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* Teenagers in Love *

von windmills
Kurzbeschreibung
SongficSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Div
Dirk "Bela B." Felsenheimer Jan "Farin Urlaub" Vetter
03.02.2022
12.08.2022
29
182.162
20
Alle Kapitel
103 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
03.02.2022 4.028
 
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Willkommen zu einer Bela/Farin-Geschichte, die sich von 1981 bis zur Bandauflösung 1989 spannen wird.

In Miniaturen werden Szenen ausgeleuchtet, die garantiert so nie stattgefunden haben ;-), aber wichtige Momente für die fiktiven Figuren Jan und Bela sind.

Kann als Vorgeschichte zu „Keine Angst“ gelesen werden, da es Kontinuitäten in die 2020er gibt.

The-Windmils-of-your-mind.






* Teenagers in Love *






1980 - Bushaltestelle





„Ey, Hussi ist echt manchmal so `n autoritärer Arsch. Ick lass mir doch nich befehlen, wat ick zu spielen hab. Geilet Punkverständnis. Da kann ick och gleich Zuhause bleiben. Da geht`s ähnlich ätzend zu. Wat sollte`n dit?“

Während ich wie schon öfter vor mich hingrummel, ist Jan ungewohnt schweigsam. Normalerweise quatschen wir beide nach `ner Bandprobe ohne Punkt und Komma aufeinander ein, während wir zu seinem Bus laufen. Jetzt geht er nur schnellen Schrittes neben mir durch die scheißkalte Dezembernacht.

„Hey! Allet okay mit dir?“

Er sieht zu mir hinüber oder vielmehr hinunter und nickt schnell. „Will nur den Bus erwischen.“

„Ja. Ja, klar.“ Ich lege einen Zahn zu, um mit ihm mitzuhalten. Jan lächelt ein wenig verkniffen. Der Drei-Meter-Kerl neben mir ist heute echt viel zu ruhig und nachdenklich.

Ich lasse die Probe in meinem Kopf Revue passieren. War da irgendwas Außergewöhnliches? Eigentlich nich. Halt das übliche Chaos und Gezanke wegen Texten. Hussi wollte unbedingt ein Lied über die „Drecksbullen“ machen, damit kämen wir in Kreuzberg besser an, als mit Songs über „Zitroneneis“, was Jan vorgeschlagen hatte. Ist er vielleicht deswegen beleidigt? Jan hält sich normalerweise aus den Streits raus, sagt erst seine Meinung, wenn wir alleine sind und zusammen Richtung Bushaltestelle schlendern. Aber gerade kommt gar nichts.

Kann natürlich auch einfach der Stress sein wegen nächstem Wochenende. Sein erstes Konzert und direkt in `nem besetzten Haus. Die sollen nicht so auf die Spandauer Vorstadtpunks stehen dort in Kreuzberg. „War heut `n bisschen lang, wa? Und wir sin wohl alle `n bisschen nervös wegen dem Konzert.“

„Hmmm.“ Langsam macht mich Jans Einsilbigkeit nervös. Ist er etwa sauer auf mich? Normalerweise ist unser traditioneller Spaziergang zur Bushaltestelle der beste Moment der Bandprobe. Wenn ich neben ihm laufe, wirbeln unsere Ideen immer wie so `n Kaleidoskop durcheinander. Zusammen wird`s immer noch bizarrer. Außenstehende würden wahrscheinlich gar nichts kapieren, wenn sie uns zuhören.. Als wenn wir in `nem geheimen Wettbewerb miteinander wären. Aber eigentlich ist es nich Konkurrenz, sondern das totale Hineinsteigern, wer noch `ne verrücktere Idee nachlegt.  

Die Anderen von Soilent Grün finden das meist nicht so witzig. Deswegen drehen wir in den Proben auch nicht mehr ganz so auf. Erst wenn wir unter uns sind. Außer heute.

Neben der gedrückten Laune ist es auch noch scheißkalt. Ich hasse Dezember. Der nervigste Monat überhaupt. Von der Havel jagen Böen durch die Hochhausschluchten uns direkt ins Gesicht. Ich kann meine Wangen kaum noch spüren. An den Händen tut der kalte Wind dagegen gut nach drei Stunden Drumstickgewirbel.

„Hey. Du weißt, dass ich das nich so seh wie Hussi, ne? Ick find die Idee mit dem „Zitroneneis“-Song echt dufte.“

„Ja, klar. Weeß ick.“ Immerhin lebt er noch. Bei der Kälte kann man echt zum gefriergetrockneten Zombie werden.

„Was`n los mit dir?“

„Mit mir? Nüscht. Allet jut.“

„Ja, bist echt uffällig überschwänglich heut, du olle Quasselstrippe.“

Jan bleibt so plötzlich stehen, dass ich zusammenzucke. „War heut eenfach `n bisschen streßig, dit janze Rumgeschrei.“

Ich nicke. „Hussi is echt manchmal so `n arschbeschissener Hitzkopf.“ Irgendwie ist es mir peinlich, wenn die Proben so laufen. So `n bisschen fühl ich mich für Jan zuständig, weil er noch nich so lange in der Band ist und weil ich es war, der ihn mehr oder weniger als neuen Gitarristen aufgerissen hat.

Wir kennen uns erst seit rund 'nem guten Vierteljahr, genauer seit dem Ende der Sommerferien, als er sich in unsere Band und so `n bisschen auch in mein Herz gegrinst hat. Fuuuuiiiiiiii! Unsere Freundschaft ist gestartet wie so `ne wildgewordene Silvesterrakete. Steil nach oben, dazu mit viel Gefunkel. Trotzdem – so richtig gut, kenn ich Jan dann doch noch nicht. Meistens reden wir über Musik und andern Kram.

Jan sieht auf mich herunter. Ein trauriges Heben eines Mundwinkels, das vielleicht ein Lächeln werden sollte. „Kannst du ja nüscht für. Normalerweise kann ich dit och ab, aber heut war schon Zuhause so viel Gebrüll, da hätt ick echt keen Encore gebraucht.“

„Oh, scheiße. Sorry.“

Über seine Familie weiß ich nur, dass er `ne Halbschwester hat. Und das früher seine Mutter auch alleinerziehend war, bis sie meinte unbedingt `nen neuen Macker zu brauchen. Sein Stiefvater ist wohl auch nicht so cool. Und ich weiß, dass er immer ewig nachts mit dem Bus nach Frohnau zurück gurken muss.

Deswegen bring ich ihn auch immer zur Bushaltestelle. Vielleicht auch ´n bisschen weil – also irgendwas hat einfach geklickt zwischen uns, zwischen dem großen Punker mit dem breiten Grinsen und mir. Gleich beim ersten Treffen im Ballhaus.

Irgendwie konnte ich den ganzen Abend nicht meine Augen von dem Neuen lassen. Lag bestimmt an seiner Größe. Is ja schwer zu übersehen, der Gute, noch dazu mit dem fetten Grinsen.

Irgendwann hab ich mich dann so lässig an ihn rangeschlichen. Keine Ahnung, ob`s so unauffällig war, wie ich`s gern gehabt hätte, aber nach ein paar Minuten war das ganze coolness-Getue auch egal, weil – er war einfach nett, ungewöhnlich nett für `n Punker. Und witzig. Und krass braungebrannt mit sonnenausgebleichten Haaren. Grad zurück aus Sizilien, meinte er. Sizilien war für mich fast so weit weg wie der Mond.

„Hab die Sommerferien dort mit meinem Freund verbracht.“ – „Wie alt bist`n du?“ – „16. Im Oktober 17. Und du?“ – „Im Dezember werd ick 18.“ – „Und was machste so?“ – „Ick bin Schlagzeuger in `ner Band und wir suchen noch `nen Gitarristen.“ – „Hey, ick spiel Gitarre. Und `nen Verstärker hab ick och.“

„Scheiße.“ Jan zeigt auf die große Uhr am Rathaus. In einer Minute fährt der Bus ab. Oder waren das gerade die Rücklichter von ...?

Jan rennt los, ich hinterher. Sieht bestimmt schräg aus: ein großer blonder und `n kleener schwarzhaariger Punker rasen durch das nächtlich ruhige Spandau.

Eine der Laternen vor dem Rathaus ist kaputt, `ne andere flackert nur gruselig in die Winternacht. Vor uns leuchtet die Bushaltestelle wie eine Herberge.

Als ich ihn endlich eingeholt hab, muss ich erstmal wieder Luft in die Lungen kriegen. Vielleicht sollt ich das mit dem Rauchen doch lassen. „Hey, Jan. Ick gloob, der is da grad vorne um`s Eck gebogen.“

„Aber is doch noch `ne Minute.“ Jan deutet leicht verzweifelt nochmal in Richtung Turmuhr. „Lass uns noch warten, ja? Der kommt bestimmt gleich.“

„Wenn de meinst. Aber es is echt scheißkalt. Ick frier mir total den Arsch ab.“

„In den Klamotten keen Wunder.“ Jan deutet auf mein sorgsam ausgewähltes Outfit. Weißes T-Shirt, schwarze Jeans, Kutte plus `n Schal. So richtig warm, ist es nich, aber dafür `n cooler Look.

„Ja, Herr Wollpulli und Armeemantel.“

„Musst ja nich mit mir hier warten.“

„Ick geh doch jetz nich und dann erfrierste hier wie dieses Mädchen aus dem een Märchen. Die mit den Streichhölzern.“

„Willste mit unter den Mantel?“

„Da passen wir doch nich beede rin.“

„Ma kieken.“ Auf einmal steht Jan hinter ihm. Starrer, dicker Filz hüllt mich ein. Der Stoff riecht nach Mottenkugeln und nach, von drei Stunden Gitarre spielen, verschwitztem Jan. Und trotzdem duftet er so nach sauber. Also nicht übertrieben, aber jedenfalls angenehmer als die anderen Jungs. Nich das die jetzt direkt schmutzig wären oder so, aber Zigarettenmief und `ne Bierfahne sind halt auch nich so schick. Deswegen verkneif ich es mir auch mir auf unseren nächtlichen Streifzügen in Jans Gegenwart `ne Kippe anzustecken. Andererseits macht mich der Nikotinentzug immer ganz hibbelig.  

Ich versuche einen kläglichen Ausbruchsversuch aus der Mantelfalle, aber er schlingt einfach seine Arme um uns beide und verkündet: „Wenn es kalt is, is es kalt. Fertig.“ Jan ist echt der Oberpragmatiker.

So richtig will ich aber auch gar nicht mehr weg. Ein bisschen macht mich Jans Riesengestalt hinter mir nervös, aber es tut so gut. Er und sein Mantel sind wie eine Trutzburg in der Kälte. Seine Körperwärme will durch die Maschen seines dicken Wollpullis zu mir. Echt angenehm, nach der Zitterei auf dem Weg hierher.

Ich zupfe am Filz des Mantels. „Dit is aber och `n dickes Ding.“

„Hab ick mir aus`m Trödel geholt. Gemütlich, nee?“

„Mhmm. Ja.“

Ein paar Minuten stehen wir einfach so an der Haltestelle und schweigen, nur mein Kopf läuft die ganze Zeit weiter auf Hochtouren. Eine Erinnerung klopft an. „Ey, ick hatte heute nacht voll die dufte Idee: wir zwei, also, wir könnten `ne Karriere als Popstars starten. Also, nich, dass ich Punk nich mehr mag oder so, aber – es wär doch echt witzig, wenn wir zwee Karpeiken so ein auf Popstar machen und damit berühmt werden. So berühmt wie Nena. Wir bau`n uns so `ne richtige Marke auf. Dit wird dufte. Da brauchen wir Soilent Grün och nich mehr als Kapelle. Wir ziehen einfach unser eigenet Ding durch.“

Nur Jans warmer Atem in meinem Nacken zeigt, dass er noch lebt. Mann, was ist der denn heute so verdammt schweigsam? Er muss doch verstehen wie grandios das ist. „Was hältst `n davon?“

Um ihm das besser verklickern zu können, dreh ich mich mühsam in der Enge des Mantels um und – okay, dass ist jetzt schon so`n bisschen seltsam.

Jan ragt wie ein lebendiges Felsmassiv vor mir auf. Ich stehe ungefähr fünfhundert Zentimeter zu weit in seiner Intimsphäre – und er in meiner. Er ist mir so nah, dass ich sein Gesicht gar nicht mehr richtig scharf stellen kann, seine Augen sind einfach nur `n Glitzern über mir. Dennoch erkenne ich nur zu genau, dass er mich direkt ansieht.

Er blickt weiterhin ruhig auf mich hinunter. „Ick gloob du hast recht!“ Eine weiße Atemwolke aus seinem Mund streift meine Wange.

„Was?“

„Der Bus is wech.“

„Oh. ... Aber wie kommst`n du dann heut noch nach Haus?“

Er zuckt mit den Schultern und der ganze Mantel bewegt sich um mich mit.

„Ey, also hier bleiben kannste nich. ... Willste mit zu mir kommen?“ Wahrscheinlich seh ich ihn nicht so wirklich einladend an. Er zögert. Ich auch. Heute ist er mir wirklich ein bisschen fremd mit seiner schlechten Laune. Jan hat nie schlechte Laune, aber – wahrscheinlich Murphy`s Law, dass er ausgerechnet heute seinen Bus verpasst.

„Mhmm.“ Er beißt sich auf die Lippen, schließlich nickt er langsam. „Wenn dit für dich okay is?“

„... Klar!“  Aber irgendwie, weiß ich nicht so richtig, ob das wirklich klar geht. Immerhin wohne ich noch bei meinen Alten. Meine Mutter ist okay, aber mein Stiefvater ist `n Penner. Ich weiß nie, warum und wann genau er ausflippt. Mädchenbesuch ist zum Beispiel für ihn `n Problem. Aber wenn Buttgereit bei mir übernachtet, ist das okay. Also, sollte das mit Jan auch gehen, oder?

Dieses unerwartete Problem sorgt dafür, dass mir auf dem Weg in die Seegefelder Straße nich mehr kalt ist. So `n nerviges Gefühl von Unruhe pumpt mein Blut recht zügig durch meinen Körper.

Vor der Wohnungstür kippt es dann ins Gegenteil. Meine Finger sind total kalt vor Angespanntheit und ich bekomm den Schlüssel fast nicht ins Schloß. „Ick hoff meine Mutter und vor allem mein Stiefvater schlafen schon“, flüstere ich Jan zu. „Besser wir sind leise.“

Jan setzt sich auf die Treppe, die in den nächsten Stock führt und schält sich aus seinen riesigen Botten von Schuhen, nimmt sie dann in die Hand.

Leise drehe ich den Schlüssel und klinke die Tür auf, lausche. Stimmengewirr. Irgend`ne Talkshow. Im Wohnzimmer flimmert es bläulich. Ich öffne die Tür einen Spalt und spinxe hinein. Die beiden pennen vor der Glotze. Passt. Auf langatmige Erklärungen, wer Jan ist und warum der jetzt bei mir pennen muss, hab ich echt keinen Bock.

Vor meinem Kinderzimmer halte ich wieder inne. Zögernd öffne ich die Tür, schalte nur die kleine Lampe über meinem Bett an, nicht das große Licht. Muss ja nicht gleich mein ganzes, kleines Reich in Flutlicht tauchen.

„Also, dit is mein Zimmer ...“ Es ist als hätte ich selber noch nie gesehen. Kritisch betrachte ich das von mir gepflegte Chaos aus Klamotten und Geschirr auf dem Boden. Diana hat wohl doch `n bisschen recht, dass ich mal öfter aufräumen könnte. Etwas Heißes wie Lampenfieber strömt durch meinen Magen in meine Wangen. Jan war noch nie bei mir.

Der tritt vorsichtig ein, stellt seine Schuhe neben die Tür und legt den großen Mantel über sie. Dann kniet er sich mit einem interessierten Gesicht vor meine Plattensammlung und stöbert sie durch. „Cool. Dann bekomm ick mal ein paar von deinen Preziosen zu sehen.“ Ich setze mich zu ihm auf den Boden. „Wow. Kiek ma an. Magst du die auch? Anhören is wohl `n bisschen schlecht jetze, wa?“

„Ick hab Kopfhörer, wenn de willst."

Andächtig zieht er die Single aus der weißen Papierhülle, wirkt endlich wieder wie der Jan, den ich kenn. Mit einem konzentrierten Stirnrunzeln legt er den Arm auf die Rillen, setzt sich die Kopfhörer auf. Sein Ausdruck der heute Abend die ganze Zeit so verschlossen war, wird weicher, ein echtes Lächeln – vermutlich die ersten Töne. Einladend hält er einen Kopfhörer ein wenig von seinem Ohr weg. „Willste mithören?“

Ich setze mich näher zu ihm. Der harmonische Gesang tut wirklich gut nach unsererm Soilent Grün Geschrammel. Außerdem mag ich Abwechslung. Jan wühlt sich weiter durch meine Sammlung.

Als die Single durch ist, sieht er mich an, zieht anerkennend die Augenbraue hoch. „Exzellente Mischung. Gilbert Becaud find ick och jut. Und natürlich The Sweet. Beatles haste keene?“

„Neee. Mag ich nich.“

„Schade.“ Sein Gesicht verdüstert sich ein bisschen, als hätte ich ihm das Herz gebrochen. Am liebsten würd ich es Zurücknehmen, aber das wäre dann einfach gelogen und ich will Jan nicht anlügen. „Mein Musiklehrer schwärmt immer so von denen und dann hab ick immer Herrn Wagner vor Augen, wenn ick wat von denen hör. Funkt nich so zwischen mir und den Vieren. Magst du die denn?“

Als hätte jemand die Sonne angeknipst. Ein Strahlen geht über Jans ganzes Gesicht. „Meine Mutter hatte ein paar Platten von denen und dann hab ick die immer gehört, wenn ick alleen war und die waren so `n bisschen Trost.“

„Ha. ... Wie alt warste da?“

„Puh. Vielleicht vier-fünf oder so.“ Er sieht nachdenklich auf den sich immer noch drehenden Plattenteller.

„Fünf? Wieso warst `n du mit fünf alleen?“ Es ist seltsam sich den großen Jan als kleinen Jungen vorzustellen.

„War ich ja nich. Wir ham in Moabit in so `ner Hippie-WG gewohnt. Irgendwer war schon immer da. Also meistens.“

Jan steht abrupt auf und geht unruhig ein paar Schritte durch mein kleines Kinderzimmer, mustert unverholen den Rest, die Poster an meinen Wänden und ich mit ihm. Mir ist so ein wenig atemlos, was total albern ist. Ist mir seine Meinung so krass wichtig?

Jan tritt näher an mein Bett und betrachtet das Vixen!-Poster darüber. Oh. Die Dame darauf ist extrem freizügig gekleidet. Find ich ja gut, weil das ihren echt großen Titten genügend Raum gibt und mir Einblick. Ick mag Erica Gavin echt gern. „Haste den Film gesehen?“, frage ich vorsichtig.

„Vixen? Äh, nee.“

Eigentlch bin ich echt stolz auf das Poster, aber gerade über sowas hab ich mich mit Jan einfach noch nicht unterhalten. „Wenn du willst könn wir den mal zusammen anschauen.“

„Is so `n Softporno, oder?“

„Ja, könnte man so sagen.“

„Ähm, ja ... okay?“ Jan sieht mich einen Moment unsicher an, dann grinst er zu mir hinüber und mir fällt tatsächlich ein kleiner Stein vom Herzen. Das hätte grad echt schräg rüber kommen können.

Jan gähnt einmal herzhaft, sieht dann hinunter auf mein schmales Bett. „Ähm, haste vielleicht `ne Isomatte und `n Schlafsack, oder so?“

„Nee, sorry. Hab ick nie gebraucht. Ick war noch nie zelten.“

„Waas?“ Jan ist schlagartig wieder wach, schießt zu mir herum und sieht mich vollkommen entsetzt an.

„Hey!“ Ich heb einen Zeigefinger an den Mund. Wer ahnt denn, dass fehlende Campingausrüstung fast meine Alten weckt. „Also, `ne Wolldecke hätt ick hier.“

„Also, dit jeht gar nich.“ Jan bemüht sich leiser zu reden, aber es fällt ihm schwer. „Noch nie zelten?“ Er schüttelt vehement den Kopf. „Die Wissenslücke müssen wa schleunigst schließen.“ Seine geschockte Mimik wandelt sich. Sein Lächeln ist für mich gleichzeitig anziehend wie ein Licht in der Nacht und ein wenig befremdlich. So wie seine Launen heute insgesamt.

„Ick kenn `ne echt schöne Stelle an der Havel. Unten in Kladow. Direkt im Zonenrandgebiet.“

Jetzt strahlt er wie `n blitzblauer Sommerhimmel. Dennoch zweifel ich an seiner Idee, seh an ihm vorbei zum Fenster. Draußen beginnt es gerade zu schneien. „In `nem Iglu, oder wat?“

Jan folgt meinem Blick und tritt ans Fenster. „Oh. ... Schön.“ Sein Gesicht wird auf einmal ganz weich. Ich stell mich neben ihn ans Fenster. Unser Atem beschlägt die Scheibe. Er malt mit seinem Zeigefinger einen Stern hinein. „Also, ick mein natürlich im Sommer. Dann fahr`n wir zwei da mal hin, ja?“ Seine Stimme ist so sanft wie sein Blick hinaus auf das Schneetreiben, fühlt sich an wie die Wärme unter seinem Mantel.

Er dreht sich ein Stück zu mir, lässt den Blick aber nicht eine Sekunde von den dicken Schneeflocken, die jetzt draußen alles weiß färben. „Dann pennen wir also zusammen in deinem Bett?!“

Ist das eine Frage oder eine Feststellung?

„Wegen mir ...“, krächze ich. Na, toll. Spontaner Stimmbruch. Peinlich. „Also, ich mein, ich kann auch auf dem Sofa im Wohnzimmer pennen und du bekommst mein Bett.“

„Nee, nee. Da sind doch deine Ollen. Du bleibst mal schön hier. Dit kriegn wir schon hin. Aber – haste vielleicht `ne Zahnbürste oder so?“

„Stört`s dich wenn de meine mitbenutzt?“

Er sieht mich an, scheint ernsthaft zu überlegen. Ich komm mir vor wie ein seltsamer Kauz ihm sowas anzubieten. Langsam geht es mir auf den Keks, dass ich so viel Wert auf seine Meinung lege.

Schließlich schüttelt er den Kopf und lässt sogar noch eines seiner Jan-Lächeln folgen.

Wir gehen nacheinander ins Bad. Ich bin kurz vor Beten, dass die hypnotische Wirkung der Glotze meine Alten weiterhin im Koma hält. Sollte da nicht bald Sendeschluss sein? Wie auf Kommando ertönt das Gefiepe des Testbilds aus dem Wohnzimmer. Das weckt sie jedes Mal. Und oft auch mich und Diana.

Schlurfende Schritte. Schnell scheuche ich Jan in mein Zimmer. Aus Gewohnheit beginne ich mich auszuziehen bis mein Blick auf Jans amüsiertes Gesicht fällt. Dann bleibt heute wohl doch mal besser das T-Shirt und der Schlüpper an.

„Haste vielleicht auch was für mich? `N T-Shirt oder so? ick hab meins vorhin total durchgeschwitzt. Dit is nich mehr so lecker.“

„Klar. Aber ob dir dit passt?“ Ich halte ihm mein Lieblings-T-Shirt von Bauhaus hin.

Er dreht es andächtig in seiner Hand. „Cool.“

Ich bin mir unsicher, ob ich mich weg drehen soll, als er zuerst seinen dicken Wollpulli über den Kopf zieht, dann sein T-Shirt. Sein Oberkörper ist komplett glatt. Keine Haare. Dafür zeichnen sich seine Brustwarzen dunkel von der weißen Haut ab. Starre ich? Obwohl es ihn nicht zu stören scheint, beginne ich schlagartig total interessiert an meiner Bettdecke herumzunesteln, während Jan neben mir seine Hose aufknöpft.

Auf einmal wird mein Zimmer dominiert von sehr viel nackter Haut, dann streift sich Jan das T-Shirt über. Ein leises Lachen. Er sieht an sich hinunter. Das Shirt reicht ihm bis zum Bauchnabel und liegt recht eng an. Seine blonden Haare stehen noch ein wenig zerzauster vom Kopf ab. „`N bisschen kurz, oder?“ Ich schlucke trocken, versuche nicht tiefer zu sehen, erahne einen schwarzen Slip.  

„Och, geht schon.“ Schnell klettere ich ins Bett und unter die Decke, rutsche bis ganz an die Wand und traue mich dann nicht Jan anzusehen, aber der versteht die unausgesprochene Einladung trotzdem.

Erstaunlich geschmeidig für seine Größe schlüpft er zu mir ins Bett und unter die Wolldecke. Keine Ahnung, ob die warm genug ist in dieser kalten Dezembernacht.

Er dreht sich auf die Seite zu mir. Wir liegen uns gegenüber. „Hier.“ Er fasst unter seinen Kopf und zieht am Kopfkissen. „Du hast ja gar keins.“ Seine Worte sind so leise, nur für die paar Zentimeter zwischen uns. „Geht das so für dich?“ Seine Stimme ist wie ein Anschmiegen und mich zieht es irgendwie nach vorne zu ihm. Draußen heult der Wind um die Hausecke. „Danke, dass ick hier bei dir übernachten kann.“

„Klar.“ Meine Stimme ist total belegt. „Dafür sind Freunde doch da.“

Er nickt. Wirkt zum ersten Mal am heutigen Abend einfach nur zufrieden. Vorsichtig streckt er seine Hand nach mir aus und ich halte den Atem an. Er fährt mir behutsam durch die Haare, lässt seine langen, warmen Finger für einen Moment an meiner Wange liegen. Unter seiner großen Hand fühle ich mich elektrisiert und geborgen zugleich.

„Schlaf gut, Dirk!“

„Mhmm. Du auch.“ Mir ist so ganz merkwürdig nach Gute-Nacht-Kuss. Stattdessen strecke ich mich nach dem Lampenkabel und knipse das Licht aus.

Jan dreht sich um, von mir weg und ein graues Gefühl brandet durch mich. Ich liege ganz ruhig, lausche auf seinen Atem, der unregelmässig und schwer ist, traue mich selbst kaum Luft zu holen.

Es ist definitiv nicht das erste Mal, dass ich mit `nem Typen so zusammen liege. Vorletztes Jahr war ich viel mit der Clique von Ades unterwegs. Und da war einiges los, auch körperlich, mein erster Kuss. Ich wurde ziemlich verwöhnt von den Jungs, weil sie mich unbedingt schwul machen wollten. Ich hab`s echt genossen und es war eine gute Zeit, aber mir war schon klar, dass man das so nicht steuern kann. Aber das hier ... Es holt mich irgendwie so ganz anders ab. Da ist so `n komisches Ziehen in mir.

Jans Atem wird ruhiger. Der Wind knallt dicke Flocken an das Fenster. Das wird morgen ein Spaß in die Arbeit zu kommen. Und Jan muss ja in die Schule.

„Hey. Biste noch wach?“, wisper ich so leise, dass er es vermutlich nicht mal hören würde, wenn er denn noch wach wäre.

„Mhmmmm?" Er dreht sich langsam, ganz langsam zu mir.

„Ähm, mir is nur grad eingefallen, dass deine Eltern ja gar nich Bescheid wissen", flüster ich.

Obwohl ich ihn kaum sehen kann im nächtlichen Dämmerlicht, nehme ich doch die schlagartige Veränderung der Stimmung in ihm wahr. Als würde sich der weiche, lebendige Jan in eine Steinsäule verwandeln. Ich kann seinen Blick im Dunkel wie einen Laser auf mir fühlen.

„Sorry. Ick wollt dich nich ... Is mir nur grad so eingefallen.“

„Mist", brummt er.  „An die hat ich gar nich ... Wird schon okay sein.“ Seine leisen Worte beben vor Zweifeln. „Mach dir keene Sorgen.“ Mit einem tiefen Seufzer dreht er sich schwerfällig wieder von mir weg.

Wenn er den letzten Satz nicht gesagt hätte, nicht so gesagt hätte, dann ... Jetzt mach ich mir wirklich Gedanken. Die Stimmung ist so schnell gekippt, dass mein Hirn kaum hinterher kommt. Aus einem besorgten Impuls heraus, rutsche ich ein Stück näher an ihn heran. „Is die Wolldecke warm genug?“

„Ja. Geht schon.“ Seine Stimme ist seltsam belegt. Eine Bewegung. Jans Arm streicht suchend über meine Decke. Ich halte den Atem an. Warme Haut an meiner Hand. Er greift nach ihr und zieht meinem Arm unter seine Decke, legt ihn sich um die Seite. Meine Hand landet auf seinem Bauch, halb am Saum des T-Shirt. Weiche, glatte Haut. Er atmet einmal tief ein und aus. Seine Bauchmuskeln bewegen sich unter meinen Fingern. An meinem Unterarm kann ich seine Rippen spüren, wie sie sich bei jedem Atemzug dehnen und wieder zusammenziehen. Er ist schlank, fast sehnig. Ich trau mich nicht genauer hinzufühlen.

Er bewegt sich, rutscht ein kleines Stück hin und her, näher an mich heran. Mein Unterarm liegt jetzt auf seiner Brust. Sein Herzschlag klopft unter dem dünnen T-Shirt gegen meine Haut.

„Ist das ... Ist das okay so für dich?“, flüstert er.

„Mhmm.“ Worte sind gerade schwierig. Viel zu laut und ich zu atemlos. Unsere Körper sind nur ein paar Milimeter voneinander entfernt. Sein angenehm herber Geruch umhüllt mich. Seine Wärme zieht mich an wie ein Magnet, aber ich kann den letzten Abstand nicht überwinden.

„Jut.“ Er seufzt. Sein ganzer Körper entspannt sich unter meinem Arm.

„Für mich auch. Träum wat schönet!“



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FANART

"Wenn es kalt ist, ist es kalt. Fertig." - Bela unter Farins Mantel
von belaaraart




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