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Was uns nicht stärker macht

Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Tragödie / P16 / Het
07.02.2022
07.02.2022
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1.585
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Guten Tag, liebe Leser. Dies ist mein erster Beitrag zum Wettbewerb Der Thron der Schreibkunst 2.0 von Spinatwachteln. Meine Vorgabe für diese Runde war die Integrierung des Filmzitats „Er hat sie mit ihrer Liebe getötet“ aus „The Green Mile“.

Content Warning: Diese Geschichte behandelt die Themen häusliche Gewalt, emotionaler Missbrauch und Suizid. Bitte bedenkt dies vor dem Lesen und passt auf euch auf.

Darüber hinaus wünsche ich viel Spaß!


Was uns nicht stärker macht

Es war doch nicht meine Schuld!
Ich weiß, ich weiß, was alle sagen. 'Er hat ihr das angetan' und 'wenn er nicht gewesen wäre...' und 'sie konnte es einfach nicht mehr ertragen', aber die haben alle keine Ahnung! Sie war krank. Richtig, richtig krank. Welcher gesunde Mensch lenkt sein Auto 'ne Klippe runter, wegen 'nem Beziehungsstreit?
Sie hat schon immer gern übertrieben. Alle wussten das. Bei jeder Kleinigkeit ist sie immer ausgerastet. Ich brauchte nur das kleinste Bisschen Kritik äußern und sie wurde sofort total hysterisch. Man konnte oft gar nicht richtig mit ihr reden. Das war so belastend!
Dabei konnte sie auch ganz anders sein. Ich versteh' auch gar nicht, wann sie sich so verändert hat. Als wir uns kennengelernt haben, war sie überhaupt nicht so. Sie war wunderschön und intelligent und liebevoll... ich hab sie gesehen und war ihr sofort verfallen. Ich hab mein Glück kaum fassen können, verstehen Sie? Ein Kerl wie ich kriegt so eine Traumfrau ab? Ich war so glücklich wie noch nie!
Unsere Beziehung war ein Traum. Wir waren so glücklich zusammen. Alle haben uns gratuliert. Haben gesagt, dass wir das perfekte Paar wären. Natürlich hatten wir Meinungsverschiedenheiten, welches Paar hat die nicht hin und wieder? Aber ich wollte, dass es funktioniert. Ich hab mir den Arsch aufgerissen für die Beziehung. Ich hab echt alles gegeben. Aber von ihr kam einfach kaum was. Immer, wenn wir uns gestritten haben, hab ich versucht, Kompromisse zu finden, aber sie war zu stur, um meinen Blickwinkel überhaupt in Erwägung zu ziehen! Immer musste alles nach ihrem Willen laufen. Sie verstehen nicht, wie frustrierend das nach einer Weile ist! Immer wenn ich mich ihr geöffnet habe und ihr gesagt habe, was ich fühle, hat sie mich als verrückt oder paranoid hingestellt. Ich bin nicht paranoid! Sie würden doch auch misstrauisch werden, wenn Ihr Mädchen ständig mit anderen Männern zusammen ist, oder? Aber immer, wenn ich was gesagt hab, kamen von ihr nur Ausreden. 'Das sind meine Studienkollegen', 'keiner von denen will was von mir und ich will nichts von ihnen', 'wir treffen uns um zu lernen, nicht für Dates'... sie hatte immer irgendeinen schlauen Spruch parat, mit dem sie mich als den Trottel dastehen ließ. Das zehrt schon an den Nerven, irgendwann. Ich glaube ihr ja, dass sie mich nicht betrügen wollte, aber wie hätte ich denn sicher sein können, wenn sie dauernd so viel Zeit mit anderen Männern verbracht hat? Noch dazu, wo sie sich doch so gern aufreizend gekleidet hat. Da darf es doch keinen wundern, dass ich ihre Motive infrage gestellt habe, wenn sie regelmäßig wie eine Hure gekleidet mit Männern getroffen hat! Und ja, dann kam es manchmal zu Streits. Aber sie hat mich ja auch kein einziges Mal je ernst genommen!
Aber wehe, wenn sie mal mit irgendwas, das ich gemacht habe, unzufrieden war! Dann war die Hölle los, das können Sie mir glauben. Sie durfte sich dauernd Fehler erlauben und ich hatte den Mund zu halten, aber wehe, mir ist im Stress um meine Arbeit und alles andere was so anfällt mal entfallen, dass ich sie zu einem Arzttermin fahren sollte. Es war nicht mal was Wichtiges, nur ein Kontrolltermin für irgendwas... keine Ahnung, ich kann mich nicht erinnern. Ich versteh auch nicht, warum sie unbedingt zu diesem Arzt wollte... es gab andere Praxen, die sie auch mit dem Bus hätte erreichen können. Ich hab ihr immer wieder gesagt, sie sollte sich nach einem anderen Arzt umschauen, weil ihrer total unprofessionell war. Hat immer Fragen gestellt, die ihn überhaupt nichts angehen, über ihr Privatleben und unsere Beziehung und so. Aber sie war ja zu stur, sie wusste ja immer alles besser. Man konnte mit ihr einfach überhaupt nicht reden.
Ich will gar nicht behaupten, dass ich komplett unschuldig an unseren Auseinandersetzungen gewesen wäre. Natürlich bin ich auch mal laut geworden. Einmal bin ich ausgerastet und hab ihren Laptop gegen die Wand geworfen. Und ja, ich gebe es auch zu, mir ist auch mal die Hand ausgerutscht. Ich bin sonst nicht so. Ich bin eigentlich ein sehr ruhiger, rationaler Typ, wissen Sie? Versuche, Konflikte durch Reden und Kompromisse zu lösen. Ich verabscheue Gewalt und ganz besonders Gewalt gegenüber Frauen. Ich bin da wirklich nicht stolz drauf. Aber irgendwann war das Fass halt auch mal voll. Man kann nicht von mir erwarten, dass ich immer nur schlucke und schlucke und nie auch mal selber die Geduld verliere! Ich bin ein echt umgänglicher Mensch, da können sie jeden fragen, das werden ihnen alle, die mich kennen, bestätigen. Nur bei ihr ist mir immer wieder die Hutschnur hochgegangen. Sie wusste einfach genau, welche Knöpfe sie bei mir drücken musste. Und dann konnte sie wieder das arme Opfer spielen und hat sich bei ihren Freundinnen ausgeheult, was für ein schrecklicher Mensch ich doch sei. Dass sie selber ebenso an der Eskalation beteiligt war, hat sie dabei dann natürlich immer praktischerweise unter den Tisch fallen lassen.
Und ihre Freundinnen sind da natürlich sofort drauf angesprungen, wie Bluthunde. Vor allem die eine, Jessica. Eine richtige Schlampe, wenn Sie mich fragen. So eine radikale Feministin mit Stoppelfrisur, die zu hässlich ist, selber einen Mann abzukriegen und die es deshalb nicht ertragen kann, wenn andere eine glückliche Beziehung haben und die dann dauernd versucht, da reinzugrätschen und Unfrieden zu stiften. Die Fotze hat ihr ständig Flöhe ins Ohr gesetzt. Hat ihr gesagt, sie sollte mit mir Schluss machen. Dass ich nicht gut genug für sie sei, dass sie mehr verdient hätte, blablabla. Ich hab ihr mehrfach gesagt, dass ich finde, sie sollte nicht so viel Zeit mit Jessica verbringen, dass sie nur eine manipulative Schlampe ist, die Spaß daran hat, anderer Leute Beziehungen zu ruinieren. Klar, wir hatten unsere Höhen und Tiefen, aber so richtig zu kriseln hat es erst begonnen, als sie mehr und mehr Zeit mit Jessica verbracht hat. Daran sieht man doch schon, dass ihr die Freundschaft nicht gutgetan hat! Aber wie schon gesagt; ich durfte ja nichts sagen. Dann war ich nur der Kontrollfreak, der ihr vorschreiben wollte, mit wem sie sich treffen oder nicht treffen durfte.
Als ob es negativ wäre, dass ich gern mehr Zeit mit ihr verbracht hätte! Es ist doch nichts Schlechtes, Zeit mit meiner Freundin verbringen zu wollen? Würde es Ihnen nicht auch zusetzen, wenn Ihre Frau alles andere wichtiger fände als Sie? Irgendwas gab es immer; ihr Studium, ihren Job, ihre Freunde, ihre Familie... ob ich was gebraucht hätte, hat keinen interessiert. Egal, was gerade los war, ich war immer nebensächlich. Und dann hat sie sich gewundert, warum ich meine Zeit halt lieber mit Freunden verbracht habe, als mit ihr. Die haben mir wenigstens mal das Gefühl gegeben, wichtig zu sein. Aber nein, ich weiß schon, ich weiß, als Mann in einer Beziehung hat man gefälligst alles zu schlucken. Ob es mir schlecht ging in der Beziehung, das will keiner wissen. Alles, was die sehen ist 'Aha, er trifft sich mit anderen Frauen' und schon bin ich das Arschloch, das seine Freundin betrügt. Hat einer von denen mal gefragt, warum ich lieber mit anderen Frauen zusammen war, als mit meiner Freundin? Nein, natürlich nicht. Da wird sich lieber auf das eine Mal gestürzt, als ich auf 'ner Party von 'nem Kumpel ein bisschen zu viel getrunken hatte und mit einem der Mädels dort in ein Hotel gefahren bin. Klar war das blöd von mir. Sie müssen mir glauben, das tut mir auch leid. Mir ist Treue in einer Beziehung super wichtig. Es geht mir nur darum, Ihnen zu zeigen, dass es der Gesellschaft egal ist, ob der Mann in einer Beziehung leidet.
Oder hier, schauen Sie, dieses Scheiß-Käseblatt: 'Frau lenkt Auto von Klippe – tot. Waren Beziehungsprobleme der Auslöser für die Verzweiflungstat?' und dann hier später im Artikel, 'Freunde der Verstorbenen berichten von Missbrauch in der Beziehung: Wir haben sie immer wieder angebettelt, an sich selbst zu denken. Aber sie war so von ihm eingewickelt, dass sie dachte, sie könnte ihn zum Besseren verändern. Sie hat immer die Schuld bei sich gesucht und all unsere Bedenken damit abgetan, dass sie ihn doch so sehr lieben würde. Sie hatte auch Angst, er könne ihr etwas antun, wenn sie ihn verlassen würde. Am Ende hatten wir recht. Er hat sie mit ihrer Liebe getötet.'
Was wollen wir wetten, die haben diese dumme Schlampe Jessica interviewt? Ganz ehrlich, die würde der Welt einen Gefallen tun, wenn sie auch 'ne Klippe runterspringt. Getötet! Pah! War ich denn mit ihr im Auto, als sie durch die Leitplanke gebrochen ist? Hab ich ihr vielleicht 'ne Waffe an den Kopf gehalten und sie gezwungen, da runterzufahren? Man kann mir doch nicht anhängen, was im Kopf einer geistesgestörten Hysterikerin vor sich geht. Und überhaupt, wo ist mein Interview? Warum fragt eigentlich keiner nach meiner Seite der Geschichte? Wieso muss ich jetzt wieder als Sündenbock dastehen? Nur weil eine kranke Fotze, die sowieso keiner vermisst, sich umbringt?
Das war doch nicht meine Schuld!
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