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Und mein Herz zählt

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Div
13.02.2022
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Und mein Herz zählt



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Die Nacht zeichnet einen Kreis um unseren Platz auf der Wiese hinter der Schule. Das Licht aus dem Ballsaal lässt die Schatten der Bäume tanzen, doch die Musik ist hier nur noch als leises Brummen zu vernehmen.
Meine nackten Unterschenkel kitzeln im Gras, Theos Jackett liegt rau auf meinen Armen und mein Kopf lehnt an seiner Schulter.
„Denkst du, wenn wir später von unserem Haus in den Himmel schauen, sehen wir die gleichen Sterne wie hier?“, frage ich und lasse den Blick über die schwarze Nacht wandern.
Theo lacht leise. „Wenn du nicht gerade nach Australien ziehen möchtest, denke ich schon.“ Ich spüre seine Brust an meiner Wange vibrieren und schließe die Augen.
„Australien soll schön sein“, sage ich.
„Ich bin sicher, es ist überall schön, wo du bist.“
Ich strecke die Zunge heraus und verziehe das Gesicht, denn nur so kann ich das flirrende, flatternde Gluckern in meinem Bauch ertragen, das mir aus dem Mund springen möchte.
Ich sehe Theo an und das Gluckern hüpft noch etwas höher . Das Glitzern der Diskobeleuchtung aus der Schule spiegelt sich in seinen Augen, aber ich weiß, dass sie auch ganz von alleine glitzern können. Er lächelt und gibt mir einen zarten Kuss, der auf meinen Lippen tanzt, noch lange nachdem er sich wieder zurückgelehnt hat.
„Wo möchtest du als erstes hin?“, frage ich und seine Worte zeichnen Bilder in mein Herz. Wir träumen von Reisen und Plänen und einer Zukunft, so klar, dass ich sie beinahe sehen kann. Und in allem steht Theo vor mir und lächelt mich an.
„Kennst du diese Häuser mit roten Wänden und weißer Veranda?“, frage ich. „Irgendwann möchte ich so eins haben.“
Theo lächelt. „Ich weiß genau, wie es aussieht. Oben auf dem Dach gibt es so ein Giebelfenster mit unglaublich kleinen Fensterscheiben.“
„Und da steht eine Kerze drin“, stimme ich zu.
Einmal kommt ein Klassenkamerad vorbei und entdeckt uns auf der Wiese, aber Theo schafft es, ihn zurück in den Saal zu schicken. Nachdem es wieder ruhig ist, sitzen wir schweigend nebeneinander und schauen in die Sterne. Ich bin fast sicher, dass wir den gleichen Gedanken nachhängen, und meine Träume neben seinen Träumen machen die Welt so real.
Ich versuche, die Szene mit jeder Pore aufzusaugen, keine Sekunden unerlebt verstreichen zu lassen und als ich mich wieder an ihn lehne, hoffe ich, dass dieser Moment nie enden wird.


16.847.820 s
Je näher der Zug kommt, desto mehr kann ich Theo in allem fühlen; er liegt in den Hügeln und schaukelt in den Bäumen und all die kitschigen Lichterketten und Sterne blinken im Takt unserer Herzen. Seit einem halben Jahr sehne ich den Moment herbei, ihn wieder zu sehen. Wenn ich an sein Lächeln in der Nacht unseres Abschlussballs denke, kann ich fast nicht glauben, dass er wirklich existiert. So viele Menschen haben sich über sein Bild gelegt, so viele Lächeln sind neben seinem verblasst, dass mein Kopf mir sagt, er muss ein Traum gewesen sein.
Und dann steht er da, am Bahnsteig, genau an der Stelle, an der ich ihn erwartet habe, sein Blick findet meinen und wir verhaken uns ineinander, ich lasse ihn nicht los, bis ich vor ihm stehe. Er breitet seine Arme aus und ich bin zu Hause.
Die Wärme kehrt in meinen Körper zurück, obwohl der Schnee langsam dichter fällt. Ich hebe meinen Kopf und sehe hinauf in Theos Lächeln, das wie kein anderes strahlt. Er setzt einen Kuss in meine Haare und drückt mich so fest, dass ich sicher bin, wir werden ineinander schmelzen.
Gemeinsam gehen wir vom Bahnsteig, Theo nimmt meine Hand und ich atme tief ein, nehme alles auf,  spüre, wie die Welt sich dreht. Wir fahren zu meinen Eltern und Theo sitzt geduldig mit mir am Kaffeetisch und hört meinen Erzählungen zu, während meine Hand noch immer in seiner ruht .
Ich habe so viel, was ich meinen Eltern erzählen will. Ich möchte Papa von all den Menschen berichten, die ich getroffen habe, und Mama von all den Dingen, die ich an der Uni gelernt habe, aber mein Mund wünscht sich Theos weiche Lippen und so kürze ich die Geschichten ab, trinke schnell meinen Kaffee, damit wir endlich alleine sein können.
Ich bringe die Taschen auf mein Zimmer und ziehe mir einen dickeren Schal an.
„Bis später“, rufe ich ins Wohnzimmer, wo Mama mir mit einem feinen Lächeln zunickt. Theo wartet schon vor der Tür, auch er trägt jetzt Handschuhe, denn der Schnee fällt unaufhörlich stumm vom Himmel.
„Was hast du so gemacht?“, frage ich, während wir nebeneinander die Straßen unserer Jugend entlanggehen. Ich umschlinge Theos Arm, kann nicht nah genug an ihm sein und der Schnee bildet eine weiße Brücke zwischen unseren Körpern.
„In der Bar gearbeitet, mich mit Freunden getroffen und so …“ Es gibt nur eine Bar in unserer Heimatstadt, aber ich habe sie noch nie betreten, weil ich vor meinem Auszug zur Universität noch zu jung war. Ich versuche, mir Theo hinter einem unbekannten Tresen vorzustellen, aber es fällt mir schwer.
„Und, weißt du schon, was du machen möchtest?“ Mein Herz pocht mir bis in die Kehle, während ich auf eine Antwort warte.
Theo zuckt mit den Schultern. „Noch nicht, ist aber auch irgendwie gerade schön so …“
In meinem Hals ist es plötzlich still und ich schaue auf den Boden, wo meine Schuhe Spuren im Schnee hinterlassen. „Hm“, mache ich und traue mich doch nicht zu fragen.
Wir laufen weiter, erreichen die Hauptstraße, die in weihnachtlichem Kitsch erleuchtet ist. Menschen, die ich wahrscheinlich kenne, treten aus Läden und überqueren die Straße. Theo deutet auf eine Bank am Marktplatz. Sie ist ein bisschen verschneit, aber ich kuschele mich noch näher an seine Brust und gemeinsam schauen wir dem Schnee beim Fallen zu.
„Wann musst du wieder fahren?“, fragt Theo plötzlich.
„Fünfter Januar“, sage ich, versuche nicht daran zu denken. Versuche gleichzeitig, ihm endlich die Frage zu stellen, die ich mich nicht getraut habe, in einer Nachricht zu schreiben. Will ihm sagen, dass ich mir das Fächerangebot meiner Uni durchgesehen habe, um zu schauen, ob etwas für ihn dabei wäre. Möchte erzählen, wie ich im Alsterpark das Gefühl hatte, uns beide auf einer Bank am Ufer sitzen zu sehen als hätten wir das schon immer so gemacht. Aber irgendetwas blockiert meinen Hals, will die Worte nicht durchlassen, als wären sie nicht richtig, als könnten sie etwas zerbrechen.
„Oh klasse, dann feiern wir Silvester zusammen“, reißt er mich aus meinen Gedanken. Theo strahlt mich an und ich muss unwillkürlich zurücklächeln. Der Schnee lässt seine Augen auf diese spezielle Art glitzern und ein Kribbeln breitet sich von meinem Hals aus.
„Können wir bitte nie aufhören, uns anzulächeln?“, frage ich und drücke meine Nase in seinen Arm, meine Wangen sind viel zu heiß für das Wetter.
„Niemals.“ Theo beugt sich vor und küsst meine Stirn. „Niemals“, flüstert er noch einmal.

Meine Tasche ist schwerer als bei meiner Ankunft, obwohl ich nicht so viele Geschenke bekommen habe. Wie erwartet ist der fünfte Januar viel zu schnell gekommen und ich weiß nicht, wie ich mich dazu bewegen soll, in den Zug nach Hamburg zu steigen. Mein ganzer Körper hat sich in banger Ahnung vollgesogen. Ich klammere meine Hände um die Kaffeetasse, die Mama mir gegeben hat und starre auf den Teller meines Vaters, auf dem ein halbes Marmeladebrötchen liegt.
„Wie länge fährst du?“, fragt Mama, um dem Radio etwas hinzuzufügen.
„Fünf Stunden.“ Ich glaube, meine Kaffeetasse ist defekt, der Kaffee ist bereits zu kalt, um Wärme an mich weiterzuleiten.
„Möchtest du nicht doch ein Brötchen?“
Nein, danke, ich habe schon einen Knoten gegessen.
Ich sehe auf die Uhr. Obwohl ich nicht fahren möchte, scheint mir der Zeiger unendlich langsam zu laufen. Je länger ich warte, desto nervöser werde ich.
Theo bringt mich zum Bahnhof und irgendwie wünsche ich mir, er wäre zu Hause geblieben. Wenn ich ihn ansehe, wir mein Hals so eng, dass ich Angst habe, keine Luft mehr zu bekommen. Worte kabbeln sich hinter meinen Lippen und wollen diese letzte Gelegenheit nutzen, nachdem ich in allen anderen Momenten immer eine Ausrede gefunden habe. Doch diesmal fühlt es sich noch so unglaublich viel falscher an.
Je näher wir dem Bahnsteig kommen, desto mehr flieht mein Körper in die andere Richtung, desto mehr zieht sich mein Bauch zusammen. Im Laufen schaue ich Theo an und versuche, seinen Anblick auf meine Netzhaut zu brennen, damit ich nie wieder vergessen kann, wie er aussieht. In den nächsten Monaten werden so viele Gesichter diesen Platz fordern und ich will nicht, dass er wieder in einen Traum verschwindet .
Als ich schließlich auf meinem Platz sitze, spüre ich die Kälte, die der fehlende Druck seiner Hand in meiner hinterlassen hat. Noch bevor der Zug ihn hinter mir gelassen hat, beginnt mein Herz zu zählen bis wir uns wieder sehen.


98.100.203 s
Mein kleines Wohnheimzimmer ist vor unerledigten Aufgaben geplatzt und so habe ich meinen Koffer gepackt, um mitten im Sommer eine lange, heiße Zugfahrt in  ein aufgeräumtes, vertrautes Umfeld vorzunehmen, weil ich mir dachte, dort werde ich mich wieder besser konzentrieren können.
Als ich mit vierzig ungeschriebenen Seiten Abschlussarbeit auf den Bahnsteig trete, ist es fast als hätte ich vergessen, dass Theo dort stehen wird, um mir meinen Koffer abzunehmen und alles durcheinanderzuwirbeln.
Seine Haare sind länger und ein paar Strähnen hängen frech über seinen Augen, aber dahinter kann ich trotzdem noch das Leuchten erahnen, das ich so vermisst habe. Er nimmt meine Hand und zieht mich an sich und mein Kopf ist wie leergefegt .
„Lass uns ein Eis essen“, schlägt er vor. Ich versuche, mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal mit Theo Eis essen war, aber das muss noch in der Schulzeit gewesen sein. Damals habe ich mich im Sommer quasi davon ernährt, sonst war die Hitze nicht zu ertragen.
Theo steuert zielstrebig auf die kleine Eisdiele zu, die eine neue Markise bekommen hat, und bestellt zwei Kugeln Erdbeereis.
„Ah Moment, kann ich bitte Schoko haben?“, unterbreche ich die Verkäuferin.
„Schoko?“, fragt Theo skeptisch, als wir mit unserem Eis die Hauptstraße hinunterschlendern.
„Vor allem, wenn es so Stückchen drin hat.“ Ich hebe meine Kugel, um es ihm zu zeigen. „Die knacken so schön.“
Theo nimmt meine andere Hand und zieht mich ein Stück näher an sich. Ich lege meinen Kopf an seine Schulter, die die gleiche  Wärme ausstrahlt wie immer, und lasse den Blick über den strahlend blauen Himmel wandern.
„Und“, fragt Theo schließlich, „du bist ja dann bald fertig mit deinem Studium.“
„Hmm“, mache ich und schiebe das rote Datum aus meinem Kopf. Von allen Zeitpunkten, die Theo sich hätte aussuchen können, um über unsere Pläne zu reden, ist dieser der schlechtmöglichste.
„Wie ist das mit deiner Abschlussarbeit, musst du da viel für lernen?“
„Vor allem Lesen. Und Schreiben“, antworte ich knapp. Irgendwie möchte ich nicht, dass sich dieses Thema zwischen unsere Zeit schiebt. Wenn ich über die Abgabe meiner Bachelorarbeit hinausdenke, glimmt in meinem Bauch ein tiefes Grollen, bei dem ich nicht weiß, ob ich wegrennen oder mich verstecken soll. „Lass uns über was anderes reden. Was machst du im Sommer so?“
Theo schaut mich einen Moment an, dann nickt er. „Gut. Ich hoffe, du hast Badesachen dabei.“
Später sitzen wir im Sonnenschein auf der Wiese am Fluss, die Wärme spannt sich in einem unendlichen Bogen über uns und dringt mir unter die Haut als ich Theos Gesicht in mich aufnehme, seine Augen, seine Lippen, seine Nase. Um uns herum spielen Menschen Ball am seichten Ufer, erkunden auf Boards die Wasserfläche und werfen sich Pommes und Gummibärchen in die Münder. Mittendrin sitzen wir wie auf einer Insel, Teil des Treibens, aber doch unser eigenes kleines Reich und ich sehe mit Theo in die Ferne und wir träumen. Und für einen kleinen Moment bin ich wieder ich, atme ich wieder frei und die Zeit ist ein fröhlicher kleiner Bach.
Irgendwann kommt doch jemand zu uns auf die Insel und der unsichtbare Wall bricht auf. Mit einer lauten Begrüßung läuft ein großer Junge – oder ist er schon ein Mann? – auf Theo zu und schlägt bei ihm ein.
„Na, auch frei heute?“, fragt er und grinst mich an als wäre ich mitgemeint.
Theo antwortet und die Aufmerksamkeit wendet sich wieder ihm zu.
„Arbeitest du Freitag wieder?“ Ich glaube, er war bei uns auf der Schule, aber ich kann seinen Namen nicht fassen.
„Jo, Samstag auch, komm doch vorbei, da wird’s immer lustig.“ Theo grinst mit einem Für-Freunde-Lächeln, bei dem er sehr viele Zähne zeigt. Er sieht freundlich dabei aus, wie ein richtiger Kumpel, aber ich möchte gerne mein Theo-Lächeln zurück haben.
„Und du?“, fragt der andere nun mich.
Ich hebe die Hände. „Oh, ich hab Ferien, ich-“
„Studierst du an der Uni in Koblenz ?“, fragt er weiter.
Ich runzele die Stirn. „Nein …“ Aber da kommt plötzlich noch jemand dazu und es wird wieder laut, sodass ich aus einer Antwort entlassen werde.
Als Theo anbietet, Pommes für alle zu holen, springe ich auf und laufe mit ihm zum Kiosk. Mir fällt es schwer, einen Anfang für meine Worte zu finden, aber zum Glück lächelt Theo und sagt leise: „Wir können gleich zu mir, Mama ist beim Sport. Dann haben wir wieder unsere Ruhe.“
Erleichtert strahle ich ihn an und futtere danach still meine Pommes, schaue aufs Wasser und genieße die Wärme von Theos Schulter an meiner .
Und dann plötzlich, ohne Warnung, wandert der Zeiger einen Schritt weiter und wir stehen wieder am Bahnhof, die Blätter der Bäume sind grau, meine Hand ist leblos ohne seine und ich fahre zurück in mein richtiges Leben. In die Welt, die sich echt anfühlen sollte, die mich begeistern sollte, die mein Herz höher schlagen lassen sollte; in die Welt, in der die Zeit nicht weiterläuft bis ich weiß, wann ich ihn das nächste Mal sehe .
Ich schließe die Augen als der Zug an ihm vorbeifährt und versuche, mich mitzunehmen in die Zukunft, in all das, was auf mich wartet, aber als ich einen Blick zurückwerfe, sehe ich mich neben Theo stehen.


141.778.430 s
Der kleine Plastikbaum auf dem Konferenztisch hat ein kaputtes Licht.
Ich fülle einen Antrag aus und starre alle paar Sekunden auf dieses kleine Licht, das nicht an der richtigen Stelle einsetzt. Und obwohl ich schon mindestens zwanzig Zyklen zugesehen habe, bringt es mich immer noch völlig aus der Ruhe, dass an dieser einen Stelle der Rhythmus unterbrochen wird.
In Wahrheit versuche ich, mich davon abzulenken, dass mit Weihnachten auch meine nächste Fahrt nach Hause näher rückt. Denn wenn ich zu lange darüber nachdenke, bricht die Sehnsucht nach Theo wieder über mir zusammen. Dann wird jede Sekunde noch länger und jeder Tag noch farbloser, verschwommen vor einem Hintergrund aus Warten.  
Jetzt, da ich in der Agentur arbeite, kann ich auch nicht mehr einfach meine Sachen packen und zu meinen Eltern fahren, wenn ich ihn sehen will. Jetzt muss ich Urlaub nehmen und wenn ich mir anschaue, wie die Tage, an denen ich Theo sehen kann, immer weniger werden, wird mit schwindelig.
Mit einem leisen Pling macht sich eine E-Mail in meinem Postfach bemerkbar. Da ich auf eine Rückmeldung wegen der Verlängerung meines Vertrages warte, klicke ich sie an, aber es ist nur eine Ankündigung zur Weihnachtsfeier der Agentur, die dieses Jahr am sechsundzwanzigsten im großen Rahmen mit allen Autorinnen und vielen Verlagen veranstaltet werden soll. Ich will mich wieder meinem Antrag zuwenden, doch dann fällt mein Blick auf die angehängte persönliche Notiz und mein ganzer Körper rutscht ein Stück nach unten.
Die Uhr in mir läuft rückwärts, rasend schnell, bis sie wieder von vorne zu laufen beginnt.
Ein Jahr bis Ankunft.
Ich weiß nicht, ob ich anrufen oder schreiben soll; oder ob ich lieber darauf warte, dass Mama im Salon davon erzählt, dass ich über Weihnachten arbeiten muss, und Theo es so erfährt. Ich hole mein Handy aus der Tasche, lasse es wieder sinken, stecke es zurück. Solange ich es noch nicht weitergegeben habe, ist es weniger real und ich kann verdrängen, dass ich dieses Weihnachten alleine verbringen werde.
Doch das dröhnende Gefühl tropft langsam meine Kehle hinunter und in meinen Magen, bis es irgendwann zu schwer werden wird, es zu ignorieren.
„Hey, ich habe gesehen, du darfst an Weihnachten mitkommen.“ Eine Kollegin hat sich an meinen Schreibtisch gestellt. Ich muss blinzeln, um mich auf ihr Gesicht zu konzentrieren.
„Sehr cool, da wirst du so viele Leute kennenlernen. Ich war in meinem ersten Jahr auch da und das nächste Jahr habe ich drei Verträge an Land gezogen.“ Sie wackelt mit den Augenbrauen. „Und abends gehen wir noch zusammen aus, ja? Holly bringt immer einen ganz phantastischen Stollen mit. Ich trage dich nachher in die Mailing-Liste fürs Schrottwichteln ein.“
„Okay“, bringe ich irgendwie heraus. Schnell senke ich meinen Blick auf das Papier vor mir.
„Das wird super, glaub mir. Es spricht für dich, dass Lenja dich mitnehmen möchte.“
Ich versuche mich an einem Lächeln, das ein bisschen verrutscht, dann schlendert sie wieder weg. Während ich weiter auf meinem Antrag herumkritzele, probiere ich, ihre Begeisterung aufzunehmen. Ich könnte mir einen kleinen Weihnachtsbaum kaufen und in meinem neuen Wohnzimmer aufstellen. Das könnte sowieso noch etwas Gemütlichkeit vertragen. Ich könnte Plätzchen backen und mich noch einmal ordentlich bei meinen Nachbarn vorstellen.
Als ich mir ausmale, wie ich mich durch die blitzende, blinkende Innenstadt drücke und versuche, ein paar Sterne und Kugeln zu kaufen, zieht sich mein Bauch zusammen. In einer Menschenmenge kann man sich so wunderbar alleine fühlen.
Also rolle ich mich in eine dicke Decke ein, kaufe mir einen Berg Lebkuchen und schaue die Feiertage über Weihnachtsfilme voller glücklicher, zweisamer Menschen.


174.477.670 s
Es schneit so stark, dass wir beinahe im Dunkeln fahren, und obwohl ich mir gesagt habe, dass ich im Zug arbeiten werde, kann ich mich jetzt keine Minute auf den Bildschirm vor mir konzentrieren.
Eine Unruhe hat sich in mir breitgemacht, die Zugfahrt dehnt sich und mein Herzschlag dröhnt wie das Ticken einer Uhr in meinen Ohren.
Dieses Jahr wollte ich beinahe nicht fahren. Nachdem ich letztes Weihnachten drei Tage wehleidig auf der Couch verbracht habe, hat mir die Agenturfeier am zweiten Feiertag mit meinen Kolleginnen viel Freude bereitet. Es wurde gegessen und gelacht, später in der Nacht gab es eine große Verteilung aller Wichtelgeschenke und es wurde noch mehr gelacht. Ich hatte nicht erwartet, bei der Vergabe von unliebsamem Plunder so viel Spaß zu haben.
Aber durch die festen Arbeitszeiten kann ich nicht mehr so oft zu meinen Eltern fahren, daher nutze ich die Gelegenheit, eine warme, eingepackte Zeit in der Heimat zu verbringen.
Außerdem ist da noch Theo. Da wir uns nun noch weniger sehen, schicke ich ihm regelmäßigere Updates aus meinem Leben und er sendet mir Grüße aus der Bar, vom Rhein, aus seinem Bett … Ich vermisse ihn. Gleichzeitig freue ich mich, wann immer ich seinen Namen vor einer neuen Nachricht stehen sehe .
Der Zug fährt die letzte, vertraute Strecke bis zum Bahnhof. Als wir halten, stehe ich bereits mit meinem Koffer an der Tür, aber der Bahnsteig ist leer.
Ich stelle mich in den zugigen Durchgang zum Parkplatz, ziehe mein Handy aus der Tasche. Da trudelt eine Nachricht ein:
Muss noch arbeiten, schaffe es leider nicht. Später? T.

Enttäuschung macht sich in meinem Bauch breit, gerade will ich meinen Koffer auf den gestreuten Gehweg ziehen, als ich das Auto meiner Eltern auf dem Parkplatz stehen sehe. Mama winkt mir zu und ich trotte zu ihnen hinüber.
Die Fahrt nach Hause erzählen Mama und Papa abwechselnd den neuesten Tratsch, während ich auf dem Rücksitz vor mich hin schweige. Als ich zu Hause eine Tasse heißen Kakao bekomme und wir es uns bei knisterndem Kaminfeuer im Wohnzimmer gemütlich machen, taue ich langsam auf.
„Wir haben dieses Jahr das Wichteln vorgezogen“, erzähle ich. „Kerstin ist an Weihnachten weg, deswegen haben wir letzte Woche eine richtig schöne Feier gemacht.“
„Ist das die, mit der du letztes Jahr nach der Gala noch weg warst?“, fragt Papa und ich nicke. „Wie schön.“
„Ja, sie ist echt lieb, ich habe mich auch noch ein paarmal mit ihr getroffen.“
Ich berichte von meiner Arbeit und trinke zu viel Kakao, sodass mein Bauch wehtut, aber als es an der Haustür klingelt, weiß ich für einen Moment nicht, wer es sein könnte.
Dann springe ich mit Verzögerung auf und folge Papa in die Diele, wo Theo mit verschneiter Mütze in der Tür steht und mich angrinst.
„Hey“, sage ich. Papa lässt uns mit einem unverständlichen Murmeln allein.
„Hallo“, sagt Theo und zieht mich fest in seine Arme. Ich atme tief ein und lasse seinen Duft durch meinen Körper wandern. Als er mich loslassen will, schlinge ich meine Arme noch fester um ihn und er lacht leise.
Ich löse mich von Theo, der mit mir ins Wohnzimmer läuft. Nach einer kurzen Begrüßung ziehe ich meinen Mantel an und wir treten nach draußen in die Winternacht. Ich merke, dass meine Hände wieder kalt geworden sind und stecke sie tiefer in meine Jackentaschen.
„Wie geht es dir?“, frage ich Theo und plötzlich ist die Unruhe wieder da. Ich weiß, dass ich nun endlich fragen muss.
„Gut.“ Ist das Unsicherheit in seinem Blick? „Ich freue mich, dich zu sehen.“
„Ich mich auch. Wie ist dein neuer Job?“
„In Ordnung. Die Arbeitszeiten vorher waren besser, aber jetzt verdiene ich mehr. Ich fange schon an, für ein Haus zu sparen.“ Theo grinst breit und irgendwo darunter liegt das Lächeln, bei dem mein Herz warm wird. Er hat angefangen, im Laden seines Vaters zu arbeiten und im Werk auszuhelfen, wo er früh aufstehen muss und dafür früher nach Hause kommt .
Ich erzähle ihm von meiner Arbeit, während wir langsam den Weg zu Theos Elternhaus entlangschlendern .
„Du musst irgendwann mal in die Agentur kommen, du wirst nicht glauben, wie viele unfertige Bücher bei uns rumliegen! Es ist großartig, ich habe mir über die Feiertage zwei Manuskripte mitgenommen, die ich einfach nicht weglegen kann. Und dabei bin ich nicht einmal für die Auswahl verantwortlich, aber wir dürfen alles lesen, was uns interessiert.“
Theo nickt, aber ich sehe in seinen Augen, dass ich für ihn eine andere Sprache spreche. Mein letzter Satz wird gegen Ende immer leiser und schließlich schaue ich auf den Boden und wünsche, ich hätte nicht so viel geplappert.
Schnee fällt und seine Wärme und meine Wärme gehen nebeneinander als würden unsere Farben nicht mehr zueinander passen. Schließlich setzt Theo wieder an und erzählt von einem Fest in der Bar, die wir als Kinder nie betreten durften, und ich kann mir nicht vorstellen, in diesem Raum zu sein, mit all den Menschen.
Wir erreichen Theos Zuhause, das sich seit unserem Schulabschluss vor fünf Jahren kaum verändert hat. Theo wohnt noch immer hinter dem runden Fenster unterm Dach, vor dem ein Vorhang mit gelben und weißen Streifen hängt. Vor der Haustür leuchtet ein weißer Stern.
Es ist gemütlich in dem Schlauch mit den schrägen Wänden, an denen ständig wechselnde Poster irgendwelcher Bands hängen. Wir kuscheln uns auf Theos Bett und schauen an die Decke, an der mal eine Weltkarte hing. Jetzt sind dort nur noch drei kleine Löcher und eine Ecke von etwas Blauem zu sehen.
Ich hole tief Luft, versuche, die Wärme seiner Schulter als meinen Mut zu nehmen, drehe den Kopf und sehe ihn an.
„Du könntest mitkommen“, sage ich. Wir könnten endlich eine Familie sein, wir zwei, zusammen.
„Wohin?“, fragt er.
„Zu mir, nach Hamburg. Wir könnten uns gemeinsam etwas aufbauen, wie wir es uns ausgemalt haben.“ Ich versuche ein Lächeln. „Ich bin ja nicht in Australien gelandet.“
Theo ruckelt sich ein Stück von mir weg, sieht mich an. „Aber hier ist meine Familie. Hier sind meine Freunde.“
„Ich weiß, aber…“
Es ist als könne er nicht glauben, dass ich gewagt habe, anzusprechen, was seit einem halben Jahrzehnt über uns hängt. Dass ich tatsächlich die Träume einfordere, die er mir damals geschenkt hat.
„Warum?“, fragt er, versteht es nicht.
„Ich möchte nicht mehr warten, bis ich dich wiedersehe. Ich möchte mit dir leben. Es ist als  würde ich ständig darauf warten, dass mein Leben beginnt .“ Ich lehne mich an die schräge Wand und versuche, Theo direkt anzuschauen, aber meine Augen fliehen woanders hin.
„Dann warte doch nicht. Komm einfach häufiger her.“
„Du könntest mich ja auch mal besuchen kommen.“
„Das geht nicht, ich habe aktuell noch nicht so viel Urlaub, weil ich ja auch noch nebenbei ausgebildet werde.“ Dass ich ebenfalls feste Arbeitszeiten habe, scheint er zu vergessen.
„Dann fahr eben an einem Wochenende. Oder an den Feiertagen.“ Ich zwinge mich, Theo in die Augen zu sehen. „Wir sehen uns nie. Du hast noch nicht einmal gesehen, wie ich jetzt wohne.“
„Du bist auch nicht so häufig hier.“
„Das tut doch nichts zur Sache!“ Ich starre ihn fassungslos an. „Es geht doch gerade darum, dass ich mir wünsche, du würdest dich häufiger darum bemühen mich zu sehen. Ständig muss ich darauf warten, herzukommen und immer muss ich die Initiative ergreifen.“
„Das sollst du ja gar nicht. Aber wenn du dich so darauf freust, mich zu sehen, dann sollten wir die Zeit doch lieber genießen, anstatt uns so blöd zu streiten.“
„Ich bin die Zeit! Ich bin ein Geschenk – und du vergeudest es! Mir reicht es nicht, dass ich in den Ferien mal zwei Wochen mit dir verbringen kann. Ich kann nicht mehr warten. Ich kann meine Zeit nicht mehr damit verbringen, die Sekunden zu zählen bis ich dich wiedersehe. Ich möchte endlich anfangen, ich möchte endlich da sein, wirklich da sein.“ Erschöpft lasse ich mich gegen die Wand sinken.
„Aber das heißt doch nicht, dass ich hier weg muss.“ Theo legt mir eine Hand auf den Arm. „Früher haben wir doch immer davon geträumt, zusammen ein Haus zu haben.“
„Ja …“ Mein Kopf wird mit einem Mal zähflüssig und ich habe das Gefühl, dieses Gespräch nicht wirklich zu führen. Es ist in eine ganz andere Richtung gelaufen als ich es geplant hatte.
Er holt sein Handy aus der Tasche und tippt darauf herum.
„Es ist noch nicht verkauft“, sagt er schließlich und hält es mir hin. Ein rotes Haus mit einer weißen Veranda, unten am Fluss. „Wenn ich noch ein bisschen arbeite, können wir mit einem Zuschuss meiner Eltern eine erste Anzahlung leisten. Du kannst mir ja sogar helfen, jetzt, wo du auch Geld verdienst.“
Mir klappt der Mund nach unten. „Aber … ich meinte doch nicht das Haus. Wir haben doch von irgendeinem Haus gesprochen. Irgendwo, wo es uns hintreibt.“
„Ich finde, es ist ein sehr schönes Haus. Und ich habe ein Leben hier. Ich kann hier jetzt nicht weg, wo ich doch den Laden übernehme und alles.“ Theo rückt ein Stück näher zu mir und seine braunen Augen liegen so vertraut auf meinen. „Aber du hast ja gerade erst angefangen, in Hamburg zu arbeiten, du kannst ja immer noch hierher wechseln und dann können wir ganz einfach zusammen sein. Das wäre doch schön?“
Irgendwie nicke ich. Er hat Recht, ich habe gerade erst angefangen, in meinem Job zu arbeiten …
„Schau. Wir müssen doch jetzt nichts entscheiden. Denk einfach mal darüber nach, ich bin sicher, dass wir das Haus auch erst in einem Jahr kaufen können.“

Irgendwann bin ich nach Hause zurückgelaufen, alleine durch den leichten Schneefall. Theo hat angeboten, mich zu bringen, aber ich habe es geschafft, abzulehnen. Die Vertrautheit, auf die ich mich sonst immer so gefreut habe, hat sich auf einmal angefühlt wie ein Käfig.
Es fühlt sich an als hätte ich alles falsch gemacht. Dabei weiß ich nicht einmal, was. Hätte ich es früher ansprechen sollen oder lieber gar nicht? Hätte ich damals nicht wegziehen sollen, nur damit ich in irgendeiner anderen Stadt studieren kann? Wahrscheinlich unterscheidet sich das Studium nicht einmal so sehr von dem, was sie an der Uni in Koblenz oder Köln lehren. Aber irgendwie dachte ich ja immer, Theo würde mit mir mitkommen.
Jetzt sitze ich auf dem Sofa und sehe Mama und Papa dabei zu, wie sie den Weihnachtsbaum schmücken. Eigentlich freue ich mich immer darauf, dass die beiden warten, bis ich nach Hause fahre, um ihn gemeinsam zu schmücken, aber heute habe ich keine Kraft dafür. Ich starre den Baum an, der sich langsam mit Ornamenten füllt, und es ist als würde ich fünf Bäume übereinander sehen. In meinem Kopf hallen Fetzen unseres Gesprächs, das ich wie von oben betrachte. Wann hat mein Leben diese Abzweigung genommen, dass ich hierher ziehen muss, um glücklich zu sein, während anderswo alles ist, was ich mir gewünscht habe?
Wie eine hängende Schallplatte sehe ich immer wieder den Weihnachtsbaum, die Tage, an denen Theo bei mir ist, die Tage, auf die ich mich freue, mein ganzes Jahr dreht sich darum. Es ist ein falsches Bild, alles in mir schreit mich mit etwas an, das ich nicht richtig verstehen kann.
Wenn wir endlich zusammen wären, würde die Uhr los laufen. Dann würde es endlich anfangen. Dann könnten wir endlich unsere Träume wahr werden lassen und noch einmal dort beginnen, wo wir irgendwie aufgehalten wurden.
Ich möchte wieder vor einer weiten Landschaft aus Möglichkeiten sitzen, möchte schauen und schauen und träumen und spielen.
Aber das sind wir nicht mehr. Manchmal glaube ich, Theo hat schon damals in ganz anderen Farben geträumt als ich. Und jedes Jahr ziehe ich ihn wieder an wie ein T-Shirt, das ich irgendwann mal auf einem Konzert getragen habe, als ich mich so frei fühlte. Aber es passt mir nicht mehr, es hat Löcher und ich es muss es einfach los lassen.
Ich setze mich auf. Die vier anderen Bäume verschwinden und ich starre auf nur ein Set rote Kugeln, einen Stern an der Spitze; und Mama und Papa, die mich mit einem besorgten Lächeln ansehen.
Darf ich das? Kann ich das tun, wo es doch meine Träume verraten würde?
Ich bin plötzlich sehr aufgeregt .
„Ich muss nochmal kurz los“, sage ich, stehe auf und nehme den letzten Anhänger, eine feine silberne Schneeflocke, aus der Kiste. Zielstrebig gehe ich auf den Ast zu, dem noch eine Zierde fehlt, und hänge die Flocke daran auf. „Bis später.“
Trotz der Kälte wird mir warm, als ich durch die Abenddämmerung zu Theos Haus jogge. Mit einem Mal kann ich es nicht mehr abwarten, ich möchte es endlich aussprechen.
Als ich bei Theo klingle, schallt das leise Bimmeln in meinem Inneren nach und plötzlich ist da eine euphorische Aufregung, die ich mir selbst nicht so recht erklären kann.
Wir setzen uns in die Küche, wo Theo gerade das Gemüse für das Abendessen geschnitten hat, während seine Eltern einen Ausflug auf den Weihnachtsmarkt unternehmen.
Ich sehe ihn an und kann ihn endlich richtig sehen. Ich sehe sein Grinsen und sein Lächeln, die irgendwie ineinander übergehen; und ich sehe das Glitzern in seinen Augen, das viel mehr Nuancen hat als ich mir eingebildet habe.
Theo schaut mich etwas verunsichert an und ich hoffe, dass ihm meine Worte nicht zu sehr wehtun werden.
„Ich habe nachgedacht“, sage ich. Mein Mundwinkel zuckt, weil ich so einen schrecklichen ersten Satz über meine Lippen bringe. „Wahrscheinlich hätte ich das schon früher tun sollen, aber ich habe mich nicht getraut.“
Ich nehme seine Hand und sie verbrennt mich nicht. „Ich werde zurück nach Hamburg fahren. Ich freue mich auf meine Arbeit, ich freue mich auf meine Freunde dort und ich möchte endlich meine Wohnung richtig einrichten.“
Theo nickt und sieht aus als würde er etwas sagen wollen, daher rede ich schnell weiter, damit er es nicht falsch versteht.
„Ich bin endlich bereit, dich gehen zu lassen“, sage ich und kann nicht verhindern, dass meine Stimme kratzt. „Ich habe immer gedacht, das Gefühl, das ich mit dir verspürt habe, läge an dir und ich könnte es sonst nirgends finden; aber ich habe bemerkt, dass es ganz einfach nur aus mir herauskommt, wenn ich es zulasse.“
Jetzt öffnet Theo den Mund und bildet ein kleines Oh in seinem so fremd-vertrauten Gesicht. Ich möchte ihn noch immer nicht zu Wort kommen lassen aus Angst, doch wieder falsch abzubiegen.
„Ich habe mir all das immer anders vorgestellt, habe früher immer so eine klare Zukunft vor meinen Augen gehabt, dass ich vergessen habe zu schauen, was in meiner Gegenwart passiert. Wir hatten so viele Träume und ich habe immer gedacht, wir müssten sie zusammen in Erfüllung gehen lassen. Dabei habe ich nicht bemerkt, dass ich alles genauso gemacht habe, wie ich es mir vorgestellt habe, nur eben ohne dich. Und vielleicht … ich habe entschieden, dass das okay ist. Ich habe mir vorgestellt, was ich alles tun würde, wenn ich nicht mehr daran denken würde, dass du hier bist und ich nicht, und plötzlich ist mir mein Herz aufgegangen. Plötzlich habe ich all die Dinge gesehen, die ich will und die ich habe und …“
Mit einem Mal legt Theo seine Hand auf meine Wange und ich bin so überrascht, dass ich ihn einfach nur mit großen Augen anstarre. Ganz allmählich merke ich, wie sich ein Kribbeln auf meinem Gesicht ausbreitet, doch ich kann nichts dagegen tun.
„Hey, es ist okay, du kannst wieder Luft holen.“ Er grinst und auch wenn ich sehe, dass in seinen Mundwinkeln ein wenig Traurigkeit liegt, glaube ich ihm.
Theo nimmt seine Hand wieder runter und rückt ein Stück von mir ab. Er nimmt das Küchenmesser auf und beginnt, eine vergessene Paprika in Streifen zu schneiden. Eine Weile schweigen wir, dann erhebt Theo das Wort.
„Du hast Recht“, sagt er schlicht. „Irgendwie bin ich immer davon ausgegangen, dass wir hier leben würden, wenn wir einmal unsere junge wilde Phase hinter uns gebracht haben. Und dann bist du so schnell an der Uni angenommen worden, dass wir gar nicht mehr dazu gekommen sind, irgendwo hinzufahren oder so was. Und ich fand das okay, wirklich, ich fand es toll, einfach mal nur für mich verantwortlich zu sein, zu arbeiten und sonst keine Sorgen im Kopf zu haben. Da habe ich erst richtig gemerkt, wie gerne ich hier bin und dass ich eigentlich gar nicht hier weg möchte …“
Theo hebt kurz den Blick und sieht mich entschuldigend an. „Dann dachte ich, wenn du mit dem Studium fertig bist, wirst du zurückkommen und dann können wir die Zeit hier gemeinsam genießen. Aber ich sehe jetzt, dass es nicht wirklich zu dir passt. Dein ganzes Gesicht strahlt, wenn du von deiner neuen Arbeit erzählst, auch wenn ich nicht wirklich verstehe, was du machst. Ich freue mich für dich.“
Jetzt legt er das Messer wieder zur Seite und kommt einen vorsichtigen Schritt auf mich zu, bleibt aber so stehen, dass wir uns nicht berühren. „Und ich bin traurig, dass wir das nicht schon viel früher bemerkt haben. Ich dachte, die Uni würde dich bedrücken und du hättest keine Lust, in die doofe Großstadt zurückzufahren und wärst deswegen immer so schrecklich traurig, wenn wir uns verabschiedet haben. Mir ist irgendwie nicht in den Sinn gekommen, dass das an mir liegen könnte.“
Jetzt ist es an mir, ihn mit ein wenig Traurigkeit anzulächeln. Ich verbiete dem kleinen Teil in meinem Hirn, sich auszumalen, was wir alles hätten tun können, wenn wir uns schon früher an dieses Gespräch herangetraut hätten.
„Das ist nicht deine Schuld.“ Ich mache den letzten Schritt auf Theo zu und drücke ihn kurz an mich. Mein Körper reagiert auf die vertraute Haltung, aber ich merke, dass mein Herz noch immer dieses aufgeregte Prickeln versprüht, das mich auf dem Herweg begleitet hat.
Ich löse mich von Theo und das Prickeln bleibt. „Ich muss wieder gehen, meine Eltern warten auf mich.“
Theo nickt und sieht mich lange an. „Komm gut nach Hause“, sagt er.
Mit einem Mal weiß ich nicht mehr, wie ich mich verhalten soll. Eine Schwere befällt mich, während ich Theos Blick festhalte.
„Mach’s gut“, sage ich und es ist der längste Satz, den ich je gesprochen habe. Erst als die kalte Luft draußen mein Gesicht kühlt, spüre ich die feinen Tränen auf meine Wangen.


jetzt
Es  ist Januar und ich laufe mit Mama in der Dämmerung durch die dicken Schneeflocken, um ein Geschenk von Papa umzutauschen. In den Schaufenstern blinkt überall noch die Weihnachtsbeleuchtung und mir fällt auf, wie schön die kleinen Strebenfenster der Boutiquen glitzern. Die ganze Straße scheint golden in der anbrechenden Dunkelheit und Kälte . Weiße Fenster folgen auf dunkelrote Holzläden. Vor der Eisdiele, die im Winter Lebkuchen verkauft, steht ein kleiner Weihnachtsbaum mit goldenen Kugeln, auf dessen Ästen sich langsam der Schnee sammelt.
Ich muss lächeln.
Es ist schade, dass die schönen Lichter nur in einem Monat des Jahres so zelebriert werden. Ich beschließe, mir für meine Wohnung eine Lichterkette zu kaufen und sie aufzuhängen, wenn ich nach Hause komme, mitten im Januar; sie hängen zu lassen, bis die Nächte wieder kürzer sind.
Wir sind fast bei dem Geschäft angekommen, zu dem Mama möchte, als ich über die Straße die Tür eines Cafés aufgehen sehe und eine Kopfbewegung meine Aufmerksamkeit weckt.
Ich bleibe stehen, drehe den Kopf, muss einfach nachsehen. Dort tritt Theo mit einer jungen Frau in einem großen roten Schal auf die Straße hinaus und schüttelt sich den Schnee aus den Haaren. Sie sind kürzer als noch vor einem Jahr, lassen ihn älter aussehen. Zumindest älter als mein Kopf ihn immer gemacht hat.
Als Theo mich entdeckt, blitzt ein Moment der Schuld über seine Augen und seine Hand zuckt in der seiner Freundin.
Ich lächle ihm zu und versuche, die ganze Wärme der Weihnachtsbeleuchtung in meinen Blick zu legen. Ich sehe, wie er sich entspannt. Er neigt den Kopf und ein kleines Lächeln spielt auf seinen Lippen.
Unsere Blicke liegen ineinander und ich warte auf das Gefühl, eine Stufe verpasst zu habe. Ich spüre in mich hinein und fühle den warmen Ball in meinem Bauch, der die Erinnerung an ihn enthält, aber da ist kein Knoten, kein Stechen, es ist einfach nur ein entferntes, leises Brummen. Dann sagt die junge Frau etwas, Theo dreht den Kopf – und der Moment ist vorbei .



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Beitrag zu Runde 1 "Duell der Filmzitate".
Vorgabe: "Ich bin die Zeit. Ich bin ein Geschenk – und du vergeudest es!" – Verborgene Schönheit
 
 
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