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Geburtstag mit Geist

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteHumor, Übernatürlich / P16 / Gen
04.02.2022
04.02.2022
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2021 war nicht gerade Nandras Jahr gewesen. So gar nicht. Genauso wenig das Jahr davor. Sie hatte gehofft, endlich in die angesagten Clubs der Stadt gehen und dort offiziell und in aller Öffentlichkeit Alkohol trinken zu dürfen. Doch kaum war sie sechzehn geworden, hatte eine Seuche namens Covid 19 von der ganzen Welt Besitz ergriffen und die ihre winzig klein werden lassen. Keine Kneipen, keine Clubs, noch nicht mal Schule. Nun, Letzteres war gar nicht so schlecht, hatte sie anfangs gedacht. Doch da hatte sie sich getäuscht.

Wochenlang hatte sie mit ihren Eltern und ihrem nervigen kleinen Bruder in der Wohnung hocken müssen, teilweise alle vier gleichzeitig. Folglich blieben Reibereien nicht aus. Ihre Mutter hatte an allem etwas auszusetzen und Nandra zickte zurück, was das Zeug hielt, wie man es halt so macht, wenn man ein Teenager ist und obendrein eingesperrt. Im letzten Jahr waren die Dinge dann leidlich besser geworden; sie konnte wieder normal zur Schule gehen und zumindest dort ihre Freunde treffen. Sich in seinem Zimmer verkriechen, Animes auf dem Laptop zu gucken und Mangas zu lesen, konnte ja eine Zeitlang ganz nett sein, doch sie hatte nicht vor, ihr Leben an sich vorbeiziehen zu lassen.

Nächstes Jahr wird besser, sagte Nandra sich immer. Da werde ich achtzehn und kann viel mehr selbst entscheiden. Doch bevor es so weit war, passierte etwas anderes. Ihre Eltern, die sich während des großen Lockdowns in der gemeinsamen Wohnung auch ziemlich angenervt hatten, wagten einen Neuanfang und kauften ein Haus. Davon hatten sie schon früher des Öfteren geredet und jetzt machten sie Nägel mit Köpfen. Im ersten Moment war Nandra entzückt. Ein eigenes Haus war ja so viel besser als eine enge Wohnung! Ihr Hochgefühl hielt jedoch nur so lange an, bis sie erfuhr, wo das neue Heim sich befand: am Arsch der Heide nämlich, mitten auf dem Land!

Nandras Eltern kauften das Haus, obwohl ihre Tochter sich mit Händen und Füßen wehrte, mit ihnen dort einzuziehen. Sie würde zwar an ihrer Schule bleiben und ihr Abi dort machen können, doch sie brauchte mit dem Bus mindestens eine halbe Stunde bis dorthin! Und wie sollte sie denn mitten in der Nacht, wenn sie mit ihren Freunden feiern war – und das ging gut und gern bis drei, vier Uhr in der Nacht –, nach Hause kommen?

„Du machst bald Abitur“, sagte ihre Mutter, als sie sie damit konfrontierte. „Uns ist schon klar, dass du nicht auf Dauer draußen auf dem Land leben möchtest. Aber wenn du studieren gehst, wirst du unser Haus eh verlassen. Kannst du es nicht bis dahin einfach aushalten?“

Nandra versuchte es, was blieb ihr denn anderes übrig? Einen Freund hatte sie derzeit nicht und wegen des strengen Lernpensums der Schule konnte sie auch nicht ständig bei ihrer besten Freundin oder ihrem schwulen Freund übernachten.

So kam es, dass die vierköpfige Familie im neuen Jahr einen Umzugswagen volllud und aus der Stadt hinaus aufs Land zog. Als Nandra das Haus zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie an sich halten müssen, damit ihr der Mund nicht offen stehenblieb. Das war nicht bloß ein Haus, das war eine alte Villa, fast schon ein Herrenhaus. So ähnlich stellte sie sich das Anwesen der Familie Malfoy aus Harry Potter vor, der Buch- und Filmreihe, die Nandra schon seit ihrer Kindheit liebte. Nun ja, das Gebäude war mehr als nur ein wenig heruntergekommen, das ließ sich nicht leugnen. Ehrlich gesagt hatte Nandra sich gewundert, wie ihre Eltern es sich hatten leisten können. Ihr Vater hatte sich jedoch fest vorgenommen, an den Wochenenden an dem Haus zu arbeiten. Er wird ein paar Jahre arbeiten müssen, dachte sich Nandra. Vielleicht Jahrzehnte.

Schnell zeigte sich, dass ein Umzug mitten im Winter ziemlich unüberlegt gewesen war. Der alte Kasten hatte nämlich keine Zentralheizung, nur Kamine. Das war romantisch, fand Nandra, und sie hätte es gar nicht anders haben wollen, jedoch konnte sie tagsüber nur in eine dicke Decke gehüllt auf dem Bett sitzen, lernen, Mangas lesen und Fanfiction schreiben. Die Elektrizität war genauso wankelmütig wie das Internet. Außerdem war das ganze Gemäuer irgendwie … eigentümlich. Es knackte und knarzte überall, vor allem die Türen; der Holzfußboden war an vielen Stellen uneben, in den Balken an der Decke knisterte es – sicher Mäuse! – und manchmal bildete sich Nandra des Nachts ein, ein vages Klopfen zu hören. Was sie ganz besonders seltsam, wenn nicht gar unheimlich fand, war die Tatsache, dass, selbst wenn alle Kamine beheizt waren, sie manchmal eiskalte Flecken durchschritt, wenn sie durch die Flure oder die Räume mit den extrem hohen Decken wanderte. Im Salon war es besonders schlimm, doch ihre Eltern und ihr kleiner Bruder schienen es nicht zu bemerken, was Nandra besonders verwirrte. Jedoch hütete sie sich davor, eine Bemerkung darüber fallenzulassen, ob sie womöglich in ein Spukhaus gezogen waren. Auch wenn Nandra sich im Stillen wünschte, es möge Gespenster und Fabelwesen wirklich geben – wie in Harry Potter eben! – so war es doch etwas ganz anderes, eine solche Vermutung laut auszusprechen. Vor hundert Jahren hätte man mit so was vielleicht noch eine Katze hinterm Ofen hervorlocken können, im Zeitalter des Internets würde sie sich mit so etwas bloß lächerlich machen. Sie war kein Kind mehr.

Fast den ganzen Januar hindurch schneite es draußen in dicken Flocken; der Winter war ungewöhnlich streng. An den Fensterscheiben ihres Zimmers bildeten sich Eisblumen. Die Hogwarts-Atmosphäre gefiel Nandra extrem gut, aber das völlig ausgekühlte Gebäude stellte sie auch auf eine arge Geduldsprobe. Morgens stand sie bibbernd an der Landstraße, wo sich glücklicherweise die nächste Haltestelle befand. Der Bus kam jedoch ständig zu spät, da die Straßen ständig vereist waren. An manchen Tagen kam er gar nicht.

Anfang Februar war sie besonders gefrustet. Es war nur wenige Tage vor ihrem achtzehnten Geburtstag und Nandra ärgerte sich über ihre Freunde, die sich immer öfter trafen, ohne ihr Bescheid zu sagen. Ihre Rechtfertigung war, dass Nandra ja ohnehin nicht pünktlich oder eben gar nicht zu den Verabredungen erscheinen würde. Eine Klassenkameradin meinte gar, es wäre ja schließlich Nandras eigene Schuld, sie hätte sie schließlich geghostet, indem sie Knall auf Fall weggezogen war.

Das war einfach zu viel der Dreistigkeit, fand Nandra. Eigentlich hatte sie zu ihrem Achtzehnten eine rauschende Feier geplant, die gleichzeitig eine Art Einweihungsparty gewesen wäre. Das Datum fiel idealerweise auf einen Samstag; hallo, wie krass war das denn? Jetzt war sie dagegen festentschlossen, all ihre Freunde komplett zu ignorieren; jemandem nachlaufen war einfach nicht ihr Stil. Wenn ihre sogenannten Freunde sie so sträflich vernachlässigten, dann sollten sie das doch bitteschön tun, sie hatte ja immer noch ihre geliebten Sozialen Netzwerke. Also erwähnte sie ihren Geburtstag überhaupt nicht mehr, schrieb nur eine knappe WhatsApp-Statusmeldung, die Party sei abgesagt und kümmerte sich nicht um die ungläubigen Kommentare, die ihr Post hervorrief. Und so saß sie während der Woche meist lauthals fluchend in ihrem Zimmer und verwünschte ihre treulosen Freunde. Sollten sie doch alle gegen sie abhaten, Nandra war das Ganze völlig latte.

Spät am Freitagabend, dem Vorabend ihres „Wiegenfestes“, wie Nandras Großmutter ihre Volljährigkeit so altmodisch nannte, saß sie also wieder einmal im Schneidersitz auf ihrem breiten Bett, den neuen Laptop, den sie zu Weihnachten bekommen hatte, auf dem Schoß. Die vorsichtige Frage ihrer Mutter, ob sie nicht zumindest im Kreise der Familie in ihren Ehrentag hineinfeiern wollte, hatte sie abgelehnt; sowohl ihre Mum als auch ihr Dad waren nach der Arbeitswoche immer megamüde und gingen früh schlafen; Nandra wollte nicht, dass sie sich ihretwegen bis Mitternacht durch den Abend quälten. Irgendwie gefiel es ihr sogar, so ganz allein in ihren achtzehnten Geburtstag hineinzufeiern.

Kurz bevor die altmodische Standuhr unten in der Halle, die ihre Familie quasi „mitgeerbt“ hatte, als sie das Haus kaufte, zwölf schlug, öffnete Nandra die Flasche Wodka, die ihr Vater ihr zur Feier des Tages gekauft hatte, und ließ zwei Finger breit davon in ein Glas laufen. Anschließend füllte sie es großzügig mit Red Bull auf. Es war nicht das erste Mal, dass sie Wodka trank, doch das erste Mal, dass sie ihn rein rechtlich gesehen wirklich trinken durfte, ja, und das sollte zelebriert werden! Sie hatte ihr hübschestes Kleid angezogen und extra viel Feuer im Kamin aufgeschichtet, damit ihr nicht kalt wurde. Trotzdem hatte sie heute Nacht den Eindruck, dass es insgesamt noch wesentlich kälter war als die Nächte davor, was komisch war, denn die Temperaturen draußen waren während der letzten Tage gestiegen und der Schnee fast komplett weggeschmolzen.

Als die Uhr Mitternacht schlug, erhob Nandra ihr Glas auf sich selbst und nahm einen tiefen Zug. Heute Nacht würde sie sich übelst selbst feiern. Alter Verwalter, noch nie hatte ein Drink so geil geschmeckt! „Alles Gute zum Achtzehnten, Nandra!“, flüsterte sie und genehmigte sich gleich noch einen.

Es blieb nicht bei dem einen Glas, denn sie hatte ja am nächsten Tag keine Schule. Außerdem konnten ihre Eltern auch nichts sagen, wenn sie sich betrank, sie war nun ja schließlich volljährig und konnte sich besaufen, wie sie wollte; passieren konnte ihr auch nichts, außer dass sie es übertrieb, denn sie trank zu Hause in ihrem eigenen Zimmer. Sie konnte singen, tanzen, so richtig die Sau rauslassen, weil ihre Eltern und ihr Bruder auf der anderen Seite des riesigen Gebäudes schliefen. Fehlte nur noch die richtige Musik …

Vielleicht lag es daran, dass sie über den Tag verteilt zu wenig gegessen hatte, jedenfalls wurde Nandra ziemlich schnell betrunken. Irgendwann schienen die Wände um sie herum sich zu bewegen und das Bett unter ihrem Po zu schwanken wie ein Schiff auf hoher See. Nandra kicherte leise, sie war safe ziemlich voll. Deswegen dachte sie sich auch rein gar nichts dabei, als es in ihrem Zimmer trotz des prasselnden Kaminfeuers plötzlich eisig kalt wurde und das Deckenlicht, das den ganzen Abend lang untadelig funktioniert hatte, auf einmal zu flackern begann und die Musik aus ihrer JBL Box erstarb. Ein leichter grauer Nebel waberte plötzlich mitten im Raum; es hätte Zigarettenqualm sein können, aber Nandra rauchte ja gar nicht. Sie zwinkerte ein paar Mal, damit sie die Bilderrahmen gegenüber auf dem Kamin nicht mehr doppelt sah. Ein doppelter Vater, Bruder und eine doppelte Mutter waren auch nicht gerade das, was sie sich für heute wünschte.

Der Nebel wurde immer kompakter und auf einmal glaubte Nandra, einen Kopf zu erkennen, des weiteren Schultern und … mehr nicht. An den Seiten fielen die Umrisse des Körpers, wenn es denn einer war, gerade nach unten hin ab, so als wäre er in einen Umhang gehüllt. Einen ziemlich langen Umhang. Und dieser Schwebekörper war plötzlich nicht mehr rauchgrau, sondern eher schwärzlich und wirkte beinahe … solide. Mehr als ein Schatten, aber aus Fleisch und Blut konnte die Erscheinung auch nicht sein, denn sie konnte dahinter noch immer den Kamin und die Dinge, die auf dessen Sims standen, erkennen. Der Körper blieb durchsichtig, und er schwebte gut eine Handbreit über dem Holzfußboden, so dass es ohne Probleme auf die auf dem Bett kauernde Nandra herunterblicken konnte.

WTF?, konnte diese nur denken? Wie voll kann man sein?

Der Umhang der beinlosen dunklen Gestalt war mit einer Kapuze versehen, jedenfalls konnte Nandra keine Augen, keinen Mund oder eine Nase darunter ausmachen, lediglich andeutungsweise, so tief hing diese über dem Kopf. Mittlerweile war es so eisig im Raum, dass nicht nur Nandras Hände zitterten. Nein, sie schlotterte am ganzen Körper. Wie festgetackert saß sie mit gekreuzten Beinen auf ihrem Bett, ihr Mund klappte auf und sie starrte, starrte bloß.

Totenstille umgab sie, sie und dieses Wesen. Die Situation hätte unwirklicher nicht sein können. Konnte man von einem einzigen Glas Wodka Red Bull Hallus bekommen?

Nandra schloss fest die Augen, zählte bis zehn und öffnete sie dann wieder. Das schwarze Ding war immer noch da. War vielleicht der Kamin verstopft? Konnte das, was sie fühlte (und sah) die Auswirkungen einer Kohlenmonoxidvergiftung sein? Hätte sie doch bloß im Chemieunterricht besser aufgepasst, dann wüsste sie jetzt, ob so etwas Bewusstseinstrübungen hervorrufen konnte. Obwohl sie fest daran glaubte, dass das, was sie da sah, durch den harten Alkohol entstanden war, den sie zu sich genommen hatte, konnte sie spüren, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Ruckartig erhob sie sich, ging auf die Knie und krabbelte ans Bettende, wo sie eine Hand erhob und mitten in den schwarzen Rauch hineinfasste – er war kalt wie der Atem eines Yetis und sie zuckte zurück. Irgendwas war hier oberfaul.

„Alles erdenklich Gute zum Geburtstag, wertes Fräulein.“ Die Stimme klang alt, fast ein wenig atemlos. Als gehöre sie zu einem Greis mit Kehlkopfentzündung.

Scheiße, es spricht. „Äh … wie bitte?“

„Ich sagte –“

„Ja, das … äh … hab ich gehört …“, schnitt Nandra ihm das Wort ab. „Wer … äh … was bist du?“

„Wer, bitte schön“, knarzte die Erscheinung.

„Hä?“

Wer bin ich! Ich habe einen Namen! Einen ziemlich langen Namen!“

„Und ne ziemlich lange Leitung auch, was?“, konnte Nandra sich nicht verkneifen zu sagen. Das hier war einfach zu bescheuert um wahr zu sein.  

„Eine … wie war das bitte sehr?“

Was auch immer das da vor ihr war, es war zwar höflich, doch sie redeten ziemlich aneinander vorbei. „Na, eine lange … also das heißt, du bist nicht besonders smart. Was … was tue ich hier eigentlich?“, fragte Nandra laut. „Rede ich mit einem Geist?“

„Ich ziehe den Ausdruck ‚Verblichener‘ vor, wenn es genehm ist“, antwortete die Erscheinung und klang ein wenig pikiert dabei.

Nandra schloss ein Auge in der Hoffnung, dann nicht mehr alles doppelt zu sehen. „Ja, stimmt, du siehst echt ziemlich verblichen aus“, musste sie zugeben.

Das Ding schwebte näher auf sie zu und die Luft um Nandra herum wurde sterbenskalt. Sie wich auf ihrem Bett wieder Richtung Kopfende zurück.

„Hat das kleine Fräulein etwa Angst vor mir?“, schnarrte der schwarze Rauch.

Ja, vielleicht sollte ich die haben, dachte Nandra. Die Wahrheit war, sie war ziemlich angetrunken und fühlte sich eher extremst kuckuck als wirklich verängstigt. Es gab keine Geister im wahren Leben, schön wär’s ja, aber dazu war sie leider viel zu realistisch. Aber wenn ihr abgespaltenes, angeheitertes, zugegebenermaßen ziemlich dunkles Ich sich mit ihr unterhalten wollte, warum nicht? Konnte lustig werden.

Das dunkle Ding kam noch näher. „Eigentümliche Maid … Die andern sind immer gleich weggerannt, sobald ich mich ihnen gezeigt habe. Dann habe ich sie ein bisschen durchs Haus gejagt. Was meint Ihr? Soll ich Euch ein wenig durchs Haus jagen, hm?“

Nandra lief es kalt den Rücken herunter, doch sie dachte immer noch, dass sie Gespenster sähe, nein, halt, falsch; dass sie alkoholbedingt Dinge sähe, die nicht existierten. Das gab ihr den Mut zu sagen: „Nein, danke, ich glaub nicht, dass ich gerade besonders gut laufen könnte. Aber wie heißt du denn jetzt?“

Das Wesen räusperte sich umständlich und, wie sie fand, ziemlich theatralisch: „Ihr habt keinerlei Manieren, junges Ding, sonst würdet Ihr Euch die vertrauliche Anrede verkneifen! Aber das ist ja schon seit Generationen so …“ – der Geist schüttelte den kapuzenbesetzten Kopf – „Gestatten, Teuerste, mein Name ist Rupertus von Rauenau. Man nennt mich auch den Schwarzen Graf.“ Seine Stimme war in der Tat etwas furchteinflößend, so tief und gleichzeitig heiser, als würde er gerade eine schwere Erkältung durchmachen.

„Solltest du positiv getestet sein, kannst du gleich wieder abhauen“, entgegnete Nandra ohne nachzudenken. Sie nippte an ihrem Drink. „Ich kann mir keine Quarantäne leisten, sonst sitze ich hier wochenlang fest.“

„Ich weiß zwar nicht, wovon Ihr da redet, edles Fräulein, aber ich sitze hier schon seit fast fünfhundert Jahren fest.“ Der Schwarze Graf lachte triumphierend und das klang, als würde jemand versuchen, einen Felsen mit einer Küchenreibe zu bearbeiten. „Beindruckt Euch das nicht? Dass Ihr mit einem Toten redet? Genauer gesagt bin ich schon seit 1524 verschieden.“

Nandra pfiff leise durch die Zähne. „Dann bin ich jetzt an der Reihe zu gratulieren. Das beeindruckt mich nämlich wirklich. Man nennt es zwar heute ‚divers‘ und nicht mehr ‚verschieden‘ oder gar ‚andersrum‘, aber ich ziehe meinen imaginären Hut davor, dass du dir schon vor so langer Zeit deiner biologischen Intergeschlechtlichkeit bewusst warst. Hat man dich deswegen gekillt? Weil du nicht warst wie alle anderen? Vielleicht warst du auch einfach nur homosexuell?“ Mit dem Ausdruck „schwul“ brauchte sie diesem

Gleichgeschlechtliche Liebe? Ich bin des Altgriechischen sehr wohl mächtig, Weib, und verstehe genau, was für himmelschreiende Anschuldigungen sie damit andeuten will!“ Der Geist stieß verstörende Geräusche aus. „Ja, ich wurde dahingemeuchelt, jedoch im stolzen Alter von neunundvierzig Jahren!“ Die dunkelgraue Säule vor Nandras Bett waberte bedenklich. Dagegen stellte Nandra fest, dass ihr Körper, auch ihre Finger, aufgehört hatte zu zittern.

So wie er sich anhört, ist er bestimmt an ner simplen Lungenentzündung verreckt. „Schon gut, ich glaub, ich hab da was falsch verstanden“, beschwichtigte sie ihn. „Woher weißt du eigentlich, dass ich heute Geburtstag habe?“

„Ich bin über alles informiert, was in meinem Haus vor sich geht“, erwiderte Graf Rau… wie auch immer er hieß, das hatte Nandra schon wieder vergessen. Hatte dieses Haus etwa wirklich einen Namen? Sie hatte den Kaufvertrag nicht gelesen und ihre Eltern hatten nichts dergleichen gesagt.

„Dein Haus?“, japste sie. „Dein Haus? Es ist unser Haus; meine Eltern haben es letztes Jahr gekauft.“

„Und war das nicht ein großer Glücksgriff für sie? Ein solch erhabenes Anwesen für so wenig Geld zu erstehen?“, fragte der Geist listig.

„Die Hütte ist total baufällig“, gab Nandra achselzuckend zurück. „Deshalb haben sie sie so spottbillig bekommen.“

„Oh nein, meine Liebe, das ist nicht der Grund“, widersprach der Graf und klang dabei wieder ziemlich atemlos. „Sie haben so wenig bezahlt, weil niemand hier leben möchte. Gut Rauenau stand jahrelang leer und die Menschen, die vorher hier gewohnt haben, haben es nie lang ausgehalten.“ Wieder röchelte er hörbar. „Mit Verlaub, ich möchte behaupten, dass es auch Euer letzter Geburtstag sein wird, den Ihr hier feiert. Wenn nicht gar … Euer letzter überhaupt …“ Jetzt klang er lauernd, wahrhaft bedrohlich.

„Wie dem auch sei“, versuchte Nandra einmal mehr die altertümliche Sprechweise des verblichenen Aristokraten nachzumachen, „ich habe nicht vor, mir meinen Achtzehnten vermiesen zu lassen, geschweige denn, dass ich mich daran erinnere, Darth Vader dazu eingeladen zu haben.“

„Wer das ist, entzieht sich meiner Kenntnis“, röchelte ihr Gegenüber hochmütig, „aber für mich klingt es nach einer Beleidigung.“ Der Graf in seinem langen, kapuzenbesetzten Umhang schwebte noch ein Stück näher an sie heran, stand jetzt hoch über ihr in der Luft und Nandra konnte die Kälte wieder spüren. In der Schule hatte sie gelernt, dass die Leute im Mittelalter allesamt recht klein gewesen waren. Allerdings vermutete sie, dass der verschiedene Graf mit seiner Körpergröße schummelte, indem er sich einfach einen extrem langen Umhang umgelegt hatte. Sie konnte seine Füße ja gar nicht sehen.

„Du solltest keine Personen beleidigen, die größer sind als du“, krächzte der Geist wütend und vergaß dabei vollkommen, die höfliche Form zu wahren.

Nandra wich noch ein Stück zurück, jedoch nur, damit sie ihren Nacken nicht überstrecken musste, wollte sie ihm ins Gesicht sehen, welches noch immer im Schatten der voluminösen Kapuze versteckt lag. „Dann dürfte ich niemanden mehr beleidigen.“ Sie wollte noch einen Schluck von ihrem Getränk nehmen, musste dann aber feststellen, dass das Glas leer war.

„Getränk gefällig?“, fragte sie in den Raum hinein.

„Verblichene essen und trinken nicht“, antwortete der Graf und es hörte sich an, als rümpfe er dabei die Nase.

„Also nein“, stellte Nandra fest. „Ich wollte nur höflich sein. Nicht schlimm, dann bleibt mehr für mich selbst.“ Sie mixte sich ein neues Glas Wodka Red Bull. „Wie genau hast du eigentlich den Löffel abgegeben?“

„Ich habe das Tafelsilber nicht freiwillig hergegeben, es wurde im Laufe der Jahre von denen gestohlen, die hier eingezogen sind, Menschen wie Euch!“ Die Stimme des Schwarzen Grafen zitterte vor Wut und wurde immer brüchiger.

Nandra seufzte. „Damit meinte ich, wie du … wie sagt man … den Tod gefunden hast.“

„Ahhh, die genaue Ursache meines Ablebens ...“ Der Graf machte eine Kunstpause, mit der er wohl die Spannung erhöhen und Eindruck bei ihr schinden wollte. „Nun, ich wurde Opfer eines feigen Giftanschlags.“

Nandra, die gerade einen großen Schluck von ihrem Drink genommen hatte, musste lachen und prompt ganz schlimm husten. „Ahahaha … Das überrascht mich nicht! Du Opfer!“ Sie lachte so hart, dass sie einen Großteil ihres Drinks auf ihre Bettdecke verschüttete. „Na, egal. Ich bin ja grad irgendwie auch ein Opfer. Keiner will mit mir feiern und ich habe auch noch kein einziges Geburtstagsgeschenk bekommen. Nur einen langen Lulatsch, der aussieht wie eine Kreuzung aus Darth Vader für Arme und Lord Voldemort, der mir seine zweifelhafte Aufwartung macht. Das sollte ich besser keinem erzählen. Zu cringy.“

„Zu … wie war das, bitte?“

„Das soll heißen, dass ich mich in Grund und Boden schämen würde, wenn rauskommt, dass ich mit mir selbst rede wie so’ne Gestörte.“

„Ihr führt keine Selbstgespräche, mein Fräulein“, beteuerte der Schwarze Graf. „Mich gibt es wirklich!“

Irritiert starrte Nandra auf die rötliche Flüssigkeit in ihrem Glass oder was davon noch übrig war. „Ach ja? Und warum hast du dich dann bisher nicht gezeigt? Weder meine Eltern noch mein Bruder haben je irgendwas gesagt, dass sie was Ungewöhnliches gesehen hätten oder so. Und wir wohnen schon einen ganzen Monat hier!“

„Ich zeige mich nicht jedem beliebigen Individuum. Die meisten Lebenden – vor allem die heutzutage – sind ziemlich … ordinär und obendrein langweilig. Ich habe mich damit begnügt, Euch zu beobachten. Bisweilen habe ich mit den Türen geschlagen, Gegenstände umgeworfen … bin nicht zu sehr in die Vollen gegangen, wenn Ihr versteht, was ich meine …“ Der Geist schwieg einen Augenblick. „Doch heute, sozusagen zur Feier des Tages … bin ich genau hier.“

Nandra seufzte. „Das sehe ich.“

Nun, zumindest war ihr Geburtstag eines nicht: langweilig. Wenn sie also dazu verdammt war, diese Nacht (und hoffentlich nur diese!) mit einem ziemlich erbärmlichen Geist zu verbringen, so würde sie sich nicht beschweren. Mittags würde sie sicherlich mit einem gewaltigen Kater aufwachen, dafür aber wohl hoffentlich auch ohne diesen … Graf Koks aus der Gasanstalt oder wie er jetzt noch mal hieß. Nandra lehnte sich entspannt zurück. Bis dahin würde sie einfach ihren Rausch genießen, so lange er anhielt.
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