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Warten auf Valentin

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama / P16 / Gen
14.02.2022
14.02.2022
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9.589
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Filmzitat: "Oh ja, die Vergangenheit kann wehtun. Aber so wie ich das sehe, kann man entweder davor davonlaufen oder daraus lernen." – Der König der Löwen


Nächste Haltestelle: Im Wehrfeld …“, tönt die monotone Frauenstimme vom Band über unsere Köpfe hinweg.
„Endstation“, fügt der Fahrer kurz und knapp über das Mikro hinzu.
Es sitzen nicht mehr allzu viele Leute mit mir im Bus. Als das Fahrzeug am Rondell hält und die automatischen Türen die restlichen Fahrgäste zischend auf den Bürgersteig spucken, schlagen alle bis auf ein junges Pärchen und ich einen anderen Weg ein. Es nieselt. Die beiden gehen eng aneinandergeschmiegt vor mir her, küssen und herzen sich, werfen einander verliebte Blicke zu. Sie hält eine einzelne langstielige Rose in der Hand, während er scheinbar beschützend – auf mich wirkt es eher besitzergreifend – einen Arm um ihre schmalen Schultern geschlungen hat.
Es ist mal wieder soweit, wie könnte ich das vergessen? Heute ist der 14. Februar, Tag der Liebe, der Wonne und was-weiß-ich-nicht-was. Ich erwarte diesen besonderen Tag stets mit einem leichten Ziehen in der Magengegend schon Wochen im Voraus, einem Ziehen, das mit jedem Tag, der verstreicht, heftiger wird. Spiel, Spaß, Spannung … und Schokolade! Dieser Slogan eines bekannten Süßwarenherstellers geistert mir durch den Kopf, während ich mit eingezogenen Schultern und hochgestelltem Kragen die Straße entlangeile. Werde ich dieses Mal wieder sündhaft teure Pralinen bekommen? Einen Strauß rote Rosen? Im letzten Jahr gab es weder noch, sonst aber eigentlich immer.
Ich werfe einen kurzen Blick zurück in Richtung Bushaltestelle, dann zerre ich meinen schwarzen Wollschal aus meiner Handtasche, schlinge ihn mir zweimal um den Hals und ziehe zusätzlich die Kapuze meiner ebenfalls schwarzen Steppjacke über den Kopf. Meine klammen Hände schiebe ich tief in die Jackentaschen, wo ich kaltes Metall ertaste. Meine Schlüssel sind da, gut, das Pfefferspray, noch besser. Und das Beste kommt immer zum Schluss, denke ich zufrieden. Am liebsten würde ich gegen die Kälte dicke, warme Fäustlinge überziehen, doch dann kann ich nichts richtig greifen, was sich je nach Situation als fatal erweisen könnte.
Es ist nach halb sieben, nass-kalt und schon fast völlig dunkel. Da es am Vortag für mich völlig unerwartet noch einmal geschneit hat, ist die Straße von gräulichem Matsch gesäumt; Streusplitt kratzt und knarzt unter den weichen Sohlen meiner Sportschuhe. Das Mädchen vor mir trägt hübsche modische Lederstiefeletten mit hohen Absätzen, wie ich es früher auch immer getan habe. Ich hatte eigentlich nur hohe Schuhe im Schrank. Die da vor mir kann es sich leisten, ich es mir hingegen nicht mehr.
Hier draußen an der Endhaltestelle der Linie 151 stehen fast ausschließlich Ein- bis Zweifamilienhäuser; wenn man gegen die Fahrtrichtung zurückläuft, so wie wir gerade, werden die Gebäude größer. Früher habe ich auch von einem eigenen Haus geträumt; irgendwann hätten wir es uns leisten können. Meine jetzige Wohnung ist klein und wirkt, als wäre ich gerade erst eingezogen, dabei wohne ich schon mehr als ein Jahr hier, was, das muss ich dazusetzen, lang ist für meine Verhältnisse. Ich habe es nicht eilig, dorthin zurückzukommen.
Ich hatte wirklich überlegt, mich vielleicht doch in eine der langweiligen Kneipen in der Innenstadt dieser 70.000-Seelen-Gemeinde zu setzen und abzuwarten. Vielleicht hätte mir sogar jemand einen Drink spendiert, obwohl es mir darum gar nicht gegangen wäre. Allein der Gedanke, dass ich nun darauf spekuliere, ärgert mich. Ich hatte schließlich auch mal Geld und habe mich eher selten einladen lassen, selbst als ich noch jung und hübsch war und die Männer Schlange standen, um mir Getränke auszugeben. Heute würde wahrscheinlich niemand mich mehr als hübsch bezeichnen. „Verhärmt“, hat Elke gesagt, als wir uns das letzte Mal trafen, irgendwann im letzten Jahr. Na wenigstens ist sie ehrlich.
Die meisten Frauen in meinem Alter gehen auf wie Hefeteig, bei mir ist es umgekehrt: Ich schrumpfe. Oder ist es bloß mein Rücken, der sich krümmt? Nein, meine Schwester hat schon Recht damit, wenn sie sagt, dass ich versuche mich kleinzumachen. Das birgt so manchen Vorteil in sich. Erstens wird man leichter übersehen und zweitens kann man in gebückter Haltung besser gegen einen Sturm bestehen.
Das laute Geräusch, das die hohen Hacken des vor mir laufenden Mädchens auf dem Gehsteig machen, hallt von den Garagentoren zu unserer Rechten wider; meine eigenen Schritte dagegen sind fast lautlos. Als Kind hatte ich nie Angst im Dunkeln. Zumindest erinnere ich mich nicht daran, welche gehabt zu haben. Die kam erst später. Ungefähr zu der Zeit, als ich mir abgewöhnte, hohe Absätze zu tragen. Ich schiebe den Gedanken beiseite und lege einen Zahn zu, um den Abstand zwischen mir und den beiden Turteltauben nicht zu groß werden zu lassen.
Ist doch ganz anständig gelaufen heute, sage ich halblaut zu mir selbst, um mich abzulenken. Für meine Verhältnisse war es ein erfolgreicher Tag. Nachdem ich monatelang das Gefühl hatte festzustecken, haben wir vor kurzem einen Durchbruch erzielt, meine Therapeutin und ich, wenn auch nur einen kleinen. Es geht um Vertrauen, worum sonst? Es geht immer nur um Vertrauen. Ich habe Schwierigkeiten mich zu öffnen, doch wie soll mir das auch gelingen, wenn ich mir stets hohl und leer vorkomme wie ein schon lange verlassenes Schneckenhaus? Verschlossen wie eine Auster sei ich, das findet auch meine Therapeutin, wenn ich schon bei den Weichtieren bleiben will. Stecke fest in meiner Opferrolle und es täte mir gut, endlich mal wieder am Leben teilzunehmen. So leicht gesagt.
Während ich gehe, blicke ich alle paar Schritte über meine Schulter. Nicht aus Angst – wenigstens rede ich mir das ein –, vielmehr aus Gewohnheit. Mein Fußweg dauert nur rund zehn Minuten, dann komme ich dort an, wo ich im Grunde auch nach über einem Jahr noch gar nicht richtig angekommen bin: in einer Wohnung, die mir kein Zuhause ist, weil ich kein Zuhause habe, kein gemütliches Heim. Meine Bleibe, so nenne ich sie in Gedanken. Oh, sie ist nicht schlecht, meine Bleibe, das will ich damit nicht sagen, die davor war um einiges schlechter. Die jetzige ist ganz hübsch eigentlich, im vierten Stock gelegen, mit hohen Decken, trotz Schräge. Davor war ich im Erdgeschoss, das ging gar nicht. Kein privater Vermieter natürlich, sondern eine Wohnungsbaugesellschaft. Mit privaten Vermietern habe ich schlechte Erfahrungen gemacht.
Anonym ist sie, die Wohnung. Ich habe noch kein einziges Bild aufgehängt, erst wollte ich den diesjährigen Valentinstag abwarten. Außerdem habe ich gar keine Bilder mehr, bin einfach zu oft umgezogen. Am Anfang mit einem kleinen Laster, beim nächsten Mal mit einem Bulli. Ab dem dritten Mal war es ein stinknormaler PKW, und mittlerweile sind es nur noch ein Seesack und zwei mittelgroße Koffer, die ich gerade noch allein getragen bekomme. Hilfe anzunehmen kann ich mir nicht mehr leisten und damit ist gar nicht mal das Geld gemeint.
Ein kleines, gerahmtes Foto habe ich noch. Es zeigt meine Eltern, Elke und mich auf der Terrasse unseres Hauses, dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Die mich um fast einen Kopf überragende Elke hat einen Arm eng um meine Schulter gelegt. Wir standen uns nah damals, nicht bloß auf Fotos. Wie alt bin ich wohl auf diesem Bild? Anfang zwanzig, schätze ich; mein Lachen wirkt unbeschwert und echt. War ich da eigentlich schon mit Valentin zusammen? Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern; kennengelernt haben wir uns, als ich zweiundzwanzig war und er dreißig.
Die Straße steigt kurz und heftig an; Wind und Regen kommen jetzt genau von vorn. Trotzdem senke ich den Kopf nicht, sondern beäuge stattdessen misstrauisch die dichten immergrünen Sträucher neben dem Gehweg. Meinetwegen könnte die Stadt das ganze Gebüsch abholzen, dann hätte man wenigstens freie Sicht auf alles.

Valentin und ich lernten uns am Valentinstag 1984 kennen, kein Witz. Nicht, dass in den Achtzigern schon so ein Bohei um diesen Tag gemacht wurde wie heute, aber romantisch war der Gedanke auch damals schon, gerade wegen des doppelten Zufalls. Valentin hielt sich beruflich in Koblenz auf und ich absolvierte zeitgleich einen Lehrgang dort. Ich hatte ein paar kurze Beziehungen vor ihm gehabt, fühlte mich aber immer schnell vereinnahmt und obendrein zu jung, um mich fest zu binden. Man kann eine Beziehung auf Augenhöhe führen oder sich völlig vereinnahmen lassen. Letzteres hatte ich nicht vor. Die Partner, die ich gehabt hatte, waren alle aus unserem Dorf beziehungsweise der näheren Umgebung gewesen, und wir waren auch immer im gleichen Alter. Valentin wirkte gesetzter auf mich als sie, weltoffen, souverän. Neuland.

Und allem Anfang wohnt ein Zauber inne … Das stammt aus einem Gedicht, das ich erstmals in meiner Jugend gelesen zu haben glaube, vielleicht in der Schule im Deutschunterricht. Während das junge Paar an der nächsten Straßenkreuzung geradeaus weitergeht und ich nach rechts in die Siedlung abbiege, denke ich darüber nach, ob der Verfasser geahnt haben könnte, dass solch ein Zauber nicht ewig währt. Ich verziehe den Mund zu einem freudlosen Grinsen. Vielleicht werde ich bald wieder umziehen und dieser Gedanke hat nichts, aber auch gar nichts Zauberhaftes an sich. Vielmehr sind Anfänge ein immer wiederkehrendes Übel und reizen mich schon lange nicht mehr.

Das mit Valentin damals, das war wahrer Zauber, wie er im Buche steht. Wir waren wahnsinnig verliebt in einander. Er konnte bereits ein abgeschlossenes Informatikstudium vorweisen und arbeitete, während ich so gar keine Ambitionen für die akademische Welt hatte. Valentin kam aus einer Großstadt; ich dagegen war auf dem Land großgeworden. In unserer Anfangszeit überhäufte er mich mit Geschenken, Telefonanrufen und Zuneigungsbekundungen jeglicher Art und auch später, als wir schon ein paar Jahre zusammen waren, blieb er aufmerksam und bezeichnete sich als den Planeten Erde, der um die Sonne kreist. Diese Sonne war ich, seine immer strahlende Sonne, abgeleitet von meinem Vornamen: Sonja. Strahlend schön und warmherzig, die Frau, die ihn am Leben hielt. Seine Worte.
Planeten pflegen ihre Umlaufbahnen nicht zu verlassen, doch in unserem Fall stimmte das nicht. Valentins Alltag war anfangs streng getaktet, etwas, wofür ich ihn tief bewunderte, denn ich war eher der Laissez-faire-Typ. Spontan bis hin zu sprunghaft ließ ich gern mal Fünfe gerade sein. Ich lebte in den Tag hinein, plante nicht zu weit im Voraus und mochte es generell, mich treiben zu lassen. Auch beruflich hatte ich wie gesagt keine besonderen Ambitionen. Ich besaß einen guten Draht zu Kindern und hatte deshalb nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert. Der Beruf erfüllte mich, das merkte ich daran, dass ich so gut wie nie über ihn nachdachte, wenn ich nicht wirklich auch an meinem Arbeitsplatz war.
Valentin riet mir, mich mehr zu fokussieren. Ob ich denn immer eine kleine Kindergärtnerin bleiben wollte, die die Bälger anderer Leute hütet? Er könne mich in einer höheren Position sehen, betonte er stets. Auch redete er immer häufiger von eigenem Nachwuchs, während das bis dahin kein Thema gewesen war, da ich das Gefühl hatte, er könne mit Kindern nichts anfangen. Jedenfalls beachtete er meine Neffen und meine Nichte kaum oder besser gesagt nur, um sie wegen irgendwelcher Kleinigkeiten zu maßregeln. Ich hingegen habe Kinder immer schon verstanden und mich in sie einfühlen können; konnte mir auch durchaus eigene vorstellen, allerdings nicht, wie die meisten meiner Freundinnen, schon mit Anfang oder Mitte zwanzig. Ich wollte mein Leben noch eine Weile ohne Zwänge in Freiheit genießen, meine Schützlinge zu einer festen Zeit wieder abgeben und mich mir selbst und meinen Hobbys widmen. Zwar hatte ich in meiner Jugend nie drastisch über die Stränge geschlagen, was Partys anging, doch ich fuhr am Wochenende gern mit Freunden im Bus in die nächstgrößere Stadt, wo wir die Disco besuchten und bis in die Morgenstunden tanzten.

Die ersten drei Jahre führten Valentin und ich mehr oder weniger eine Wochenendbeziehung, da mein Freund ein paar hundert Kilometer von mir entfernt lebte. Dadurch wurde mein soziales Leben zwar eingeschränkt, doch zu Beginn unserer Liaison hatte ich immer noch mindestens ein Wochenende im Monat, das ich mit meiner besten Freundin Dagmar und meiner Clique verbringen konnte.
Bei der Berufswahl haben meine Eltern mir nie Vorhaltungen gemacht. Ich war weder besonders gut noch schlecht in der Schule gewesen, mir fehlte es nur an Ehrgeiz. Mein Vater entstammte einer wohlhabenden Familie und meine Eltern besaßen ein recht großes Haus, in dem ich eine eigene Wohnung hatte, dadurch konnte ich fast mein gesamtes Gehalt sparen. Mein Wunsch wäre es gewesen, dass Valentin irgendwann bei uns einzöge, denn er beabsichtigte schon bald, sich einen Job in meiner Nähe zu suchen. Jedoch wollte er mich nicht mit meinen Eltern teilen, das machte er mir unmissverständlich klar. Dieses Wissen stimmte mich traurig, denn ich war durch und durch ein Familienmensch und der Gedanke an einen Mehrgenerationenhaushalt hatte absolut etwas für sich.

Als ich sechsundzwanzig war, gab ich schließlich nach und zog mit Valentin zusammen in eine großzügig geschnittene Wohnung zirka zweihundert Kilometer von meiner Familie entfernt, das war der Kompromiss, auf den wir uns nach langem Hin und Her geeinigt hatten. Dass ich deswegen den Kindergarten wechseln musste, in dem ich seit meiner Ausbildung arbeitete, war schlimm für mich, doch ich war bereit, das Opfer zu bringen. Zunächst lief alles reibungslos; meine neuen Mitarbeiterinnen waren wie ich unkompliziert und extrovertiert, und ich freundete mich schnell mit mehreren Kolleginnen an. Die Kinder waren nicht ganz so leicht zu handeln wie bei mir zu Hause auf dem Dorf, doch ich kam gut mit ihren zurecht; mehr noch, wann immer zwei von den Kleinen ernsthaft aneinandergerieten, wurde ich hinzugezogen, da es mir besser als allen anderen gelang, Streit zu schlichten und selbst hohe Wogen schnell wieder zu glätten. Ich wurde niemals laut und natürlich wandte ich auch nie Gewalt an. „Der Klügere gibt nach“ war mein Wahlspruch und ich handelte dementsprechend.
Mit der Zeit genügte es Valentin anscheinend nicht mehr, mit einer einfachen Erzieherin zusammenzuleben, und er drängte mich wieder dazu, nach Höherem zu streben; Lehrerin zu werden. Mehr ihm zuliebe als dass ich selbst es wollte, schrieb ich mich an der Fachhochschule ein, um Pädagogik zu studieren.

Nach ein paar Jahren wurde mir bewusst, dass wir beide doch sehr unterschiedliche Ansichten von einem erfüllten Leben hatten. Valentin war ein Einzelgänger, der noch nie einen großen Bekanntenkreis gehabt hatte, aber an unserem neuen Wohnort gab er sich wirklich überhaupt keine Mühe, Freunde zu finden. Er hatte ja mich. Dementsprechend wurmte es ihn, wenn ich freitag- oder samstagabends mit meinen Kolleginnen oder den Leuten, die ich an der FH kennengelernt hatte, ausgehen wollte, statt das gesamte Wochenende nur mit ihm zu verbringen. Dieses Thema wurde bald zum größten Streitpunkt zwischen uns beiden.
Doch nicht nur das. Er begann mich zu kontrollieren. Jedes Mal, wenn jemand für mich anrief, wollte er sofort wissen, wer am Apparat gewesen war und was er oder sie wollte. Richtig, ich hatte ja nicht bloß Frauen an der Hochschule kennengelernt, sondern auch andere Männer. Männer, die ich meine „Kumpels“ nannte und mit denen ich gern auch mal unter der Woche wegging. Valentin machte mir Vorhaltungen deswegen und verlangte von mir, zu einer bestimmten Uhrzeit zu Hause zu sein; später dann, überhaupt nicht erst aus dem Haus zu gehen. Anfangs machte mich seine Eifersucht fast ein wenig stolz, weil sie mir das Gefühl gab, wichtig und begehrenswert zu sein. Meine Eltern waren Kriegskinder; die mich und meine Schwester nicht übermäßig emotional verwöhnt hatten, es uns materiell jedoch an nichts hatten mangeln lassen. Valentins Eifersucht, so glaubte ich, zeugte von Aufmerksamkeit, wenn nicht gar von echter Liebe, und eine Zeitlang ließ ich mich von dem Gefühl einlullen, steckte gar zurück, indem ich mich weniger mit meinen Freunden traf und mehr um Valentin kümmerte. Damit war der Haussegen zwar wiederhergestellt, tat jedoch Valentins Drang, mich ständig zu kontrollieren, keinen Abbruch.
Wie gesagt fand ich das alles damals nicht wirklich Besorgnis erregend. Als ich jedoch einmal in einer reinen Mädelsrunde von Valentins Benehmen erzählte, zeigten meine Freundinnen sich überraschend irritiert.
„Du kannst ihn nicht so mit dir umspringen lassen, Sonja“, meinte Bärbel, die ich im Studium kennen gelernt hatte. „Wir leben nicht mehr in den Fünfzigern; er kann nicht bestimmen, was du tust und was nicht oder mit wem du dich triffst.“ Schande! Ich hatte eine einzige unbedachte Bemerkung gemacht, und diese entwickelte sich rasch zu einem abendfüllenden Thema, was mich zutiefst verwirrt und nachdenklich zurückließ. Aber anstatt Valentin zu konfrontieren, wie es mir meine Freundinnen geraten hatten, tat ich nichts dergleichen. Ab da vermied ich es, mit den Mädels über dieses sensible Thema zu reden, gehorchte Valentins Anweisungen und machte mich immer rarer, was ihm rückblickend gesehen natürlich in die Hände spielte. Er gab mir zu verstehen, dass er meine Entscheidung guthieß und unsere Beziehung wurde wieder stabiler.
Mir selbst gegenüber versuchte ich mich dadurch zu rechtfertigen, dass sich mein Examen mit Riesenschritten näherte und ich lernen musste. Ich hatte in der Zwischenzeit sogar meine Arbeit als Erzieherin aufgegeben, da Valentin schon zum wiederholten Mal befördert worden war und mich dazu gedrängt hatte kürzerzutreten und mich auf das Studium zu konzentrieren. Erst viel später wurde mir klar, dass er mich so mehr an sich und unsere Wohnung binden wollte, was in krassem Widerspruch zu dem stand, was er anfänglich immer behauptet hatte: Dass er mich gern als gutverdienende, selbständige Karrierefrau sähe.

Unter der Regelstudienzeit schloss ich mein Studium mit dem Diplom ab und ergatterte eine wirklich gut bezahlte Stelle als pädagogische Beraterin an einer renommierten Privatschule. Meine Eltern waren bass erstaunt; nie hätten sie es für möglich gehalten, dass gerade ich einen solchen Karrieresprung hinlegen würde, und gewiss rechneten sie dieses Verdienst meinem zukünftigen Gatten an, was sie ein bisschen mit ihm versöhnte. Allzu gut waren sie auf Valentin nämlich nicht zu sprechen, da er es nicht bloß vermied, bei den obligatorischen Familienfeiern aufzukreuzen, sondern auch mich zunehmend davon fernzuhalten versuchte, wie mir immer mehr auffiel, wenn auch erst spät. Am fünfzigsten Geburtstag meines Vaters war beispielsweise ein kostspieliger Urlaub in Ägypten gebucht und an just dem Wochenende, als die Taufe meiner zweiten Nichte gefeiert werden sollte, mussten wir, wie Valentin mir glaubhaft vorzugaukeln verstand, unbedingt ein lang diskutiertes Liebeswochenende in einem Zürcher Nobelhotel verbringen.
Nach wie vor ließ ich mich treiben, was die Familienplanung anging, wollte mich bis auf meinen Job ganz allgemein nicht festlegen und machte mir nicht übertrieben viele Gedanken über die Zukunft. Obwohl sich manches auch ohne mein Zutun änderte, so sah ich es zumindest damals. Ich begann, mehr Wert auf mein Äußeres zu legen, kaufte mir Markenklamotten und kleidete mich, wie eine Karrierefrau sich meiner Meinung nach kleidet. Ich ging nicht mehr in Kneipen und immer seltener tanzen und verlor so mit der Zeit den Kontakt zu vielen meiner Freunde und Bekannten. Da diese jedoch inzwischen keinen Hehl mehr aus ihrer Abneigung gegen Valentin machten, sofern sie ihn überhaupt kannten, war ich deswegen nicht übermäßig enttäuscht. Ich stand hinter ihm und seinen Entscheidungen und fand das normal.
Das Leben war gut zu uns, es fehlte mir an nichts. Ich trug Scheuklappen, war mir ihrer jedoch nicht bewusst. Erst an einem Tag im Spätherbst 1991, als ich Valentin beim Lesen meines Tagebuchs erwischte, fielen diese mir von den Augen wie Schuppen. Seitdem ich dreizehn war, hatte ich Tagebuch geschrieben, doch an dem Tag, als ich meinen langjährigen Partner auf frischer Tat dabei ertappte wie er, die Nase tief in das Buch gesteckt, an meinem Schreibtisch hockte, hörte ich damit auf. Wir hatten uns gerade verlobt und für das kommende Frühjahr die Hochzeit anvisiert, doch an jenem Tag wurde ich zum ersten Mal wirklich hellhörig. Wütend werden konnte ich aus irgendeinem Grunde nicht, keine Ahnung warum, außer dass ich eigentlich nie richtig wütend werden konnte, egal bei wem und in welcher Situation. Valentin bat mich inständig um Verzeihung und gelobte Besserung, doch sein Gelöbnis war nur von kurzer Dauer. Er wurde bloß vorsichtiger bei seinen Versuchen, mir nachzuspionieren. Rief Freunde von mir an um zu erfahren, was ich abends unternahm, obgleich ich immer ein offenes Buch gewesen war. Mehr als einmal hatte ich das Gefühl, dass er an meiner Handtasche gewesen war. Mein Taschenkalender mit wichtigen Adressen und Telefonnummern verschwand auf geheimnisvolle Art und Weise.
Nichts hätte ich lieber getan, als erneut Augen und Herz zu verschließen, um es so aussehen zu lassen, als wäre wieder alles wie früher. Stattdessen begann ich mich wieder vermehrt mit Freunden zu treffen, vor allem mit meiner besten Freundin aus Kindertagen. Dagmar stellte mich als „harmoniesüchtig“ hin und damit hatte sie vollkommen Recht: Ich war wahnsinnig gut darin, Harmonie (wieder)herzustellen – worauf ich mir durchaus etwas einbildete – und verabscheute harte Worte. Dass Valentin und ich relativ selten stritten, lag nur an meiner Engelsgeduld und dem Willen, keine große Sache aus meist simplen Meinungsverschiedenheiten zu machen. Zumindest hatte ich mir gegenüber stets behauptet, dass sie das waren: Kleinigkeiten, um die man kein unnützes Gewese zu machen brauchte.
Nach der Sache mit dem Tagebuch änderte sich das. Mein Vertrauen war dahin. Sollte der zukünftige Ehemann nicht der Mensch im Leben einer Frau sein, dem sie am meisten vertraute? Ja, verdammt, ich wollte Valentin immer noch heiraten; wollte den Schein wahren, nicht zugeben müssen, mich in ihm getäuscht zu haben. Er war einmal mein Seelenverwandter gewesen, doch je näher der Hochzeitstermin rückte, desto nervöser wurde ich. Vom Verstand her begriff ich sehr wohl, dass er mich zu dem Menschen gemacht hatte, den er von Anfang an hatte haben wollen, hatte er mich doch nach seinen höchst eigenen Vorstellungen geformt. Der Gedanke schmerzte. Auf meine Karriere war ich stolz, obwohl ich sie nicht von mir aus angestrebt hatte; hieß das jetzt, dass ich sie nur ihm zu verdanken hatte? Nein, natürlich nicht. Ich hatte eine Supernote in meiner Diplomarbeit erzielt, ich hatte in gleich mehreren Bemerkungsgesprächen überzeugt.

Im selben Jahr traf ich mich zu Beginn der Adventszeit nach Ewigkeiten auch wieder mit meiner Schwester, die sich nach unserer Absage zur Taufe von Christin merklich von mir distanziert hatte. Ihr gestand ich, und damit auch zum allerersten Mal mir selbst, dass ich mich in meiner Beziehung nicht mehr wohlfühlte und an Trennung dachte. Elke fiel aus allen Wolken, als ich ihr erzählte, in welchem Ausmaß Valentin Kontrolle über mein Leben ausübte und flehte mich quasi an, mit ihm schlusszumachen, so schnell wie möglich, am besten noch heute. Verwundert stellte ich fest, dass ich ihn zwar noch gernhatte, aber nicht mehr liebte. Die Liebe zu ihm hatte sich zusammen mit meinem Vertrauen klammheimlich davongemacht, während er es sich offenbar zur Aufgabe gemacht hatte, mich mehr und mehr zu dominieren. Übermäßig selbstbewusst war ich zwar nie gewesen, doch ich war auch kein Mäuschen. An jenem Abend mit Elke wurde mir endgültig klar, dass ich einen Schlussstrich ziehen musste. Menschen ändern sich nicht, weil man es von ihnen verlangt, und auch wenn ich mich von Valentin nach seinen Vorstellungen hatte formen lassen, so hatte sich ja gezeigt, dass sein Kontrollzwang kein Stück nachgelassen hatte.
Wie zu erwarten gewesen war, nahm Valentin es schlecht auf. Meine Schwester hatte mich jedoch vorgewarnt und wartete mit ihrem Mann unten im Auto auf mich an dem Tag kurz vor Weihnachten, als ich meinem Verlobten eröffnete, dass ich mich trennen würde. Elke und ich hatten vorsichtshalber eine Zeit abgesprochen und als ich nach einer halben Stunde nicht erschien, kamen sie und mein Schwager hoch und hämmerten gegen die Wohnungstür, bis Valentin, der sich von innen verbarrikadiert hatte, um mich am Gehen zu hindern, ihnen öffnete. In den Tagen davor hatte ich bereits klammheimlich die wichtigsten Dokumente und ein paar Kleidungsstücke außer Haus geschafft und Valentin an jenem Abend eigentlich nur noch vor vollendete Tatsachen stellen wollen, doch ohne Elkes Weitsicht wäre die Situation eskaliert. Ich war erschrocken und gleichzeitig erleichtert über die jüngsten Entwicklungen. Weihnachten 91 verbrachte ich zum ersten Mal nach drei Jahren wieder im Kreise meiner Familie, und ich schämte mich fast dafür zuzugeben, wie sehr ich es genoss, wieder ungebunden zu sein.

Über Weihnachten und zwischen den Jahren bombardierte Valentin mich und meine Familie mit Anrufen; das Telefon stand nicht mehr still. Heiligabend stand er sogar vor der Tür, verlangte mich zu sprechen und verschwand erst, als mein Vater damit drohte, die Polizei zu rufen. Die Anrufe hörten trotzdem nicht auf, und ich wagte kaum, das Haus zu verlassen aus Angst, meinem Ex zu begegnen. Es schien, als würde er irgendwo in der Nähe campieren, so oft tauchte er auf unserer Schwelle auf. Die Situation war einfach nur aufreibend.
Im neuen Jahr machte ich mich daran, mein Leben allein in den Griff zu kriegen beziehungsweise es zu ändern. Ich konnte nicht ständig die mehr als zweihundert Kilometer zu meinem Arbeitsplatz pendeln, also ließ ich mich wegen meiner ständigen Anspannung zunächst krankschreiben. Da ich jedoch meine Arbeitsstelle liebte und behalten wollte, entschloss ich mich nach reiflicher Überlegung wenige Wochen später, mir an meinem alten Wohnort eine kleine Wohnung zu nehmen. Dort spürte mich Valentin jedoch nach kurzer Zeit auf und jetzt war es mein eigenes Telefon, das nicht mehr stillstand, und meine Türschwelle, auf der er sich regelmäßig ungebeten einfand.
Zu Beginn seines Psychoterrors ging ich noch an den Apparat, wenn er mich abends mit Anrufen belästigte, und redete ihm gut zu, mir Luft zum Atmen zu lassen. Als ich letztendlich das Telefon klingeln ließ, ging er dazu über, mich auf der Arbeit anzurufen, wo ich das klingelnde Telefon nicht ignorieren konnte. Meiner Chefin, die im Büro nebenan saß, fiel das ständige Gebimmel natürlich auf, was mir furchtbar unangenehm war, daraufhin traf ich mich mit Valentin zum Reden in einem Café, was ich augenblicklich bereute. Vor meiner Wohnungstüre stapelten sich Blumensträuße, die ich nach kurzer Zeit nur noch in den Müll warf, und Geschenkkartons, die ich nicht mehr öffnete. Doch damit nicht genug. Valentin passte mich ab, wenn ich zur Arbeit wollte oder von dort zurückkehrte. Er machte auch vor meinen Freunden nicht halt, rief sie ständig an und versuchte, Dinge über mich herauszufinden, beispielsweise ob es einen neuen Mann in meinem Leben gab oder welche Pläne ich fürs Wochenende hatte. Darüber hinaus sollten diese Personen mich dazu überreden, mich abermals mit ihm zu treffen, obgleich schon längst alles ausdiskutiert war. Wenn sich jemand weigerte, Valentin Rede und Antwort zu stehen, wurde er oder sie von meinem Ex beschimpft oder gar bedroht.

So fing es an. Wenn ich heute darüber nachdenke, kann ich kaum glauben, wie naiv ich zu jener Zeit war. Wie ahnungslos und dumm. Und ich frage mich: Hätte ich damals etwas anders machen sollen oder können? Wie wäre es heute um mein Leben bestellt, wenn es mir vor so vielen Jahren gelungen wäre, die Weichen anders zu stellen? Wenn ich mich weniger nachgiebig und verständnisvoll gezeigt hätte, mich nicht immer und immer wieder mit ihm zum Reden getroffen hätte? Valentin war am Boden zerstört, als ich ihn scheinbar Knall auf Fall verließ und natürlich hatte ich deswegen ein schlechtes Gewissen. Obwohl fast jeder mir davon abriet, blieb ich mit ihm in Kontakt, da er mir leidtat und ich eben ein geduldiger Mensch bin. Erst als er mit Selbstmord drohte, zog ich mich endgültig zurück, und das nur auf Drängen anderer, während ich mich mit dem Gedanken quälte, er könnte sich etwas antun, etwas, wovon ich heute weiß, dass er es nie wirklich vorhatte.

Ja, denke ich jetzt, während ich über das glitschige Pflaster in Richtung meiner Wohnung tappe und mich dabei fühle wie ein Reh zu Beginn der Jagdsaison, mit meiner Nachgiebigkeit habe ich mir sozusagen mein eigenes Grab geschaufelt.

Ich hielt mich also an den Rat meiner Freunde und Familie und brach den Kontakt endgültig ab. Ein paar Wochen lang hörte ich nichts mehr von Valentin und war einigermaßen erleichtert. Hätte er sich umgebracht, hätte ich davon erfahren; ich ging davon aus, dass er sich wieder gefangen hatte, ob von selbst oder mit professioneller Hilfe, wusste ich nicht.
Ende März fiel mir auf, dass einige meiner Kollegen an der Schule mich komisch ansahen, doch ich achtete zunächst nicht besonders darauf, da ich genug um die Ohren hatte damit, mir mein eigenes Leben aufzubauen. Im Kollegenkreis wusste man zwar, dass meine Hochzeit geplatzt war; von dem ganzen Rattenschwanz an Problemen, der an meiner Trennung noch dranhing, ahnte hingegen niemand etwas.
Kurze Zeit später wurde ich ins Büro der Direktorin gerufen, die mich mit einem ungeheuerlichen Verdacht konfrontierte: Es lag ein anonymer Hinweis vor, dass ich mich einem minderjährigen Schüler in zweifelhafter Absicht genähert haben sollte. Zweifelhaft hieß in diesem Fall: sexuell. Ich fiel aus allen Wolken. Der Junge wurde natürlich auch befragt und stritt alles ab. Selbstverständlich tat er das; ich hatte ja nichts getan. Trotzdem blieb es nicht bei der einen Verleumdung, doch wie diese zustande kamen, teilte man mir nicht mit. Keine einzige konnte indes bewiesen werden, und trotzdem wurde mir zu Schuljahresende nahegelegt zu kündigen. Ich hätte „Unruhe“ an die Schule gebracht. Im Nachhinein frage ich mich, ob ich nicht wenigstens meine direkte Vorgesetzte über Valentins Nachstellungen hätte informieren sollen. Rückblickend gesehen kommt es mir so vor, als habe man mir die Geschichte vom missgünstigen Ex-Freund, mit der ich erst herausrückte, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war, nicht wirklich abgekauft.
Dagmar brachte mich schon recht früh darauf, dass Valentin hinter der Sache stecken könnte, doch das erschien mir anfangs viel zu abwegig. Stattdessen hatte ich eine Kollegin im Verdacht, von der ich wusste, dass sie meinen Stuhl bereits angesägt hatte, von der ich aber ebenfalls wusste, dass sie als meine Nachfolgerin nicht zur Diskussion stand und ich mich deswegen entspannen konnte. Auf Dagmars Druck hin stellte ich Valentin immerhin zur Rede, wobei er sich äußerst empört gab. Er sei bereits dabei, sich mit anderen Frauen zu treffen, was ich mir denn einbilde, wie wichtig ich sei? Danach schämte ich mich fast, ihn verdächtigt zu haben.

Nach meinem Jobverlust wollte ich nicht mehr in der Stadt bleiben. Mein guter Ruf war dahin und im Grunde war ich froh, von dort wegzukommen und wieder in den Schoß meiner Familie zurückzukehren. Ich wähnte mich glücklich, weil ich wieder in die Einliegerwohnung im Haus meiner Eltern einziehen konnte, außerdem fand ich relativ zügig eine neue Arbeitsstelle im Kinderheim der nahgelegenen Kreisstadt. Ein paar Wochen lang ging es mir oberflächlich wieder gut. Dadurch, dass ich meine gutbezahlte Anstellung verloren hatte, war mein Selbstbewusstsein gehörig angeknackst, und noch immer grübelte ich in Momenten, in denen ich mich nicht mit Wichtigerem beschäftigen musste, darüber nach, wie es zu den falschen Anschuldigungen hatte kommen können. Da es an der Schule aber eben auch diese eine Person gegeben hatte, die mir ganz offensichtlich meine Position geneidet hatte, redete ich mir mit der Zeit ein, dass es sich hier um einen Fall von Mobbing handelte, ein Wort, das Anfang der 1990er Jahre plötzlich in aller Munde war.

Obwohl es noch nicht besonders spät ist, sind die Straßen meines Viertels wie leergefegt, fällt mir auf. Auf diesem kurzen Stück Holbeinstraße habe ich sonst immer ein besonders komisches Gefühl, wenn es dunkel ist. Heute jedoch fühle ich mich mutig. Also hat die Therapie tatsächlich was bewirkt.

Der Sommer in jenem Jahr war meinem Empfinden nach gerade erst so richtig in Schwung gekommen, da flatterte mir bereits die Kündigung für meinen neuen Job ins Haus. Zwar war ich noch in der Probezeit gewesen, trotzdem stellte das fast noch einen größeren Schock dar als der Verlust des ersten. Einmal mehr war ich mir keiner Schuld bewusst; hatte mich mit ausnahmslos allen Kollegen und Vorgesetzten super verstanden. Das Schreiben enthielt keinerlei Gründe für diese drastische Entscheidung und auch am Telefon wollte man mir seitens der Heimleitung keine Auskunft geben. Ein persönliches Gespräch wurde kategorisch abgelehnt.
Ich war außer mir, völlig schockiert. Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen! Meine Familie hatte mich nach dem Verlust meiner ersten Stelle dazu gedrängt, bei der Polizei Anzeige wegen übler Nachrede zu erstatten, und das gleich gegen Valentin, nicht gegen Unbekannt, doch dazu hatte ich mich nicht überwinden können. Das Thema Missbrauch von Schutzbefohlenen war ein heikles und ich hatte Angst gehabt, dass noch schlimmere Anschuldigungen zu Tage gefördert werden könnten, falls ich mich in den Kampf begab. Ich hoffte einfach, dass alles ein Missverständnis wäre und meine Pechsträhne bald ein Ende hätte.
Diesmal brauchte ich deutlich länger, um mich von meiner Schlappe zu erholen. Plötzlich meldete sich auch Valentin wieder, schickte Blumen und Geschenke; behauptete, von meiner „neuerlichen Enttäuschung“ gehört zu haben, obgleich all meine Freunde, die davon wussten, beteuerten, nicht mit ihm gesprochen zu haben. Ich stellte mich tot, da quasi jeder, den ich kannte, auf mich einredete und mir weiszumachen versuchte, dass Valentin hinter beiden Vorfällen stecke. Langsam aber sicher kam auch ich zu diesem Ergebnis.

Es wurde Herbst und ich beschloss, wieder bei meinen Eltern auszuziehen und diesmal sogar das Bundesland zu wechseln. An einer Schule oder anderen pädagogischen Einrichtung wagte ich mich nicht mehr zu bewerben; ich hatte von meinen letzten beiden Stellen auch gar keine Arbeitszeugnisse, was schlecht ausgesehen hätte. So jedoch fand ich in der Nähe von München ein eine Anstellung als Sekretärin in einem mittelständischen Unternehmen der Automobilbranche, ein ziemlicher Karriereknick, doch es sollte mir recht sein, wenn man mich nicht wieder feuerte. Also packte ich meine Siebensachen und zog in den Süden, wo ich meine neue Arbeitsstelle mit Bauchschmerzen begann. Wieder waren alle sehr freundlich zu mir, doch ich blieb vorsichtig und redete so gut wie gar nichts Privates mit meinen neuen Kollegen. Bisher war ich immer recht freigebig mit privaten Informationen gewesen, unbedarft und völlig überzeugt vom Guten im Menschen. Jetzt nicht mehr. Wenn mein Chef mich zu sich ins Büro zitierte, bekam ich jedes Mal Schweißausbrüche, da ich fürchtete, erneut mit üblen Anschuldigungen konfrontiert zu werden. Dies geschah überraschenderweise jedoch nie.
Dafür geschah etwas anderes. Als ich in der Weihnachtszeit einigermaßen entspannt allein über den Marienplatz bummelte, lief ich aus heiterem Himmel Valentin praktisch in die Arme.
„Na, was sagt man dazu, Zufälle gibt’s!“, begrüßte mein Ex mich strahlend, als wäre nie etwas zwischen uns vorgefallen, während ich buchstäblich vor ihm zurückprallte. Ohne dass ich ihn danach fragte, berichtete er mir, dass er gerade erst nach München gezogen sei, nachdem ein großes Telekommunikationsunternehmen ihn angeblich abgeworben habe.
Ich war so überrascht, dass ich mich breitschlagen ließ, mit Valentin einen Kaffee trinken zu gehen. Früher war ich immer diejenige gewesen, die viel geredet hatte; er hatte meist zugehört. Diesmal sagte ich kaum etwas, dafür redete Valentin wie ein Wasserfall; davon, dass wir doch anscheinend für einander bestimmt seien, nun, da wir uns in dieser riesigen Stadt „einfach so“ über den Weg liefen. Ein Wink des Schicksals. Vorherbestimmt. Wo ich denn wohnen würde?
Die Frage beantwortete ich nicht. Als er mir sagte, wo er wohnte, erschrak bis ins Mark. Das war derselbe Vorort, in dem auch ich lebte und arbeitete. Er musste mir meine Reaktion angemerkt haben, da er übergangslos fragte: „Lass mich raten, wohnst du etwa auch da?“
Daraufhin brach ich unser Treffen überstürzt ab, fuhr umgehend heim und rief meine Schwester an.
„Das ist kein Zufall“, war Elkes prompter Kommentar. „Der verfolgt dich!“
An dieser Stelle war ich sicher, innerhalb der nächsten Tage wieder abgemahnt oder gleich fristlos gekündigt zu werden, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen fing Valentin wieder damit an, mich Tag und Nacht anzurufen, obwohl weder ich noch einer meiner Verwandten oder Bekannten ihm meine Nummer gegeben hatte. Kunststück, dachte ich, durch seine Arbeit in der Telekommunikationsbranche konnte er einen Anschluss wahrscheinlich ohne große Schwierigkeiten in Erfahrung bringen. Also hängte ich jedes Mal, wenn er am Ende der Leitung war, auf, was dazu führte, dass er mich wieder, wie schon ein Jahr zuvor, vor dem Haus auf dem Weg zur oder von der Arbeit abpasste. Er bettelte mich an, wieder Ja zu ihm zu sagen, und als ich mich standhaft weigerte, änderte er seine Taktik und drohte mir. Er könne für nichts garantieren, wenn ich nicht zu ihm zurückkäme, zischte er, und allein sein Ton verriet mir, dass er diesmal nicht von Suizidversuchen sprach. Nach zwei Wochen zermürbender Nachstellungen fasste ich mir endlich ein Herz, begab mich zur nächsten Polizeiwache und zeigte Valentin an. Mut machte mir dort aber niemand, im Gegenteil, ich fühlte mich nicht wirklich ernst genommen, obwohl es sogar eine Polizistin war, die meine Anzeige entgegennahm. Ich solle mich einfach auf kein Gespräch mehr einlassen; helfen könne die Polizei erst, wenn mein Ex handgreiflich würde. Einfach, dachte ich desillusioniert, jaja, soso.
Es gab nichts, was ich noch tun konnte. Valentin drohte mir immer nur mündlich; in den Briefen, die er mit schöner Regelmäßigkeit an mich schickte, standen nur kitschige Liebesschwüre. Jeden zweiten Tag regnete es rote Rosen, und als ich mich nochmals an die Polizei wandte – diesmal ging ich zu einer anderen Dienststelle –, meinte einer der Beamten schmunzelnd, er würde sich wünschen, auch mal so heiß begehrt zu werden.

Ich zog wieder um, doch die Belästigungen gingen weiter. Für mich spielte es keine Rolle mehr, dass er mir gegenüber niemals handgreiflich geworden war, im Gegenteil, ich wünschte, er hätte es getan, weil ich dann ganz anderes gegen ihn hätte vorgehen können. Hatte ich mal eine einstweilige Verfügung gegen ihn erwirkt, hielt er sich nicht dran; außer einem Klapps auf die Finger seitens der Justiz passierte wenig. Nichts jedenfalls, was mir wirklich geholfen hätte. Leid tat mir Valentin schon lange nicht mehr, ich verachtete ihn, hasste ihn irgendwann so sehr, dass dieser Hass mich selbst vergiftete. Ich hatte Mordphantasien, wenn er mir „mal wieder über den Weg lief“, wollte seinen Kopf gegen eine Wand hauen, in sein breites, aufgesetztes Grinsen hineinschlagen.
In jeder meiner angefangenen Therapien, die sich bis heute auf ein gutes halbes Dutzend belaufen, habe ich meinen Leidensweg detailliert geschildert. Ich zählte die Orte auf, an die ich gezogen war, die Jobs, die ich angetreten und wieder gekündigt hatte. Angeschwärzt wurde ich nicht mehr, aber das brauchte Valentin auch gar nicht mehr zu tun; ich ging irgendwann immer von selber, nämlich dann, wenn er mich mal wieder aufgespürt hatte. Nach Bayern wurde es die Ostseeküste, danach das südliche Sachsen. Deutschland kenne ich inzwischen recht gut. Genau zwei Mal besorgte ich mir Geheimnummern; die fand er jedes Mal innerhalb einer einzigen Woche heraus. Zwei weitere Male gelang es ihm, meinen – privaten – Vermietern den Ersatzschlüssel zu meiner Wohnung abzuluchsen unter dem Vorwand, er wolle eine Valentinsüberraschung für mich vorbereiten.
Es fiel mir bei weitem nicht mehr leicht, schnell Arbeit zu finden, ganz egal, wo ich mich befand. Man wollte mich nicht mehr einstellen, auch nicht für Jobs, für die ich hoffnungslos überqualifiziert war. Mein Lebenslauf war Kraut und Rüben und das ist noch beschönigend ausgedrückt. Hätte ich erwähnt, dass ich einen Stalker hatte, hätte man mich erst recht nicht eingestellt. Klar kam mir in den Sinn, mir einfach selbst falsche Arbeitszeugnisse auszustellen, doch ich wollte nicht kriminell werden, indem ich Urkundenfälschung betrieb, nur weil mich jemand Kriminelles drangsalierte.
Übrigens, wenn ich sage, dass er mich niemals körperlich angegriffen hat, so galt das nicht für andere. In Sachsen machte ich einmal den fatalen Fehler, ein streunendes Kätzchen aufzunehmen, welches ich wenige Wochen später tot in der Regentonne vorfand. Ich wusste, konnte aber nie beweisen, dass es kein Unfall gewesen und die Katze in Wirklichkeit ertränkt worden war. Die Regentonne war durch ein Gitter gesichert gewesen, das ich extra angebracht hatte, eben weil mir bewusst war, dass eine ungesicherte Regentonne eine Gefahrenquelle für Katzen darstellt. Doch das arme Tier trieb tot in der Tonne, während das Gitter intakt darüber lag. Ich begrub den nassen, aufgeblähten Körper in der hintersten Ecke des Gartens und schwor mir, es Valentin eines Tages heimzuzahlen.

Damals in Sachsen war ich schon seit mehreren Jahren mehr oder weniger auf der Flucht. Mein Leben war mir gestohlen worden und der Dieb schien sich pudelwohl dabei zu fühlen. Valentin musste sich keine Gedanken über Arbeit machen; als mittlerweile selbständiger Informatiker konnte er praktisch von überall her arbeiten. Ich dagegen war total verängstigt, inzwischen verarmt und völlig machtlos, mit einem Wort: traumatisiert. Auch wenn viele Leute immer wieder versuchen, mir das abzusprechen. Ständig heißt es: „Aber er hat Ihnen ja nicht wirklich etwas getan!“

Als ich zum ersten Mal in die Sozialhilfe rutschte, zog ich wieder zurück zu meinen Eltern. Nachdem ich wegen eines Nervenzusammenbruchs vorübergehend mehrere Wochen lang in einer psychiatrischen Einrichtung gelandet war – dem bisher einzigen Ort, an dem Valentin meiner weder persönlich noch telefonisch habhaft werden konnte –, behauptete er den Behörden gegenüber stets, ich wäre manisch-depressiv und litte zudem an Verfolgungswahn.  

Ende der 90er ging ich so weit, meinen Namen ändern zu lassen und wagte anschließend einen kompletten Neustart in der Schweiz. Freunde hatte ich zu der Zeit schon kaum mehr, weil ich niemandem vertraute und mich mit meinen Ängsten außer von meiner Familie von niemandem so richtig verstanden geschweige denn ernstgenommen fühlte.  
Bei den Eidgenossen wurde ich nicht so schnell aufgespürt wie in meiner Heimat, wohl wegen meines neuen Namens. Faktisch dauerte es mehr als ein Jahr, ehe es – mal wieder – soweit war. Dann wurden mir Pakete mit Waren zugestellt, die ich nie bestellt hatte, anzügliches Zeug wie billige Reizwäsche und Sexspielzeug; in meine Wohnung wurde eingebrochen und ich war mir sicher, dass ich im Stadtwald von fremden Männern verfolgt wurde. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Valentin andere einspannte, um mich zu beschatten oder mir Angst einzujagen. Das tat er, wenn er gerade wegen eines wichtigen Auftrags unabkömmlich war und sich nicht selbst um mich „kümmern“ konnte. Es half nichts, ich musste wieder umziehen.

An einem bestimmten Punkt war ich kurz davor völlig zu resignieren. Ich rannte wie ferngesteuert in einem Hamsterrad und verausgabte mich dabei völlig. Immer und immer wieder Anzeige zu erstatten, nützte rein gar nichts, denn Valentin war nicht nur dreist, skrupellos und auf perverse Weise erfinderisch, sondern vor allem eins: gerissen. Noch immer hatte er mir kein einziges Haar gekrümmt, doch seine Drohungen von Angesicht zu Angesicht waren mit der Zeit immer furchteinflößender geworden. „Niemand wird dich bekommen, wenn nicht ich“ und „Niemals wirst du wieder Ruhe finden, dafür werde ich sorgen“, gehörten noch zu harmlosesten. „Eines Tages stech’ ich dich hinterrücks ab“ hatte da schon mehr Potential.
Nicht bloß die Behörden waren langsam aber sicher der Ansicht, dass ich maßlos übertrieb und von Valentin keine große Gefahr ausging, andere waren es auch. Im Grunde irgendwann alle außer meinen Eltern, meiner Schwester und Dagmar; diejenigen Personen, die abgesehen von mir selbst ebenfalls betroffen waren. Für alle anderen wollte ich mich bloß „interessant machen“ und kokettierte insgeheim mit der Situation. Ich hatte meine Karriere versaut, weil ich die Finger nicht von blutjungen Burschen lassen konnte und wollte mein Scheitern verschleiern, indem ich vorgab, dass es da jemanden gab, der sich zum Ziel gemacht hatte, systematisch mein Leben zu zerstören.
Derweil sich alle möglichen Leute das Maul über mich zerrissen, dachte ich übers Auswandern nach Übersee nach. An einen Ort, an den Valentin mir nicht so ohne Weiteres würde folgen können. Jedoch sprach ich außer schlechtem Englisch keine Fremdsprache und war von Angst erfüllt, niemals woanders als im deutschsprachigen Raum Fuß fassen zu können, denn wenn ich ehrlich zu mir war, gelang es mir ja noch nicht einmal hier.
Davon einmal abgesehen verfügte Valentin als selbständiger Informatiker über genügend finanzielle Mittel, um mir überall hin folgen zu können. Selbst im englischsprachigen Ausland wäre es für ihn überhaupt kein Problem, einen Job zu finden. Ob ein anderer Kontinent ihn abschrecken würde? Tatsache war, ich konnte mir nicht sicher sein. Sein Englisch war nahezu perfekt und im Gegensatz zu mir hatte er keinerlei Wurzeln in seiner Heimat. Ich dagegen konnte und kann noch heute nicht gut ohne meine Familie sein, obwohl ich mich schweren Herzens dazu durchgerungen habe, um sie zu schützen. Meine Eltern sind nicht mehr die Jüngsten und das Ganze hat sie ziemlich mitgenommen. Noch nicht mal Elkes vier Kinder sind vor Valentins Belästigungen sicher. Manch einer wäre mit Freuden in den hinterletzten Winkel Kanadas ausgewandert, doch leider bin ich kein solcher Mensch. Ein paar Wochen lang war ich in Thailand und Kambodscha unterwegs, weil es dort billig ist zu reisen, doch Asien ist nicht meine Welt. Meine Welt ist hier, egal wie geschrumpft und kaputt sie auch sein mag. Dass Valentin im Gegensatz zu mir keinerlei Kontakt zu seinen Eltern mehr hat, hatte ich damals, als wir noch ein Paar waren, nie so richtig verstanden, was zum Teil daran lag, dass er über dieses Thema nie hatte reden wollen. Doch allmählich glaubte ich zu verstehen. Ihr Sohn war krank, mehr noch, er war hochgradig psychisch gestört.

Von hier aus kann ich in der Ferne schon mein Wohnhaus durch die kahlen Bäume sehen. Es sieht aus wie ein Dutzend andere in dieser Siedlung auch. Früher konnte mir nichts individuell genug sein, Schuhe, Schmuck, Häuser beziehungsweise Wohnungen. Heute gaukelt Anonymität mir Sicherheit vor. Trotzdem will ich noch immer nicht in der Wohnung ankommen. Was, wenn …? Nein, weise ich mich selbst zurecht, letztes Jahr habe ich doch auch Glück gehabt. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und ich gehe weiter.

Die Jahre gingen ins Land. Viele Dinge haben sich inzwischen geändert. Seit ein paar Jahren gibt es Handys und – was für ein Segen! – Prepaidkarten dazu. Folglich kann Valentin meine Telefonnummer nicht mehr so einfach herausfinden, was eine enorme Erleichterung ist, da mir wenigstens seine süßliche, schleppende Stimme am Telefon erspart bleibt, die mir immer das Gefühl gibt, mich an Ort und Stelle übergeben zu müssen. Fünf Mal innerhalb der letzten acht Jahre habe ich ihn auf den Treppenstufen oder buchstäblich auf der Schwelle meiner Wohnung sitzend vorgefunden. Ich möchte ihn zerstören, wie er mich zerstört hat, und muss dabei fürchten, dass ich am Ende diejenige sein werde, die auf einer Bahre festgeschnallt weggefahren wird, wenn ich den Notruf wähle.
Es ist ja nicht so, dass ich mich nie körperlich zur Wehr gesetzt hätte. Einmal habe ich Abwehrspray eingesetzt, als Valentin mir eines Tages auf offener Straße nachstellte, schließlich an der Schulter packte und gewaltsam rüttelte. Augenzeugen riefen die Polizei und am Ende war ich es, die die Anzeige kassierte, weil das Spray in Deutschland verboten war.

Aber das ist Jahre her. Heute ist es vergleichsweise ruhig um mich geworden. Ich bleibe unterm Radar, das heißt, ich trage einen 08/15-Namen, gehe kaum aus, tue nichts, wobei ich diesen Namen angeben muss. Ich bin nicht in irgendwelchen Internetforen unterwegs, betreibe kein Online Dating. Wenn Nachbarn oder andere Personen, denen ich öfter über den Weg lauf, mir Interesse entgegenbringen, ziehe ich mich sofort zurück. Ich möchte niemanden in meine Misere mit hineinziehen. Meine Wohnung wurde schon länger nicht mehr unbefugt betreten, und ich will, dass es so bleibt. Ich habe Valentin nicht mehr gesehen, seitdem ich hierhergezogen bin. Trotzdem mache mir keine Illusionen mehr darüber, dass er eines Tages damit aufhören wird, mich zu jagen. Wenn ich mal wieder den Wohnort gewechselt habe, verbringe ich im Grunde meine Zeit damit, darauf zu warten, dass er eines Tages wieder hinter mir steht, fast zärtlich meinen Namen wispert und mir ins Ohr säuselt, wie sehr er mich vermisst hat.

Seit mehr als fünfzehn Jahren bin ich jetzt Single; es fehlt mir einfach an Vertrauen und innerer Ruhe, um mich neu einzulassen. Ich musste meiner besten Freundin versprechen, nochmals eine Psychotherapie anzufangen, da meine Depression chronisch zu werden drohte. Weil ich es nicht wage, mich in einem Fitnessstudio anzumelden, ist Joggen so ziemlich das Einzige, was ich sonst noch tun kann, dabei neige ich heutzutage sogar zu Agoraphobie; an manchen Tagen kann ich einfach das Haus nicht verlassen. Dazu kommt, dass Valentins Stalking nicht nur mich, sondern auch meine Eltern finanziell ruiniert hat, und mein Vater hatte kürzlich erst einen schweren Infarkt, weil er sich alles so zu Herzen genommen hat. Meine selbstgewählte Isolation tut ihr Übriges. Ich bräuchte dringend Gesellschaft, doch seit der Geschichte mit der Katze traue ich mich noch nicht einmal, mir einen Goldfisch anzuschaffen, aus Angst, ihn irgendwann mit dem Bauch nach oben schwimmend im Aquarium anzutreffen.
Die Kurzzeittherapie, die ich letztes Jahr bewilligt bekommen habe, ist so ziemlich alles, was ich mir „gönne“. Dazu muss ich aus dem Haus gehen, öffentliche Verkehrsmittel benutzen, ein halbes Dutzend Kioske links liegen lassen – seit einigen Jahren übt Alkohol eine ziemlich starke und vor allem ungesunde Anziehung auf mich aus –, ohne der Versuchung nachzugeben, etwas Hochprozentiges zu kaufen. Zur Belohnung darf ich dann eine Frau vollquatschen, der ich ein Mindestmaß an Vertrauen entgegenzubringen vermag. Karin Kaspers-König, meine neue Psychotherapeutin, unterstützt mich, wo sie nur kann und erinnert mich einmal wöchentlich daran, dass ich kein wirbelloses Tier bin, kein rückgradloses Nichts. Ihr kann ich erzählen, dass ich mich an manchen Tagen einfach nur vor einen Bus werfen oder von einem Hochhaus springen will. Nun ja, wirklich alles kann ich ihr auch nicht sagen. Zum Beispiel, dass ich vorhatte, mich nach unserer heutigen Sitzung noch mit einem Mann zu treffen, habe ich ihr nicht erzählt, obwohl sie es war, die mich dazu ermutigt hat, andere Männer zu treffen. Karin Kaspers-König soll nur wissen, dass ich unter ihrer Obhut Fortschritte gemacht habe in Bezug darauf, wie ich in Zukunft mit zweifelhaften Männern in meinem Leben verfahren will. Dass ich an mir gearbeitet und beschlossen habe, meine alten Verhaltensmuster aufzuweichen, nein, aufzubrechen. Weich bin ich lange genug gewesen, auch ich kann Härte zeigen, wenn’s drauf ankommt, zumindest hoffe ich das. Denn lange wird es nicht mehr gutgehen.
Vielleicht sei es an der Zeit, Valentin die Stirn zu bieten, hat meine Therapeutin in einer der letzten Sitzungen vorgeschlagen. Ich schätze, damit wollte sie mir nur sagen, dass ich ihm klarmachen soll, dass ich nicht gewillt bin, noch einmal vor ihm wegzurennen, sprich umzuziehen. Fünfzehn Jahre lang hat er sich an meiner Angst ergötzt, und ich habe ihm dabei auch noch in die Hände gespielt, indem ich ein jedes Mal, wenn er mich aufgespürt hatte, sofort kopflos und in heller Panik meine Sachen gepackt habe und davongestürzt bin.
„Aber ich kann nicht anders“, verteidigte ich mich ein ums andere Mal. „Auch wenn er nie die Hand gegen mich erhoben hat, kann ich nicht davon ausgehen, dass er es nicht doch eines Tages tun wird, wenn ich nur lang genug auf demselben Fleck verharre. Die Polizei hat mich davor gewarnt, ihn zu konfrontieren, obwohl sie gleichzeitig sein Verhalten immer wieder heruntergespielt hat und mir generell nicht zuhört. Davon abgesehen hat der Kerl vor Jahren meine Katze getötet, wer sagt mir denn, dass er nicht auch eines Tages mich töten wird?“
„Wenn er das wollte, warum hat er es dann nicht längst getan?“, hielt Kaspers-König dagegen. „Sie sind sein liebstes Spielzeug, Frau Eckardt. Welcher kleine Junge zerstört freiwillig sein Lieblingsspielzeug?“
Ich war nicht überzeugt. Wann immer ich Valentin begegne, spüre ich mittlerweile Todesängste in mir aufwallen. Von Hass ganz zu schweigen.
„Ich schaffe das nicht“, flüsterte ich, als das Thema heute wieder aufkam. „Er hat mir und meiner Familie einfach zu sehr wehgetan. Ich ertrage es nicht, ihm auch nur gegenüberzustehen und in seine kalten Augen zu sehen. Dieser Mann hat mir ein Drittel meines Lebens zur Hölle gemacht.“
Die Therapeutin blickte mich an und nickte ernst und verständnisvoll. „Oh ja“, sagte sie langsam, fast feierlich, „die Vergangenheit kann wehtun. Aber so wie ich das sehe, kann man entweder davor davonlaufen oder daraus lernen.“
Ich muss ziemlich einfältig zurückgeglotzt haben. Das Einzige, was ich dabei gelernt habe, ist, niemandem zu vertrauen. Meine Bewältigungsstrategie hat sich nicht geändert, ich bin immer bloß gerannt. Wenn ich jetzt wie Vogel Strauß anfange, den Kopf in den Sand zu stecken, wer schützt dann meine entblößte Kehle?
„Verstehen Sie mich nicht falsch, Frau Eckardt, ich meine damit nicht, dass Sie alle Vorsicht fahren lassen und Valentin ohne irgendwelche Sicherheitsmaßnahmen konfrontieren sollen. Doch ist es nicht gerade die überstürzte Flucht, die ein Raubtier zum Jagen animiert, abgehen von seinem Hunger? Ich rate Ihnen nichts anderes, als dass Sie Ihr übliches Tun, ihre üblichen Entscheidungen überdenken. Panik lässt Menschen kopflos flüchten, da bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Denken Sie jetzt nach. In Ruhe.“
Darauf antwortete ich nichts. Ich hatte bereits nachgedacht. Gründlich. Jetzt dachte ich an andere Männer und was sie mir zu bieten hatten.
„Passen Sie gut auf sich auf“, sagte Frau Kaspers-König, als unsere heutige Stunde sich dem Ende zuneigte. Sie klang wie immer, wohlwollend und ermutigend. Wie eine Frau, die in sich ruht. Und auch ich war ruhiger als sonst. Der Gedanke an die Verabredung, die ich im Anschluss noch hatte, beflügelte mich, bescherte mir Herzklopfen, gutes Herzklopfen.

Während all meiner Überlegungen bin ich nun, fast ohne es zu merken, vor meinem derzeitigen Wohnhaus angelangt. Meine Verabredung lief zufriedenstellend; man wird sehen, was daraus wird. Trotzdem werde ich den Mann wohl nicht wiedersehen.
Ich ziehe den Schlüsselbund aus meiner Manteltasche, drehe ihn in meinen Händen, starre ängstlich nach oben. Mein Fenster ist dunkel, doch das muss nichts heißen, dahinter liegt nur das Badezimmer, während der Rest meines Wohnraums nach hinten raus geht. Mit zitternden Fingern schließe ich die Haustür auf, öffne den Briefkasten. Außer einer Postwurfsendung befindet sich nichts darin, ein Umstand, den ich als gutes Zeichen werte. Vielleicht hat er trotz allem aufgegeben. Vielleicht ist der Gepard alt und müde wie das Gnu, das er jahrelang über die Steppe gescheucht hat, ohne es jedoch zu reißen. Vorletztes Jahr noch lag ein knallroter Umschlag in meinem Briefkasten, also, nicht in diesem natürlich. Die obligatorischen Valentinsgrüße. Mir ist übel.
Einer Schlafwandlerin nicht unähnlich steige ich die Treppe in den vierten Stock hinauf. Kein Blumenstrauß liegt vor der Tür, keine Tüte hängt am Türknauf. Doch ich bin nicht bereit dazu mich zu entspannen. Meine Atmung ist noch immer flach und mir ist schwindelig, das kommt nicht vom Erklimmen der Treppe. In dem Moment, als ich den Wohnungsschlüssel ins Schloss schieben will, erlischt das Deckenlicht im Flur. Mir stockt der Atem. Jetzt sehe ich ihn deutlich, einen kaum wahrnehmbaren Lichtschimmer unter der Tür, dort, wo die Fußmatte den Zwischenraum nicht verdeckt, durch den es im Winter immer so unangenehm zieht. Jemand ist in meiner Wohnung. Oder habe ich einfach nur vergessen, das Licht auszuschalten, bevor ich in die Stadt fuhr? Ich bin so fahrig; genau das ist mir vor ein paar Wochen nämlich passiert und ich war drauf und dran, die Polizei zu rufen, bis ich mir ein Herz fasste, die Wohnung betrat und feststellte, dass sich niemand darin befand.
Behutsam lege ich ein Ohr an die Tür. Draußen erwacht ein Automotor röchelnd zum Leben, was mich zusammenfahren lässt. Bilde ich es mir nur ein oder höre ich leise Musik? Meine Handflächen sind schweißnass und zittrig und der Schlüsselbund entgleitet mir. Die Musik ist noch da, nachdem das Motorengeräusch längst verklungen ist, ja, jetzt höre ich sie ganz deutlich. Eine Ballade. In einem anderen Leben haben Valentin und ich immer Kuschelrock zusammen gehört. Nachdem ich mich nach dem Schlüssel gebückt habe, und es mir gelungen ist, die Tür fast geräuschlos zu öffnen, fließt eine Welle aus warmem Kerzenlicht an mir vorbei und flutet den dunklen, kalten Hausflur. Mit ihm kommt der intensive Duft nach gefüllter Paprika mit Reis, meinem Lieblingsessen aus einer anderen Zeit. Ein Geruch, den ich bis heute nicht mehr riechen kann, ohne dass mir bittere Galle die Speiseröhre hinaufsteigt. Eine Stimme in meinem Kopf schreit mich an, ich solle auf dem Absatz, den ich nicht mehr trage, kehrtmachen, die Türe zuknallen und fliehen, so schnell ich kann. Es geht nicht. Etwas oder jemand anderes hat die Kontrolle über meinen Körper erlangt und macht nun, dass ich einen Fuß vor den anderen setze, in den Raum hineintrete wie von einem unsichtbaren Magneten gezogen. Die Tür leise schließe, den Blick hebe und mich zwinge hinzusehen.

Das ganze Zimmer ist voller Kerzen. Sie stehen auf der Anrichte, zusammen mit mehreren Töpfen, aus denen der durchdringende Geruch nach frischgekochtem Essen quillt, was mir den Magen umzustülpen droht. Der Ausziehtisch in der Mitte des Raumes ist gedeckt mit teurem Porzellan, das ich nicht mehr besitze. Neben einem mehrarmigen Kerzenleuchter steht schwer atmend eine geöffnete Flasche Rotwein, während ich selbst die Luft anhalte. Teelichte reihen sich auf der Fensterbank aneinander, der Fußboden ist ebenfalls davon bedeckt, und durch den Luftzug der sich schließenden Tür sieht es für einen Moment fast aus, als würde er in Flammen stehen. Es müssen hunderte sein. In einer schlanken Glasvase, die ebenfalls nicht mir gehört, steht ein Strauß roter Rosen. Ich muss sie nicht zählen, um zu wissen, dass es fünfzehn sind. Und über allem greint Meat Loaf, was er nicht alles für die Liebe tun würde.
Valentin sitzt im Sessel am Fenster, dort, wo auch ich so oft sitze und auf die Pappeln hinausstarre, wie sie im Wind hin und her schwanken. Ich weiß, ich werde nie wieder dort sitzen. Als er meiner ansichtig wird, springt er auf die Füße. Er ist ganz glänzend geputzte Schuhe, Bundfaltenhose, weißes Hemd, Schlips und Kragen. Ich will sterben.
„Da bist du ja endlich, Liebling! Wo warst du, ich dachte schon, du würdest gar nicht mehr heimkommen!“
„Ich musste noch eine Kleinigkeit besorgen.“ Meine Antwort ist ebenso automatisch wie meine Schritte.
Dann steht er schon hinter mir und schickt sich an, mir aus dem Mantel zu helfen. Als ich seine kalten Hände durch den Stoff meines unförmigen Oberteils hindurch auf meinen brettsteifen Schultern spüre, rechne ich fest damit, dass er sie mir als nächstes um den Hals legt.
Ich vergrabe meine eigenen Hände tief in den Manteltaschen; meine eiskalten Finger finden den glatten Griff des Revolvers und umklammern ihn fest. Sie zittern nicht mehr, was mich erstaunt. Offenbar haben wir tatsächlich etwas gelernt. Mein Körper hat gelernt, dass er nicht unbegrenzt Angst aushalten; mein Kopf, dass ich Valentin niemals entkommen kann. Dass ich nie wieder frei sein werde, weil er immer da sein wird.
Oh, I would do anything for love …
„Alles Liebe zum Valentinstag“, haucht er. „Mein Schatz ...“ Gollums letzte Worte.
… but I won’t do that …
Nun, ich schon. „Das trifft sich gut“, sage ich langsam. Es klickt einmal kurz und trocken und ich ziehe meine rechte Hand wieder aus der Manteltasche hervor. „Diesmal habe ich nämlich auch was für dich.“
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