Jacobs gute Laune verdorben, jedoch nicht heute. Er war noch immer zu aufgeregt von den Ereignissen des heutigen Abends, von seiner neuen Bekanntschaft und all den neuen, unbekannten Gefühlen die in ihm aufkeimten.
Der junge Assassine machte es sich auf dem Sofa bequem, legte die Beine hoch und nippte immer wieder an seinem Whisky während er seine Gedanken schweifen ließ. Er konnte es kaum erwarten Morgen an die Arbeit zu gehen. Doch vor allem konnte er es kaum erwarten Maxwell wieder zu sehen. Er war gespannt darauf, was für Überraschungen der Blighter noch für ihn im Petto hatte.
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