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Geliehene Zeit, zwei Umdrehungen

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Hermine Granger James "Krone" Potter Lily Potter Remus "Moony" Lupin Severus Snape Sirius "Tatze" Black
06.02.2022
08.08.2022
79
152.726
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06.02.2022 1.544
 
Nein, denkt sie wohl schon zum hundertsten Mal an diesem Tag. Ich kann einfach nicht glauben, dass es so weit gekommen ist. Falsch. Und dann: Ich kann einfach nicht glauben, dass ich es so weit habe kommen lassen.

Sie ist den Tränen nah, obwohl es der erste richtige Frühlingstag im Jahr ist. Beinahe windstill, über 10 Grad warm und die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel. Auf der Oberfläche des Großen Sees kräuseln sich kleine Wellen und glitzern dabei geheimnisvoll. Noch dazu ist Sonntag, das heißt: kein Unterricht. Obgleich das sogar eher zu ihrer Trübsal beiträgt, denn mit dem Unterricht kann sie sich gut ablenken.

Wenn man unglücklich ist, kommt all das wieder hoch, was man in seinen glücklicheren Tagen verdrängt hat. Laut seufzt sie auf und ihre Augen fließen über. Bei Merlin, sie vermisst Harry und Ron so sehr! Harry wegen seiner ruhigen, zurückhaltenden Art und Ron …  Tja, Ron. Zweieinhalb Jahre zuvor, als sie im Hogwarts-Express zum allerersten Mal Bekanntschaft mit dem jüngsten Sohn der Familie Weasley gemacht hat, war sie gelinde gesagt wenig überzeugt davon gewesen, dass sie beide überhaupt Freunde werden könnten. Harry dagegen … Harry war höflich, wo Ron vorlaut war, und genügsam, wo Ginnys impertinenter Bruder nicht wusste, wo er besser aufhören sollte. Und dennoch …  Da war etwas mit Ron gewesen, was sie anfangs nicht so recht hatte deuten können und vergangenen Sommer erstmals stärker wahrgenommen hatte. Und dass sie es wahrgenommen hatte, bedeutete nicht automatisch, dass sie es damals auch verstanden hatte. Ron ist nämlich ein Idiot, doch irgendwie auch ein netter Idiot. Darauf hätte man eventuell aufbauen können. Hätte, hätte, Fahrradkette. Hier sagt man übrigens Besenklette, hat sie kürzlich festgestellt. Egal. Apropos Kette. Sie zieht den kreisrunden Anhänger, den alle, die ihn je gesehen haben (und das sind nicht viele) für ein extravagantes Schmuckstück halten, unter ihrer Bluse hervor und betrachtet ihn missmutig. Damit die drei Ringe, in deren innerstem sich das sensible Miniatur-Stundenglas befindet, sich nicht von allein bewegen können, hat sie sie mit einem winzigen Stück Draht so eng wie möglich an einander festgezurrt. Nur so ist sichergestellt, dass nicht wieder ein Unglück passiert.

Dieses Ding ist schuld daran, dass das Einzige, was sie noch fühlt, wenn sie an Ron denkt, ihr schlechtes Gewissen ist. Knapp ein halbes Jahr ist es nun her, dass sie ihre beiden besten Freunde zuletzt gesehen hatte. Oder gesprochen. Dasselbe gilt für Lavender Brown und Parvati Patil, mit denen sie sich den Mädchenschlafsaal im Turm der Gryffindors geteilt hatte, und Ginny, zu der sie seit einigen Monaten ein freundschaftliches Verhältnis hat. Gehabt hat. Sie alle sind jetzt Geschichte, oder sollte sie besser sagen, Zukunftsmusik? Doch das Wort Zukunft klingt für sie noch immer so verlässlich, wie etwas, dem man nicht aus dem Wege gehen kann, worüber man über kurz oder lang einfach stolpern muss, ohne etwas dafür tun zu müssen. Wenn sie auch nicht greifbar ist, so ist sie doch wenigstens … gewiss, oder? Die Art Zukunft jedoch, an die sie in diesem Moment denkt, ist bestenfalls schwammig, schlimmstenfalls nicht mehr existent. Sie weiß einfach nicht, ob sie irgendeinen ihrer Mitschüler und Freunde jemals wiedersehen wird, und wenn doch, wie diese dann sein werden. Zeit darf nicht verändert werden, wer das tut, spielt mit dem Leben anderer. Dieser Gedanke treibt ihr von neuem die Tränen in die Augen. Was ihre Eltern und den Rest ihrer Familie angeht, ist es sogar noch komplizierter. Wer hat sich wohl schon einmal fragen müssen, ob er oder sie geboren werden wird?

„Jean! Hey, Jean!“

Sie fährt zusammen. Mist, sie ist doch extra hier heruntergekommen, um allen aus dem Weg zu gehen. Und doch hat sie sie nun aufgespürt. Sie … ihre neue beste Freundin sozusagen. Und so sehr Jean sie auch mag, mittlerweile wünschte sie sich, diese spezielle Person nie kennengelernt zu haben.

„Hier bist du also!“ Das hübsche, schlanke Mädchen kommt breit grinsend über den Trampelpfad im Unterholz auf sie zu. Ihre langen dunkelroten Haare leuchten in der Sonne, da es noch kein Laub an den Bäumen gibt, das Schatten spenden könnte, bloß winzige hellgrüne Triebe. Dann lässt sie sich übertrieben stöhnend neben Jean auf einen Stein sinken und sagt ein wenig vorwurfsvoll: „Ich such dich schon seit einer Stunde!“ Prüfend sieht sie ihre Kameradin genauer an und runzelt die Stirn. „Deine Augen sind so komisch gerötet. Hast du etwa geweint, Jeanny?“

Schnell wischt sie sich mit dem Jackenärmel übers Gesicht. „Äh, nein, das ist nur meine Allergie. Ich kriege im Frühling immer Heuschnupfen; jedes Jahr fängt es ein bisschen früher an.“

„Geh doch zu Madam Pomfrey und lass dir was von ihr geben. Oder frag McGonagall nach einem Zauberspruch. Neulich habe ich mitgekriegt, wie sie einem Schüler aus der Ersten geholfen hat, der nach einem ihrer Animagusauftritte eine Katzenhaarallergie bekam.“

„Wegen so einer Kleinigkeit will ich weder sie noch Poppy behelligen“, flunkert die andere errötend. „Mir scheint, sie haben auch so genug Arbeit.“

„Vielleicht können wir dann nächste Woche in Zaubertränke was dagegen brauen. Ich habe bei Professor Slughorn einen zentnerschweren Stein im Brett. Wenn ich das vorschlage, kann er nicht nein sagen, wetten?“ Die Rothaarige kichert und streicht sich mit einer unbewussten Geste das offene Haar zurück. Sie ist wunderschön, und neben ihr fühlt sich das um einen halben Kopf kleinere Mädchen immer wie eine hässliche Kröte.

Doch sie würde nicht im Traum auf die Idee kommen dagegen zu wetten. „Warum bist du nicht in Hogsmeade wie alle anderen?“, fragt sie dann, um von sich abzulenken. „An einem Tag wie heute ist es dort ganz besonders wundervoll … äh, denke ich. Hat Peter nicht mindestens zwei Dutzend Male betont, dass er dir ein Butterbier in den Drei Besen ausgeben will, weil du ihm neulich in Verteidigung gegen die Dunklen Künste die ganze Zeit vorgesagt hast? Oder aber …“ – Sie macht eine Kunstpause und zieht dabei die Augenbrauen vielsagend in die Höhe – „… du lässt dich von James zu Madam Puddyfood einladen …“

Ihre Freundin wirft den Kopf zurück und lacht aus vollem Halse. „Der und ich zusammen in diesem peinlichen rosa Plüsch-Café? Nie im Leben! Und überhaupt, wie kommst du darauf, dass ich mit James Potter Tee trinken gehen würde? Er ist überheblich und nervt einfach nur!“

Weil ihr beiden heiraten werdet, Lily, denkt das Mädchen, dass sich Jean nennt, bekümmert. In sechs Jahren. Das heißt, wenn nichts dazwischenkommt. Einen Sohn werdet ihr zusammen haben. Und dann sterben. Der Gedanke, dass es sich anders entwickeln könnte, verursacht ihr Übelkeit, denn das Ganze ist einfach zu verwirrend, selbst für sie, die Jahrgangsbeste. Wenn meine beste Freundin nicht stirbt, werde ich nicht die sein, die ich gewesen bin, weil auch Harry … nein, nicht weiterdenken!

„Schade, dass du keine Erlaubnis für den Besuch in Hogsmeade hast“, meint Lily ein wenig betrübt, nachdem sie aufgehört hat zu lachen. „Ich würde nämlich am liebsten mit dir hingehen. Die Jungs sind schon längst weg; Sirius hat geschworen, er werde versuchen, an Feuerwhisky für alle zu kommen, wenn Remus, James und Peter Madam Rosmerta nur lange genug ablenkt. Ich will mir das Trauerspiel ehrlich gesagt nicht mitansehen. Dass die vier es aber auch immer auf die Spitze treiben müssen.“ Unwirsch wirft sie ihr langes, seidenes Haar über die Schulter zurück.

Ihre kurzhaarige Freundin bringt nur ein mattes Lächeln zustande. „Nett, dass du an mich denkst, aber ich bin froh, mal ein paar Stunden für mich zu haben. Ich muss ganz dringend mal die Seele baumeln lassen. Hab zu viel gelernt in den letzten Wochen. Geh ins Dorf und hab Spaß, egal mit wem. Heute Abend kannst du mir dann alles erzählen.“
„Also gut, ich gehe.“ Lily erhebt sich graziös und klopft sich die Rückseite ihres Anoraks mit den Händen ab. „Soll ich dir was mitbringen? Von Zonko vielleicht? Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich dich irgendwie aufheitern sollte.“

„Nein, ich brauche nichts. Danke, Lily. Und grüß die anderen!“

„Ja, vor allem Severus, falls ich ihn sehe“, flötet Lily und zwinkert ihr verschwörerisch zu. „Bis heut Abend also. Und wehe, du fasst heute auch nur ein einziges Schulbuch an, Jean Perlman!“ Dann trabt sie mit langen, federnden Schritten davon.

Ich heiße nicht Jean Perlman, denkt das Mädchen mit der braunen Kurzhaarfrisur, den überlangen Schneidezähnen und der Nickelbrille verzweifelt. Zumindest hat bis vor einem halben Jahr niemand sie je so gerufen, obwohl „Jean“ als zweiter Vorname in ihrer Geburtsurkunde steht, nach ihrer Großmutter mütterlicherseits, Jean Healy. Doch ihr richtiger Name ist immer noch Hermine. Hermine Granger. Werde ich eines Tages vergessen, dass man mich früher so genannt hat?

Damit legt sie den Kopf auf die Knie und fängt haltlos an zu weinen.




AN:
Am Anfang dieser Geschichte, die in Hermines drittem Jahr spielt, bin ich relativ streng nach Buchinhalt vorgegangen; nur einzelne Szenen habe ich verändert beziehungsweise Szenen und Dialoge hinzugefügt, die entweder gar nicht oder eben etwas anders stattgefunden haben. Leser/innen, die die Bücher so gut wie auswendig kennen, werden dies natürlich bemerken. Mir ist nicht daran gelegen, es mir leicht zu machen und eine geniale Geschichte, an der ich keinerlei Rechte besitze und deren Figuren ich mir lediglich ausgeliehen habe, einfach bloß nachzuerzählen, um mich mit fremden Federn zu schmücken. Keine Angst, ab Kapitel 10 etwa wird das Erzählte seine höchst eigene und ziemlich abenteuerliche Wendung nehmen. Bis dahin jedoch ist ein bisschen Nacherzählen leider unerlässlich.
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