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Der ganz normale Wahnsinn

von Maybe44
Kurzbeschreibung
SammlungHumor / P12 / Gen
Franz Hubert Johannes Staller
10.02.2022
01.02.2023
53
133.953
10
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Dieses Kapitel
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25.01.2023 2.460
 
"Geh, Hubsi, etz sei hoid ned so gschamig!" Johannes Staller grinste breit. Im Gegensatz zu seinem Kollegen freute er sich ganz offensichtlich diebisch auf den bevorstehenden Einsatz.

Franz Hubert hingegen hatte mürrisch die Arme vor der Brust verschränkt und machte keinerlei Anstalten, aus dem Streifenwagen aussteigen zu wollen.

"Kimm scho! Die Rosi gfreit sich sicher auch scho recht auf di," zwinkerte Hansi nun und öffnete dabei die Autotür. Das veranlasste Hubsi allerdings nur dazu, sich noch ein Stück tiefer in den Beifahrersitz zu verkriechen. Denn dass die Rosi sich sicher schon auf ihren alljährlichen Besuch freute, das war ein nicht unerheblicher Teil seines Problems. Misstrauisch beäugte er die rot leuchtenden Neonröhren im Fenster der Villa Amour, die unmissverständlich anzeigten, dass das Etablissement geöffnet hatte. Hatte er nicht erst im letzten Jahr ganz entschieden verkündet, im nächsten Jahr würde der Riedl seinen Part übernehmen? Nun würde er sich am liebsten in den Hintern beißen, weil er das nicht frühzeitig konsequent umgesetzt hatte. Vorhin hatte er zwar noch kurzfristig versucht, Riedl für den Einsatz zu gewinnen, doch da war dieser bereits mit einem "Spezialauftrag" des Polizeirats betraut worden und im Begriff, das Revier zu verlassen. Zähneknirschend war Hubsi also seinem Partner gefolgt, der kaum bessere Laune haben könnte.

Motzig wie ein Kleinkind, das versuchte, seinen Willen durchzusetzen, sagte Hubsi: "I versteh' ohnehin ned, was des soll. Des is eigentlich die Sach' vum Ordnungsamt, da die hygienischen Zustände, Brandschutzvorschriften und so zu kontrollieren."

Hansi wurde langsam ungeduldig und trommelte mit den Fingern auf das Autodach. "Mia kontrollieren aba a die Arbeitserlaubnis und machens Personenkontrollen. Dem Menschenhandel in Wolfratshausen keine Chance!"

"Weils die Rosi da auch Menschenhandel betreibts...," schnaubte Hubert genervt. "Die Damen san allenfalls aus Niederbayern."

Hansi verdrehte die Augen und klopfte zweimal kräftig auf die Motorhaube. "Oiso, I geh' da etz eini. Kimmst?"

Notgedrungen, da Staller seine Antwort überhaupt nicht abwartete und direkt losstiefelte, schob sich nun auch Hubsi schwerfällig aus dem Auto und trottete mit hängendem Kopf in Richtung des Gebäudes, an dem das leuchtende "A" prangte. Hintereinander traten die Beamten durch die unscheinbare Eingangstür und standen direkt in einer flauschigen Bar. Die Farbe rot war hier eindeutig vorherrschend und zierte in Form von schweren Teppichen den Fußboden, aber auch die Strukturtapete an den Wände und die Polsterung der Sitzecken und Barhocker. Alles, was nicht rot war, erstrahlte in unechtem Gold und wie schon so oft zuvor musste Hubsi angesichts dieser Geschmacklosigkeit einmal kurz fest die Augen zusammenkneifen. "Bah, des schaut ja immer noch genauso grauslig aus, wie beim letzten Mal," murmelte er vor sich hin.

"Der Kundschaft gefällts," sagte da eine für eine Frau ungewöhnlich tiefe Stimme hinter ihnen.

Hubert zuckte unweigerlich erschrocken zusammen.

"Rosi. Servus! Kaum zu glauben, scho wieda is a Jahr rum!", grüßte Staller strahlend.

Doch die Bordellbetreiberin mit der auftoupierten schwarzen Mähne hatte nur Augen für Franz Hubert. Geschmeidig wie eine Katze, die ihre Beute fest im Blick hat, kam sie näher und strich mit ihrem dunkelrot lackierten Nagel ihres Zeigefingers über die Knopfleiste seines Uniformhemds. "Herr Huberrrt," gurrte sie dabei und formte mit ihren gleichermaßen dunkelrot geschminkten Lippen einen perfekten Kussmund, "Es ist mir wie immer eine Freude, Sie hier zu begrüßen."

Hubsi beschränkte sich auf ein knappes Nicken und fixierte danach interessiert die Getränkekarte, die auf dem Tresen auslag. "A Glaserl Sekt für 14,50€?", rutschte ihm heraus, "Des is ja Wucher!"

Rosi bedachte ihn mit einem neckischen Augenaufschlag. Da sie trotz ihrer enormen Absätze einen ganz Kopf kleiner war als Hubsi, legte sie ihren Kopf in den Nacken und sah ihn von unten herauf mit unergründlichem Blick an. "Für Sie, Herr Hubert, geht ein Gläschen Sekt selbstverständlich immer aufs Haus. Ich weiß ja, reich wird man nicht als Polizeiobermeister." Sie klimperte mit ihren falschen Wimpern. "Aber die Uniform, die ist einfach... heiß."

Hubsi trat einen Schritt zurück, mit dem Ergebnis, dass er nun sprichwörtlich mit dem Rücken zur Wand stand. Rosi rückte sofort nach und stand schon wieder für seinen Geschmack viel zu eng vor ihm. Hilfesuchend blickte er sich nach Johannes Staller um. Er entdeckte ihn am anderen Ende der Bar, wo er bereits in ein Gespräch mit einer jungen, blonden Schönheit vertieft war, die gut und gerne seine Tochter sein könnte. Eilig schob sich Hubsi an Rosi vorbei und lief hinüber.

"Hubsi, des is die Larissa," stellte Hansi seine neue Bekanntschaft stolz vor.

"Is klar," entgegnete Hubert trocken. "Rosi, rufen'S bittschön alle Damen zusammen, sie sollen glei ihre Ausweispapiere bereithalten."

"Mei, Hubsi, sei doch ned so ungemütlich. Die Larissa und I, mia ham uns grad so nett unterhalten," meuterte Staller.

Hubsi warf ihm einen finsteren Blick zu. "Mia machen etz die Personenkontrolle und dann da Rest und dann san mia da fertig. Kannst ja jederzeit privat nochamal da her kemma."

Rosi hatte der Anweisung tatsächlich ohne Widerspruch Folge geleistet und noch zwei weitere junge Frauen herbeigerufen. "Die Luna hat gerade noch Kundschaft," erklärte sie, während sie nonchalant an ihrer Zigarettenspitze zog, die ihre selbstgedrehte Zigarette um gut zwanzig Zentimeter verlängerte. "Larissa, Monique und Vanessa," erklärte sie und deutete der Reihe nach auf ihre Mitarbeiterinnen, "Eine Arbeitserlaubnis erübrigt sich, die Mädchen sind alle von hier." Dann verschwand sie, um sich dem penetrant klingelnden, nostalgisch anmutenden Fernsprechtischapparat mit dem verschnörkelten goldenen Hörer zu widmen.

Hubsi brummte unwirsch: "Da is wieder Hochkonjunktur unter der 32168."

Johannes Staller schenkte ihm jedoch gar keine Beachtung. Er grinste selig von einem Ohr zum anderen. Inmitten der drei attraktiven, leicht bekleideten Damen schwebte der ewige Junggeselle im siebten Himmel. Darüber schien er den eigentlichen Grund seiner Anwesenheit bereits völlig vergessen zu haben. So ergriff Hubert schließlich die Initiative: "So, die Damen, dann zeigen'S mal ihre Ausweise."

Folgsam zückten alle drei ihre Bundespersonalausweise, die Hubsi dann eingehend studierte.

"Seid ihr eigentlich Zwillinge?", hauchte die rothaarige Monique derweil, während sie ihre Augen ungeniert über Hubert und Stallers Uniformen wandern ließ, und nippte an ihrem Sekt.

Hansi zog überrascht die Augenbrauen in die Höhe. "Na, wie kemman'S denn da drauf?"

"Weil eure Mama euch gleich angezogen hat...", antwortete sie kichernd. Larissa und Vanessa, das am ganzen Körper bunt tätowierte Mädchen mit dem glatten, platinblonden Bob, stimmten in ihr Lachen ein und konnten sich gar nicht mehr beruhigen.

Hansi wurde ganz rot im Gesicht. Sein Lächeln schien ein bisschen einzufrieren, er wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Hilfesuchend blickte er zu Hubsi hinüber. Der tat jedoch so, als habe er nichts gehört.

Rosi, die gerade zurückgekehrt war,  klatschte resolut in die Hände und sorgte damit für Ruhe. "Jetzt ist's aber gut, Mädels. Lasst die Staatsmacht mal in Ruhe arbeiten, umso schneller können auch wir wieder in Ruhe arbeiten."

Damit war Hubsi voll und ganz einverstanden. Er reichte den Damen ihre Ausweise zurück. Wie erwartet hatte er keine Auffälligkeiten feststellen können, abgesehen von der Tatsache, dass jede der drei sich ganz offensichtlich einen Künstlernamen zugelegt hatte. "Prima, dann schauen mia etz noch, dass der Notausgang ned versperrt is, dann san mia a scho wieder fertig da," freute Hubert sich.

Stallers Pflichtbewusstsein kehrte just in diesem Augenblick zurück und er wandte ein: "Naa, was is'n mit der Luna? Die miassma scho a noch kontrollieren. Der Vollständigkeit halber."

"Der Vollständigkeit halber," echote Hubert ungläubig und wich dabei dem amüsierten Blick der Bordellbetreiberin aus. Dabei wollte er doch am liebsten so schnell wie möglich hier verschwinden!

"Genau genommen kenna mir den, äh, Besucher von der Frau Luna a glei mitkontrollieren. Weger der Statistik."

Hubsis Blick wurde noch eine Spur ungläubiger. Doch er schüttelte nur stumm den Kopf und schaute auf seine Armbanduhr. "Wie lang is'n die Luna noch indisponiert?"

Rosi grinste und ihre Mitarbeiterinnen kicherten schon wieder. "Ach, das wird nicht mehr lange dauern. Der Herr ist Stammkunde und darf nicht zu spät nach Hause kommen, wenn Sie verstehen."

Hubsi verstand; Hansi - seinem maximal irritieren Gesichtsausdruck nach - eher nicht. Er kam jedoch nicht mehr dazu nachzufragen, denn just in diesem Augenblick öffnete sich schwungvoll die Hintertür und eine weitere bildhübsche junge Frau in einem sehr kurzen, sehr tief ausgeschnittenen Kleidchen, stürzte herein. "Ruft mal schnell einer die Polizei! Draußen hat es einen Unfall gegeben!" Sie stockte, als sie die beiden Beamten bemerkte. "Oh, Sie sind schon da? Umso besser! Mitkommen!" Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und eilte wieder hinaus. Hubert und Staller folgten ihr auf die Straße, Rosi tat es ihnen gleich, während die drei anderen Damen sich damit begnügten, von der Tür aus hinauszuspähen. "Das ist übrigens unsere Luna," verkündete Rosi nicht ohne Stolz. Hubsi nickte. Das hatte er sich beinahe gedacht.

Auf der Rückseite des Bordells verlief eine zweispurige Straße, die ein Fußgängerüberweg zierte. Davor standen zwei Fahrzeuge mit Warnblinklichtern, von denen das hintere dem vorderen regelrecht auf der Stoßstange hing. Neben den Fahrzeugen standen zwei Menschen, die wild gestikulierten und diskutierten.

Staller versuchte, die erhitzten Gemüter zu beruhigen: "Staller, Polizei Wolfratshausen. Etz beruhigen mia uns alle erstmal. Was is denn passiert?"

Doch die beiden Streithähne schenkten ihm kein Gehör und redeten weiter lautstark aufeinander ein. Hubert verschaffte sich Gehör, indem er zwei seiner Finger in den Mund steckte und einen durchdringenden Pfiff ertönen ließ.
Alle Köpfe wandten sich zu ihm um. Jetzt, wo er die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden erlangt hatte, überließ Hubsi gerne Hansi wieder das Feld und machte eine auffordernde Handbewegung in dessen Richtung.

"Oiso, nochamal. Staller, Polizei Wolfratshausen. Was is'n passiert?"

Der Mann ergriff das Wort: "Die bleede Brunzkachl da hat's oifach grundlos gebremst. I hat koa Chance!"

Das ließ die Frau nicht auf sich sitzen. "Grundlos?", keifte sie, "Ich bremse nie grundlos! Das da ist ein Zebrastreifen, wenn den jemand überqueren möchte, muss ich ja wohl bremsen. Und hätten Sie... Sie... Sie Unflat den Mindestabstand eingehalten und nicht auf dem Handy rumgespielt, dann hätten Sie auch rechtzeitig bremsen können!"

Der Mann wollte sogleich wieder loslegen, aber Staller gebot ihm Einhalt und forderte die Frau auf, weiterzusprechen. Diese nutzte die Gelegenheit nur zu gerne. "Wissen Sie, Herr Wachtmeister, der Herr hing mir schon seit geraumer Zeit auf der Stoßstange. I halt' mi nämlich an die Verkehrsregeln! Da war's wenig verwunderlich, dass es kracht."

"Die bleede Henne is im Schneckentempo durchs Ort gegurkt! An der Ampel hat's scho bei Grün gebremst, dass mia ja anhalten miassa!", fiel ihr Kontrahent ihr ins Wort. Der Mann war während seiner Tirade dicht an Staller herangetreten. Der Polizist wurde dadurch auf einen leichten alkoholischen Geruch aufmerksam und schnüffelt. "Sagen'S, hams was getrunken?"

"Freili," grinste der Mann. "Trinken is wichtig, gell? Weger der Dehydrierung, hehehe."

"Wären'S mit am freiwilligen Alkoholtest einverstanden?"

"Ja, freilich! Was gibt's dann Guades?" Erneut lachte der Mann meckernd. Er verstummte abrupt, als er merkte, dass es den Beamten äußerst ernst war.

Während Hansi umständlich im Kofferraum von Wagen 3 kramte, um das Atemalkoholmessgerät zu suchen, trat Hubsi neben Luna, die sich die ganze Szene höchst amüsiert angesehen hatte.

"Erm, Frau... Luna, Sie ham'S den Unfall doch gesehn, oder? Was ham's überhaupts da draußen gemacht?"

Luna hielt wortlos ein schmales, silbernes Zigarettenetui in die Höhe.

"Ah, die Zigarette danach, sozusagen," nickte Hubsi mit betont ernster Miene. "Wieso gehen'S raus zum Rauchen, bei dem Mistwetter?"

Luna zuckte mit den Schultern. "Die Rosi möchte nicht, dass wir Mädels drinnen rauchen."

Hubsi zog die Augenbrauen in die Höhe. "Die rauchts doch selbst da herinnen!"

"Sie ist halt auch die Chefin," erwiderte Luna lapidar und zündete sich sogleich noch eine weitere Zigarette an.

Das war natürlich ein Totschlagargument, musste Hubsi zugeben und konzentrierte sich wieder auf die eigentliche Arbeit. "Oiso, weger dem Unfall. Kenna Sie uns ned vielleicht sagen, was passiert is?"

"Die Frau hat gebremst, der Mann nicht. Bumm."

Diese prägnante Zusammenfassung entlockte Hubert ein breites Grinsen. Luna zwinkerte ihm fröhlich zu und trat ihre Zigarette auf der Straße aus. "Ich muss wieder rein, hab' gleich den nächsten Termin. Sie wissen ja, wo Sie mich finden, wenn Sie noch Fragen haben."

Hubsi nickte und wurde dann auch schon gleich wieder von Staller in Beschlag genommen. "Du, Hubsi, die Eichung vum Atemalkoholtester is scho vor vier Jahren abgelaufen. Is des schlimm?"

"Naa," seufzte er, "'s is eh wurscht, weil ned gerichtsverwertbar. Mia nehmen erm oifach mit zur Blutabnahme."

Da freute Staller sich, hatte er in der Vergangenheit doch auch schon selbst Hand angelegt, was ihm durchaus Freude bereitet hatte. Der Mann hingegen schien wenig begeistert und schüttelte vehement den Kopf. Unbeeindruckt drückte Hansi ihn auf die Rückbank des Streifenwagens.

Als Hubsi auf dem Beifahrersitz Platz nehmen wollte, ertönte Rosis Stimme: "He! Sind wir etwa schon fertig?"

Hubsi hob entschuldigend die Hände. "Mei, die Pflicht ruft. So Schad', aba leider ned zu ändern."

Rosi lächelte ihn breit an. "Ich freue mich schon auf's nächste Mal, Herr Hubert!" zwinkerte sie, "Und denken Sie daran, ein Gläschen Sekt steht hier immer kühl für Sie!"

Da verschwand Hubsi dann doch lieber ganz schnell im Auto.

Als Staller den Wagen wendete und auf die Straße fuhr, bog hinter ihnen aus der anderen Richtung kommend ein den Polizisten wohlbekannter, klapprigen Lieferwagen auf den Parkplatz vor dem Bordell.

"Hubsi, des is doch der Yazid! Was macht'n der da?", fragte Hansi und  verrenkte sich dabei den Hals, um besser in den Rückspiegel schauen zu können. Dabei verriss er das Lenkrad und geriet schlingernd auf die Gegenfahrbahn. Ein entgegenkommendes Fahrzeug legte eine Vollbremsung hin.
Der Mann auf der Rückbank schrie angsterfüllt auf und schlug die Hände vor seine Augen. Hubert griff energisch ins Lenkrad und brachte den Wagen wieder auf Spur. "Hansi, schau auf die Straße!", mahnte er streng. "Der Yazid machts da bestimmt nur die Elektrik."
Innerlich jedoch feixte er und dachte an Lunas nächsten Termin.
Nun, er würde das im Hinterkopf behalten - es war immer gut, ein Druckmittel parat zu haben um Yazid in bestimmten Situationen zur Mitarbeit zu motivieren.
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