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Wär ich nach Passau gegangen...

Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Ellen Bannenberg Emily Bannenberg Nikolas Heldt
09.02.2022
05.11.2022
16
31.190
5
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09.02.2022 1.828
 
NIKOLAS POV

Na toll. Noch nicht mal Bier gibt’s hier, sondern nur Sekt. Aber passt ja.
Beschissener Höhepunkt bei einer noch beschisseneren Veranstaltung an einem beschissenen Tag nach einer beschissenen Nachricht.
Hat Julia jetzt ernsthaft per SMS mit mir Schluss gemacht? So ganz ohne weiteren Kommentar? Und was soll „Sorry, Nikolas. Das Ganze mach für mich keinen Sinn mehr, wir sollten uns nicht mehr sehen. Mach‘s gut!“ eigentlich heißen?  

Ein Blick durch die Runde löst mich ein bisschen von meinen Gedanken. Der gesamte Versammlungsraum des Präsidiums ist voll mit gestriegelten Menschen, vermutlich allesamt irgendwelche hochtrabenden Juristen aus ganz Nordrhein-Westfalen, die alle ein Loblied auf die designierte Frau Oberstaatsanwältin aus Passau singen wollen, die ich inmitten einer Traube von Menschen am anderen Ende des Raumes ausmachen kann. Sofort sinkt meine Stimmung auf den absoluten Tiefpunkt.
Was mach ich hier eigentlich? Mir diese Verabschiedung heute noch zu geben hätte ich mir echt sparen können.  

Ich muss es mir eingestehen – ich hab’s verbockt. Hätten Ellen und ich jemals ne Chance gehabt, nach meinem Malle-Trip hätte mir klar sein können, dass sie mich nicht mehr so leicht an sich heranlässt. Darin sind wir uns glaub ich ziemlich ähnlich. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, was ich mit jemandem wie mir gemacht hätte, wenn mich die Person so dermaßen verletzt hätte, wie ich es nun mal ganz offensichtlich getan habe. Und nach allem, was dem folgte, es sollte wohl einfach nicht sein. Das lässt sich inzwischen wohl auch kaum mehr mit mangelndem Timing erklären, wie ich es damals noch kurz nach Stefans Tod versucht habe, mir einzureden.  

„Du siehst genauso mies aus wie ich mich fühle.“ reißt mich eine Stimme aus meinen deprimierenden Gedanken. Ich drehe mich um und sehe Emily vor mir stehen.  
„Hey Emily! Schön dich zu sehen. Was machst du denn hier? Ich hätte nicht gedacht, dass dich solche Veranstaltungen reizen, wenn ich ehrlich bin...“  
„Ja als ob sie das tun! Aber Mama ist immer noch so sauer wegen der Sache mit der gefakten Entführung, ich kann außer in der Schule keinen Schritt ohne sie machen – Hausarrest, du erinnerst dich...“  
Ich versuche, ein leichtes Schmunzeln zu unterdrücken. Ellen ist konsequent – in jeder Hinsicht.  
„Tja, glorreich war das halt echt nicht, ne?“  
„Jaaa, hab ich gecheckt. Hätte ja funktionieren können. Immerhin hat es mir einen Monat länger hier gebracht, selbst wenn das nur wegen dem Papierkram in Passau und meiner Verhandlung hier war. Aber sag mal – so griesgrämig wie du guckst – du willst doch auch nicht hier sein, oder? Warum tust du dir den Scheiß an? Und bist nicht bei deiner Julia?“  

Das Grinsen, was sich während Emilys ersten Sätzen in mein Gesicht geschlichen hatte, erlischt und ich merke förmlich, wie meine Stimmung im Gleichklang mit meinen Mundwinkeln herabsinkt. Ich hatte es kurzzeitig verdrängt.  
„Julia ist nicht mehr ‚meine Julia‘.“ gebe ich zähneknirschend zu.
„Abgesehen davon sind deine Mutter und ich Freunde. Und sie hat mich eingeladen, zu kommen.“  
Gut, und Herr Grün hat uns mehr oder weniger dienstlich verpflichtet, aber hätte Ellen mich nicht wirklich explizit nochmal persönlich eingeladen, ich weiß nicht, ob ich diese Dienstanweisung nicht, wie so manch andere auch, in den Wind geschossen hätte.  
„Klar, Freunde!“ entfährt es Emily, reichlich vor Sarkasmus triefend,
„Wer, bitte schön, lässt denn seine Freunde zurück, nur um irgendeinen ach so tollen Job am anderen Ende von Deutschland anzunehmen? Echt! Mama muss ja ne tolle Freundin sein!“  
„Weißt du, Emily...“ beginne ich, bevor ich ins Stocken gerate.  

Ich habe wirklich keine Ahnung, was ich ihr sagen kann, damit sie nicht mehr so sauer auf Ellen ist. Und ehrlich gesagt, bin ich es ja auch. Aber vielmehr auf mich selbst. Und ja, natürlich hätte ich mir gewünscht, Ellen würde bleiben und hätte uns vielleicht irgendwann noch eine Chance gegeben.
Vielleicht hätte ich mich dann gar nicht auf Julia eingelassen, wer weiß? Wenn ich es mir eingestehe, weiß ich jetzt schon, dass das mit uns nichts hätte werden können. Weil es für mich viel einfacher war, sich mit Julia einzulassen und sich darauf zu konzentrieren, als darüber nachzudenken, warum mich die Nachricht über Ellens Weggang so schockiert. Denn dann hätte ich mir eingestehen müssen, dass sie meine große Liebe ist und ich es mir nicht vorstellen kann, ohne sie zu sein, selbst wenn wir es bisher nie geschafft haben, mehr zu sein, als Kollegen.  
Und dann wäre mir ebenso klar gewesen, dass Julia ihr niemals das Wasser reichen kann. Ohne, dass die überhaupt was dafürkann.

Nichtsdestotrotz starte ich einen neuen Erklärungsversuch Emily gegenüber:  
„Es kommt doch nicht immer darauf an, dass man sich am gleichen Ort befindet wie seine Freunde. Die Hauptsache ist doch, dass man den Kontakt behält. Und sich trotzdem umeinander kümmert und für den anderen da ist, wenn der Hilfe braucht. Ehrlich gesagt... ich war im letzten Jahr nicht immer ein toller Freund für deine Mutter. Ich habe im Winter Dinge über mich und meine Vergangenheit erfahren, die mich ziemlich aus der Bahn geworfen haben. Dummerweise habe ich meinen Frust einfach an allen Menschen ausgelassen, die um mich herum waren. Das war nicht so klug von mir und für alle anderen echt nicht leicht auszuhalten. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum sie lieber die Chance mit dir gemeinsam in Passau ergreifen wollte, statt hier meiner miesen Laune ausgesetzt zu sein.“  

Emilys Augen werden ein Stück größer und ich kann förmlich spüren, wie es in ihr arbeitet. Aber reicht das aus, um ihren Frust über den Weggang aufzufangen? Ich muss zugeben, ich bezweifle das.
Trotzdem entgegnet sie mir:
„Ja oke, das mag ja sein. Aber ist das trotzdem nicht ne bisschen krasse Reaktion? Ich mein, hätt es nicht auch Essen getan, wenn sie Abstand sucht? Dann hätten wir zumindest nicht umziehen müssen! Ich würd halt schon ganz gern weiter mit meinen Freunden hier ins Kino gehen können, statt in Passau Skifahren zu gehen. Also zumindest hat Mama gesagt, dass man das da kann. Aber mit wem soll ich denn sowas da machen, wenn alle meine Freunde hier sind? Und...“  
Sie stockt, als ob ihr ein Gedankenblitz gekommen sei, bevor sie zögerlich weiterredet:
„Was hast du eigentlich erfahren, was dich so aggro gemacht hat?“  

Ich muss schlucken und überlege fieberhaft, was ich ihr so nervensparend und knapp wie möglich sagen kann, ohne sie mit der vollen Bandbreite zu erschlagen. Zwar merke ich, dass es mir immer leichter fällt, über meinen Erzeuger zu sprechen, aber das heißt ja nicht, dass man es übertreiben muss.
Ein bisschen bin ich trotzdem erleichtert, als hinter mir auf einmal eine nur allzu vertraute Stimme ertönt:  
„Emmi, da bist du ja, ich hatte dich schon komplett aus den Augen verloren! Aber wie ich sehe, hast du ja jemanden gefunden, mit dem du dich unterhalten kannst. Schön, dass Sie gekommen sind, Herr Heldt!“  
„Keine Sorge, Mama. Ich würde natürlich nie einfach so verschwinden. Du hast doch gesagt, dass ich hierbleiben muss, also entspreche ich deinem Wunsch natürlich! Ich will ja deinen Ruf nicht ruinieren...“  

Wieder trieft Emilys Stimme nur so vor Sarkasmus, während sie ihrer Mutter mit klimpernden Augen à la Lieb-Mädchen entgegenblickt. Dieselbe schaut währenddessen mit verdrehten Augen von Emily zu mir und wieder zurück, bevor sie ebenso sarkastisch erwidert:
„Ich hab‘ so ein Glück, so eine tolle Tochter zu haben! Was könnt‘ ich mir mehr wünschen!“
„Och ich wüsste da was – einen Job hier in der Nähe zum Beispiel... aber das wär wohl zu einfach, was? A propos – wenn ihr jetzt nicht mehr zusammenarbeitet und ‚Freunde‘ seid, wie Nikolas gerade gesagt hat – warum duzt ihr euch eigentlich immer noch nicht? Wär doch mal irgendwie logisch, oder?“  

Bisher hatte ich mich innerlich zurückgelehnt und dem Schlagabtausch der zwei intelligenten Frauen vor mir mit größter Freude zugehört, bevor ich bei der Erwähnung meines Namens jedoch wieder hellhörig werde.  

Verdutzt schaue ich von Emily zu Ellen und wieder zurück, nicht wissend, was ich darauf antworten soll. Mein Blick bleibt an Ellen hängen, die ebenso verdattert zu sein scheint, aber hey – ihre Tochter, ihre Aufgabe. Also werfe ich ihr genauso wie Emily einen herausfordernden Blick zu, sodass es nun an Ellen ist, zwischen ihrer Tochter und mir hin- und herzuschauen.  

„Äh ja. Das, äh... das hatte sich bisher halt noch nicht ergeben, Emmi. Außerdem, manchmal, also so privat, da haben Herr–... Nikolas und ich uns schon geduzt. Aber ja, du hast Recht. Vielleicht wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, schließlich war ja heute mein letzter Tag hier im Büro. Was meinen S-... also, was meinst du, Nikolas?“  

Ein wenig unsicher, wie sie auch beim Sprechen zuerst noch wirkte, schaut sie mir entgegen, bevor sie sich scheinbar einen Ruck gibt und – ganz die taffe Ellen, die ich so schätze – die Schultern durchdrückt, sich aufrichtet und mir die Hand zum Einschlagen hinhält.
Wortlos ziehe ich meine Hand aus der Tasche meiner Lederjacke und ergreife die ihre. Innerlich zwar gewappnet, flasht es mich allerdings immer wieder aufs Neue, was eine körperliche Berührung von Ellen – und sei es nur dieser simple Handschlag – in mir auslöst. Ich kann vermutlich machen, was ich will, sie wird mich nie loslassen. Und mich vermutlich auch nie wieder jemand so emotional berühren wie diese Frau. Aber hilft ja nix! Ich löse mich schnell aus meinen Gedanken, bevor sie noch zu melancholisch werden und bestärke unsere Abmachung durch:  
„Ja klar, gehört sich ja so. Schließlich sind wir ja Freunde.“  

Ein kurzer Blick in ihre Augen, während ich spreche, verrät mir, dass ihre Emotionen ebenso Achterbahn zu fahren scheinen wie meine.
Ja, auch sie spürt immer noch diese starke Verbundenheit zwischen uns, zweifelsfrei. Ich bin mir immer sicherer, dass ihr Weggang nach Passau nicht nur der Wunsch nach einem Neuanfang und Karriere ist, sondern zum Großteil mit ihrer Angst vor der Gewaltigkeit ihrer Emotionen mir gegenüber zu tun hat. Bevor jedoch keiner von uns beiden mehr dafür garantieren kann, die Contenance zu wahren, löse ich sowohl meinen Blick, als auch meine Hand schnell von ihr und schaue mit einem Räuspern auf den Boden.  

„Ja ähm... also, ich glaube, es gibt noch ein paar Menschen, die sich noch von mir verabschieden wollen. Und der Oberstaatsanwalt, der will wohl noch was sagen. Ich glaub, ich werd mal schauen, ob ich ihn sehe. Du hast ja jetzt jemanden gefunden, mit dem du dich ganz gut amüsierst, Emmi, nicht wahr?“  
„Klar, Puffbrause und ein mies gelaunter Nikolas. Alles, was ich mir jemals für einen bombastischen Freitagnachmittag gewünscht habe...“  

„Du Scherzkeks! Keine Sorge... Ellen. Emily und ich amüsieren uns prächtig zusammen! Und von der Puffbrause kriegst du höchstens ein Glas!“ entgegne ich schnell, bevor Ellen noch auf die Idee kommt, nachzuhaken, was Emily damit meinen könnte, dass ich mies drauf sei.
Ich sehe die Verwirrung in Ellens Blick, schaue aber bewusst zu Emily, sodass ihrer Mutter letzten Endes nichts anderes übrigbleibt, als sich wieder um ihre Gäste zu kümmern.
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