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Außengeländer

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama / P16 / Gen
05.02.2022
05.02.2022
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3.433
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05.02.2022 3.433
 
Wenn der Rhein im Winter nach wochenlangen Regenfällen im Süden mit unschöner Regelmäßigkeit weiter nördlich über die Ufer tritt, ähnelt er den lehmgeschwängerten Strömen des Weißen Nil, von dem Oussama sich immer gefragt hat, warum er überhaupt diesen Namen trägt. Es klingt so unschuldig. Weder den Weißen noch den Blauen Nil hatte er jemals blau erlebt. In Deutschland dagegen sind alle Seen und Flüsse blau, wenn der Himmel es nur ist. An diesem Tag Anfang März waren jedoch weder Himmel noch Rhein blau, und die Häuser um den Friedman-Platz herum wirkten ausnahmslos regengrau und trostlos.
„Ich geh raus, ein bisschen cruisen“, sagte Oussama. „Will wer mit?“
Seine Mitbewohnerin Pola blickte angewidert zum Fenster hinaus. „Bei dem Scheißwetter? Nee, lass mal stecken.“
Marv brachte nicht mehr als ein Naserümpfen zustande und sah gar nicht erst von der Playstation auf. Von den anderen dreien war nichts zu sehen. Schulterzuckend machte Oussama sich allein auf den Weg.
Zwischen zwei Schauern holte er das Fahrrad aus dem Keller, welches er sich im letzten Herbst von dem Geld gekauft hatte, das er sich durch das Austragen von kostenlosen Werbeblättchen zusammengespart hatte. Es war giftgrün und gebraucht, doch das störte ihn nicht. Neue Räder wurden hier sowieso immer nur geklaut.

Der drahtige Junge hüpfte aus dem Stand in den Sattel, stemmte sich gegen den böigen Wind und los ging’s. Wohin sollte er fahren? Ob Selina zu Hause war? Eher nicht, es war Samstagmorgen, da war sie sicher mit ihrer Mutter einkaufen.
An der nächstgrößeren Straße angekommen, fand er diese gesperrt vor. Auch die Auffahrt zur Brücke in Richtung Innenstadt war mit rot-weißem Barrikaden gesichert und Autos durften sie nicht mehr überqueren, Fußgänger sie nicht mehr betreten. Den Grund sah Oussama jetzt: Das grau-braune Wasser des Rheins war kurz davor, die Uferstraße zu überspülen. Rad- und Fußwege waren bereits überflutet, und es war nicht mehr ausmachen, wo der Rhein anfing und die Promenade endete.
Unmittelbar rechts von der Brücke hatten sich etwas erhöht zahlreiche Schaulustige eingefunden, zu denen Oussama sich widerstrebend gesellte. Die Überschwemmung bereitete ihm Unbehagen, doch er wollte wissen, ob er dort unten noch irgendwo sein Rad benutzen konnte. Fast alle Umstehenden hatten ihre Handys für Selfies gezückt, einige filmten.
Der Himmel öffnete seine Schleusen wieder und es begann so heftig zu regnen, dass die Mehrzahl der Gaffer sich zerstreute. Auch Oussama wollte sein Rad wenden und wahlweise zurück in die Wohngruppe oder zur Bücherei fahren, als ihm auffiel, dass eine Schar Unverbesserlicher noch immer ausharrte und mit erhobenen Stimmen zum gegenüberliegenden Ufer deutete. Er schirmte seine Augen gegen den Starkregen ab und folgte ihren Blicken und hektischen Gesten. Fast erwartete er, ein Schlauchboot draußen auf dem Fluss zu sehen oder einen Jetski, gesteuert von irgendeinem waghalsigen Dummkopf. Die Schifffahrt war schon vor Tagen eingestellt worden, kein Tanker fuhr mehr dort draußen, auch keines der sonst allgegenwärtigen Ausflugsbote für Touristen.
Dann sah er es. Ungefähr hundertfünfzig Meter entfernt, noch hinter dem höchsten Punkt der Brücke, stand jemand. Jemand, der augenscheinlich alle Verbote außer Acht gelassen und die Brücke trotzdem betreten hatte. Die Aufregung der Gaffer konnte Oussama nicht recht verstehen, bis er sich den Regen aus den Augen wischte und noch einmal genauer hinsah. Die Gestalt dort draußen stand nicht etwa auf dem Fußgängerweg, der die Fahrbahn säumte, sondern, und hier stockte selbst Oussama der Atem, auf dem etwa brusthohen Geländer daneben, das Gesicht dem schäumenden Fluss zugewandt. Am Ufer kreischte eine Frau laut auf und ein Mann bellte in sein Handy. Wahrscheinlich würde in wenigen Minuten die Polizei eintreffen.

Später konnte Oussama sich kaum mehr an den Moment erinnern, als er sein Rad mit Schwung über das Absperrband gehoben haben und über den durchweichten Grünstreifen ins knietiefe Wasser der Promenade geprescht sein musste. Er fing erst richtig an zu denken, als er bereits die Wendeltreppe, über die Fußgänger von der Promenade hinauf auf die Brücke gelangen konnten, erreicht hatte und sein Rad dort über noch fester gespanntes Absperrband hievte, es sich kurzerhand über die Schulter warf und die enge Treppe hinaufstürmte. Er war fit, lief mehrmals die Woche über diese Brücke, um auf der anderen Seite im Grünen seine Runden zu drehen, doch jetzt musste er feststellen, dass er kaum Luft bekam. Oben angekommen sprang er erneut auf das Bike und trat in die Pedalen, dass das Kettenblatt krachte, doch ihm war, als würde er Bleikugeln hinter sich herziehen. Oussamas Herz raste und er hatte Blutgeschmack im Mund.  
Kalter Regen peitschte ihm seitlich ins Gesicht, trotzdem hatte er keine dreißig Sekunden später den Scheitelpunkt der Brücke hinter sich gelassen und flitzte nun die letzten Meter zu der Stelle heran, wo die Gestalt auf dem Geländer stand, eine Hand an eine der grünlichen Streben gelegt. Es war ein Mann, konnte Oussama jetzt sehen, groß, etwas übergewichtig, und er trug nur einen dünnen Anzug, keinen Mantel. Der Anzug mochte in trockenem Zustand hellgrau gewesen sein, jetzt jedoch war er schwarz vor Nässe. Der Kopf des Mannes war kahlrasiert, sein Gesicht teigig und bartlos. Oussama schätzte ihn auf Anfang, Mitte vierzig.

Ungefähr zehn Meter vor ihm bremste Oussama abrupt. Der Hinterreifen brach aus und das Rad kam mit einem durchdringenden Kreischen zum Stehen. Der sportliche Junge sprang ab, schleuderte sein Rad achtlos zur Seite, blieb dann aber ruckartig stehen, während ihm sein Herz wie verrückt gegen die Rippen schlug. Ihm war übel und schwindelig von dem kurzen, aber heftigen Sprint.
„Was wird das da?“, brachte er hervor, während er seinerseits nach dem Geländer griff, um sein Gleichgewicht in den Griff zu kriegen. Dieser Schwindel war nicht gut. Überhaupt nicht gut.
„Wonach sieht’s denn aus?“, gab der Mann zurück, ohne ihn anzusehen. Seine Stimme war dunkel und schleppend, er klang erschöpft. Resigniert.
„Äh … Sie woll’n echt da runterspringen?“ Oussama rang nach Luft. Gleichzeitig trat er einen Schritt vor, ließ das Geländer jedoch nicht los.
„Du hast es erfasst, Junge. Und ich zöge es vor, dabei nicht gestört zu werden.“
Oussama wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Weiter als dass er die Person, wer auch immer sie war, hier oben noch hatte antreffen wollen, hatte er nicht gedacht. Dann fiel ihm etwas ein. „Die Polizei is gleich da!“ Er musste ziemlich laut schreien, da der Wind so laut war. Oder war das nur das Rauschen in seinen Ohren?
„Ich habe vor, bis dahin weg zu sein“, erwiderte der Mann tonlos.
Oussamas ganzer Körper bebte, seine Sneaker waren durchweicht und seine Füße quaatschten darin, die teure Trainingshose war ebenfalls klitschnass und der Regen begann gerade, durch den Kragen seines Anoraks zu sickern. „Tun Sie’s nicht!“, brachte er mit Mühe heraus. Doch der Wind trug seine Worte flussaufwärts davon und er wusste nicht, ob der Mann sie überhaupt gehört hatte.
Dieser wandte jetzt den Kopf und sah ihn zum ersten Mal an. Der Blick, mit dem er Oussama bedachte, war müde wie der von Marwin nach einer durchzockten Nacht, doch ihm fehlte der Funke Lebendigkeit darin, den Marvs Augen immer noch hatten, egal in welchem Zustand sein Mitbewohner sich befand. Auch zitterte der Typ stark, wie Oussama jetzt sehen konnte. Wie lange er hier wohl schon stand?
„Das hier geht dich nichts an. Husch, husch nach Hause, Kleiner.“
Oussama richtete sich zu seiner vollen Größe von eins siebzig auf, das Kinn trotzig erhoben, obwohl es hier oben so kalt war, dass er am liebsten den Kopf eingezogen hätte wie eine Schildkröte. „Es geht mich sehr wohl was an, Mann! Und Sie können ruhig wie mit einem Erwachsenen mit mir reden!“
Der Fremde sah wieder nach vorn, dorthin, von wo der Wind kam. Er schloss die Augen. „Nichts für ungut, Junge, aber ich hätte gern noch einen Moment, um mein Leben in Ruhe an mir vorüberziehen zu lassen. Du störst mich dabei. Von meinem Entschluss wirst du mich nicht abbringen, also versuch’s gar nicht erst.“
„Ich heiße Oussama“, sagte Oussama aufs Geradewohl. „Und mir tut’s nich leid, dass ich Ihnen Ihr Kopfkino versaue, wenn ich dafür verhindern kann, dass Sie da runterspringen.“
Der Mann seufzte vernehmlich. „Oussama, soso. Normalerweise würde ich sagen ‚Sehr erfreut‘, aber heute wäre das gelogen. Lass mich bitte allein …“ – Oussama trat einen weiteren Schritt auf ihn zu – „… und untersteh dich, auch nur noch einen Meter näherzukommen!“, fauchte der Mann, der seine Augen wieder geöffnet und ihm zugewandt hatte. Jetzt stand Ärger in seinem Blick.
„Is Ihnen gar nicht schwindelig?“, rief Oussama schnell, weil ihm nichts anderes einfiel.
„Nein, bloß kalt.“
„Mir is auch kalt. Arschkalt.“ Oussama trat prustend auf der Stelle und Wasser spritzte in alle Richtungen. „Also, mir ist schwindelig.“
„Pffft“, machte der Mann und verdrehte die Augen. „Hast wohl Höhenangst.“
Oussama drehte sich ebenfalls zur Seite, ging ganz nahe ans Geländer heran, wobei er sich möglichst unauffällig noch ein Stück näher an den Mann heranmogelte, und blickte nach unten. Normalerweise war die Wasseroberfläche viel weiter weg, jetzt aber schienen die braunen Fluten beängstigend nah. „Normalerweise macht mir Höhe nichts aus“, rief er betont lässig. „Doch jetzt ist mir wirklich kotzübel.“
Der andere kommentierte das nicht und Oussama starrte angestrengt zu ihm hinüber. „Darf ich noch ein bisschen näherkommen?“, fragte er nervös. „Nur, weil ich Sie nich gut hören kann“, beeilte er sich hinzuzufügen. „Soll’n wir uns etwa die ganze Zeit anschreien?“
„Wir müssen uns nicht anschreien“, entgegnete der Mann kaum hörbar. „Du kannst auch einfach abhauen.“
Wir drehen uns im Kreis, schoss es Oussama durch den Kopf. Es war schon mal gut, den Typen am Reden zu halten, doch würde die Zeit reichen, bis die Bullen eintrafen? Und selbst wenn die schnell kamen; wenn der Mann sprang, würde er ganz sicher ertrinken. Der Rhein war zurzeit ein reißender Strom und reißende Ströme waren tückisch, niemand wusste das besser als Oussama. „Sie haben meine Frage nicht beantwortet!“
„Häh?“
„Ob ich näherkommen darf.“
Schweigen.
Oussama holte tief Luft und machte drei beherzte Schritte auf den Mann zu.
„Bleib, wo du bist, Bin Laden!“
„Haha, glaubst du echt, du bist der Erste, der diesen verkackten Witz macht?“, schoss Oussama zurück. „Und ich bin auch noch respektvoll zu dir! Wenn ich jedes Mal nen Euro bekäm, wenn irgend so’n Arsch mich so nennt, dann wär ich reicher als … als …“ Scheiße, ihm fiel nichts ein. „Na, reicher als du vielleicht.“
Der Mann auf dem Geländer stieß ein freudloses Lachen aus. „Ach, jetzt sind wir also schon beim gegenseitigen Du. Dann lass dir gesagt sein, was das Geld betrifft, gehört dazu nicht viel. Ich bin gewissermaßen pleite.“
„Ist das der Grund, wieso du hier stehst?“ Oussama schnaubte herablassend. „Euch Deutschen geht es doch nur um die Kohle, das weiß ich seit dem Tag, wo ich hier ankam.“ Der Mann rührte sich nicht. „Ich hab dir meinen Namen verraten …  Jetzt sag mir deinen!“
„Danke, aber nein, Herr Therapeut, und jetzt sieh zu, dass du Land gewinnst und hör auf mich zu terrorisieren.“
Oussama stöhnte. „Ich hau nich ab. Laber doch, ich bleib konkret hier stehen.“
„Du bist ganz schön frech, Bursche.“ Wieder dieser müde, schleppende Tonfall.
„So was Ähnliches haben die vom Jugendamt auch gesagt, als es darum ging, was mit mir passieren sollte“, rutschte es Oussama heraus. Anschließend hätte er sich gern selbst dafür geohrfeigt, dass er das gesagt hatte.
„Bist du in Schwierigkeiten?“, wollte der Mann prompt wissen. Ein winziger Funken Interesse schwang jetzt in seiner Stimme mit, das gewisse Etwas, das seinen Augen fehlte.
„Wolltest du nicht springen?“ Wut schoss heiß durch Oussamas Adern und er wünschte sich, sie möge die Angst verdrängen, die ihn immer noch fest in ihren Klauen hielt.
Diesmal lachte der Mann laut auf, dabei warf er den Kopf in den Nacken, was dazu führte, dass er das Gleichgewicht verlor, auf dem nassen Geländer ausrutschte und fast gestürzt wäre. Oussama konnte nicht anders, er hechtete vorwärts, obwohl er noch immer viel zu weit entfernt gewesen wäre, um den anderen zu halten, wenn er fiel. Zwei Sekunden später hatte sein Gegenüber sich jedoch wieder gefangen und stand aufrecht.
„Du sollst da stehenbleiben, hab ich gesagt!“
„Schon gut, schon gut.“ Oussama hob erschrocken beide Hände in einer Geste der Unterwerfung. „War nur ‘n Reflex, Mann!“ Er stand jetzt ungefähr zwei Meter von dem Verzweifelten entfernt. Eine Weile herrschte Stille zwischen ihnen. Dann:
„Warst du schon mal im Gefängnis, Junge?“
Oussama glaubte sich verhört zu haben. „Fragst du das, weil ich eben das Jugendamt erwähnt hab?“
„Ja. Und weil ich vielleicht auch da hinkomme. Sag, was hast du angestellt?“
„Nichts. Ich war nie im Knast.“
„Ich wette, du lügst. Haben deine Eltern dich rausgeschmissen, weil du dealst? Komm schon, mir kannst du es sagen. Ich erzähle es nicht weiter.“
Täuschte Oussama sich oder grinste der Scheißkerl? „Weil du gleich springst?“, erkundigte er sich höhnisch.
„Hm-hm.“
„Du bist ’n scheiß Rassist, Mann. Vielleicht solltest du doch da runterspringen.“ Oussama konnte nicht glauben, dass er das sagte, doch Vorurteile dieser Art waren einfach widerwärtig.
„Sind deine Eltern vielleicht im Gefängnis?“
Nein, Mann! Ich bin allein hierhergekommen. Als minderjähriger, unbegleiteter Flüchtling. Bist du jetzt zufrieden, Adolf?“
Der Mann zuckte nicht mit der Wimper. „Wirke ich auf dich, als wär ich das? Zufrieden?“
Oussama ging nicht darauf ein. „Ich bin Ausländer und noch dazu schwarz, also bin ich für dich ein Krimineller. Du hast ’ne Glatze, also bist du für mich ’n Nazi. Ausgleichende Gerechtigkeit, findest du nicht auch?“ Er hätte diesem braunen Arsch jetzt erzählen können, dass er das Gymnasium besuchte, dass Deutsch und Geschichte seine Lieblingsfächer waren und er mit dem Gedanken spielte, im nächstes Jahr Jura zu studieren. Doch auch wenn er den Kerl am Reden halten wollte, so hatte er nicht vor, sich für irgendetwas zu rechtfertigen.
„Vergiss es, ich dachte, du haust vielleicht ab, wenn ich so rede. Ich habe nichts gegen Ausländer. Oder Leute mit Migrationshintergrund.“ Der Mann seufzte. „Du bist also Deutscher? Du sprichst zumindest so, als wärst du hier aufgewachsen.“
„Ich bin nicht in Deutschland geboren, wenn du das meinst.“ Oussama versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass er das Thema seiner Herkunft fast noch mehr verabscheute als Nazis. Aber solange ein potentieller Selbstmörder Interesse an seinem Schicksal zeigte, sollte es ihm recht sein, denn das hielt ihn wenigstens vom Springen ab.
„Wo dann?“
„Südsudan.“
„Hm. Heißes Pflaster. Kindersoldaten und so.“
„Jepp.“
„Bist du vor dem Bürgerkrieg geflohen?“
Oussama strich sich mit der Hand durch sein krauses Haar, in dem die Wassertropfen hingen. „Ja, wir …  Es war eine lange Flucht. Durch viele Länder. Äthiopien, Eritrea, Ägypten, Libyen … Von dort aus in einem winzigen Boot übers Mittelmeer nach Italien.“ Er wollte nicht daran erinnert werden. Stattdessen begann er wieder, von einem Bein aufs andere zu treten. „Mir is krass kalt, Alter. Woll’n wir nich irgendwo ein Bier trinken gehen, dann kannst du mir in aller Ruhe erzählen, warum du pleite bist und mit einem Bein im Knast stehst. Also, nur wenn du echt kein Nazi bist. Mit Nazis trinke ich nämlich kein Bier.“
„Darfst du überhaupt schon Alkohol trinken?“
„Ich bin siebzehn, Mann.“
„Ihr Schwarzen seht immer älter aus, als ihr tatsächlich seid.“
„Wie du meinst, Adolf“, meinte Oussama schulterzuckend, wobei er merkte, dass auch sein Anorak inzwischen völlig durchweicht war. Die Coolness war nur gespielt, er erkannte sich selbst kaum wieder. Seine Brust schmerzte höllisch und die Tatsache, dass er noch immer schlecht Luft bekam, ließ sich nicht mehr mit dem kurzen Höllenritt auf seinem Bike rechtfertigen.

Von der näheren, der grünen Uferseite her waren endlich Sirenen zu hören. Noch waren sie weit entfernt, doch das Geräusch half Oussama nicht, sich zu entspannen. Im Gegenteil, wenn der Typ wirklich vorhatte zu springen, würde er es in Kürze tun. Und als hätte er es laut ausgesprochen, so fasste der Mann die Strebe links von ihm fester und straffte sich.
„Nicht! Nicht springen!“ Oussamas Stimme versagte und er konnte nur noch krächzen.
„Meine Frau hat nen andern.“
„Dann such du dir auch ne andere!“
„So einfach ist das nicht. Mein Sohn ist so alt wie du und er–“
„Du hast Kinder, du Wichser?“ Oussama konnte es nicht fassen. Für einen kurzen Moment war er sprachlos. „Du hast Kinder und stellst dich auf ein verficktes Brückengeländer?“ Jetzt brüllte er so laut er konnte. „Ich fass es nicht! Laberst mich voll, dass du springen willst …“ Er schnappte nach Luft. „Ich wette, so wie dir geht es Hunderttausenden von Menschen auf dieser Welt, ach was, Millionen! Hüpfen die alle von Brücken oder schmeißen sich vor Straßenbahnen? Was bist du nur für ein egoistisches Arschloch!“
„Jetzt hast du’s so langsam auch kapiert, oder?“ Der Mann stieß einen undefinierbaren Laut aus, etwas zwischen jungenhaftem Kichern und rauem Schluchzen.
„Komm her, du Feigling!“ Oussama machte einen langen Satz und als nächstes hing er schon am rechten Hosenbein des Mannes wie ein ungezogener Terrier. Er kriegte das Jackett des Lebensmüden zu fassen und zog, was seine vor Kälte und Angst schlotternden Arme hergaben. Doch der andere wehrte sich. Wenn es ihm gelang, sich loszureißen, dann würde er jetzt springen, genau jetzt, soviel war Oussama klar.
„Lass mich los!“, rief der Mann und versuchte nach ihm zu treten. „Ich will es endlich hinter mich bringen!“
„Meine Eltern sind nich im Knast, sie sind tot, du Arschloch!“, schrie Oussama ihn an. „Auf dem Nil sind sie abgesoffen, weil Hochwasser war und unser Boot umkippte! Wir mussten nur auf die andere Seite und sie haben’s nicht geschafft! Ich hab meine Mutter und meinen Vater ertrinken sehen!“ Er begann zu weinen und riss gleichzeitig immer verzweifelter, jedoch mit schwindenden Kräften, an der Kleidung des Mannes über ihm. Oussamas Mühen wurden belohnt, denn das Gewicht des Mannes hing jetzt nur noch an dessen linker Hand und nach wenigen Augenblicken entglitt ihm die Strebe und der Typ plumpste auf ihn, im wahrsten Sinne des Wortes wie ein nasser Sack. Halb am Boden liegend verpasste Oussama dem soeben Geretteten prophylaktisch noch einen Kinnhaken, dann sanken beide erschöpft auf den schmutzigen Asphalt. Eiskalter Regen prasselte auf sie herunter.

Nach einem Augenblick des Schweigens suchte der Mann Oussamas Blick. Seine Lippe blutete. „Das war keine Lüge, oder? Du hast das nicht bloß erzählt, um mich am Springen zu hindern?“
Der Moment größter Panik war vorbei, doch die Müdigkeit, die Oussama jetzt hinterrücks überfiel, war nicht minder allumfassend. Er stützte sich schwer auf seinen Ellenbogen und sah dem Mann in die Augen. „Nein, das war keine Lüge. Solang ich’s verhindern kann, wird keiner mehr in so nem Drecksfluss ertrinken.“
Der Mann, der sich noch immer nicht vorgestellt hatte, setzte sich auf, ohne den Blick von Oussama zu nehmen. Ein leichtes Funkeln war darin zu sehen. Vielleicht waren es Tränen. „Tut mir leid, Junge“, sagte er matt. „Tut mir wirklich leid, das mit deinen Eltern. Das muss …“
„Oh ja, die Vergangenheit kann wehtun“, fiel Oussama ihm genervt ins Wort. Er hasste es, bemitleidet zu werden. „Aber so wie ich das sehe, kann man entweder davor davonlaufen oder daraus lernen.“ Er rappelte sich hoch, behielt den Typen jedoch im Auge.
„Weise Worte für einen so jungen Kerl wie dich“, meinte der verhinderte Selbstmörder fast anerkennend.
Oussama schüttelte den Kopf. „Sind nich von mir. Ist ein Zitat aus ‚König der Löwen‘. Das ist es übrigens, was mein Name bedeutet: Löwe.“
Der korpulente Kerl erhob sich ebenfalls. Er schwankte. „Na dann …“, ächzte er. „Gut gebrüllt, Löwe. Aber ob ich dir dafür danken soll, weiß ich noch nicht.“

Im selben Moment kam ein Polizeiwagen nur wenige Meter vor ihnen schlitternd zum Stehen. Ein Mann und eine Frau in Uniform sprangen heraus und versuchten, blitzschnell die Situation zu erfassen.
„Wer von Ihnen beiden stand bis eben noch auf diesem Geländer?“ Die Beamtin sah kritisch von einem zum andern, ihr jüngerer Kollege blickte ein wenig verwirrt drein.
„Das war ich“, murmelte der Mann im Anzug. Klang er beschämt? Erleichtert?

Oussama ging mit festen Schritten zu seinem Fahrrad, ergriff den Lenker und zog es hoch. Ob der Kerl von nun an klarkommen würde? War das jetzt überhaupt noch sein Problem? „Der Typ da hat mich rassistisch beleidigt“, rief er über die Schulter hinweg. „Sie sollten ihn festnehmen.“ Und noch bevor ihn irgendjemand daran hindern konnte, rannte er los, schwang sich nach nur wenigen Schritten in den Sattel und strampelte tief über den Lenker gebeugt bergan, denselben Weg zurück, den er gekommen war. Die Enge in seiner Brust hatte sich aufgelöst, nichts tat mehr weh.
„He, Sie da, warten Sie! Sie müssen hierbleiben! Außerdem ist die Brücke gesperrt!“

Aber Oussama dachte gar nicht dran. Sollten die Bullen doch versuchen ihn einzuholen. Es war der kürzeste Weg nach Hause.




Das Zitat lautete übrigens: Oh ja, die Vergangenheit kann wehtun. Aber so wie ich das sehe, kann man entweder davor davonlaufen oder daraus lernen. – Der König der Löwen
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