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Ein kleines, schwarzes Buch

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie / P6 / Het
14.02.2022
14.02.2022
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3.984
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14.02.2022 3.984
 
Mein Beitrag für die erste Runde. Ich glaube, ich hab schon lange nicht mehr so viel am Stück geschrieben :'D  Link zum Wettbewerb. Viel Spaß!

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Das kleine Büchlein, das Nico aus der Kiste holt, hat einen schwarzen Umschlag mit einem aufgedruckten Vollmond. Es ist die vorletzte Kiste, die er vom Dachboden hinunter in das fast kahle Wohnzimmer geschleppt hat. Das Sofa, der Fernseher, der kleine Tisch und das hohe Bücherregal sind bereits sicher verpackt im Umzugswagen verstaut. Die eingedrückten Kisten, die Nico auf dem Dachboden gefunden hat, scheinen noch von ihrem Einzug zu stammen und seitdem ihr vergessenes Dasein in der hintersten Ecke gefristet hatten. Eine dicke Schicht Staub hatte sich wie eine Decke auf die Pappe gelegt. Das meiste waren - wie Nico nach einem durchstöberten Karton vermutet und nach drei Kartons festgestellt hatte - alte Sachen von seinem Vater und Kinderspielzeug, für das Nico schon beim Einzug zu alt war. Einige Kleidungsstücke, Ordner mit Unterlagen, altbackene Dekorationsartikel, ein kleiner Hase mit quietschenden Ohren, ein Set Bauklötze. Das kleine Haus, in dem Nico mit seiner Mutter bis vor kurzem gewohnt hatte, war vollkommen still, als er sich mit dem kleinen Büchlein auf den Boden setzte. Nicht einmal das altvertraute Summen des Kühlschranks oder das monotone Ticken der Uhr über dem Esstisch begleitete ihn. Es ließ das leere Haus noch fremdartiger wirken als die fehlenden Möbel. Nico schlug das Büchlein auf.

17. Januar 2002
Chrissy hat mir dieses Tagebuch geschenkt. Warum kann ich nicht sagen, ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir in letzter Zeit über so etwas gesprochen hätten. Als ich gefragt habe, hat sie nur gelacht und gemeint, es täte mir gut. Was davon so gut sein soll ist mir ein Rätsel, aber wenn sie meint... Zumindest einige Einträge ihr zu liebe werde ich wohl verfassen.

Das Tagebuch seines Vaters? Ungläubig drehte Nico das schmale Buch in seiner Hand. Die Handschrift war ihm selbst nach den Jahren vertraut, von Geburtstagskarten und Weihnachtskarten. Nico war noch klein gewesen, als seine Mutter die Scheidung beantragt hatte und seine Erinnerungen an diese Zeit waren nur wenige. Er konnte nicht älter als sieben gewesen sein. Einige Momente, eingefroren wie Fotos, blitzen durch seine Gedanken. Der kleine, gelb gestrichene Gerichtssaal, der ihn stark an seine Turnhalle in der Schule erinnert hatte. Der Einzug in das neue Haus, als seiner Mutter die Stehlampe aus der Hand gerutscht und an der Treppenstufe zerschellt war. Es war das einzige Mal, an das sich Nico erinnern konnte, als seine Mutter während dieser Zeit geweint hatte. Und rückblickend war er sehr sicher, dass die Tränen an diesem Tag nur sehr wenig mit der Lampe zu tun gehabt hatten. Nico betrachtete das Buch nochmals, bevor er es in seiner Jackentasche verstaute, um den offenen und den letzten, noch geschlossenen, Karton flüchtig zu durchsuchen. Weitere interessante Funde konnte er nicht ausfindig machen, doch die Zeit war zu knapp, um ausschließen zu können, dass - insbesondere die gelblich verblichenen Dokumente - doch noch wichtig waren. Nico beschloss, beide Kartons noch in den ächzenden Wagen zu hieven, und sie in seiner neuen Wohnung in Ruhe auseinander zu nehmen. Die ganze Zeit ruhte das Büchlein in der Jackentasche mit einem Gewicht, dass es unmöglich tatsächlich haben konnte.
Die neue Wohnung war groß geschnitten und hell. Sie bot Nico und seinem besten Freund und Mitbewohner Dennis mehr als genug Platz für ihre WG, und da sie beide auf den Luxus der Innenstadt verzichtet hatten, war sie sogar überraschend günstig. Gerade günstig genug für ihr knappes Studenten-Budget. Es fühlte sich an wie purer Luxus, als Nico mit einer Hand die Wohnungstür öffnete, während er mit der anderen die Pizzakartons balancierte. Gerade als er eintrat, sah er, wie die letzten Sonnenstrahlen des spätsommerlichen Tages ihr warmes, glühendes Licht durch die Balkontüren in dem voll gestapelten Wohnzimmer fluteten. Der morgige Tag würde nicht weniger anstrengend werden, die vielen Kartons, die ausgepackt, und die vielen Möbel, die zurecht gerückt werden wollten. Doch für heute war es genug und Nico verzog sich mit seiner Pizza - Schinken, wie immer, von der einzigen Pizzeria in Reichweite - in sein Zimmer. Dort angekommen ließ er sich auf seiner Matratze nieder, das Bett stand noch nicht. Und erst, als auch der letzte Krümel Pizza in seinem Bauch verschwunden war, konnte sich Nico überwinden, das Büchlein wieder aus seiner Jackentasche zu fischen.

19. Januar 2002
Wenn ich wenigstens ansatzweise wüsste, was andere Leute in solchen Büchern aufschreiben, würde mir die ganze Sache vielleicht eher einleuchten. Was ist interessant für mich in der Zukunft? Wohl kaum, dass wir gestern einkaufen waren. Das Brot, das Chrissy so mag, war im Angebot und unsere ganze Gefriertruhe ist randvoll mit geschnittenem Brot. Es ist kalt genug draußen, dass wir das Brot auch auf dem Fensterbrett liegen lassen könnten. Vielleicht wird es die Tage noch schneien.
20. Januar 2002
Ein Schneesturm hat uns für ein paar Stunden den Strom gekappt. Wir haben jetzt Brot in einem Wäschekorb vor der Haustür stehen, mit so vielen Büchern wie wir finden konnten. Vollkommen albern. Chrissy kichert seit Stunden. Vielleicht sollte ich ihr auch noch einen zweiten Wäschekorb füllen.
31. Januar 2002
Chrissy schlägt vor, dass wir nach einem Haus suchen. Irgendwo am Stadtrand, mit Garten und genug Platz für zwei. Oder für drei. Ob ich ein guter Vater wäre? Ich hoffe es. Ich würde ja am liebsten einen Bauplatz nehmen, aber Chrissy sagt, wir würden uns bei allen Details in die Haare kriegen und wahrscheinlich hat sie wie immer recht. Morgen werden wir erst einmal zu einem Makler in der Stadt fahren.
4. März 2002
Unsere zehnte Besichtigung war heute. Mittlerweile sind wir routiniert wie alte Hasen. Gibt es Wasserschäden, wie alt sind die Leitungen, die Fenster, die Rohre, warum wird das Haus verkauft? Ich glaube, das Haus könnte das Richtige für uns sein. Das Fenster in einem Schlafzimmer hat einen alten Eichenbaum vor sich und vielleicht wird in zwanzig Jahren unser Kind über diesen Baum zu einer Party flüchten. Chrissy gefällt die Küche, mir der Garten. Es ist etwas teurer als gedacht, ich bräuchte eine neue Arbeit. Ich glaube, wir sollten Ja sagen.
20. März 2002
Wir haben ja gesagt. Die Bank hat ja gesagt. Meine Arbeit habe ich für Ende Mai gekündigt, nächste Woche Vorstellungsgespräch. Die Stelle ist in der nächsten Stadt, vierzig Minuten Fahrzeit, aber das Gehalt reicht für das Haus, selbst wenn Chrissy nicht mehr arbeitet. Reiner Glücksfall, diese Stelle. Der vorherige Mitarbeiter ist ein Kumpel von einem Bekannten und ich wusste von der Stelle bevor es sein Chef wusste. Unsere Probleme wären auf einen Schlag gelöst. Chrissy bringt den blauen Anzug in die Reinigung, damit alles faltenlos glattgeht. Vielleicht sollten wir heiraten, bevor wir den Kaufvertrag unterschreiben.
26. März 2002
Ich habe Chrissy den Vorschlag gemacht, zu heiraten. Sie war weniger begeistert als ich dachte, will aber nicht recht sagen, was ihr daran nicht passt. Es hat nur Vorteile? Sie ist abgesichert, das Haus ist gesichert, die Steuervorteile? Vielleicht hat sie einfach noch nicht damit gerechnet, wer weiß. Aber sie hat ja gesagt, das ist das einzig Wichtige. Ich denke, ich werde Dezember vorschlagen, dann holen wir das Maximum aus der Steuer raus und Chrissy hat genug Zeit zu planen.
2. April 2002
Ich hab die Stelle bekommen! Mir fällt ein ganzes Gebirge vom Herzen. Die Firma macht einen großartigen Eindruck, total herzlicher Umgang, großzügiges Gehalt. Ziemlich hektisch der Laden, aber mir gefällt es, da wird man direkt eingebunden, direkt gebraucht. Chrissy hat Sekt zum Anstoßen besorgt, die Sonne scheint... ich glaube, wir sollten in den Stadtpark gehen, vielleicht ein Picknick? Das wird ihr bestimmt gefallen!
7. Juni 2002
Wir sind in das neue Haus eingezogen und ich habe meine neue Stelle angefangen. Es könnte nicht besser laufen! Heute Abend ist Einweihungsfeier, die erste Party im neuen Haus!
14. Juni 2002
Chrissy hat mir gestern erzählt, dass sie schwanger ist. Ich kann es noch gar nicht richtig fassen, alles geht so schnell. Die Kollegen auf der Arbeit freuen sich wahnsinnig für mich. Ich werde wahrscheinlich meine Stunden etwas erhöhen müssen, wenn Chrissy nicht mehr arbeitet, aber das war ja eingeplant. Wir werden die Hochzeit vorziehen, in den August oder September, sonst passt Chrissy nicht mehr in ihr Kleid.
19. August 2002
Endlich verheiratet! Chrissy hat sich Flitterwochen auf den Balearen gewünscht, aber schwanger und mit dem Hauskredit... Vielleicht in zwei Jahren, wenn ihre Eltern das Kind beaufsichtigen können.
1. Dezember 2002
Ich wurde befördert! Irre, eigentlich, schon nach einem halben Jahr. Ich leite jetzt meine eigene kleine Abteilung. Das Gehalt kann sich auch echt sehen lassen und einen Firmenwagen gab es auch dazu! Chrissy ist seit zwei Wochen im Mutterschutz und beschwert sich die ganze Zeit über alles. Das Kinderzimmer ist noch nicht fertig – warum auch, wenn wir immer noch nicht sicher wissen, was es wird? Auch wenn ich der festen Überzeugung bin, es wird ein Junge. Aber scheinbar ist er schüchtern vor der Ultraschallkamera. Trotzdem liegt sie mir die ganze Zeit in den Ohren, wann wir das Zimmer fertig haben. Wenn man nach ihrer Wahrnehmung geht, könnte das Baby jede Sekunde kommen, vollkommen egal, dass ihr die Ärzte wieder und wieder sagen, dass der Geburtstermin wohl auf Weihnachten fallen wird. Schwangerschaftshormone sind eben fies, da muss ich durch.
16. Dezember 2002
Chrissy hat sich geweigert, an unserer Weihnachtsfeier in der Firma teilzunehmen und ist immer noch sauer auf mich, weil ich hingegangen bin. Tut mir ja leid, dass ich mal einen Abend Spaß haben wollte anstatt die ganze Zeit von einer Aufgabe zur anderen gescheucht zu werden. Das Kinderzimmer ist eh fast fertig.
26. Dezember 2002
Mein kleiner Sohn schläft in seinem Krankenhausbettchen und ich kann die Augen nicht von ihm lassen. Alles an ihm ist so perfekt. Ich hatte keine Ahnung, dass etwas so winzig sein kann. Um mich herum stehen andere Eltern, vor der Scheibe des Babyzimmers und starren ihr eigenes kleines Wunder an. Es ist so ein unglaubliches Gefühl. Ich würde... ich werde alles für dieses kleine Wunder tun. Er wird das beste Leben haben, das ich ihm nur bieten kann.
5. Januar 2003
Chrissy regt sich darüber auf, dass ich schon wieder zur Arbeit fahre. Als ob ich den Tag nicht auch lieber damit verbringen würde, meinem Sohn dabei zu beobachten, wie er schläft. Wenn er denn schläft. Aber einer hier muss ja das Geld für das Haus und unser Essen verdienen? Sie ist so stur manchmal. Meine Mutter kommt nachher um ihr mit dem Haus zu helfen. Ich hoffe wirklich, sie nimmt die Hilfe diesmal an.
14. Februar 2003
Nico hat mich gerade das erste Mal richtig angelächelt und ich könnte Bäume ausreißen. Meine Mutter sagte zwar schon, dass er anfängt zu lächeln, aber es selbst zu sehen... was für ein Gefühl.
15. Mai 2003
Es ist wahnsinnig warm dieses Jahr. Nico und ich waren vorhin im Park, nach Sonnenuntergang. Ich habe ihm gezeigt, wo Chrissy und ich letztes Jahr unser Picknick hatten, als ich die neue Stelle zugesagt bekommen habe, die uns unser Haus ermöglicht hat. Er hat darüber nur sein breites Lächeln gegrinst. Er versteht schon so viel.
18. September 2003
Nico hat es heute geschafft, seine Hand in einer Küchenschublade einzuklemmen. Er ist mittlerweile so schnell unterwegs und Chrissy war am Kochen. Scheinbar ist es jetzt meine Schuld, weil ich nebenbei am Telefonieren war und nicht gesehen habe, wie er weggekrabbelt ist. Als ob sie nicht direkt daneben stand. Und überhaupt, nach vier bunt bedruckten Kinderpflastern war sowieso für Nico die Welt wieder vollkommen in Ordnung.
25. Dezember 2003
Nicos erster Geburtstag! Ich habe eine große Torte bestellt; Chrissy passt das natürlich wieder überhaupt nicht, weil er doch keinen Zucker essen soll. Dass hier gerade siebzehn Erwachsene stehen für Kaffee und Kuchen, die sehr wohl Zucker essen dürfen (mit Ausnahme von Tante Liselotte, die Diabetes hat)... was rege ich mich schon wieder darüber auf. Vielleicht wird das alles wieder etwas ruhiger, wenn Chrissy wieder anfängt zu arbeiten und das Haus ab und an verlässt.
2. Februar 2004
Dieses Jahr ist Europameisterschaft in Portugal und ich will mit Nico dorthin. Chrissy würde sich auch über den Urlaub freuen und hat ihre anfänglichen Bedenken mittlerweile überwunden. Wir haben uns darauf geeinigt, als Kompromiss nur die ersten Spiele live zu besuchen und nicht die Endspiele, wenn die Emotionen hochkochen. Wir fliegen im Juni und was freue ich mich darauf.
16. April 2004
Unsere Hotelbuchung ist geplatzt, das Hotel hatte einen schwerwiegenden Wasserschaden. Ich denke nicht, dass wir so kurz vor der Anreise noch einen Ersatz finden werden. Chrissy meinte, wir könnten ja einfach stattdessen Urlaub in Spanien machen, das wäre doch ohnehin fast dasselbe. Ich sag gar nichts dazu.
14. Juni 2004
Ich bin ab heute für vier Tagen Strohwitwer. Chrissy und Nico sind auf so einem Mutter-Kind-Ausflug auf einen Bauernhof. Merkwürdiges Gefühl, in dieses leere Haus zurückzukommen. Aber morgen kommen ein paar Leute von der Arbeit für ein Public Viewing vorbei, vielleicht schauen ein paar Nachbarn mit. Wir grillen gemeinsam vor dem Haus.
16. Juni 2004
Ich hoffe, ich kann die kaputte Scheibe unserer Terrassentür ersetzen lassen, bevor Chrissy nach Hause kommt.
19. September 2004
Nico geht jetzt schon in die Kita. Er liebt es, auch wenn er beim Hinbringen oft noch zu verschlafen ist, um nicht zu weinen. Es ist unglaublich, wie schnell er groß wird. Chrissy geht jetzt wieder einige Stunden arbeiten. Zum Glück war es ihr eigener Vorschlag, mir hätte sie dafür ja wieder den Kopf abgerissen. Aber dann kann ich jetzt auch wieder etwas kürzertreten, ein paar Überstunden weniger machen. Vielleicht schaffe ich es sogar einmal die Woche, Nico von der Kita abzuholen. Wir könnten danach wieder zusammen in den Park, so wie früher.
6. Dezember 2004
In Nicos Kita kam heute der Nikolaus und ich hab mir extra frei genommen. Chrissy hat meine Hand gehalten und ganz fest gedrückt, als Nico mit großen Augen zu dem kostümierten Nikolaus angestarrt hat, ein bisschen Schokolade um seinen Mund geschmiert. Vielleicht sind wir doch noch okay. Vielleicht wird doch wieder alles wie früher.
31. Dezember 2004
Die ersten Raketen lassen den Himmel bunt aufblitzen. Nico erschreckt sich vor jeder einzelnen und kichert dann begeistert. Ich könnte ihm stundenlang dabei zusehen, wie er in seiner niedlichen, winzigen  Latzhose am Fenster klebt, in seiner Hand die völlig vergessene Karotte, an der er vorher gekaut hat. Wenn ich einen Moment nehmen und einfrieren könnte... ich glaube, das wäre dieser Moment.
15. Februar 2005
Chrissy schlägt vor, dass wir zur Eheberatung gehen. Ich weiß nicht, wie sie sich das vorstellt, ich denke nicht, dass wir dafür aktuell auch noch Zeit haben. Solange wir nicht Nico mit dorthin nehmen wollen (und ich denke nicht, dass er das alles hören sollte), muss er auch noch abends alleine bleiben. Gut, ja, meine Eltern wären da, natürlich, aber er braucht doch seine Eltern. Seine Mutter ist jetzt ohnehin schon zweimal die Woche bei irgendwelchen Kaffee-Klatsch-Treffen, da sollte man doch erwarten können, dass er zumindest abends volle Aufmerksamkeit bekommt. Aber wenn ich dazu nein sage... wenn ich dazu nein sage, weiß ich wirklich nicht, wie sie das aufnehmen würde. Dass sie aber auch gerade jetzt mit diesem Vorschlag ankommen muss! Jetzt, wo es gerade richtig gut läuft! Nico ist glücklich, in meiner Arbeit läuft es gut, ich komme sogar meistens pünktlich nach Hause. Gute Güte, wenn sie unbedingt meint.
18. Juni 2005
Dass diese Frau aber auch immer mit wirklich allem recht haben muss. Furchtbar. Wir sind gerade von einem Spaziergang durch den Park zurück, ausnahmsweise nur wir beide. Wie ein frisch verliebtes Paar, Hand in Hand. Morgen wollen wir drei in den Urlaub fahren, an die Ostsee. Ich freue mich.
5. September 2005
Nico hat heute seinen ersten Tag im Kindergarten. Zur Feier des Tages gibt es heute Abend sein Lieblingsessen, Kinderburger mit Pommes. Er wird viel zu schnell groß.
25. November 2005
Der erste Schnee des Jahres fällt in dicken Flocken vor den Fenstern. Die Nacht ist so unheimlich still, irgendwo zwischen friedlich und bedrückend. Ich kann morgen sicherlich mit Nico einen Schneemann bauen, wenn es so weiter schneit. Womöglich sogar ein richtiges Iglu.
6. Dezember 2005
Nico ist immer noch erkältet und darf nicht in den Kindergarten für die Nikolaus Feier. Chrissy ist so sauer, dass ihr die Worte fehlen. Ich versuche gleich noch, irgendwo ein Nikolaus Kostüm aufzutreiben.
28. Dezember 2005
Es hat so viel geschneit die letzten Tage, dass ich von der Arbeit aus zuhause bleiben soll. Ich weiß gar nichts recht mit mir anzufangen und ich glaube, Chrissy wird tief aufatmen, wenn ich ihr nicht mehr die ganze Zeit im Weg stehe bei der Hausarbeit.
4. Juni 2006
Wir überlegen, einen Hund zu adoptieren. Jetzt wo Nico nicht mehr ganz so klein ist und Chrissy genug Zeit dafür hätte. Nico wäre vollkommen hin und weg. Wir werden wohl die Tage mal das Tierheim aufsuchen, natürlich noch ohne Nico, ich will mir gar nicht ausmalen, mit wievielen Tieren der Junge da wieder rauskäme.
8. Juli 2006
Nico hat einen großen Fleck Sonnencreme auf der Nase, ich hab einen großen blauen Fleck am Schienbein, wo er mich mit seiner kleinen blauen Gießkanne getroffen hat. Es ist heiß draußen, heiß genug, dass der einzig angenehme Ort das überlaufene Freibad ist. Chrissy ist im Schatten eingeschlafen, Nico tobt im Kinderpool. Mein Handy hat gerade zum dritten Mal vibriert, aber heute... ausnahmsweise... hab ich es wohl versehentlich zuhause gelassen.
16. September 2006
Nico ist heute auf einen Kindergeburtstag eingeladen, sein bester Freund im Kindergarten wird drei. Chrissy und ich wollen den Nachmittag einfach mal ganz für uns nutzen. Vielleicht gehen wir nachher ins Kino. Oder bleiben einfach nur zuhause im Garten und genießen die Ruhe. Einfach mal durchatmen. Macht man ja auch viel zu selten.
24. Dezember 2006
Die hellen Lichter des Weihnachtsbaums reflektieren von den Fensterscheiben. Nico ist auf Chrissys Schoß eingeschlafen, sein neues Kuscheltier fest umklammert. Ihre Füße liegen auf meinem Schoß, während sie irgendeinen Weihnachtsfilm im Fernsehen ansieht. Das leise Summen der Stimmen und der Nachklang von reißendem Geschenkpapier und quietschenden Freudenschreien ist den Stress der letzten Tage wert. Der ganze Stress ist es wert, am Ende des Tages.
26. Februar 2007
Ein paar Leute aus der Arbeit planen einen Segelurlaub im späten Frühling für zwei Wochen. Chrissy ist dagegen, aber ich glaube, ein paar Tage mal raus ist eine gute Idee. Und wir können ja im Sommer noch einmal einen großen Familienurlaub machen. Vielleicht diesmal sogar etwas weiter weg, jetzt wo Nico schon so groß wird. Und nächstes Jahr kommt er ja sogar schon in die Schule, wenn es nach mir geht.
9. August 2007
In der Arbeit gehen Gerüchte herum, dass es bergab geht. Die Konzernchefs sollen schon über Kündigungen und Abfindungen diskutiert haben. Ich kann es mir nicht leisten, meinen Job zu verlieren. Wir können uns das nicht leisten. Chrissys Teilzeitstelle würde nie genug einbringen, dass wir das Haus halten können. Ich muss heute Abend mit ihr besprechen, ob sie vielleicht ihre Stunden erhöhen kann, vorsichtshalber.
16. Dezember 2007
Ich weiß, ich bin momentan zu wenig zu Hause. Ich sehe meine Frau und meinen Sohn nur noch im Dunkeln, die Sonne schon längst hinter dem Horizont verschwunden, bevor ich meinen Firmenwagen in der Garage abstellen kann. Wir brauchen noch einen Weihnachtsbaum für dieses Jahr. Aber Chrissys Wechsel zwischen Genörgel und eisigem Schweigen ist nicht gerade hilfreich. Als ob ich etwas dafür könnte!
4. Februar 2008
Die Firma geht in den Notbetrieb. Zwei Abteilungen wurden bereits geschlossen und wer weiß, wer als Nächstes dran ist. Ich habe so viele Überstunden, dass ich befürchte, in Zwangsurlaub geschickt zu werden. Aber wenn ich nichts vorzuweisen habe an Produktivität, dann bin ich auf der Abschussliste ganz oben. Mark und ich überlegen hinter vorgehaltener Hand, die Überstunden einfach verschwinden zu lassen. Ihm geht es ähnlich wie mir, seine Frau versteht auch nicht im Ansatz, was hier auf dem Spiel steht. Aber ich komme nach Hause, sehe meinen kleinen Sohn, mein Baby, in seinem Bett schlafen und ich weiß, dass ich es ihm nicht antun kann, dass er vor dem Nichts steht. Ich habe ihm geschworen, dass er das beste Leben haben wird, und dafür brauche. ich. diesen. Job.
23. März 2008
Chrissy hat mir gerade ein Foto von Nico im Garten geschickt, wie er Ostereier sucht. Das weiße Licht der Neonröhren tut in meinen Augen weh, meine Ohren dröhnen, ich kann nicht länger auf den Bildschirm starren. Vielleicht sollte ich für heute nach Hause fahren. Aber ich kann Chrissys vorwurfsvollen Blick jetzt nicht ertragen. Ich hab doch sogar noch das Osternest versteckt, bevor ich heute Morgen gefahren bin! Nichts ist ihr recht, gar nichts.
17. September 2008
Ich hab Nicos Einschulung verpasst. Ich hatte mir sogar extra Urlaub eingetragen. Mein erster Urlaubstag dieses Jahr. Und ich bin einfach morgens in die Arbeit, wie jeden Tag. Wie jeden Tag. Ich bin so müde. Chrissy ist so wütend. Und Nico schweigt einfach nur, als wüsste er nicht, was er sagen soll. Was soll er auch sagen. Was soll ein Kind dazu sagen, wenn sein Vater die Einschulung vergisst.
8. Dezember 2008
Es herrscht eine Stille in unserem Haus, die kaum zu beschreiben ist. Ich gehe, lange bevor die Sonne aufgeht, ich komme, lange nachdem sie untergegangen ist. Nico geht es gut in der Schule. Er hat schnell Freunde gefunden und verbringt mittlerweile viele Nachmittage dort zu Besuch. Chrissy ist zufrieden mit ihrer Arbeit und damit, Nico zu bemuttern, wenn er da ist. Und irgendwo dazwischen... irgendwo dazwischen war mal ein Wir, von dem irgendwie... irgendwie kein Licht mehr ausgeht.
9. Februar 2009
Weihnachten kam und ging. Silvester kam und ging. Alles fließt ineinander über und die Wellen ziehen mich mit und ich weiß nicht... ich weiß nicht.
16. April 2009
Ich denke immer wieder darüber nach und ich kann es dennoch nicht über mich bringen, es zu schreiben oder gar auszusprechen. Ich warte auf den großen Knall, der nicht kommen will. Die Stille ist so laut.
1. August 2009
Christina will sich trennen.
4. August 2009
Ein Teil von mir ist froh, dass sie es ausgesprochen hat. Der Großteil von mir ist so taub.
5. September 2009
Morgen ziehen Christina und Nico in ein kleines Haus am anderen Ende der Stadt. Sie werden es da gut haben.
10. September 2009
Bei jedem sieht die Hölle anders aus. Sie besteht nicht nur aus Feuer und Qualen. Es ist die Erkenntnis, was alles schiefgelaufen ist. Und wenn ich mich in meinem leeren Haus umsehe, dann kann ich sie immer noch sehen. An jeder Ecke eine Entscheidung, die ich gegen meine Familie getroffen habe. Auch, wenn ich es da nicht wusste... Nicht wahrhaben wollte. Ich... es tut mir leid.

Nico schloss das kleine Büchlein mit einem Seufzen. Seine Gedanken wirbelten so schnell umher, dass er sich fühlte wie im Auge des Sturms. Scham über seine Entscheidung, das Tagebuch eines anderen zu lesen. Trauer. Wut? Zaghafte Freude darüber, zu lesen, dass er geliebt worden war... Wie sehr er geliebt worden war. All die Jahre voller Distanz, die angespannten Treffen, ein Vater, der nichts mehr recht mit einem heranwachsenden Jungen anzufangen wusste, den er nicht mehr erkannte. Ein Sohn, der sich einen Vater wünscht, aber irgendwie nicht diesen Vater, mehr ein abstraktes Bild, wie ein Vater sein sollte. So viel Sehnsucht nach etwas, was in seinen Erinnerungen nie dagewesen und doch hier blau und schwarz auf weißes liniertes Papier gebannt war.
Nico blinzelte gegen das Brennen in seinen Augen an und ließ den Kopf gegen die Wand sacken. Er würde Zeit brauchen, um den tosenden Sturm in seinem Kopf zu ordnen. Festzustellen, ob all diese Gedanken, die er in einer staubigen Kiste in einem schwarzen Buch gefunden hatte, einen Unterschied machten. Seine Wahrnehmung änderten. Und wenn ja ... Ob es zu spät war. Zu spät um auf einen alt werdenden Mann zuzugehen und zu sagen: Dein Kind, das freudestrahlend am Fenster Feuerwerk bejubelt hat, studiert jetzt in einer anderen Stadt. Dein Kind hätte dich gebraucht.
Dein Kind versteht ...  
versteht nicht...
... vergibt?
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