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Es gibt kein Entkommen

von Engelchen
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Romance / P12 / MaleSlash
Thanatos Zagreus
13.02.2022
01.03.2022
3
11.017
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13.02.2022 3.508
 
TEIL 1



Nur wenige Geschichten werden von Hades erzählt, dessen Name allein schon Angst und Buße erweckt und uns an das unausweichliche Schicksal erinnert, welches wir alle teilen.
Eine dieser Geschichten erzählte ich euch bereits – als Prinz Zagreus der Unterwelt entkommen wollte und nun stattdessen ein harmonischeres Leben mit seiner Familie dort verbringt.
Doch jetzt gibt es eine neue Geschichte zu erzählen ...


Das Königreich hatte ein angenehmes Bild angenommen. Es wirkte nicht mehr ganz so trist, kalt und ... tot wie zuvor. Zagreus war stolz darauf, dass er ein Grund dafür war. Dank all seiner Aufträge beim Bauleiter, die nur dadurch möglich waren, dass er bei seinen unzähligen Fluchtversuchen alles an Schätzen gesammelt hatte, die ihm begegnet waren. Trotz all den Hohn seines Vaters hatte er sich nicht beirren lassen und für ein wärmeres Heim gesorgt.
Warum hatte er das nicht schon Jahre vorher getan?
All seine Freunde, die unter seinem Vater arbeiteten, hatten etwas Schöneres um sich herum, Hypnos konnte nun auf einer Bank nicht schlafen, Kerberos hatte weiche Kissen und Spielzeug, die Küche war ausgebaut ... Und Thanatos hatte etwas mehr als den Balkon. Zagreus wusste nicht, ob das benutzt wurde, er hatte es bisher nicht sehen können. Allerdings wusste er auch, dass Than das nicht heraus posaunen würde.

Nicht einmal gegenüber von Zagreus.

Ihre Beziehung zueinander hatte sich überall die Zeit stark verändert. Vorher waren sie Freunde, so etwas wie Brüder. Sie hatten das Kämpfen gemeinsam gelernt, hatte als Kinder Fangen gespielt und manchmal hatten sie gemeinsam Hypnos geärgert. Nicht, dass es Hypnos aufgefallen wäre, – meistens hatte er die Streiche verschlafen.
Sie standen sich immer sehr nahe, hatten einander vertraut und sich oft schon das Bett geteilt. Allerdings war Zagreus auch immer im Glauben aufgewachsen, sie wären Brüder. Echte Brüder. Die Wahrheit änderte nichts an ihrer gemeinsamen Kindheit, sie war großartig gewesen. Sie änderte nur am hier und jetzt etwas.

Sie sahen einander mit anderen Augen. Zumindest Zagreus tat dies und er glaubte nach ihren letzten Treffen, dass auch Than ihn anders sah.

Ihr Umgang war so locker und leicht wie vor all den Fluchtversuchen. Der Prinz war froh darüber. Während seiner Fluchtversuche hatte er deutlich zu spüren bekommen, dass sein bis dahin bester Freund sauer war. Zagreus hätte mit ihm darüber sprechen sollen, aber er hatte es als besser empfunden, nicht zu viele Personen mit rein zu ziehen. Vor allem nicht Personen, die er wirklich liebte. Nyx war schon zu viel gewesen, aber ohne ihre Hilfe wäre er nie in Kontakt mit seinen Verwandten im Olymp gekommen. Der Gott des Todes erkannte nur nicht an, dass man sich Sorgen um ihn machen sollte.

Glücklicherweise lag das alles hinter ihnen!

Zagreus hatte einen Job, den er auch mochte – im Reich seines Vaters für Unruhe und Chaos sorgen und versuchen so schnell und oft wie möglich zu entkommen – und seine Familie war vereint. Er hatte seine Mutter wieder und der Rest ihrer Familie dachte auch wieder gut über sie. Zumindest im Moment, Götter konnten schnell zornig werden.
Sehr schnell.
Doch derzeitig war es Zagreus komplett egal, ob seine Familie mal wieder sauer war – auf wen oder was auch immer. Seine Aufmerksamkeit lag komplett bei Thanatos und ihrer Verbindung. Normalerweise war ihr Umgang einfach gewesen, sie hatten an einer Seite gekämpft oder im Training miteinander, sie hatten zusammen gelacht und ein kurzes Gespräch geführt. Danach fing es irgendwann von vorne an. Größtenteils war es nach wie vor so, doch der Prinz merkte Veränderungen.

Sie sickerten langsam zwischen ihnen, dass es ihm erst auffiel ... als er komplett überfordert vor seinem Spiegel stand. Normalerweise stand er hier, um seine Kräfte zu stärken und zu ändern, doch nichts von dem, was Nyx ihm anbieten könnte, half bei zwischengöttlichen Beziehungen.
Es war nicht einmal so, als wäre es zwischen Than und ihm seltsam, sie sprachen wie gewohnt miteinander, gingen oft so miteinander um, wie alle es von ihnen kannten. Vermutlich lag darin das Problem.
Es war nicht mehr so wie früher.


Natürlich hatte der Prinz nicht vor, an seinen Gedanken zu verzweifeln. Das Haus des Hades besaß viele gute Ratgeber auf allen Gebieten. Bisher hatte der Prinz der Unterwelt nur um Rat gebeten, wenn es darum ging, seinen Kampfstil zu verfeinern. Doch jetzt könnte das Thema ernster werden.
Natürlich nur, wenn der Prinz dies zuließ und nicht in der Manier seines Vaters alles um sich herum ausblendete, was Emotionen ansprechen könnte, die nicht aus Wut bestanden.


„Ich bin nicht wie mein Vater“, sprach Zagreus entschieden aus.

Man konnte gewisse Ähnlichkeiten nicht von der Hand weisen, aber diese bezogen sich hauptsächlich auf das Äußere. Vermutlich weigerte er sich auch, alle anderen Ähnlichkeiten zu akzeptieren – manchmal war es einfacher, Tatsachen zu ignorieren.
Zumindest wenn diese Sachen etwas mit seinem Vater zu tun hatten, es half außerdem, sich dazu zu motivieren, nun endlich Than aufzusuchen – oder vorher ein paar andere Leute. Hoffentlich war Achilles in der Nähe.
Als er sein Gemach verließ, hatten sich seine Pläne rasch verändert. Die Stimmung wirkte ... angespannt. Fast so, als würde der Olymp erneut zu Besuch kommen. Natürlich gab es einen Ort, wo es wie immer war.

Sein Vater saß auf seinem Thron und eine Reihe von Geistern standen in einer Schlange an, um ihre Anliegen zu präsentieren. Seine Mutter stand an der Seite von Hades, vermutlich um dabei zu helfen, dass nicht alles direkt abgelehnt wurde.
Am Rande vor einer Vase flog Dusa, machte sauber wie eh und je und wusste sicher auch, was genau los war. Dusa war eine sehr zuverlässige Quelle, sie bekam Sachen mit wie kein anderer, – was daran lag, dass sie immer überall war. Oder daran, dass man sie selten bemerkte. Niemand suchte den Raum nach ihr ab, bevor er anfing, irgendwas zu besprechen.

„Hey Dusa“, sprach Zagreus den fliegenden Gorgonen-Kopf an. „Ist irgendwas passiert? Abgesehen von meinen Eltern wirkt es sehr ... Angespannt hier?“ Hypnos schlief nicht einmal – das war schon sehr ungewöhnlich!

„Oh, Prinz“, erschrocken sprang Dusa ein Stückchen auf. Seitdem sie sich immer besser kennengelernt und schließlich wahre Freunde geworden waren, benahm sie sich nicht mehr so nervös und verschwand auch nicht mehr so einfach wie früher. Das machte ihre Gespräche angenehmer – und vor allem einfacher, weil er nicht mehrmals nach ihr suchen musste. „Ich weiß nur, dass wir wohl Besuch erwarten. Dein Vater ... Er sprach mit Thanatos und Hypnos, seitdem benehmen sie sich etwas ungewöhnlich für ihre Verhältnisse.“

Das war noch irritierender. Normalerweise brachte nichts Hypnos aus der Ruhe. Was diese Angelegenheit mit Than machte, würde Zagreus bald herausfinden.

„Ich sehe mal nach Than, danke Dusa“, er war bereits dabei zu laufen, während er zu Dusa sprach, schenkte ihr ein letztes Winken, ehe er sich auf den Weg zu Thanatos machte.
Hypnos war zwar wach, wirkte jedoch alles andere als ... wirklich da. Achilles war nicht an Ort und Stelle, doch vielleicht war er bei Patroklos. Seitdem Zagreus ihnen das möglich gemacht hatte, war es keine Seltenheit mehr – Achilles hatte das verdient. Auf den ersten Blick wirkte an Thanatos nichts verändert. Wie eh und je starrte er ins Nichts, oder auch auf Tartaros nieder, mit aufrechter Haltung, ein Stückchen über den Boden schwebend. Wie immer ignorierte er den Sitzplatz, den Zagreus für ihn eingerichtet hatte. Es war schwer, irgendeine Veränderung festzustellen, doch Zagreus war darin geübt.
Etwas war an dem Mann nicht so perfekt, wie normalerweise. Die Sense hing nicht im richtigen Winkel, sein Gewand saß nicht so perfekt wie sonst, die Kapuze hing beinahe vom Kopf herab – verglichen mit sonst.
„Hey Than“, Zag ging weitere Schritte auf seinen Freund zu und beäugte ihn fragend. „Than? Alles gut?“

Langsam drehte sich der aufrechte Kopf ein Stückchen, die goldenen Augen starrten zu ihm – aber sein Blick wirkte leer. Zagreus fragte sich, ob Thanatos mit diesem Blick die gestorbenen Menschen abholte.

„Zag“, sprach er schließlich, sein Blick wurde ein wenig lebendiger. Was an sich seltsam war, immerhin war Thanatos der Gott des Todes. „Wie kann ich dir helfen?“

„Das sollte ich wohl eher dich fragen“, entschied der Prinz und lehnte sich mit dem Rücken an das Geländer, über welches sein Kindheitsfreund stets still blickte. „Dusa meinte, nach einem Gespräch mit Vater wären Hypnos und du seltsam – was ist passiert?“

Zagreus würde das auf sich beziehen, aber dann hätte das nichts mit Hypnos zu tun. Seine Beziehung zu Than hatte sich verändert, doch abgesehen davon, dass er glaubte, niemand in diesem Hause wüsste davon, würde es ihn stark wundern, wenn es seinen Vater interessieren würde.

„Eine komplizierte Familiengeschichte, nichts weiter.“

Komplizierte Familiengeschichte?“, wiederholte Zagreus im fragenden Ton. „Hör auf in Rätseln zu reden Than, was ist los?“

Wenn es um komplizierte Familien ging, dann war jawohl Zag der Experte. Immerhin genügte es, eine andere Meinung zu haben, damit jemand wütend wurde. Er ging im Kopf noch mal jeden durch, den er aus Thanatos Familie kannte, doch egal an wen er dabei dachte, – an Probleme dachte er dabei wirklich nicht. Er hatte ein paar kleine Streitigkeiten mit Nyx gehabt, aber die waren genauso schnell gelöst und sie war weiterhin eine gute Mutter für ihn.

„Dein Vater hat meine Schwestern eingeladen.“

Schwestern?

„Was für Schwestern?“


Der Prinz war mit dem Gott des Todes aufgewachsen, trotzdem hatte es die gesamte Unterwelt geschafft, bestimmte Verwandtschaften vor ihm versteckt zu halten. Doch wenn man bedachte, dass er noch nicht lange von seiner wahren Mutter wusste, wirkte das nicht sehr verwunderlich. Vielleicht war der Prinz einfach nicht so aufmerksam, was Familiengeschichten anging.


Zagreus warf einen bösen Blick nach oben, doch da er mittlerweile wusste, dass er als einziger die tiefe Stimme hörte, sprach er nichts aus – er dachte finster, dass er sehr wohl, sehr aufmerksam war. Für den Moment war Thanatos wichtig, der ihn bereits seltsam ansah, ob nun wegen der Frage oder den komischen Blick des Prinzen wegen, blieb offen.

„Meine Schwestern, die Keres“, antwortete Thanatos schließlich. „Du kennst sie nicht. Sie sind wesentlich älter als ich und haben eine ... tiefere Bindung zu Ares, oder im Allgemeinen dem Olymp.“

„Ich habe nie von ihnen gehört – wie kann das denn sein?“

„In meiner Familie sprechen wir nicht gerne über sie. Sie haben sich schnell von der Familie abgekapselt, sie brauchen nur einander. Sie erinnern ein wenig an die Meg und ihre Schwestern, nur dass sie ... eine sehr starke Verbundenheit zueinander haben. Man sieht sie selten alleine“, erzählte Than, mittlerweile zumindest einen Hauch entspannter. Er zog seine Kapuze zurecht, damit sie so perfekt wie normalerweise saß. „Sie stehen für den gewaltsamen Tod, sie mischen häufig sogar ... aktiv mit. Charon kümmert sich um die Überfahrt hier her, deshalb kommen sie auch so nie vorbei. Sie mögen ihr Leben in der Oberwelt.“

Zagreus wägte den Kopf hin und her: „Ich kann es ein wenig nachvollziehen. Das, was ich gesehen habe, wenn ich oben war, war ... wunderschön.“

„Es ist nicht überall so. Du bist kaum vor das Tor gekommen, bevor du wieder gestorben bist.“

„Was nicht meine Schuld ist, klar?“, schnaubte Zagreus, er wollte seine Mutter finden und hatte das geschafft. Manchmal hätte er aber auch gerne mehr von der Oberwelt entdeckt.

„Das habe ich nicht gemeint, Zag“, erwiderte Thanatos leichtfertig. „Ich wollte damit nur sagen, dass es nicht überall so schön ist wie im Garten oder auf dem Weg zu deiner Mutter. Darum geht es aber auch nicht.“

„Haben deine Schwestern auch Namen?“

„Kaleria und Kerasia“, zählte Thanatos auf. „Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie hier sind.“

„Und das macht dir Sorgen?“, riet Zagreus, weil er nicht wusste weshalb das sonst ein Problem sein sollte.

„Ihr Benehmen kann sehr ... rabiat sein.“

„Rabiater als mein Vater?“

Zagreus konnte erkennen wie Thanatos Mundwinkel etwas zuckten, sich fast zu einem Lächeln verzogen. „Wohl kaum“, erwiderte er schließlich. „Wahrscheinlich sorge ich mich zu viel. Ich denke nur, sie werden deine neuen Gegner sein. Dein Vater wird sie vermutlich im ... Sicherheitssystem einbringen. Um dir den Ausbruch zu erschweren.“

„Die meisten, neuen Vorkehrungen sind mehr nervig als aufhaltend, mach dir keine Sorgen Than.“

„Du machst dir zu wenige Sorgen – wie eh und je“, erwiderte Thanatos, einen Hauch entspannter, gleichwohl mit echter Skepsis im Gesicht. „Meine Schwestern können sehr brutal sein und ich denke, sie sind auf andere Weise im Kampf geübt.“

„Dann freue ich mich auf neue, spannende Kämpfe“, Zagreus zuckte mit den Schultern, er machte einen Schritt weiter auf Thanatos zu. „Und vielleicht ... werde ich dich zur Hilfe rufen?“

„Ich würde natürlich sofort bei dir sein, Zag. So wie eh und je.“

Zagreus lächelte, weil Thanatos endlich wieder entspannt war und ihre ... Treue zueinander nur noch stärker. Tatsächlich erinnerte ihn diese Situation aber auch an etwas anderes – etwas, worüber er im Zimmer erst nachgedacht hatte. Achilles konnte ihm zwar keine Tipps geben, aber er kam immer weit damit, seinem eigenen Gespür zu folgen.

„Ich habe nachgedacht Than“, es kam selten zu emotionalen Gesprächen oder dergleichen – schon gar nicht außerhalb von seinem geschützten Gemach.

Der sanfte Tod hob eine Augenbraue, als könnte er die Worte gar nicht glauben, die Zag ausgesprochen hatte. Dabei war er noch gar nicht fertig. „Du denkst selten über etwas nach.“

Jede andere Person würde dabei grinsen oder zumindest den Hauch eines Lächelns im Gesicht tragen. Doch Thanatos trug seine perfekte Maske wie eh und je. Man wusste nie, wann Thanatos Witze machte oder eben nicht. Außer man wurde so eisig behandelt wie zu Zeiten seiner ersten Fluchtversuche. Schon die Erinnerung daran ließ Zagreus zittern.

„Ich stecke die Kraft meines Kopfes eben nur in Sachen, die wichtig sind“, erklärte der Prinz der Hölle, doch bevor ein weiterer Spruch dazwischenkommen könnte – er war sich sicher, das wäre passiert, – fuhr er fort. „Das hier ist wichtig“, Zagreus machte eine lockere Handbewegung zwischen ihnen hin und her. „Ich denke, wir sollten das näher ausführen.“

Thanatos runzelte die Stirn: „Was ist mit dir passiert? So redest du sonst nie.“

Zag schnaubte, aber wohl eher, weil Than recht hatte, als aus anderen Gründen. Normalerweise war er sehr deutlich in dem was er wollte und aussprach, doch diese Sache war neu. Gefühle waren eine Sache, die es hier in der Unterwelt kaum gab, sah man von den Muttergefühlen von Nyx, dem Geschwisterdasein von Thanatos und Hypnos und tieferen Freundschaften ab.

„Das ist alles neu für mich, okay? Wie wäre es mit mehr Mitgefühl!?“

„Zag, wir sind dieselben Personen wie immer, hör auf dir über irrsinniges Zeug den Kopf zu zerbrechen“, gegen eben jenen Kopf tippte Than schließlich ein paar Mal.
Natürlich war Thanatos bei solchen Sachen so schlicht und ungekünstelt wie immer. Das machte es auch immer einfach mit ihm umzugehen – außer im Streit, da war Than grausam.

„Ich denke, wir sollten unseren Eltern davon erzählen, was zwischen uns abläuft.“

„Was läuft den zwischen uns ab?“

Zagreus leckte sich über die Lippen, sein Mund war aber schneller als sein Kopf, was in diesem Fall aber nicht so schlimm war: „Eine Beziehung. Oder etwas, dass auf den Weg dorthin ist.“


Der Prinz spürte wohl zum ersten Mal, dass sein Herz schneller schlug als je zuvor. Ein Gefühl, dass vor allem den Menschen bekannt sein durfte, strömte durch seinen kompletten Körper. Aufregung, Bauchschmerzen, Gedankenkarussell. Solche körperlichen Höhenflüge kannte er nur vom Ausleben körperlicher Gelüste, sie jetzt so intensiv ohne dieser Körperlichkeiten zu empfinden, war für den Prinzen neu und intensiv.


Leider musste Zagreus dem Typen da recht geben – oder eher noch etwas hinzufügen. Alles war mit Thanatos neu und intensiv. Alles, was über ihre Freundschaft oder dem Gefühl Brüder zu sein hinausging. Than blieb ihm jedoch eine Antwort schuldig, als jemand anderes hinter ihm auftauchte.

„Achilles“, Zag brachte Thanatos dazu, sich ebenfalls umzudrehen. Achilles trug ein kleines Lächeln auf den Lippen, aber man konnte ihm eine gewisse Anspannung ansehen. „Alles in Ordnung oder bist du auch nervös wegen Thans Schwestern?“

„Du weißt also schon davon.“

„Nur dank Dusa und Than“, nickte er langsam, es war alles, was es brauchte, damit Thanatos scheinbar das Bedürfnis hatte, sich zurückzuziehen.

„Ich werde mich für den Empfang bereithalten, Mutter sollte das nicht alleine tun.“

Vielleicht sollte Zagreus nachforschen wie man jemanden zur langfristigen Entspannung brachte. Seine Mutter wusste sicherlich etwas darüber. Doch sobald Than elegant an ihnen vorbeigeschwebt war, konzentrierte sich der Prinz wieder auf seinen Freund und Trainer.

„Ist die Nervosität von allen gerechtfertigt? Immerhin sind diese ... Keres doch am Ende nicht groß anders als wir, oder?“

„Sie verursachen gerne Chaos, verteilen negative Gefühle und sind im Kampf nicht zu unterschätzen.“

„Solange sie mich nicht so vollquatschen wie Theseus ...“

„Vor oder im Kampf sind sie eher selten gesprächig. Vermutlich wirst du deinen Spaß mit ihnen auf dem Kampffeld haben.“

Zagreus grinste breit und kampflustig, seiner Meinung nach lernte man sich immer am besten auf dem Kampffeld kennen, das löste alle Spannungen sofort auf und man hatte ein lustiges Gesprächsthema, wenn man sich wieder sah. Immerhin starb bei seinen Kämpfen immer einer von ihnen. Mittlerweile starb Zagreus beinahe jedes Mal erst, wenn er die Oberwelt erreicht hatte. Vermutlich hatte sein Vater daher nun die Schwestern von Thanatos eingeladen.
Ob er für sie Nektar besorgen sollte?
Ob es angebracht war, jetzt, wo er mit Than richtig angebändelt hatte?

„Kannst du mir noch etwas über sie erzählen? Außer das sie scheinbar viel Spaß darin haben, Chaos zu veranstalten?“

„Sie verkörpern den gewaltsamen Tod, also sind sie das komplette Gegenteil von Thanatos. Ich selbst begegnete ihnen damals bei meinem eigenen Tod“, Achilles ging beim Sprechen in die Richtung seines bekannten Ortes. Dort, wo er immer bereitstand, um Ratschläge zu verteilen oder neuen Mut. Manchmal brauchte Zagreus beides davon, also folgte er dem Mann auf Schritt und Tritt.

„Than sprach auch davon. Er nannte mir auch ihre Namen – Kaleria und Kerasia, ich nehme an, sie sind Zwillinge wie Than und Hypnos?“

„Mit der Annahme liegst du richtig, nur das sie sich stark ähneln. Thanatos und Hypnos sind eher ... von Grund auf verschieden“, Achilles streckte ihm gegenüber der leeren Hand aus. „Gib mir den Codes, ich sollte einen Eintrag für sie errichten. Gerade, wo sie wohl die nächste Sicherheitsstufe darstellen sollen.“

„Wen werden sie ersetzen? Ich meine, Vater wird wohl kaum ein neues Gebiet erschaffen, oder?“, es würde Zagreus Arbeit schwerer machen – aber auch neue Spannung reinbringen.

„Ich vermute sie werden jeden einmal ersetzen? Vermutlich eine Überraschung für dich.“

„Klingt gut. Wieso macht sich Than solche Sorgen um sie?“

„Er sorgt sich wohl eher um dich, Zagreus“, sprach Achilles noch immer mit recht entspannter, ruhiger Stimme. „Seine Schwestern führen Menschen in einen grausamen Tod, sie mischen sogar mit und sie haben auch einen Einfluss auf göttliche Wesen. In einem Kampf könnten sie dir wirklich ... zusetzen. Langfristig.“

„Langfristig?“, harkte der Prinz nach. „Ich kenne es nach einem Kampf mit Vater, wenn ich dabei sterbe und aus dem Styx komme, tut mir immer noch alles weh und es dauerte ein paar Momente, bis ich wieder komplett fit bin, aber nach einer Pause im Salon geht es meistens schon wieder.“

„Die Keres werden dir vermutlich mehr zusetzen. Sie können außerdem sehr hinterlistig sein. Doch du solltest sie selbst kennenlernen, immerhin sind sie die Schwestern von Thanatos.“

„Du meinst sie könnten deshalb doch etwas Gutes an sich haben?“

„Ich meine, sie könnten ... neuartig reagieren, wenn sie herausfinden, wie nah ihr beiden euch seid.“
Achilles musste es nicht aussprechen, um zu verdeutlichen das er weit mehr wusste. Andererseits hatte er den Kodex verfasst und dort schon hineingeschrieben, dass Thanatos und Zagreus sich immer anziehen würden. Ob er es auf diese romantisch-sexuelle Weise meinte, wollte Zag gerade aber nicht hinterfragen.
„Dein Vater plant auf jeden Fall ein kleines ... Fest.“

„Mein Vater?“

„Na gut. Wohl eher die Königin.“

Zagreus schmunzelte: „Nun, dann halte ich mich bereit. Wird ungewohnt sein, wir machen normalerweise keine Feste und dann lerne ich die Schwestern von Than kennen, von denen ich noch nie gehört habe.“

„Es war ein offenes Geheimnis. Niemand empfand es als notwendig, dir davon zu erzählen, vermutlich wollte dein Vater es auch nicht, weil die Keres normalerweise mit dem Olymp zusammenarbeiten. Aber davon liest du in meinem Kodex, wenn die Zeit dafür gekommen ist“, Achilles reichte es wieder zurück und Zagreus besah die neue Seite. „Es wird nicht lange dauern, bis es sich dir offenbart.“

„Danke Achilles. Es gab ehrlich gesagt noch einen Grund, wegen dem ich mit dir sprechen wollte“, es war vielleicht nicht der perfekte Moment, aber es könnte Achilles von der anstehenden Festlichkeit ablenken. „Es geht um Than und mich, um genau zu sein.“

„Ihr seid euch mittlerweile näher, als jemals zuvor. Ich hatte zu Anfang schon befürchtet, dass deine Fluchtversuche euer Band zu stark beschädigt haben könnte, stattdessen hat es euch dabei geholfen, Barrieren zu vernichten.“

„Ja genau“, Zagreus winkte ab, er brauchte keinem langen Vortrag, sondern eher einen Ratschlag. „Wie meinst du werden Nyx oder meine Eltern damit umgehen?“

„Ich denke nicht, dass es sie überraschen wird, Zagreus. Gerade Nyx wird es schon lange wissen, vermutlich länger als Thanatos und du selbst. Doch selbst wenn nicht, ich denke nicht das irgendjemand etwas dagegen haben würden. Nyx liebt euch beide, dein Vater und Thanatos verstehen sich gut dafür, dass sie so eng miteinander arbeiten und deine Mutter ... Ich denke, sie hat schon lange mehr in Thanatos gesehen als einen guten Freund ihres Sohnes.“

Zagreus fühlte sich nicht so überrascht darüber, wie er gedacht hatte.
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