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* Teenagers in Love *

von windmills
Kurzbeschreibung
SongficSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Div
Dirk "Bela B." Felsenheimer Jan "Farin Urlaub" Vetter
03.02.2022
12.08.2022
29
182.162
20
Alle Kapitel
103 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
18.06.2022 6.496
 
*




* Teenagers in Love *




Lieder und Bilder farbig unterlegt im Kapitel.
Weiterführende Links am Ende.

Es wird am Ende ein bisschen expliziter.
Just so you know, falls du da nicht so viel Bock drauf hast.



1983 - Zitroneneis





13. Mai - Niebuhrstraße 38b, Charlottenburg  

„Soll ich nich wieder rüber gehen?“ Jan ist etwas mehr bei Sinnen als gestern Nacht. Und schon ist die Unsicherheit seinerseits zurück. Ich wünschte, ich könnte die wegargumentieren, wegstreicheln, wegküssen, aber davon hält mich nicht nur die Ansteckungsgefahr ab.  

„Nö. Ick finds schön dich hier bei mir im Bett zu haben.“

„Aber ick bin dit totale Wrack.“ Seine Augen fallen wieder zu. „Und außerdem steck ich dich mit Sicherheit an.“

„Is mir egal.“

„Dit sachste jetz.“ Sein Kopf fällt zur Seite, kommt an meiner Schulter zu liegen. Seine Stirn ist immer noch ziemlich heiß. „Wart mal ab bis de abwechselnd nur noch frierst und schwitzt“, murmelt er in mein T-Shirt.

„Nö. Is mir wirklich egal.“ Egal trifft`s nich ganz, aber ich bin einfach so froh, dass er hier ist. So nah waren wir uns schon lange nicht mehr. „Hab schon ganz andere Sachen überlebt.“

„Haha.“ Er kuschelt sich noch enger an mich und nach ein paar Minuten geht sein Atem gleichmässig.

Draußen regnet es und ich kann mir grad nichts Schöneres vorstellen, als einfach hier mit Jan im Bett zu liegen und Comics zu lesen. Er ist irgendwie süß, wenn er krank ist, viel anhänglicher und richtig anschmiegsam. Es gibt ja viele Leute, die zu echten Arschgeigen mutieren, wenn es ihnen nicht gut geht. Er scheint sich dagegen in einen Teddy verwandelt zu haben.

Es läuft allerdings nichts zwischen uns, obwohl wir stundenlang eng nebeneinander im Bett liegen, denn Jan schläft vor allem. Wahrscheinlich würde auch sonst nichts passieren. Es scheint irgendwelche Regeln zu geben für ihn, wann er mit mir rummacht und wann nicht, aber die kenn ich nicht. Vielleicht kennt er sie nicht mal selbst.

Gerade will er vor allem vorgelesen bekommen und Hörspiele hören, wie er mir mit fieberglänzenden Augen und Wangen mitteilt.

Es erinnert mich an früher, als krank sein bedeutet hat legal die Schule schwänzen zu dürfen und Mama sich mal wirklich um mich gekümmert hat. Das will ich für ihn auch machen. Nur sein Fieber macht mir Sorgen.

„Vermutlich Sommergrippe, die geht grade rum“, meint Eckys Freundin Nicole. Ich hab sie zum meinem Schutzengel in Bezug auf Verletzungen und Krankheiten auserkoren. Klar ist sie keine Ärztin, aber als Krankenschwester weiß sie genügend, beschließe ich. Wir sollen einen Arzt rufen – einen Echten, betont sie – wenn Jans Fieber über 40 Grad steigt.

Jan schläft wie ein Stein und ich gebe in einer Apotheke viel zu viel Geld für ein Thermometer aus, aber ich will echt kein Risiko eingehen. Mit einem Grinsen halte ich es ihm hin, als er endlich aufwacht. „Dit muss in deinen Hintern.“

Sofort ist er sehr viel wacher. „In deinen Träumen, Felsenheimer.“ Er versucht eine Augenbraue hochzuziehen, aber es wird nur eine schmerzverzehrte Grimasse. „Kopfweh.“

„Nee. Ernsthaft. Da kriegste dit klarste Ergebnis, hat meine Mutter immer gesacht.“

„Maaann. ... Ja, okay, hat meine och gemacht.“ Er zieht sich umständlich unter der Decke die Hose runter.

„Soll ick dir helfen?“ Ich lasse es fürsorglich klingen, kann mir aber das Grinsen nicht verkneifen. Okay, ich genieße die Situation defintiv etwas zu viel.

„Untersteh dich.“

„Würd mir nüscht ausmachen.“

Er sieht mich skeptisch an.

„Wirklich!“ Jan ist viel zu verspannt, wenn es um sowas geht.

„Bin schon fertig“, grummelt er. „Zufrieden?“

Ich nick, kann mir ein weiteres Grinsen nicht verkneifen. „Drei Minuten drinlassen.“ Ich seh auf die Uhr, warte. Er sieht überall hin, nur nicht zu mir. Ich wünschte, ich könnte etwas tun, dass er sich wohler fühlt. „Okay, kannst es wieder rausnehmen.“ Ich halt ihm auffordernd die Hand hin.

„Dit mach ick selber.“

„Hey, Jan. Jetz ma ehrlich. Ick find dit echt nich schlimm. Ick hab da schon janz andre Sachen gemacht, die mit Poperzen zu tun haben. Findeste dit echt so eklig?“ Oje, wenn er jetzt ja sagt, dann kann ich mir manche Fantasien in Bezug auf ihn und mich wohl abschminken.

„Is etwas gewöhnungsbedürftig“, bringt er schließlich raus und seine Wangen werden unter dem Fieber noch etwas röter.

Na, das lässt doch noch Spielraum für ein paar glitzernde Funken Hoffnung.


*


Jörg ist so lieb uns seinen VHS-Rekorder und ein paar seiner wenigen Nicht-Horror-VHS-Kassetten vorbei zu bringen. Eine davon ist Blade Runner. Den wollte ich schon ewig sehen. Rein kommen will er wegen der Ansteckungsgefahr allerdings nicht.

Natürlich hab ich diese komplett unterschätzt und zwei Tage später bin ich total matschig, hab allerdings kein Fieber. Immerhin geht es bei Jan langsam wieder bergauf. Er hat geduscht, mein Bett neu bezogen und Wäsche gewaschen.

Uta ist so lieb und bringt uns ein Tüte mit „viel Vitaminen“ vorbei und Hühnersuppe für mich, da Jan ja kein Fleisch mehr ist.

„Deine Mutter ist echt super.“

„Ja. ... Kann sie sein.“ Der ganze zutrauliche Jan scheint wieder hinter einer Mauer zu verschwinden und ich kann seinen Gesichtsausdruck nicht deuten. „Ick mach ma den Abwasch.“

„Äh, ... cool. Danke.“

„Na, klar. Du hast soviel gemacht die letzten Tage. Echt. Danke nochmal.“

„Für dich würd ick doch immer die heiße Krankenschwester spielen.“

„Ach, deswegen ...“ Sein Grinsen ist wieder breit und weiß und frisch.

Ein paar Minuten später klingelt das Telefon im Flur.

„Jan Vetter?“

„...“

„Äh, ja, okay.“

Er erscheint mit dem Telefonhörer im Türrahmen. „Is für dich, Bela. Eine Manu.“

Scheiße. So schnell ich in meinem Zustand kann, quäl ich mich aus dem Bett. Jan drückt mir den Hörer in die Hand.

„Hallo?“

„Sag mal, es wird wohl Zeit, dass ich dir mal wieder Respekt einbläue.“

Fuck. „Äh, ja. Tut mir echt leid. Ich hab die Grippe.“ Ich lass meine Stimme besonders kratzig und kläglich klingen.

„Und da kann man nicht mal absagen, oder was? Das ist echt das letzte, das allerletzte Mal, das ich mich von dir so versetzen lasse. Ich erwarte ab jetzt, dass du dich wieder regelmässig bei mir an – und abmeldest. Wenn du das nicht hinbekommst, dann kannst du dir eine andere Mistress suchen.“

Jan steht mit tropfender Abwaschbürste in der Küche und sieht mit zusammen gezogenen Augenbrauen zu mir hinüber. Ihre Stimme trägt definitiv sehr erfolgreich durch den Flur. Ein längeres Kabel für das Telefon wäre grad sehr hilfreich.

„Mhm.“

„Hast du das verstanden? Ich will eine klare Antwort.“

„Ja. Ich hab verstanden.“

„Sag mal, hast du echt alles verlernt? Das heißt „Ich habe verstanden, Mistress Manu!“

Ich drehe mich zur Seite und lege eine Hand um den Hörer. „Ick kann grad nicht so jut sprechen, aber ick hab verstanden, Mistress Manu!“, flüster ich.

„In Ordnung. Ich erwarte dich nächsten Donnerstag um Punkt 18 Uhr bei mir.“

„Verstanden, Mistress!“

„Gute Besserung, Bela, und bis dann.“

Ich leg auf. Ein Riesenseufzer liegt in meiner Kehle, aber ich will den nich entkommen lassen.

„Die klang, als wär sie deine Chefin.“ Jan sieht mich mit immer noch gerunzelter Stirn an.

Ich sollte es ihm vermutlich erklären, aber ich bin noch viel zu aufgewühlt von dem unerwarteten Anruf und mein Kopf wummert böse. Muss ich es ihm erklären? Wahrscheinlich, denn ich hab definitiv vor, dass mit Manu nicht zu verbocken. Mit ihr erlebe ich Dinge, die mir bisher kein anderer Mensch so geben konnte.

„Ja ... Sowas in der Art.“

„Aha.“ Jans Blick verweilt noch einen langen Moment auf mir, dann dreht er sich um und wäscht weiter ab.


21. Mai - Niebuhrstraße 38b

Ich sehe zu Bela ins Zimmer. „Und? Könn wa los zum Proben?“ Endlich sind wir beide wieder fit. Es war echt seltsam das Fieber. Eigentlich mag ich es gar nicht so hilflos und ausgeliefert zu sein, aber mit Bela ... Irgendwie war es gut, angenehm, vertraut.

„Jep. Hey, lass uns heut die Fahrräder nehmen. Dit is draußen viel zu schön für die dunkle U-Bahn.“

„Und das von dir?“

„Jetzt guck nich so geschockt. Wann hat es denn ma 26 Grad im Mai gehabt? Dit müssen wa ausnutzen nach dem janzen Regen. Außerdem ...“ Bela baut sich vor mir auf und lässt seine Bizeps spielen. „Ick bin sehr wohl sportlich. Glaubste die Bullen nehmen jeden?“

Seine Muskeln haben wohl eher was mit dem Schlagzeug spielen zu tun, aber egal. Sehen ja auch wirklich gut aus. Ich mag das Sehnige, Drahtige an Bela und irgendwie auch, dass er so dünn ist, dass ich ihn ohne Probleme einfach hochheben könnte. Aber viel dünner sollte er allerdings echt nicht werden. Vielleicht koche ich einfach mehr in den nächsten Tagen.

Ich knalle vor ihm die Haken zusammen und salutiere. „Dit hat ick schon wieder vergessen, Herr Oberwachtmeister.“


*


Die Probe verläuft ganz okay.

Hans hat tatsächlich ein neues Lied geschrieben mit einem seltsamen, aber perfekten Titel für unsere Combo: „Kamelralley“. Immerhin haben wir damit für unseren Gig in Bremen ein Lied, das wir dort uraufführen.

„So, Feierabend!“, sagt er um 21 Uhr. „Ich muss morgen wieder an die Uni.“

Bela und ich sehen uns an. Eigentlich wollten wir noch mal die Setlist für Bremen durchgehen, aber das können wir ja auch noch auf der stundenlangen Fahrt dorthin machen. Ich zucke mit den Schultern und Bela nickt.

In der Dämmerung fahren wir auf den Rädern wieder zurück Richtung Westen. Ein Rest Sonnenuntergang schimmert noch über die Hausdächer und in den Straßenschluchten.

Die Nacht ist lau und es war echt eine gute Idee von Bela mit den Rädern, auch wenn meine Gitarre schwer auf meinem Rücken hängt. Die Straßen sind ruhig und wir fahren nebeneinander her. Die milde Luft ist durchtränkt vom Duft der blühenden Linden. Es erinnert mich an Sommer und gleichzeitig an Winter und Erkältungstee. Davon hatte ich in den letzten Tag mehr als genug.

„Is schön mit dir unterwegs zu sein.“ Bela grinst zu mir rüber, lässt den Lenker los und breitet die Arme aus. Der Fahrtwind streicht seine immer länger werdenden Haare zurück. „Voll geil, dass es noch so lang hell is.“

„Ich dachte, Sie bevorzugen die Nacht, Herr Graf?“

„Wenn ick mich entscheiden müsste, dann ja. Aber lange Sommerabende haben och wat für sich.“ Plötzlich bremst Bela mitten auf der Straße ab und starrt den Berg des Viktoriaparks hinauf. „Häh? Was `n das?“

„Na, der Wasserfall.“

„Du sachst dit, alles wär et normal mitten in Berlin.“

„Kennste den echt nich? Du bist doch oft hier in der Ecke.“

„Na, halt im  Risiko. Nachts. Oder früh morgens.“

„Nachts müssteste de es noch geiler finden. Hier gibt’s Fledermäuse.“

„Echt jetzt? Cool. Die will ich sehen.“ Bela steigt ab und schiebt sein Rad hinüber an den Rand des kleinen Sees am Fuße des Wasserfalls. „Okay, dann lassen Se uns ma diesen Viertausender besteigen, Reinhold.“

„Schau da!"

„Was da?"

„Da is eine von deinen Fledermäusen." Sie fangen wohl über dem Tümpel Insekten.

„Aaawww." Bela verfolgt mit hingebungsvollem Blick das Geflatter und den dann wieder eleganten Flug des schwarzen kleinen Tieres.

Nach ein paar Minuten Fledermausobservation, in denen Bela sehr entzückte Laute von sich gibt, was ich wiederum sehr putzig finde, schließen wir unsere Räder an und stapfen auf den kleinen Wegen durch den dunklen Park. Der fröhlich vor sich hin sprudelnde Wasserfall begleitet akkustisch unseren Aufstieg.

Oben auf dem Berg befindet sich ein großes Denkmal und die Aussicht über Berlin ist einfach phänomenal. Unter uns rauschen die Bäume des Viktoriaparks, aber hier oben kann man ganz Berlin sehen. Ganz Berlin.

Links von uns leuchtet die angestrahlte Goldelse und der Funkturm und vor der letzten Dämmerung zeichnen sich in der Ferne die Türme des Teufelsbergs als Silhouetten ab.

Rechts von uns im Osten ragt die Discokugel des Fernsehturms auf. Ich mag die, auch wenn ich irgendwie nicht wirklich einen direkten Bezug zu ihr habe. Dennoch gehört sie zu meinem Berlin-Panorama – nicht so wie Ost-Berlin an sich.

Vor ein paar Tagen habe ich mit Julia „Die unendliche Geschichte“ im Kino gesehen. Sie ist jetzt der totale Atreju-Überfan, aber auch ich war auch echt umgeworfen von der Geschichte und der Darstellung. Besonders beeindruckt war ich von der Idee und der Darstellung des Nichts.

Und gerade hab ich genau dieses surreale Gefühl, wenn ich im Osten die Lichter blinken sehe. Es ist als würde ich ins Nichts blicken. Es existiert, aber gleichzeitig ist es fern und fremd und gefühlt unbetretbar.

Bela scheint ähnliche Gedanken zu haben. „Krass, oder, dass Campi und die Hosen dort drüben ein Konzert in einer Kirche gespielt ham. Dit is für mich wie ... Niemandsland – dabei könnten wa ja locker rüber fahren“

„Mhm.“ Im Gegensatz zu Campino und seinen Kumpanen kann ich es mir ganz schwer vorstellen rüber in den Osten zu machen, obwohl doch ich der Ur-Berliner bin, der in der geteilten Stadt aufgewachsen ist. „Schon echt krass, dass die dit so einjefädelt haben.“ Ich bin echt ein bisschen neidisch, dass der schicke Engländer das mit den Hosen organisiert hat.

Bela lehnt sich gegen den eisernen Zaun, der das Denkmal hinter uns umgibt. „Fandste dit eigentlich schlimm damals auf`m Dampfer, dass der Typ uns so gesehen hat? Und Campi hat wohl auch kapiert, dass wa ...“

Wir sehen uns im Halbdunkel an. Bela scheint kein Wort zu finden. Nicht mal er, der sonst kein Problem hat alles beim Namen zu nennen.

Aber ich kann es gut nachvollziehen. Ich hab auch keins für – uns.

Ein Leuchten am dunklen Himmel. Über uns flitzt eine langezogene Sternschnuppe entlang. „Oh, wow. Jan, wir könn uns wat wünschen ...“ Ein zufriedenes Lächeln breitet sich auf Belas Gesicht aus, dann grinst er. „Ick glaub, mein Wunsch lässt sich sofort erfüllen.“

„Aha?“

„Also ... wenn du dabei bist.“ Sein Grinsen wird noch breiter, als er sich zu mir hinüber beugt. Seine Augen leuchten in den letzten Resten der Dämmerung. Sein Blick auf mir ist sanft und hungrig zugleich, beschwört unseren Kuss auf dem Dampfer wieder hoch.

Ich sehe mich vorsichtig um. Wir sind nicht allein. Das romantische Plätzchen hat noch andere Leute angezogen, darunter viele Pärchen – ein Mann und eine Frau.

„Komm.“ Von mir selbst und meiner Initiative überrascht, nehme ich seine Hand und ziehe ihn die große Treppe hinunter, den Weg entlang, dann durch ein niedriges Gebüsch und ein paar Farne direkt an den kleinen Wasserfall.

Wir setzen uns nebeneinander auf ein paar der großen Felsbrocken, die der Wolfsschlucht authentisches Flair geben und lassen die Beine über dem wild den Berg hinunter tobenden Wasser baumeln. Es rauscht wirklich wie bei einem Gebirgsbach.

Ich drehe mein Gesicht zur Seite, zu Bela. Ein silbernes Schimmern in meinem Augenwinkel. „Schau mal.“ Ich deute auf die Baumwipfel hinter uns. Ein paar Strahlen fallen durch das Dickicht in unser kleines Versteck.

„Oh, der Mond. Wirklich sehr romantisch, Herr Urlaub. Ham Se dit allet so arrangiert für uns?“ Bela rückt ein Stück näher an mich heran und es zieht durch mich, durch jede Faser. Die Härchen an meinen Armen stellen sich auf. Der Moment ist so verzaubert und herausgefallen aus unserem Alltag und ich spür Belas Nähe so intensiv, dass es mir Angst macht.

„Selbstverständlich, Mister Heartbreaker. Für Sie nur dit Beste.“ Halb um mit Humor gegen meine Ergriffenheit zu arbeiten, halb weil es tatsächlich ausdrückt wie ich mich gerade fühle hier mit ihm, beginne ich eine kleine Melodie zu summen.

„Fränkie-Boy, der olle Mobster.“ Bela lacht, wird dann wieder ernst. „Würden Se mir dann vielleicht noch `nen weiteren Gefallen tun, Mr. Drifter?“

„Aber selbstverständlich.“

Bela sieht mich lange an. Sein Gesicht leuchtet in den schwachen Strahlen des Mondes. Sogar seine Augen leuchten hell umrandet vom dunklen Kajal. Er sieht nun wirklich aus wie ein Geschöpf der Nacht. Ich versinke in seinen Anblick, nehme ihn, seine Präsenz, so anders war als sonst in den Kneipen Berlins oder im Proberaum oder in der Niebuhrstraße.

Im Schutz der niedrigen Bäume, die den Wasserfall einsäumen, fühle ich mich wie in einem Versteck, wie außerhalb der Welt, als wäre die gar nicht real. Bela und ich sind die einzigen Planeten im Universum, die umeinander kreisen.

Sein Blick ist so ernst, wird noch intensiver. „Küss mich.“

Das Lied läuft in meinem Kopf weiter. Ich nehme sein Gesicht zwischen meine Hände.

Ich habe Angst das Gefühl, das als „Ich liebe dich“ auf meinen Lippen liegt, so klar und offen in den Kuss zu legen, aber Bela scheint es trotzdem zu spüren. Es ist nur ein einziger Kuss, ruhig und ungewohnt zart, aber er erschüttert mich mehr als alles, was wir bisher gemacht haben. In mir verschieben sich tektonische Platten.

Als würde er den Aufruhr in mir bemerken, legt Bela einfach nur behutsam seinen Kopf an meine Schulter. Noch nie hab ich mir erlaubt mich einem Menschen ohne wenn und aber so nah zu fühlen. Es tut weh.

Er fragt nicht, warum ich weine. Er wischt einfach nur meine Tränen weg und küsst mich auf die Stirn. Auch auf seinen Lippen scheint ein „Ich liebe dich“ zu liegen.



1. Juni - Prinzenbad, Kreuzberg

Es riecht nach Sonnencreme, Chlor und Pommesfett. Die unerwartete Hitzewelle hält an und alle strömen in die Freibäder. Farin und ich haben uns ins hinterste Eck des Prinzenbad zurück gezogen. Es ist trotzdem tierisch voll.

Ich liege unter einem Baum im Schatten, denn ich lass mit Sicherheit meine zarte blasse Haut nicht von der bösen Sonne verbrutzeln. Um mich herum brüllen die Kreuzberger Gören und ich summe die Melodie von „Kleine Kinder schmecken gut“.

Farin hat sich natürlich mitten in die Sonne geknallt und seine Nase mal wieder in einem fetten Wälzer vergraben. Es sind zwei Schlangen darauf zu sehen, die einander in den Schwanz beißen. „Die unendliche Geschichte" steht darüber. Na toll. Dann kommt er wohl nie wieder aus dem Buch zurück. Oje.

Er ist schon knallbraun – so wie damals, als wir uns zum ersten Mal gesehen haben. Seine blonden Haare glänzen wie ein reifes Kornfeld und leuchten im Kontrast zu seiner braunen Haut heute besonders schön in der Sonne.

Die ersten Stunden hab ich hier einfach nur gepennt, weil es gestern doch wieder viel zu spät war. Farin hat mich mit seiner unerträglich guten Laune mehr oder weniger handgreiflich aus dem Bett ins Freibad geschleppt. Um 11 Uhr.

„Das wird lustig“, meinte er. Er wolle mit mir ein wenig den Sommer genießen.

Mhm. Super. Das, dass auch noch um 16 Uhr gut geht, hat er nicht gelten lassen. Jetzt ist es 16 Uhr, ich bin endlich ausgeschlafen und – mir ist langweilig.

Ich sehe aus dem Schatten hinüber zu Farin. Seine knappe rote Badehose strahlt sehr einladend zu mir hinüber. Ich bin mir sicher, er hat sie mit Absicht angezogen, denn sie – sagen wir mal, sie präsentiert ihn in recht gutem Licht, zeigt mehr, als sie verbirgt. Mein Blick bleibt genau daran hängen.

Ich beginn kleine Dinger von dem Baum, unter dem ich lieg, zu ihm hinüber zu werfen. Das fünfte Teil trifft in voll an der Stirn. Irritiert sieht er sich um. Ich schließ schnell wieder die Augen, muss aber grinsen.

„Na? Ausgeschlafen, Schneewittchen?“

„Ick acht halt im Gegensatz zu dir auf `nen makellosen Teint.“ Allerdings bemerk ich, als ich so an mir hinunter seh, dass auch jede einzelne meiner Rippen unter meiner blütenrein weißen Haut heraus sticht. Hat auch eine gewisse Ästhetik, oder?

Andererseits ist Farin auch nicht sehr viel breiter gebaut, ist ähnlich dünn trotz seiner Größe. Er vergisst allerdings weniger oft das Essen wie ich in meinen Feierexzessen und hat ohne den Drogennebel öfter Hunger.

Jetzt gerade hab ich auch Hunger. Allerdings nicht auf Essen. Farin scheint meinen leicht gierigen Blick zu bemerken.

Er zückt eine Augenbraue. „Der Herr scheint eine Abkühlung zu benötigen.“ Er legt sein Buch zur Seite und rollt sich In einer eleganten Bewegung hoch. In mir spannen sich alle Muskeln an, als er wie ein Raubtier auf mich zu schleicht, lauernd auf mich hinunter blickt.

Ich werd mir wieder bewußt, was ich für ein schmales Hemd bin, will mich irgendwo festhalten, um zumindest den Hauch einer Chance zu haben, aber da ist nichts. Neben uns liegt eine Clique von Mädels, wohl so 14-15 Jahre alt und es ist mir vor denen ein bisschen peinlich, dass ich Farin gleich so gar nichts entgegen zu setzen haben werde.

Um nicht ganz kampflos zu sein, heb ich ebenfalls herausfordernd eine Augenbraue. Sein Blick wird für einen Moment härter, dann spöttischer. Herausforderung angenommen.

Als er mit seinen Pranken nach mir greift, wirbel ich zur Seite weg und spring wie ein junges Reh über die Handtücher auf der Wiese, schlag Haken um die, mit Leuten drauf. Hinter mir höre ich Farin grollen.

Eine Hand auf meiner Schulter zieht mich mitten in meinem Sprint von den Beinen. Heiße, nackte Haut auf meiner. Wir kugeln als ein Knäuel aus Armen und Beinen weiter über das Gras, direkt vor die Füße eines älteren Herren mit einem Eis in der Hand.

„Aber, aber, Jungs. Das ist doch kein Benehmen.“

WIr rappeln uns beide hoch und spielen ein bisschen betretenes Köpfe senken. Kaum hat der Alte uns den Rücken zudreht, packt mich Farin und wirft mich über seine Schulter, als würde ich gar nichts wiegen. Ich stoß einen peinlichen Quietscher aus und spür wie seine Schulter unter meinem Bauch vibriert vor Lachen. Arsch. Ich hatte echt nicht gedacht, dass er das schafft.

Ich komm mir fast ein bisschen klein vor, obwohl ich auch fast 1,80 bin. Aber neben Farin wirk ich immer viel kleiner als ich eigentlich bin und – irgendwie mag ich das.

Dennoch trommel ich auf seinen Rücken. „Lass mich runter, du Wichser!“ Keine Antwort, das Lachen wird noch stärker. Dann werd ich auf einmal doch hinunter gelassen oder vielmehr geworfen. In Erwartung, dass gleich kaltes Wasser über mir zusammen schlägt, krampf ich mich zusammen, doch das Wasser ist unerwartet warm - und sehr seicht. Ich öffne die Augen. Um mich herum nur kleine Kinder und Mütter, die mich wütend anstarren.

So würdevoll wie möglich erheb ich mich aus dem Kinder-Planschbecken. Farin hat sich hinter einem Baum versteckt, aber sein lautes Lachen verrät ihn. „Du bist echt so ekelhaft, Vetter! Mitten in die vollgepisste Brühe.“

Die Blicke der Mütter werden noch finsterer.

„Du-hu ...“ Langsam kommt er wieder hinter dem Baum vor, aber er kann vor lauter Lachen nicht sprechen und ich sehe nur viele große Zähne. „Du fandst - dit andere - doch immer - zu kalt.“

Ich pack ihn am Arm, aber meine Hände sind nass und glitschig und er entkommt, sprintet davon, flüchtet sich vor mir auf den Sprungturm. Ich hass diesen Scheiß-Machoturm. Er läuft auch nur hinauf zum Einer, das gerade frei ist, federt einmal auf dem Brett. Alle Muskeln in seinem Oberkörper spannen sich an, einen Moment schwebt er waagrecht in der Luft, dann taucht er mit einem gekonnten Kopfsprung ins Wasser und ist weg.

Prustend erscheint er nach ein paar Sekunden wieder vor mir am Beckenrand. Tropfen perlen über sein Gesicht, nur seine Haare scheinen wasserabweisend zu sein und stehen weiterhin unbeeindruckt von seinem Kopf ab, leuchten weizenblond gegen das türkise Wasser hinter ihm.

Er hält mir die Hand hin und in meiner Verzauberung fall ich auf den wirklich ältesten Freibadtrick der Welt hinein – im wahrsten Sinne des Wortes. Kalt. Dieses Mal ist das Wasser wirklich kalt. Aber immerhin spült es die Ekelsuppe von vorhin weg. Ich öffne unter Wasser die Augen, sehe rot. Also wirklich. Als Rache ziehe ich an Farins schicker roter Badehose. Mhmm, viel weiße Haut. Darunter ist er gar nicht mehr so braun. Ich muss grinsen, aber vor allem brauch ich Luft..  

Zum Glück ist Farin mit seiner Hose beschäftigt, so dass ich wenigstens eine Chance habe Luft zu holen, bevor ich schon wieder hinunter gedrückt werde. Gegen diesen Lulatsch hielft nur unfair kämpfen und so fange ich an ihn zu kitzeln, die einzig hilfreiche Taktik. Im nächsten Moment windet er sich ganz wunderbar. Sein Kichern ist allerdings so ansteckend, dass es mich mitzieht.

Ein paar Minuten später hängen wir beide keuchend am Beckenrand, er schnappt sogar noch ein wenig mehr nach Luft als ich. „F-Friede?“ Er hält mir seine Hand hin.

Ich schlag ein und zieh mich an ihn. Mein Oberschenkel landet zwischen seinen und seine Augen werden groß. Einen Moment später sogar noch größer.

„Hey, Bela, Farin! Was macht ihr denn hier?“ Jörg blickt auf uns beide hinunter.

Schnell löst sich Farin von mir. Das ist vielleicht schlau und auch verständlich, aber es sticht trotzdem fies.

„Na, wat wohl? Skifahren!“ Gut, dass der Große trotzdem gerade so schlagfertig ist. Ich schweb schon viel zu sehr in anderen Sphären.

„Cool euch zu sehen, aber ick hab leider gar keene Zeit. Hab `n Date“, erklärt er fast schüchtern, aber dann stiehlt sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Es ist breit, aber weniger breit als Farins, obwohl er einen ähnlich großen Mund hat.

„Schön für dich.“

Jörg wirkt fast ein wenig verliebt und ich wüßte echt gerne, wer die Glückliche ist. „Wir sehen uns am Samstag vor dem ICC, nee?“

„Was?“

„Och, nee. Felse, haste dit jetz echt schon wieder vergessen?“

„Nee, nee. Natürlich nich. Bis Samstag. Und allet Jute für dein Date, ne!“

Er hat wieder dieses fast schon druffe Lächeln auf den Lippen. Ach ja, die Liebe.

Als Jörg auf Freiersfüßen davon getänzelt ist, zieh ich mich aus dem Wasser. „Brrr. Kalt.“

Farin steht tropfnass neben mir. „Komm.“ Für einen Moment sieht es so aus, als wollte er nach meiner Hand greifen, dann lässt er sie wieder sinken, fast bedauernd, aber schon ist der Moment wieder vorbei. Ein Glitzern füllt seine Augen. „Wer zuerst wieder am Platz ist.“

„Unfaiiir! Mit deene lange Beene ...“

Vollkommen außer Atem komme ich viel später als er wieder bei unserem Platz an. „Brrrr. Erstmal wieder trocken werden.“ Ich zieh mein Handtuch aus dem tiefen Schatten in die knallige Sonne und lass mich neben Farin fallen. Oh, das tut gut. Nicht nur die Sonne.

Farin streckt sich, ich würde sogar das Wort räkeln benutzen, neben mir. Dann schnappt sich der Langweiler wieder seinen Wälzer. Ich mir seinen Walkman.

Ich bin so allein
Ich will bei dir sein
Ich seh‘ deine Hand
Hab‘ sie gleich erkannt
Mein Kopf tut weh, mach die Augen zu
Ich lieg‘ im grünen Gras und erzähl‘ mir was

„Dit hörst du?“

Farin wirkt fast ein wenig ertappt, dann defensiv. Immerhin legt er endlich das Buch weg. „Wieso denn nich? Du magst die doch och.“

„Stimmt.“ Ich trommel im Takt zum Lied in die Luft. Farin schmunzelt. Ich montier einen Hörer ab und halt ihm den hin, dreh mich zu ihm hinüber und sing theatralisch in ein imaginäres Mikro. Die Mädchen neben uns sehen zu mir hinüber und kichern hinter vorgehaltenen Händen.

Ich hab‘ heute nichts versäumt
Denn ich hab‘ nur von dir geträumt
Wir haben uns lang nicht mehr gesehen
Ich werd‘ mal zu dir rüber gehen

Bei der letzten Zeile rutsch ich neben Farin auf sein Handtuch und beug mich ein Stück über ihn, seh ihm direkt in die Augen.

Alles, was ich an dir mag
Ich mein das so, wie ich es sag

Ich halt während ich sing die ganze Zeit Blickkontakt und auch er sieht nich weg.

Ich bin total verwirrt
Ich werd‘ verrückt, wenn’s heut passiert

Als das Lied vorüber ist, lass ich mich erschöpft neben ihn fallen. Wow. Nena hat echt Energie. Ich bin sogar ein kleines bisschen außer Atem.

Ganz vorsichtig taste ich nach Farins Hand. Seine Finger zucken in meinen, dann streicht er vorsichtig über meine Handinnenfläche, malt kleine Muster hinein. Es kitzelt und blitzt durch mich, dann fasst er meine Hand, verschränkt seine langen Finger mit meinen.

Wir liegen beide auf dem Rücken und blicken in den blauen Himmel, an dem weiße Wolkenschiffe schweben. Auf einem Ohr läuft die übliche Freibad-Soundcollage, auf dem anderen singt Nena von vielen, vielen Luftballons.

„Schau mal!“ Ich deute auf eine Wolke am Horizont. „Spinn ick oder sieht die aus wie `n ....?“

„... Fragezeichen? Äh, ja.“ Farin blickt nun auch intensiver in das Blau über uns. „Und da ... Schau mal. Eine Wal-Wolke.“

„Welche?“

„Na, die dicke, bauchige mit der Flosse hinten dran.“

„Haha."„ ... Oh, echt. Krass!“

Wir starren weiter in den blauen Sommerhimmel. Überall tauchen nun Formen und Figuren auf. Es ist fast wie auf Trip.

Auf einmal fängt Farin an zu lachen. „Also, die is och recht eindeutig, wa?“

„Welche?“

„Na, die da.“

„Ick seh die nich.“ Farins Haare stehen immer noch trotz des Wassers und kitzeln mich an der Wange.

„Seltsam, dass dir sowas entgeht.“

Er dreht den Kopf und rückt ein Stück näher an mich heran. Mhmm. Sehr angenehm. Er ist auch eine Wolke neben mir: aus Chlor und Sonnencreme und Schweiß und viel nackter, brauner Haut. Er zeigt an den Horizont. Ich muss mich erstmal wieder konzentrieren auf unser Spiel.

„Oh. Ick hab die ganze Zeit nach `nem Tier jesucht. Ick wusst ja nich, dass du Wolkenpornos herbei fantasierst.“

„Ach, komm. Nur weil ick eenmal ...“

Eigentlich hätt ich gerne weiter meine Rolle gespielt, aber jetzt muss ich doch lachen. „Okay. Mit sehr viel Vorstellungskraft. ... Da. Schau mal. Ick hab im Gegensatz zu dir, du Sexmonster, wat viel romantischeres gefunden.“

„So, so.“

„Ja, kiek ma.“

„Hmmm. Schön.“

Ich verlier mich im Himmel und wieder in Jan neben mir. „Danke, dass de mich hierher geschleppt hast.“

„Mhmm.“ Er klingt, als wär er kurz vor`m Einschlafen.

Ein paar Minuten später dreht er sich zu mir hinüber. Ich bin mir unsicher, ob er wirklich weggepennt ist. Aber würd er das machen, wenn er wach wär? Sein Gesicht liegt nun ganz nah an meinem. Wenn ich meinen Kopf drehen würde, könnt ich ihn küssen. Und das mach ich, aber nur ganz leicht auf die Stirn. Er murmelt etwas Unverständliches. Anscheinend schläft er wirklich.

Er dreht sich noch ein Stück, schiebt sich näher an mich heran. Sein Knie liegt jetzt auf meinem Oberschenkel. Warm. Heiß. Sehr heiß. Ich bin froh, dass ich eine etwas weiter geschnittene Badeshort trag.

Wenn er das doch auch einfach so öfter machen würde. Ich bleib wie in Trance ganz still liegen. Seine Nähe rauscht durch mich – fast wie eines meiner geliebten Mittelchen, die die Nächte noch zauberhafter machen.

Eigentlich sollt ich aus der Sonne. Die verbruzelt nicht nur meine Haut, sondern auch meinen Kopf unter den schwarzen Haaren. Aber ich kann das magnetische Umfeld um Farin nicht verlassen.

Ich versinke in seinem Anblick, will über seine braune Haut fahren, über die blonden Härchen an seinem Arm, die Muskeln, die sich darunter abzeichnen. Ich merk, dass mich seine Nähe, sein Geruch nun echt geil macht, drehe mich zur Seite, zu ihm, um meinen Ständer vor dem interessierten Freibad-Publikum zu verbergen. Außerdem rieche ich ihn so besser. Sein Schweiß. Lecker. Er riecht einfach so verdammt gut ....

Ein paar Minuten später zerreißt lautes Geschrei die sommerliche Atmosphäre. Ein Typ brüllt seine Freundin lauthals an. Was für ein Arschloch! Die Adern an seinem Hals stehen hervor. Ich check die Lage, ob die Dame vielleicht Hilfe braucht gegen diesen ekelhaften Macker, aber die scheint schon eine Strategie zu haben.

„Fick dich doch einfach selbst, Dieter.“ Sie sagt es recht ruhig, aber untermalt es mit dem Mittelfinger. „Ich hab echt keinen Bock mehr auf deine scheiß cholerischen Anfälle. Das war`s.“ Sie packt ihre Sachen zusammen und geht.

Die Mädels neben uns sehen sehr beeindruckt aus und wirken fast so, als wollten sie applaudieren.

Farin zuckt an meiner Seite zusammen. „Mrrmmm...“ Er schlägt die Augen auf, aber scheint einen Moment zu brauchen, um sich zu orientieren. „Oh. ....“ Er hat wohl bemerkt, wie zusammengekuschelt wir liegen - und schon rollt er von mir weg, murmelt „Tschuldige.“

„Oooch, Jan. Dit einzije wofür du dich entschuldigen kannst, is, dass de dit nich öfter machst.“

Er stutzt. „Was ... Wie meinst`n das?“ Er klingt immer noch ziemlich verpennt.

„Ick mag dit. Na, dass de mal `n bisschen anhänglicher bist.“

Ein Grinsen schleicht auf sein Gesicht. „Dit sieht man.“

„Na, du musst reden.“ Ich deute auf seine Badehose. Er sieht an sich runter, seine Wangen werden fast so rot wie seine Speedo. Anscheinend hatte er seinen eigenen Ständer noch nich bemerkt gehabt.

„Oooh.“ Er dreht sich schnell auf den Bauch. „Mann, hey! Dit is die Sonne."

„Ach? Ick wußt gar nich, dass ick Sonne heiße."

„Blödmann." Er stützt sein Gesicht in die Hände. "Hrmm. Manchma nervt dit och echt."

„Find ick ja nich. Und – damit musste dich echt nich verstecken.“

„Klar, weil ick unbedingt als Exhibitionist von den Bullen aus dem Freibad geführt werden will.“

„Ick find dit sieht ziemlich .... lecker aus.“

„Scheinst ja genau genuch hingesehen zu haben, um dit zu wissen:“

„Öhm ... Ehrlich gesagt, ja. Und ick hab och `ne Idee wie wir unser beider Problem beheben könnten.“ Ich lass meine Finger auf seinem Oberschenkel langsam nach oben wandern.

„Und ... wat schwebt dir da so vor?“

Er klingt nich abgeneigt. Heureka.

Ich steh auf und halt ihm meine Hand hin.

„Vielleicht sollten wa uns dezent Handtücher über hängen, damit nicht gleich die janze Damenwelt in Ohnmacht fällt, wenn se uns sieht“, schlägt Jan vor.

Ich führ ihn zu den Umkleiden im abgelegensten Eck des Prinzenbads und dräng mich hinter ihm in eine Kabine.

„Willste echt hier ....? Also, was willste denn ...?“

Ich lasse ihn nicht ausreden, dräng mich an ihn und küss ihn auf seinen Hals, wander über sein Schlüsselbein zu seiner Brust. Heiß und verschwitzt.

Sein leises zustimmendes Stöhnen feuert mich an. Ich leck über eine Brustwarze und beiß vorsichtig hinein. „Mhmmm.“ Sein Schweiß riecht nicht nur gut, sondern schmeckt auch so - einfach verboten lecker.

Ich will ihn und zwar jetzt. Kein Umeinander herum Getänzel mehr. Ich streich mit meinen Fingern über seinen Bauch, über die Muskeln, die sich unter der braunen Haut abzeichnen. Warm von den Stunden in der Sonne. Meine Finger gleiten über seine Haut. So glatt, trotz des Schweißes.

„Du siehst heut echt zum Anbeißen un Ablecken aus.“

„Ähm, ... danke?"

Ein Streifen blonder Härchen weisen mir den direkten Weg von seinem Bauchnabel in diese verführerisch rote Badehose und das was sich darin noch verführerischer gerade sehr hart und willig abzeichnet.

Ich beug mich hinunter und leck tiefer. Seine Bauchmuskeln zittern unkontrolliert unter meiner Zunge. Sein Atem fegt schnell auf mich hinunter. Jeden Moment wird er „Stopp“ sagen. Ich folge dem Zucken tiefer, muss mich zusammenreißen nicht einfach meiner Begierde zu folgen. Ich seh zu ihm auf. „Kann ick dir einen blasen?“

„Woaha.“ Seine Augen sind riesig, als er auf mich hinunter sieht. Ob vor Schock oder Lust kann ich leider nicht entziffern.

„Ick würd echt gern.“ Wie kann ich ihn überreden? Ich kann meine Finger nicht von ihm lassen. Seine Haut ist glatt und jede kleine Berührung elektrisiert mich bis in die Fußspitzen. Mein persönliches, kleines Himmelreich ist so nah, fühlt sich zum ersten Mal erreichbar an. Ich muss schlucken, denn allein schon die Idee, was möglich wäre ...

„Ick find dit och nich direkt `ne schlechte Idee oder so ...“

„Aber ...?“

„Dit ... hat noch nie jemand bei mir ... Also, ...“

Jetzt bin vermutlich ich der mit großen Augen. Aber die Erkenntnis macht natürlich nichts besser und jetzt will ich es noch mehr.  

„Wir müssen nich ...“, stoß ich viel zu erregt hervor.

„Kannste mich einfach so ...“ Er greift nach meiner Hand und schiebt sie tiefer.

Ich gleite in seine Badehose. Ja.

Seine Reaktion ist unmittelbar. Ein tiefes, tiefes Stöhnen. Seine Hände tasten planlos nach etwas, an dem sie sich festhalten können, finden schließlich meine Haare. Gute Idee. Sehr gute Idee.

Er stöhnt verboten laut, scheint sich nicht mehr daran zu erinnern, wo wir sind. Ich halte ihm den Mund zu. Interessant, dass das ihn noch wilder macht. Er drängt sich mir entgegen, in meine Hand. Endlich scheint er die Kontrolle abzugeben, ist vollkommen verloren im Augenblick. Sein Stöhnen vibriert unter meinen Fingern durch mich.

Sein harter Schwanz fühlt sich so gut an in meiner Hand, als würde ein lang ersehntes Begehren in mir endlich Erfüllung finden. Ich bin auch geil, aber es ist einfach so verlockend zu zusehen, wie er sich mir hingibt.

Sein Stöhnen wird intensiver. Ich liebe seine Stimme, würd sie überall erkennen. Nur leider ist hier ein schlechter Ort dafür. Ich ersticke sein Stöhnen mit meinem Mund. Seine Hand in meinem Nacken. Er zieht mich näher an sich. Sein Mund ist wild und ungestüm. Er scheint zu mögen, was ich mache. Vielleicht hat er genauso lang darauf gewartet wie ich?

„Is okay?“

„Oh, f... Mehr als okay. Soll ick ... Kann ick dich auch anfassen?“

„Später.“ Ich will ihn mitbekommen. Jan auf Kontrollverlust scheint wirklich mein neues Gift zu sein.

Sein Stöhnen wird noch tiefer und schneller. Ich halte ihm wieder den Mund zu. Die Atemstöße gegen die Innenfläche meiner Hand werden stockender, dann hält er den Atem komplett an. Ich spüre, wie er kommt. Es rauscht so intensiv auch durch meine Synapsen, dass es mich fast mit hinüber zieht.

Sein Kopf fällt zurück gegen die Wand der Kabine und er atmet heftig ein und aus. Langsam öffnet er die Augen. „Oh, fuck. ... Bela!“

Sein Mund ist auf meinem, seine Hand in meiner Short. Er findet nicht sofort den richtigen Rhythmus und ich leg meine Hand auf seine, zeig ihm, was ich mag. Ich würd es so gern hinauszögern, aber seine Finger ...

So lange hab ich darauf gewartet. Woher soll ich denn wissen, dass er für sowas ins Freibad muss?

*


Der Bademeister wirft uns einen misstrauischen Blick zu, als wir mit roten Wangen an ihm vorbei schleichen.  

Farin sieht sehnsüchtig hinüber zum Kiosk. „Ick will wat Süßes.“

„Hatteste doch schon.“

„Sehr kokett, mein Lieber.“ Er lächelt mich an und es ist so entspannt und warm, anders als sonst.

Wir stellen uns in die Schlange zwischen die ganzen tropfnassen Gören und dickbäuchigen Rentner mit Sonnenbrand.

„Und – wat darf`s sein?“, fragt die Frau hinter dem Kiosktresen mit dem typischen Berliner Charme.

„Zwei Zitroneneis.“

Ich schieb mir natürlich das Eis ganz in den Mund, zieh es dann ganz langsam und genüsslich wieder heraus, schieb es wieder hinein, sehe Farin dabei die ganze Zeit in die Augen und er kann nicht wegsehen. Gut so. Er soll ja schließlich wissen, was er verpasst hat.

„Ts, ts, ts.“

„Wat denn? Wie soll ick denn üben, wenn du mich nich ranlässt.“

„Mann, Bela!“

Ich schieb mir das Zitroneneis nochmal bis kurz vor Würgreiz in den Rachen. Ein Wunder, dass ich mich nicht daran verschluck, aber Jans Blick ist es so was von wert.


Als wir am Abend unsere Räder aufschließen, zieh ich mein Fazit des Tages. „Also, ick mag Freibad, aber nächstes Mal machen wir dit an `nem See.“

„Mit dit meinste ... alles? Okay.“ Er grinst mich an und küsst mich ganz schnell einmal auf den Mund.




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LYRICS

die ärzte - und es regnet

The Cramps - Queen of Pain

Frank Sinatra - Moon river

Nena - Nur geträumt

die ärzte - Zitroneneis



ADDITIONAL SONGS

die ärzte - Kamelralley
Lyrics

die ärzte - Zitroneneis - dada, 2022 Berlin-Clubtour

die ärzte covern Nena - Nur geträumt


ADDITIONAL VIDEOS

Farin kuschelt mit Bela bei MTV Masters

Nena – Nur geträumt
Absolut kein Fan der aktuellen Nena, aber damit vielleicht verständlich wird, warum das mit „Ich will Nena heiraten“ wahrscheinlich nicht nur als Witz gemeint war. ;-)


BERLIN SPECIAL

In Berlin und Brandenburg - Viktoriapark

Tip Berlin - Viktoriapark

Viktoriapark Wasserfall Video 1
Viktoriapark Wasserfall Video 2


Comic: Gleisdreieck – Berlin 1981 von Jörg Ulbert und Jörg Mailliet. Berlin Story Verlag,

Deutschlandfunkkultur - Interview

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