Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Elfenträne (Eine Elfenkrone Fanfiction)

Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16 / Het
06.02.2022
16.05.2022
21
89.750
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
06.02.2022 1.650
 
Winter. Es war eine kalte Winternacht. Seit Tagen wütete ein Schneesturm über den drei Inseln, hin und wieder schien das Meer zu kochen, um zu verhindern, dass es einfror. Frost und Eis überzogen die Pflanzen, Steine und den Boden mit einer Schicht, die sie wie Kristall funkeln ließ, sollte das Licht der Sonne sie einmal streifen.

Doch es war Nacht. Dunkle Wolken erstickten den abnehmenden Sichelmond, weiße Flocken wurden vom rauen Wind durch die Lüfte geblasen. Niemand würde sich gerade aus seinem Haus wagen, alle saßen zuhause um die Feuerstellen – sofern sie welche besaßen – und wärmten sich aneinander. Aber nein. Diese Behauptung wäre eine Lüge gewesen. Da war eine Ausnahme.

Die vermummte Gestalt, deren Kleidung sich automatisch an ihre Umgebung anzupassen schien, wäre am liebsten galoppiert. Das Wetter nagte an ihm, die Kälte drang trotz der vielen Stoffschichten bis auf seine Haut, und das war nicht das einzige, was ihn verzehrte. Dennoch lenkte er die schneeweiße Stute mit der Mähne aus Eiskristallen und den Hufen aus Silber bedacht und vorsichtig, immer Schritt für Schritt. Er war sich nicht sicher, ob sie ihn völlig sicher tragen konnte.

Es war noch ein junges Tier, keine vier Sommer alt. Jeder andere hätte es nicht genommen, da ein solcher Auftrag viel Präzession erforderte. Er konnte allerdings gut mit Tieren und wusste, dass man irgendwann anfangen musste, sie auf Lautlosigkeit zu trainieren, sonst war es zu spät.

Schließlich, es war ihm trotz des kurzen Weges wie eine Ewigkeit vorgekommen, war er am Ziel angelangt. Nur noch einige, wenige Schritte. Das Pferd in den Stall bringen, den Geheimgang nehmen. Dann konnte er wieder ruhig atmen, seine Gedanken ungezügelt schweifen lassen. Seine Hände zitterten plötzlich wieder, er spürte noch immer den Beutel, der bis vor kurzem noch in ihnen gelegen hatte.

Das Tor zum Palast war verschlossen, es war ihm gleich. Er nahm nie den Haupteingang, sondern entschied sich wie immer für eines der kleineren Portale, die kaum bewacht wurden. Den Bannzauber, mit dem die Schwelle belegt war, konnte er einfach durchgehen. Der Prinz hatte dafür gesorgt, dass er und alle anderen seiner Vertrauten ein- und ausgehen konnte, wann immer es nötig war.

Im Hof angekommen, stieg der junge Mann ab, strich seinem Reittier über die Nüstern und murmelte einige dankende Worte, ehe er es in den Stall führte, um es abzusatteln. Die Zeit wollte er sich nehmen, für ihn war es eine Frage von gegenseitigem Respekt. Als er fertig war und das Winterpferd zu seinen Artgenossen in die Box gebracht hatte, berührte er eine der vielen, mit Raureif überzogenen Ranken, die von den Decken und Wänden wuchsen, diese bildeten. Er betätigte ihn wie einen Türgriff.

Eine Wand hinter Strohballen glitt beiseite. Dank seines schmalen, kaum bemuskelten Körperbaus war es ihm ein leichtes, sich durch die Geheimtür zu schieben, ohne auch nur einen Halm zu verbiegen. Hinter ihm schloss die Tür sich wieder und ließ ihn in der Dunkelheit zurück. Das machte ihm nichts aus, er kannte jeden Stein so gut wie seine eigenen Fingerspitzen. Behände und flink, wie er nun einmal war, schlich er durch die Tunnel, zwischen schmalen Felsnischen hindurch, an verborgenen Türen vorbei, bis zum beleuchteten Teil des Untergrundes. Vor dem Hauptraum klopfte er Steinstaub von seinem Mantel.

Ihm war bewusst, dass er noch gar nicht hier sein sollte. Die Regeln besagten, dass er zuallererst einen Bericht erstatten musste. Bis jetzt hatte er diese Regel niemals gebrochen, dazu war er viel zu pflichtbewusst.

Er konnte nicht. Er musste atmen.

An dem großen, runden Tisch saß eine Frau, die nicht viel jünger sein konnte als er. Sie hatte gewartet, obwohl er sie eigentlich gebeten hatte, sich nicht damit aufzuhalten und schlafenzugehen. Als er eintrat, lächelte sie. In diesem Moment hätte ihr Anblick für ihn auch dem eines Engels gleichen können.

„Hey, na? Alles erledigt?"

Er nickte schwach, während er Schal und Kapuze abstreifte. Beides war bereits starr vor Kälte, ähnlich wie seine Muskeln. Nur seine Finger brannten. Es war ihm anzusehen, was er dachte, zumindest für sie. Ein Schleier der Besorgnis breitete sich über ihr Gesicht aus, sie erhob sich und schritt zu ihm.

„Sehr schlimm?"

Wieder ein Nicken. Er öffnete den Mund, wollte ihr eine Antwort geben, um sie zu beruhigen, doch es drangen keine Worte aus seiner Kehle. Nur ein verzweifeltes, kaum hörbares Wimmern. Die ersten Tränen stahlen sich in sein Blickfeld.

Natürlich konnte er töten. Er war ein Spion. Seit vielen Jahren hatte er trainiert, Seite an Seite mit ihr. Er lauschte, er beschattete, er schoss, sobald der Befehl kam. Es war nicht der Mord an sich, der ihn brach. Das war schon lange ein leichtes für ihn. Seit er ein kleiner Junge gewesen war, schmerzte es nicht mehr. Hätte man ihm gesagt, er sollte sie einfach erschießen, es wäre ihm nicht schwergefallen, damals hatte er sie nicht einmal gekannt. Er hätte kein Mitleid gehabt.

Doch dafür zu sorgen, dass eine Mutter und ihr ungeborenes Kind langsam und unter Schmerzen an einem Gift verendeten, vermutlich noch vor den Augen ihrer Familie? Eine Familie, die aus einem Sohn und einer Tochter bestand, beide noch zu jung, um füreinander zu sorgen, beide ohne einen Vater.

Den ganzen Tag lang hatte er sie beobachtet, immer in den Schatten lauernd hatte er darauf gewartet, dass sich ein guter Moment ergab, in dem er das zermahlene Pulver in ein Getränk kippen konnte, ohne, dass eines der Kleinen zum Opfer wurde. An diesem Tag hatte er vielleicht mehr über diese drei glücklichen Elfen herausgefunden als in manch anderen, wochenlangen Untersuchungen über irgendwelche Geheimnisse.

Es würde dauern, bis sie starb. Ein grausamer, qualvoller Tod. Ganz die Art des Prinzen. Grausam, qualvoll, unauffällig.

Unwillkürlich musste er daran denken. An jene Leute, die er verloren hatte. Von denen er gar nicht wissen wollte, was sie nach dem Verschwinden ihres einzigen Kindes getan hatten, wie sie sich gefühlt haben mussten.

Er merkte erst, dass er zitterte und weinte, als sie ihn tröstend in die Arme schloss und festhielt, seine Tränen ihre Schultern durchnässten und sie ihm immer wieder über den Rücken strich. Lange standen sie so da, wie lange kann man nicht sagen. Zu lang für eine Sekunde und zu kurz für eine Ewigkeit.

Schließlich schob sie ihn sachte von sich, als er nicht mehr ganz so sehr bebte. Sanft aber bestimmt drückte sie ihn auf ihren vorherigen Sitzplatz und schob ihm die halb ausgetrunkene Tasse mit nunmehr kaltem Kakao hin.

„Trink das erstmal aus. Ich mach gleich noch mehr. Aber ... hast du schon Bericht erstattet?" Er schüttelte zögerlich den Kopf. Augenblicklich brannte ein Gefühl der Schuld in seiner Brust. Es war seine Verantwortung, alles exakt wiederzugeben, ehe er sich entspannen konnte.

„Dann mach ich das jetzt. Kann ich dich kurz alleinlassen?" Aufgrund der Entschlossenheit, die sich an den Tag legte, wagte er es nicht, ihr zu widersprechen.


Wenige Sekunden oder viele Jahre später saß ein geisterhaft leuchtendes Paar auf den Klippen. Die silbrige, weibliche Gestalt hatte ihren Kopf in den Schoß des Goldenen gebettet, er strich ihr nachdenklich durch die Haare.

„Du meinst wirklich, dass es schon so weit fortgeschritten ist."

„Ihre Strapazen haben es beschleunigt. Natürlich ist es das.", sie seufzte laut, „Ich werde tun, was ich kann, aber mehr als eine Stimme der Vernunft bin ich für sie nicht. Sie wird schwächer. Du kennst verliebte Leute. Vernunft dringt kaum zu ihnen durch. Wenn sie so reagiert wie ich es befürchte ..." Der Satz blieb in der Luft hängen.

„Dann kommst du nächstes Mal später?" Es war keine direkte Frage. Eher eine Bekundung seiner Sorge. Wenn er sich eines wünschte, dann war es, dass zumindest diese Treffen noch stattfinden konnten. Er hatte Angst. Angst, eines Tages zu erwachen und sie nicht mehr vorzufinden. Oder noch schlimmer. Nicht mehr zu existieren und sie mit dieser Last zurückzulassen.

„Viellicht komme ich gar nicht. Ich will auf sie aufpassen, verstehst du? Wenn ich es aufhalten oder zumindest verlangsamen kann, dann muss ich das tun. Egal, was es kostet."

Er nickte, wie er zugeben musste, geknickt. „Ja. Natürlich verstehe ich das. Du willst nicht, dass ihr etwas passiert."

„Natürlich will ich das nicht!", ruckartig richtete sie sich auf und blickte ihn teils erbost, teils verängstigt an, „Wenn einem der beiden etwas zustößt, sind wir schuld daran! Was ist, wenn ... wenn wir die falsche Entscheidung getroffen haben? Wenn sie nicht die Richtigen waren? Dann haben wir ihr Leben zerstört.", er öffnete den Mund, unterbrach sie jedoch nicht, obwohl ihre Stimme bebte, „Was ist, wenn es endet wie beim letzten Mal?"

„Lyne.", wisperte er sanft und legte eine Hand an ihre Wange. Er konnte es nicht sehen, wenn sie weinte. Hatte er noch nie gekonnt. „Du musst mehr Vertrauen haben. Ich weiß, dass du das schaffen kannst. Es war die richtige Entscheidung. Wir müssen nur gut auf die beiden achtgeben. Und das können wir, wenn wir uns nur genug anstrengen."

„Aber wenn sie ihr Leben ganz umsonst alldem gewidmet haben? Ohne es zu wissen? Was dann?"

„Du kannst dein Leben nicht umsonst widmen. Was immer du tust, es hat am Ende einen Sinn, egal wie klein. Wenn wir das damals nicht begriffen hätten, ... was wäre dann heute da?" Sie schwieg auf diese Frage hin, ließ ihren Blick über die Nachtlandschaft wandern. Ihm war bewusst, dass es ihr leidtat. Doch sie verstand, auch das war ihm bewusst.

„Du musst gehen.", sagte sie schließlich, ohne ihn anzusehen. Er hob den Kopf, seine Augen flogen über den Himmel. Theoretisch hatte er länger bleiben können. Aber sie wollte nicht. Sie wollte nicht, dass er sah, wie sie fiel. Nicht schon wieder.

Als er die Augen wieder aufschlug, war sie fort. Einen Monat später. Er fühlte sich schwächer denn je. Um ihn herum lagen Eis und Schnee. Er kannte ihre Quelle und obgleich er nichts mehr von seiner Umwelt spüren konnte, wurde ihm kalt.

Oh, Arlyne. Pass heute gut auf unsere Sorgenkinder auf.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast