Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

* Teenagers in Love *

von windmills
Kurzbeschreibung
SongficSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Div
Dirk "Bela B." Felsenheimer Jan "Farin Urlaub" Vetter
03.02.2022
01.07.2022
27
167.766
16
Alle Kapitel
98 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
23.06.2022 7.884
 
*






* Teenagers in Love *




Lieder und Bilder farbig unterlegt im Kapitel.
Weiterführende Links am Ende.



1983 - Working Class





1. Juni - Niebuhrstraße 38b, Charlottenburg  

Wir fallen zur Tür der WG rein. Ich muss mich kurz am Türrahmen festhalten, weil mir ein bisschen schwindelig ist.

„Allet klar, Bela?“

„Ähm, ja.“

„Du siehst ...“

„`n bisschen blass aus?“

„Nee. Eher dit Gegenteil. Ziemlich rot. Also – für deine Verhältnisse.“

„Wahrscheinlich zu viel Sonne heut. Dit is mein edler Marmorkörper nich gewohnt. Ick mein, dit war schon cool im Freibad - oder eher hot.“ Ich bedenk Farin mit einem langen Blick und nachdem er diesem kurz ausweicht, legt sich ein Schmunzeln auf seinen breiten Mund.

Mein Herzschlag beschleunigt sich, aber leider klopft der Puls nun auch stärker in meinem Schädel. „Hab `n bisschen Kopfweh.“

Mit einem Schritt steht er vor mir, legt seine Hand an meine Stirn. „Mhm. Vielleicht kalte Umschläge oder so. Nochmal krank sein muss ja grad echt nich sein, wa?“ Er geht ins Bad und macht ein Handtuch nass, wringt es aus und hält es mir entgegen.

Ich halt es mir an die Stirn. Mhm. Gut! „Auf keen Fall. Ick muss morgen auf`s Ramones-Konzert.“

„Oh. Ist das schon morgen? Ick ... hab gar keene Kohle für die Karte.“

Siedendheiß fällt mir ein, dass mir auch 20 Tacken fehlen, da ich gestern noch `n bisschen Stoff und tätsächlich sogar ein paar sogenannte Lebensmittel eingekauft hab. Noch eine Kopfwehwelle. Aber ich muss unbedingt, u-n-b-e-d-i-n-g-t auf dieses Konzert. „Meinste, wir könn morgen noch `n Job finden mit diesem Studi-Dings?“

„Jobbörse? Mhmmm, ja könnte klappen. Aber dann müssen wir da morgen um sechs Uhr auf der Matte stehen. Biste denn fit genuch für sowat?“

„Sechs?“ Mein Kopfweh pocht extrem begeistert auf. „Na, dann geh ick wohl gleich ma pennen, wa? Hoffentlich kann ick überhaupt schlafen. Dit bringt mein ganzen Biorhythmus durcheinander.“

Ich hör ein leicht sarkastisches Schnauben hinter meinem Rücken, dann legt sich eine Hand auf meine Schulter. Ich dreh mich um und hab auf einmal Jans lange Arme um mich geschlungen.

„Sorry.“ Er küsst mich auf meine heiße Stirn und lässt mich leider schon wieder los. „Schlaf gut.“

Mhm. Ungewohnt. Und schön. Vielleicht wäre sogar heut ausnahmsweise hier in der WG noch mehr gegangen mit ihm ... Aber leider fühl ich mich sehr unpässlich und mein pochender Schädel will grad nicht flirten und Grenzen ausloten. Scheiß Sonne.  

Und schlafen kann ich trotzdem nicht. Es ist gerade mal neun Uhr abends. Normalerweise mach ich mich um die Uhrzeit grad mal fertig für meine nächtlichen Erkundungen.

Ich wälz mich von einer Seite zur anderen, hol mir einen runter, bin dabei nicht besonders leise, kann er ruhig mitkriegen, denk dabei an die Kabine im Freibad, an Farins Finger, sein Stöhnen. Es ist nicht ganz so gut wie mit ihm und das Kopfweh wird kurz sogar noch stärker, aber allein die Erinnerung daran ... Pennen kann ich danach aber immer noch nicht. Dafür hat sich das Kopfweh etwas entspannt. Interessantes Hausmittel.

Schließlich lös ich das Schlafproblem mit zwei Benzos.

Gute Nacht.



2. Juni - Jobbörse TU, Charlottenburg

Es sind mit unseren Rädern nur 10 Minuten bis zur Uni.

Trotzdem übel.

Richtig übel um so eine Uhrzeit aufstehen zu müssen. Wird das schlimmer oder besser, wenn man das regelmässig machen muss?

Zum Glück scheint die Sekretärin in der Jobbörse selber noch halb zu pennen, als sie einen Blick auf meinen - mehr schlecht als recht gefälschten – Studi-Ausweis wirft. Dirk Felsenheimer studiert Mathe im 5. Semester. Nicht schlecht, oder?

„In der Kindl Brauerei hätt ick noch was für Sie beede.“ Was für eine Ironie. Für Farin noch mehr. „Da müssen Se sich jetz aber beeilen, um rüber nach Neukölln zu kommen. Schichtstart ist da um Punkt sieben.“

Wir radeln wie die Wilden durch den Berufsverkehr, der ungesünder ist als eine Nacht im Dschungel und mehr mieft als die Kellerlöcher, in denen wir proben.



Kindl Brauerei, Neukölln

Ein rotgesichtiger Typ mit Alkoholikerzinken im Gesicht weist uns am Fließband ein.

„Wenn sich da wat verklemmt, dann seid a jefracht, Jungs. Un wenn ihr `ne Flasche ohne Etikett seht – sofort rausnehmen. Und die packt er dann schön uf die Seite und nich in eure Rucksäcke. Haben die Herren Studenten allet verstanden?“

„Sehr wohl, Herr Brauereiaufseher.“ Farin hebt halb seinen Arm, scheint dann den Impuls zu unterdrücken ironisch zu salutieren. Der Typ blickt uns misstrauisch an, wedelt uns dann genervt auf unsere Positionen am Fließband. Wir grinsen uns an.

Leider ist der Spaß danach vorbei. Die Arbeit ist mehr als fies. Stundenlohn 4 Mark 23 Pfennig. Die Minuten schleppen sich zäh - endlos – e-w-i-g - während das Fließband munter an uns vorbei rattert.

Nach zwei Stunden schmeiß ich mir während `ner Pinkelpause `nen Trip. Danach ist es zumindest visuell viel interessanter anzusehen wie diese Hektoliter „Berlin Kindl“ Bier in braunen Flaschen an mir vorbei klirren. Leider verstärkt der Trip aber auch den infernalischen Lärm hier in der Produktonshalle. Das ist wie fünf Punkkonzerte gleichzeitig.

Außerdem hypnotisiert mich der ständige Fluß der Flaschen so, dass ich nicht immer sofort mitbekomme, wenn sich was verklemmt. Vermutlich macht Jan, der versetzt zu mir auf der anderen Seite des Fließbands steht, die Arbeit für uns beide.

Ein paar Mal wirft er mir einen prüfenden Blick zu. In einer der kurzen Pausen zieht er mich von den anderen Arbeiter*innen weg. „Hey. Allet okay mit dir?“

„Joah. ... Wieso?“

„Deine Augen sind so ... Ick weeß nich. Is dit noch der Sonnenstich von gestern?“

„Nee, nee. Allet jut. Also, nich, dass ick die Arbeit jetz speziell jut find, aber ... Bin bloß müde. War viel zu früh.“

Er nickt, wirft mir einen letzten – und wie ich finde, leicht skeptischen – Blick zu, aber vielleicht ist das auch nur die leichte Trip-Paranoia, die ich inzwischen viel zu gut kenne und deswegen nicht mehr so ernst nehme.



Tempodrom, Kreuzberg

Das Ramones-Konzert ist der absolute Hammer. Meine Heroes auf der Bühne. Ich will sie gleichzeitig anstaunen und total abgehen. Die Zirkuszeltatmosphäre direkt vor der Mauer tut ihr übriges.

Es ist so verdammt schade, dass Jan nicht dabei ist. Er fand die fast 30 Mark Eintritt dann doch zu teuer. Dabei wäre es so cool gewesen mit ihm hier voll durchzudrehen.

Oder war er sauer wegen meiner Unfähigkeit am Band? Gesagt hat er nichts. Hmmm ... Na, ich hab keinen Bock mir das Konzert mit schlechten Gedanken zu vermiesen.
Zum Glück ist mein Freund Eddie dabei. Außerdem treffen wir ständig Bekannte. Schließlich sind wir eine Gruppe von fast 20 Leuten, die tierisch vor der Bühne abgeht.

Ich poge meinen ganzen Frust über den nervigen Arbeitstag raus. Am Ende des Konzerts hänge ich nur noch in der Ecke. Was für eine fatale Mischung aus frühem Aufstehen, Arbeit und die zu vielen Sonnenstrahlen. Die waren gar nicht gut für einen kleinen Vampir wie mich.

Gitti sieht mich fast besorgt an, will mir noch ein Näschen Zauberpulver mit auf den Heimweg geben, aber ich winke ab. Langfristig sollte ich mal ein bisschen langsamer treten in dieser Richtung.

Kurzfristig wäre es wohl dennoch hilfreich gewesen. Ich schlepp mich mit allerletzter Kraft in die Niebuhrstraße. Mein Kreislauf macht immer wieder schlapp. Die Nacht und die Straßenlaternen mit ihr drehen sich um mich.

Meine Finger zittern, als ich die Wohnungstür aufsperre. Ich muss echt anfangen gesünder zu leben, mehr essen, mehr schlafen ...

Die Tür klappt auf, durch, wieder zu, dann ....



S-Bahnstation Frohnau

„Jaaan!“

Eine Stimme, die mir bekannt vorkommt, die ich aber nicht sofort zuordnen kann. Ich blicke mich auf dem Bahnsteig des S-Bahnhof Frohnau um.

„Na, wie geht es dir denn?“

Zwei Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen – seitdem ich das Abitur in der Tasche habe. Es ist schon seltsam wie sehr Lehrer*innen Teil des Alltags sind in unserer Schulzeit und dann sind sie auf einmal weg.

Frau Mayröcker scheint ein wenig kleiner geworden zu sein. Oder bin ich gewachsen?

„Jut, Frau Mayröcker:“ Ich setze ein entsprechend fröhliches Lächeln auf. Fällt mir nicht schwer.

Ich hatte sie die letzten zwei Schuljahre im Deutsch-Leistungskurs und sie war mir die liebste Lehrerin während meiner ganzen Schullaufbahn. Obwohl sie kurz vor ihrer Pensionierung stand, hat sie am leidenschaftlichsten unterrichtet. Bei ihr war es immer fesselnd und faszinierend mit den Texten, die sie für uns herausgesucht hat und die wir dann in wilden Diskussionen und Interpretationen zerpflückt und analysiert haben. Und - sie hat uns ernst genommen.

„Na, das freut mich. Was machst du denn jetzt?“

„Ick ... Also, ick ... Ick mach vor allem Musik und spiel in einer Punk-Band.“

„Ach ja, das war ja immer ein großes Thema bei dir. Deine Mutter hat mir erzählt, dass du außerdem Archäologie studierst an der TU?“

„Ja. ... Also, dit hab ick ma `ne Zeit lang versucht, aber ... Dit war aber leider nüscht für mich.“

„Zu viel Herumgesitze, hm?“

Ich nicke dankbar, dass sie versteht. „Und wie geht es Ihnen jetzt seitdem Sie nicht mehr arbeiten müssen?“ Für mich hört sich das gerade nach dem absoluten Traum an.

„Ach ...“ Sie seufzt. „Weißt du, wenn man sein ganzes Leben entlang des Berufes ausgerichtet hat, dann ... Es ist gar nicht so einfach auf einmal ...“ Schlagartig wirkt sie viel älter, gebrechlicher, als ich sie je gesehen habe.

„Aber jetzt können Se doch machen, was immer Sie wollen.“

„Na, ich wollte unterrichten. Aber das ....“ Sie wischt ihre Bemerkung mit einem tapferen Lächeln zur Seite.

„Haben Sie denn gar keene anderen Träume, die Se verwirklichen woll`n?“ Ich hoffe, ich bin nicht zu grenzüberschreitend mit dieser Frage an die alte Dame.

Sie lächelt - zum Glück. Ihre Miene wird leichter. „Doch. ... Eigentlich wollte ich immer reisen, doch jetzt, wo ich es könnte ... Das hört sich für dich wahrscheinlich lächerlich an, du warst ja immer unterwegs, aber ... ich trau mich nicht so richtig.“ Ihr tapferes Lächeln wirkt nun wehmütig.

Am liebsten würde ich sie in den Arm nehmen.

„Also, wenn ich dir eins raten kann, Jan, dann lass es nie so weit kommen, dass du das, was dir wichtig ist immer hinten anstellst.“

„Danke für den Ratschlag.“ Der ist echt gut gemeint. Ich wünschte, er würde mir helfen, aber ich habe ja eher das umgekehrte Problem. „Ähm, was ... Was würden Sie mir denn raten, wenn ick nich weiß, was ick beruflich machen soll?“

Sie sieht mich an, überlegt – lange. „Eigentlich das Gleiche. Versuch das zu machen, was dir wirklich am Herzen liegt. Anscheinend ist das ja Musik, wobei du auch immer sehr interessante Texte im LK geschrieben hast.“

Ihr Lob und ihr Verständnis lässt warmes, leichtes Glück durch mich tanzen. Außerdem Musik und Texte schließen sich ja nicht aus, sondern ergänzen einander perfekt. Vielleicht mache ich ja doch alles richtig. Und trotzdem zweifle ich, fühle mich wie der letzte Verlierer, der den Schuß nicht gehört hat.



Senheimer Str. 44, Frohnau

Julia und ich liegen im Garten unter dem großen Kastanienbaum. Der typische Geruch dieser Blüten hat meine halbe Kindheit begleitet. Das waren die schönen Seiten am Leben hier in Frohnau. Leider ist er schon verblüht und langsam bilden sich grüne, stachlige Kugeln.

Am liebsten mag ich es hier, wenn ich weiß, dass Gerd - und gerade auch Muttern – nicht da sind, wir das Haus einfach für uns haben. Gerade hängen die beiden wohl in endlosen Lehrkonferenzen für die Zeugnisse und das neue Schuljahr fest. Um so besser ...

Wir liegen in der Hängematte, die zu zweit langsam etwas klein wird, da Julia so einen Sprung gemacht hat in den letzten Wochen. Es ist schlimm zu sehen, wie ihr Körper sich in die Pubertät zu stürzen scheint. Sogar ihr Gesicht hat sich verändert. Ich will es so gerne aufhalten, will das sie noch länger Kind sein kann, darf.

Sie dagegen scheint es sehr aufregend zu finden. Und es ist ja nicht nur der Körper. Ab und zu taucht seit Neuestem ein Thomas in ihren Erzählungen auf. Ich komm mir fast spießig vor, wie sehr ich will, dass alles beim Alten bleibt.

Sooo lang ist das bei mir auch noch nicht her, obwohl es weit weg scheint. Dieser neue Lebensabschnitt kann einfach auch so verdammt schmerzhaft sein mit den ganzen Unsicherheiten, den unerwiderten Lieben und den zu langen Armen und Beinen und Emotionen, denen es ähnlich zu gehen scheint plus einem Hirn, das über alles, wirklich alles, tausend Mal nachdenken will.

Bei mir war es außerdem körperlich schmerzhaft. Alle Knochen haben mir während meines Wachstumsschubs weh getan, so dass ich manchmal nachts nicht schlafen konnte und mich dann total gerädert in die Schule geschleppt habe.

„Kannst du mir „Die unendliche Geschichte“ vorlesen?“ Sie hat das Buch wohl in meinem Rucksack gesehen.

„Klar.“ Ohne sie hätte ich nie den Film gesehen oder das Buch gelesen. Fantasy ist eigentlich nicht so mein Fall. Aber die Geschichte ist unglaublich spannend geschrieben in ihrer Poesie und die durch wundersame Welten verklausulierten Philosophie.

Ich angle das Buch aus meinem Rucksack heraus und purzel bei dem Versuch fast aus der Hängematte.

„Antiquariat Inhaber: Karl Konrad Koreander.
„Diese Inschrift stand auf der Glastür eines kleinen Ladens, aber so sah sie natürlich nur aus, wenn man vom Inneren des dämmerigen Raumes durch die Scheibe auf die Straße hinausblickte.“

Ich lese eine Stunde am Stück und wir versinken beide in der Welt der unendlichen Geschichte.

„Wer niemals ganze Nachmittage lang mit glühenden Ohren und verstrubbeltem Haar über einem Buch saß und las und las und die Welt um sich her vergaß, nicht mehr merkte, daß er hungrig wurde oder fror,

wer niemals heimlich beim Schein einer Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen hat, weil Vater oder Mutter oder sonst irgendeine besorgte Person einem das Licht ausknipste mit der gutgemeinten Begründung, man müsse jetzt schlafen, da man doch morgen so früh aus den Federn sollte,

wer niemals offen oder im geheimen bitterliche Tränen vergossen hat, weil eine wunderbare Geschichte zu Ende ging und man Abschied nehmen mußte von den Gestalten, mit denen man gemeinsam so viele Abenteuer erlebt hatte, die man liebte und bewunderte, um die man gebangt und für die man gehofft hatte, und ohne deren Gesellschaft einem das Leben leer und sinnlos schien,

Wer nichts von alledem aus eigener Erfahrung kennt, nun, der wird wahrscheinlich nicht begreifen können, was Bastian jetzt tat."


Ich schlucke. Die Zeilen berühren mich tief. Ich kenne die Magie von Büchern und den Trost des Lesens viel zu gut. Es ging so weit, dass ich mir in den ganzen einsamen Stunden meiner Kindheit das Lesen selbst beigebracht habe, einfach um Gesellschaft zu haben, in die Welt der Geschichten entfliehen zu können. Dort war immer etwas los.  

Eine kleine, schmale Hand auf meiner Großen. Ich schlucke nochmal und lese dann weiter. Nach zwei Kapiteln stolpere ich über einen Satz, der mir schwer über die Lippen kommt.

„Manchmal fragen wir uns, warum Fantasie stirbt? Weil Hoffnungen in Menschen sterben und sie manchmal sogar ihre Träume vergessen.“

Damit hat mich Michael Ende nun endgültig erwischt. Ich lege schnell das Buch zur Seite. „Bin gleich wieder da.“ Ich tue so, als würde ich auf`s Klo gehen mit Spülen und Händewaschen und allem drum dran, dabei will ich nur die roten Augen vertuschen, will der große, starke Bruder für Julchen bleiben. Dafür muss ich aber erstmal meine Fassung wieder gewinnen.

Ich weiß echt nicht, was mit mir los ist seit Neuestem. Normalerweise bin ich emotional echt nicht instabil.

Ich gehe in die Küche, in der mir jeder Handgriff noch so vertraut ist. Am Vormittag waren wir im Wald ein paar Straßen weiter spazieren und haben Waldmeister gepflückt und so versuche ich mich an einer Art Waldmeisterlimonade.

„Dit sieht ja cool aus“, kommt der begeisterte Kommentar, als ich die Kanne nach draußen trage.

„Ick hoff ma, dit is och so lecker wie et aussieht.“

Wir setzen uns auf eine Decke unter dem Baum. „Ähm, sach ma, Julia: Was willst `n du eigentlich später ma werden?“

Sie verschluckt sich fast an ihrer Limonade, sieht mich dann entgeistert an. „Ick dachte, du hasst diese Frage?“

„Tu ick och – irgendwie. Aber ... Ick – ick weeß einfach grad nich so richtig ...“ Wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin, weiß ich gerade wirklich gar nichts. Nicht, was ich beruflich machen will, nicht wie ich Geld verdienen soll, nicht was das mit Bela und mir ist.

„Weißte eigentlich, dass sich Mama echt Sorgen um dich macht.“

„Oh.“ Das trifft mich wirklich unvorbereitet. Ich weiß, dass sie sauer ist, aber Sorgen? Helfen tut diese Erkenntnis allerdings auch nicht. Im Gegenteil. „Und ... was willste denn jetz ma werden?“

„Lehrerin.“

„Nee, ne? Echt jetz?“

Julia bekommt einen genervten Zug und auf einmal wirkt sie wirklich wie ein Teenager. „Warum denn nich?“

„Na, weil ... Da kommste ja dein janzes Leben nich mehr raus aus der Penne.“

Sie rollt mit den Augen. „Und weil Gerd Lehrer is, wa?“ Sie hat mich mal wieder durchschaut.

„Naja, schon irgendwie.“

„Na, und? Der Beruf hat doch nüscht damit zu tun, dass Gerd `n Arschloch is.“

Ich will ihr schon sagen, dass sie nicht solche Schimpfworte benutzen soll, aber dann schlucke ich den Tadel runter. Er ist ein Arschloch. Es gibt kein gefälligeres Wort für ihn. Und ich bin froh, dass sie ihn so messerscharf durchblickt, aber mir tut es auch leid. Schließlich ist er ihr Vater. Einen anderen gibt es nicht.

„Mama ist auch Lehrerin und die macht dit echt jut, sagen Thomas und Miriam.“

„Mhmm. Okay. ... Und hätteste och `ne Alternative?“

„Vielleicht Tierärztin.“

„Na, dit is doch ma wat.“

„Und du?“

Ich seufze, zucke die Schultern. „Wahrscheinlich halt die Musik ... denk ick.“ Ich höre die Haustür zu fallen. Schnell springe ich auf. „Oh. Ick glaub, ick sollte ma los. Aber ick komm nächste Woche wieder vorbei. Dann könn wir weiter lesen.“ Ich küsse sie auf den Kopf. „Und pssst. Nich sagen, dass ick hier war, ja?“

Sie nickt. Wir beide sind echt eine verschworene Geschwisterbande. „Mach`s jut, Schwesterchen.“

„Mach et besser.“

„Werd ick versuchen.“

Schnell ducke ich mich hinter die Hecke und schleiche mich auf dem Gartenweg unter dem Fensterbrett der Küche vorbei auf die Straße.



Turmstraße, Moabit

Es ist fast der längste Tag des Jahres. Die Sonne geht erst gegen 21:30 Uhr unter. Ich bin zu Ecky gefahren, da ich den Typ schon viel zu lange nicht mehr gesehen habe. Nicole hat mal wieder eine Nachtschicht.

Mauersegler schießen mit ihrem langgezogenen „WuiiiiiiiiiiI“ immer wieder am Balkon vorbei, auf dem wir in den letzten Strahlen der Abendsonne sitzen. Was für Flugkünstler. Sie wirken so leicht und frei ...

Eigentlich ist Berlin schon auch ganz geil im Sommer, aber wie ein Instinkt aktiviert sich um diese Jahreszeit mein konditioniertes Reise-Gen. Ecky und ich sind einfach immer in den Sommerferien weggefahren - seit wir neun sind und zum ersten Mal mit den Falken unterwegs waren.

„Tut mir echt leid, dass das wieder nichts wird mit einer Reise diesen Sommer.“ Ecky seufzt.

Ich unterdrücke einen ähnlichen Seufzer, der in mir aufsteigt, will nicht, dass er sich noch schlechter fühlt. „Tja, kann man nüscht machen. Aber wär schon schön gewesen mit dir unterwegs zu sein, mit der Fähre durch die griechische Inselwelt zu gurken. Türkei und Ägypten standen ja auch zur Debatte. Die wären sogar wat Neues gewesen.“

„Ich weiß. Tut mir echt leid.“

Anscheinend hab ich meine Enttäuschung nicht wirklich gut vertuscht, aber die Reisen mit Ecky sind bei mir in der Kategorie „heilig“ angesiedelt.

„Wenn ich der Professorin absage, dann kann ich die potentielle Unilaufbahn vergessen.“

„Aber ich dachte, du wolltest lieber mehr praktische Sachen in der Botanik machen.“

„Ja, schon, aber Feldforschung ist ja auch irgendwie praktisch. Ich würd mir einfach gerne diese Tür in die akademische Laufbahn offen halten.“

Ich halte die Luft an und nicke brav. Für mich ist die Uni ein Planet voller Ausserirdischer mit eigener Sprachen und Regeln, von denen ich kein Teil sein will.

Der Sommer kribbelt in mir, zieht mich weg aus dem ummauerten West-Berlin. Meine Hände wollen meinen Rucksack packen, meine Füße wollen zur Avus laufen und meine Daumen möchte dort ganz dringend Autos anhalten. Es ist auch fast egal, wohin die fahren würden. Hauptsache Richtung Süden.  

Felices Gesicht taucht vor meinem inneren Auge auf. Wir schreiben uns sporadisch, aber auf meinen letzten Brief, ob sie im August Zeit hat, ob sie Lust hat, dass ich sie in Neapel besuche, habe ich noch keine Antwort bekommen.

„Hast du denn niemand anderen, mit dem du los kannst?“

Ich schüttel den Kopf. Ecky ist einfach der beste Reisekompagnon, wir das perfekt eingespielte Team in Bezug auf Interessen, Tagesrhythmen, Entbehrungen, Nähe-Distanz. Wir ticken da sehr ähnlich, alles läuft einfach unausgesprochen.

„Was ist denn mit Bela?“

„Äh ... Was soll mit dem sein?“

„Alles okay bei euch?“

„Äh ... Ja. ... Schon.“

„Okay. ... Wirklich?“

Ich hole tief Luft, bekomme Angst vor dem, was mein Mund als nächstes sagen könnte. „Ick weeß nich. Es ist gerade so ... Es is irgendwie so `n bisschen kompliziert geworden, weil ...“ Ich breche ab, seufze leise. Seufze nochmal.

„Komm, spuck`s aus.“ Er sagt es ganz ruhig, aber es ist auch ein stiller Befehl.

„Also, es ist kompliziert, weil ... Ick ...“ Ich hole tief Luft und stoße es in einem schnellen, monotonen Satz raus. „Ickglaub, ickhabmichinBelaverknallt.“ Ich warte, dass die Sonne explodiert, die Welt vor dem Balkon in rauchenden Trümmern versinkt, warte auf ein geschocktes Einatmen von Ecky, aber es fliegt einfach nur ein weiterer Mauersegler am Balkon vorbei.

Ecky hat das telepathische Feingefühl mich nicht direkt anzusehen und ich bin ihm wirklich dankbar dafür. „Das hat ich mir schon so ein bisschen gedacht“, sagt er schließlich.

„Oh! ... Echt?“

„Naja, an Silvester ... Das war nicht so subtil, wie ihr da beide im dunklen Treppenhaus beieinander standet.“

„Oje.“

„Das ist doch nicht schlimm. Vor allem, da es ja anscheinend auf Gegenseitigkeit beruht.“ Er sieht mich kurz, aber prüfend an. „Das tut es doch, oder?“

„Wenn ich das wüßte.“

„Vielleicht wäre es gut, wenn du ihn fragst?“, schlägt Ecky ganz vorsichtig vor.

Alle Muskeln in meinem Körper spannen sich gleichzeitig an. „Das ... das geht nicht.“

„Warum denn nicht?“

„Wenn es für ihn etwas anderes ist, dann ... Du kennst ihn doch auch ein bisschen. Der ist immer für alles zu haben, was Abenteuer und Spaß verspricht. Und vielleicht ... bin ja gerade ich das.“

„Meinst du?“

„Kann durchaus sein. Und wenn dit so is, dann ... Ick will`s lieber gar nich wissen. Einmal Herz gebrochen reicht für ein Leben.“ Ich sehe so lange in die, hinter den Bäumen versinkende, Sonne bis es weh tut, nur noch grüne und rote Lichtflecke vor meinen Augen tanzen. „Dit is echt zu gefährlich. Wenn ich für ihn nur `ne weitere Affäre oder so bin, dann ...“

„Mensch, Jan. Liebe endet nicht immer im Desaster.“

„Sagst du mit deiner ... Wie lang bist du mit Nicole nun schon zusammen?“

„Dreieinhalb Jahre.“

„Also darfst du gar nich mitreden.“

„Hey! Ich bin hier nicht dein Feind, okay? Ich will das es dir gut geht. “

Ich reibe mir über das Gesicht. Die Lichtflecken werden weniger. „Entschuldige. Ich bin so `n bisschen dünnhäutig mit dem ganzen Thema - seit dem mit Bine. Und Bela ... ist mir noch viel wichtiger als die. Wir wohnen zusammen, wir sind Freunde, wir haben `ne Band zusammen. Was wenn er nich so stark fühlt wie icke? Dit wär so `n Ungleichgewicht. Alles - WG, Band, Freundschaft – dit würd dann alles einfach kippen und mit kaputt gehen.“

„Mhm.“

„Siehste. Da fällt dir och nüscht zu ein.“

„Ich versteh schon, was du mit kompliziert meinst.“

„Außerdem ... Mann, dit is `n Typ.“

„Ja, und?“

Ich roll mit den Augen, fühl mich nicht verstanden. „Dit würd Bela wahrscheinlich och sagen.“

„Und er hat recht.“

„Du weißt doch gar nich, wie sich dit anfühlt, wenn sich auf einmal so Vorstellungen über dich selbst so grundlegend verändern.“

„... Okay. Weiß ich tatsächlich nicht.“

„Vor Bela hab ich nie so an Männer gedacht ...“

„Es ist also nicht nur Bela, oder? Ich ...“ Er sieht mich vorsichtig von der Seite an. „Ich erinner mich noch an den Punk in Venedig.“

„Gianni?“

„Ja, genau.“

„Ick weiß es nich. Ick weiß es einfach nich. Und dit fühlt sich überhaupt nich jut an.“

„Aber was ist denn so schlimm daran, dass du Jungs magst?“

„Ich mag ja nich nur Jungs.“

„Bela auch, oder?“

Ich nicke. Dieses Gespräch fühlt sich an, als würde ich auf einer Bombe mit einem runterzählenden Zeitzünder sitzen. „Aber dit macht es och nich unkomplizierter. Rat mal wie toll dit is, dass ick mir überlegen muss, ob ick auf der Straße Belas Hand nehmen kann.“

„Oh.“

„Ja – oh!“ Es klingt grimmiger, als ich es meine. Aber ich hab mir einfach viele Gedanken gemacht in den letzten Tagen, Wochen – Monaten.



Niebuhrstr. 38 b, Charlottenburg

Es ist spät geworden bei Ecky und ich bin müde und erschöpft und will einfach nur in mein Bett. Ich drücke die Klinke unserer Wohnungstür nach unten, aber sie schwingt seltsamerweise nur ein paar Zentimeter auf. Etwas drückt von innen dagegen.

Ich quetsche mich seitwärts duch den schmalen Schlitz, um zu checken, was sie blockiert, erspähe einen Schopf schwarzer Haare auf dem Boden.  

Mein Herz setzt aus, rattert dann los wie eine Tätowiermaschine, die SOS tackert. Es gibt kein Wort für die Angst, die mich überfällt wie ein Herzinfarkt.

Ich kämpfe gegen meinen ersten Impuls die Tür mit Gewalt aufzudrücken. Stattdessen presse ich meinen dünnen Oberkörper durch den Spalt.

Belas Fuß stoppt die Tür. Er liegt mit dem Gesicht nach unten mitten im Flur.
Vorsichtig gehe ich in die Knie. Fuck, fuck, fuck. Ich trau mich fast nicht ihn anzufassen vor Angst, dass er leblos und kalt sein könnte. Schließlich bekomme ich die Schnalle seines Schuhs zu greifen und ziehe sein Bein mühsam Zentimeter für Zentimeter zur Seite.

Endlich kann ich ganz durch die Tür schlüpfen. Ich beuge mich über ihn, drehe ihn behutsam um, was gar nicht so leicht ist. Sein Körper fühlt sich leblos an, viel zu schwer für so eine schmale Gestalt. Sein Gesicht ist bleich mit einem ungesunden blauem Unterton.

Langsam strecke ich meine Hand aus. Meine Finger zittern, als ich an seinem Hals nach dem Puls taste. Seine Haut ist kühl, aber nicht kalt. Ich halte meinen Handrücken vor seine Nase, spüre einen Luftzug. Er atmet. Oh, mein Gott. Ich falle neben ihm auf die Knie, die mich auf einmal nicht mehr halten wollen. Muss ich trotzdem einen Krankenwagen holen?

Es dauert ein paar lange, lange Sekunden bis mein Zittern nachlässt. Ich ziehe mich an der Küchentür hoch und stolpere ins Bad, mache ein Handtuch nass und fahre ihm vorsichtig damit über das Gesicht.

„Iiiiiihhh!“ Bela versucht mit unkoordinierten Bewegungen den Lappen aus seinem Gesicht zu schieben.

Mir wird ganz schwach und ich falle schwer vor Erleichterung neben ihm auf den Boden.

„Pfuiiii! ...“ Sein Blick fokussiert sich langsam auf mich. „Jan? Wieso machst`n du sowas?“ Er klingt benommen – und echt angepisst.

Ich fang haltlos an zu lachen, dann laufen mir auf einmal Tränen über die Wangen. Ich ziehe ihn hoch, in meine Arme, drück ihm wahrscheinlich die Luft ab mit meiner Umarmung.

„Was ... war denn los um Himmels willen? Zu viel Drogen?“

„... Öhm ...“ Er sieht mich ratlos an. Langsam scheint dann doch die Erinnerung zurück zu kommen. „... Äh, nö. Zu wenig.“

„Was?“

„Ick hab nüscht gezogen und dit fand mein Kreislauf wohl nich so jut.“

Diese Nacht krieche zu ihm ins Bett. Ich muss einfach aus nächster Nähe fühlen können wie sein Herz klopft, spüren, dass er lebendig ist.



4. Juni - ICC, Westend

Geld. Immer und immer wieder dieses verdammte Kohleproblem.

Die Betriebskostenabrechnung ist viel höher, als erwartet und stimmt meines Erachtens auch nicht. Resigniert werfe ich den Wisch auf den Küchentisch. Ich hoffe wirklich, dass sich Belas Mutter um dieses Problem kümmern kann. Aber erstmal müssen wir die 250 Mark natürlich trotzdem zahlen. Und das Geld für den Monat ist schon wieder weg.

Auf Reisen kann ich diesen „Ständig-ist-das-Geld-knapp“-Alptraum eigentlich ganz gut ab. Vielleicht weil das Freiheitsgefühl des Unterwegs sein alles aufwiegt. Hier im Berliner Alltag beginne ich es ernsthaft zu hassen.

Ich höre die Wohnungstür, dann humpelt Bela in den Flur. Seine Klamotten sind nass und auf seiner Jacke ist etwas Dunkelro ... Ist das Blut? „Alter, was `n mit dir los?“

„Allet okay.“ Er grinst mich recht überzeugend an.

Ich gehe auf ihn zu und zeige auf seine Klamotten. „Dit wirkt aber nich so, mein Lieber.“ Anscheinend sehe ich ihn sehr prüfend an, denn er grinst um so breiter.

„Hollywood called.“

„Wat is los?“

„Der Mutant hat sich mit Captain Berlin geprügelt.“

„Wat?“

„Na, ick hab mit Buttgereit wat gedreht.“

„Aha. Und das nachdem de vorgestern einfach mal so zusammen gebrochen bist.“ Wahrscheinlich habe ich den gleichen tadelnden Ausdruck meinem Blick und meiner Stimme wie meine Mutter.

„Heut ging`s mir wieder astrein.“

„Klar. Und deswegen humpelste jetz auch.“

Er hebt seinen Arm und macht so eine Bodybuilder-Pose. „Au.“ Im nächsten Moment hält er sich die Schulter. „Jörg hat mich echt böse durch die Gegend geschleudert.“

Wir stehen im Flur und auf einmal ziehen Bilder von unserer kleinen Prügelei elektrisierend durch meinen Bauch. Erinnerungen, wie es ist mit Bela zu kämpfen. Irgendwie find ich es nicht gut, dass Jörg, der andere große Blonde in seinem Leben, das auch mit ihm gemacht hat.

„Soll ick ma nachsehen?“

„Ick kann och so für dich strippen.“ Ein anzügliches Grinsen breitet sich auf Belas Gesicht aus und fuck – es kriegt mich. „Musste nur Bescheid sagen.“

Ich fühle mich ertappt, weil ich das tatsächlich gar nicht so schlecht fände. Anscheinend zeigt sich das aber nicht auf meinem Gesicht.

„Guck nich so erschrocken. Ick mach nur Quatsch.“ Behutsam zieht er seine Lederjacke von der kaputten Schulter. „Ach, übrigens: Jörg möchte das de beim nächsten Dreh morgen dabei bist.“



5. Juni – Park am Gleisdreieck, Schöneberg

Jörg dreht für eine Vorführung im Risiko in eine paar Tagen einen seiner berühmten trashigen Super 8 Filme. Und, wie angesagt, dieses Mal soll auch ich mit. Der Herr Regisseur hat anscheinend eine Aufgabe für mich.

Ich mag Jörg, zumindest wenn er sich nicht gerade mit Bela vor der Kamera rangelt, denn trotz der abstrusen und manchmal auch krassen Themen in seinen Filmen, ist er eigentlich ein sehr sanfter Riese.

Wir stehen am Rande des alten Anhalter Bahnhofs. Dort erobert sich langsam die Natur die verlassenen Gleisanlagen zurück.

Es ist immer wieder interessant, wenn ich auf Leute treffe, die ähnlich groß sind wie ich. Eigentlich bin ich das von Hans gewohnt, aber Jörg mit seinem Kampfsportraining wirkt nochmal anders, hat definitiv breitere Schultern als Hans und ich.

Er klopft mir auf die Schulter. „Na, du verlorener Sohn. Du strahlst ziemlich. Wir konnten letztes Mal im Prinzenbad gar ich richtig quatschen, wa? War`s denn jut in London?“

Hinter Jörgs Rücken sehe ich, wie sich Belas Gesicht verdüstert. Die beiden sind wirklich gut befreundet und ich weiß nicht, wie viel Jörg weiß oder ahnt über Bela und mich und unser Hin und Her.

„Wat is denn nu mein Job hier?“, frag ich Jörg, um ihn und mich abzulenken.

„Also, wenn de dit nich machen willst, ne, is total okay. Du kannst auf jeden Fall nein sagen.“

„Äh, okay. Dit hört sich ja spannend an.“ Mein Kopf läuft ein bisschen Amok. Will er, dass ich Bela vor der Kamera küsse? Der hätte bestimmt nichts dagegen. Aber das sind ja eher Filme, die Bela mit Ades gedreht hat. „Also, wat soll ick denn nu machen?“

„Also, wir jagen heut Sachen in die Luft.“

„Yeah!“ Hinter mir macht Bela einen begeisterten Luftsprung. „Geil!“ Zündeln mit Sprengstoff bringt seine Augen definitiv zum Leuchten.

„Okay. Cool.“ Da habe ich auch Bock drauf. „Und wat is nu meine Aufgabe?“ Jörg macht es echt ein bisschen zu spannend.

„Du haust mit `nem Baseballschläger einen Fernseher kaputt und dann pinkelste in die zerbrochene Bildröhre.“ Eine überraschende, aber klare Regieanweisung. Ich bin fast ein bisschen beeindruckt von seiner Professionalität. Aber auch von der Idee, dass ich hier ...

„Oh.“ Bela sieht mich betroffen mit großen Augen an. „Ähm, dit wusst ick nich.“

„Ick hab da sofort an dich jedacht. Dit sieht eenfach jut aus, wenn dit so `n langer Kerl macht.“

Bela blickt vorsichtig zu Jörg. „Vielleicht machste dit besser selber.“

„Dit funktioniert nich. Ick mach ja die Kamera.“

Ich straffe mich. „Keen Problem. Ick mach dit.“ Mein vorlautes Mundwerk und der unausgesprochene Wettbewerb mit Bela werden nochmal mein Untergang sein.

Bela lugt ein wenig beeindruckt zu mir hinüber, was mich übermässig freut. „Dit gespielte Kotzen in Mani und dit Rumjeblute aus`m Mund vor`m ICC is okay gewesen, aber ick könnt nich pinkeln, wenn `ne Kamera uf mich jerichtet is.“

Ich will es jetzt wirklich hinbekommen. Und natürlich beim ersten Mal. Es dürfte auch etwas schwierig sein, wenn die Blase erstmal leer ist und ich weiß nicht, ob ich mitten im Pissen innehalten kann.

Es erfordert auf jeden Fall eine tierische Konzentration: zuerst den Fernseher zerdeppern. Der Baseballschläger liegt viel zu gut in meiner Hand. Ein erschreckend starkes Gefühl von Macht. Er geht glatt durch das Glas und es knallt ziemlich. Anscheinend war da Unterdruck drauf oder so. Jedenfalls erschrecke ich mich ganz schön.

„Und jetze druf pinkeln“, kommt Jörgs Befehl.

Okay. Reißverschluss auf, Schwanz raus und punktgenau zielen und treffen.

Es klappt. Bei der ersten Aufnahme. Ich bin stolz wie Bolle, obwohl das ja nicht direkt etwas ist, auf das man stolz sein könnte.

„Fantastisch, meen Freund!“ Jörg klopft mir auf den Rücken, als ich noch dabei bin alles wieder zu verstauen. „Dit war echt `n Meisterstück. Solltest echt ma über `ne Karriere als Schauspieler nachdenken.“

Reißverschluss hoch. „Meinste?“ Ich dreh mich um.

„Du hast echt super performt UND et sah jut aus.“ Er grinst breit, sehr breit, denn Jörg hat fast einen so großen Mund wie ich. Es ist seltsam zu wissen, dass ich auf andere ähnlich wirke wie er, fast ein bisschen wie in einen Spiegel zu sehen.

„Ick weeß ja nich, ob vor der Kamera pinkeln können `n speziellet Talent is.“

„Kriecht nich jeder hin. Ick weeß, wovon ick red.“ Er schlägt mir noch mal auf den Rücken. Jörg ist cool. Sein Lob fühlt sich echt wie ein kleiner Ritterschlag an.



Niebuhrstraße 38b, Charlottenburg

Als wir wieder in der Niebuhrstraße sind, bin ich immer noch seltsam hochgedreht von der Filmaktion. Mein T-Shirt riecht wie Silvester von den ganzen Böllern, die wir benutzt haben.

„Dit war heut echt cool mit Jörg.“ Es hat mir wirklich unerwartet viel Spaß gemacht und ich versteh jetzt sehr viel besser, was Bela, er und die anderen an dieser Super 8 Filmerei finden.

Bela strahlt seit dem Dreh ununterbrochen. Ein sehr angenehmer Anblick.

Er klopft mir auf den Rücken. „Dein Debüt, wa? Ick find och, dass de Talent hast. Siehst jut aus im Sucher der Kamera und bestimmt auch auf Leinwand. Hätteste denn Bock Schauspieler zu werden?“

Tatsächlich bedeutet es mir etwas, dass er mich gut fand in dieser albernen Mini-Szene. „Äh, danke. ...“

„Kiek ma!“ Er hält mir einen Zeitungsausschnitt vor die Nase. „Jung-Schauspieler (20-25 Jahre, männlich) gesucht – auch Amateure – für Film über eine Beatband in den 60er Jahren. Vorsprechen am 15. Juni, 16 Uhr in der Music Hall, Rheinstraße 45, Friedenau.“

„Ick find da sollteste hingehen.“

„Aber der Plan war ja nu eigentlich Popstar, oder?“

„Schon ... Aber – du bist echt nich schlecht, siehst gut aus.“ Sein Blick streift mein Gesicht, dann über meinen ganzen Körper, dann sieht er mich sehr intensiv an. „Und – die Kamera liebt dich. Glaub mir. Ick weeß wovon ick red.“

Verlegen streiche ich mir über den Nacken. „Ick weeß nich.“ Ich lege den Zeitungsausschnitt auf den Tisch. „Ma seh`n. Aber von wegen Filme drehen: Muttern hat mir ihre Super 8 geschenkt plus zwei leere Filme. Der Olle hat sich wohl wat besseret gekooft. Was mit Ton. Also, wenn de Bock hast ...“

„Cool.“

Ich hole die Kamera aus meinem Zimmer. Das letzte Mal, als ich die gesehen habe, hat meine Mutter das erste Konzert mit Soilent Grün in Spandau gefilmt.

Bela nimmt sie fast andächtig in die Hand. Er bekommt dieses hübsche Funkeln in den Augen. Ich liebe es und es macht mir Angst, denn bei dem Funkeln geht es immer um seine Lieblingsthemen: Sex, Drugs and Rock `n Roll.

Er hebt die Kamera wieder hoch und tut so als würde er mich von Kopf bis Fuß filmen, bleibt dann in meinem Schritt hängen.

„Hey!“ Ich überschlage meine Beine und knalle ihm dabei fast eine mit meinem Knie.

„Na, ick dachte, weil der heute ja nur einen so versteckten Auftritt hatte, da könnten wir ja auch `n bisschen Erwachsenenunterhaltung drehen. Der wär definitiv dafür geeignet.“

„Willste filmen, wie du mir einen bläst, oder wat?“ Oje. Damit hätte ich besser nicht angefangen. An seiner Mimik wird sofort klar, dass er die Idee echt richtig gut findet.

„Vergiss es, Felsenheimer.“

„Jetz sach nich, dass de keinen geblasen haben willst.“

Ich bin kurz davor mir in den Schritt fassen zu müssen und meine Jeans neu zu justieren, die gerade viel enger wird.

Wir drehen aber dann doch etwas ganz anderes. Bela stellt sein schauspielerisches Talent als Karl, das menschliche Insekt zur Verfügung. Und weil wir danach noch eine Minute übrig haben, drehen wir einen super aufwendigen Stop-Motion-Film mit dem unheimlich grauenhaften Schlüsselbund.



15. Juni – Music Hall, Friedenau  

Um 15:30 Uhr steige ich mit einem sehr unbehaglichen Gefühl auf mein Fahrrad und fahre runter nach Friedenau. Ich bin mir absolut unsicher, ob das eine gute Idee ist. Bela klang so überzeugt von meinen schauspielerischen Fähigkeiten, aber ... Ich hab das doch nicht gelernt und noch weniger Übung.

Andererseits – ich liebe Filme und es wäre bestimmt spannend mal hautnah mitzubekommen, wie so ein Filmset funktioniert. Und wenn es dafür noch Geld gibt um so besser.

Einen Musiker zu spielen sollte ich ja wohl hinbekommen.

Als ich vor der Music Hall ankomme, sieht es aus, als wäre dort heute ein Konzert. Ein Schlange von mindestens 40-50 Leuten zieht sich fast bis zur nächsten Querstraße.

Ein junger Typ fächelt sich mit einem Buch Luft zu. Er trägt eine Sonnenbrille und eine blasierte Miene, die mich irgendwie einschüchtert. Ein anderer hat eine Gitarre auf dem Rücken. Schlau. Da hätte ich auch mal dran denken können.

Einen anderen hab ich sogar schon mal in einem Kinofilm auf der Leinwand bewundern dürfen. Ich bin mir ziemlich sicher, auch wenn mir nicht mehr einfällt welcher Film das war.

Wie soll ich denn neben dem bestehen? Überhaupt sehen die alle so viel besser, interessanter und ... schauspielerisch begabter aus als ich.

Ist doch eh nur ein Luftschloss, sagt eine Stimme in mir, die sich fast wie eine höflichere Version von Gerd anhört. Ein zweites. Von wegen Popstars.

Ich seufze. Entmutigt steige ich wieder auf mein Fahrrad. Wie konnte ich denken, dass ich bei sowas echt eine Chance haben könnte.



Ingenieurbüro Vetter, Charlottenburg

Verdammt, ich brauche Geld und nicht immer nur in dem ich mich von einem Jobbörsen Job zum nächsten hangle. Das Büro meines Vaters ist nur zehn Minuten mit dem Rad von der Filmproduktion entfernt. Bei ihm im Büro war es echt ganz nett. Auch die Arbeit an sich. Tausendmal besser als Brauerei, vermoderte Keller ausräumen – und Zementwerk.

„Hallo Sandy! Ist Joachim da?“

„Na, dich hab ich ja schon lang nicht mehr gesehen.“ Sandy strahlt mich viel zu sehr an. „Wirst auch jeden Tag hübscher.“ Ihr Blick klebt auf meinen freien Oberarmen und ich weiß nicht, ob ich sie vor ihr verstecken will oder noch mehr präsentieren. So braungebrannt sehen die echt ganz okay aus.

Aber eigentlich will ich gerade echt nicht flirten. Ihre Aufmerksamkeit ist dennoch wohltuend. „Danke. Aber dit Kompliment kann ick nur zurück geben.“ Ich setze mich auf die Tischkante ihres Schreibtischs.

Jetzt strahlt sie noch mehr und irgendwie ist das schön. Menschen sehen insgesamt einfach schöner aus, wenn sie so leuchten. Das mag ich auch an Konzerten so. Also nicht auf den krassen Punkkonzerten, wo alle eine Ausstrahlung von „Gleich hau ich dir eine in die Fresse“ haben.

Wenn mehr Frauen im Publikum sind hilft das enorm für eine angenehmere Atmosphäre. Bei unseren Gigs sind für die Szene immer überdurchschnittlich viele da und das ist auch gut so. Die Stimmung ist so viel besser. Außerdem macht es mir mehr Spaß für weibliches Publikum zu spielen. Wenn die ein oder andere mich aus dem Publikum mit strahlenden Augen anlächelt, dann ... das tut einfach gut.

Die Tür neben mir geht auf und ich stehe schnell von Sandys Schreibtisch auf. Eine Frau in einem Nadelstreifenkostümchen und sehr hochhackigen Schuhen kommt aus Joachims Büro. Sie sieht ziemlich schick, aber auch Ehrfurcht einflössend aus. Hinter ihr erscheint Joachim selbst.

„Oh.“ Seine Reaktion sagt ziemlich deutlich, dass er erstaunt ist mich zu sehen. Oder er findet, ich könnte mich besser kleiden, wenn ich bei ihm auftauche. Ich verschränke schnell meine Arme über dem leicht angeschmuddelten T-Shirt mit den abgerissenen Armen. Ich hab es diese Woche noch nicht in den Waschsalon geschafft, weil einfach das Kleingeld für solchen Luxus fehlt.

Bela und ich müssen dringend mal wieder auf der Straße spielen. Wäre auch kein Problem, wenn er nicht immer so lange nachts unterwegs wäre ...

„Hallo ...“ Ich weiß nicht, wie ich Joachim vor der Businessfrau nennen soll. „Guten Tag!“ Ich nicke ihr kurz zu.

Er verabschiedet die Frau, dann wendet er sich mir zu. „Na, was kann ich für dich tun?“

Schlagartig komme ich mir vor wie ein einfacher Bittsteller und noch weniger wie sein Sohn. Das er fragt, wie es mir geht, ist wohl zu viel verlangt.

„Also, ick wollt nur fragen, ob du vielleicht `nen Job für mich hast. Ich mach och allet. Ick hab grad so `n kleinet Geldproblem.“

„Hast du meine Überweisung nicht erhalten?“

„Doch. Danke, aber ... Dit deckt halt nur die Miete.“

„Okay. Du brauchst also Arbeit.“

„Genau.“ Ich nicke dankbar, dass er das so schnell erfasst hat.

„Und – für wie lange stellst du dir das dieses Mal vor?“

„Vielleicht heute.“

„Und danach?“

„Ähm, am Donnerstag müssen wir nach Bremen für `nen Gig.“

Er atmet langsam und tief durch. „Es tut mir wirklich leid, Junge. Aber für eine Bürotätigkeit bist du einfach zu unzuverlässig mit deinem ständigen Wegfahren und den Konzerten.“

„Aber ich habe gar nicht geplant weg zu fahren diesen Sommer. ... Nur halt die Konzerte ...“

„Erstaunlich. Ich dachte im Sommer kann dich nichts und niemand mehr vom Reisen abhalten.“

„Eigentlich wollte ick auch gerne, aber Ecky kann nich.“

„Ich hab das auch nicht böse gemeint. Wer, wenn nicht ich, könnte verstehen, dass du gerne reist. Aber ...“ Er hält inne, sieht zu Sandy. „Komm, doch einfach kurz in mein Büro.“

Er hält mir die Tür auf, schließt sie hinter uns. „Ich weiß halt sehr gut, dass reisen auch Konsequenzen hat. Man ist dann nicht vor Ort, mit dem Kopf in einem ganz anderen Leben und Alltag. Also, ...“ Er räuspert sich, sieht mich nur von der Seite an. „Also, man ist dann halt nicht so ... für seine Familie da, zum Beispiel. Ich weiß ja, dass ich wegen meiner Auslandstätigkeiten ... Also, das war ja nicht direkt reisen, sondern Arbeit. Aber ... ich hab Uta und dich wahrscheinlich schon etwas vernachlässigt deswegen. ... Das wollt ich nur sagen.“

Ich sehe aus einer sehr niedrigen Perspektive ein Paar lange Beine vor mir. Darüber lächelt ein Mann auf mich hinunter, versucht mich hochzuheben und ich fang an zu weinen.

„Das ist doch nur dein Vater“, höre ich die erschrockene Stimme meiner Mutter. Ich weiß nicht, was ich damals dachte. Das er mich klauen will? Wohl kaum. Wenn er ein Kind gewollt hätte, dann hätte er ja nur dableiben müssen.

Ohne Vorwarnung schießt Wasser in meine Augen. Ja. Wahrscheinlich etwas vernachlässigt ...

Schnell wende ich mich ab. Es ist nicht direkt eine Entschuldigung, und dennoch tut es gut ihn das sagen zu hören, es anzuerkennen, zu zugeben. Und es reißt an Wunden und Narben, die ich nie richtig lokalisieren konnte, von denen ich nur geahnt habe, dass sie existieren sollten.

Die Erinnerung verschwimmt und ich sehe den älteren Joachim vor mir, der mich unsicher ansieht, mir dann ein Taschentuch reicht. Mann, ist das peinlich.

Bela wird manchmal so emotional, wenn er über den plötzlichen Kontaktabbruch seines Vaters vor ein paar Jahren redet. Ich war irgendwie immer eher froh, dass es nur meine Mutter gab – am Anfang.

Für mich war das einfach normal: gibt halt keinen Vater oder jemanden, den ich mit einem guten Gefühl als „Vater‘ bezeichnen würde. Und meist hat mir das auch nicht gefehlt. Warum das jetzt so rein haut? Keine Ahnung. Vielleicht weil es einfach schön gewesen wäre, jemand gehabt zu haben, auf den ich mich verlassen kann.

Aber gab es nun mal nicht wirklich. Ich hab das immer als „Ist halt so!“-Realität hingenommen. Doch nun überwältigt mich hier in Joachims Büro auf einmal eine gefährliche Sehnsucht.

Ungebeten schleicht sich nun mit Joachim Geständnis das Bild einer festen Familie in mich. Die Zuverlässigkeit, von der er vorher gesprochen hat, klare, feste Strukturen. Gleichzeitig kann ich bei der Vorstellung nicht atmen.

Aber es hätte ja auch bedeutet: kein Gerd. Mein Atem wird hoffnungsvoll, wieder freier. Bis ich bemerke, dass das ja alles nur unrealistische Hirngespinste sind, denen ich mich hingebe. Mein Lebenslauf ist ein ganz anderer.

Außerdem gäbe es dann auch Julia nicht. Dieser Gedanke schmerzt wirklich.

Eine Hand auf meiner Schulter. Ich zucke zusammen, obwohl sie da nur ganz leicht, fast unsicher liegt.

Joachim scheint erstaunlicher Weise mitzubekommen, dass irgendwas nicht stimmt, versucht auf eine unsichere Art zu helfen. Doch dieser Zug ist schon abgefahren gewesen, als ich noch ein Kleinkind war.

„Wenn ich was für dich tun kann, Junge, dann ...“

„`tschuldige. Mir geht`s gut. Ick weeß och nich, warum ...“ Ich schneuze mich leise.

„Okay. Ich hör mich mal um nach flexiblen Aushilfsjobs, okay? ... Willst du denn wirklich nicht weiterstudieren? Mach doch zumindest eine richtige Ausbildung, Jan. Bitte. Dann hast du wenigstens einen Abschluss in der Tasche.“

Sofort wird mein Brustkorb wieder enger. Oha. Er hat mit Uta gesprochen. Klar. Hätte ich mir ja denken können. Das gehört wohl auch zum Elternprofil. Blöd, dass er ausgerechnet jetzt damit anfängt.

„Ick ...“ Muss mich räuspern. „Ick versuch grad klar zu kriegen, was ick machen will.“

„Also, Jan, wenn du wirklich überlegst etwas zu starten, dann ... Ich hab Kontakte, aber für die Ernsthaftigkeit, das Durchhaltevermögen und die Zuverlässigkeit – dafür musst du schon selbst sorgen, verstanden?“

Ich nicke, putze mir nochmal die Nase. Was für ein Scheißgefühl: betteln gehen müssen, weil man unfähig ist auf eigenen Beinen zu stehen.

Es kann echt so nicht weitergehen.





*
*



________________________________________________________

LYRICS


The Clash - Career Opportunities

Evil conduct - Working Class Heroes

The Clash - Koka Kola

The Ramones - It`s not my place in the 9 to 5 world

Ton, Steine, Scherben - Ich will nicht werden, was mein Alter ist

Glen Campbell - The straight life

Grauzone - Film 2: kein Text gefunden

The Cramps - Human Fly

The Who - My generation

John Lennon - Working Class Hero

Green Day for Dafur – Working Class Hero


Super 8

Tonspion - They`ve given me Schrott - Interview

Farin: „Da Bela und ich mit den Ärzten noch nicht ausgelastet waren, begannen wir ständig spannende Seitenprojekte wie die Graveyard Funnies (Super-8-Filme), Goethe (bescheuerte Experimentalmusik) oder eben ›Die Ulkigen Pulkigen‹.

Super 8 Filme von 1983
Mein absolutes Lieblingsinterview mit Bela und Farin


Leider, leider konnte ich kein vollständiges Video von "Die schönsten Zerstörungen" von Jörg Buttgereit finden.


Dokumentarfilm „Jetzt kommt die Flut: Liebe, Geld und Tod“ von Annette Humpe (Ideal) aus dem Jahr 1982.

Jörg Buttgereit & Max Müller über

Liebe 1

Liebe 2

Tod

Glück

Punk sein


Alle Macht der Super 8


Underdog Fanzine - Interview mit Yana Yo "Als Super 8 ein Lebensgefühl war"



BÜCHER & FILME

Michael Ende: Die Unendliche Geschichte - Leseprobe
Trailer, 1984

Die Heartbreakers, 1983 - Trailer



GEDICHTE

Friederike Mayröcker

Deutschlandfunk Kultur - Interview

Gedicht: was brauchst du

Gedicht: eines Lebensabschnittes Bestandaufnahme


*
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast