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* Teenagers in Love *

von windmills
Kurzbeschreibung
SongficSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Div
Dirk "Bela B." Felsenheimer Jan "Farin Urlaub" Vetter
03.02.2022
10.07.2022
28
176.156
20
Alle Kapitel
103 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
27.06.2022 7.131
 
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* Teenagers in Love *




Lieder und Bilder farbig unterlegt im Kapitel.
Weiterführende Links am Ende.


Trigger Warning: Übergriffigkeit - nicht explizit ausgeführt.
Matzge wird hier nicht im besten Licht präsentiert, was schwierig ist, denn es handelt sich ja um eine reale Figur. Vermutlich hätte ich seinen Namen ein wenig verändern sollen. Es gibt aber mindestens einen Hinweis, dass diese Fiktion vielleicht nicht ganz fern ab der Realität liegt (s. Links am Ende).






1983 – Should I ...?






1. Juli – Seegefelder Straße, Spandau

Als ich die Wohnungstür aufsperre, läuft im Wohnzimmer der Fernseher. Vorsichtig stecke ich den Kopf zur Tür hinein.

„Sind die Ollen zu Hause?“

„Juten Tach och, der Herr. Nee.“

„Gut. Na, Schwesterchen?“ Ich lasse mich zu ihr auf die Couch fallen. „Wie geht`s dir denn?“

„Fertig von der Arbeit.“ Sie sieht wirklich müde und blass aus. Gar nicht mal so ein großer Unterschied zu mir – ein typisches Zwillingsding - nur der Grund ist vermutlich ein anderer. „Frühschicht?“

„Mhmm.“

Mein Gefühl sagt mir, dass da ein wenig mehr ist als nur die scheiß Arbeit, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich fragen kann. Grad ist mir Diana ein wenig fremd. „Und wat guckste da Schickes?“

„Lästerste eh nur drüber.“

Fernseher sind irgendwie komisch. In der WG haben wir keinen und irgendwie hab ich fast ein wenig verlernt, wie man das macht, anderen so beim Leben zu zu sehen.

Mit dem Abstand seit meinem Auszug versteh ich sogar Jans Abneigung gegen die Glotze ein wenig besser. Man sitzt nebeneinander, unterhält sich sogar, aber die ganze Zeit schauen alle auf ein flimmerndes Bild und mindestens die Hälfte ihrer Aufmerksamkeit ist auf die künstliche Welt in dem kleinen Kasten konzentriert, nicht auf die reale Person neben ihnen.

Irgendwie würde ich mich grad gern der Illusion hingeben, dass wir beide wieder 8 oder 10 sind, es sind große Sommerferien und wir sitzen zusammen verbotenerweise vor dem magischen Fernseher, obwohl draußen schönstes Juliwetter ist, weil Mama und Erich arbeiten sind.

Damals war unser Fernseher noch schwarz-weiß und hat ziemlich gegrisselt. Dennoch war das ein Gefühl von weite Welt, auch wenn nur der Road Runner über den Bildschirm geflitzt ist oder der rosarote Panther. Aber damals waren Diana und ich eben noch eine echt verschworene Gemeinschaft.

Wir waren uns sogar noch länger sehr nah, aber als wir dann so 14, 15 waren, da ... Sie hatte ihren ersten Freund, ihren zweiten, ich meine neue Clique mit Jörg und Ades in der Dekorateursausbildung.

„Was ist das für `ne Band?“

„Die kennste nich? Ick dachte, du bist so der Musikfuzzi. Dit is „Yazoo“.“

„Aha. Sehen irgendwie ... nett aus, aber nich so ganz mein Geschmack.“

Zum ersten Mal reißt sie ihren Blick vom Fernseher los und wirft mir einen Seitenblick zu, sieht mich dann nochmal länger an. „Allet okay mit dir?“

„Ähm, ja. ... Warum?“

„Siehst `n bisschen sehr abgerockt aus, Herr Popstar. Schon insgesamt ein Wunder, dass de dich ma wieder hier blicken lässt.“ Irgendwie klingt sie verletzt und das tut mir auch weh.

„Tut mir leid, also, mir tut`s echt leid. Ick war einfach so tierisch beschäftigt die letzten ...“ Wir haben uns echt lang nicht mehr gesehen und ausgerechnet jetzt muss ich auch noch mit so `nem Thema ankommen. Dann zieht etwas anderes meine Aufmerksamkeit auf sich.

„Häh. Dit is ja Captain Sensible. Den spiel`n sie in der Formel 1?“

„Jetz tu halt nich so arrogant, als würden die nur Müll senden."

„Okay, okay. ... Also, ick würd niemals in der Formel 1 auftreten."

„Ick dachte, du und Jan, ihr wollt berühmt werden? Könnt etwas schwierig werden, wenn ihr euch dann diesen ganzen Sendungen verweigern wollt.“

„Hmmm." Seltsamer Gedanke, aber sie hat ja nich unrecht. „Das muss ick mir dann wohl wirklich noch ma durch`n Kopf gehen lassen. Und dann mit Jan besprechen, wenn se uns anfragen.“ Als ob das jemals passieren würde.

Außerdem ist grad Berühmtheit und Reichtum ganz, ganz weit weg und was anderes angesagt. Mist. Aber da muss ich jetzt wohl durch.

„Hey, Diana?“

„Mhm ...“ Entweder ist sie trotzig wegen meiner Abwesenheit oder sie interessiert sich wirklich gerade mehr für diese Yazoo, als für mich.

Früher konnte ich einfach an ihrer Miene, ihrer Körpersprache oder ihrem Tonfall genau ablesen, was mit ihr los war. Aber irgendwie scheine ich diese Fähigkeit verloren zu haben. Oder ich habe sie auf Jan übertragen. Obwohl in den kann ich nicht wirklich rein gucken. Ich muss mich echt mal wieder mehr um Diana kümmern, aber zuerst muss ich dieses vermaledeite Problem lösen.

„Sach ma, ähm, ... könnteste deinem jeliebten Zwillingsbruder `n Hunni leihen?“

Das ist der Moment, in dem sie die Glotze nich mehr hypnotisiert. Sie starrt mich auf eine Art an, dass ich auch gleich meine Mutter anschnorren hätte können. Oje.

„Menno, Bela. Du kommst och nur hier angekrochen, wenn de wat brauchst, oder?“

Sie hat nich ganz unrecht.

„Bitte, Schwesterherz.“

Ich weiß ja auch, dass es eine absolute Arschloch-Aktion von mir ist, aber ich muss heute meinen Anteil der Miete bezahlen. Bei Jan ist das Thema echt ausgereizt und ich will ihn nicht schon wieder enttäuschen.

„Bitte, Diana! Ick geb dir den Hunni och in `ner Woche zurück. Ick brauch den für die Miete. Hast auch was gut bei mir.“

In ihrem Blick passiert etwas. „Sicher, dass de die Kohle nich für wat anderes brauchst?“

„Hä? Wie meinst`n dit?“

„Na, deen Geschlauche hier erinnert mich, ehrlich jesacht, so `n bisschen an „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“.“

Das und ihr durchdringender Blick schocken mich. „Wie kommst `n da drauf?“

„Also, ick hab dich ja gut zwei, drei Monate nich mehr gesehen. Kuckste ab und zu och ma in `n Spiegel?“

„Ständig. Muss ja meine Haare machen.“ Es soll ein Witz sein, aber sie kennt mich zu gut. Und ich sie auch, und so weiß ich, dass sie mich easy durchschaut.

„Wir spiel`n am Wochenende `n Gig in Bremen. Dann kriechste dein Geld zurück. Großes Großer-Bruder-Ehrenwort.“

Das ich fünf Minuten älter bin als sie, ist seit ... schon immer ein running gag zwischen uns. Aber grad lacht sie nicht darüber, schmunzelt nicht mal. Stattdessen seufzt sie, steht auf, geht in ihr Zimmer.

Hab ich gewonnen oder sie jetzt komplett verloren?

Schritte auf dem Flur. In ihrer Hand zwei schöne, braune 50 Mark-Scheine.

Sie bleibt vor mir stehen, zieht das Geld weg, als ich danach greifen will, legt mir eine Hand auf die Schulter. „Wenn de dit für Drogen ausgibst, dann is Ende mit „Schwesterherz“ und „Großer Bruder“. Haste dit verstanden?“

Meine Kehle wird eng. Zum einen wegen ihrem Vorurteil, zum anderen, weil ... Ich nicke.

„Okay.“ Sie drückt meine Schulter und legt mir das Geld in die Hand, lässt ihre Hand in meiner liegen. „Wir ham uns ma echt nah gestanden – du und ich. Dirk und Diana, nich Bela und Diana.“

Auf einmal wirkt sie wirklich traurig. „Manchmal vermiss ick dit ... Ick weeß ja, dass de immer viele Leute um dich brauchst, aber ... Weeßte, ick versuch echt nich eifersüchtig auf Jan zu sein, aber manchmal ist dit echt schwer, weil ... Ick dachte, immer wir wären nich nur Zwillinge, sondern wirklich Seelenverwandte. Und jetz ...“

Kurz hab ich den Verdacht, dass sie betrunken ist oder irgendwas eingeworfen hat, weil sie so leicht schleppend spricht und so offen ist. Der Gedanke erschreckt mich bis ins Mark. Sind wir beide so? Ist sie deswegen auf die Kinder vom Bahnhof Zoo gekommen? Ist das etwas Genetisches?

Aber bei ihr ist es wahrscheinlich wirklich nur die Übermüdung von der Arbeit. Arbeit ist doch echt einfach nur scheiße und jetz nehm ich ihr auch noch ihre hartverdienten Moneten weg.

Ich beiß an meinem Fingernagel herum. Ihre Sentimentalität schwappt über mich, zieht mich mit. Das Band ist nich verschwunden, nur transparenter geworden, so dass es kurz unsichtbar gewirkt hat. „Tut mir leid – echt. Du kannst mich och weiter Dirk nennen, wenn de dit lieber magst.“

Sie lächelt, aber es ist ein trauriges Lächeln. „Nee. Is schon jut. Du mochtest den Namen nie so besonders.“

Zum Abschied nehm ich sie in den Arm. Im ersten Moment versteift sie sich, dann umarmt sie mich zurück. Es tut gut. Ja, wir waren wirklich mal unzertrennlich. Und dass das nicht mehr so ist, liegt nicht an ihr. „Ich schau bald mal wieder vorbei, ja? Mit mehr Zeit und – dann will ick wissen, wie`s dir geht. Also, wie`s dir wirklich geht.“

Sie nickt an meiner Schulter. Es fällt mir wahnsinnig schwer, ausgerechnet jetzt zu gehen, aber ich hab in einer Stunde Bandprobe und werd eh schon wieder wie üblich zu spät da sein.



Niebuhrstraße 38b, Charlottenburg

Ich muss eigentlich sofort los zur Bandprobe, will nicht zu spät kommen.

Meine Mutter hat meinen ganzen Zeitplan durcheinander gebracht. Vor einer Stunde hat sie angerufen, ob sie was vom Metro für Bela und mich mitbringen soll. Da in unserem Kühlschrank nur noch ein Glas Senf stand, hab ich widerwillig ja gesagt.

Sie denkt vermutlich, wir essen zu wenig – und so ein bisschen stimmt das ja auch. Sie war sogar so lieb mich abzuholen, vielleicht wollte sie auch ein bisschen Mutter-Sohn-Zeit haben. Ihre Begründung war, dass „ich so selber entscheiden kann, was wir brauchen.“

Der Einkauf nur für Bela und mich war dann über 40 Mark. Sie hat nichts dazu gesagt, aber mir war es trotzdem peinlich.

Aber jetzt habe ich die Hände voller Tüten mit Essen. Ein gutes Gefühl und gleichzeitig fühlt es sich an, als würde ich von den Almosen andrer Leute leben. Was neben meinem Selbstmitleid noch überquillt, ist unser Briefkasten.

Ich stelle die Tüten ab und sperre ihn auf, gehe die Post durch. Rechnung Stadtwerke, Rechnung Gaswerk, Werbung, eine Postkarte für Bela - mein neugieriges ich will sie lesen, aber ich tu es nicht – Rechnung Telefon, ein Brief mit vielen bunten Marken drauf.

Mr. John and Claire Walker
29 Railton Rd
LONDON
SE24 0LN
UK

Sehr unerwartet, fast ein Schock den Absender zu lesen. Ich hatte vor zwei Wochen einen Brief geschrieben an die Beiden, um mich für ihre Gastfreundschaft zu bedanken.

Mein Hirn kann die Infos nicht sofort verarbeiten. Mein nächster Gedanke ist: Oh, gleicher Nachname. Sind die verheiratet? Irgendwie hatte ich das nicht gedacht. Ungewohnt. In Berlin ist so gut wie niemand verheiratet.

Der Umschlag fühlt sich seltsam elektrisch in meiner Hand an. Ich kann nicht warten bis ich oben in der Wohnung bin.

„Hey mate,

we wanted to say thanks for your letter. It was really nice of you to thank us for the hospitality, but Claire and I have to say, that we actually enjoyed your short lived company in our flat very much.

We were wondering, if you would be interested in coming back. I might even have a cool job offer for you, which has to do with music. It seemed to us, that you are very fond of music in general and hey, who does not want to live and work in London. There is a lot going on here, new movements seem to emerge out of the subcultural basements. It`s quite fascinating.

So, just let us know, if I should reserve this job for you, alright?

Looking forward to hearing from you. Here is our telephone number: +442072741190176 – if there is something to organise short term.

It would be our pleasure to host you again, at least for your first weeks here, so you can get settled in.

Hugs from Claire and me"

Ich lasse den Brief sinken. Das Schockgefühl hält an, manifestiert sich noch mehr. Damit hatte ich nicht gerechnet – not in a million life times.

Dass sie mich damals einfach so mitgenommen haben, den leicht schmuddeligen Streuner, dass hat irgendwie eine Spur von Zuneigung und Verbundenheit in mir hinterlassen, obwohl das Kennenlernen so kurz war.

Außerdem bin ich neugierig auf die Veränderungen in London, über die John gesprochen hat. Klang ja fast so, als würden da gerade neue Musikrichtung entstehen. Die Geburtsstunde des Punk habe ich ja schon verpasst. Eine elektrisierende Lust auf mehr Abenteuer steigt in mir auf, gerade weil beim letzten Mal London seine Versprechungen nicht wirklich eingelöst hat.

Fast wirkt es wie ein Wink des Schicksals. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Vom Schicksal halte ich auf jeden Fall nicht viel. Entscheidungen treffe ich am liebsten selbst. Tja, und genau das werde ich wohl nun tun müssen.


Yorckstraße 48, Kreuzberg

Nach unserer Probe möchte Matzge mit uns Dreien noch etwas besprechen. Da das Risiko nah ist und auf unserem Heimweg liegt, machen wir uns auf den Weg dorthin. Bela und ich fahren mit den Rädern. Hans nimmt Matzge in seinem Bus mit.

Als wir im Risiko ankommen, sind wir die Ersten. Bela holt sich sofort bei Blixa ein Bier, dass er unter fast obszön zu nennendem Gestöhne in einem Zug halb leert. „Oh, war dit jut. Es is viel zu warm draußen.“

Er hat recht, aber ich will gerade meine sauerverdienten Kröten nicht für was zu trinken ausgeben.

„Und was möchtest du?“ Blixa sieht mich intensiv und gleichzeitig desinteressiert an. Das muss man auch erstmal hinbekommen. Aber bei ihm ist das nicht persönlich zu nehmen.

„Nichts. Danke.“ Ich grinse ihn an. Bei ihm empfinde ich sowas wie eine sportliche Herausforderung, ihn zum Lächeln zu bringen. Aber auch diese Runde des Spiels, von dem er ja nicht mal was weiß, geht an ihn. Bei Maria, die eine ähnlich coole Ausstrahlung hat, steht es immerhin unentschieden.

Er stellt mir ein Glas Wasser hin. „Es ist wirklich zu warm draußen. Besser du trinkst was, ne.“

„Danke.“ Diese fast väterliche Seite habe ich bei ihm noch nicht so oft erlebt.

Schließlich tauchen auch endlich die andern beiden auf. Bela und Matzge verziehen sich sofort ins Hinterzimmer. Ich will ihnen gerade folgen, obwohl ich schon ahne, was ihre erste Tat des noch jungen Abends sein wird, denn Matzge hat sich von Blixa mit seinem Bier ein kleines Tütchen geben lassen.

Ich mag diese Verwandlung bei Bela nicht besonders. Es ist wie ein schlechter Zaubertrick. In einem Moment ist er Bela, mein Mitbewohner, mein Bandkollege, mein Humor-Seelenverwandter, im nächsten ist er Bela, der Nachtmahr. Seine Augen leuchten dann immer noch mehr, aber nicht auf die schöne Art, sondern eher manisch, unruhig und – künstlich.

Manchmal würde ich ihm gerne sagen, dass er doch genug Licht in sich trägt auch ohne weißes Pulver. Aber er liebt sie ja, die Nacht und das Dunkle. Ich hasse seinen Tanz am Abgrund, auch wenn er sagen würde, dass es Höhenflüge sind, die er sucht.

Hans zieht mich zur Seite. „Also, so toll das Studio ist, aber sorry - mit Matzge fahr ich nicht mehr allein rum.“ Er wirkt ziemlich durch den Wind für seine ansonsten recht stoischen Verhältnisse.

„O-okay. Ähm ... was war denn los?“

„Der hat die ganze Zeit voll die seltsamen Sachen gesagt. Wie schön und außergewöhnlich mein Gesicht sei. Und dann hat er ... es angefasst, also meine Wange. Und meine Ohren. Ich wär beinahe in den Gegenverkehr gefahren vor Schreck.“

„Oh. ... Aber .. das hat er vermutlich als Kompliment gemeint. ... Oder?“

„Hmmm. Meinste? Fühlt sich irgendwie seltsam an. ... Also, mir ist echt so ein bisschen die Lust auf dem Abend vergangen.“

„Aber er wollte ja noch was mit uns besprechen.“

„Mhm. ... Na, wenn es geschäftlich ist, bleib ich wohl besser mal da.“

Wir gehen hinüber ins Hinterzimmer. Hier ist weniger los und die gute, aber infernalisch laute, Musik die Blixa durch das Risiko feuert, ist etwas gedämpfter. Ich finde die Musik echt nicht schlecht, aber gerade macht sie mich eher nervös. Bela trommelt im Rhythmus auf den Tisch mit. Ich glaube, er merkt es nicht mal. Seine Kiefer mahlt ununterbrochen und seine Pupillen sind viel zu klein.

Hans setzt sich auf den Platz, der am weitesten von Matzge entfernt ist. Auf dem Tisch entdecke ich Reste von winzigen, weißen Kristallen.

„Okay, also ... wat wollteste besprechen, Matzge?“ Nicht nur Hans will hier so schnell wie möglich wieder raus.

Im Endeffekt geht es darum, dass Jörg und er nun gerne Nägel mit Köpfen für eine Plattenaufnahme mit uns machen wollen.

Da bin ich sofort dabei, auch wenn es schwierig ist, in den Redefluss von Bela und Matzge einzusteigen. Die beiden quasseln aufgeregt wie zwei Nähmaschinen miteinander über Lieder und Cover und Aufnahmedaten.

„Was soll denn das Ganze kosten?“, fragt schließlich Hans vom Tischende.

„Na ...“ Matzge sieht auf einmal sehr ernst in unsere kleine Runde. „Ihr müsstet schon so 1.000, 2.000 Mark beisteuern für die Pressung, wenn wir die EP auf Vinyl rausbringen wollen.“

Das stoppt den Rede- und Euphoriefluss sehr effektiv.

„Puh!“, bringt es Bela auf den Punkt.



3. Juli - Strecke Berlin – Bremen

Wir verladen die letzten Teile von Belas Drums in Hans VW-Bus.

„Was is das denn?“ Matzge deutet auf die Eishockeyschläger, die Hans seit ein paar Wochen in seinem Bus herumkutschiert.

„Die hab ich von meinem Verwandtenbesuch in Finnland mitgebracht. Mein Onkel meinte, dass ich die hier bestimmt gut gewinnbringend verkaufen könnte.“

„Aha.“ Matzge sieht ihn verständnislos an. „Und warum sind sie dann immer noch hier?“

Hans reckt sich noch ein Stück, so dass er Matzge nun um fast zwei Köpfe überragt. „Ich warte auf das passende Angebot.“

„Bis dahin kannst du die ja aber auch woanders bunkern, oder? Die sind einfach voll im Weg.“

Hans sieht hilfesuchend zu mir. So sehr ich Matzges Unterstützung für uns als Band schätze, manchmal hat er schon eine extrem direkte Art. Natürlich findet Bela genau das super. Die Beiden ziehen aber auch ständig gemeinsam um die Häuser. Für mich ist Matzge manchmal einfach zu harsch.

Ich trete an Hans Seite. „Komm, die kriegen wir schon verstaut.“ Ein paar Minuten später haben wir einen Platz für die Eishockeydinger gefunden und auch die Anlage passend verstaut.

Hans rollt hinter Matzges Rücken mit den Augen. „Oh, Mann, und ich darf jetzt fünf Stunden mit dem vorne sitzen.“

„Tut mir echt leid, Keule.“

„Kannst du nicht einfach nach vorne kommen und Bela sich mit dem auf der Pritsche vergnügen?“

Oh, wow. Das Bild, dass Hans damit in meinen Kopf gezaubert hat, ist dort absolut unwillkommen. Ab und zu kämpf ich eh schon mit so wirrem Stechen in der Brust, wenn Bela mal wieder mit einer seiner „Matzge und icke war`n so druff und dann ...“-Geschichten um die Ecke biegt.

Andererseits kann ich Hans auch echt verstehen.

Es ist ja nicht nur Matzge. Er ist auch oft so ein bisschen außen vor, wenn Bela und ich mal wieder voll abheben mit unseren Spinnereien oder unserer Witzelsucht. Das ist während des stundenlangen Herumgetuckers mit dem Bus ziemlich regelmäßig der Fall. Und Hans dann oft das dritte Rad am Wagen. Keine gute Dynamik.

Plus – er muss durch Belas und meine Führerscheinlosigkeit immer Stunden hinter dem Steuer abreißen – und er stellt den Bus und auch noch den Verstärker.

Ich muss dem Fakt ins Auge sehen: ohne ihn würde es die Ärzte gerade einfach nicht geben oder zumindest nicht in dem Umfang, den wir momentan gestemmt bekommen. Fazit: Hans hat einiges bei uns, bei mir gut.

„Ähm ... Also, ähm, ja, klar. Okay.“

„Hey, danke.“ Hans fällt mir um den Hals. War wohl die richtige Entscheidung, wenn er so dermaßen erleichtert ist.

Und schon sind wir wieder auf der Transitstrecke unterwegs Richtung Helmstedt.

Nach drei Stunden fahren wir endlich auf der sehr viel ruckelfreieren westdeutschen Autobahn. Und es gibt wieder vernünftigen Radioempfang. Es kommt ein NDW-Hit. Hans lacht und gibt Gas. Auch wenn ich denn hasse, es ist fantastisch, wieder unterwegs zu sein.

Das Lied von Markus ist trotzdem einfach grausam. Dieses Jahr ist auch noch ein gleichnamiger Film mit ausgerechnet Nena in der Hauptrolle heraus gekommen. Obwohl wir beide skeptisch waren, haben Bela und ich ihn angesehen. Der hat fast unsere Schwärmerei für sie zerstört. Eifersüchtig auf Markus war ich dennoch. Das war bestimmt total genial mit Nena zu drehen. Die Energie dieser Frau. Ich kann echt nicht verstehen, warum sie sich für so einen belanglosen Schund hergegeben hat.

Die Tour durch das sommerliche Westdeutschland macht wirklich Spaß, auch wenn ich noch lieber hinten bei Bela wäre.

Ich drehe mich zu ihm um, aber er und Matzge pennen, schön mit Abstand voneinander. Ich sehe Belas wuscheligen schwarzen Haarschopf und wünsche mich zu ihm auf die Pritsche.

Erst nach Hannover hab ich mich mit meinem belalosen Schicksal abgefunden.

„Hans?“

„Ja?

„Sach ma, weißte eigentlich, was de ma werden willst?“

Und er weiß es sogar erstaunlich genau und detailliert. Nach zehn Minuten komm ich mir vor, als wäre ich der Personalchef in einem Bewerbungsgespräch.

„ ... und wenn ich dann das BWL-Studium abgeschlossen habe, dann werd ich vermutlich erstmal so ein bisschen Auslandserfahrung sammeln in einem Vertrieb oder so.“

„O-okay.“ Hört sich irgendwie echt gut an: Auslandserfahrung. Ausland. Ausland. Ausland. Es klingt so gut in meinen Ohren. Der Ruf der Sirenen. London.

„Natürlich hilft mein Studium auch der Band. Wenn wir echt erfolgreich werden wollen, dann brauchen wir auch eine Businessstrategie.“

Unsicher sehe ich zu ihm hinüber.

„Meenste?“

„Na klar. Wollt ihr nun erfolgreich sein und von der Musik leben können oder nicht?“

„Eigentlich schon. Aber klappt bisher ja nich so besonders jut.“

„Eben. Uns fehlt ein Konzept. Wir brauchen so was wie ein Alleinstellungsmerkmal, das die Leute auf uns aufmerksam werden.“

„So `n bisschen was Besonderes sind wir ja schon. Punker, die eher so Popmelodien machen mit bizarren Texten.“

„Okay, ja schon. Aber du brauchst ja auch Kund*innen, die das hören wollen und vor allem kaufen, also zum Beispiel ein Konzertticket.“

„Du meenst dit Publikum?“

„Ja, klar. Oder halt die Leute, die potentiell Platten von euch kaufen.“

„Uns.“

„Was?“

„Von uns kaufen.“

„Ja, klar. Also, vor allem geht es darum, dass das Geschäft läuft.“

Cool, wäre es schon, aber ich bin auch Realist. Wir sind nicht die Sex Pistols oder The Clash.

Ich bin echt kurz davor mich so slapstickmässig am Kopf zu kratzen. Aber er hat nicht unrecht. Sollte ich mal mit Bela bequatschen, immerhin haben wir uns geschworen reich und berühmt zu werden. Ob er das wirklich ernst gemeint hat? Manchmal wissen wir wohl selber nicht, was wir als Witz meinen und was nicht.

Ich sehe über meine Schulter wieder nach hinten. Bela pennt immer noch selig hinten auf der Pritsche. Matzge auch – immer noch in annehmbaren Abstand zu ihm. Die beiden waren gestern wohl wieder bis in die frühen Morgenstunden unterwegs. Richtig schlimm wird es, wenn auch noch Nopper mit dabei ist. Und gestern war das wohl mal wieder der Fall.

Für reich und berühmt muss man schon ein bisschen mehr investieren als nur in Alk.

Ich blicke wieder hinüber zu Hans. „Wat denkste denn wären unsere nächsten Schritte?“

„Na, das mit dem Sampler war schon mal nicht schlecht. Richtig gut, wäre halt jetzt eine eigene Platte nachzuschießen, wenn man noch in aller Munde ist.“

„Mhm. Bräuchten wa da nich mehr Lieder für?“

„Kannst ja welche schreiben. Du bist doch der Mastermind in Bezug darauf.“

„Und Bela.“

„Ja, klar, der schon auch. Texten könnt ihr beide super. Aber die meisten guten Songs stammen ja doch eher aus deiner Feder. Du hast einfach ein Händchen für Melodien.“

Es schmeichelt mir, aber ... „Hast du nicht Lust, mal was beizusteuern? Kamelralley war doch ganz nett.“

„Ähm, ja. ... Danke. ... Ähm, ja, klar, kann ich schon machen.“

„Cool.“

Den Rest der Strecke nach Bremen fahren wir schweigend weiter. Ich sehe auf den Flyer für das Konzert.


Ja, klar geht das professioneller, aber verraten wir damit nicht unsere Wurzeln?

Und neue Songs müssen her. Hmmm ... Meine Gedanken schweifen umher und landen im Freibad.

Ich summe eine Melodie im Kopf, dann beginnen sich Worte darüber zu formen.

Paule heißt er, ist Bademeister im Schwimmbad an der Ecke
Paule heißt er, ist Bademeister

Die Melodie ist wirklich gut, sehr upbeat, hat was Sommerliches. Aber wie weiter mit dem Text?



Kulturzentrum Schlachthof, Bremen

Fabsi von den Mimmis nimmt uns in Empfang. Er hat auch alles für uns organisiert hier. „Hey, Jungs. Voll gut, dass ihr hier seid. Ich hab leider gar nich so viel Zeit für euch. Ich muss noch etwas vorbereiten.“

Es klingt ziemlich geheimnisvoll.

„Hier könnt ihr dann heute Nacht pennen.“ Er zeigt auf den Raum hinter der Bühne. „Kennt ihr ja von den letzten Malen schon.“

Bela tastet nach dem Lichtschalter. Neonröhren beleuchten mehrere vollgeschmierte Stockbetten, auf denen echt übel aussehende Matratzen liegen. Und der Geruch. Wow.

So sehr ich Bremen mag – in diesem Schlafsaal würde ich am liebsten die ganze Nacht die Luft anhalten. Oder mir eine Gasmaske aufsetzen. Ich bin ja echt einiges gewohnt aus Berlin, aber die Zustände in diesem Schlafsaal hab ich nicht mal auf Reisen in armen Länder gehabt. Wenn ich die „Betten“ nur ansehe, kribbelt meine Haut schon.

Sogar Bela neben mir stöhnt entsetzt auf. Hans ist dagegen erstaunlich ruhig. Keine Ahnung, warum das ausgerechnet ihn, unser gutbürgerliches Reichenkind, so kalt lässt. Ach so ja, der kann ja in seinem VW-Bus pennen, der Glückliche.

„Oje. Dit is echt anders gruselig und nich im Guten.“ Bela zieht eine Grimasse. „Ick hat vergessen, wie krass dit hier is.“

„Oder verdrängt“, füge ich hinzu.

„Oder zu besoffen ...“

„Bingo ... Wenn ick mich richtig erinner. Ick geb`s nich gern zu, aber vermutlich wäre besoffen echt eine gute Option heute.“

Sofort geht ein interessiertes Strahlen über Belas Gesicht.

„Nee. Vergiss et. Dit war `n Witz.“

Bela mustert mich. „Ick muss ehrlich sagen, dass es mich ja schon so `n bisschen interessiert zu sehen, wie du auf Alk abgehst.“

Ich strecke Bela die Zunge raus, was er mit „Hmmm, vielversprechend!“ kommentiert, hau ihm dann mit Schmackes auf den Hintern. In seinen Lederhosen klatscht es besonders gut.

„Dit wär och okay“, grinst er.

Ich verdrehe die Augen, aber Bela grinst einfach weiter.

Ich seh zu Hans, der aber von unseremGeflachse oder viel mehr Geflirte gar nichts mitbekommen scheint. Besser so. Aber dass der nicht checkt, dass ... Mir kommt es so offensichtlich vor, dass was zwischen mir und Bela ... Es macht mich immer wieder unsicher, aber andererseits hat sich auch nicht wirklich was geändert. Wir waren schon bei Soilent Grün so.

„Also, wenn de dich betrinken willste heute, nee ...“

„Pfui aus, Bela.“

„Hey, ick bin doch keen Hund.“

„Egal. Also, ick ... will dit einfach nich.“ Der Hauptgrund, warum ich kein Alkohol trinke, ist, dass ich Leute gesehen habe, die damit überhaupt nicht umgehen konnten – früher als ich noch jünger war. Und es ist nicht direkt besser geworden.

Auch Bela ist da keine Ausnahme, aber ich vertraue ihm – meistens.


*


Ein paar Stunden später kommen auch die anderen Bands an. Es ist ein großes Gejohle, als die Kerle von der „Deutschen Trinkerjugend“ eintrudeln.

„Dieses Mal entkommst du uns nicht, Farin.“ Jenne, der Sänger, hebt entschlossen die Hand.

„Och, wird euch dit nich langweilig?“

„NÖÖÖÖÖ“, kommt es sehr vollmundig zurück.

„Da müsst ihr euch aber schon wat Besseret einfallen lassen als Batida de Coco, Jungs.“ Wahrscheinlich sollte ich nicht auch noch ihren Ehrgeiz anstacheln.

Jenne tuschelt mit seinen Bandkollegen. Schon zu spät. „Kein Problem. Machen wir.“

Fabsi kommt zu uns herüber und legt Bela und mir einen Arm um die Schultern. Hans ist irgendwie seit einer Stunde verschwunden. Vielleicht lernt er für die Uni. Er hat wohl irgendeine Prüfung nächste Woche. Zum Glück hab ich den Lernkram hinter mir.

„Wollt ihr `n Geheimnis erfahren?“ Fabsi sieht sich vorsichtig um.

„Aber immer!“ Bela nickt enthusiastisch.

„Aber pssst, nee? Das bleibt unter uns.“

„Mann, Fabsi. Nu machste aber echt `n Geheimnis draus.“

„Okay. Also, nächste Woche kommt das erste Album der Hosen raus.“

„Wie ... Album?“ Bela kriegt ganz große Augen.

„Na, die bringen auf ihrem eigenen Label Totenkopf nächste Woche `ne LP raus.“

Der Boden des Kulturzentrums scheint nicht ganz stabil zu sein. Auch die Wände nicht. Die Zeit dehnt sich merkwürdig, als wäre ich in einen Unfall verwickelt.

„Jetz ernsthaft?“, höre ich irgendwann Bela fragen.

Fabsi nickt.

„Krass.“ Belas Mund bleibt offen stehen. Ich bring kein Wort heraus.

„Ja, nee?“ Fabsi wirkt echt begeistert. Irgendwie ja auch verständlich. Schließlich ist er ja ZK-Weggenosse von Campi und Kuddel. „Wollt ihr ein paar Songs hören?“

„Geht das denn?“ Bela sieht so geschockt aus von den Neuigkeiten, wie ich mich fühle.

„Ihr müsst halt wirklich absolutes Stillschweigen darüber versprechen.“

Brav halten Bela und ich eine Hand hoch. „Pfadfinder-Ehrenwort!“

Fabsi lacht und geht mit uns in einen kleinen Nebenraum. Er holt eine Platte hervor. Ehrfürchtig betrachte ich das Cover. Sie haben es echt geschafft. Und das ganze Konzept sieht echt verdammt gut aus. Okay - ich bin offiziell neidisch und - was noch schlimmer ist: ein wenig fühl ich mich wie die Armee der Verlierer.

*


Das Konzert ist super. Wir spielen allerdings nicht in der großen Halle des Schlachthofs, sondern unten im Magazinkeller. Auch ein bisschen eklig, wenn man sich vorstellt, dass sie hier die Tiere zerteilt und gelagert haben. Puh.

Natürlich spielen „Die Mimmis“ in ihrem Set das Lied „Arztgeschichten“, wobei sie uns die ganze Zeit angrinsen.

Danach sind wir dran. Da wir nun bereits zum dritten Mal im Schlachthof sind, können ein paar Leute im Publikum sogar Lieder mitsingen. Heute bin ich vielleicht auch durch die Fahrt irgendwie voll auf Hans gepolt. Am Ende singe ich Kamelrallye mit ihm, weil es leider doch immer etwas dünn und unleidenschaftlich klingt, wenn er das alleine tut.

Insgesamt macht es total Spaß, endlich mal wieder die Lieder außerhalb des Proberaums zu spielen, Bela wie einen kleinen Teufel am Schlagzeug abgehen zu sehen. Mit Publikum und Auftrittsadrenalin ist er noch mal doppelt so gut.

Leider bekommt meine Euphorie nach dem Konzert ordentlich Schlagseite. Bela wird, kaum ist er von der Bühne runter und Richtung Tresen gewankt, von einer mir unbekannten Punkette in Beschlag genommen, mit der er sich lange - wirklich lange - unterhält. Währenddessen steht er viel zu nah an der Tussi dran, seine Hand lehnt an der Wand, knapp neben ihrem Kopf und ... überhaupt.

Mann, vielleicht wären Drogen manchmal wirklich gar nicht schlecht. Aber – Nein. Ohne Danke.

Ein sehr viel verlockender Gedanke zieht durch mein beleidigtes Gemüt. Dann suche ich mir halt auch jemand. Wenn man am Abend auf der Bühne stand, ist das gar nicht so schwierig, wie ich an den verschiedensten Avancen in den letzten Jahren schon gemerkt habe.

Aber erstmal muss ich der Dehydrierung entgegenarbeiten. Bühnenarbeit ist gar nicht so mühelos, wie sie vielleicht aussieht.

Der Typ hinter der Theke hat einen perfekt gestylten schwarzen Iro und stellt mir wortlos eine Flasche Bier hin, obwohl ich noch gar nichts gesagt habe.

In der Ecke kann ich Jenne kichern sehen. Oje. „Äh, könnt ick vielleicht `ne Apfelsaftschorle haben?“

Der Typ dreht mir den Rücken zu, mischt irgendwas und hält mir dann ein großes Glas hin. Vorsichtig rieche ich daran. „Vielleicht eine ohne Hochprozentiges?“ Keine Ahnung was da drin ist, denn es riecht extrem nach Apfel, aber eben noch extremer nach Alk.

Die Trinkerjugendjungs machen ein ganz trauriges Gesicht, weil ihr toller Plan nicht aufgegangen ist. Fast tun sie mir leid.

Als Nächstes zapft der „Barkeeper“ ein Glas frisches Leitungswasser und stellt es mir hin. Anscheinend ist auch er in seiner Ehre gekränkt. Mir egal. Hauptsache kein Alk.

„Hey, Farin.“ Ein sehr junger Mann im Rockabilly-Style, spricht mich von der Seite an. „Ähm, also ... Hallo, ich bin Jacques.“

„Hi!“ Ich schüttle ihm die Hand und lehne mich rücklings gegen die Theke.

„Also, ähm, tut mir leid, dass ich dich hier so anquatsche, aber ...“ Er wirkt leicht aufgeregt, vielleicht ist er aber auch einfach nur unsicher. Irgendwie süß. Als wäre ich ein richtiger Star. Ich muss grinsen und er erwidert es, scheint sich ein wenig zu entspannen. „Also, ich wollte fragen, ob du vielleicht ein paar Tipps hast zum Thema Band.“

Ich weiß echt nicht, warum er ausgerechnet mich zum Spezialisten für Bands erkoren hat, aber er wirkt nett. Und ich mag seinen Cowboyhemd und die Tolle, steht ihm wirklich gut.

Mein Hirn muss erstmal umschalten von Auftritt und abwesendem Bela und Alkoholstreichen und ich mich auf diesen sehr lieben, schüchternen Typen einstellen. „Okay. ... Was willste denn wissen?“

„Also, ich würde gerne mit ein paar anderen eine Band gründen. Wir haben sogar schon einen Namen „The Waltons“.“ Er sieht sehr stolz aus.

„Cool. Hört sich gut an. Aber wie kann ich euch da helfen?“

„Na, du und Bela, ihr habt doch ein bisschen Erfahrung.“

„Ja, so `n bisschen. Aber wir ham uns halt alles selbst zusammen geschrammelt und eher so nach Instinkt, nee.“

„Das ist okay, wobei ich jetzt nicht direkt gegen kommerziellen Erfolg bin.“

„Wir auch nich, aber bis man den mal hat. Da is schon och `ne Menge Glück dabei. Was wollt ihr denn so spielen?“

„Cowpunk.“

Ich muss lachen, wirklich lauthals lachen. „Das klingt ja schon mal interessant.“

Nach einer Viertelstunde landen wir schließlich bei Elvis, Buddy Holly und den Beatles. Ich hab mich echt schon lange nicht mehr spontan so gut unterhalten, denn auf einmal ist es ein Uhr nachts und Bela taucht an meiner Seite auf.

„Na, ihr Beeden? Hallo, ich bin Bela“, stellt er sich Jacques vor.

„Ich weiß, wer du bist.“ Das nervöse Leuchten ist nun wieder in seinen Augen zurück und in seiner Körpersprache.

„Oh. Okay.“ Bela sieht mich überrascht an. Jacques wirkt wirklich wie ein aufgeregter Fan, was niedlich und seltsam ist.

„Ich find echt cool, was ihr macht. Also, ähm, dass eure Musik mit den Ärzten so außerhalb der Punk-Kategorie ist. Also, sowas will ich mit meiner Band auch machen.“

„Cool.“

„Cowpunk“, sag ich, weil ich weiß, dass das Bela genau so amüsieren wird wie mich und natürlich lacht er genauso herzhaft, klopft Jacques auf die Schulter, der nun richtig strahlt.

„Genial. Ey, ick würd echt gern noch was mit euch trinken, aber ick bin tierisch müde.“ Er sieht mich an. „Willste mit nach hinten kommen?“

Ich nicke leicht hypnotisiert von Belas Präsenz, obwohl ich eigentlich gerne noch mit Jacques weiter gequatscht hätte.

„Hey, war schön mit dir zu reden, Jacques. Allet Jute für deine Band. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder.“

„Ja, das wäre echt toll.“

Wir schleichen uns in den Schlafsaal, trauen uns nicht, das Licht anzumachen. Matzge und einige der, nun komatösen, Trinkerjungs pennen schon.

Es riecht fast schlimmer als draußen im Saal. Von wegen nicht trinken, hier reicht atmen. Die Anderen scheint das Ambiente nicht zu stören, so tief wie die pennen. Keine Ahnung, wie die das hinbekommen. Wahrscheinlich deswegen der viele Alkohol - als natürliches Desinfektionsmittel.

Ich gehe im anliegenden Klo Zähne putzen, um zumindest den Anschein von Hygiene aufrecht zu erhalten.

Auf dem Klo hangelt sich neben mir eine sehr dünne, durchsichtige Spinne von der Größe meiner Handfläche an ihrem seidenen Faden nach oben. Meiner reißt demnächst, wenn das hier so weiter geht. Vielleicht sollte ich einfach zu Hans nach draußen in den Bus klettern, aber aus den Augenwinkeln hab ich mitbekommen, dass er eine Frau aus dem Publikum abgeschleppt hat – zumindest sah es so aus. Das sollte Ulla wohl besser nicht wissen.

Bela taucht im Klo auf. „Kann ick deine Zahnbürste haben? Meine is draußen im Bus.“

„Wenn dich dit nich ekelt?“

„Wieso sollte es?“, kommt es ungerührt zurück und ich drücke sie ihm in die Hand.

In den Etagenbetten in der einen Ecke schnarchen die Trinkerjungs, auf der anderen Seite Matzge. Ich hab keine Ahnung, wie ich hier Schlaf finden soll.

Bela und ich legen uns in die untere Etage der Betten in der Mitte. Praktischerweise stehen hier zwei Stockbetten so zusammen, dass wir wirklich nebeneinander liegen.

Nah. Auf einmal ist er wieder so nah. Ich höre und spüre an den Vibrationen des Bettes, wie er sich hin und her wälzt.

Ich drehe mich zu ihm hinüber. „Kannste och nich pennen?“

„Zu wenig Alk“, kommt die gewisperte Antwort aus der Dunkelheit. „Voll doof.“

„Gab doch genuch.“

„Ja, aber ick wollt nich ... Wegen dir.“

„Wegen mir ...? Echt?“

„Ja, weil ... Is ja nich so schön, wenn du dit nich so magst und ich dann so krass nach Alk stinke.“

„Ähm, dit is ja echt lieb von dir, aber ... In Berlin verzichteste doch och nich darauf.“

„Na, aber da kannste ja immerhin abhauen in dein eigenes Bett. Tuste ja sowieso immer. Also, is es da egal.“

Ha. Interessante Sichtweise.

„Und jetz ausgerechnet in dieser Gruselkammer biste nüchtern geblieben?“

„Mhm. War vielleicht nich die schlauste Idee. Es is echt gruselig hier, oder?“

„Dit findeste doch ansonsten immer so super“, flüster ich zurück.

„Pfff. Sehr witzig. Ick find`s eher eklig. ... Außerdem - ick bin total rattig.“

Ich muss ein Lachen unterdrücken. „Vor Ekel, oder wat?“

„Soll ick lügen?“

„Dann hol dir halt auf`m Klo einen runter.“

„Sehr romantisch, Herr Urlaub!“

„Was willste denn sonst machen?“

Bela richtet sich neben mir auf. „Na, ick dachte so an `n bisschen rumknutschen und fummeln mit dir.“

Die letzten Male mit ihm waren ... verdammt gut. Aber so ganz hab ich mich noch nicht daran gewöhnt, dass wir – nun auch sowas machen.

Es kribbelt in mir, aber ich kann nicht sagen, ob es Lust oder die Angst ist, dass uns jemand erwischt, zum Beispiel Matzge.

Seine Haare streifen über meine Stirn, als er sich über mich beugt und das Kitzeln zieht durch meinen Bauch zwischen meine Beine, aber ... Das ist jetzt nicht sein Ernst, oder?

„Hier?“

„Warum nich?“

„Weil ... Muss ick dit echt erklären?“, flüster ich zurück. Anscheinend. Eigentlich weiß ich ja, dass Bela wenig Hemmungen kennt, wenn er betrunken ist, oder auf Drogen. Bei Geilheit scheint es das Gleiche zu sein. Hätte ich mir auch denken können.

„Also, mit all den Leuten hier. Die kenn uns ja och. Und außerdem ... ausgerechnet Matzge.“

„Findeste dit denn echt sooo schlimm mit Matzge?“

„Was meinste genau?“

„Na, das der halt so ... Vorlieben hat.“

„Sorry, aber ich check echt grad nich, von was du sprichst.“

„Hans meinte, dass du und er Schiß vor ihm haben.“

Oh. Ich hätte nicht gedacht, dass Hans sich Bela anvertraut mit sowas. Aber irgendwie ist das auch gut. Die beiden haben sonst nicht so den Draht zueinander und manchmal macht mir das Sorgen.

Wenn Bandmitglieder nicht miteinander klar kommen, kann das schnell das Aus sein für so eine Gruppe, die ja wirklich viel Zeit miteinander verbringt. Für mich fast wie eine Ersatzfamilie ist.

„Naja, er hat uns beide schon mal ganz schön angebaggert. Vielleicht hat er dit jemeint!“

„Oh! Wusst ick nich. Na, der mag halt Typen – ausschließlich Typen. Is doch nich so schlimm. Bist doch so `n kleener Spießer, wa?“ Selbst im Flüsterton kann ich die Provokation heraushören.

„Hey!“, entfährt es mir viel zu laut. Bela ist viel zu gut darin, mir seine beringten Finger in die Wunden zu legen.

„Pssst.“ Ich sehe sein Grinsen im Dämmerlicht.

Ich drücke ihn zurück auf seine Matratze, beuge mich langsam über ihn. „Dit würd dir gefallen, hm?“ Der Gedanke kribbelt nicht nur in meinen Gedanken, sondern auch über meine Haut, auf meinen Lippen.

Belas Atem streift über meine Wange. Er riecht heute nicht so sehr nach Alkohol und Rauch, sondern vor allem verschwitzt vom Konzert. Ich rutsche in meinem Schlafsack noch ein Stück näher an ihn heran.

Eine Hand in meinem Nacken und schon hat er mich zu sich hinüber gezogen. „Ick mag den Kick vielleicht erwischt zu werden“, raunt er in mein Ohr und ein fieser Schauer zieht durch meinen Bauch direkt in meinen Schwanz.

„Oh, fuck. ... Ey, du bist echt mein Untergang. Aber nich hier.“ Ich ziehe ihn durch die Hintertür hinaus in die laue Juninacht. Draußen ist es im Gegensatz zu drinnen ziemlich ruhig, nur in der Ferne hören wir das Rauschen der Autobahn. Hinter dem Schlachthof ist ein kleines Wäldchen. Dort reicht das Licht der Straßenlaternen nicht hinein.

Wir verschwinden in der Dunkelheit, sehen uns einen Moment im Dämmerlicht an. Bela streckt langsam seine Hand aus, fährt über meine Wange, über meinen Hals, meine Brust, meinen Bauch. Er hebt mein T-Shirt an und zieht es hoch, drängt mich an den Stamm eines großen Baumes, lässt mich fühlen wie sehr er das – mich? – will.

Seine Finger an den Knöpfen meiner Jeans. Mein Atem wird allein dadurch schon schneller. Er hält mir den Mund zu, nicht weil uns hier jemand hören könnte, sondern weil er wohl noch vor mir begriffen hat, wie sehr mich das anmacht. Ich schmecke das Metall seiner Ringe, fühle sie gleichzeitig an seiner anderen Hand, wie sie über meinen Schwanz streichen. Diese zusätzliche Stimulation ist so verdammt gut.

Er will vor mir in die Knie gehen, aber ich ziehe ihn wieder hoch, lenke ihn ab, küsse ihn.


Als wir uns zurück in diesen fürchterlichen Schlafsaal schleichen, bin ich zumindest wirklich müde. Bela öffnet seinen Schlafsack, dann meinen, legt ihn wie ein Laken auf die Matratze, breitet seinen über uns.

Bela kuschelt sich unter dem Schlafsack an mich. „Weeßte, dass ick dit echt schön find, einfach ma mit dir einschlafen zu können?“

Seine Worte ziehen so warm durch mich. Ich drehe mich zu ihm hinüber, fahre mit meinem Arm unter seinem Nacken durch und ziehe ihn an mich. Auf einmal sind wir doch wieder am Rumknutschen und es macht mich, obwohl ich so müde bin und ich immer noch Schiss hab, dass irgendjemand aufwacht, wieder geil, aber vor allem ist es schön – erschreckend schön.


*


Auf der Rückfahrt würde ich so gerne Müdigkeit vortäuschen, um mit Bela hinten liegen zu können, aber ich will den armen Sahnie nicht zu fünf Stunden mit Matzge verdonnern.

Immerhin könnte ich das ja alles auch zuhause haben. Schön doof, dass ich das dort nicht mehr auslebe, aber ... Irgendwas daran macht mir Angst.

Nach zwei Stunden ist Bela wieder wach. Ich höre ihn hinter meinem Sitz rumoren, spüre dann Hände in meinem Nacken, auf meinen Schultern. Bela massiert mit viel Druck und Gefühl und ich muss schnell ein Stöhnen unterdrücken, weil es sich so verdammt gut anfühlt.

„Mensch, sind Sie verspannt, Herr Senheimer.“ Er beugt sich über den Sitz noch ein Stück näher zu mir, flüstert mir ins Ohr. „Weißte noch, damals nachts auf der Rückfahrt von Braunschweig.“

Ich bin heilfroh, dass der dröhnende Motor des Busses seine Worte vermutlich verschluckt hat. Vorsichtig rutsche ich in meinem Sitz ein Stück nach unten und stütze meine Knie gegen die Ablage, um meine „Erinnerung“ zu verbergen.

Seine Hände sind jetzt mehr ein liebevolles Streicheln, dass von außen vielleicht gedankenlos wirkt, aber ich kann spüren wie viel Gefühl er in jede seiner Berührungen hinein legt und es zieht so warm durch mich.

Vielleicht sollte ich die Gelegenheiten in der WG wirklich mehr auskosten. Bela hat mich ja oft genug eingeladen.




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LYRICS

The Clash - Should I stay or should I go?

UK Subs - Primary Strength

Markus - Ich will Spaß

S.Y.P.H. - Unreif für die Zukunft

Die Mimmis - Seemann

Deutsche Trinkerjugend - Das schäumende Bier

Die Toten Hosen - Die Armee der Verlierer

Die Mimmis - Mein privater Rockstar

Iggy Pop – Beside you



ADDITIONAL SONGS & VIDEOS

DTH - Die Armee der Verlierer mit Interview

die ärzte covern / teasern beim Soundcheck: Die Toten Hosen – Armee der Verlierer

die ärzte bei Die Toten Hosen - die Armee der Verlierer

Formel 1, 1988 - die ärzte - Interview & Radio brennt

Formel 1, 1985 - die ärzte - zu spät



INFOS

Tip Berlin - Eine Berliner Legende: Das Risiko von Hagen Liebing

Reflektor podcast mit Bela B - Matzge ab 33:33

Wikipedia Film "Ich will Spaß"

ZK Homepage

Wikipedia - Die Mimmis


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